Questions relating to the subject of the Christian Faith and the Common Life (Oxford-Conference 1937)
QUESTIONS RELATING TO THE SUBJECT OF THE CHRISTIAN
FAITH AND THE COMMON LIFE
(OXFORD -CONFERENCE 1937)
Mit diesen Antworten auf ihm vorgelegte Fragen beteiligte
Zu ersten Kontaktaufnahmen mit Barth war es im Frühjahr 1935 gekommen, als
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Nach den langen Jahren der Vorbereitung trafen sich vom 12.–26. Juli 1937 schließlich 425 Teilnehmer, 40 zusätzlich eingeladene Fachleute und zahlreiche Gäste aus fast der ganzen christlichen Welt zur
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Die
Vom Text liegt ein Typoskript vor; das die Überschrift und die
Questions relating to the subject of the Christian Faith
and the Common Life
(Oxford-Conference 1937)23
1. How far are the various spheres of common life (e. g. family, national, state, economics) to be regarded as a manifestation of the will of God?24
708 Was wir als «die verschiedenen Sphären des Gemeinschaftslebens» kennen, sind die Versuche des Menschen, seinem Leben durch Ordnung seiner Beziehung zum Mitmenschen Würde, Sicherheit, Bestand und Gestalt zu geben. Sie sind also als solche nicht Manifestationen des Willens Gottes, sondern durch die Geduld Gottes zugelassene Manifestationen des Willens des von Gott geschaffenen, aber Gott widerstrebenden Menschen. – Der Wille Gottes begegnet dem in diesem Versuch begriffenen Menschen. Der Wille Gottes bezieht sich auf das Leben des Menschen und auf seinen Willen, sein Leben im Rahmen und durch das Mittel jener Ordnungsversuche zu erhalten und zu gestalten. «Die verschiedenen Sphären des Gemeinschaftslebens» bezeichnen also den Bereich, in welchem der Mensch durch den Willen Gottes vor Fragen und Aufgaben gestellt wird.
Is there a hierarchy of such spheres?25
Es gibt verschiedene Rangordnungen dieser Sphären kraft der Veränderlichkeit jenes Versuchs des menschlichen Willens und kraft der Freiheit der Offenbarung des Willens Gottes. Die Proklamation der absoluten Gültigkeit einer bestimmten derartigen Rangordnung würde die Leugnung der Offenbarung des Willens Gottes bedeuten, weil sie die göttliche Freiheit durch die menschliche Willkür verdrängen würde.
2. Has God a purpose for the ordering of the various spheres of the common life as well as for the action of Christians in these spheres?26
Der offenbarte, dem Menschen begegnende Wille Gottes ist Jesus Christus. Noch ist der Wille des Menschen, wie er sich in jenen Ordnungsversuchen manifestiert, ein in sich böser Wille. Noch ist also der in jenen Ordnungsversuchen begriffene Mensch derselbe, der Jesus Christus verworfen und ans Kreuz geschlagen hat. Noch ist ihm freilich auch Zeit und Raum gelassen, um als der Sünder, der er ist, an |709 Jesus Christus zu glauben als an den, der gut gemacht hat, was er selbst böse macht. Aber schon ist ihm, indem er an Jesus Christus glaubt, die Sünde, die er auch in und mit seinen Ordnungsversuchen begeht, vergeben. Schon ist also die Erwartung, in der er diese Versuche unternimmt, der Hochmut, mit der er an ihr Gelingen glaubt, die Not, die ihm ihr Misslingen bereitet, begrenzt. Schon ist ja Jesus Christus auferstanden und damit das Reich Gottes als die rechte Ordnung menschlichen Lebens und Zusammenlebens nahe herbeigekommen. Die in Jesus Christus offenbarte Absicht Gottes hinsichtlich der menschlichen Ordnungsversuche und hinsichtlich der Stellung, die die Christen dazu einzunehmen haben, ist, allgemein gesprochen, diese, dass sie als mit der zeitlichen Existenz des Menschen notwendig verknüpfte Betätigung noch unternommen werden müssen und als vergebene Sünde nur noch in der Hoffnung auf seine Gerechtigkeit unternommen werden können.
Is there, e. g., a Christian judgment on the structure of society?27
Es gibt ein «christliches Urteil» über die «Struktur der Gesellschaft». Es ist in Jesus Christus ein für allemal gesprochen und wird in allen möglichen Wiederholungen und Varianten nur lauten können: «Es vergehe diese Welt und es komme dein Reich!»28
3. If God has a purpose for the ordering of the common life, what are the sources and grounds of the Christians knowledge of that purpose (e.g. the Bible, the teaching of the Church, nature and history)?29
Der Erkenntnisgrund für die Absicht Gottes hinsichtlich der menschlichen Ordnungsversuche ist allein das der Kirche geschenkte, durch die Kirche zu verkündigende und in der Gemeinschaft der Kirche zu vernehmende prophetisch-apostolische Zeugnis von Jesus |710 Christus. – «Natur und Geschichte» können darum dieser Erkenntnisgrund nicht sein, weil das, was wir in ihnen sehen – obwohl die Absicht Gottes, der ihr Herr und Schöpfer ist, auch in ihnen offenbar ist! –, nicht sowohl der Wille Gottes als vielmehr das Spiegelbild unserer eignen Wünsche und also ein Produkt unseres Widerstrebens gegen den Willen Gottes ist.
In what respects does the Christian differ from the non-Christian in his understanding of that purpose?30
Das christliche Verständnis der Absicht Gottes hinsichtlich der menschlichen Ordnungsversuche unterscheidet sich dadurch vom nicht-christlichen, dass es sich – indem es als Verständnis der Natur und Geschichte keine anderen Möglichkeiten hat als die allen Menschen gegebenen! – allein durch den Heiligen Geist der Propheten und Apostel bedingt weiß und in ihm allein seine letzte Begründung und entscheidende Bestimmung sucht.
Has the Church as a corporate society a specific capacity for understanding and interpreting God’s purpose in these spheres of life?31
Die organisierte und sichtbare Kirche hat eine besondere Möglichkeit, Gottes Absicht hinsichtlich der menschlichen Ordnungsversuche zu verstehen, sofern sie zwar über den Heiligen Geist so wenig Macht hat wie irgend eine andere menschliche Gemeinschaft, wohl aber um ihn weiß als um den Heiligen Geist der Propheten und Apostel und also weiß, dass sie um die Erleuchtung und Führung durch ihn bitten darf und wo sie diese zu suchen hat.
4. The bearing on all these questions of the fact of sin and evil.32
Der Sinn und die Tragweite der «Tatsache der Sünde und des Übels» ergibt sich daraus, dass Gott um der Sünde willen in seinem Sohn das letzte Übel, nämlich den Tod, auf sich selbst genommen hat. Wir sind in unserem Erkennen und Wollen Gefangene der Sünde und des To|711des; nur die Wahrheit kann uns frei machen [vgl.
5. What is the relation between creation and the moral law?33
In und mit seiner Schöpfung ist dem Menschen auch das seine Existenz beherrschende «moralische Gesetz» gegeben: die göttlichen Lebensordnungen, die in den menschlichen Ordnungsversuchen gemeint sind, mit denen diese aber nie identisch sein werden, weil sich der Mensch durch die Sünde nicht nur Gott, sondern mit Gott auch dem Sinn und Gesetz der Schöpfung und also seiner eigenen Existenz entfremdet hat, so dass seine Gedanken über «Moral» mit den Gedanken Gottes über seine Gerechtigkeit vor ihm so wenig zusammentreffen können wie sein «moralisches» Werk mit dem in und mit seiner Schöpfung von ihm geforderten Gehorsam.
Is the moral law to be known a) through reason, b) through revelation, c) through both?34
Das «moralische Gesetz» kann nicht durch die sich selbst überlassene Vernunft, sondern allein durch Gottes Offenbarung, d. h. in seiner stellvertretenden Erfüllung im Gehorsam Jesu Christi erkannt werden, wie wir ihm auch nur im Glauben an Jesus Christus tatsächlich gerecht werden können.
How far is there a common ground between Christians and non-Christians for practical action?35
Der Christen und Nicht-Christen gemeinsame Boden zu praktischem Handeln ist das, was die Christen den Nicht-Christen in Wort, Tat und Haltung zu bezeugen und zugleich selber jeden Tag neu zu glauben haben: Gottes Heiligkeit, vor der keiner bestehen, und Gottes Barmherzigkeit, von der sich keiner ausgeschlossen wissen kann.
712 6. In how far has man, in virtue of creation, certain natural rights and liberties?36
In und mit seiner Schöpfung hat der Mensch das Recht und die Freiheit empfangen, mit seiner Existenz der Ehre Gottes zu dienen. Die «natürlichen Rechte und Freiheiten», die der Mensch für sich selbst in Anspruch nimmt, verraten schon als solche, dass sie nicht aus Gottes Schöpfung, sondern aus der Phantasie des auf der Flucht vor Gott befindlichen Menschen stammen.
7. How far are human existence and behaviour conditioned, for better or for worse, by sub-personal factors? How far are these controllable by human thought and will?37
Diese Fragen gehören in die psycho-physiologische Anthropologie. Ich bin zu ihrer Beantwortung nicht kompetent und kann auch nicht einsehen, inwiefern ihre Beantwortung zur Beleuchtung des vorliegenden theologischen Fragenkomplexes bedeutsam sein sollte.
8. Are the various spheres of life subject to relatively independent and diverse laws of their own? If so, what is the extent and what are the limits of that autonomy?38
Die «verschiedenen Sphären des Gemeinschaftslebens» verraten schon darin ihre Verschiedenheit von den göttlichen Lebensordnungen, dass ihre «Gesetze» bzw. deren Auffassungen und Deutungen durch die Menschen nicht nur je in sich veränderlich sind, sondern sich auch untereinander gegenseitig begrenzen, widersprechen und aufheben, ohne dass eine sie alle vereinigende Norm durchzusetzen oder auch nur namhaft zu machen wäre. Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen den Eigen|713gesetzlichkeiten der «verschiedenen Sphären des Gemeinschaftslebens», d. h. zwischen den verschiedenen menschlichen Ordnungsversuchen. Die Gültigkeit dieser Eigengesetzlichkeiten stammt nicht aus dem Schöpferwillen Gottes, sondern aus der Sünde des Menschen, und auch ihre Überwindung ist nicht von Menschen, sondern allein von Gott als dem Erlöser der Menschen zu erwarten.
9. May there be a difference in the will of God for a Christian in regard to his action as a private person and his action in office and in public capacity?39
Der Wille Gottes verlangt von jedem Menschen in jeder Lebenslage besonderen, d. h. konkret gestalteten Gehorsam. Eine prinzipielle Unterscheidung zwischen einem Willen Gottes für den privaten und einem Willen Gottes für den öffentlichen Bereich würde sich nur unter offener oder heimlicher Leugnung der Offenbarung des Willens des einen einzigen Gottes rechtfertigen lassen.
10. Is the Christian law of love realisable in all spheres of life? If not, what are the limits to such realisation, and what alternative principles are applicable and binding (e. g. justice and loyalty)?40
Das «christliche Gesetz der Liebe» ist in allen Lebensbereichen realisierbar, sofern darunter biblisch richtig verstanden wird: das Gesetz des Glaubens an die in Jesus Christus erschienene Liebe Gottes, die jeden Menschen demütigt, um jeden anzunehmen und jeden in Anspruch zu nehmen.