Dieses Gutachten schrieb Barth auf Bitten der zweiten Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche (VKL II). Man hatte sich an ihn gewandt, weil Egon Hessel, einer seiner ehemaligen Studenten, der inzwischen in einem Missionspfarramt in Japan tätig und in Konflikt mit für ihn zuständigen Stellen der Reichskirche geraten war, den Antrag gestellt hatte, sich mit seiner Gemeinde der VKL II unterstellen zu dürfen.
Egon Hessel hatte in Münster bei Barth studiert und danach geplant, eine – letztlich nicht zustande gekommene – Dissertation bei ihm zu schreiben.1 Nach dem Vikariat bewarb er sich bei der «Ostasienmission»2 als Missionar und trat im Oktober 1931 ein Missionspfarramt in Kyoto an.3 Er vertrat auch hier eine streng an Barth orientierte Theologie, mit der er durchaus polarisierte und dabei selbst nicht immer |674 mäßigend wirkte, und positionierte sich 1933 schnell und auch in Veröffentlichungen als Gegner des Nationalsozialismus und als Vertreter der Bekennenden Kirche. Aufgrund dieser Haltung, die über die in Japan lebenden Auslandsdeutschen auch in den zuständigen Berliner Behörden bekannt war, forderte das Auswärtige Amt seit Sommer 1934 – auf Druck der NSDAP-Auslandsorganisation verstärkt seit Frühjahr 1935 – die Abberufung Hessels; am 7. Januar 1936 kam die Ostasienmission diesen Forderungen mit der zum 1. Oktober 1936 ausgesprochenen Kündigung nach.4
Hessel hätte sich nun den Regeln entsprechend bei seiner Heimatkirche zurückmelden müssen, um ein Pfarramt im Rheinland zu übernehmen, zog es aber um seine Sicherheit fürchtend vor, in Japan zu bleiben, wo er unter anderem Pläne für ein neues, eigenes Missionswerk ausarbeitete, von denen Barth ihm abriet.5 Mit einem über japanische Freunde vermittelten Lehrauftrag als Deutschlehrer an einer Schule in Matsuyama versehen,6 wandte er sich im April 1936 von dort aus an den Präses der Bekenntnissynode und bat darum, «als Auslandspfarrer und Missionar sich der Bekennenden Kirche Deutschlands unterstellen zu dürfen».7 In Deutschland war die VKL II gerade erst im Amt, und die Frage der Zuständigkeit in solchen Fällen, die Missionspfarrämter im Ausland betrafen, war völlig ungeklärt. Dazu kam die weitgehende Unkenntnis um die Person Hessels; alles zusammen führte dazu, dass man sich seitens der VKL II erst im September 1936 näher mit Hessel beschäftigte und nun Gutachten über ihn einholte, die zwiespältig ausfielen.8 So bat man ein weiteres Vierteljahr später, im Januar 1937, Barth und den Basler Missionsdirektor Karl Hartenstein9 aufgrund ihrer guten «Kenntnis über Hessels Persönlich|675keit und seine Theologie» ebenfalls, zu seinem Antrag Stellung zu nehmen.10
Diese Bitte wurde Barth Mitte Januar durch Ernst Wolf übermittelt,11 an den Charlotte von Kirschbaum mit einem Schreiben vom 26. Januar 1937 das fertiggestellte Gutachten zurückschickte und folgenden Kommentar dazu schrieb: «Sie spüren ihm die gewisse Verlegenheit an, die die Sache bedeutet, immer unter dem Vorbehalt, dass sie aus noch größerer Nähe gesehen sich noch einmal anders zeigt.»12
Barths Gutachten war mit ausschlaggebend dafür, dass Hessel folgende Beauftragung erhielt: «Es steht uns als Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche nicht an, über Ihre Tätigkeit auf dem Missionsgebiet irgendwie zu verfügen. Das ist bei der gegenwärtigen Struktur unserer Kirche Sache der verantwortlichen Missionskreise. Wohl aber durften wir Ihre Bitte, Ihnen einen Auftrag für Predigt, Seelsorge usw. an den Deutschen in Japan zu erteilen, die Ihren Dienst wünschen, prüfen. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, Ihrem Wunsche zu entsprechen. Ich darf Ihnen daher im Namen der vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche mitteilen, dass wir Ihnen hiermit den kirchlichen Auftrag zur Predigt, Seelsorge, Evangelisierung und Sammlung bekenntnistreuer evangelischer Christen in Japan erteilen.»13 Somit hatte Hessel zwar keinerlei finanzielle Zusagen, wohl aber die von ihm erhoffte Legitimation für seine weitere Arbeit erhalten.
676 Als Hessel nach Ausbruch des Krieges 1939 seine Musterung verweigerte, eskalierte der Streit um ihn erneut; ihm wurde die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, und man wies ihn im September 1940 aus Japan aus. Dass Hessel im selben Jahr in zweiter Ehe eine US-Amerikanerin geheiratet hatte, eröffnete ihm die Möglichkeit, daraufhin in die USA zu emigrieren.14 1946 kehrte er nach Japan zurück, um wieder als Pfarrer und nun für den Schweizer Zweig der Ostasienmission zu arbeiten.15
Der Text des Gutachtens liegt in einem nicht mit einer Überschrift versehenen Typoskript16 vor, das auch Grundlage dieser Edition ist.
[Gutachten für Egon Hessel]
Herr Pfarrer Egon Hessel war mehrere Semester hindurch in Münster in Westfalen – also innerhalb des Zeitraumes von 1926–29 – mein Schüler.17 Ich habe ihn damals als einen sehr bewegten und aufgeschlossenen Studenten kennen gelernt, der sich eifrig und mit gutem Erfolg an meinen Vorlesungen und Übungen beteiligte. Dass sein Eifer in den äußeren und inneren Fragen leicht zum Übereifer wurde, das hielt ich seinem jugendlichen Alter zugute. In den dem Studium folgenden Jahren habe ich aus der Ferne mit Freude und Interesse seine offenbar von frischer Initiative und vielseitigem Einsatz getra|677gene und auch äußerlich erfolgreiche Arbeit begleitet. Ich sah seine Energie, seine Redlichkeit, auch seine intellektuelle Begabung und empfand doch auch, dass er zur Besonnenheit in höherem Sinne erst unterwegs war.18 Im Laufe des letzten Jahres trat er dadurch wieder sehr konkret in meinen Gesichtskreis, dass er mir in allen Einzelheiten seinen Konflikt mit der Ostasienmission und dessen negativen Ausgang unterbreitete.19 Aus dem zahlreichen mir vorgelegten Material habe ich die bestimmte Überzeugung gewonnen, dass er ein Opfer der theologischen Charakterlosigkeit der Berliner und Schweizer Leitung der OAM geworden ist, bzw. dass er sachlich im Recht war. Nicht ebenso bestimmt bin ich überzeugt davon, dass er in allen Stadien die wünschenswerte «Weisheit» bewiesen hat; es mag sich aber der oder jener abrupte Schritt in Wort und Tat, an den hier zu denken wäre, aus der isolierten Stellung erklären lassen, in der er, fern von allen Ratgebern, seinen Weg gehen musste. – 2 Seinem im Anschluss an sein Ausscheiden aus dieser Missionsgesellschaft gefassten Plan, in Europa eine Japan-Bruderschaft zu gründen bzw. gründen zu lassen und mit ihrer Hilfe selbständig Mission zu treiben, trat ich zunächst mit Zurückhaltung entgegen. Sie beruht einerseits auf Gesprächen mit Missionsdirektor Hartenstein, in denen er mir die Schwierigkeit einer weiteren Zersplitterung der Mission vor Augen führte, und andererseits doch auch auf meiner gewissen Unsicherheit gegenüber der persönlichen Eigenart Hessels. So schrieb ich ihm im letzten Herbst,20 ich rate ihm zunächst ohne die Stützung einer solchen Bruderschaft bzw. einer neuen Missionsgesellschaft seinen bereits in Angriff genommenen Versuch fortzusetzen: neben dem Lehramt an einer japanischen Schule, das er zurzeit versieht,21 seine
missionarische Arbeit zu treiben, um vielleicht mit Gottes Hilfe in aller Stille etwas auf den Plan zu stellen, was dann vielleicht mit der Zeit durch seine sachliche Gewich|678tigkeit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihm die nötige Weiterhilfe verschaffen könnte. Er schien mit diesem Rat nicht eben zufrieden zu sein; ich würde ihm aber, Alles wohl überlegt, auch heute nichts Anderes sagen können. – Ich will aber gerne mit der Möglichkeit rechnen, dass mir die Sache, wenn Hessel in diesem Jahr nach Europa kommt,22 in persönlicher Begegnung und Aussprache schon jetzt in einem durchschlagenden Licht sichtbar wird. Und ich frage mich, ob es nicht auch in der Frage der Herstellung einer näheren Beziehung zwischen ihm und der VL23 am angemessensten wäre, wenn man sich auf Grund der bei diesem Anlass möglich werdenden persönlichen Fühlungnahme über das Weitere entscheiden würde.