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        <title type="volume" n="vol-55">Vorträge und kleinere Arbeiten 1935–1937</title>
        <title type="content">Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz, 1937</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/55029 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1935–1937, hrsg. v. Kratzert, Lucius / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 2020, S. 679–689.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/55029</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Vorträge und kleinere Arbeiten 1935–1937</title>
          <title type="text">Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Kratzert, Lucius</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2020</date>
          <biblScope unit="page">679-689</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Karl Barth: Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft Jg. 5, Nr. 16 (15.4.1937), S. 1f. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz, 1937. Typoskript<ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/116">KBA 10107</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="C" type="source">C (Material zum Kontext): Burri-Fahrni, Eduard, Der deutsche Kirchenstreit. , 4. März 1937. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/82668">KBA 3754</ref>. </bibl>
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<head>
                    <anchor type="cross" xml:id="kbga-texts-55029_start"/>KIRCHLICHE ENTSCHEIDUNGEN IN DER SCHWEIZ</head>
<head type="sub">1937</head>
<div type="abstract">
<p>Mit diesem Text reagierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auf eine um eine Darstellung des <term ref="kbga-terms-222">Kirchenkampfes</term> entbrannte Leserbrief-Debatte in der Wochenzeitung «<orgName ref="kbga-actors-8414">Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft</orgName>» und wollte damit zur Klärung der strittigen Fragen beitragen.</p>
<p rend="margin-top">Am <date>4. und 11. März 1937</date> war in «Die Nation» der Artikel «Der deutsche Kirchenstreit» des <placeName ref="kbga-places-9">Berner</placeName> Pfarrers <persName ref="kbga-actors-1510">Eduard Burri</persName><note xml:id="n01">
                            <persName ref="kbga-actors-1510">Eduard Burri</persName> (<date>1892–1985</date>), 1930–1958 Pfarrer an der Johanneskirche in Bern.</note>
<hi rend="text-recte"/> erschienen, in dem er den <term ref="kbga-terms-135">Nationalsozialismus</term> als eine <term ref="kbga-terms-878">bolschewistische</term> Bewegung darstellte und seine auch in Kirchenkreisen verbreitete Deutung als nationale Bewegung als Fehleinschätzung bewertete: «Dass der Nationalsozialismus selber eine <term ref="kbga-terms-1138">Religion</term> ist, ein kompromissloses, die ganze Welt gefährdendes Heidentum, das wollen die starken nationalen Instinkte der Theologen und Laien in beiden Kirchen nicht zugeben.» So sei es den Nationalsozialisten möglich, mit der <orgName ref="kbga-actors-7774">Bekenntniskirche</orgName> die einzige offen gegen ihn auftretende Gruppierung als einen «Klub von Haarspaltern» an die Seite zu drängen und «so still als möglich» zu erledigen. Die Bekenntniskirche habe «aus klarer theologischer Einsicht heraus von Anfang an den Totalitätsanspruch des Staates abgelehnt» und die propagierte «Offenbarung Gottes in der Geschichte, in Blut und Boden und in Rassentheorien verworfen», weil «Gott sich nur in Christus offenbart und nur Christus der Herr der Kirche ist». Burri schlussfolgerte mit Blick auf die <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>: «Es mag nun sein, dass die Theologie der Bekenntniskirche auch bei uns an vielen Orten Anstoss erregt. Die offiziell auch bei uns sehr oft geförderte und erwünschte Schützenfesttheologie ist sie nicht. Auch bei uns gilt der Patriotismus vielerorts als die einzige gesunde Religion, der sich das Christentum mit seinen Belangen unterzuordnen hat.»<note xml:id="n02"> Alle Zitate aus: <bibl corresp="kbga-bibls-794">
                                <persName ref="kbga-actors-1510">E. Burri</persName>, <hi rend="italic">Der deutsche Kirchenstreit</hi>, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 10 und 11, 4. und 11.3.1937</bibl> (<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar: <idno type="kba-objects-identifier">KBA 3754.1</idno> und <idno type="kba-objects-identifier">KBA 3754.2</idno>).</note>
</p> 
<p>
                        <pb xml:id="p680" ed="pga" rend="noPipe"/> 
Besonderes an diesem letzten Satz entzündete sich der Ärger von <persName ref="kbga-actors-8595">Max Loosli</persName><note xml:id="n03">
                            <persName ref="kbga-actors-8595">Max Loosli</persName> (1904–?), promovierte 1933 mit einer naturwissenschaftlichen Arbeit (<hi rend="italic">Über die Entwicklung und den Bau der indifferenten und männlichen Larven von Bonellia viridis Rol</hi>) zum Dr. phil., seit 1932 Lehrer an der Sekundarschule in Schwarzenburg bei Bern. </note>. In einem Leserbrief in der folgenden Ausgabe fokussierte er die Diskussion auf <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, den <persName ref="kbga-actors-1510">Burri</persName> in seinem Artikel lediglich ein einziges Mal und nicht prägnant erwähnt hatte,<note xml:id="n04"> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-794">
                                <persName ref="kbga-actors-1510">Burri</persName>, <hi rend="italic">Der deutsche Kirchenstreit</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>)</bibl>: «Es bildeten sich die Pfarrernotbünde, aus denen schliesslich die Bekenntniskirche unter der Führung von <persName ref="kbga-actors-300">Niemöller</persName>, dem ehemaligen U-Bootskapitän, und <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> hervorging.» Allerdings erinnert <persName ref="kbga-actors-1510">Burris</persName> Artikel besonders im zweiten Teil stark an Ausführungen <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, die im Februar im Artikel <bibl corresp="kbga-bibls-776">
                                <hi rend="italic">Der Kampf gegen die evangelische Kirche in Deutschland</hi> in der «Neuen Zürcher Zeitung»</bibl> erschienen waren (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/55/p651#p651">S. 651–672</ref>).</note> und schrieb: «Die intolerante <term ref="kbga-terms-523">Kirchenpolitik</term> mancher dieser Leute muss aber doch anders betrachtet werden, namentlich, da sich diese Intoleranz (= Diktaturgelüste auf geistigem Gebiet) auch bei uns bemerkbar macht.» Besonders zu Tage getreten sei dies bei <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Auftritt im September 1935 in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName>,<note xml:id="n05"> Vgl. oben,  <ref type="pub" target="../volume/55/p109#p109">S. 109–169</ref>.</note> bei dem er «bekanntgab, dass er mit bestimmten kirchlichen Gruppen der Schweiz nicht zusammenarbeiten könne und verlangte, dass man zunächst namentlich die theologisch links Stehenden aus der Kirche ausschliesse. Nun sind wir aber in der Schweiz doch noch so weit Demokraten, dass wir jede, <hi rend="text-recte">auch jede theologische Diktatur ablehnen</hi>. Dass <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> aus Deutschland ausgewiesen wurde, hat seinen einfachen Grund darin, dass in <hi rend="text-recte">einem</hi> Käfig auf die Dauer nicht zwei Diktatoren Platz haben.»<note xml:id="n06">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-795">
                                <persName ref="kbga-actors-8595">M. L[oosli]</persName>, <hi rend="italic">Der Streit um Karl Barth [Leserbrief]</hi>, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 12, 18.3.1937</bibl> (Exemplar <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>: <idno type="kba-objects-identifier">KBA 3754.3</idno>).</note>
</p>
<p>Eine Woche später antwortete <persName ref="kbga-actors-1510">Burri</persName> mit dem Artikel «Es geht nicht um <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>!» Er erwähnte zuerst Beispiele aus seiner eigenen pfarramtlichen Praxis und seinem <placeName ref="kbga-places-9">bernischen</placeName> Umfeld, in denen an die Predigt Anforderungen gestellt wurden, die mit Blick auf das Evangelium nicht einlösbar waren: «alle, von den Offizieren bis zu den Bierbrauern und dem Turnverein  ‹Bereitschaft›, taxieren eine Predigt danach, ob sie ihrer Korporation ein Kränzlein winde oder nicht». Zum Zwei<pb xml:id="p681" ed="pga" break="no"/>ten verwies er auf die vielen Mitstreiter <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, die nach seinem Weggang von <placeName ref="kbga-places-10">Bonn</placeName> den Kampf weitergeführt hätten: «Wäre er der Diktator der Bekenntniskirche gewesen, so hätte sie nach seinem Weggang zerfallen müssen. Sie erliess aber just nachher die tapfern Kundgebungen […].» Schließlich wies er <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName> auf die Veröffentlichung des <placeName ref="kbga-places-105">St. Galler</placeName> Vortrags hin, in der er den Wortlaut von <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Vortrag nachlesen könne. Er schloss seinen Beitrag so: «Es geht also in diesen Dingen wirklich nicht um <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName> und seine Person. Er ist nicht unfehlbar und schiesst gelegentlich auch über das Ziel hinaus. Aber er ist ein Warner, auf dessen Stimme wir wohl hören dürfen, selbst wenn wir Verschiedenes anders sehen.»<note xml:id="n07"> Alle Zitate aus: <bibl corresp="kbga-bibls-796">
                                <persName ref="kbga-actors-1510">E. Burri</persName>, <hi rend="italic">Es geht nicht um Karl Barth!</hi>, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 13, 25.3.1937</bibl> (<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar: <idno type="kba-objects-identifier">KBA 3754.4</idno>).</note>
</p>
<p>Eine weitere Woche später antwortete <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName>, diesmal auch mit einem längeren Artikel, in dem er klarstellte, dass es ihm nicht um die Theologie <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> gehe, die er als Laie nicht sachgemäß beurteilen könne. Vielmehr habe er zeigen wollen, dass «die wirkliche Gegnerschaft <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> aus einem ganz andern Gebiet stamme, nämlich von Leuten, die sich <hi rend="text-recte">keinerlei Gleichschaltung auf kirchlichem Gebiete</hi> gefallen lassen wollen». Er nannte den in seinen Augen von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> geforderten Bekenntniszwang, durch den «<hi rend="text-recte">die theologisch Liberalen automatisch aus der Kirche ausgeschlossen</hi>» würden, und stellte dem die «Tradition der Schweizerkirchen» entgegen: «<hi rend="text-recte">Zusammenarbeit aller kirchlichen Richtungen wie bisher</hi>, unter Duldung und gerechter Berücksichtigung ihrer Unterschiede.»<note xml:id="n08"> Alle Zitate aus: <bibl corresp="kbga-bibls-797">
                                <persName ref="kbga-actors-8595">M. L[oosli]</persName>, <hi rend="italic">Nochmals: Der Streit um Karl Barth</hi>, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 14, 1.4.1937</bibl> (<persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Exemplar: <idno type="kba-objects-identifier">KBA 3754.5</idno>).</note>
</p>
<p rend="margin-top">Inzwischen hatte sich <persName ref="kbga-actors-8442">Hans Graf</persName> von der Redaktion der <orgName ref="kbga-actors-8414">Zeitung</orgName>, der von ihm schon ein Jahr zuvor in langen Verhandlungen einen Artikel für die Zeitung hatte einwerben können,<note xml:id="n09"> Vgl. oben,  <ref type="pub" target="../volume/55/p386#p386">S. 386f.</ref></note> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> gewandt. Er schickte ihm am <date>20. März 1937</date> die ersten Ausgaben, in denen die Diskussion stattgefunden hatte, und verband dies mit dem Hinweis: «Es würde uns ausserordentlich freuen, wenn Sie selber zum Thema <pb xml:id="p682" ed="pga"/> Stellung nehmen wollten.»<note xml:id="n10"> Brief <persName ref="kbga-actors-8442">H. Grafs</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date>20.3.1937</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9337.163</idno>).</note> Gut zwei Wochen später ließ <persName ref="kbga-actors-8442">Graf</persName> die weiteren Texte folgen und wiederholte seine Bitte.<note xml:id="n11"> Vgl. Brief <persName ref="kbga-actors-8442">H. Grafs</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date>7.4.1937</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9337.187</idno>). </note> Nun ließ <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich erweichen und schrieb am <date>9. April</date> die hier vorliegende eigene Stellungnahme,<note xml:id="n12"> Vgl. <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> K. Barth, Eintrag vom <date>9.4.1937</date>: «Art[ikel] für die  ‹Nation›».</note> die in der nächstmöglichen Nummer am <date>15. April 1937</date> erschien.<note xml:id="n13">
                            <anchor type="cross" xml:id="kbga-texts-55029_1"/>
                            <bibl corresp="kbga-bibls-798">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz</hi>, in: Die Nation. Unabhängige Zeitung für Demokratie und Volksgemeinschaft, Jg. 5, Nr. 16, 15.4.1937, S. 1f.</bibl>
                        </note>
</p>
<p>Auch der Text <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> aber hatte noch ein Nachspiel: <persName ref="kbga-actors-8595">Max Loosli</persName> schrieb ihm, weil er <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> seine Beweggründe auch persönlich erläutern wollte, einen Brief und fragte darin, warum er, wenn er seiner Sache sicher sei, nicht «ruhig annehmen» könne, dass seine «Arbeit eben durch ihre Richtigkeit als bewiesen in der Zeit durchschlagen» werde. Und: «Sind Sie ganz sicher, dass die Vertreter der <term ref="kbga-terms-1334">dialektischen Theologie</term> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> (!!) ihre Ziele auf rücksichtslosem Wege besser erreichen werden als durch friedliches Wirken in der Landeskirche?» Zuletzt versicherte er <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>, dass er seine Theologie im Unterschied zu seiner Kirchenpolitik wirklich «für wertvoll halte», und ergänzte: «Das Mindeste (!) nämlich, was ich davon erhoffe, ist, aus der Auseinandersetzung heraus, eine Aktivierung und Vertiefung innerhalb der heutigen Richtungen, nicht zuletzt bei den <term ref="kbga-terms-527">Liberalen</term>. […] In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre grosse Arbeit.»<note xml:id="n14"> Alle Zitate aus dem Brief <persName ref="kbga-actors-8595">M. Looslis</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date>22.4.1937</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9337.212</idno>). Eine Antwort <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> ist nicht erhalten.</note> Eine weitere Reaktion erhielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> von <persName ref="kbga-actors-1585">Arthur Frey</persName>, der ihm schrieb: «Ihr Artikel in der Nation hat mich ausserordentlich gefreut. Es ist fein, dass Sie ein so klares und deutliches Bekenntnis zu unserer <term ref="kbga-terms-1335">schweizerischen Demokratie</term> abgelegt haben. Es war dies umso notwendiger, da heute viele Theologen, die glauben, die Zeichen der Zeit zu verstehen (!) nicht genug die <term ref="kbga-terms-320">Demokratie</term> herabsetzen können.»<note xml:id="n15"> Brief <persName ref="kbga-actors-1585">A. Freys</persName> an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date>17.4.1937</date> (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9337.202</idno>). </note>
</p> 
<p rend="margin-top">
                        <pb xml:id="p683" ed="pga" rend="noPipe"/> Als erste Fassung des Textes liegt ein dreiseitiges, engzeilig geschriebenes Typoskript vor.<note xml:id="n16"> <idno type="kba-objects-identifier">KBA 10107</idno>.</note> Vom Abdruck existiert eine Druckfahne, die wohl von <persName ref="kbga-actors-24">Markus Barth</persName>, in dessen Nachlass sie sich befand, korrigiert wurde.<note xml:id="n17"> Die dort vermerkten Korrekturen sind nur zum Teil im Abdruck übernommen, was für eine nochmalige Durchsicht durch <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> oder <persName ref="kbga-actors-223">Ch. von Kirschbaum</persName> spricht.</note> Der einzige Abdruck des Textes in der Zeitung «<orgName ref="kbga-actors-8414">Die Nation</orgName>»<note xml:id="n18"> Siehe oben, <bibl corresp="kbga-bibls-798">Anm. 13</bibl>.</note> ist zugleich die Grundlage dieser Edition. Die Unterschiede zum Typoskript und – wenn es sich nicht lediglich um die Korrektur reiner Satzfehler handelt – auch zur Druckfahnenkorrektur sind in einem textkritischen Apparat kenntlich gemacht.</p>
</div>
<div>
<head>Kirchliche Entscheidungen in der Schweiz</head>
<p>Es wird wohl so sein, dass wir auf dem Gebiete der Staatspolitik heute zwischen <term ref="kbga-terms-1336">
                            <hi rend="italic">Diktatur</hi></term> und <term ref="kbga-terms-320">
                            <hi rend="italic">Demokratie</hi></term> uns zu <hi rend="italic">entscheiden</hi> haben. Wer sich <term ref="kbga-terms-26">entscheidet</term>, der erklärt damit, dass er zwei Dinge nicht miteinander zu vereinigen vermag und also nicht für gleichberechtigt hält. Ich würde nicht in die «<orgName ref="kbga-actors-8414">Nation</orgName>» schreiben, wenn ich mich, auf dem politischen Feld vor diese Wahl gestellt, nicht für die Demokratie entscheiden würde.<note xml:id="n19"> Zur sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Orientierung der «<orgName ref="kbga-actors-8414">Nation</orgName>», die von Beginn an auch gegen die Bedrohung durch den Faschismus Stellung bezog, vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/55/p386#fn_n01">S. 386, Anm. 1</ref>.</note> Nachdem ich von Jugend an nicht anders gedacht, habe ich von der gegenwärtigen Diktatur in Deutschland genug gesehen, um sie für eine Sache zu halten, vor der ich die <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName> bewahrt und <orgName ref="kbga-actors-8359">Deutschland</orgName> und alle diktatorisch regierten Länder wieder befreit zu sehen hoffe. Bin ich «<hi rend="italic">intolerant</hi>»<note xml:id="n20"> Von «intoleranter Kirchenpolitik» und «Intoleranz (= Diktaturgelüste auf geistigem Gebiet)» schrieb, <bibl corresp="kbga-bibls-795">
                                <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName>, <hi rend="italic">Der Streit um Karl Barth [Leserbrief]</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 6</ref>)</bibl>
                            <hi rend="italic">.</hi>
</note>, wenn ich so denke, wenn ich das ohne Rücksicht auf Andersdenkende offen ausspreche und wenn ich, wo sich Gelegenheit dazu bietet, vermutlich bis an mein Lebensende in diesem Sinn Stellung beziehen und handeln werde: die Demokratie grundsätzlich und darum bestimmt bejahend, die Dik<pb xml:id="p684" ed="pga" break="no"/>tatur ebenso grundsätzlich und bestimmt verneinend?<note xml:id="n21"> Vgl. ein gutes Jahr später eine der Spitzenaussagen zum Thema aus <bibl corresp="kbga-bibls-799">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Rechtfertigung und Recht</hi>, in: Schw.St., S. 13–57, dort S. 53, Anm. 30b</bibl>: «Die Phrase von der gleichen Affinität bzw. Nichtaffinität aller möglichen Staatsordnungen dem Evangelium gegenüber ist nicht nur abgenützt, sondern falsch. Daß man in einer Demokratie zur Hölle fahren und unter einer Pöbelherrschaft oder Diktatur selig werden kann, das ist wahr. Es ist aber nicht wahr, daß man als Christ ebenso ernstlich die Pöbelherrschaft oder die Diktatur bejahen, wollen erstreben kann wie die Demokratie.»</note> Nun, wenn man eine grundsätzliche und bestimmte Entscheidung, durch die die ihr entgegengesetzte abgelehnt wird, oder wenn man das eindeutige Bekenntnis zu einer solchen Entscheidung «<term ref="kbga-terms-1337">Intoleranz</term>» nennen will, dann bin ich wohl «intolerant». Dann sind es aber, wie ich hoffe, wenigstens in <hi rend="italic">dieser</hi> Sache einige andere Eidgenossen mit mir – und nicht zuletzt Dr. <persName ref="kbga-actors-8595">M. L.</persName>,<note xml:id="n22"> Seinen Brief an <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> vom <date>22.4.1937</date> (<ref type="pub" target="#fn_n14">Anm. 14</ref>) schrieb <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName> auch, weil er ihm gegenüber «aus der Anonymität heraustreten» wollte, die er aus «Rücksicht» auf seinen Beruf für «Zeitungsschreibereien» vorzog.</note> der in dieser Zeitung den «Streit um <persName ref="kbga-actors-2151">Karl Barth</persName>» entfacht hat,<note xml:id="n23"> Vgl. ebd., <persName ref="kbga-actors-8595">Looslis</persName> Kommentar: «Zunächst eine Formangelegenheit: Der Titel  ‹<hi rend="italic">Streit</hi> um Karl Barth› stammt aus der Redaktion und ersetzte einen eigenen». </note> zu dem ich als bisher stummer «Patient» nun auch ein Wörtlein sagen möchte.</p>
<p>Es gibt nicht nur <term ref="kbga-terms-1338">politische</term>, es gibt auch <term ref="kbga-terms-1339">
                            <hi rend="italic">kirchliche</hi></term> Entscheidungen. Also Entscheidungen, Stellungnahmen, Bekenntnisse hinsichtlich des Wesens und der <term ref="kbga-terms-295">Aufgabe</term>, der <term ref="kbga-terms-221">Lehre</term> und der <term ref="kbga-terms-214">Botschaft</term> der Kirche: Entscheidungen, bei welchen ebenso grundsätzlich und ebenso bestimmt und gegebenen Falles ebenso offen und laut wie bei den politischen Entscheidungen hier Ja und dort Nein gesagt werden muss.</p>
    <p>Auch Dr. <persName ref="kbga-actors-8595">M. L.</persName> hat wenigstens <hi rend="italic">eine</hi> derartige kirchliche Entscheidung bereits vollzogen, indem er, wie ich annehme, weder <term ref="kbga-terms-142">Katholik</term> noch <term ref="kbga-terms-1311">Freidenker</term>, sondern nun eben <term ref="kbga-terms-310">
                            <hi rend="italic">Reformierter</hi></term> ist. Und ich nehme an, dass diese seine <term ref="kbga-terms-26">Entscheidung</term> echt und begründet ist, d. h. dass er weiß, warum er dieses ist und jenes nicht ist, dass er nicht ebenso gut jenes wie dieses sein könnte und dass er bereit ist, sich in Wort und Tat dazu zu bekennen, dass er dieses, dass er ein Reformierter ist. Obwohl er die schmerzliche Trennung zwischen ihm und vielen katholischen oder freidenkerischen Menschen, denen er in dieser Sache nun einmal <pb xml:id="p685" ed="pga"/> nicht Bruder, <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>sondern nur Freund<note n="a" target="fn-a" type="textcritical" xml:id="na"> Fehlt im <ref corresp="B">Tskr.</ref>; in die Druckfahne hineinkorrigiert.</note> sein kann,<note xml:id="n24"> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/55/p167#p167">S. 167</ref>, aus <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> Schlusswort in der Diskussion nach seinem St. Galler Vortrag, auf den <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName> in seinen beiden Texten mehrfach Bezug genommen hatte: «Und nun – darf ich? – drei Ratschläge oder Bitten auch an die Anderen, an unsere liberalen Freunde. (Freunde will ich sie nämlich gerne nennen, Brüder in Christus – nein, das sind wir nun einmal nicht, wenn und solange wir uns gerade in Christus so gar nicht verstehen!)».</note> gewiss bedauern wird. Kann er es vermeiden, in dieser Sache «intolerant» zu sein? Und kann er es einem<note n="b" type="textcritical" xml:id="nb"> <ref corresp="B">Tskr.</ref> und Druckfahnenkorrektur: «seinem».</note> katholischen oder freidenkerischen Freund verargen, wenn auch dieser ihm selbst insofern «intolerant» gegenübersteht, als er nun einmal nicht ihm zuliebe Ja und Nein zugleich sagen kann? Dr. M. L. müsste ein schlechter Reformierter und sein Freund müsste ein schlechter Katholik oder Freidenker sein, wenn sie sich solche «Intoleranz» nicht gegenseitig zugute halten, ja, wenn sie sie nicht gegenseitig voneinander erwarten und verlangen würden. Wie würden sie sich selbst und wie würden sie sich gegenseitig ernst nehmen, wenn sie nicht ohne Übermut, aber auch ohne Zurückhaltung und Übelnehmerei dazu stehen würden, dass Ja Ja und Nein Nein, dass beides nicht miteinander zu vereinigen und also keineswegs gleichberechtigt sei<note n="c" type="textcritical" xml:id="nc"> In der Druckfahne in «ist» korrigiert.</note>?</p>
<p>So einfach steht es nun freilich nicht, dass man sich hinter der <term ref="kbga-terms-26">Entscheidung</term> für die <term ref="kbga-terms-668">reformierte Kirche</term> beruhigt zum Schlummer legen könnte, als ob weitere Entscheidungen auf diesem Feld nun nicht mehr nötig wären. Gerade wie ja auch hinter der Entscheidung zwischen <term ref="kbga-terms-1336">Diktatur</term> und <term ref="kbga-terms-320">Demokratie</term> bekanntlich noch einige andere, speziellere Entscheidungen warten. (Ich meine z. B., wenn ich die Demokratie bejahe, nicht irgendeine, sondern die besondere <term ref="kbga-terms-1335">schweizerische Gemeindedemokratie</term>!<note xml:id="n25"> Zum schweizerischen System der <term ref="kbga-terms-1335">Gemeindedemokratie</term> vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-800">
                                <hi rend="italic">La démocratie directe dans les communes suisses / Die direkte Gemeindedemokratie in der Schweiz / Della democrazia diretta nei comuni svizzeri</hi>, recueil de travaux publ. par l’Institut de science politique de l’Université de Lausanne sous la direction de M. Bridel, Zürich 1952</bibl>. – Vgl. auch <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> 1946 formulierter Hinweis zum «Helvetizismus  ‹Bürgergemeinde›»: «im schweizerischen Dorf tagen oft hintereinander im gleichen Lokal und in Personalunion der Mehrheit aller Beteiligten die Einwohner-, die Bürger- und die Kirchgemeinde», in: <pb xml:id="FN686" ed="pga"/> <bibl corresp="kbga-bibls-554">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Christengemeinde und Bürgergemeinde</hi> (ThSt[B] 20), Zürich 1946, S. 3</bibl>
                        </note>) Die Kirche und so auch un<pb xml:id="p686" ed="pga" break="no"/>sere reformierte Kirche lebt in der <term ref="kbga-terms-398">Geschichte</term>. Und das bedeutet: Sie existiert nicht fix und fertig in einer vom Himmel gefallenen Gestalt. Sie ist nichts, was sie nicht immer wieder werden, sie hat nichts, was sie nicht immer wieder empfangen müsste. Es muss sich immer wieder zeigen, was sie eigentlich ist. Es muss nach ihrem Wesen und nach ihrer <term ref="kbga-terms-295">Aufgabe</term> immer wieder gefragt und es muss auf diese Frage immer wieder geantwortet werden. Missverständnisse und Verirrungen, aber auch die Gefahr völliger Verkümmerung sind im geschichtlichen Leben der Kirche nicht ausgeschlossen. Aber auch Fortschritte und Wiederherstellungen, Reformationen und Durchbrüche besserer Erkenntnis und <term ref="kbga-terms-224">Ordnung</term> sind möglich. Auf Grund einer solchen Veränderung, freudig begrüßt von den einen, tief beklagt von den andern, ist ja die reformierte Kirche im sechzehnten Jahrhundert entstanden. Sie hat seither nicht aufgehört, der Schauplatz solcher Veränderungen zu sein. Sie wird es auch in Zukunft sein und solange es eine Zeit gibt. In diesen nie abbrechenden Veränderungen erhebt sich unvermeidlich das Problem der <term ref="kbga-terms-1337">Intoleranz</term>. Ganz einfach darum, weil solche Veränderungen sich, aufs einzelne gesehen, in <term ref="kbga-terms-1339">kirchlichen Entscheidungen</term> vollziehen: Entscheidungen für oder gegen einen bestehenden Zustand der <term ref="kbga-terms-221">Lehre</term> und <term ref="kbga-terms-224">Ordnung</term>, für oder gegen eine neue oder auch für oder gegen eine wieder zum Leben erwachende alte Gestalt der Kirche, Entscheidungen, bei welchen wiederum von beiden Seiten sehr grundsätzlich und sehr bestimmt hier Ja und dort Nein gesagt werden muss mit allen betrübenden Konsequenzen, die das wahrscheinlich haben wird. Denn <term ref="kbga-terms-26">Entscheidungen</term> kann man nun einmal nicht vollziehen, ohne dass es auch zu Scheidungen kommt. Und wo es sich um so ernste Entscheidungen handelt wie auf kirchlichem Gebiet, wird es unvermeidlich auch zu ernsten Scheidungen kommen. Beispielsweise: zu ernsten Scheidungen zwischen denen, die das von Dr. <persName ref="kbga-actors-8595">M. L.</persName> dankenswerterweise zitierte <term ref="kbga-terms-48">«Apostolische» Glaubensbekenntnis</term><note xml:id="n26">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-797">
                                <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName> hatte in <hi rend="italic">Nochmals: Der Streit um Karl Barth</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n08">Anm. 8</ref>)</bibl> das Apostolikum ganz zitiert, weil er «diejenigen Leser, die von diesen Dingen nichts wissen – es werden die meisten sein», davon überzeugen wollte, dass die «<hi rend="italic">theologisch</hi>
<term ref="kbga-terms-527">
                                <hi rend="italic">Liberalen</hi></term>», sollte das <term ref="kbga-terms-48">Apostolikum</term> als verpflichtendes <term ref="kbga-terms-146">Bekenntnis</term> wieder eingeführt werden, «<hi rend="italic">automatisch aus der Kirche ausgeschlossen</hi>» werden würden.</note> beja<pb xml:id="p687" ed="pga" break="no"/>hen, und denen, die es <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>ganz oder teilweise<note n="d" target="fn-d" type="textcritical" xml:id="nd"> <ref corresp="B">Tskr.</ref>: «in seinen wichtigsten Bestandteilen»; in der Druckfahne aus der <ref corresp="B">Tskr.</ref>- in die Druckversion korrigiert.</note> ablehnen.<note xml:id="n27"> Im deutschen <term ref="kbga-terms-624">Apostolikumstreit</term> ab <date>1871</date> um die gottesdienstliche Verwendung des apostolischen Glaubensbekenntnisses «fand exemplarisch eine Auseinandersetzung zwischen liberaler und konservativer Theologie statt, in der es zentral um die Modernisierung der evangelischen Kirche ging» (<bibl corresp="kbga-bibls-801">
                                D. Dunkel, Art. «Apostolikumstreit», in: RGG<hi rend="sup">4</hi> I, Sp. 650f.</bibl>). Zu den zeitgleichen Auseinandersetzungen in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/55/p141#fn_n71">S. 141, Anm. 71</ref>.</note> Oder auch: zwischen denen, die zu der sogenannten <term ref="kbga-terms-366">Oxfordbewegung</term> Ja, und denen, die dazu Nein sagen müssen.<note xml:id="n28"> Zu <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> scharfer Abgrenzung von der <term ref="kbga-terms-366">Gruppenbewegung</term> vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/55/p448#p448">S. 448–470</ref>.</note> Nur eine <term ref="kbga-terms-550">tote Kirche</term> oder nur ein totes (ein an dem Prozess des kirchlichen Neuwerdens unbeteiligtes) Glied der Kirche wird sich das ersparen, wird über den «intoleranten» Anblick, den das Leben der Kirche (wenn sie lebt!) immer bieten wird, jammern, wird denjenigen, der auf Entscheidung dringt<note n="e" type="textcritical" xml:id="ne"> <ref corresp="B">Tskr.</ref>: «drängt».</note> und damit die Gefahr der Scheidung sichtbar macht, als Friedensstörer verdächtigen dürfen.</p>
    <p>Dr. <persName ref="kbga-actors-8595">M. L.</persName> hat sich zur Begründung seiner Lehre von der Gleichberechtigung («Zusammenarbeit») der <term ref="kbga-terms-1340">kirchlichen Richtungen</term> auf eine besondere «Tradition der Schweizer Kirchen» berufen. Ich weiß, was er meint. Wäre ich boshaft, so würde ich antworten: ich weiß, dass zwar das <term ref="kbga-terms-267">Dogma</term> von der <term ref="kbga-terms-70">Dreieinigkeit Gottes</term> in den <term ref="kbga-terms-456">Schweizer Kirchen</term> seit rund hundert Jahren nur noch sehr ungewissen, das Dogma von der Dreieinigkeit der kirchlichen Richtungen aber geradezu absoluten Respekt genießt;<note xml:id="n29">
                            <anchor type="cross" xml:id="kbga-texts-55029_2"/>Mit dem Begriff Richtungswesen wurden traditionell die zwei bzw. drei in der Schweiz des 19. Jahrhunderts maßgeblich aktiven Kirchenparteien der <term ref="kbga-terms-455">Positiven</term> und der <term ref="kbga-terms-527">Liberalen</term> (oder Reformer) sowie der <term ref="kbga-terms-528">Vermittler</term> zwischen diesen Beiden bezeichnet. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-552">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Die kirchlichen Zustände in der Schweiz</hi>, in: V.u.kl.A. 1922–1925, S. 14–38, dort <ref type="pub" target="../volume/19/p032#p032">S. 32</ref></bibl>. – Nach 1900 kam der vor allem von <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName> und <persName ref="kbga-actors-240">Hermann Kutter</persName> forcierte <term ref="kbga-terms-438">Religiöse Sozialismus</term> als weitere, zahlenmäßig kleinere Kirchenpartei hinzu. Vgl. zum Ganzen: <bibl corresp="kbga-bibls-45">
                                <persName ref="kbga-actors-8836">L. Kratzert</persName>, <hi rend="italic">Theologie zwischen Gesellschaft und Kirche. Zur nationalen Prägung von Gesellschaftslehren deutscher und schweizerischer Theologen im 20. Jahrhundert</hi> (ChrKu 14), Zürich 2013, S. 43f.63–65</bibl>.</note> ich weiß, dass die <term ref="kbga-terms-285">Toleranz</term> der Tolerantesten im Schweizerland ein Ende zu haben pflegt, wenn an <hi rend="italic">dieses</hi> <pb xml:id="p688" ed="pga"/> Dogma gerührt wird! Nun, ich bin nicht der Mann, die <term ref="kbga-terms-306">Tradition</term> und im Besonderen eine kirchliche Tradition als solche zu verachten. Es ist aber eine gute reformierte Selbstverständlichkeit, dass es auch keine kirchliche Tradition gibt, die nun etwa als solche jemals ungeprüfte und unbegründete<note n="f" type="textcritical" xml:id="nf"> <ref corresp="B">Tskr.</ref>: «unbe-»; das Wort wird vor einem Seitenende getrennt, aber auf der folgenden Seite nicht fortgesetzt.</note> Geltung beanspruchen dürfte. Es gibt gute und es gibt schlechte <term ref="kbga-terms-306">Traditionen</term>. Und das ist sicher: Wenn das Dogma von den drei <term ref="kbga-terms-1340">Richtungen</term> den Inhalt hat, dass grundsätzlich keine <term ref="kbga-terms-26">Entscheidung</term> innerhalb der reformierten Kirche ernsthaft werden, jede nur den Charakter einer ungefährlichen «Meinungsverschiedenheit» tragen darf, dann haben wir es in ihr mit einer schlechten und nicht zu respektierenden Tradition zu tun, von der uns zu befreien wir endlich – liberal genug sein sollten<note n="g" type="textcritical" xml:id="ng"> <ref corresp="B">Tskr.</ref>: «konnten».</note>! Gäbe es nämlich keine ernsten kirchlichen Entscheidungen, wäre es unstatthaft, solche zur Sprache zu bringen und auf solche zu drängen, dann könnte man die reformierte Kirche ebensogut auflösen. Sie wäre dann tot und wenn sie äußerlich das regste Leben zeigte. Denn der Geist der <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term>, aus dem sie vor vierhundert Jahren entstanden ist, hätte sie dann verlassen. Ich glaube, dass der <pb ed="A" n="2"/> Geist der Wahrheit unsere Schweizer Kirchen noch nicht verlassen hat. Darum protestiere ich gegen jene Tradition. Darum rechne ich mit der Notwendigkeit ernster kirchlicher Entscheidungen. Darum habe ich jener Tradition in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName> zuwider gehandelt<note xml:id="n30"> Im ganzen Absatz spielt <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
auf die von <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName> in beiden Texten angesprochene Auseinandersetzung beim Jahrestreffen des <orgName ref="kbga-actors-5619">Schweizerischen reformierten Pfarrvereins</orgName> im <date>September 1935</date> in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName> an, bei und nach dem er für seine im Vortrag und in seinem Diskussionsvotum enthaltenen Spitzen und harten Worte gegen die <term ref="kbga-terms-676">Liberale Theologie</term> heftig angegangen wurde. Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/55/p109#p109">S. 109–169</ref>, bes. <ref type="pub" target="../volume/55/p114#p114">S. 114–116</ref>.</note> und darum werde ich es wieder tun.</p>
<p>Um den Gegensatz und um die Entscheidung zwischen <term ref="kbga-terms-1336">Diktatur</term> und <term ref="kbga-terms-320">Demokratie</term> kann es – alles zu seiner Zeit und an seinem Ort! – in der Kirche allerdings nicht gehen. Diktatur hieße: Persönliche Herrschaft eines einzelnen, Demokratie hieße: Gemeinsame Herrschaft aller in der Kirche vereinigten Menschen. Beides ist unmöglich, denn in der Kirche <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>haben keine Menschen<note n="h" target="fn-h" type="textcritical" xml:id="nh"> <ref corresp="B">Tskr.</ref>: «hat kein Mensch»; in der Druckfahnenkorrektur von der <ref corresp="B">Tskr.</ref>- in die Druckversion korrigiert.</note>, sondern allein das <term ref="kbga-terms-50">Wort Gottes</term> <pb xml:id="p689" ed="pga"/> zu herrschen, alle Menschen aber gemeinsam zu <term ref="kbga-terms-376">gehorchen</term>.<note xml:id="n31"> Vgl. die erste These der Barmer Theologischen Erklärung: «<hi rend="italic">Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-3">
                                V.u.kl.A. 1934–1935, 
                                    <ref type="pub-" target="../volume/52/p296#p296">S. 296</ref></bibl>).</note> Und eben darum geht der heutige <term ref="kbga-terms-688">Streit in der Kirche</term> in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName>, in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> und anderswo: ob die Ideen, Überzeugungen, Meinungen und Gefühle einzelner oder auch sämtlicher Menschen in der Kirche über deren <term ref="kbga-terms-221">Lehre</term> und <term ref="kbga-terms-224">Ordnung</term> bestimmen sollen oder aber das <term ref="kbga-terms-50">Wort Gottes</term>. Darum und nur darum ist es auch in der so berüchtigt gewordenen Begegnung in <placeName ref="kbga-places-105">St. Gallen</placeName> gegangen. Ich müsste ein Narr sein, wenn ich eine Diktatur in der Kirche anstrebte und nun gar noch für mich selbst anstrebte. Ich müsste aber wiederum ein Narr sein, wenn ich in dem Gegensatz, um den es wirklich geht, auch nur einen Finger breit nachgeben würde: nur darum, weil so viele liebe Freunde und Mitbürger sich bis jetzt noch nicht genügend darüber unterrichtet haben, was denn eigentlich Kirche ist <hi rend="italic">im</hi>
<term ref="kbga-terms-308">
                            <hi rend="italic">Unterschied</hi> zum Staat</term> – nur darum, weil <term ref="kbga-terms-1339">kirchliche Entscheidungen</term> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> eine so ungewohnte Sache geworden sind. Was kann ich tun, als diese Freunde und Mitbürger und unter ihnen auch Herrn Dr. <persName ref="kbga-actors-8595">M. L.</persName> in aller <term ref="kbga-terms-285">Toleranz</term> und Höflichkeit einladen, sich doch nicht darauf zu versteifen, dass sie «<term ref="kbga-terms-932">Laien</term>» seien,<note xml:id="n32"> Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-797"> <persName ref="kbga-actors-8595">Loosli</persName>, <hi rend="italic">Nochmals: Der Streit um Karl Barth</hi> (<ref type="pub" target="#fn_n08">Anm. 8</ref>)</bibl>: «Als Laie äussere ich mich dabei nicht – es sei nochmals wiederholt – zur <hi rend="italic">Theologie</hi> <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>, sondern nur zu kirchenpolitischen Vorgängen.»</note> sich also besser zu unterrichten und sich dann daran zu gewöhnen, dass es auch in der Schweiz kirchliche Entscheidungen gegeben hat, gibt und geben wird?</p>
<anchor type="cross" xml:id="kbga-texts-55029_end"/>
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</TEI>
