1937

Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz

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KIRCHLICHE ENTSCHEIDUNGEN IN DER SCHWEIZ

1937

Mit diesem Text reagierte Barth auf eine um eine Darstellung des Kirchenkampfes entbrannte Leserbrief-Debatte in der Wochenzeitung «Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft» und wollte damit zur Klärung der strittigen Fragen beitragen.

Am 4. und 11. März 1937 war in «Die Nation» der Artikel «Der deutsche Kirchenstreit» des Berner Pfarrers Eduard Burri1 erschienen, in dem er den Nationalsozialismus als eine bolschewistische Bewegung darstellte und seine auch in Kirchenkreisen verbreitete Deutung als nationale Bewegung als Fehleinschätzung bewertete: «Dass der Nationalsozialismus selber eine Religion ist, ein kompromissloses, die ganze Welt gefährdendes Heidentum, das wollen die starken nationalen Instinkte der Theologen und Laien in beiden Kirchen nicht zugeben.» So sei es den Nationalsozialisten möglich, mit der Bekenntniskirche die einzige offen gegen ihn auftretende Gruppierung als einen «Klub von Haarspaltern» an die Seite zu drängen und «so still als möglich» zu erledigen. Die Bekenntniskirche habe «aus klarer theologischer Einsicht heraus von Anfang an den Totalitätsanspruch des Staates abgelehnt» und die propagierte «Offenbarung Gottes in der Geschichte, in Blut und Boden und in Rassentheorien verworfen», weil «Gott sich nur in Christus offenbart und nur Christus der Herr der Kirche ist». Burri schlussfolgerte mit Blick auf die Schweiz: «Es mag nun sein, dass die Theologie der Bekenntniskirche auch bei uns an vielen Orten Anstoss erregt. Die offiziell auch bei uns sehr oft geförderte und erwünschte Schützenfesttheologie ist sie nicht. Auch bei uns gilt der Patriotismus vielerorts als die einzige gesunde Religion, der sich das Christentum mit seinen Belangen unterzuordnen hat.»2

680 Besonderes an diesem letzten Satz entzündete sich der Ärger von Max Loosli3. In einem Leserbrief in der folgenden Ausgabe fokussierte er die Diskussion auf Barth, den Burri in seinem Artikel lediglich ein einziges Mal und nicht prägnant erwähnt hatte,4 und schrieb: «Die intolerante Kirchenpolitik mancher dieser Leute muss aber doch anders betrachtet werden, namentlich, da sich diese Intoleranz (= Diktaturgelüste auf geistigem Gebiet) auch bei uns bemerkbar macht.» Besonders zu Tage getreten sei dies bei Barths Auftritt im September 1935 in St. Gallen,5 bei dem er «bekanntgab, dass er mit bestimmten kirchlichen Gruppen der Schweiz nicht zusammenarbeiten könne und verlangte, dass man zunächst namentlich die theologisch links Stehenden aus der Kirche ausschliesse. Nun sind wir aber in der Schweiz doch noch so weit Demokraten, dass wir jede, auch jede theologische Diktatur ablehnen. Dass Barth aus Deutschland ausgewiesen wurde, hat seinen einfachen Grund darin, dass in einem Käfig auf die Dauer nicht zwei Diktatoren Platz haben.»6

Eine Woche später antwortete Burri mit dem Artikel «Es geht nicht um Karl Barth!» Er erwähnte zuerst Beispiele aus seiner eigenen pfarramtlichen Praxis und seinem bernischen Umfeld, in denen an die Predigt Anforderungen gestellt wurden, die mit Blick auf das Evangelium nicht einlösbar waren: «alle, von den Offizieren bis zu den Bierbrauern und dem Turnverein ‹Bereitschaft›, taxieren eine Predigt danach, ob sie ihrer Korporation ein Kränzlein winde oder nicht». Zum Zwei|681ten verwies er auf die vielen Mitstreiter Barths, die nach seinem Weggang von Bonn den Kampf weitergeführt hätten: «Wäre er der Diktator der Bekenntniskirche gewesen, so hätte sie nach seinem Weggang zerfallen müssen. Sie erliess aber just nachher die tapfern Kundgebungen […].» Schließlich wies er Loosli auf die Veröffentlichung des St. Galler Vortrags hin, in der er den Wortlaut von Barths Vortrag nachlesen könne. Er schloss seinen Beitrag so: «Es geht also in diesen Dingen wirklich nicht um Karl Barth und seine Person. Er ist nicht unfehlbar und schiesst gelegentlich auch über das Ziel hinaus. Aber er ist ein Warner, auf dessen Stimme wir wohl hören dürfen, selbst wenn wir Verschiedenes anders sehen.»7

Eine weitere Woche später antwortete Loosli, diesmal auch mit einem längeren Artikel, in dem er klarstellte, dass es ihm nicht um die Theologie Barths gehe, die er als Laie nicht sachgemäß beurteilen könne. Vielmehr habe er zeigen wollen, dass «die wirkliche Gegnerschaft Barths aus einem ganz andern Gebiet stamme, nämlich von Leuten, die sich keinerlei Gleichschaltung auf kirchlichem Gebiete gefallen lassen wollen». Er nannte den in seinen Augen von Barth geforderten Bekenntniszwang, durch den «die theologisch Liberalen automatisch aus der Kirche ausgeschlossen» würden, und stellte dem die «Tradition der Schweizerkirchen» entgegen: «Zusammenarbeit aller kirchlichen Richtungen wie bisher, unter Duldung und gerechter Berücksichtigung ihrer Unterschiede.»8

Inzwischen hatte sich Hans Graf von der Redaktion der Zeitung, der von ihm schon ein Jahr zuvor in langen Verhandlungen einen Artikel für die Zeitung hatte einwerben können,9 an Barth gewandt. Er schickte ihm am 20. März 1937 die ersten Ausgaben, in denen die Diskussion stattgefunden hatte, und verband dies mit dem Hinweis: «Es würde uns ausserordentlich freuen, wenn Sie selber zum Thema |682 Stellung nehmen wollten.»10 Gut zwei Wochen später ließ Graf die weiteren Texte folgen und wiederholte seine Bitte.11 Nun ließ Barth sich erweichen und schrieb am 9. April die hier vorliegende eigene Stellungnahme,12 die in der nächstmöglichen Nummer am 15. April 1937 erschien.13

Auch der Text Barths aber hatte noch ein Nachspiel: Max Loosli schrieb ihm, weil er Barth seine Beweggründe auch persönlich erläutern wollte, einen Brief und fragte darin, warum er, wenn er seiner Sache sicher sei, nicht «ruhig annehmen» könne, dass seine «Arbeit eben durch ihre Richtigkeit als bewiesen in der Zeit durchschlagen» werde. Und: «Sind Sie ganz sicher, dass die Vertreter der dialektischen Theologie in der Schweiz (!!) ihre Ziele auf rücksichtslosem Wege besser erreichen werden als durch friedliches Wirken in der Landeskirche?» Zuletzt versicherte er Barth, dass er seine Theologie im Unterschied zu seiner Kirchenpolitik wirklich «für wertvoll halte», und ergänzte: «Das Mindeste (!) nämlich, was ich davon erhoffe, ist, aus der Auseinandersetzung heraus, eine Aktivierung und Vertiefung innerhalb der heutigen Richtungen, nicht zuletzt bei den Liberalen. […] In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre grosse Arbeit.»14 Eine weitere Reaktion erhielt Barth von Arthur Frey, der ihm schrieb: «Ihr Artikel in der Nation hat mich ausserordentlich gefreut. Es ist fein, dass Sie ein so klares und deutliches Bekenntnis zu unserer schweizerischen Demokratie abgelegt haben. Es war dies umso notwendiger, da heute viele Theologen, die glauben, die Zeichen der Zeit zu verstehen (!) nicht genug die Demokratie herabsetzen können.»15

683 Als erste Fassung des Textes liegt ein dreiseitiges, engzeilig geschriebenes Typoskript vor.16 Vom Abdruck existiert eine Druckfahne, die wohl von Markus Barth, in dessen Nachlass sie sich befand, korrigiert wurde.17 Der einzige Abdruck des Textes in der Zeitung «Die Nation»18 ist zugleich die Grundlage dieser Edition. Die Unterschiede zum Typoskript und – wenn es sich nicht lediglich um die Korrektur reiner Satzfehler handelt – auch zur Druckfahnenkorrektur sind in einem textkritischen Apparat kenntlich gemacht.

Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz

Es wird wohl so sein, dass wir auf dem Gebiete der Staatspolitik heute zwischen Diktatur und Demokratie uns zu entscheiden haben. Wer sich entscheidet, der erklärt damit, dass er zwei Dinge nicht miteinander zu vereinigen vermag und also nicht für gleichberechtigt hält. Ich würde nicht in die «Nation» schreiben, wenn ich mich, auf dem politischen Feld vor diese Wahl gestellt, nicht für die Demokratie entscheiden würde.19 Nachdem ich von Jugend an nicht anders gedacht, habe ich von der gegenwärtigen Diktatur in Deutschland genug gesehen, um sie für eine Sache zu halten, vor der ich die Schweiz bewahrt und Deutschland und alle diktatorisch regierten Länder wieder befreit zu sehen hoffe. Bin ich «intolerant»20, wenn ich so denke, wenn ich das ohne Rücksicht auf Andersdenkende offen ausspreche und wenn ich, wo sich Gelegenheit dazu bietet, vermutlich bis an mein Lebensende in diesem Sinn Stellung beziehen und handeln werde: die Demokratie grundsätzlich und darum bestimmt bejahend, die Dik|684tatur ebenso grundsätzlich und bestimmt verneinend?21 Nun, wenn man eine grundsätzliche und bestimmte Entscheidung, durch die die ihr entgegengesetzte abgelehnt wird, oder wenn man das eindeutige Bekenntnis zu einer solchen Entscheidung «Intoleranz» nennen will, dann bin ich wohl «intolerant». Dann sind es aber, wie ich hoffe, wenigstens in dieser Sache einige andere Eidgenossen mit mir – und nicht zuletzt Dr. M. L.,22 der in dieser Zeitung den «Streit um Karl Barth» entfacht hat,23 zu dem ich als bisher stummer «Patient» nun auch ein Wörtlein sagen möchte.

Es gibt nicht nur politische, es gibt auch kirchliche Entscheidungen. Also Entscheidungen, Stellungnahmen, Bekenntnisse hinsichtlich des Wesens und der Aufgabe, der Lehre und der Botschaft der Kirche: Entscheidungen, bei welchen ebenso grundsätzlich und ebenso bestimmt und gegebenen Falles ebenso offen und laut wie bei den politischen Entscheidungen hier Ja und dort Nein gesagt werden muss.

Auch Dr. M. L. hat wenigstens eine derartige kirchliche Entscheidung bereits vollzogen, indem er, wie ich annehme, weder Katholik noch Freidenker, sondern nun eben Reformierter ist. Und ich nehme an, dass diese seine Entscheidung echt und begründet ist, d. h. dass er weiß, warum er dieses ist und jenes nicht ist, dass er nicht ebenso gut jenes wie dieses sein könnte und dass er bereit ist, sich in Wort und Tat dazu zu bekennen, dass er dieses, dass er ein Reformierter ist. Obwohl er die schmerzliche Trennung zwischen ihm und vielen katholischen oder freidenkerischen Menschen, denen er in dieser Sache nun einmal |685 nicht Bruder, a-sondern nur Freund-a sein kann,24 gewiss bedauern wird. Kann er es vermeiden, in dieser Sache «intolerant» zu sein? Und kann er es einemb katholischen oder freidenkerischen Freund verargen, wenn auch dieser ihm selbst insofern «intolerant» gegenübersteht, als er nun einmal nicht ihm zuliebe Ja und Nein zugleich sagen kann? Dr. M. L. müsste ein schlechter Reformierter und sein Freund müsste ein schlechter Katholik oder Freidenker sein, wenn sie sich solche «Intoleranz» nicht gegenseitig zugute halten, ja, wenn sie sie nicht gegenseitig voneinander erwarten und verlangen würden. Wie würden sie sich selbst und wie würden sie sich gegenseitig ernst nehmen, wenn sie nicht ohne Übermut, aber auch ohne Zurückhaltung und Übelnehmerei dazu stehen würden, dass Ja Ja und Nein Nein, dass beides nicht miteinander zu vereinigen und also keineswegs gleichberechtigt seic?

So einfach steht es nun freilich nicht, dass man sich hinter der Entscheidung für die reformierte Kirche beruhigt zum Schlummer legen könnte, als ob weitere Entscheidungen auf diesem Feld nun nicht mehr nötig wären. Gerade wie ja auch hinter der Entscheidung zwischen Diktatur und Demokratie bekanntlich noch einige andere, speziellere Entscheidungen warten. (Ich meine z. B., wenn ich die Demokratie bejahe, nicht irgendeine, sondern die besondere schweizerische Gemeindedemokratie!25) Die Kirche und so auch un|686sere reformierte Kirche lebt in der Geschichte. Und das bedeutet: Sie existiert nicht fix und fertig in einer vom Himmel gefallenen Gestalt. Sie ist nichts, was sie nicht immer wieder werden, sie hat nichts, was sie nicht immer wieder empfangen müsste. Es muss sich immer wieder zeigen, was sie eigentlich ist. Es muss nach ihrem Wesen und nach ihrer Aufgabe immer wieder gefragt und es muss auf diese Frage immer wieder geantwortet werden. Missverständnisse und Verirrungen, aber auch die Gefahr völliger Verkümmerung sind im geschichtlichen Leben der Kirche nicht ausgeschlossen. Aber auch Fortschritte und Wiederherstellungen, Reformationen und Durchbrüche besserer Erkenntnis und Ordnung sind möglich. Auf Grund einer solchen Veränderung, freudig begrüßt von den einen, tief beklagt von den andern, ist ja die reformierte Kirche im sechzehnten Jahrhundert entstanden. Sie hat seither nicht aufgehört, der Schauplatz solcher Veränderungen zu sein. Sie wird es auch in Zukunft sein und solange es eine Zeit gibt. In diesen nie abbrechenden Veränderungen erhebt sich unvermeidlich das Problem der Intoleranz. Ganz einfach darum, weil solche Veränderungen sich, aufs einzelne gesehen, in kirchlichen Entscheidungen vollziehen: Entscheidungen für oder gegen einen bestehenden Zustand der Lehre und Ordnung, für oder gegen eine neue oder auch für oder gegen eine wieder zum Leben erwachende alte Gestalt der Kirche, Entscheidungen, bei welchen wiederum von beiden Seiten sehr grundsätzlich und sehr bestimmt hier Ja und dort Nein gesagt werden muss mit allen betrübenden Konsequenzen, die das wahrscheinlich haben wird. Denn Entscheidungen kann man nun einmal nicht vollziehen, ohne dass es auch zu Scheidungen kommt. Und wo es sich um so ernste Entscheidungen handelt wie auf kirchlichem Gebiet, wird es unvermeidlich auch zu ernsten Scheidungen kommen. Beispielsweise: zu ernsten Scheidungen zwischen denen, die das von Dr. M. L. dankenswerterweise zitierte «Apostolische» Glaubensbekenntnis26 beja|687hen, und denen, die es d-ganz oder teilweise-d ablehnen.27 Oder auch: zwischen denen, die zu der sogenannten Oxfordbewegung Ja, und denen, die dazu Nein sagen müssen.28 Nur eine tote Kirche oder nur ein totes (ein an dem Prozess des kirchlichen Neuwerdens unbeteiligtes) Glied der Kirche wird sich das ersparen, wird über den «intoleranten» Anblick, den das Leben der Kirche (wenn sie lebt!) immer bieten wird, jammern, wird denjenigen, der auf Entscheidung dringte und damit die Gefahr der Scheidung sichtbar macht, als Friedensstörer verdächtigen dürfen.

Dr. M. L. hat sich zur Begründung seiner Lehre von der Gleichberechtigung («Zusammenarbeit») der kirchlichen Richtungen auf eine besondere «Tradition der Schweizer Kirchen» berufen. Ich weiß, was er meint. Wäre ich boshaft, so würde ich antworten: ich weiß, dass zwar das Dogma von der Dreieinigkeit Gottes in den Schweizer Kirchen seit rund hundert Jahren nur noch sehr ungewissen, das Dogma von der Dreieinigkeit der kirchlichen Richtungen aber geradezu absoluten Respekt genießt;29 ich weiß, dass die Toleranz der Tolerantesten im Schweizerland ein Ende zu haben pflegt, wenn an dieses |688 Dogma gerührt wird! Nun, ich bin nicht der Mann, die Tradition und im Besonderen eine kirchliche Tradition als solche zu verachten. Es ist aber eine gute reformierte Selbstverständlichkeit, dass es auch keine kirchliche Tradition gibt, die nun etwa als solche jemals ungeprüfte und unbegründetef Geltung beanspruchen dürfte. Es gibt gute und es gibt schlechte Traditionen. Und das ist sicher: Wenn das Dogma von den drei Richtungen den Inhalt hat, dass grundsätzlich keine Entscheidung innerhalb der reformierten Kirche ernsthaft werden, jede nur den Charakter einer ungefährlichen «Meinungsverschiedenheit» tragen darf, dann haben wir es in ihr mit einer schlechten und nicht zu respektierenden Tradition zu tun, von der uns zu befreien wir endlich – liberal genug sein sollteng! Gäbe es nämlich keine ernsten kirchlichen Entscheidungen, wäre es unstatthaft, solche zur Sprache zu bringen und auf solche zu drängen, dann könnte man die reformierte Kirche ebensogut auflösen. Sie wäre dann tot und wenn sie äußerlich das regste Leben zeigte. Denn der Geist der Wahrheit, aus dem sie vor vierhundert Jahren entstanden ist, hätte sie dann verlassen. Ich glaube, dass der 2 Geist der Wahrheit unsere Schweizer Kirchen noch nicht verlassen hat. Darum protestiere ich gegen jene Tradition. Darum rechne ich mit der Notwendigkeit ernster kirchlicher Entscheidungen. Darum habe ich jener Tradition in St. Gallen zuwider gehandelt30 und darum werde ich es wieder tun.

Um den Gegensatz und um die Entscheidung zwischen Diktatur und Demokratie kann es – alles zu seiner Zeit und an seinem Ort! – in der Kirche allerdings nicht gehen. Diktatur hieße: Persönliche Herrschaft eines einzelnen, Demokratie hieße: Gemeinsame Herrschaft aller in der Kirche vereinigten Menschen. Beides ist unmöglich, denn in der Kirche h-haben keine Menschen-h, sondern allein das Wort Gottes |689 zu herrschen, alle Menschen aber gemeinsam zu gehorchen.31 Und eben darum geht der heutige Streit in der Kirche in Deutschland, in der Schweiz und anderswo: ob die Ideen, Überzeugungen, Meinungen und Gefühle einzelner oder auch sämtlicher Menschen in der Kirche über deren Lehre und Ordnung bestimmen sollen oder aber das Wort Gottes. Darum und nur darum ist es auch in der so berüchtigt gewordenen Begegnung in St. Gallen gegangen. Ich müsste ein Narr sein, wenn ich eine Diktatur in der Kirche anstrebte und nun gar noch für mich selbst anstrebte. Ich müsste aber wiederum ein Narr sein, wenn ich in dem Gegensatz, um den es wirklich geht, auch nur einen Finger breit nachgeben würde: nur darum, weil so viele liebe Freunde und Mitbürger sich bis jetzt noch nicht genügend darüber unterrichtet haben, was denn eigentlich Kirche ist im Unterschied zum Staat – nur darum, weil kirchliche Entscheidungen in der Schweiz eine so ungewohnte Sache geworden sind. Was kann ich tun, als diese Freunde und Mitbürger und unter ihnen auch Herrn Dr. M. L. in aller Toleranz und Höflichkeit einladen, sich doch nicht darauf zu versteifen, dass sie «Laien» seien,32 sich also besser zu unterrichten und sich dann daran zu gewöhnen, dass es auch in der Schweiz kirchliche Entscheidungen gegeben hat, gibt und geben wird?

Textkritische Fußnoten

a-a
Fehlt im Tskr.; in die Druckfahne hineinkorrigiert.↩
b
Tskr. und Druckfahnenkorrektur: «seinem».↩
c
In der Druckfahne in «ist» korrigiert.↩
d-d
Tskr.: «in seinen wichtigsten Bestandteilen»; in der Druckfahne aus der Tskr.- in die Druckversion korrigiert.↩
e
Tskr.: «drängt».↩
f
Tskr.: «unbe-»; das Wort wird vor einem Seitenende getrennt, aber auf der folgenden Seite nicht fortgesetzt.↩
g
Tskr.: «konnten».↩
h-h
Tskr.: «hat kein Mensch»; in der Druckfahnenkorrektur von der Tskr.- in die Druckversion korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Eduard Burri (1892–1985), 1930–1958 Pfarrer an der Johanneskirche in Bern.↩
2
Alle Zitate aus: E. Burri, Der deutsche Kirchenstreit, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 10 und 11, 4. und 11.3.1937 📖 (Barths Exemplar: KBA 3754.1 und KBA 3754.2).↩
3
Max Loosli (1904–?), promovierte 1933 mit einer naturwissenschaftlichen Arbeit (Über die Entwicklung und den Bau der indifferenten und männlichen Larven von Bonellia viridis Rol) zum Dr. phil., seit 1932 Lehrer an der Sekundarschule in Schwarzenburg bei Bern. ↩
4
Vgl. Burri, Der deutsche Kirchenstreit (Anm. 2) 📖: «Es bildeten sich die Pfarrernotbünde, aus denen schliesslich die Bekenntniskirche unter der Führung von Niemöller, dem ehemaligen U-Bootskapitän, und Karl Barth hervorging.» Allerdings erinnert Burris Artikel besonders im zweiten Teil stark an Ausführungen Barths, die im Februar im Artikel Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland in der «Neuen Zürcher Zeitung» 📖 erschienen waren (s. oben, S. 651–672).↩
5
Vgl. oben, S. 109–169.↩
6
M. L[oosli], Der Streit um Karl Barth [Leserbrief], in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 12, 18.3.1937 📖 (Exemplar Barths: KBA 3754.3).↩
7
Alle Zitate aus: E. Burri, Es geht nicht um Karl Barth!, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 13, 25.3.1937 📖 (Barths Exemplar: KBA 3754.4).↩
8
Alle Zitate aus: M. L[oosli], Nochmals: Der Streit um Karl Barth, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 14, 1.4.1937 📖 (Barths Exemplar: KBA 3754.5).↩
9
Vgl. oben, S. 386f.↩
10
Brief H. Grafs an Barth vom 20.3.1937 (KBA 9337.163).↩
11
Vgl. Brief H. Grafs an Barth vom 7.4.1937 (KBA 9337.187). ↩
12
Vgl. Taschenkalender K. Barth, Eintrag vom 9.4.1937: «Art[ikel] für die ‹Nation›».↩
13
K. Barth, Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 16, 15.4.1937, S. 1f. 📖 ↩
14
Alle Zitate aus dem Brief M. Looslis an Barth vom 22.4.1937 (KBA 9337.212). Eine Antwort Barths ist nicht erhalten.↩
15
Brief A. Freys an Barth vom 17.4.1937 (KBA 9337.202). ↩
16
KBA 10107.↩
17
Die dort vermerkten Korrekturen sind nur zum Teil im Abdruck übernommen, was für eine nochmalige Durchsicht durch Barth oder Ch. von Kirschbaum spricht.↩
18
Siehe oben, Anm. 13 📖.↩
19
Zur sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Orientierung der «Nation», die von Beginn an auch gegen die Bedrohung durch den Faschismus Stellung bezog, vgl. oben, S. 386, Anm. 1.↩
20
Von «intoleranter Kirchenpolitik» und «Intoleranz (= Diktaturgelüste auf geistigem Gebiet)» schrieb, Loosli, Der Streit um Karl Barth [Leserbrief] (Anm. 6) 📖 . ↩
21
Vgl. ein gutes Jahr später eine der Spitzenaussagen zum Thema aus K. Barth, Rechtfertigung und Recht, in: Schw.St., S. 13–57, dort S. 53, Anm. 30b 📖: «Die Phrase von der gleichen Affinität bzw. Nichtaffinität aller möglichen Staatsordnungen dem Evangelium gegenüber ist nicht nur abgenützt, sondern falsch. Daß man in einer Demokratie zur Hölle fahren und unter einer Pöbelherrschaft oder Diktatur selig werden kann, das ist wahr. Es ist aber nicht wahr, daß man als Christ ebenso ernstlich die Pöbelherrschaft oder die Diktatur bejahen, wollen erstreben kann wie die Demokratie.»↩
22
Seinen Brief an Barth vom 22.4.1937 (Anm. 14) schrieb Loosli auch, weil er ihm gegenüber «aus der Anonymität heraustreten» wollte, die er aus «Rücksicht» auf seinen Beruf für «Zeitungsschreibereien» vorzog.↩
23
Vgl. ebd., Looslis Kommentar: «Zunächst eine Formangelegenheit: Der Titel ‹Streit um Karl Barth› stammt aus der Redaktion und ersetzte einen eigenen». ↩
24
Vgl. oben, S. 167, aus Barths Schlusswort in der Diskussion nach seinem St. Galler Vortrag, auf den Loosli in seinen beiden Texten mehrfach Bezug genommen hatte: «Und nun – darf ich? – drei Ratschläge oder Bitten auch an die Anderen, an unsere liberalen Freunde. (Freunde will ich sie nämlich gerne nennen, Brüder in Christus – nein, das sind wir nun einmal nicht, wenn und solange wir uns gerade in Christus so gar nicht verstehen!)».↩
25
Zum schweizerischen System der Gemeindedemokratie vgl. La démocratie directe dans les communes suisses / Die direkte Gemeindedemokratie in der Schweiz / Della democrazia diretta nei comuni svizzeri, recueil de travaux publ. par l’Institut de science politique de l’Université de Lausanne sous la direction de M. Bridel, Zürich 1952 📖. – Vgl. auch Barths 1946 formulierter Hinweis zum «Helvetizismus ‹Bürgergemeinde›»: «im schweizerischen Dorf tagen oft hintereinander im gleichen Lokal und in Personalunion der Mehrheit aller Beteiligten die Einwohner-, die Bürger- und die Kirchgemeinde», in: K. Barth, Christengemeinde und Bürgergemeinde (ThSt[B] 20), Zürich 1946, S. 3 📖 ↩
26
Loosli hatte in Nochmals: Der Streit um Karl Barth (Anm. 8) 📖 das Apostolikum ganz zitiert, weil er «diejenigen Leser, die von diesen Dingen nichts wissen – es werden die meisten sein», davon überzeugen wollte, dass die «theologisch Liberalen», sollte das Apostolikum als verpflichtendes Bekenntnis wieder eingeführt werden, «automatisch aus der Kirche ausgeschlossen» werden würden.↩
27
Im deutschen Apostolikumstreit ab 1871 um die gottesdienstliche Verwendung des apostolischen Glaubensbekenntnisses «fand exemplarisch eine Auseinandersetzung zwischen liberaler und konservativer Theologie statt, in der es zentral um die Modernisierung der evangelischen Kirche ging» (D. Dunkel, Art. «Apostolikumstreit», in: RGG4 I, Sp. 650f. 📖). Zu den zeitgleichen Auseinandersetzungen in der Schweiz vgl. oben, S. 141, Anm. 71.↩
28
Zu Barths scharfer Abgrenzung von der Gruppenbewegung vgl. oben, S. 448–470.↩
29
Mit dem Begriff Richtungswesen wurden traditionell die zwei bzw. drei in der Schweiz des 19. Jahrhunderts maßgeblich aktiven Kirchenparteien der Positiven und der Liberalen (oder Reformer) sowie der Vermittler zwischen diesen Beiden bezeichnet. Vgl. K. Barth, Die kirchlichen Zustände in der Schweiz, in: V.u.kl.A. 1922–1925, S. 14–38, dort S. 32 📖. – Nach 1900 kam der vor allem von Leonhard Ragaz und Hermann Kutter forcierte Religiöse Sozialismus als weitere, zahlenmäßig kleinere Kirchenpartei hinzu. Vgl. zum Ganzen: L. Kratzert, Theologie zwischen Gesellschaft und Kirche. Zur nationalen Prägung von Gesellschaftslehren deutscher und schweizerischer Theologen im 20. Jahrhundert (ChrKu 14), Zürich 2013, S. 43f.63–65 📖.↩
30
Im ganzen Absatz spielt Barth auf die von Loosli in beiden Texten angesprochene Auseinandersetzung beim Jahrestreffen des Schweizerischen reformierten Pfarrvereins im September 1935 in St. Gallen an, bei und nach dem er für seine im Vortrag und in seinem Diskussionsvotum enthaltenen Spitzen und harten Worte gegen die Liberale Theologie heftig angegangen wurde. Vgl. oben, S. 109–169, bes. S. 114–116.↩
31
Vgl. die erste These der Barmer Theologischen Erklärung: «Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben» (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 296 📖).↩
32
Vgl.Loosli, Nochmals: Der Streit um Karl Barth (Anm. 8) 📖: «Als Laie äussere ich mich dabei nicht – es sei nochmals wiederholt – zur Theologie Barths, sondern nur zu kirchenpolitischen Vorgängen.»↩