Calvin
CALVIN
VORTRAG, GEHALTEN AM 22. JANUAR 1936
IN DER AULA DER UNIVERSITÄT ZÜRICH
ZUR CALVINFEIER DES LESEZIRKELS HOTTINGEN
Diesen Vortrag hielt
Die Verabredung zu einem Vortrag über Calvin im «
289 Der Vortrag in der «gefüllten Aula» der
Im gedruckten Text reagierte Barth mit einer Fußnote, die solche Kritik
lediglich benennt und kurz kommentiert.10 In der Antwort auf einen ihn erreichenden Brief aber setzte er
sich genauer mit den dort enthaltenen Vorhaltungen auseinander und
führte unter anderem aus: |290 «Das Missverständnis, dem ich vielleicht mit
meinem Schlusssatz Vorschub leistete, beruht in der Annahme, ich habe
Auf der Rückreise von
Vorarbeiten zum Text sind nicht erhalten. Die von Barth übersetzten Sätze
und Abschnitte aus den Werken Calvins werden im Folgenden in den von ihm verwendeten
Quellen ausgewiesen, soweit dies möglich ist.16 Zu einem guten Teil sind sie in den lateinischen Texten seiner
im KBA erhaltenen
291 Der Vortragstext wurde veröffentlicht in:
Calvin
Zürich
Im März des Jahres 1536, zur Frankfurter Messe, erschien in der
Offenbar ist es die demnächst fällige Centenarfeier dieses Buches und des
Beginns der mit dem Namen seines Verfassers so eng verknüpften Genfer Reformation, die mir die Ehre des
Auftrags verschafft hat, heute in diesem Kreise über
Und nun habe ich mir ernstliche Gedanken darüber gemacht, in welcher Form ich
meinem Auftrag am besten gerecht werden könnte. Sollte ich eine Zeichnung
und Charakterisierung des überaus seltsamen, widerspruchsvollen und
aufregenden Phänomens versuchen, das man
Calvins
«Persönlichkeit» zu nennen pflegt?25 Oder einen Umriss seiner in der Institutio zusammengefassten Lehre, der
besonderen calvinischen Theologie, 5 ihrer Intentionen, ihrer Eigentümlichkeiten, ihrer
Probleme? Oder ein Bild des lebendigsten und anschaulichsten der von Calvin
geschaffenen und hinterlassenen Werke: der nach Idee und Wirklichkeit so
merkwürdigen Erneuerung der Stadt
297 Erlauben Sie mir nun, eine ganz andere, viel einfachere, aber, wie mir
scheint, noch sinnvollere Möglichkeit zu wählen. Ich möchte, statt Ihnen
irgend etwas über
Ich habe zu diesem Zweck auf gut Glück und ohne besondere Absicht in die
literarischen Werke Calvins hineingegriffen und kurz zusammengestellt, was
Calvin zur Erklärung eines Ihnen Allen wohlbekannten biblischen Textes,
nämlich des von Jesus seinen Jüngern vorgesprochenen Gebetes, des
sogenannten
Unser Vater gesagt hat: im Katechismus der Genfer
Kirche von 1545 (Abschnitt III),33 in der Institutio (in der
abschließenden Fassung von 1559, III, 20,35–47)34 und in der Auslegung der drei ersten Evangelien von 1555 (zu
Und so hören Sie nun Johannes Calvin!*)
1.
8
38-Sechs Bitten enthält das Unser Vater,
von denen die drei ersten (vom Namen, vom Reich und vom Willen Gottes) im
Besonderen die
Ehre Gottes, die drei letzten (vom täglichen Brot, von der Vergebung der Sünden,
von der Bewahrung in der Versuchung) unser eigenes Wohl und
Heil zum Inhalt haben. Wir denken an dieselbe Reihenfolge in den
Zehn Geboten. Die Voranstellung jener drei ersten Bitten besagt, dass sie auch die
drei letzten beherrschen und bestimmen. In der Unterordnung unserer eigenen Sorgen unter die Frage nach der Ehre Gottes (gloria
Dei) werden wir für uns selbst recht beten, nicht sonst! Denn
eben was zur Ehre Gottes dient – aber auch nur das! –,
wird auch uns selbst heilsam sein.-38 Indem wir z. B. ganz auf Gott gerichtet, im Übrigen sozusagen
blindlings, nach keinem Erfolg für uns selbst fragend, ja nach dem Vorbild
des
2.
Unser Vater, der du bist im Himmel!44 45-so darf und so will Gott von uns angeredet werden.
Wie kommen wir dazu, Gott unseren Vater zu nennen? Nicht
etwa aus einem dem Menschen als solchem eigenen Recht und Vermögen.
Törichte, ja wahnsinnige Anmaßung wäre es, uns ein solches zuzuschreiben. Im
Namen Jesu Christi nen9nen wir ihn so. Im
Namen Jesu Christi also will Gott angerufen, wollen auch die sämtlichen
Bitten des Unser Vater gebetet sein. Was
heißt das: «Im Namen Jesu Christi»? Das heißt: daraufhin, dass Jesus
Christus der eine wahre
Sohn Gottes, dieser eine wahre Sohn Gottes
aber uns zum Bruder gegeben ist, daraufhin, dass er als
das Ebenbild Gottes
Gottes Väterlichkeit in unserer Mitte
offenbart hat, und daraufhin, dass wir, indem wir im Glauben Glieder an
seinem Leibe werden und sind, sein eigentliches und ursprüngliches Recht und
Vermögen, Gott Vater zu nennen, als auf uns übertragen
auch für uns in Anspruch nehmen dürfen.-45 46-So also, ganz und gar auf Jesus Christus als auf den
einge|302borenen Sohn Gottes und unseren Mittler blickend, erkennen und bekennen wir,
indem wir Gott «Vater» nennen: Wir haben
offenen Zugang zu Gott. Gott liebt uns. Er ist bereit, uns zu hören und zu
erhören.-46 47-Aber der göttliche Inhalt ist größer als unser
menschlicher Begriff: Gott, der Vater Jesu Christi, ist uns ja Fürsorger und Versorger wie es kein menschlicher Vater seinen Kindern ist. Er wird sich uns unter
keinen Umständen versagen; denn er kann sich selbst nicht verleugnen [
303 Unseren Vater dürfen und sollen wir Gott heißen.53 54-Unseres Herzens Engigkeit würde es gewiss nicht zulassen, dass wir uns von uns aus der in Jesus Christus geschehenen Offenbarung der Unendlichkeit göttlicher Huld öffnen würden. Aber der Heilige Geist bezeugt uns, was wir uns selbst zu sagen nicht vermögend sind: wirklich auch wir sind um Jesu Christi willen Gottes Kinder; wirklich auch ich bin es. Darum und daraufhin gilt es, das besitzanzeigende Fürwort: unser Vater!-54 55-Aber indem es gilt, sagt es noch mehr als das, stellt es uns offenbar, indem es nicht «mein», sondern «unser» heißt, in eine Reihe, in einen Zusammenhang mit Anderen, denen Gott auch Vater 10 sein will und ist. Beten ist notwendig die Übung in der Liebe. Haben wir in Gott unseren gemeinsamen Vater, dann ist auch alles Gute, das von ihm kommt, unsere gemeinsame Sache, dann sind wir einander in unserem ganzen Tun und vor allem in dem Besten, was wir tun können, nämlich eben in unserem Gebet, gegenseitig verpflichtet. Wie könnten wir unseren Vater lieben, ohne eben damit auch seinem ganzen Volk, und zwar den uns bekannten Genossen unseres Glaubens, aber auch den anderen Menschen auf Erden, für die wir nur hoffen können, unsere Fürbitte schuldig zu werden?-55 Wie könnten wir Gott als unseren Vater anrufen, ohne die Gemeinschaft in seinem Reich und Hause zum eigentlichen Gegenstand unseres Bittens zu machen?56 |304 Dem besonderen Beten für uns selbst und für diese und jene Andere kann dadurch kein Eintrag geschehen, dass es in diesen Zusammenhang und Rahmen gestellt wird, dass wir, was wir mit anderweitiger Hilfeleistung ja nicht können, betend auch für die uns Unbekannten, Fremden und Fernen einstehen.57
58-Unser Vater im Himmel ist Gott. Eine Begrenzung Gottes
gerade auf den Raum des Himmels kann damit natürlich nicht ausgesagt sein.
Im Gegenteil: «Aller Himmel Himmel können dich nicht fassen»-58 [
3.
63-Und nun sei also beim Gebet unsere erste und alles beherrschende Sorge in keinem Sinn die Sorge um uns selbst, son11dern die Sorge um Gottes Ehre, in der die Sorge um uns selbst in jeder Hinsicht wohl aufgehoben sein wird. Unsere Gottesfurcht wird damit auf die Probe gestellt, dass wir in den nun folgenden drei ersten Bitten ganz mit Gott selber beschäftigt werden.
Geheiligt werde dein Name!-63 Gottes Name ist Gottes Ansehen, Geltung und Würde in der Welt, unter uns Menschen.64 In sich selber kann Gottes Ehre, d. h. seine Weisheit, Macht, Güte, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Wahrheit weder zunehmen noch abnehmen.65 66-Sie kann aber bei uns in Ehren oder Unehren stehen, anerkannt oder nicht anerkannt, es kann also Gottes Name geheiligt oder nicht geheiligt werden. Gott kann unter uns in dem Ansehen, in der Geltung, in der Würde stehen, die seiner Ehre entspricht, und es kann das Gegenteil der Fall sein. Das Gegenteil ist aber der Fall! Die Notwendigkeit ge|306rade dieser ersten Bitte gereicht uns zur Schande.-66 Unsere Undankbarkeit verdunkelt, unsere Frechheit zerstört die Ehre Gottes, nicht in seinem eigenen, wohl aber – und das ist ungeheuerlich und folgenschwer genug – in unserem Bereich.67 68-Und nun liegt es nicht in unserer eigenen Macht, daran etwas zu ändern und also den Namen Gottes heilig zu machen. Eben darum sind wir aufgerufen, darum zu bitten, dass er geheiligt werde.-68 Was würde die Erfüllung dieser Bitte bedeuten? 69-Wo immer Gott redet und handelt, da offenbart er uns auch seine Ehre, stellt er sich uns dar in seiner Weisheit, Allmacht, Gerechtigkeit und Güte. Heiligung seines Namens würde also bedeuten: dass wir ihm bezeugen, dass wir diese seine Selbstdarstellung zu Herzen genommen und als wahr erkannt haben. Das heißt aber, dass wir ihm geben, was ihm nach dieser seiner Selbstdarstellung gebührt und zukommt, dass wir Ehrfurcht lernen. Es würde diese Ehrfurcht darin bestehen, dass wir in allen Werken, Fügungen und Führungen Gottes, in den uns hart und in den uns gütig erscheinenden, ohne Rücksicht auf unsere Wünsche und weit entfernt davon, unsere Wünsche eigenmächtig geltend zu machen, seiner Selbstdarstellung, der Darstellung seiner Ehre mit Respekt, Dank und Lob begegnen, uns im Gehorsam des Glaubens damit abfinden würden: Gottes Ehre erwies sich, erweist sich und wird sich erweisen auch in diesem und diesem Ereignis und Widerfahrnis unseres Lebens;-69 meine 12 Sache kann |307 auch in dieser Situation nur die sein, von innen heraus zu Gott Ja und 70-nicht ein ihn profanierendes, d. h. ihn willkürlich an meinem eigenen Maß messendes, aufrührerisches Nein-70 zu sagen. 71-Aber diese Ehrfurcht (reverentia) werden wir nicht lernen, wenn sie uns nicht gelehrt wird. Und nur Gottes eigenes Wort, nur die heilige Schrift kann und wird sie uns lehren.-71 Dass Gottes Name geheiligt werde, das bedeutet also, dass sein Wort den Unglauben und die Verachtung, die wir ihm entgegenbringen, überwinde und uns zum Sehen seiner Offenbarung in allen seinen Werken und zum Glaubensgehorsam gegenüber jeder seiner Fügungen und Führungen erziehe, damit in diesem unserem Gehorsam Gottes Majestät heller und heller zum Leuchten komme.72 Dass dies geschehe, das soll unsere erste Bitte sein, und wir haben es, indem wir uns dessen schämen, dass sie überhaupt nötig ist,73 als eine unverdiente Auszeichnung anzusehen, dass Gott uns, indem er uns gerade so zu ihm beten heißt, an seiner eigenen Sorge um seine Ehre teilnehmen lässt.74
4.
Es komme dein Reich!75 76-Diese zweite Bitte ist eine Wiederholung und Näherbestimmung der
ersten. Dass das Reich Gottes komme, das
sagt ja sachlich nichts Anderes, als dass Gottes
Name geheiligt werde,-76 nun aber in dem besonderen Sinn: 77-dass seine Herrschaft unter uns Menschen und also in dem Bereich des gegen
sie erhobenen Widerstandes so oder so immer
mehr aufgerichtet werde und triumphiere, bis die Wiederkunft Jesu Christi mit dem jüngsten Tag ihre uneingeschränkte Geltung bringen und also Gott
alles in allem sein wird [vgl.
Es geht nämlich einerseits – und das ist das eigentliche und positive Kommen
des Reiches Gottes – darum, dass Gott
seine
Kirche, d. h. seine
Erwählten sammelt, regiert und heiligt durch sein Wort und seinen Geist, indem
er ihnen seine Wahrheit immer
einleuchtender und anschaulicher werden lässt.78 Sein 13 Ziel ist ein radikales: 79-Ihr Sinn und
Herz, ihre Triebe und Begierden sollen in freiwilligem Gehorsam dem Szepter
seines Wortes untertan werden.-79 Vorher und |309 ohne das gibt es keinerlei wirkliche Ordnung in der Welt.80 Aber wie soll es dazu kommen? Unser aller natürlicher Zustand ist
ein solcher, dass alle unsere Affekte ebenso viele Soldaten im Dienste des
Satans sind.81 Unter die Regierung des Wortes und Geistes Gottes kommen, heißt also
nicht mehr und nicht weniger als: Untergang dieses alten, natürlichen Menschen, Verneinung unserer selbst (abnegatio
nostri), ein neues
Leben.82 83-Eben dieses Absolute kann und muss sich nun im Relativen, in
einem täglich fortschreitenden einzelnen Geschehen anbahnen: darin, dass uns
die Werke dieser Welt und dieses Lebens geringfügig werden, dass unseren
Leidenschaften ein Zügel angelegt wird, dass unser innerstes Empfinden die
Gestalt des Gehorsams bekommt, dass wir
zum Bedenken und zum Suchen des himmlischen
Lebens angeleitet werden – kurz, dass wir unser Kreuz auf uns
nehmen-83 [vgl.
Aber es gibt auch eine ganz andere Weise dieses Kommens. Sie folgt jener wie
der Schatten dem Licht. 87-Wie, wenn sich die Willkür
gewisser Menschen nun nicht zähmen ließe?-87 Dann müsste und würde sie wohl – und auch das wäre das Kommen des
Reiches Gottes – ganz schlicht gebrochen werden.88
Gottes Licht und Wahrheit haben, indem sie siegreich fortschreiten, auch diese
vernichtende
Kraft.89 Als solche trifft sie die Feinde der Offenbarung und der Kirche
Gottes, schlägt sie nieder, macht zunichte ihre Pläne und
Unternehmungen.90 Es gibt 14
Verworfene (reprobi), für die das Kommen des
Reiches Gottes das bedeutet und nur das bedeuten kann.91 Und es gibt einen
Antichrist, den Gott mit dem Geist seines Mundes – mit demselben Geist, mit dem
er seine Erwählten zurecht bringt – töten wird [vgl.
95-Dass dieses Ganze geschehe und seinen Lauf nehme bis zu Ende, das ist’s, worum wir beten, wenn wir beten: Es komme dein Reich! Wir können und werden einfach um die siegreiche Kraft des Wortes und Geistes Gottes beten.-95 Wir können uns aber nicht verhehlen, dass diese Kraft, wenn unsere Bitte erhört wird, jene zweifache Wirkung haben wird.
5.
96-Die dritte Bitte ist eine Näherbestimmung der zweiten, wie die zweite eine Näherbestimmung der ersten ist. Nicht um jenes zwangsläufige, negative, auch an den Verworfenen, auch am Antichrist, auch am Teufel sich auswirkende Kommen des Reiches Gottes bitten wir offenbar, wenn wir um den Sieg seines Wortes und Geistes bitten, sondern wir bitten – so wenig wir jenen dem Licht folgenden Schatten ausschließen wollen können – um das Eigentliche, das Positive: Es geschehe dein Wille auf Erden wie im Himmel!
Im Himmel, das heißt durch Gottes heilige
Engel geschieht der Wille Gottes eben nicht zwangsweise, nicht in
Form eines über sie verhängten Gerichtes, nicht bloß so, dass sie
widerwillig und zu ihrem eigenen Verderben dennoch zu seinem Dienste stehen
müssen. Sondern die heiligen Engel sind Gottes freiwillige, von innen
heraus, aus eigener Neigung und Bewegung (sponte) beständig zum Hören und Gehorchen bereite Diener.-96 Im Himmel geschieht der Wille Gottes in |312 der Weise, dass die
himmlischen Wesen sich, indem sie ihn erfüllen, in Übereinstimmung (consensus) mit ihm befinden.97 Dass er auch auf Erden so geschehe, also in der
eigenen Freiheit, aber in der mit der Freiheit
Gottes übereinstimmenden Freiheit des
Menschen, darum
15 dürfen und sollen wir bitten.98 Wir bitten also dennoch und gerade um jenes Absolute: um die Verneinung unserer selbst, um ein neues
Herz und um eine neue Vernunft, um den Heiligen
Geist, dass er uns in unserem eigenen Innern (intus) lehre zu lieben, was ihm gefällt, und zu hassen, was
ihm missfällt.99 100-Dieses Absolute wird nun freilich – und nicht irgend eine
Resignation, sondern das Wort Gottes sagt
uns das – bis zum Ende der Welt niemals
Ereignis werden. Wir werden jetzt und hier nie sein wie die heiligen Engel Gottes, und insofern wird jetzt und
hier der Wille Gottes auf Erden nie so
geschehen, wie er im Himmel geschieht. Das ändert aber nichts an der
Notwendigkeit und an dem Sinn der Bitte um dieses
Absolute. Bittend um die Herstellung jener Übereinstimmung unseres freien Willens mit dem Gottes werden wir ja
jedenfalls bezeugen: wir trauern darüber, dass sie noch |313 nicht hergestellt
ist; wir strecken uns aus nach ihrer Herstellung.-100 Ganz deutlich wird es gerade hier: 101-wir beten in diesen drei
ersten Bitten nicht um unserer selbst, sondern um der Ehre Gottes willen. Ihre eigentliche
Erfüllung – das Geschehen jenes Absoluten, um das wir hier letztlich und
eigentlich bitten, liegt jenseits unserer Gedanken, Wünsche und Bitten. Wird
es zu seiner Zeit, die Gottes Zeit ist,
Ereignis werden, so ist es doch jetzt und hier schon unsere Sache, mit
unseren Gedanken, Wünschen und Bitten Gott zu geben, was Gottes ist [vgl.
6.
Und nun – auf diesem Hintergrunde und ohne dass dieser auch nur einen
Augenblick zu übersehen wäre – 102-dürfen und sollen auch unsere eigenen Anliegen zu Worte kommen. Wir nehmen von jenen
drei ersten Bitten die Regel mit: wir können nur um das bitten, was als
|314 Gottes uns zu erweisende Wohltat auch
seiner Ehre dient; ihm sterben wir – ihm
leben wir auch [vgl.
103-In diesem Sinn also zunächst die vierte Bitte: Unser
tägliches Brot gib uns heute! Es geht um die Befriedigung der
natürlichen, leiblichen Bedürfnisse unserer Existenz und um das Bedürfnis,
sie, soweit es Gott für recht und gut hält, in Ruhe und Frieden zubringen zu
dürfen. Das Bedürfnis nach Brot und alle auf dieser Linie liegenden Bedürfnisse sind nicht etwa zu äußerlich
und zu gering, um allen Ernstes vor Gott gebracht zu werden.-103 Die Meinung des
Um unser tägliches Brot geht es, d. h. um das Zuhandensein des uns Nötigen jeweils dann, wenn wir es wirklich nötig haben.107 Dieses «täglich» erinnert uns also zugleich an das rechte Maß unseres äußerlichen Begehrens und daran, dass Gottes Wohltat nicht einfach ein Zustand ist, sondern ein Ereignis, das immer wieder eintreten und geschehen muss.108
Es könnte ja nun gefragt werden: wozu Gott um das bitten, was wir uns offenbar durch unserer Hände Arbeit erwerben müssen?109 110-Nun, eben darum heißt es: unser tägliches Brot gib uns heute! «Unser» wird es in der Tat durch redliche, fleißige, mühevolle Arbeit, während es, durch schlauen oder räuberischen Zugriff in unsere Hand gebracht, nicht das «unsere» zu heißen verdienen würde.-110 Wir haben aber zu bedenken, dass es auch als von uns erarbeitetes nicht «unser», d. h. das uns nährende und erhaltende Brot wäre ohne Gottes Gnade. Gibt es doch kein geschaffenes Wesen, das sein Sein, sein Leben, 17 seine Kräfte auch nur auf einen Augenblick aus und in sich selber hätte, und nicht vielmehr aus dem ihm jeden Augenblick aufs Neue Sein, Leben und Kraft gebenden und sich seiner bedienenden Segen Gottes (certe tenendum est, omnem substantiam nihil esse nisi qua|316tenus effusa sua benedictione Dominus eam continuo progressu foecundat: quae etiam in manu nostra est, ne eam quidem nostram esse, nisi quatenus in singulas horas portiunculam nobis largitur, usumque permittit [Instit. III 20,44]111). Also: 112-nicht das Brot selbst und noch weniger unsere Arbeit und Mühe darum, sondern Gottes Segen macht das Brot zu dem, was wir zu unserer Ernährung und Erhaltung suchen und brauchen. Und also haben wir ihm auch für das von uns erarbeitete Brot als für ein schlechthiniges und unverdientes Geschenk zu danken und es, unseres eigenen Wirkens und Schaffens unbeschadet, jeden Tag und immer aufs Neue von ihm zu erbitten. Damit erledigt sich auch die Frage: ob denn auch die Reichen, die für ihr tägliches Brot direkt zu arbeiten nicht nötig haben, diese Bitte zu der ihrigen zu machen haben? Selbstverständlich auch sie!-112 Wir könnten ja alles in der Fülle besitzen und doch gar nichts haben, wenn wir es nicht in derjenigen Wirksamkeit haben würden, in der wir es nur aus der Hand Gottes empfangen können.113 Wer gierig mehr haben wollte als sein tägliches Brot oder wer sich in dessen Besitz satt und sicher fühlen sollte, der könnte und würde diese Bitte freilich nicht recht beten, sondern zum Gespött machen.114 Und das ist’s, was hier nicht geschehen darf.
7.
115-In den zwei letzten Bitten geht es um unser eigentliches, himmlisches Leben, in dem von Gott zwischen ihm und uns gestifteten Bunde. Zwei Momente konstituieren dieses Leben, beide nur als Gaben Gottes verständlich zu machen: dass wir durch Vergebung unserer Sünden mit Gott versöhnt werden und dass sein Heiliger Geist uns regiere. Von der ersten dieser Gaben redet die fünfte Bitte.
Und vergib uns unsere Schulden!-115 116-Das sind unsere Sünden: sie
sind Schulden, Taten, die wieder gut gemacht werden
sollten, weil sie nicht gut getan sind. Sie müssten darum
18 wieder gut gemacht werden, weil jede einzelne von
ihnen unseren ewigen Tod nach sich zieht.
Wir können sie aber nicht wieder gut machen. Wir werden auch die kleinste
Schuld nicht bezahlen.-116 Wenn es keine göttliche
Barmherzigkeit und keine Vergebung gibt, dann sind wir verloren.117 Aber es gibt eine göttliche Barmherzigkeit: In Christus hat Gott sich selbst genug getan
(sua ipsius misericordia sibi satisfaciens in
Christo, qui semel in compensationem seipsum tradidit [Instit.
III 20,45]118) und die Wiedergutmachung aller unserer Sünden ein für allemal
vollzogen. 119-Und daraufhin gibt es eine Vergebung, eine von uns nicht
verdiente noch zu verdienende Freisprechung, auf die hin Gott uns annimmt,
wie wenn wir ganz gerecht und unschuldig wären, auf die hin wir unseres
Heils gewiss sein dürfen.-119 120-Es gibt aber keinen Weg zur |318 Schuldlosigkeit und also zum ewigen Leben ohne diese freie göttliche
Barmherzigkeit und Vergebung. Und darum sind wir alle
dauernd aufgerufen zu bitten: Vergib uns unsere Schulden!-120 121-Keiner ist je so gerecht, dass er der Vergebung nicht bedürfte
oder dass er sie sich selbst verschaffen könnte. Wer sich hier ausschließen
würde, würde sich eben damit von der Kirche ausschließen.-121 122-Das gilt einmal gegenüber allen Versuchen, allerlei
Genugtuungen und Ersatzleistungen auf den Plan zu stellen. Wer das tut,
spricht sich selbst das Urteil: bestätigt er doch damit seine Pflicht und
Schuld, um sich, indem er offenbar die Gnade ausschlägt, indem er leisten will, was Gott für ihn
geleistet hat, selber dem dann allein übrigbleibenden Gericht zu überliefern. Und ebenso schlimm
wäre es, sich mit irgend einer schon erreichten Vollkommenheit trösten zu
wollen. Wer die Sünde so los werden will, der wird Christus los. Denn Christus nimmt nur Sünder an.-122 Und wer die Sünde so los werden
will, macht Gott zum Lügner |319 [vgl.
Was aber bedeutet der Zusatz: wie auch wir vergeben unsern Schuldigern? Menschen Sünden zu vergeben, 19 steht nicht uns, sondern allein Gott zu.127 Wir können aber Gottes Güte nachahmen:128 wir können einander verzeihen ; wir können unseren natürlichen Zorn gegen die, die uns beleidigt und geschädigt haben, zurückstellen; wir können das uns widerfahrene Unrecht freiwillig vergessen.129 130-Es kann nun keine Rede davon sein, dass wir uns, indem wir das tun, die Vergebung, die wir selbst nötig haben, nun doch verdienen könnten. Nur um Jesu Christi willen und nicht, weil wir unseren Schuldigern |320 verzeihen, wird uns vergeben.-130 Aber wenn wir einander wirklich nicht verzeihen könnten, dann müssten wir das für ein Zeichen nehmen, dass Gott uns unsere Schulden nicht vergeben hat, dass wir aus der Gemeinschaft der Kinder Gottes ausgeschlossen sind.131 Umgekehrt mag uns das, dass wir verzeihen können, ein Zeichen, eine durch Gottes besondere Güte uns gegebene Erkennungsmarke (tessera) sein, dass wir Vergebung empfangen haben und also Gottes Kinder sind132 – unterschieden von denen, die draußen sind.133 Als die, die ihren Schuldigern verzeihen können, werden wir also wissen, dass wir nicht vergeblich bitten: Vergib uns unsere Schulden!134 – weil Gottes Gnade uns dann schon gefunden hat, indem wir sie suchen.
8.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen! Das sind nicht etwa zwei verschiedene Bitten, sondern das will im Zusammenhang und also so verstanden sein: «Damit wir nicht in Versuchung kommen, erlöse uns von dem Bösen!»135
321 136-Es geht um die Gabe des Heiligen
Geistes in dieser sechsten und letzten Bitte. Anders ausgedrückt:
es geht darum, dass Gott sein Gesetz in
unser Herz schreibe [vgl.
9.
150-Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Das ist die Aufforderung, unser Beten auf alle Fälle im Lobe Gottes münden und endigen zu lassen.-150 151-Das ist aber zugleich eine letzte, aufs Ganze gehende sachliche Erinnerung von entscheidendem Gehalt. Wie können und wollen wir nun eigentlich unserem Beten Lebendigkeit, Kraft und Nachdruck verschaffen? Welche Empfehlung haben wir denn etwa bei Gott, den wir im Gebet anreden? Und auf was hin wagen wir es eigentlich, auf Erhörung zu hoffen? Werden uns unsere Verdienste dazu in den Stand setzen? Oder sollen wir unser Vertrauen auf die Innigkeit unseres Vertrauens setzen?-151 152-Wahrlich, wenn es auf unsere äußere oder innere Würdigkeit im Gebet ankäme, dann dürfte keiner von uns sich unterwinden, vor Gott auch nur zu mucksen (mutire). Aber sei es denn, dass wir uns ganz und gar elend, ganz und gar unwürdig, ganz und gar ohne irgend eine Empfehlung bei Gott einstellen (und es ist so!) – eines bleibt: Gott selbst, der unser Vater ist, kann sein Reich, seine Kraft, seine Herrlichkeit von niemand und durch nichts genommen werden.-152 Daraufhin wagen wir es zu beten: unsere Bitten alle miteinander sind gegründet, stark und lebendig in Gott selbst, an den wir sie richten – nirgends sonst, also nicht in uns –, aber in ihm so gegründet, so stark, so lebendig, dass wir im Glauben an ihn ganz getrost sein dürfen.153 |325 Darum sprechen wir denn auch mit dem Amen nicht nur unsere Sehnsucht nach dem Erbetenen, sondern schon die Gewissheit seiner Erhörung aus: Er wird es tun, nicht um unseretwillen, nicht um unserer Gerechtigkeit, sondern um seines Namens willen.154 Warum hört uns, warum 22 hilft uns Gott? Ja, warum? 155-Causam a se ipso petit: Er nimmt den Grund dazu aus sich selber, und darum schöpfen wir unsererseits unsere Zuversicht ex sola Dei natura: allein daraus, dass Gott Gott ist.-155
Sie haben