1936

Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland

326

DIE BEKENNENDE KIRCHE IM HEUTIGEN DEUTSCHLAND

1936

Den folgenden Vortrag hielt Barth im März 1936 an zwei Orten: auf Einladung der dortigen Sektion der «Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund» in Schaffhausen und zugunsten des «Schweizerischen Hilfswerks für deutsche Gelehrte» in der Basler Martinskirche.

1. Schaffhausen, 15. März 1936

Die Einladung nach Schaffhausen ist als direkte Folge des von Barth Anfang Dezember 1935 veröffentlichten Textes Kerrl und die Bekenntniskirche1 zu betrachten.

Paul Schmid-Ammann, Redakteur der Zeitungen «Schaffhauser Bauer» und «Die Nation», hatte Barths an den Schluss dieses Textes gesetzten Aufruf zur Solidarität mit der Bekennenden Kirche in eigenen Artikeln positiv aufgenommen2 und bezog sich darauf, als er Barth am 19. Dezember 1935 im Namen der Schaffhauser Ortsgruppe der «Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund»3 für den Ja|327nuar oder Februar 1936 um einen Vortrag zum Thema «Der Kampf um den evangelischen Glauben» bat.4 Schon eine gute Woche zuvor hatte Guido Ammann5, mit Barth seit Studienzeiten bekannt und nun Pfarrer in Thayngen SH, Barth von dem «erfreulichen Echo» berichtet, das sein Aufruf bei Schmid-Ammann gefunden habe, und nicht versäumt hinzuzufügen, dass er mit diesem «nicht verwandt» sei.6

In seiner Anfrage begründete Schmid-Ammann die Einladung damit, dass man in der Vereinigung der Auffassung sei, das Geschehen um die deutsche Bekenntniskirche gehe auch «uns schweizerische reformierte Bevölkerung in höchstem Masse» an; es sei daher «Christenpflicht […], zu dieser sehr ernsten religiösen Gegenwartsfrage Stellung zu nehmen und für die Freiheit des Christenmenschen einzutreten», und man begrüße es «ausserordentlich […], wenn die Mahnung und Aufrüttelung der Gewissen auch hier in Schaffhausen aus berufenstem Munde käme».7 Der mit seiner Zusage verbundenen Bitte Barths um Verschiebung des Termins in den März hinein – man einigte sich schließlich auf Sonntag, den 15. März 1936 – entsprach Schmid-Ammann umgehend,8 und auch den von Barth gewählten Vortragstitel akzeptierte er.9

328 Das sich in der Einladung an Barth ausdrückende Interesse der «Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund» an einem «religiös-kirchlichen Thema» überraschte G. Ammann, der Barth Mitte Februar von einem Besuch einer Veranstaltung dieser Vereinigung berichtete: «ein seltsam gemischtes Publikum – von Antikirchlichen, Unkirchlichen über Religiössoziale bis zu den Oxfordleuten. Es wunderte mich, dass diese Vereinigung Dich einlud […]. Nun, Du wirst nicht verfehlen, Dein Anliegen vor- und anzubringen, dass sie hören müssen, und ich freue mich darauf.»10 Ammann informierte Barth auch darüber, dass kurz zuvor der thurgauische Pfarrer Wilhelm Wuhrmann11 «in einer durch den Verein fürfreies Christentum einberufenen Versammlung in Schaffhausen über dasselbe Thema» gesprochen und «dabei die These» vertreten habe, «dass noch kein einziger Bekenntnispfarrer wegen religiöser Gründe, sondern nur wegen politischer habe leiden müssen».12 Der Erwartung Ammanns, dass Barth «ihm die Antwort nicht schuldig bleiben werde», entsprach die Passage im Vortrag, in der Barth die Gründe der Verfolgung von Pfarrern im Dritten Reich ansprach.13

Für die Anreise von Basel nach Schaffhausen mussten Barth und die ihn begleitende Charlotte von Kirschbaum auf den langsamen «Bummelzug auf Schweizer Strecke» zurückgreifen, da die Fahrt auf der schnelleren deutschen Strecke nicht in Frage kam. Nach der Ankunft traf man auf die gut befreundete Emmy Lentrodt14 und setzte sich mit ihr, Schmid-Ammann und einem weiteren Vertreter der Schaffhauser Völkerbundsvereinigung noch bei einem Kaffee zusammen.15

329 Den von Ch. von Kirschbaum als «klar und eindrucksvoll» wahrgenommenen Vortrag hielt Barth ab 14.30 Uhr im Saal der Schaffhauser Ratslaube, der etwa 600 Personen Platz bot16 und voll besetzt war.17 Neben Pressevertretern hatte Schmid-Ammann speziell auch «den Kirchenrat, die Synodalen, die Kirchenständer [sic] und die Pfarrämter» eingeladen,18 und unter den Anwesenden befand sich auch eine Anzahl deutscher Pfarrer aus den benachbarten badischen Gemeinden.19 Auf eine Diskussion im Anschluss wurde bewusst verzichtet: «Ihr Vortrag soll unmittelbar auf die Zuhörer wirken, […]. In einer oberflächlichen und allenfalls ins Polemische abschweifenden Aussprache müsste vielleicht manches von der Wirkung Ihrer Worte verloren gehen.»20 Auf einer nach dem Vortrag arrangierten «freien Zusammenkunft», zu der auch der Kirchenrat und Pfarrer des Kantons eingeladen waren, gab es noch eine – in Ch. von Kirschbaums Worten – «nicht sehr wichtige Diskussion».21

Das positive Presseecho auf Barths Vortrag in Schaffhausen gipfelte in dem Satz: «Überall dort, wo Freiheit, Recht und Geist von Staates wegen unterdrückt zu werden drohen, ist die Kirche neben ihrer eigentlichen, religiösen Aufgabe dazu berufen, Hort dieser Güter zu sein.»22 Dass der Redakteur des nationalsozialistisch orientierten «Grenzboten» den Vortrag ganz ähnlich verstanden hatte, zeigt sein Kommentar: Die Bekennende Kirche in Deutschland werde Barth, ihrem «Apostel in der Schweiz», wohl kaum dankbar sein, denn – so die wenig verhüllte Drohung – «es dürfte doch ohne weiteres klar sein, daß er derselben, die in Deutschland leben und wirken muß, durch seine haßerfüllten Ausführungen gegen das Dritte Reich vom sichern Boden der Schweiz aus einen schlechten Dienst leistet».23

330 2. Basel, 31. März 1936

Ein zweites Mal hielt Barth den Vortrag gut zwei Wochen später in der Basler Martinskirche. Über die näheren Umstände der Einladung dorthin oder über eine Verabredung liegen keine schriftlichen Quellen vor; aus den erhaltenen Hinweisen ergibt sich jedoch ein plausibler Ablauf:

Mit Datum vom 18. März schickte Barth Entwürfe für eine Zeitungsannonce und einen Hinweis-Text, mit denen der Vortrag unter «Eingesandt» angezeigt werden sollte, an die «Basler Nachrichten».24 Einen Tag zuvor hatte er sich mit Alphons Koechlin25, dem Präsidenten des Kirchenrates der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt und Pfarrer an der Martinskirche, zum «Schwarzen Kaffee» getroffen.26 In der Martinskirche hatte im Dezember 1935 bereits ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten des «Schweizerischen Hilfswerks für deutsche Gelehrte» stattgefunden,27 und so liegt die Vermutung nahe, dass Barth und Koechlin bei dem Gespräch vom 17. März die Verabredung zum Vortrag trafen, für den die Zuhörer einen Eintritt in Höhe von 2.- CHF zugunsten des Hilfswerks entrichten sollten.28 Die Hoffnung, damit eine große Summe für das Hilfswerk sammeln zu können, sollte sich nicht erfüllen, denn der Besuch des am Abend um 20.15 Uhr gehaltenen Vortrags blieb «spärlich».29

331 Beide großen Basler Zeitungen berichteten am 1. April sehr positiv über Barths Vortrag. Während der Artikel in den «Basler Nachrichten» eher ein reiner Bericht blieb und sich dabei an den Schwerpunkten des Vortrags orientierte,30 wertete die «National-Zeitung» stärker und hob auch die politischen Implikationen des Vortrags hervor: «Eine Frage, die unsere schweizerischen Kreise sehr bewegt, beantwortete der Redner mehr im Sinn der Entschuldigung als der Rechtfertigung, indem er hier eine Schwäche der deutschen Kirche offen zugab, die zu lange zum Staat Ja gesagt hat. Es ist die Frage: wie kann eine Kirche schweigen zu all dem grauenvollen Unrecht der Judenverfolgung, der Konzentrationslager, zu Gewalt- und Rechtsbruch?»31

Zum vorliegenden Text gibt es mehrere Vorarbeiten. Erste Notizen Barths zum Vortrag finden sich unter der Überschrift «Deutschland» im Anhang seines Taschenkalenders in Form kurzer Stichworte zur Chronologie der Ereignisse des Kirchenkampfes32 und zu speziellen und übergeordneten Problemen33; diese Stichworte sind schon hier so angeordnet, wie sie in den Abschnitten II und III des Vortrages be|332handelt werden. Zur in Abschnitt II behandelten Chronologie liegt auch ein einseitiges, eng beschriebenes Manuskript vor, das die im Taschenkalender mit nur je einem Stichwort benannten Ereignisse unter der Überschrift «1. Geschichtliches» ausführlicher erläutert.34

Die erste alle Abschnitte des Vortrags umfassende Vorarbeit ist in Form eines fünfseitigen Typoskripts erhalten, das über bloße Stichworte deutlich hinausgeht und stellenweise ausformulierte Textteile enthält. Der Abschnitt 2 des Typoskripts (in der ursprünglichen Fassung, also ohne Barths Änderungen) entspricht weitestgehend dem einseitigen Manuskript.35 An diesem Typoskript A36 nahm Barth mit Bleistift Korrekturen vor und brachte Ergänzungen an; es wird ihm als Vorlage für das erste Halten des Vortrags in Schaffhausen gedient haben. Dort schrieb Ch. von Kirschbaum mit und erarbeitete bis zum 18. März eine Nachschrift des Vortrags in Form eines zwölfseitigen, engzeilig beschriebenen Typoskripts (Typoskript B37), auf dessen ersten beiden Seiten Barth mit Bleistift erneut handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen notierte. In dieser Form wird Typoskript B die von Barth für den Vortrag in Basel genutzte Vorlage gewesen sein; da er keine Veröffentlichung des Textes plante,38 ist eine Überarbeitung noch nach diesem Termin unwahrscheinlich.

333 Eine von Barth nicht autorisierte Druckfassung des Schaffhauser Vortrags veröffentlichte Paul Schmid-Ammann bereits wenige Tage später in vier Teilen im «Schaffhauser Bauer».39 Er verwendete dafür ein eigenes Stenogramm und charakterisierte das Ergebnis Barth gegenüber so: «Es ist mit grossem Interesse gelesen worden. Vollständig habe ich Ihnen allerdings mit meinen stenographischen Notizen nicht folgen können, ich hoffe aber doch, dass die Wiedergabe nicht misslungen ist und Sie nicht zu viel auszusetzen haben.»40

Zeitnah erschien noch eine von Jean-Louis Leuba41 angefertigte französische Übersetzung des Vortrags in der April/Mai-Ausgabe von «Les Cahiers Protestants».42 Nach den einleitenden Worten zu dieser Übersetzung handelt es sich hierbei um eine «französische Adaption» eines Stenogramms des Schaffhauser Vortrags;43 vermutlich wird ein Exemplar der von Typoskript B erstellten «Nachschrift»44 als Vorlage gedient haben.45

334 Im Folgenden wird das Typoskript B mit den handschriftlichen Änderungen, also die Textgestalt, aus der Barth seinen Vortrag in Basel hielt, als Editionstext wiedergegeben.

Im textkritischen Apparat sind die von Barth an den ersten beiden Seiten vorgenommenen Ergänzungen und Korrekturen ausgewiesen. Abschnitt für Abschnitt wird zudem die kürzere, stichworthafte Textgrundlage für den Schaffhauser Vortrag, das Typoskript A in seiner Endgestalt, wiedergegeben. Hingewiesen wird schließlich auf die wenigen inhaltlich relevanten Abweichungen, die Schmid-Ammanns Wiedergabe von Barths Vortrag aufweist.

Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland

I.

Das heutige Deutschland ist das nationalsozialistische Deutschland, das Deutschland Adolf Hitlers, das Deutschland des 3. Reiches, das Deutschland des totalen Staates. Lassen Sie mich Ihnen in Kürze in Erinnerung rufen, was das heißt: totaler Staat46. Der totale Staat, das ist der Staat, der sich selbst in Gestalt einera Staatsführung, die sichb selbst dazu eingesetzt hat, als absolut erklärt; der totale Staat, das ist der Staat, der alle in seinem Raum lebendigen Kräfte, auch die geistigen Kräfte, vorbehaltlos seinem Zweck unterordnet, und das heißt: praktisch dem Willen seiner Staatsführung unterwirft. Der totale Staat, das ist der Staat, der vom Individuum wie von allen Gruppen in seinem Raum vorbehaltlos fordert, dass ihre Willensbildung ausschließlich c-in der Richtung einer immer neuen-c Bejahung des Willens der Staatsführung verlaufed. Der totale Staat, das ist der Staat, der jede vom Willen seiner Staatsführung abweichende freie Aussprache, jede Frage, jede Sorge, jede Überlegung hinsichtlich des Rechtes oder Unrechtes im Handeln seiner Führung unterdrückt und der damit jede |335 freiee Willensbildung in seinem Raume praktisch unmöglich macht. Der totale Staat, das ist der Staat, der kein Recht über sich anerkennt, der nur das Recht kennt, das f-seine Führung-f setzt, und auch dieses Recht nur in der Interpretation, die dieseg ihm von Fall zu Fall zu geben gedenkt. Der totale Staat, das ist der Staat, der keinen Gott kennt außer sich selber und seinem rhetorischen Schattenbild, dem sogenannten «Allmächtigen», der die Eigenschaft hat, immer gerade das zu wollen, was die Staatsführung will.47 Der totale Staat ist mit einem Wort der Staat, dessen Führung praktisch keiner Instanz gegenüber verantwortlichh ist.i

336 Wie ist es möglich geworden, dass Deutschland das Deutschland dieses totalen Staates geworden ist? Lassen Sie mich auch darüber noch ein paar Worte sagen. Dieser totale Staat Adolf Hitlers ist entstanden durch dieselben Mittel, denen er heute sein Bestehen verdankt. Und diese Mittel sind so einfache, dass man sie wohl das Ei des Columbus48 nennen darf. Sie bestanden und sie bestehen in der Anwendung einer jede Diskussion j-ausschließenden, jede Besinnung unterbindenden, bestimmte Schlagworte unermüdlich einhämmernden-j Propaganda. Sie kennen ihrek Schlagworte: Für Volkstum! Für Freiheit! Für Brot! Gegen Marxismus! Gegen das Judentum! Gegen die Feinde von 1919!49 – Sie bestehen weiter in l-bestimmten Methoden-l, die physische Macht zu ergreifen und zu behaupten, m-Metho|337den, die sich von allen andern entscheidend darin abheben, dass sie von keinerlei Hemmungen moralischer Art belastet sind-m. Das war und das ist das Geheimnis der Staatsführung Adolf Hitlers und der Seinen.n

Aber freilich: dass Deutschland dieses Deutschland geworden ist und werden konnte, dafür genügt der Hinweis auf diese Tatsachen nicht. Wenn die Dinge so gekommen sind, wie sie kamen, so haben wir doch auch daran zu denken, dass der Umstände genug waren, die der heutigen Lage den Boden bereiteteno. Wir haben zu denken an den Vertrag von Versailles, der p-nach dem verlorenen-p Kriege nicht an den guten Willen des deutschen Volkes appelliert hat, sondern in welchem das deutsche Volk nach wie vor auch im Frieden als Feind behandelt wurde.50 Wir haben zu denken an das Verhalten der Siegermächte in den Jahren nach dem Kriege, das jede liberale deutsche Regierung ihrem Volk gegenüber q-in einer Weise kompromittierte, dass-q in diesem Volk die Überzeugung r-beinahe entstehen musste-r, dass nur die radikalsten Mittel ihm noch helfen könnten.51 Europa erntet heute in |338 Deutschland, was es gesät hat [vgl. Gal. 6,7]. Wären die außerdeutschens Regierungen einem Stresemann52 und einem Brüning53 t-und eben auch die außerdeutsche öffentliche Meinung dem ganzen Problem Deutschland nach dem Kriege anders begegnet, wir müssten-t heute keinen Hitler haben. Wir haben ferner zu denken an die weltwirtschaftliche Krisis, deren Opfer auch und gerade Deutschland geworden ist,54 endlich an das russische und italienische Vorbild, das |339 dem deutschen Volk gezeigt hat, wie unter Umständen ein Volk in verzweifelter Lage sich mit verzweifelten Mitteln helfen wollenu kann:55 Deutschland hat v-diese Vorbilder-v mit deutscher Gründlichkeit nachgeahmt. Es kommt dazu, dass Hitler und die Seinen es zweifellos verstanden haben mit ihrem Vorgehen, einer tiefen Veranlagung des deutschen Menschen zu entsprechen. Der deutsche Mensch liebt es, sich selber w-und sein Schicksal als eine mit metaphysischer Gewalt vollzogene Setzung zu verstehen-w; er hat eine tiefe Liebe x-zu dem-x Heldengedicht von der Autorität, in welchem er selber den Mittelpunkt bildet als derjenige, der einerseits stramm steht und gehorcht und andererseits ebenso stramm y-befehlen darf-y. Hitler hat das verstanden, und es ist wohl kein bloßer Zufall, dass er jubelnden Beifall fand und immer wieder finden wird.z – |

Gewiss trotz aller dieser Überlegungen bleiben der Rätsel genug, und das Rätsel Deutschland wird so bald nicht gelöst sein. Immer wieder werden wir fragen müssen: Wo ist die Freiheitaa von 1848 geblieben?56 Wie konnte das Geschichtsbild des Nationalsozialismus je |340 Glauben finden im deutschen Volk? Wie war es nur möglich, dass der kritische Kant57 und der synthetische Goethe58 so umgedeutet werden konnten? Und vor allem: wie war es nur möglich, dass ein Mann von der ab-charakterlichen und intellektuellen-ab Struktur eines Adolf Hitler das Herz und die Köpfe dieses Volkes so bestricken konnte? Fragen über Fragen stellen sich, und unsere Gegenwart wird sie vielleicht nie völlig beantworten können. Wie dem auch sei: der Nationalsozialismus ist heute und bis auf weiteres Deutschlands Schicksal59.ac

Und nun gibt es in diesem Deutschland eine bekennende Kirche. Wenn ich von Kirche hier rede, so meine ich die protestantische Kirche, die römisch-katholische hat ihre besondere Geschichte im 3. Reich, so dass von ihr besonders geredet werden müsste.

341 Wenn ich von B[ekennender] K[irche] hier rede, so kann damit natürlich nicht gemeint sein die Gesamtheit der ad-protestantisch getauften Bevölkerung-ad Deutschlands. Es kann damit auch nicht gemeint sein die unter dem Namen D[eutsche] E[vangelische] K[irche] bekannte ae-verfassungsmäßige Organisation-ae des deutschen Protestantismus.60 BK bedeutet aber auch nicht eine Gruppe, eine Richtungaf, eine Partei innerhalb der deutschen Kirche, sondern was jetzt sich BK nennt, das ist ag-die Kirche-ag nicht nur dem Namen nach, sondern wirklich, d. h. im äußeren und inneren Wesen der Sache entsprechend wirklich als Kirche existierende Kirche, eine sich selber als Kirche darstellende, als Kirche kundgebende, als Kirche handelnde Kirche, eine Kirche, die sich bekennt gegenüber dem Staat, gegenüber dem Katholizismus, gegenüber dem sogenannten «Heidentum»,61 gegenüber der Mehrzahl der heute noch indifferenten Protestanten, gegenüber auch der weithin in ganz anderen Händen liegenden Leitung der DEK.62 Was heißt bekennend?63 Man hat dieses Adjektiv vielfach |342 falsch und einseitig dahin verstanden, als ob es der Kirche in Deutschland nur um die Treue gegenüber dem überlieferten kirchlichen Bekenntnis, also um das, was man Orthodoxie zu nennen pflegt, gehe.64 Um Treue gegenüber dem überlieferten Bekenntnis geht es allerdings auch, aber man hat damit das Wesen der bekennenden Kirche noch nicht erfasst. – Auch darum kann es bei diesem Bekennen nicht gehen, dass gewisse Glaubensüberzeugungen Einzelner laut werden, oder auch gewisser kirchlicher Gruppen. Es geht um die Kirche, die in neuer Treue gegenüber dem alten Bekenntnis zurückgeht zu der Quelle alles kirchlichen Lebens: zur heiligen Schrift, und die andererseits, von dieser Quelle herkommend, vorwärts geht in die Gegenwart des dritten Reiches.ah

343 Der Anlass der Entstehung dieser bekennenden Kirche innerhalb der offiziellen DEK war in der Tat der Sieg des Nationalsozialismus mit den Fragen, Versuchungen und Nöten, die er der Kirche gebracht hat. Aber man würde die Sache falsch verstehen, wenn man meinen wollte, dass es sich bloß um eine Reaktion hier handeln würde. Was bei diesem Anlass entstand, das war ein Neues. Die deutsche Kirche war vor dem Jahre 1933 genauso wie die Kirche in allen anderen Ländern und auch bei uns in der Schweiz durchaus keine bekennende Kirche, keine Kirche, die sich nicht mehr treiben lassen, sondern die hervortreten, die reden, die sich als Kirche kundgeben will im Gehorsam gegen ihren Ursprung. Auch die deutsche Kirche war vor dem Anbruch dieser jetzigen Zeit ein privilegiertes Staatsinstitut und seit 1918 eine auch noch reichlich privilegierte religiöse Gesellschaft mit starker rechtsbürgerlicher Bindung.65 Es galt auch von der deutschen |344 Kirche, was von allen protestantischen Kirchen aller Länder gilt: sie war innerlich stark geschwächt, wenn nicht aufgelöst in der Substanz durch den Neuprotestantismus, d. h. die allmählich alles durchdringende Zersetzung der Lehre an das Gutfinden des modernen Menschen.66 Wenn nun 1933 aus dem deutschen Protestantismus der Anfang einer bekennenden Kirche erwuchs, so lag das nicht in der Kontinuität einer Entwicklung, war nicht nur eine Reaktion auf das nationalsozialistische Geschehen, sondern war, gewiss nicht unvorbereitet und auch nicht unveranlasst, aber doch letztlich eine originale kirchliche Erneuerungsbewegung. Es geht um eine Neubesinnung, die in der ganzen Struktur den Charakter dessen hat, was wir eine Reformation nennen.67 Und nicht umsonst, wenn auch vielleicht mit etwas kühnem Mut haben die Herausgeber einer der führenden Zeitschriften der bekennenden Kirche dieser Zeitschrift den Namen «Junge Kirche»68 gegeben.ai

345

II.

Die BK in Deutschland ist nicht von heute auf morgen entstanden, ja, genau genommen, wird man sagen müssen: sie ist auch heute noch im Entstehen. Im Frühjahr 1933, nach dem ersten überwältigenden Sieg des Nationalsozialismus auf der politischen Bühne, waren sich die kirchlichen Kreise zunächst einig in folgenden Hauptpunkten:

1. in der rückhaltlosen Bejahung des Nationalsozialismus, in welchem man nicht nur eine Hoffnung für das deutsche Volk und den deutschen Staat, sondern auch ganz direkt eine Gabe Gottes erblicken zu müssen meinte. Alle deutschen Kirchen widerhallten damals in Predigt und Gebet von diesen Gedanken.69

2. die evangelische Kirche auch in dieser neuen politischen Situation zu erhalten, ja sogar ihre mannigfach problematische Lage zu verbessern. Man dachte an die Gründung einer Reichskirche.70 |

346 Betrachtet man diese beiden Momente: Bejahung des Nationalsozialismus einerseits, Erhaltung der protestantischen Kirche andererseits, so hat man das ganze Problem der Geschichte vor Augen. Wurde der erste Punkt in den Vordergrund gestellt, so regierte der Wille und die Absicht, die Kirche gewiss als Kirche ernst zu nehmen, ihr Geltung zu verschaffen, aber vor allem sie hineinzustellen in diesen neuen Staat, die Kirche in ihrer Verkündigung und in ihrer Ordnung «gleichzuschalten»,71 d. h. das Evangelium von Jesus Christus und die neue politische Verkündigung von Adolf Hitler möglichst als eine Einheit zu verstehen. Das ist der Weg, den die Gruppe innerhalb der protestantischen Kirche angetreten hat, die wir mit D[eutsche] C[hristen] bezeichnen und die im Jahre 1933 die Führung in der deutschen Kirche bekommen haben.72 – Wurde der zweite Punkt in den Vordergrund gestellt, so verteilten sich die Momente in der entgegengesetzten Weise: da galt es vor allem die Kirche zu erhalten in Überlieferung und Zusammenhang mit Bibel und Bekenntnis, aber selbstverständlich auch in Anpassung an die neuen politischen Verhältnisse. Auf dieser Seite standen die Verfasser der neuen Kirchenverfassung in Loccum,73 stand die sogenannte jungreformatorische Bewegung74 und |347 stand endlich auch der Pfarrernotbund75. Es stand demzufolge – im Mai 1933 – zwischen beiden Gruppen eigentlich kein grundsätzlicher Widerspruch,76 es waren lediglich die Akzente verschieden verteilt.aj –

348 Man hatte in dem Lager, in dem Pastor von Bodelschwingh77 als Reichsbischof erstrebt war, an Vielem Anstoß genommen, was die D. C. redeten und taten. Man war gekränkt durch die rücksichtslose Einführung des Führerprinzips,78 man nahm Anstoß am Arierparagraphen im Bereich der Kirche,79 man beklagte sich über die gewalttätigen Methoden der D. C., man ärgerte sich an der Persönlichkeit des Gegenkandidaten für den Reichsbischofsposten: Ludwig Müller80, |349 und man nahm selbstverständlich Anstoß daran, dass in vielen Lebensäußerungen der D. C. bereits heidnische Elemente sichtbar wurden, wie etwa in der seltsamen Rede des Schullehrers Krause in Berlin.81 – Man hat aber damals – durch das ganze Jahr 1933 hindurch – nicht eingesehen die Unmöglichkeit dessen, was man damit tat, dass man die christlichen Voraussetzungen der Kirche: Jesus Christus, die heilige Schrift, der Glaube, im gleichen Sinne als normativen Willen Gottes bejahen wollte wie die politische Veränderung. Man nannte beides Offenbarung: hier in der heiligen Schrift und dort in den Ereignissen der deutschen Geschichte.82 Man sah nicht, dass es im Nationalsozialismus um die Erscheinung des oben beschriebenen totalen Staates ging, und sah darum auch nicht, dass der Nationalsozialismus selber eine Religion, selber Kirche ist.83 Dass von einem Frieden zwi|350schen der christlichen Kirche und dieser Größe nicht die Rede sein kann. Man sah nicht die Notwendigkeit, diesem System gegenüber die Totalität der christlichen Botschaft vom Reiche Gottes geltend zu machen, sondern man meinte – wie gesagt auch auf Seiten derer, die nicht mit den D. C. gehen wollten – der alten Neigung des deutschen Luthertums folgen zu müssen und in den Ereignissen des weltgeschichtlichen politischen Geschehens und insbesondere in der nun einmal herrschenden politischen Macht das Sichtbarwerden des Willens Gottes zu erblicken, dem man sich zu unterwerfen habe. Man folgte dem ererbten theologischen Indifferentismus oder Liberalismus, jenem Geist, der die Protestanten in Deutschland und anderswo seit 200 Jahren beherrscht hat84 und nach dem die Kirche im Grunde der Welt gegenüber keine eigene Sache mehr zu vertreten hat. – |

Man folgte 3. einer zunächst ganz allgemeinen Überzeugung auch in den Kreisen ernster Christen, die sie Partei nehmen ließ für den Nationalsozialismus.ak Und wenn alle Gründe versagten und es auch damals schon Menschen gab, die ihre Fragezeichen zu setzen hatten, so wurde das Argument der «brüderlichen Liebe» ins Feld geführt, die es verbiete, sich allzu scharf abzugrenzen!!85 Ja, dieses Wort Liebe – es |351 ist doch gewiss ein schönes Wort! – hat eine geradezu verheerende Rolle gespielt im deutschen Kirchenkampf. Es hätte gegolten zu verstehen, dass echte Liebe auch hart sein können muss. Aber dies wie vieles Andere musste erst mühsam gelernt sein. Kurzum: die Linie der Opposition in der Kirche war am Anfang eine sehr gebrochene Linie. Es war ein dunkler Eifer, und wer damals 1933 einen Protest in sich fühlte, der weiter reichte als der Protest der Jungreformatorischen und der Bodelschwinghleute, der war ein sehr einsamer Mann86.al –

352 Im Jahre 1934 haben sich die Dinge sehr wesentlich verändert. 1934 ist eigentlich der Beginn des ernsthaft so zu nennenden Kirchenkampfes. Er war gekennzeichnet durch drei Ereignisse:

1. 1934 begann sofort mit einem Ereignis, das charakteristisch wurde für eine ganze Reihe ähnlicher Ereignisse, die ihm folgten: mit einer Freien Synode. Sie wurde von den Reformierten Deutschlands in Barmen im Januar einberufen.87 Dieser Synode folgten die Reichssynode von Barmen im Mai88 und die Reichssynode von Dahlem im Oktober 193489. Das Werk dieser Synoden waren bestimmte bekenntnismäßige Erklärungen zur Situation der Kirche und ihren Aufgaben im 3. Reich. Sie haben zunächst übereinstimmend festgestellt – und das ist etwas Neues, das seit Jahrhunderten nicht mehr gesagt worden war –, dass die Kirche nur von einer Offenbarung weiß und nur eine |353 Offenbarung verkündigen kann: Jesus Christus, seine Person, seine Botschaft und sein Werk, wie sie uns von der heiligen Schrift bezeugt sindam.90 – Diese Synoden haben ferner erklärt: die protestantische Kirche hat sich nicht nur in diesem letzten Jahr, sondern sie hat sich seit Jahrhunderten auf einem Irrweg befunden, sie muss umkehren auf dem Wege, auf dem sie ihre Botschaft dem Gutfinden des modernen Menschen überlieferte,91 sie muss wieder hören lernen auf das Wort Gottes, auf dem sie gründet und aus dem sie geworden ist.92 Aus ihm und nur aus ihm wird sie leben. – Diese Synoden haben weiter erklärt, dass die Idee des totalen Staates eine christlich unmögliche Idee ist, die von der Kirche abgelehnt werden muss.93 Und die Synoden haben |354 endlich erklärt: Die Kirche darf sich in ihrer Lehre und in ihrer Ordnung nicht bestimmen lassen von den jeweils in der Welt herrschenden Mächten und Gestalten, sondern die Kirche kann ihre Lehre und ihre Ordnung nur gestalten im Gehorsam gegen das Wort Gottes, aus dem sie geschaffen ist.94 –

Diese sozusagen theologischen Sätze wurden ausgeprägt und praktisch fruchtbar gemacht etwa unter folgenden Gesichtspunkten: Es wurde erklärt (Dahlem), dass, nachdem die Kirchenleitung in die Hände der nationalsozialistisch gerichteten D. C. übergegangen ist, diese Kirchenleitung nicht mehr als legitime Kirchenleitung zu anerkennen ist, sondern ein kirchliches Notrecht in Kraft treten muss.95 Es |355 wurde ferner der Reichsbischof Müller in Dahlem abgesetzt, und es wurden neue Organe der kirchlichen und juristischen Leitung der Kirche berufen (ein Rat von 6 Mitgliedern und ihm zur Seite der Reichsbruderrat),96 und es wurde endlich in aller Form gesagt: Die D. C. mit ihrer Lehre und ihrer Auffassung von dem Offenbarungscharakter des Nationalsozialismus haben sich damit von der christlichen Kirche geschieden.97

Man wird sich gerade im Blick auf die vorangegangene Zeit nicht genug wundern können, wie es zu dieser Neubesinnung der Kirche kommen konnte mitten im totalen Staat, mitten unter den größten äußeren Schwierigkeitenan. Und es musste sich angesichts dieser Syn|356odalerklärungen wohl jeder Einsichtige fragen, wie weit wohl die Gemeinden und ihre Pfarrer hinter diesen Erklärungen stehen möchten. Sind die 100 Vertreter auf den Synoden nicht vielleicht eine Vorhut, die längst abgeschnitten ist von der Armee und nur zugrunde gehen kann? Ist das Ganze nicht vielleicht doch nur ein Abenteuer gewesen? ao-Wie dem auch sei: dass diese Erklärungen zustande kamen und ausgesprochen wurden, das bleibt eine wichtige und eine große Sache-ao.ap –

Ein 2. wichtiges Ereignis im Jahre 1934 war der völlige Zusammenbruch der Reichskirchenregierung Müller und zugleich der Partei der D. C., die hinter ihm stand. Am Anfang des Jahres stand Müller auf der |357 Höhe seiner Macht: Hitler hatte ihm erneut sein Wohlwollen ausgesprochen und sich zu ihm gestellt, und eine Reihe der Führer der BK, insbesondere ihre Bischöfe, leisteten es sich, zu kapitulieren und sich ebenfalls dem Reichsbischof noch einmal zur Verfügung zu stellen.98 Er nützte diesen Sieg ungeschickt und glaubte die Schlacht allzu schnell gewonnen. Mit Hilfe des «Rechtswalters» Jäger99 versuchte er, seine Sache mit Gewalt zu einem raschen Ende zu führen. Es kam zu schweren Zusammenstößen in Süddeutschland, die Bischöfe von München und Stuttgart saßen vorübergehend in Hausarrest, und dieser ganze gewaltsame Versuch, die Kirchen «einzugliedern» – so wurde dieses Vorgehen genannt! –, erwies sich bald als undurchführbar.100 Der Widerstand bekam neue Nahrung, und sogar mancher D. C. wollte hier nicht mehr mitgehen. Ende des Jahres war es soweit, |358 dass Müller gezwungen war, diesen Eingliederungsversuch rückgängig zu machen, er musste seine Maßnahmen öffentlich als rechtsungültig bezeichnen101 und erhielt eine ganze Flut von Briefen und Telegrammen mit Beschwörungen, sein Amt niederzulegen.102 Er antwortete, durchaus noch Gottes Auftrag zu fühlen zur Weiterführung seines Amtes, und blieb bis auf den heutigen Tag Reichsbischof,103 ohne je wieder etwas Namhaftes zu unternehmen. Wie auch wesentlich die Partei der D. C., so blieb er von jenen Tagen an eine Schattengestalt.aq

359 Umso merkwürdiger berührt das dritte erwähnenswerte Ereignis des Jahres 1934: Ende dieses Jahres nämlich – und das steht in seltsamem Kontrast zu den eben erwähnten beiden Ereignissen – errang innerhalb der BK eine Kompromissrichtung den Sieg.104 Kurz nach der Synode von Dahlem im Oktober wurden die süddeutschen Bischöfe aus ihrem Arrest entlassen, Bayern und Württemberg wieder in den alten Stand gesetzt. Das bewog sie ihrerseits, dem Staat gegenüber ebenfalls eine freundlichere Haltung einzunehmen und in diesem Sinne die BK zu beeinflussen. Ihnen schlossen sich alle jene an, die die rasche Bewegung der Kirche im Jahre 1934 nicht hatten vollziehen wollen und können, also vor allem die bischöflich lutherisch regierten Gebiete, deren erstes Anliegen nun die Erhaltung der «Landeskirchen» wurde. Dazu kam die für das Luthertum charakteristische besorgte Frage, ob es angehe, der von Gott gewollten Obrigkeit sich zu widersetzen? Das Verlangen nach einer Führung der BK durch die Bischöfe anstelle der synodalen Leitung wurde laut, nach einer Abschwächung der ungebrochenen Linie Barmen-Dahlem, nach einem Ausgleich der radikalen Haltung durch eine gemäßigt konservative. Im entscheidenden Augenblick schlug wie eine Bombe in diese Stimmung eine Einladung, die Hitler an die drei Bischöfe Meiser, Wurm, Marahrens ergehen ließ, sich zu einer Aussprache bei ihm einzufinden.105 Das Ansehen der Bischöfe war mit einem Schlag auf Kosten der «Aufgeregten» und «Radikalen»,106 der «Bruderräte», gewach|360sen. Es waren harte Tage damals um den November 1934 herum. Von beiden Seiten wurde gesagt, was man nur sagen konnte. Immer wieder erhoben die «Radikalen» warnend ihre Stimme, dass es nicht darum gehen könne, die Kirche irgendwie zu erhalten, sondern darum, neue Kirche zu werden, und immer wieder wurde aus dem Lager der Bischöfe geantwortet, dass die ausgestreckte Hand des Staates nicht übersehen werden dürfe! Die Haltung der Synoden sei als theologische Bewegung vielleicht richtig und gut, nicht aber eine mögliche Haltung für eine Kirchenleitung. Das «seelsorgerliche Denken», das «brüderliche Denken», die «Liebe» wurde betont, Pastor von Bodelschwingh sprach beschwörend auf die «Preußen» ein,107 und so kam es zur Einsetzung der Vorläufigen Kirchenleitung unter Leitung des hannöverschen Bischof Marahrens.108 Dieser ganze Vorgang war ein |361 Zeichen des noch sehr unsicheren Selbstbewusstseins der BK. Wenn nun wirklich der Kompromiss gelten und bestimmen sollte, so musste man sich fragen, ob vorher nicht zu große Worte gesprochen worden waren und ob man nicht allen Grund hätte, diese Worte wieder zurückzunehmen. Es waren trübe Tage, aber sie führten nicht zur Spaltung innerhalb der BK. Man marschierte weiter zusammen, in und mit allem Widerspruch. – Von den Hoffnungen auf einen möglichen Frieden mit dem Staat hat sich freilich nichts, aber auch gar nichts erfüllt, trotz der Bereitschaft der Regierung Marahrens. – Dieser Umschwung im November 1934 hat viel Enttäuschung und Verwunderung in den Kreisen der BK hervorgerufen. Immerhin wird man sagen dürfen, dass auch die Kirchenleitung Marahrens eine Kirchenleitung war, die sich in Gegensatz zu der offiziellen Müllers stellte,109 die sich zur BK halten wollte und es auch, freilich mehr schlecht als recht, tat. Und der Kampf schlief trotzdessen nicht ein, wenn dazu auch das Beste die Gegner beitrugen in ihrem erstaunlich ungeschickten Verhalten. So war das Unglück kein endgültiges.ar

362 Im Jahre 1935 sind die bezeichnenden Ereignisse wiederum unter drei Gesichtspunkten festzuhalten.

Anfang des Jahres trat die Kirche in den Kampf ein gegen das sogenannte Neuheidentum, eine kulturell religiöse Bewegung, die aus dem Nationalsozialismus hervorgegangen ist und die sich das Ziel gesteckt hatte, dem deutschen Volk eine neue Religion in Anknüpfung an die altgermanische Religion zu geben im Gegensatz zum Christentum. Vor allem ist hier die Preußensynode von Dahlem am 3.III.1935110 zu nennenas.at

1935 war außerdem ein Jahr, das dauernd erfüllt war von dem Ringen der Kräfte innerhalb der BK selber, d. h. kurz gesagt: zwischen denen, die nur eine Restauration der Kirche wollten, und denen, denen es um eine Reformation der Kirche ging – zwischen denen, die |363 unter Bekennen meinten das Festhalten am alten Bekenntnis, und denen, die darunter verstanden wissen wollten eine Tat in der Gegenwart – zwischen denen, die von einer monarchisch regierten Bischofskirche das Heil erwarteten, und denen, die eine Leitung der Kirche durch die Bruderräte und Synoden wünschten, die aus der Gemeinde heraus durch die heilige Schrift sich führen lassen wollten. Man könnte wohl auch sagen: es rangen das lutherische und das reformierte Element in der deutschen Kirche miteinander, obwohl dieser Vorgang dadurch kompliziert wird, dass der Gegensatz am stärksten aufbrach zwischen jenen Lutheranern, die sachlich verbunden waren mit den Reformierten, und ihren lutherischen Glaubensbrüdern bischöflicher Observanz. Vielleicht lässt sich auch sprechen von einem Kampf zwischen der Idee der Staatskirche und der Wirklichkeit einer bekennenden Kirche. – Diese ganzen Gegensätze wurden im Juni des Jahres 1935 in der Synode zu Augsburg verhandelt,111 ohne entscheidend geklärt zu werden und wiederum ohne zu einer Trennung zu führen.au

Das dritte wichtige Ereignis im Jahre 1935 war die Einsetzung der Kirchenausschüsse. Der Staat errichtete ein besonderes Kirchenministerium zur Befriedung der Kirche. Dieses Ministerium setzte als |364 erste Maßnahme Kirchenausschüsse ein. Die Ausschüsse sollten gebildet und gewählt werden aus Vertretern der BK, der D. C., der «Neutralen». So hoffte man, zu einer Einigung zu kommen.112 Man muss diesen Versuch des Reichskirchenministers Kerrl verstehen als Errichtung eines Gebäudes mit einem großen Dach, das weit auslädt und allen Platz gewährt, die Platz finden wollen. Es war eine große Versuchung, die damit an die Kirche herangetragen wurde. Eine solche Gestaltung des Verhältnisses Kirche-Staat entspricht der Gestaltung in vielen anderen Ländern, etwa auch der, die wir noch heute in der Schweiz haben.av Warum also den Streit fortsetzen, warum nicht diese einleuchtende Lösung des Staates annehmen? Die BK darf ja auch unter dem Dache weilen und muss nur zwei kleine Dinge dulden: einmal, dass die D. C. mit ihr in gleicher Anerkennung darunter wohnen, und sodann, dass der Staat es ist, der dieses Dach gebaut hat und der damit die oberste Leitung der Kirche in der Hand behält. – Nach drei Jahren aufreibenden Kampfes war dieses Friedensangebot eine nachdenkliche Sache!!aw  – |

Und nun geschah es, dass die BK auf der Reichssynode zu Oeynhausen vom 17.–22. Februar 1936 ein Nein dazu sagte. 6 Tage und Nächte wurde auf dieser Synode gerungen, und das Ergebnis war schließlich mit entscheidender Mehrheit dieses Nein.113 Dass das ge|365schehen konnte, das ist ein kleines Zeugnis dafür, dass in diesen letzten Jahren in der deutschen Kirche etwas geschehen ist, dass in aller Schwachheit und Not etwas Entscheidendes verstanden worden ist. Die Erkenntnisse und öffentlichen Erklärungen der Synoden ließen sich nun nicht nachträglich wieder bagatellisieren. Der Weg kann nur noch nach vorwärts führen. Und so wählte man statt des faulen Friedens noch einmal den Kampf. Marahrens legte in Ehren und doch unter allgemeinem Beifall sein Amt nieder und an die Stelle der bisherigen VKL trat eine neugewählte vorläufige Leitung, die in enger Bindung an Bruderräte und Synode ihre Arbeit aufgenommen hat.114 – Ein kleiner Schönheitsfehler ist allerdings auch dieser Synode unterlaufen. Es wurde an entscheidender Stelle gesagt, dass den Mitgliedern der BK nicht geradezu verboten sei, an den Ausschüssen mit|366zuarbeiten. Die grundsätzliche Erklärung spricht ein klares Nein, und nun offerierte man doch wieder ein Törlein, von dem nur zu hoffen ist, dass nicht zu Viele es benützen möchten.115 Im Ganzen darf man die Synode als einen Sieg der radikalen und damit reformatorischen Richtung der BK bezeichnen. Die Einheit blieb auch jetzt erhalten, und die nun Unterlegenen scheinen ihrerseits vorerst noch mitgehen zu wollen, wenn auch kein Mensch vorhersagen kann, was die Zukunft bringen wird.ax

Sie sehen: eine Ruhmesgeschichte, eine Heldengeschichte ist die Geschichte der BK nicht. Es ist eine Geschichte, die immer wieder durchbrochen wurde von Niederlagen und Irrtümern, die aber doch und trotz allem eine aufsteigende Linie darstellt, d. h. die sich in der Richtung einer lebendigen neuen Kirche bewegt. Ob diese Kirche in Zukunft eine Volkskirche sein wird oder eine freie Kirche, das ist nicht vorherzusagen.116 Sicher wird sie eine bekennende, d. h. dem Nationalsozialismus gegenüber sich behauptende Kirche sein.

367 Einige Fragen, die angesichts dieser Darstellung sich erheben könnten, sollen nun noch beantwortet sein.ay

III.

[1.] Die Träger der Sache der BK im heutigen Deutschland sind im Ganzen nicht irgendwelche Behörden, auch nicht die Bischöfe, auch nicht etwa die theologischen Fakultäten, auch nicht die großen kirchlichen Vereine, auch nicht die Gemeinschaftsbewegungen. Alle diese Faktoren des christlich-kirchlichen Lebens standen vielmehr zum großen Teil am Anfang auf der Gegenseite,117 merkwürdigerweise gerade auch die pietistischen Kreise.118 Die eigentlich Handelnden war[en] eine bestimmte Schicht jüngerer Pfarrer mit ihren Gemeinden. Sehr charakteristisch ist für die BK, dass durch ganz Deutschland hin die theologische Jugend auf ihrer Seite steht.119 Man möchte freilich im Blick auf diese paar Pfarrer und ihre Gemeinden |368 angesichts des großen Deutschland zu fragen geneigt sein, ob es sich denn in ihnen nicht doch nur um eine quantité négligeable handeln möchte. Aber Zahlen entscheiden hier nicht, das liegt in der Natur der Sache, um die es geht. Und das steht fest, dass die BK-Versammlungen, wenn sie nur in einiger Freiheit sich sammeln dürfen, im Nu überfüllt sind und dass Predigten der führenden Bekenntnis-Pfarrer nach wie vor über mangelnden Besuch nicht zu klagen haben. az-Also sogar auf die Zahl gesehen ist die Sache nicht einfach kümmerlich-az, und das Entscheidende ist das, dass diese Schar es immerhin vermocht hat, den von der staatlichen Macht gestützten Müller und seine D. C.-Leute nicht nur in die Defensive zu drängen, sondern kampfunfähig zu machen. Und – was mehr ist – den Staat, diesen Staat, drei Jahre hindurch in Schach zu halten. Er hat allerhand versucht und unternommen gegen die BK,120 aber es ist bezeichnend, dass er – der sonst alles wagt! – es nicht gewagt hat, der BK Anderes zuzufügen, als er ihr bisher zufügte.ba

369 2. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Einheitlichkeit der Bewegung bedroht war und bedroht ist. Ich glaube aber trotzdem sagen zu dürfen: es handelt sich um eine Sache trotz aller schweren Gegensätze. Dass es sich um Reformation handelt, das ist gewiss nur Wenigen bewusst. Aber diese Wenigen sind es, die führen. Sie sind es, die auf der Lokomotive des Zuges sitzen, der 50–60 Wagen folgen, so dass es geschehen kann, dass die Lokomotive manchmal schon nach Osten fährt und die letzten Wagen noch nach Westen schauen. Es ist doch ein Zug.121 Denn auch bei den Leuten auf dem anderen Flügel, also auch bei den Leuten um die Bischöfe, sind ganz Wenige, die nur konservativ denken, nur die Landeskirchen erhalten möchten, nur die lutherische Reichskirche bauen wollten. Es ist ein dauerndes Ringen um die Frage, was jetzt das für den Glauben Praktische sei? Betont man mehr das Wort Glaube oder mehr das Wort Praktische, so ergeben sich je nachdem natürlich Differenzen. Es geht aber dennoch auf beiden Seiten um das für den Glauben Praktische. Ausgeschlossen kann es freilich nicht sein, dass der Zug doch noch einmal zerreißt, und auf der einen Seite die Glaubenden, auf der anderen aber die Praktischen stehen!! Notwendig erscheint dies heute noch nicht, und die Hoffnung besteht, es lässt sich verhüten.bb

3. Der Kampf der BK richtet sich in erster Linie gegen die Kirchenregierungen, die seit 1933 im Sinne des Nationalsozialismus gestalten wollen. Es wird an zweiter Stelle gekämpft gegen das mit den D. C. in |370 die Kirche eingedrungene und auch gegen das außerhalb der Kirche bestehende «Heidentum» und es wird an dritter Stelle – und das ist der eigentliche Gegner! – gekämpft gegen den totalen Staat selber und als solchen, der ja nicht nur Staat, sondern eine Religion, eine Kirche ist. Das Heidentum mit seinen mehr oder weniger altgermanischen Reminiszenzen dürfte kein sehr relevanter Gegner sein. Die Religion, wie ein Bergmann122 und ein Rosenberg123 sie vertreten, das ist eine Religion, wie sie «ausgedacht» ist von gewissen Gelehrten und Phantasten und der keine große und ursprüngliche Kraft eignet. Sie hat Kraft nur als Symptom des Nationalsozialismus, und darum kann der eigentliche Ernst des Kampfes nicht ihr gelten, sondern dem wahren Gegner, dem Staat. Je klarer das erkannt wird, umso schwieriger und bedrohlicher freilich wird der Kampf.bc

4. Es steht fest, dass der Kampf der BK ganz bestimmte Schranken hat. Die BK hat sich eingesetzt und setzt sich ein für eine Neugestaltung der kirchlichen Lehre und Ordnung durch eine Neubesinnung auf ihren Ursprung, die heilige Schrift. Aber wie ist es zu erklären, dass diese Kirche bisher kein Wort gefunden hat für oder gegen die |371 dem ferneren Betrachter am peinlichsten auffallenden Bedenklichkeiten des dritten Reiches? Ich denke an die Problematik der Machtergreifung der jetzigen Staatsführer, ich denke an die Aufhebung des Rechtes (Recht ist, was Deutschland nützt!), ich denke an die Unterdrückung der Presse, ich denke an die Judenverfolgung, ich denke an alles Furchtbare, was mit dem Wort Konzentrationslager bezeichnet ist. Es ist bekannt, dass hier in der Schweiz besonders die sogenannten Religiös-Sozialen sehr scharfe Worte gesagt haben zu diesem Schweigen der BK.124 – Man wird dieses Schweigen zunächst einmal daraus verstehen müssen, dass die Menschen, die heute die Sache der BK vertreten und tragen, zunächst und gerade Anfang 1933, wo die Übelstände ja am schreiendsten zutage traten, befangen waren von der Ideologie des Nationalsozialismus. Wer 1933 nicht an Hitlers Mission glaubte, der war ein verfemter Mann, auch in den Reihen der BK. Es war ein langsames und mühsames Ringen, in dem sich diese Menschen langsam befreiten und zu klareren Erkenntnissen erwachten. – Man hat ferner zu rechnen mit einer weitgehenden Unkenntnis über die wahren Vorgänge im Reich. Man kann sich hier schwer eine Vorstellung machen über diese völlige Unterdrückung jeder wahrheitsgetreuen Äußerung. Die Kirche war drittens völlig beschäftigt damit, in Sachen ihrer eigenen Freiheit zu kämpfen und um ihre eigene Existenz zu ringen, ihre eigenen Aufgaben zu erkennen. Dass die Kirche auf ihrem Gebiet nun tatsächlich Stellung bezogen hat und ihren Protest, wenn auch gebrochen, so doch immer wieder eingelegt hat, das hat indirekt durchaus seine Bedeutung auch für die anderen Bedrängten, auch hinsichtlich all der anderen Fragen, die heute in Deutschland brennende Fragen sind. – Gewiss, alle diese Gründe können den Vorwurf nicht verstummen lassen: es liegt in der Tat hier ein Mangel der BK vor, es ist hier in der Tat etwas noch nicht geschehen, was vielleicht |372 längst hätte geschehen sollen. Aber es wird dazu auch das zu sagen sein: die Frage, die hier an die BK zu richten ist, rührt an die Schwäche einer Kirche, die weithin gar nicht mehr Kirche im eigentlichen Sinne gewesen ist, die stumm war und es erst langsam wieder lernen muss zu reden. Ich weiß nicht, wie die Schweizer Kirche sich verhalten würde in einem ähnlichen Fall. Und darum muss ich offen gestehen, dass die Vorwürfe, die von hier aus erklangen in dieser Sache, mir manchmal etwas billig scheinen wollten. Das hindert nicht, dass ich die Frage als eine berechtigte Frage zugebe.bd

5. Man hört immer wieder im Ausland die Frage, ob die BK nicht wesentlich getragen sei von solchen, die eigentlich politischen Widerstand zu leisten gesonnen sind, ob es nicht in dem Ganzen um eine getarnte Oppositionsbewegung gehe? Dazu ist zu sagen: Wenn der Staat als solcher – wie dies beim nationalsozialistischen Staat der Fall ist! – zur Kirche wird, dann darf er sich nicht wundern, wenn er notwendig die christliche Kirche gegen sich hat. Dann ist es selbstverständlich, dass der Kampf der Kirche auch zum politischen Kampf werden muss. Wollte man freilich unter «politisch» verstehen eine Aktion im Sinne einer heimlich bestehenden konservativen oder sozialistischen Partei, dann wäre die Frage mit einem runden Nein! zu beantworten. Ich habe intim genug hineingesehen und kenne die füh|373renden Leute der BK nahe genug, um sagen zu können: es ist nicht wahr, dass unter den Führern gerade der radikalen Richtung auch nur ein Einziger wäre, der politisch getarnt wäre. Diese Führer sind Theologen und Kirchenmänner und haben mit Politik nichts zu tun. Das kann natürlich nicht verhindert werden, dass unter den vielen Tausenden, die mitgehen, auch solche sind, die sich der Opposition als solcher erfreuen. Aber die Gefahr, die der BK droht, ist gewiss nicht die, der Politik zu verfallen, sondern die Angst vor den notwendigen politischen Konsequenzen. be-Mit Parteipolitik hat das gar nichts zu tun-be.bf

6. Sie werden aber mit Recht fragen, ob dieser Aufbruch der BK nicht doch eine politische Bedeutung habe? Und ich würde diese Frage bejahen. In einem Deutschland, in dem Alles, aber auch Alles zusammengebrochen ist vor der Gewalt des Staates: die Wissenschaft, die Kunst, die Universität, die Schule,bg stellt die BK wirklich ein singuläres Phänomen dar, ist sie tatsächlich die einzige Instanz, die mündlich und gedruckt es wieder und wieder zu sagen wagt: Wir lehnen den totalen Staat ab. Das kann nicht ohne politische Bedeutung sein, und das beweist auch die Wirkung, die dieser Widerstand auf den Staat hat. Nicht umsonst hat er die Geheime Staatspolizei mobilisiert gegen die BK, nicht umsonst zahlreiche Pfarrer inhaftiert und ausgewiesen. Und nicht umsonst ist er immer wieder merkwürdig geneigt, letztlich doch – wenn auch nicht völlig, so doch teilweise – zurück|374zuweichen vor der Haltung der BK. Ob die politische Bedeutung weiterreichend sein wird, das lässt sich nicht sagen. Immerhin steht das fest, dass es durchaus von politischer Relevanz ist, dass die deutsche Öffentlichkeit auf diesem Wege – trotz allem, was an Gewaltmaßnahmen angewendet wird – an die Tatsache gewöhnt wird: es gibt im deutschen Raum einen Widerstand gegen den totalen Staat. Das ist – politisch gesehen – durchaus keine bedeutungslose Sache.bh

Zum Schluss noch einige Erwägungen: Was uns im Kampf der BK vor Augen geführt wird, das ist die Tatsache, dass die Kirche selbständig ihr Leben führt im öffentlichen Raum, dass sie nicht einfach zurückweicht und gutheißt und Ja sagt, sondern dass sie, wenn auch unter Enttäuschungen und Zaghaftigkeiten und Irrtümern, zur Neubesinnung auf ihr Wesen und ihre Aufgabe sich durchringt und dieser Neubesinnung entsprechend redet und handelt. BK heißt eine Kirche im Akte der Entscheidung. Andere Kirchen, auch unsere Schweizer, leben unter sehr viel einfacheren Umständen. Sind sie aber auch in dieser Weise lebendige Kirchen? Ist unsere Schweizer Kirche eine Kirche, die der Entscheidung fähig ist, die bekennen kann? Ist sie es – und wenn nicht, in welchem Sinne ist sie dann überhaupt Kirche?bi

Diese Tatsache einer selbständigen, lebendigen, entscheidenden, bekennenden Kirche gründet in Deutschland auf drei bestimmten Voraussetzungen. Es ist im Kampf der BK eine Theologie auf den Plan |375 getreten, die sich wieder an der Bibel orientieren möchte, eine Kirchenführung, die ihrerseits nicht nur Rücksicht nehmen will auf Politik und Taktik, sondern die diese Theologie wieder ernst nimmt und die Kirche gegründet weiß auf die heilige Schrift, und 3. es sind in Deutschland Gemeinden auf den Plan getreten, die beides: Theologie und Kirchenführung ernst genommen haben. Gibt es das bei uns auch? Wo steht unsere Theologie, wo steht unsere Kirchenführung? Und endlich und vor allem: Wo stehen unsere Gemeinden? Ohne diese drei Faktoren gibt es keine lebendige Kirche.bj – |

Eine solche lebendige Kirche hat aber auch – und das ist in Deutschland sichtbar geworden – eine Wirkung nach außen. In einer solchen Kirche tritt ihre Aufgabe in Erscheinung, ihre Aufgabe als konkrete Erinnerung an die Welt, dass sie nur Welt ist und begrenzt ist durch Gottes Reich. In Deutschland ist diese Erinnerung möglich geworden sogar dem totalen Staat gegenüber,125 der in seinem Wesen die Leugnung des Reiches Gottes ist. Wir hier leben nicht in einem totalen Staat, wir werden uns aber klar sein müssen, dass auch unserer Kirche diese Aufgabe der Erinnerung gestellt ist. Weiß unsere Kirche darum, und wenn sie nicht darum weiß, in welchem Sinne ist sie dann überhaupt Kirche?bk

376 Alles, was ich hier anführte, das ist in Deutschland sichtbar geworden – in großer Schwachheit und Torheit, unter vielen Fehlern und Rückschlägen; wir wissen nicht, wohin der Weg führen wird, aber diese Dinge sind sichtbar geworden – und kann durch nichts mehr rückgängig gemacht werden. Es könnte sein, dass das, was jetzt deutsche Gegenwart ist, einmal europäische Zukunft wird, dass der totale Staat das Wesen und Geheimnis jedes Staates ist! Ich bitte Sie, diese Frage nicht allzu rasch für eine unmögliche Frage zu erklären. Ist sie nicht unmöglich, dann ist das Ringen der BK ein Vorspiel einer allgemeinen Neuordnung des Verhältnisses von Kirche und Staat, das dann wieder ein Verhältnis wird auf dem ursprünglichen Stand des offenen Gegensatzes. Es wird dann die Kirche wieder die einzige Zufluchtsstätte sein der Freiheit, des Rechtes und des Geistes. Die Kirche ist mehr als das, aber die Ereignisse in Deutschland haben gezeigt: sie kann auch das sein. bl-Und dass sie in Deutschland heute tatsächlich das ist, das ist eine Tatsache, die heute schon zum mindesten zu denken geben sollte-bl.bm

Textkritische Fußnoten

a
Korrigiert aus: «seiner».↩
b
Korrigiert aus: «sich wiederum».↩
c-c
Korrigiert aus: «zu immer neuer».↩
d
Korrigiert aus: «führe».↩
e
Nachträglich hervorgehoben.↩
f-f
Korrigiert aus: «er selber».↩
g
Korrigiert aus: «er selber».↩
h
Nachträglich hervorgehoben.↩
i
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Das heutige Deutschland = d[as] nat[ional]soz[ialistische] Deutschland – Deutschland des dritten Reiches, Ad[olf] Hitlers – das Deutschland des totalen Staates.
Totaler Staat: Staat, der sich selbst (in Gestalt einer Staatsführung, die sich selbst dazu einsetzte) für absolut erklärt, / der alle in seinem Raum lebendigen (auch die geistigen!) Kräfte vorbehaltlos seinem Zweck (praktisch: dem Willen s[einer] Staatsführung) unterstellt, / der vom Individuum wie von den Gruppen eine Willensbildung fordert, die ausschliesslich zu immer neuer Bejahung der Staatsführung führt, / der jede (von der Staatsführung) abweichende Frage, Sorge, Überlegung (freie Aussprache) unterdrückt, / der damit auch jede freie Willensbildung praktisch unmöglich macht, / der an kein Recht ausser an das von ihm selbst gesetzte und auch an dieses nur in seiner eigenen Interpretation gebunden ist, / dessen Führung praktisch keiner Instanz verantwortl[ich] ist, / der keinen Gott kennt ausser sich selber und seinem rhetorischen Schattenbild, dem ‹Allmächtigen›.»↩
j-j
Korrigiert aus: «ausschließende, bestimmte Schlagworte unermüdlich einhämmernde».↩
k
Korrigiert aus: «diese».↩
l-l
Korrigiert aus: «der Art».↩
m-m
Korrigiert aus: «in einer Weise, die keinerlei Hemmungen irgendwelcher moralischer oder auch anderen Art zuließe».↩
n
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Möglichkeit d[er] D[urchsetzung]? / 1. Entstand durch dieselben Mittel, durch die es besteht: (Ei des Columbus!) / a) eine jede Diskussion ausschliessende Schlagworte einhämmernde Propaganda (für Volkstum, Freiheit und Brot, gegen Marxismus, Judentum und die Feinde von 1919) / b) Machtergreifung und Behauptung mit Meth[oden] ohne Hemmung.»↩
o
Korrigiert aus: «vorbereiteten».↩
p-p
Korrigiert aus: «eben nach dem».↩
q-q
Korrigiert aus: «kompromittieren musste, so dass».↩
r-r
Korrigiert aus: «entstehen konnte».↩
s
Korrigiert aus: «ausländischen».↩
t-t
Korrigiert aus: «anders begegnet, wir würden».↩
u
Handschriftlich hinzugefügt. ↩
v-v
Korrigiert aus: «dieses Vorbild».↩
w-w
Korrigiert aus: «metaphysisch zu verstehen und zu begründen».↩
x-x
Korrigiert aus: «zum».↩
y-y
Korrigiert aus: «befiehlt nach unten».↩
z
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«2. Aeussere Vorbereitung: / a) durch Versailler Vertrag, der nicht an d[en] guten Willen des deutschen Volkes appellierte, sond[ern] es als Feind behandelte. / b) Verhalten der Siegermächte nachher, die jede lib[erale] deutsche Reg[ierung] vor ihrem Volk kompromittierte. Ueberzeugung: nur extremste Mittel helfen. Ernten, was gesät! Stresemann, Brüning – Hitler! / c) Weltwirtsch[aftliche] Krisis / d) Das russ[ische] und it[alienische] Vorbild, mit deutscher Gründlichkeit nachzuahmen!
3. Veranlagung des deutschen Menschen / a) sich selbst metaphysisch zu begründen und ernst zu nehmen / b) sich durch das Gedicht v[on] der ‹Autorität› zu trösten und zu stärken.»↩
aa
Diese und die weiteren Hervorhebungen in diesem Absatz sind nachträglich vorgenommen worden.↩
ab-ab
Handschriftlich hinzugefügt.↩
ac
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«4. Rätsel bleiben: / Wo ist die deutsche Freiheit von 1848 hingekommen? / Wie konnte das nat[ional]soz[ialitische] Geschichtsbild Glauben finden? / Wie konnte der krit[ische] Kant und der synth[etische] Goethe so umgedeutet werden? / ǀ2ǀ Wie konnte Adolf Hitler das Herz dieses Volkes gewinnen? / Wie dem auch sei: der Nat[ional-]Soz[ialismus] wurde und ist heute Deutschlands Schicksal.»↩
ad-ad
Nachträglich hervorgehoben.↩
ae-ae
Nachträglich hervorgehoben.↩
af
Nachträglich hervorgehoben.↩
ag-ag
Korrigiert aus: «das».↩
ah
Der diesen beiden Absätzen entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«II. In diesem heut[igen] Deutschland eine bekennende Kirche. (Kirche = prot[estantische] K[irche], kath[olische] K[irche] im dritten Reich hat bes[ondere] Geschichte.)
Kirche: nicht identisch mit prot[estantisch] getaufter Bevölkerung / mit der unt[er] dem Namen D. E. K.bekannten verfassungsm[äßigen] Organ[isation] des deutsch[en] Protestantismus. / nicht eine Gruppe, Richtung, Partei innerhalb der DEK, nicht ‹Freikirche› / sondern: die Kirche in der Kirche, die nicht nur d[em] Namen nach, sond[ern] wirkliche (dem äuss[eren] und inneren Wesen der Sache entspr[echende]) DEK. / wirklich = bekennend, d. h. sich selbst (gegenüb[er] Staat, Kath[oliken], ‹Heiden›, ‹Protestanten› ‹Kirche›) als Kirche darstellende und kundgebende DEK.
bekennend: Adjektiv falsch verstanden, nicht nur passive Treue geg[en] d[as] überlieferte kirchl[iche] Bekenntnis (Orthodoxie) / nicht irgendwelche freien Glaubensbekenntnisse von Einz[elnen] oder Gruppen / sondern: (in Treue gegen das alte Bekenntnis und in persönlichem Glauben) zurück zur h[ei]l[igen] Schrift – vorwärts in die Gegenwart des 3. Reiches / zur Existenz als wirkliche Kirche. / B. K. = K[irche,] die sich nicht treiben lässt, sondern entscheidet in Gehorsam gegen ihren Ursprung, die Meister hat.»↩
ai
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Nächster Anlass der Entstehung war der Sieg des Nat[ional-]Soz[ialismus] mit d[en] Fragen, Versuchungen, Nöten, die er der Kirche brachte. Was entstand, war ein Neues.
Die Kirche in De[utschland] vor 1933 war im Ganzen wie in and[eren] Ländern keine bek[ennende] Kirche (einst Staatsinstitut, zuletzt priv[ilegierte] rel[igiöse] Gesellschaft mit starker rechtsbürg[erlicher] Bindung, innerlich aufgelöst und geschwächt d[ur]ch Neuprotestantismus: Preisgabe der kirch­l[ichen] Lehre u[nd] Ordnung an d[as] Gutfinden d[es] mod[ernen] Menschen).
Bek[ennende] Kirche lag nicht in d[er] Kontinuität der Entw[icklung], war nicht blosse Reaktion auf den Nat[ional-]Soz[ialismus], also nicht bloss Auseinandersetzung einer alten sich gleichbl[eibenden] Kirche mit einer neuen Lage, sond[ern] ist wesentlich eine (nicht unvorbereitete und nicht unveranlasste, aber) letztlich origin[äre] kirchl[iche] Erneuerung (Reformation, ‹Junge Kirche›).»↩
aj
Der den voranstehenden Absätzen entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«2. Geschichtliches. / Bek[ennende] Kirche nicht von heute auf morgen entstanden, genau gen[ommen] auch heute noch erst im Entstehen. / Im Frühjahr 1933 kirchl[iche] Kreise zunächst einig in 2 Punkten / 1. in d[er] Bejahung des Nat[ional-]Soz[ialismus], als polit[ische] Hoffnung, geistige Erneuerung, Gabe Gottes / 2. im Willen, die Kirche auch in dieser neuen Lage zu erhalten bezw. ihre Lage zu verbessern (Reichskirche)
Hier das ganze Problem: Wo 1. im Vordergrund, da Wille, die Ki[rche] unter Schonung ihrer Ueberl[ieferung]. ‹gleichzuschalten›: D. C., Ev[an]g[elium] u[nd] Hitler als Einheit. / Wo 2. im Vordergr[und], da Wille, die Kirche unt[er] Gleichschaltung, Anpassung an geistige Lage in ihrer überl[lieferten] Bahn zu erhalten: Loccumer, Jungreformatorische, Pfarrernotbund. Kein grundsätzl[icher] Widerspruch. Akzente verschieden».↩
ak
Nach P. Schmid-Ammanns Wiedergabe (zweiter Artikel vom 18.3.1936 [Anm. 39]) formulierte Barth das im letzten Halbsatz Ausgesagte in Schaffhausen schärfer: «daß man geradezu Partei nehmen müsse für den national-sozialistischen Staat, von dem man sich alles Gute für die Zukunft versprach».↩
al
Der den beiden voranstehenden Absätzen entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Innere Lage der Opposition im Jahre 1933: / Man nahm Anstoss: / 1. an der Einführung des polit[ischen] Führerprinzips u[nd] des Arierp[aragraphen] / 2. an den gewalttät[igen] Meth[oden] der D. C. / 3. an der Persönlichk[eit] L[udwig] Müllers / 4. an geleg[entlichen] heidn[ischen] Durchbrüchen (Krause) / ǀ3ǀ Man sah aber nicht: / 1. d[ie] Unmöglichkeit, d[ie] christl[ichen] Voraussetz[ungen] d[er] K[irche] und die pol[itische] Veränderung im gl[eichen] Sinn als normat[iven] Willen Gottes zu bejahen, / 2. d[en] im Nat[ional-]Soz[ialismus] in die Erscheinung getr[etenen] totalen Staat, d. h. den Charakter des Nat[ional-]Soz[ialismus] als Rel[igion] u[nd] Kirche. / 3. d[ie] Notwendigkeit, ihm gegenüb[er] d[ie] Totalität der chr[istlichen] Botschaft geltend zu machen. / Man folgte: / 1. der alten Neigung des Luthertums, im weltl[ichen] Gescheh[en] insbes[ondere] in der einmal herrsch[enden] pol[itischen] Macht unbesehen d[en] norm[ativen] Willen Gottes zu erblicken. / 2. d[em] ererbten theol[ogischen] Indifferentismus des Neuprot[estantismus]. Kirche keine eigene Sache / 3. als deutscher Mensch d[em] polit[ischen] Vorurteil gerade zugunsten des Nat[ional-]Soz[ialismus] / 4. dem, was man für ‹Liebe› hielt. ‹Liebe› verheerende Rolle. Echte Liebe hart? / Ergebnis: / eine gebrochene Linie, die bis heute das Probl[em] der BK bildet. / Weitergehender Protest. / Initiative u[nd] Logik auf Seiten der D. C. Beifall u[nd] Zustrom von allen Seiten. Verdacht der polit[ischen] Reaktion, ungeschickte Abwehr, Tempofrage, Bodelschwingh fällt, / L. Müller, Macht in Preussen, Sachsen … / Bayern, Württ[emberg], Hann[over] ‹intakt›».↩
am
Nach P. Schmid-Ammanns Wiedergabe (zweiter Artikel vom 18.3.1936 [Anm. 39]) fügte Barth in Schaffhausen noch an: «Und wir haben nicht das Recht, nun mit anderen Größen zu kommen und zu erklären, auch sie seien Gottes Offenbarung.»↩
an
Nach Schmid-Ammanns Wiedergabe (zweiter Artikel vom 18.3.1936 [Anm. 39]) präzisierte Barth in Schaffhausen: «denn dieser totale Staat stand mit allen seinen Machtmitteln auf Seite der Deutschen Christen.»↩
ao-ao
Nach Schmid-Ammanns Wiedergabe (zweiter Artikel vom 18.3.1936 [Anm. 39]) führte Barth in Schaffhausen das in diesem Satz Ausgedrückte weiter aus: «Es war also schon dafür gesorgt, daß die Bäume der bekennenden Kirche nicht in den Himmel wachsen. Aber trotzdem, daß dieses Ereignis möglich wurde, ist an sich schon eine große Sache, und hat es auch viel Mühe und heißes Ringen miteinander gekostet, so war man sich schließlich doch über ganz grundlegende Fragen klar und einig geworden: Das und das ist evangelische Kirche und nicht das und das. Diese und diese Punkte sind abgeklärt und darüber lassen wir nicht mehr mit uns markten. Es wurde uns freudig bewußt, daß in unsere Kirche wieder Bewegung gekommen war, wie man es sonst bisher nur aus alten Büchern gelesen hat. Wir spürten, daß das Ganze nicht umsonst war, sondern eine Station erreicht worden ist, von der aus der Weg weiterführen mußte».↩
ap
Der den voranstehenden vier Absätzen entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Das Jahr 1934 gekennz[eichnet] durch 3 Ereignisse: / 1. d[as] Erw[achen] der BK, manifest in bekenntnismäss[igen], öff[entlichen] Erklärungen freier Synoden, getragen von Preussen, unter Anschluss der übrigen: Barmen (Ref[ormiert] 4.I.1934), Barmen (Reich) 31.5.34, Dahlem (Reich) 20.10.34. / theol[ogisch]: a) d[ie] Einzigkeit der die K[irche] begr[ündenden] und von ihr zu verkündenden Gottesoffenbarung / b) d[ie] Umkehr v[on] d[em] neuprot[estantischen] Weg, der diese d[em] Menschen ausliefert, Rückkehr zu dem sie begründenden Wort Gottes / c) d[ie] ausdrückl[iche] Ablehnung des totalen Staates / d) d[ie] Freih[eit] der Lehre u[nd] Ordn[ung] der K[irche] / prakt[isch]: a) d[ie] Proklamierung des Notrechts / b) d[ie] Absetzung der Reichskirchenreg[ierung] Müller / c) d[ie] Einsetzung neuer Organe der Leitung / d) d[er] Abbruch d[er] kirchl[ichen] Gemeinschaft m[it] d[en] D. C.
Ein erstaunl[icher] Ansatz zum Neuaufbau der K[irche] mitten in den schwierigsten äuss[eren] Umständen. Immerhin theoretisch und praktisch noch auf schwachen Füssen. Vorwegnahmen, die sich bald offenbarten.»↩
aq
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«2. D[er] Zusammenbruch d[er] Reichskirchenreg[ierung] Müller und der D. C. Am Anfang des Jahres für sie günstige Situation inf[olge] des Eingreifens von Hitler und der Nachgiebigkeit der ‹Intakten Kirchenführer›. Gewalttätige Ausnützung, die d[en] Widerstand herausforderte. Das Regime des Rechtswalters Jäger – ‹Eingliederungen› – am Ende des Jahres allg[emeiner] (erfolgloser) Ruf nach Abs[etzung] Müllers. Rechtsungültigkeitserkl[ärung] aller Massnahmen d[ie]s[es] Jahres! Von da an Schattengestalt.»↩
ar
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«3. Der Uebergang der Leitung der BK an die intakten Kirchen. Die ‹neuen Organe› gingen im Okt[ober] 34 an die Arbeit. Da: Restauration in Bayern und Württemberg. Einladung der Bischöfe zu Hitler. Landeskirchentum, Staatsgesinnung, Luthertum, Bischofsidee schlagen wieder durch. Man erwartet Einlenken des Staates und will ihm im Voraus entsprechen. Unterscheidung von Bewegung und Kirche, Bedenken gegen Barmen, Frage nach der Einheitsfront, Seelsorge, Brüderlichkeit, prakt[ischer] Erfolg – Einsetzung der VKL unter Marahrens, Zeichen unsicheren Selbstbewusstseins! War Barmen-Dahlem doch nur eine unverbindl[iche] Rede gewesen u[nd] kein Bekenntnis? Hoff­n[un­gen] erfüllten sich nicht. Verwirrung u[nd] Enttäuschung. Haltung der VKL alsbald zweideutig und zaudernd. Immerhin: auch sie war ein Organ der BK und die Gegner (nicht nur sie!) sorgten dafür, dass der Kampf weiterging.»↩
as
Laut der Wiedergabe Schmid-Ammanns (dritter Artikel vom 19.3.1936 [Anm. 39]), hat Barth in Schaffhausen den in seiner Vorlage gestrichenen Satz (s. die folgende Anm. at) in ähnlicher Form doch gesagt: «Dagegen scheiterte ein Versuch, auch eine Äußerung der Kirche zur Judenfrage zu veranlassen, am Widerstand der Kompromißanhänger.»↩
at
Der den beiden voranstehenden Absätzen entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Auch im Jahr 1935 drei kennzeichnende Ereignisse: / 1. Aufnahme des Kampfes geg[en] d[as] sogen[annte] Neuheidentum (Preussensyn[ode] v[on] Dahlem 3.3.35)». – Im Tskr. folgten in der Klammer ursprünglich noch die – von Barth durchgestrichenen – Worte: «hier eine Aeusserung zur Judenfrage durch Opportunisten unmöglich gemacht».↩
au
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«2. Inneres Ringen in der BK zw[ischen] Restauration und Reformat[ion], Bekenntnis-Bekennen, Bischöfe-Bruderräte, Lutheraner-Reformierte, Staatskirche-Kirche. Syn[ode] v[on] Augsburg (3. Reichssynode, 4/6.6.35) bringt keine Entscheidung, ab[er] auch nicht gefürchtete Scheidung.» – Der Hinweis «3. Reichssynode» ist ohne die genaue Stellung anzeigendes Korrekturzeichen nachträglich am Rand hinzugefügt.↩
av
Nach Schmid-Ammanns Wiedergabe des Schaffhauser Vortrags (dritter Artikel vom 19.3.1936 [Anm. 39]) hat Barth hier stärker auf Schweizer Gegebenheiten angespielt und dieser Äußerung noch folgenden Halbsatz hinzugefügt: «und dann – wie schön – wäre der ganze Hader zu Ende und man könnte in einer, auch in der Schweiz so beliebten ‹gemischten Kommission› die endgültige Befriedung vorbereiten».↩
aw
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«3. Im Herbst Begründung des Reichskirchenmin[isteriums] Kerrl. Ende Nov[ember] die neutr[alen] Kirchenausschüsse. Staatskirche als Dach, unter dem als eine Richtung auch die BK Platz fände. Gegenüb[er] 1933 glänzende Lösung (uns[er] eig[ener] Status!) aber: Anerk[ennung] d[er] D. C. als einer auch mögl[ichen] Richtung, Anerk[ennung] des Staates als höchstes Kirchenregiment, K[irche] nicht mehr BK. Wird die BK dies annehmen?»↩
ax
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Sie hat 17.–22.2.36 in Oeynhausen (4. Reichssynode) mit Nein! geantwortet. Entw[icklung] zu weit fortgeschritten. Bekenntnis nicht mehr rückgängig zu machen. VKL Marahrens tritt zurück. Neue VKL mit best[immter] Bindung an d[ie] Synode. Aber Beteiligung an den Kirchenaussch[üssen] nicht verboten! – im Ganzen doch Sieg der radikalen Richtung. Und Einheit bleibt. Wird die Fortsetzung anders sein als nach Dahlem 1934? Und wird dann die Einheit wirklich bleiben?» – Der Hinweis «4. Reichssynode» ist ohne die genaue Stellung anzeigendes Korrekturzeichen nachträglich am Rand hinzugefügt.↩
ay
Der den beiden voranstehenden Absätzen entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Keine Heldengeschichte! Starke Hemmungen, häufige Irrtümer und Niederlagen, aber im Ganzen: aufsteigende Linie in der Richtung einer zu Selbstbewusstsein und Sachlichkeit erwachenden neuen Kirche. Volkskirche? Freikirche? Jedenfalls bekennende, gegenüb[er] dem Nat[ional-]Soz[ialismus] sich behauptende Kirche.»↩
az-az
Laut Schmid-Ammanns Wiedergabe (dritter Artikel vom 19.3.1936 [Anm. 39]) hat Barth bei seinem Vortrag in Schaffhausen hier noch ein konkretes Beispiel genannt: «So nahmen z. B. an einer Versammlung in Düsseldorf, die dann allerdings durch die Polizei verhindert wurde, nicht weniger als 35 000 Menschen teil. Die Kirchenhäuser der Bekenntnispfarrer Jacobi und Niemöller sind stets überfüllt. Es ist also kein kleines Häuflein, aber es kommt auch nicht auf die Zahl an.» Gemeint ist der Düsseldorfer Gemeindetag «Unter dem Wort», zu dem sich am 14. Oktober 1934 etwa die genannte Teilnehmerzahl eingefunden hatte, als er verboten wurde; vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 531 📖.↩
ba
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«3. Probleme / 1. Die Träger der Sache. Nicht die Kirchenbehörden, nicht die theol[ogischen] Fakultäten, nicht die kirchl[ichen] Vereine, nicht die Gemeinschaftsbewegung. Sie standen auf der Gegenseite oder abseits, um schliessl[ich] mitzutun. Sondern: eine best[immte] Schicht von Pfarrern mit ihren Gemeinden, fast die ganze theol[ogische] Jugend. Eine quantité négligeable? Immerhin Massenversammlungen und vor allem überwält[igender] Predigtbesuch. Und Wirkung? Müller und D. C. lahmgelegt, Staat nun 3 Jahre in Schach gehalten. Absichten nicht durchgeführt, Mittel nicht angewandt.»↩
bb
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«2. Einheitlichkeit bis jetzt da, trotz schwerster Differenzen. Reformation als Sinn des Ganzen wohl Wenigen bewusst, aber diese Wenigen führen. Mehrzahl unsicher, aber durch die Logik der Sache (des Gegners!) zum Weitergehen veranlasst. Auch auf dem Kompromissflügel nur Wenige, die nur Restauration wollen. Ein dauerndes Ringen um das für den Glauben Praktische. Zerreissen mögl[ich], aber nicht notwendig.»↩
bc
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«3. Die Kampffront gegen / a) die D. C. und ihre Kirchenreg[ierung] / b) das ‹Heidentum› / c) der totale Staat selbst und als solcher / b) ist wenig relevant, weil blosser Exponent, Symptom, Produkt von Gelehrten und Phantasten, wenn auch einflussreich in Schule und HJ. Ernsthafter Gegner kann nur c) sein, sofern er sich in a) in der Kirche selbst auswirkt. Je klarer erkannt, umso schwieriger».↩
bd
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«5. Schranken des Kampfes. BK hat sich wohl für die Freiheit der kirchl[ichen] Lehre u[nd] Ordnung gewehrt, aber nicht gegen die gerade aus der Ferne auffallendsten Bedenklichkeiten des Nat[ional-]Soz[ialismus]. (Problematik ǀ5ǀ der Machtergreifung, Aufh[ebung] des Rechts, Unterdrückung der Pressefreiheit, Judenverfolgung, Konzentrationslager). Religiös-soz[iale] Kritik! Dazu: / a) Anfängl[iche] Befangenheit dem Nat[ional-]Soz[ialismus] gegenüber. Luther[ische] Befangenheit / b) Mangelnde Kenntnis der Tatsachen / c) Kirche hinsichtlich ihrer eig[enen] Freiheit erst im Aufmarsch, erst recht hins[ichtlich] d[er] sonst[igen] öff[entlichen] Dinge. / d) indirekt bedeutet BK doch allgemein: Protest u[nd] Entlastung – Dennoch: Frage beleuchtet eine Schwäche der Sache, ab[er] auch die Not einer stumm gewesenen Kirche, die erst wieder reden lernen muss.»
Die von hier an abweichende Zählung der Unterpunkte in Tskr. A ist darin begründet, dass Barth am Rand einen zusätzlichen Punkt notierte:
«4: Ziel des Kampfes: Freikirche od[er] Volkskirche. Erstere nicht gewollt, aber auch letztere nicht unbedingtes Ideal. U[nter] a[llen] U[mständen] Kirche mit Bek[enntnis]. Gericht, Wille, Wort, Gehorsam!»↩
be-be
Laut Schmid-Ammanns Wiedergabe (vierter Artikel vom 20.3.1936 [Anm. 39]), beendete Barth diesen Absatz in Schaffhausen so: «Wenn sie Kirche sein will, dann kann sie nicht anders als auch hier Nein sagen.»↩
bf
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«6. Politische Motivierung? Wo Staat selbst als Religion u[nd] K[irche] auftritt, wird Kampf gegen diese K[irche] von selbst politisch. Polit[ische] Absicht i[m] e[ngeren] Sinn (Aktion einer lib[eralen], soz[ialistischen] od[er] konser[vativen] Gegenpartei) bei d[en] Führern gerade der radikalen Richtung sicher nicht vorhanden. Bei manchen Mitläufern wohl nicht zu leugnen. Grössere Gefahr als die der Politisierung ist die immer wieder auftretende Furcht vor d[en] notw[endigen] pol[itischen] Konsequenzen des kirchl[ichen] Aufbruchs».↩
bg
Laut Schmid-Ammanns Wiedergabe (vierter Artikel vom 20.3.1936 [Anm. 39]) fügte Barth in Schaffhausen der Aufzählung noch hinzu: «alle Vereine».↩
bh
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«7. Politische Bedeutung. Als einziger offener Widerstand (anders als Presse, Universität, Kunst, Jurispr[udenz], Schule) zweifellos! Genau so wie der der röm[isch]-kath[olischen] Kirche. / Tatsächl[iche] Wirkung bewiesen d[ur]ch Eingr[reifen] des Staates (Verhaftungen, Ausweisungen, Verbote usw.), ab[er] auch d[ur]ch sein Zurückweichen. / Fernere Auswirkungen? Jedenfalls Gewöhnung der deutschen Öffentlichkeit an d[en] Gedanken: es gibt Widerstand!» – Am Rand noch hinzugefügt: «8. Zukunft. Nicht prophezeien! / a) Weiterkämpfen / b) Kapitulation / c) Unterdrückung».↩
bi
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«4. Grundsätzl[iche] Bedeutung. / 1. Selbständigkeit des Lebens der Kirche. K[irche], die nicht einfach mitgeht und Ja sagt, sond[ern] wenn auch unt[er] Zögern zur Besinnung auf sich selbst kommt, bekennt u[nd] entspr[echend] handelt. BK – K[irche] in Entscheidung! Andere Kirchen in einfacheren Verh[ältnissen] heute nicht als in diesem Sinn lebendig sichtbar. Sind sie dann Kirche?»↩
bj
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«2. Voraussetzungen dazu waren: / a) eine Theologie, die sich an der Bibel orientiert / b) eine Kirchenführung, die diese Theologie ernst nimmt / c) Gemeinden, die beides als notwendig wollen / Wo das alles bei uns?»↩
bk
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«3. Begrenzende Wirkung der Kirche. Aufg[abe] d[er] K[irche] wird sichtbar als konkr[ete] Erinnerung der Welt an Gottes Reich. Diese Erinnerung mögl[ich] selbst gegenüber totalem Staat. Und anderswo gegenüber nicht-totalem Staat? Aufg[abe] auch hier gestellt.»↩
bl-bl
Laut Schmid-Ammanns Wiedergabe (vierter Artikel vom 20.3.1936 [Anm. 39]) lautete der letzte Satz Barths in Schaffhausen so: «Und daß sie im Dritten Reich wirklich zur einzigen Zufluchtsstätte der Freiheit, des Rechtes und des Geistes geworden ist, dafür haben auch die Außenstehenden, als Christen und als Schweizer, zu danken.»↩
bm
Der diesem Absatz entsprechende Abschnitt lautet in Tskr. A:
«Das Alles in Deutschland einmal sichtbar geworden. Deutsche Gegenwart – europäische Zukunft? Eindruck: Totaler Staat das Wesen jedes Staates? Nicht zu rasch für unmöglich halten! Wenn Ja, dann BK in D[eutschland] ein Vorspiel allg[emeiner] Neuordnung des Verh[ältnisses] von K[irche] u[nd] Staat auf dem urspr[ünglichen] Fuss des Gegensatzes. Die in allen Ländern mit Ernst Christen sein wollen, werden gut tun, sich darauf zu rüsten, auch diese Situation im Glauben und im Gehorsam zu bejahen. Den Anderen dürfte es zu denken geben, dass die Kirche dann die einzige Zuflucht…. Dass sie und nur sie das im heutigen D[eutschland] tatsächlich ist, das dürfte heute schon der Überlegung weitester Kreise wert sein. K[irche] dann einzige Zuflucht der Freiheit, des Rechtes, des Geistes. K[irche] ist mehr als das. Dass sie und nur sie auch das in D[eutschland] heute tatsächl[ich] ist, das dürfte heute schon mindestens zu denken geben. / Exist[enz] der B. K. könnte auch abgesehen von Zukunft Frage sein an Kirche: Und ihr? Steht in einem andern Buch.»↩

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 221–235.↩
2
Paul Schmid-Ammann (1900–1984), Agronom, seit 1928 Redakteur bei verschiedenen Schweizer Zeitungen, 1935–1939 fraktionsloser Bauernvertreter im Nationalrat für Schaffhausen. – Vgl. P. Schmid-Ammann, Was tut unsere evangelische Kirche?, in: Die Nation, Nr. 49/1935 📖 (undatierter Ausriss des Artikels in: KBA 3447);ders., Der Kampf um Christus und das Evangelium. Ein Mahn- und Hilferuf von Professor Barth, in: Schaffhauser Bauer, Jg. 17 (1935), Nr. 288 vom 7.12.1935 📖.↩
3
Nach der Gründung des Völkerbunds 1919 erwuchs aus der Frage, ob die traditionell neutrale Schweiz dem neuen Gremium, dessen Beschlüsse und gegebenenfalls auch Sanktionen man dann mitzutragen hätte, beitreten solle oder nicht, eine der intensivsten politischen Auseinandersetzungen dieser Jahre. Die Volksabstimmung vom 16. Mai 1920 erbrachte eine Zustimmung von 56 zu 44% der Stimmen bei einer nur sehr knappen Mehrheit der kantonalen Stände von 11½ zu 10½ (hätten wenige Hundert Bürger der Kantone Luzern oder Graubünden mit Nein statt Ja gestimmt, wäre der Beitritt abgelehnt worden). Im Anschluss an diesen Entscheid organisierten sich beide Abstimmungslager in dauerhaften Vereinigungen, und so entstand im Dezember 1920 die bis zur Auflösung des Völkerbunds nach dem Zweiten Weltkrieg existierende «Schweizerische Vereinigung für den Völkerbund», deren Ansehen und Wirksamkeit aber in den 1930er Jahren zunehmend unter der politischen Schwäche des Völkerbunds und der Kritik an ihm litt. Vgl. Chr. Koller, Vor 100 Jahren: Die Schweiz tritt dem Völkerbund bei ( https://www.sozialarchiv.ch/2020/01/15/vor-100-jahren-die-schweiz-tritt-dem-voelkerbund-bei [zuletzt aufgerufen am 27.4.2020] 📖).↩
4
Schmid-Ammann erwähnte in seinem Schreiben explizit Barths «eindringlichen Appell in den ‹Basler Nachrichten›» (KBA 9335.1249). Zu Barths Appell s. oben, S. 234f.↩
5
Guido Ammann (1884–1965), 1910 Pfarrer in Mönthal bei Brugg AG, 1930–1949 in Thayngen SH.↩
6
Brief G. Ammanns an Barth vom 11.12.1935 (KBA 9335.1216).↩
7
Brief Schmid-Ammanns an Barth vom 19.12.1935 (KBA 9335.1249).↩
8
Vgl. Brief Barths an Schmid-Ammann vom 31.12.1935 (KBA 9235.405) und dessen Antwort vom 6.1.1936 (KBA 9336.14).↩
9
Der Titel «Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland» ist handschriftlich auf die Nachfrage Schmid-Ammanns vom 27.1.1936 (KBA 9336.77) notiert; eine Antwort Barths darauf ist zwar nicht erhalten, aber im nächsten Schreiben vom 24.2.1936 (KBA 9336.131) ging Schmid-Ammann von diesem Titel des Vortrags aus.↩
10
Brief G. Ammanns an Barth vom 19.2.1936 (KBA 9336.120).↩
11
Wilhelm Wuhrmann (1883–1957), gebürtiger Deutscher, nach seinem Theologiestudium in Basel und Zürich seit 1934 Pfarrer in Felben/TG, Redakteur des «Religiösen Volksblattes», Mitglied im Vorstand des Vereins für freies Christentum.↩
12
Brief G. Ammanns vom 19.2.1936 (Anm. 10).↩
13
Siehe unten, S. 373f.↩
14
Emmy Lentrodt (1899–1942), seit den 1920er Jahren eng mit Ch. von Kirschbaum befreundet, verbrachte 1930/31 mehrere Monate in Bonn und war auch in den folgenden Jahren häufig zu Besuch, lebte später aufgrund zunehmender gesundheitlicher Beeinträchtigungen wieder bei ihren Eltern in München.↩
15
Die Schilderung von Anreise und Ankunft folgt den Eintragungen im Taschenkalender Ch. von Kirschbaums vom 15.3.1936.↩
16
Vgl. die Angaben Schmid-Ammanns in seinem Brief vom 24.2.1936 (Anm. 9).↩
17
Vgl. Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 15.3.1936.↩
18
Brief Schmid-Ammanns vom 24.2.1936 (Anm. 9).↩
19
Dies teilte Schmid-Ammann im Postskriptum seines Brief an Barth vom 24.3.1936 (KBA 9336.196) mit.↩
20
Brief Schmid-Ammanns vom 24.2.1936 (Anm. 9).↩
21
Taschenkalender-Eintrag vom 15.3.1936.↩
22
N. N., Die Lage der deutschen Bekenntniskirche, in: Schaffhauser Intelligenzblatt, 75. Jg. (1936), Nr. 66 vom 19.3.1936 📖 (KBA 3554).↩
23
H. Sch., Einige Gedanken zum Vortrag v. Prof. D. Karl Barth, über «Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland», in: Grenzbote. Organ der Neuen Front, 3. Jg. (1936), 21.3.1936 📖 (KBA 3538).↩
24
In seinem an «Herrn Rindlisbacher» gesandten Hinweis-Text hieß es u. a.: «Die Wichtigkeit des Themas braucht für alle kirchlich Interessierten, aber im Blick auf die gegenwärtige politische Lage auch für weitere Kreise nicht hervorgehoben zu werden. Und die Person des Vortragenden bürgt uns für eine auf der Sachkunde eigener Anschauung beruhende Darstellung» (KBA 9236.93).↩
25
Alphons Koechlin (1885–1965), seit 1921 Pfarrer in Basel, seit 1933 Präsident des Basler Kirchenrats.↩
26
Taschenkalender K. Barth, Eintrag vom 17.3.1936.↩
27
Siehe oben, S. 237, Anm. 8.↩
28
Vgl. Barths Entwurf für den Anzeigen-Text (KBA 9236.93). – Mit 2.- CHF konnte man im Jahr 1935 in Basel etwa 4–5 Kilo Brot kaufen; vgl. W. Koller, Die Schweiz 1935–1945. 1000 Daten aus kritischer Zeit, Zürich 1970, S. 122 📖. ↩
29
Taschenkalender Ch. von Kirschbaum, Eintrag vom 31.3.1936.↩
30
Vgl. H., Prof. Karl Barth über die Bekennenden Kirche in Deutschland, in: Basler Nachrichten, 81. Jg. (1936), 1.4.1936 📖 (KBA 3562).↩
31
E. A., Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland, in: National-Zeitung, 49. Jg. (1936), 1.4.1936 📖 (KBA 3561). – Schon in den einleitenden Sätzen hieß es hier: «Die gute Sache und nicht minder der ungemein interessante und einleuchtende Vortrag hätten ein grösseres Publikum verdient!»↩
32
Taschenkalender Barth 1936, S. 146:
«1933 Bejahung des Nat[ional-]Soz[ialismus] / Wille zur Kirche}!{D[eut­sche] C[hristen] / Opposition Nationalsynode Krause
1934 Freie Synode / Kirchenführer versagen / Zusammenbruch des Rei[chs]bi[schofs] u[nd] der D. C.
Reaktion in der B[ekennenden] K[irche]
1935 Heidentum / Stillstand u[nd] Verwirrung in der B. K. / Kerrl und die Ausschüsse
1936 B. K. lehnt die Ausschüsse ab / Wort an den Staat».
↩
33
A.a.O., S. 147:
«Probleme: Gemeinden u[nd] theol[ogische] Jugend / Innere Einheit / Gegner: D. C., Heidentum, Staat / Innere Schranke / Politische Hintergründe / Politische Relevanz
Allgemeine Probl[eme]: Theol[ogie] / Kirchenleitung / Gemeinde / Kirche u[nd] Staat».↩
34
KBA 11098.↩
35
Dass auf der erhaltenen Seite dieses Manuskripts die Seitenzahl «2» vermerkt ist, spricht dafür, dass es noch weitere – nicht erhaltene – Manuskriptseiten gab, aus denen das Typoskript erstellt wurde.↩
36
KBA 11099.↩
37
KBA 11100.↩
38
Vom noch nicht ergänzten Typoskript B existieren zwei neunseitige Nachschriften (KBA 11101.1; KBA 11101.2), von denen eine an Arthur Frey (1897–1955; seit 1933 Herausgeber des «Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes», mit Barth freundschaftlich verbunden) geschickt wurde. Von dort aus gelangte sie an Gottlob Wieser (1888–1973), den Redakteur des «Kirchenblattes für die reformierte Schweiz», der sich daraufhin mit der Bitte um eine Abdruckerlaubnis an Barth wandte (Brief Wiesers an Barth vom 16.4.1936 [KBA 9336.247]). Mit dem Hinweis: «Die Abschrift des EPD ist nicht druckfertig und wird von Dr. Frey nur zu Orientierungszwecken versendet», lehnte Barth diese Anfrage ab, und zwar «einmal um sie zu gelegentlichen Vorträgen noch zur Verfügung zu haben, sodann um frei zu sein für eine vielleicht in gewisser Stunde notwendig werdende Veröffentlichung» (Brief Barths an Wieser vom 19.4.1936 [KBA 9236.114]).↩
39
[K. Barth], Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland, in: Schaffhauser Bauer, 17.–20.3.1936 📖 (KBA 3591; KBA 3592; KBA 3593; KBA 3594).↩
40
Brief Schmid-Ammanns an Barth vom 24.3.1936 (KBA 9336.196). – Schmid-Ammann war offenbar ein guter Stenograf, denn obwohl er keine schriftliche Vorlage von Barth erhalten hatte, differiert seine Version nur an einigen wenigen Stellen inhaltlich relevant vom Typoskript, und hier wird es sich überwiegend um solche Passagen handeln, die Barth spontan und ohne Vorlage in seinen Vortrag einfließen ließ.↩
41
Jean–Louis Leuba (1912–2005), seit 1931 Studium der Theologie v. a. in Neuenburg / Neuchâtel, 1936/37 in Basel, ab 1937 Pfarrer u. a. in Basel, ab 1954 Professor für Systematische Theologie in Neuenburg / Neuchâtel.↩
42
K. Barth, L’église confessionnelle Allemande, in: CProt 20 (1936), No. 3, S. 129–153 📖.↩
43
Vgl. a.a.O., S. 129 📖: «M. Karl Barth a fait à Schaffhouse, en mars, une conférence sur: Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland. Le sujet intéresse vivement notre pays insuffisamment renseigné. Historique court, précis des événements, il valait la peine que nous en ayons connaissance. Nous avons demandé à M. J.-L. Leuba, cand. theol., de faire pour les Cahiers une adaptation française d’un texte sténographique.»↩
44
Siehe oben, Anm. 38.↩
45
Der französische Text enthält weder die bei Schmid-Ammanns Artikeln überschüssigen Textteile noch Barths letzte Ergänzungen und Korrekturen.↩
46
Vgl. oben, S. 296.↩
47
Barth denkt hier in erster Linie an Adolf Hitler (vgl. dazu K. Barth, Dogmatik im Grundriß, Zürich [1947] 19988, S. 54 📖: «Sie erinnern sich wohl, wie Hitler, wenn er von Gott zu sprechen pflegte, ihn den ‹Allmächtigen› nannte.»). In seinen Reden reklamierte Hitler immer wieder den Willen des «Allmächtigen» für sich und seine Vorhaben und usurpierte auch sonst christliches Vokabular. So hieß es schon am 30. Januar 1933, im ersten Aufruf des neuernannten Reichskanzlers an seine Parteigenossen: «An Euch, meine Parteigenossen, richte ich nur die eine große Bitte, gebt mir Euer Vertrauen und Eure Anhänglichkeit in diesem neuen großen Ringen genauso wie in der Vergangenheit, dann wird uns auch der Allmächtige seinen Segen zur Wiederaufrichtung eines deutschen Reiches der Ehre, der Freiheit und des sozialen Friedens nicht versagen» (M. Domarus, Hitler, Reden und Proklamationen 1932–1945, kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Bd. I: Triumph, Halbbd. 1: 1932–1934, Wiesbaden 1973, S. 188 📖). Und auch in dem vom Rundfunk übertragenen «Aufruf der Reichsregierung an das deutsche Volk» vom 1. Februar 1933 verwies Hitler prägnant darauf, dass «der Allmächtige» dem deutschen Volk seit den «Tagen des Verrates» am Ende des Ersten Weltkriegs «seinen Segen entzogen» habe, und endete so: «Möchte der allmächtige Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten, unsere Einsicht segnen und uns mit dem Vertrauen unseres Volkes beglücken» (a.a.O., S. 194).↩
48
Einer schon von Girolamo Benzoni in seiner Historia del mundo nuovo von 1565 📖 überlieferten Anekdote zufolge ließ Christoph Kolumbus bei einem Gastmahl auf die Behauptung hin, es wäre keine Schwierigkeit gewesen, Amerika zu entdecken, wenn man nur früher daran gedacht hätte, ein gekochtes Ei bringen und forderte die Anwesenden auf, es an einem der beiden Enden zum Stehen zu bringen. Dies gelang niemandem, und so nahm Kolumbus das Ei und schlug es so auf den Tisch, dass die Spitze eingedrückt wurde und es stehenblieb; vgl. Büchmann, S. 394 📖.↩
49
Durch den Hinweis auf «1919» wird deutlich, dass hier nicht, zumindest nicht in erster Linie, die Siegermächte des Ersten Weltkrieges gemeint sind, sondern vielmehr diejenigen politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die 1919 auf deutscher Seite gezwungenermaßen der Unterzeichnung des Versailler Vertrages zugestimmt hatten und dann die sich mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 verbindende demokratische Ordnung der Weimarer Republik befürworteten.↩
50
Der am 28. Juni 1919 unterzeichnete Versailler Vertrag beendete offiziell die Teilkriege des Ersten Weltkriegs, in die das Deutsche Reich involviert war. Von den Siegermächten verfasst, konnte die deutsche Delegation vor ihrer Unterschrift nur minimale Änderungen erreichen. Im Vertrag wurde die alleinige Kriegsschuld des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten festgeschrieben. Daraus wurden umfangreiche Gebietsabtretungen vor allem an ­Polen, Dänemark und Frankreich sowie hohe jährlich zu leistende Reparationszahlungen an die Siegermächte abgeleitet.↩
51
Den Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen der Weimarer Republik und den Siegermächten markierte wohl die Ruhrkrise. Als das Deutsche Reich aufgrund seiner zusammenbrechenden Wirtschaftsleistung Anfang Januar 1923 seine Zahlungsunfähigkeit erklärte, besetzten französische und belgische Truppen das für die damalige deutsche Wirtschaft eminent wichtige Ruhrgebiet; sie schlugen den dagegen aufflammenden Widerstand (sog. «Ruhrkampf») brutal nieder und blieben dort bis zum Sommer 1925. Auch in den folgenden Jahren zeigte man sich gegenüber fortgesetzten Bitten der deutschen Regierungen um eine endgültige Festsetzung der Gesamthöhe der Reparationen und deutlichere Erleichterungen bei den Zahlungsmodalitäten lange uneinsichtig. Erst im Juli 1932 kam es zur Festsetzung einer letzten (nicht mehr gezahlten) Summe.↩
52
Gustav Stresemann (1878–1929), Politiker der Deutschen Volkspartei, war 1923 kurzzeitig Reichskanzler, danach seit November 1923 bis zu seinem Tod Außenminister. Er erreichte 1925 mit dem Abschluss des Locarnopakts, einem Sicherheitspakt zwischen Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Italien, und 1926 mit der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund erste wichtige Erfolge bei der Normalisierung und friedlichen Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Deutschland und den Siegermächten des Ersten Weltkriegs. Gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand (1862–1932) erhielt er dafür 1926 den Friedensnobelpreis.↩
53
Heinrich Brüning (1885–1970), Politiker der Zentrumspartei, führte von März 1930 bis Mai 1932 als Reichskanzler die letzte von der bürgerlichen Mitte getragene Regierung der Weimarer Republik, die jedoch auf eine Tolerierung der zuvor aus der Regierung ausgeschiedenen SPD angewiesen war und aufgrund der fehlenden Unterstützung der Mehrheit des Parlaments weitgehend nur mit Hilfe von Notverordnungen regieren konnte.↩
54
Nach dem Börsenkrach in den USA am 25. Oktober 1929 versiegte der Zustrom von Anleihen, Krediten und Investitionsgeldern aus den USA nach Europa, von dem der wirtschaftliche Aufschwung der späteren 1920er Jahre besonders auch in Deutschland abhängig gewesen war, und zugleich wurde die Rückzahlung von Schulden eingefordert. 1930 wurde die deutsche Volkswirtschaft von der Krise voll erfasst: Die Produktion ging zurück, Export und Volkseinkommen sanken, die Zahl der Arbeitslosen stieg sprunghaft auf bis zu sechs Millionen an. Vgl. zum Ganzen: Fr. Blaich, Der schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise (Deutsche Geschichte der neuesten Zeit), München 1985; 19943 📖.↩
55
Gemeint sind die in Russland nach der Oktoberrevolution von 1917 und dem darauf folgenden brutalen Bürgerkrieg sowie die in Italien nach Benito Mussolinis Machtübernahme 1922 bis zum Jahr 1925 etablierten kommunistischen bzw. faschistischen Diktaturen. ↩
56
Die von der verfassunggebenden Nationalversammlung in Frankfurt/Main verabschiedete «Verfassung des deutschen Reiches» vom 28. März 1849 (sog. Paulskirchenverfassung) beinhaltete unter anderem die unverletzliche Freiheit der Person (§ 138), Pressefreiheit (§ 143), Glaubens- und Gewissensfreiheit (§ 144), Freiheit von Wissenschaft und Lehre (§ 152) sowie Versammlungsfreiheit (§ 161). Vgl. E. R. Huber, Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte, Bd. 1: Deutsche Verfassungsdokumente 1803–1850, 19783, S. 375–396 📖.↩
57
Anspielung auf die drei bedeutenden Kritiken Immanuel Kants: Kritik der reinen Vernunft (1781) 📖, Kritik der praktischen Vernunft (1788) 📖, Kritik der Urteilskraft (1790) 📖.↩
58
Zu dieser Sicht Barths auf Goethe vgl. schon seine Predigt vom 14. November 1909, wo er mit Bezug auf J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1112 (Vor dem Tor) 📖, ausführte: «Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust – und das sagt uns Goethe, der wie kein zweiter uns gelehrt hat, den Menschen als Einheit, Geist und Natur als Einheit zu verstehen!» (Predigten 1907–1910, S. 188 📖).↩
59
Wohl eine Anspielung auf E. Hirsch, Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht, Göttingen 1920 (19253) 📖. Hirsch, einer der prominentesten der den «Deutschen Christen» zugehörigen Theologen, war ein glühender Verehrer Hitlers.↩
60
Die «Deutsche Evangelische Kirche» (DEK) wurde am 11. Juli 1933 mit der Annahme ihrer Verfassung (GDEK 1 [1933], S. 2–6 📖) durch die bevollmächtigten Vertreter der in ihr verbundenen Landeskirchen gegründet. Gemäß ihrer Präambel vereinigte sie in sich «die aus der Reformation erwachsenen gleichberechtigt nebeneinanderstehenden Bekenntnisse»; nach Art. 2, Abs. 3 blieben die in ihr vereinigten Landeskirchen «in Bekenntnis und Kultus selbständig» (a.a.O., S. 2).↩
61
Neben dem unten näher behandelten, dezidiert christentumsfeindlichen «Neuheidentum» dürfte Barth hier an die «Deutschen Christen» gedacht haben, besonders an ihre radikalen Vertreter. So schrieb er schon im Dezember 1933 in Bezug auf die aufsehenerregende Rede Reinhold Krauses im Sportpalast (s. unten, Anm. 81) vom «groben Heidentum des Herrn Krause» (K. Barth, Vorwort [zu: Die Kirche Jesu Christi], in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 600–618, dort S. 610 📖). – Auch in der als Reaktion auf Krauses Rede von den Mitgliedern des Pfarrernotbundes verlesenen Kanzelabkündigung vom 19. November 1933 hieß es: «Heidentum ist in den Raum unserer Kirche eingedrungen» (Gauger I, S. 111.113, dort S. 113 📖).↩
62
Aufgrund des Ergebnisses der Kirchenwahlen vom Sommer 1933 waren die Synoden der meisten Landeskirchen mehrheitlich deutschchristlich besetzt. Diese sogenannten «braunen» Synoden installierten bis in den Herbst 1933 hinein in nahezu allen Landeskirchen deutsch-christlich dominierte Kirchenregierungen, bevor am 27. September 1933 die abschließende Nationalsynode den deutsch-christlichen Kandidaten Ludwig Müller zum Reichsbischof wählte. Auch das Leitungsgremium der DEK, das «Geistliche Ministerium», bestand aus Vertretern, die «Deutsche Christen» waren oder ihnen nahestanden. Vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 490, Anm. 15 📖.↩
63
Ausführlicher und im Blick sowohl auf die deutsche als auch auf die schweizerische Situation thematisierte Barth die Frage nach dem Bekennen einer bekennenden Kirche in Das Bekenntnis der Reformation und unser Bekennen (s. oben, S. 109–169). ↩
64
Vgl. etwa M[artin] W[erner], Umschau, in: Schweizerisches Reformiertes Volksblatt, Jg. 68, Nr. 19, 12.5.1934, S. 150f., dort S. 151 📖: «Der Erfolg ist jedenfalls einmal der, daß die Reichskirche heute ernstlich zu zerfallen droht, indem die Gegner der in der Reichskirche herrschenden Deutschen Christen es auf kirchliche Spaltung und Gründung von ‹Freikirchen› ankommen lassen wollen. Bereits haben sich ‹freie Syoden›, ‹Bekenntnissynoden› gebildet. Unterdessen aber, das ist der zweite Erfolg des auf Bekenntniszwang gerichteten kirchlichen, blinden Starrsinns, wenden sich die Massen immer mehr von der die wahre geistige Freiheit ungläubig verleugnenden Kirche ab»; ders., Prof. Karl Barth verläßt den deutschen Kampfplatz, in: a.a.O., Jg. 69, Nr. 26, 29.6.1935, S. 208 📖: «Mit dem starren Orthodoxismus, den er vertritt, ist die zerfahrene Lage des deutschen Protestantismus niemals zu sanieren. Dieser Orthodoxismus hat vielmehr diese Lage von langer Hand, seit Ende des Weltkrieges schon, schaffen helfen.»↩
65
Durch das landesherrliche Kirchenregiment bestand bis 1918 eine enge Verbindung zwischen Kirche und Staat. Die Weimarer Reichsverfassung brachte 1919 in ihren später auch ins Grundgesetz übernommenen Artikeln 136–139 und 141 die grundsätzliche Trennung von Kirche und Staat, beließ den Kirchen durch die Zuerkennung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts aber zahlreiche Privilegien. Vgl. H. Oelke, Art. «Kirche und Staat, I. Kirchengeschichtlich, 4. Neuzeit», in: RGG4 IV, Sp. 1042f. 📖 – Zur ganz überwiegend rechtsnationalen politischen Einstellung von Kirchenführungen und Pfarrerschaft vgl. Kl. Tanner, Protestantische Demokratiekritik in der Weimarer Republik, in: Die Kirchen und die Weimarer Republik, hrsg. von R. Ziegert, Neukirchen-Vluyn 1994, S. 23–36 📖; K. W. Dahm, Pfarrer und Politik. ­Soziale Position und politische Mentalität des deutschen evangelischen Pfarrerstandes zwischen 1918 und 1933, Opladen 1965 📖.↩
66
Zu Barths Sicht auf die neuprotestantische «Verharmlosung» der Theologie durch immer stärkere Anpassung an die Bedürfnisse des modernen Menschen vgl. ausführlicher K. Barth, Die Theologie und der moderne Mensch, in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 160–182, dort bes. S. 176–179 📖.↩
67
Vgl. K. Barth, KD I/2, S. 650 📖: «Bedeutet die Reformation des 16. Jahrhunderts die Entscheidung für die heilige Schrift, so wird man auch umgekehrt sagen müssen, daß die Entscheidung für die heilige Schrift zu allen Zeiten der Kirche die Entscheidung für die Reformation der Kirche bedeutet».↩
68
Die Zeitschrift «Junge Kirche» wurde im Mai 1933 unter wesentlicher Mitwirkung des Verlegers Günther Ruprecht (1898–2001) als «Mitteilungsblatt der Jungreformatorischen Bewegung» (so der Untertitel) gegründet; die erste Ausgabe erschien am 21. Juni 1933. Nach der Selbstauflösung der Jungreformatorischen Bewegung (dazu s. unten) entschied man sich für ihre Weiterführung als selbständige «Halbmonatsschrift für reformatorisches Christentum». Unter ihrem Schriftführer Fritz Söhlmann (1905–1977; Schriftleiter der «Jungen Kirche» bis 1941, danach Kriegsdienst, nach Kriegsende Mitbegründer des CDU-Landesverbandes Oldenburg, 1946 Mitglied des oldenburgischen, 1947–1950 Mitglied des niedersächsischen Landtags) und dem Herausgeber Hanns Lilje (1899–1977; einer der Pioniere der Ökumenischen Bewegung, seit 1927 Generalsekretär und Vizepräsident des Christlichen Studentenweltbundes, seit 1934 Generalsekretär des Lutherischen Weltkonvents, 1947–1971 Bischof der Ev.-Luth. Landeskirche Hannover) entwickelte sich die «Junge Kirche» schnell zur führenden Zeitschrift der Bekennenden Kirche. Vgl. W. Ruprecht, Väter und Söhne. Zwei Jahrhunderte Buchhändler in einer deutschen Universitätsstadt, Göttingen 1935, S. 278 📖.↩
69
Vgl. etwa die Erklärung des Oberkirchenrates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union vom 11. April 1933, die mit dem Satz beginnt: «Die Osterbotschaft von dem auferstandenen Christus ergeht in Deutschland in diesem Jahre an ein Volk, zu dem Gott durch eine große Wende gesprochen hat» (Gauger I, S. 74 📖; vgl. Scholder I, S. 298f. 📖).↩
70
Die Forderung nach einer einheitlicher organisierten Reichskirche wurde schon zu Zeiten der Weimarer Republik vielfach erhoben, da der 1922 gegründete «Deutsche Evangelische Kirchenbund» oftmals als zu lose organisiert und im Gegenüber zumal zur katholischen Kirche als zu schwach empfunden wurde. Die «Deutschen Christen» griffen diese Forderung auf, und nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren und sich der rasche Umbau Deutschlands in ein zentralistisch und autoritär geführtes Land, später in eine Diktatur, abzuzeichnen begann, wurde die Forderung nach einer solchen Reichskirche als adäquates Gegenüber zum Staat praktisch zum Allgemeingut aller kirchlichen Gruppierungen. Vgl. Scholder I, S. 35f.355–387.406–409 📖; V.u.kl.A. 1930–1933, S. 289, Anm. 58 📖.↩
71
Das Wort «Gleichschaltung» geht wohl auf Reichsjustizminister Franz Gürtner (1881–1941) zurück, der es bei der Formulierung der Gesetze zur «Gleichschaltung der Länder mit dem Reich» vom 31.3. und 7.4.1933 benutzte (vgl. C. Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin / New York 1998, S. 277–280 📖). Auf der ersten Reichstagung der Deutschen Christen wurde der Wortgebrauch sogleich adaptiert: «Wir fordern die sinngemäße Gleichschaltung der empirischen Kirche mit dem Volksstaat der nationalen Revolution und damit eine Reform der Ev. Kirche an Haupt und an Gliedern» (S. Nobiling, Kirchliches Führertum, in: «Volk und Kirche». Die amtlichen Berichte der ersten Reichstagung der Glaubensbewegung «Deutsche Christen» [Schriftenreihe der «Deutschen Christen», 4], Berlin 19332, S. 43–49, Zitat S. 43 [i. Orig. gesperrt] 📖).↩
72
Siehe oben, Anm. 62.↩
73
Im April und Mai 1933 traf sich das sogenannte Drei-Männer-Kollegium, bestehend aus Hermann Kapler (1867–1941), dem unierten Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes, August Marahrens (1875–1950), dem Bischof der lutherischen Landeskirche Hannovers, und Hermann Albert Hesse (1877–1957), dem Moderator des reformierten Bundes und Pastor in Elberfeld, mehrfach, um über die Neuordnung der deutschen evangelischen Kirche zu beraten. Nicht eingeladen, aber von den Teilnehmern als Vertrauensmann Hitlers akzeptiert, stieß später auch Ludwig Müller zu den Verhandlungen, die vom 16.–20. Mai 1933 im Kloster Loccum bei Hannover mit der Formulierung des «Loccumer Manifests» (Text: Schmidt I, S. 153f. 📖) ihren vorläufigen Abschluss fanden. Barth war als Berater Hesses mittelbar an den Verhandlungen beteiligt; Hesse konnte Barths Vorschläge aber nicht umsetzen. Vgl. zum Ganzen K. Barth, Was heißt: evangelisch sein?, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 242–248 📖.↩
74
Mit dem «Aufruf der Jungreformatorischen Bewegung zum Neubau der Kirche» trat diese Gruppierung am 9. Mai 1933 zum ersten Mal an der Öffentlichkeit. Sie bezog kritisch Position gegen staatliche Eingriffe in die Kirche und die Forderung nach der Anwendung des «Arierparagraphen» in der Kirche, forderte aber gleichzeitig ein freudiges «Ja zum neuen deutschen Staat» (Text: Schmidt I, S. 145f. 📖).↩
75
Der Pfarrernotbund war am 11. September 1933 als Reaktion auf die fast vollständige Übernahme der kirchlichen Leitungsgremien durch die «Deutschen Christen» und insonderheit auf die Verabschiedung des «Arierparagraphen» in der altpreußischen Kirche gegründet worden. In der Verpflichtungserklärung des Pfarrernotbundes vom 21.9.1933 hieß es, die Unterzeichnenden verpflichteten sich, ihr «Amt als Diener des Wortes auszurichten allein in der Bindung an die Heilige Schrift und an die Bekenntnisse der Reformation als die rechte Auslegung der Heiligen Schrift» (Text: KTGQ V, 1999, S. 104 📖).↩
76
Aus dieser Haltung heraus setzte sich Barth im Frühsommer 1933 zwar energisch und unmissverständlich mit der Theologie und den Absichten der «Deutschen Christen» auseinander, widersprach aber beinahe noch vehementer den Ansichten, die im Umfeld der «Jungrefromatorischen Bewegung» vertreten wurden (vgl. K. Barth, Theologische Existenz heute!, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort bes. S. 320–330 [zu den «Deutschen Christen»] u. S. 340–351 [zur «Jungreformatorischen Bewegung»] 📖), und resümierte: «Ich glaube: mit den offenen wilden Ketzern wird die Kirche in nicht zu später Zeit fertig werden. Wer aber hätte sie bewahrt vor der Liebenswürdigkeit der kirchlich und sogar ‹biblisch-reformatorisch› Korrekten, die es im Grunde doch nicht anders meinten als jene?» (a.a.O., S. 351).↩
77
Friedrich von Bodelschwingh d. J. (1877–1946), seit 1910 Leiter der Von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, wurde am 27. Mai 1933 von der Mehrheit der Kirchenführer zum Reichsbischof gewählt. Allerdings fand diese Wahl statt, bevor die neue Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche in Kraft trat und obwohl die bisherige Verfassung ein solches Amt nicht vorsah. Von den «Deutschen Christen» daher angefeindet, trat Bodelschwingh aufgrund der Einsetzung eines staatlichen Kommissars zur Regelung der kirchlichen Angelegenheiten in Preußen am 24. Juni 1933 vom Amt des Reichsbischofs, in das er noch gar nicht eingeführt worden war, zurück. Vgl. Scholder I, S. 446–450 📖; V.u.kl.A. 1930–1933, S. 260, Anm. 1 📖.↩
78
Die Umsetzung des Führerprinzips durch Einrichtung autoritativer Bischofsämter war eine zentrale Forderung der «Deutschen Christen» und wurde 1933/34 in der Mehrzahl der deutschen Landeskirchen umgesetzt; vgl. zu Barths Polemik dagegen schon im Frühsommer 1933: Barth, Theologische Existenz heute! (Anm. 76), S. 302–310 📖.↩
79
Mit dem «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» vom 7. April 1933 wurde verfügt, dass alle staatlichen Beamten arischer Abstammung sein müssen. Diese Regelung in den Bereich der Kirche zu übernehmen und auf die Pfarrer und höheren Kirchenbeamten anzuwenden, war eine zentrale Forderung der «Deutschen Christen», die auf der später als «braune Synode» bezeichneten Generalsynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union am 5. September 1933 erstmals kirchenrechtlich umgesetzt wurde. Vgl.KJ 60–71 (1933–1944), Gütersloh 19762, S. 33f 📖.; V.u.kl.A. 1930–1933, S. 474, Anm. 63 📖.↩
80
Ludwig Müller (1883–1945), seit 1926 Königsberger Wehrkreispfarrer, seit 1931 NSDAP-Mitglied, Mitbegründer der «Deutschen Christen» und deren Landesleiter in Ostpreußen, im April 1933 von Hitler zum Bevollmächtigten für die Angelegenheiten der evangelischen Kirchen ernannt, auf der Nationalsynode am 27. September 1933 zum Reichsbischof gewählt.↩
81
Gemeint ist die Rede, die Reinhold Krause (1893–1980), Gauobmann der «Deutschen Christen» in Groß-Berlin, am 13. November 1933 im Berliner Sportpalast hielt. In dieser Rede forderte Krause u. a. die «Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen, Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten» und den «Verzicht auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Paulus» (Rede des Gauobmannes der Glaubensbewegung «Deutsche Christen» in Groß-Berlin Dr. Krause, gehalten im Sportpalast am 13. November 1933 [nach doppeltem stenographischen Bericht], o. O., o. J. [Sonderdruck, 12 S.], Zitate S. 5f. 📖). Auf die Berichterstattung über diese Rede, gegen die von den zahlreichen anwesenden deutsch-christlichen Würdenträgern niemand protestiert hatte, folgte die Abwendung vieler Mitglieder und Sympathisanten von den «Deutschen Christen». Vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 581, Anm. 1 📖; Scholder I, S. 701–705 📖.↩
82
Vgl. schon Barth, Bekenntnis der freien Kirchensynode, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 3–64, dort S. 27 📖: «Wir stehen heute vor der Frage: Hat die Kirche sich außer auf die Offenbarung des dreieinigen Gottes auch noch auf eine andere Gottesoffenbarung, nämlich eine Gottesoffenbarung in Natur und Geschichte, zu berufen? Nach meiner geschichtlichen und theologischen Einsicht ist diese Frage das eigentliche theologische Kernproblem der ganzen gegenwärtigen Situation. Es geht um die Frage: Hört die Kirche auf die Offenbarung in Jesus Christus und nur auf diese Offenbarung?»↩
83
Zu Barths Gedanken, dass der Nationalsozialismus und andere Weltanschauungen Religionscharakter aufwiesen, vgl. ausführlich K. Barth, Fragen an das Christentum, in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 141–155 📖.↩
84
Zu der von Barth, aber auch von anderen Theologen häufig verwendeten Redeweise von einer damals 200-jährigen Fehlentwicklung der protestantischen Theologie vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 32, Anm. 49. 📖 ↩
85
Gemeint ist bei Barths häufigeren Anspielungen auf die verhängnisvolle Rolle falsch verstandener brüderlicher Liebe ursprünglich das von Fr. von Bodelschwingh d. J. verfasste, am Tag seiner Wahl zum Reichsbischof veröffentlichte Wort an die evangelischen Christen Deutschlands (Text: Schmidt I, S. 155–157 📖), in dem es hieß: «Die Arbeit der Kirche ist zuerst Verkündigung. Wir erbitten uns für sie eine Sprache, die verstanden wird. Wir wünschen uns für sie Menschen, studierte und unstudierte, die auch auf neuen Wegen das Wort Gottes zu allen Volksgenossen bringen. Wenn dieses Wort gehört wird, dann können Menschen zueinander kommen, die bisher durch Haß und Zwietracht getrennt waren. Denn dies Wort gibt die innere Heimat wieder, und aus dem Wort entsteht die Tat helfender, brüderlicher Liebe» (ebd.). Vgl. schon Barth, Theologische Existenz heute! (Anm. 76), S. 339f 📖.: «Jedenfalls: wo blieb in dieser Sache die kirchliche Verantwortlichkeit? Wo auch hier die Unerbittlichkeit der Frage nach der christlichen Wahrheit, eine Unerbittlichkeit, die sich durch keine ‹brüderliche Liebe› hätte bewegen lassen, dem Irrtum in der Kirche Raum und Geltung zu geben?»↩
86
Die Rede vom einsamen Mann ist als Selbststilisierung Barths zu verstehen. Vgl. etwa seinen Brief an E. Thurneysen vom 25.8.1933 (KBA 9270.600; Bw.Th. III, S. 483f 📖.): «Ich frage mich gewiss immer wieder, ob denn nicht ich einfach ein wahnsinniger, unbarmherziger Setzkopf bin, dass ich den Frieden so gar nicht schließen kann, der offenbar auch so ernsthaften Menschen […] ganz selbstverständlich ist und dass ich dann sogar gegen solche Gestalten viel mehr richtigen Groll und Zorn zu verarbeiten habe als gegen die offenen Heiden und Ketzer. Warum muss ich so dran sein? Und wenn ich recht habe, warum muss ich so isoliert sein auch und gerade unter den Gerechten, mit denen ich doch wahrhaftig lieber einig als so jämmerlich uneinig sein möchte, wie es nun der Fall ist?»↩
87
Die Freie reformierte Synode in Barmen-Gemarke fand am 3. und 4. Januar 1934 statt. Mit dieser reichsweit ersten Freien Synode sollte der Widerstand gegen das 1933 in nahezu allen Landeskirchen durchgesetzte deutsch-christliche Kirchenregiment zunächst im reformierten Bereich besser verankert und auf eine breitere Basis gestellt werden. Barth erarbeitete für diese Synode die Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen der Gegenwart (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 65–83 📖) und hielt auch den Einbringungsvortrag Bekenntnis der freien Kirchensynode (Anm. 82).↩
88
Im Vorfeld der ersten Reichsbekenntnissynode in Barmen-Gemarke vom 29.–31. Mai 1934 war Barth federführend an der Formulierung der Theologischen Erklärung zur gegenwärtigen Lage in der Deutschen Evangelischen Kirche, der sogenannten Barmer Theologischen Erklärung beteiligt (vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 264–301 📖).↩
89
Auch auf der zweiten Reichsbekenntnissynode in Berlin-Dahlem am 19. und 20. Oktober 1934 war Barth an der Formulierung der Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche beteiligt und auch sonst engagierter Teilnehmer; er wurde hier in den erweiterten Reichsbruderrat und in das sechsköpfige neue Leitungsgremium, den «Rat der Deutschen Evangelischen Kirche» berufen (vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 528–549 📖).↩
90
Vgl. bes. die erste These der Barmer Theologischen Erklärung (Anm. 88 📖):
«Jesus Christus, wie er uns in der heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen» (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 296).↩
91
Vgl. Satz I,1 der Erklärung über das rechte Verständnis der reformatorischen Bekenntnisse in der Deutschen Evangelischen Kirche der Gegenwart (Anm. 87 📖): «Angesichts der kirchlichen Ereignisse des Jahres 1933 gebietet uns das Wort Gottes, Buße zu tun und umzukehren. Denn in diesen Ereignissen ist ein die evangelische Kirche seit Jahrhunderten verwüstender Irrtum reif und sichtbar geworden. Er besteht in der Meinung, dass neben Gottes Offenbarung, Gottes Gnade und Gottes Ehre auch eine berechtigte Eigenmächtigkeit des Menschen über die Botschaft und die Gestalt der Kirche, d. h. über den zeitlichen Weg zum ewigen Heil, zu bestimmen habe» (a.a.O., S. 71).↩
92
Vgl. a.a.O., S. 73 (Satz II,1) 📖: «Die Kirche hat ihren Ursprung und ihr Dasein ausschließlich aus der Offenbarung, aus der Vollmacht, aus dem Trost und aus der Leitung des Wortes Gottes, das der ewige Vater durch Jesus Christus, seinen ewigen Sohn, in der Kraft des ewigen Geistes, als die Zeit erfüllt war, ein für allemal gesprochen hat.»↩
93
Vgl. a.a.O., S. 81 (Satz V,4) 📖: «[…] Damit ist abgelehnt die Ansicht: Als sei der Staat die höchste oder gar einzige (‹totale›) Form sichtbar-zeitlich gestalteter geschichtlicher Wirklichkeit, der sich darum auch die Kirche mit ihrer Botschaft und Gestalt ‹gleichzuschalten›, unter- oder gar einzuordnen habe.» Vgl. auch den ersten Verwerfungssatz der fünften These der Barmer Theologischen Erklärung (Anm. 88 📖): «Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen» (a.a.O., S. 299).↩
94
Vgl. a.a.O., S. 297 📖, die dritte These der Barmer Theologischen Erklärung :
«Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.» ↩
95
Nachdem in Abschnitt I der Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche (Anm. 89) die einzelnen Missstände benannt worden waren, hieß es in Abschnitt II (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 545f. 📖):
«1. Alle unsere von Schrift und Bekenntnis her erhobenen Proteste, Warnungen und Mahnungen sind umsonst geblieben. Im Gegenteil, die Reichskirchenregierung hat unter Berufung auf den Führer und unter Heranziehung und Mitwirkung politischer Gewalten rücksichtslos ihr kirchenzerstörendes Werk fortgesetzt.
2. Durch die Vergewaltigung der süddeutschen Kirchen ist uns die letzte Möglichkeit einer an den bisherigen Zustand anknüpfenden Erneuerung der kirchlichen Ordnung genommen worden.
3. Damit tritt das kirchliche Notrecht ein, zu dessen Verkündigung wir heute gezwungen sind.»
Neben dieser Botschaft beschloss die Synode zur Umsetzung des Notrechts eine Verordnung zur Ausführung der Beschlüsse der Bekenntnissynode und Richtlinien für das Verhalten der bekennenden Gemeinden (Texte: Die zweite Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Dahlem. Text – Dokumente – Berichte, hrsg. von W. Niemöller [AGK 3], Göttingen 1958, S. 39f. und S. 40f.) 📖. ↩
96
Vgl. Abschnitt III,2 der Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche (Anm. 89): «Auf Grund des kirchlichen Notrechts der an Schrift und Bekenntnis gebundenen Kirchen, Gemeinden und Träger des geistlichen Amtes schafft die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche neue Organe der Leitung. Sie beruft zur Leitung und Vertretung der Deutschen Evangelischen Kirche als eines Bundes bekenntnisbestimmter Kirchen den Bruderrat der Deutschen Evangelischen Kirche und aus seiner Mitte den Rat der Deutschen Evangelischen Kirche zur Führung der Geschäfte. Beide Organe sind den Bekenntnissen entsprechend zusammengesetzt und gegliedert» (V.u.kl.A. 1934–1935, S. 546 📖). Barth gehörte dem Bruderrat und für kurze Zeit auch dem sechsköpfigen «Rat der Deutschen Evangelischen Kirche» an; dessen weitere Mitglieder waren der westfälische Präses Karl Koch (1876–1951), der bayrische Oberkirchenrat Thomas Breit (1880–1966), der Jurist Eberhard Fiedler (1898–1947) und die Pastoren Hans Asmussen (1898–1968) und Martin Niemöller (1892–1984).↩
97
Vgl. ebd., Abschnitt III,1 der Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche (Anm. 89): «Wir stellen fest: Die Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche ist zerschlagen. Ihre rechtmäßigen Organe bestehen nicht mehr. Die Männer, die sich der Kirchenleitung im Reich und in den Ländern bemächtigten, haben sich durch ihr Handeln von der christlichen Kirche geschieden.»↩
98
Dies geschah im Zusammenhang eines Empfangs, zu dem die Führer der kirchlichen Opposition am 25. Januar 1934 bei Hitler eingeladen waren und auf dem sie ihn davon überzeugen wollten, dass Ludwig Müller als Reichsbischof nicht mehr tragbar sei. Der Empfang verlief jedoch völlig anders: Es wurde ein Martin Niemöller desavouierendes abgehörtes Telefonat verlesen und Hermann Göring übergab Hitler eine Mappe mit den Pfarrernotbund belastendem Material, so dass Ludwig Müllers Position eher wieder gefestigt wurde. Auf Hitlers Aufforderung zu einer Beilegung des Streites in der evangelischen Kirche hin kam es zwei Tage später zu einem Treffen der Kirchenführer bei Müller, das mit der Herausgabe einer Erklärung endete, in der sie sich erneut Müllers Regiment unterstellten. Vgl.V.u.kl.A. 1934–1935, S. 111–120 📖; Scholder II, S. 59–66 📖.↩
99
August Jäger (1887–1949), Landgerichtsrat, 1933 kurzzeitig Staatskommissar für die evangelischen Landeskirchen in Preußen, vom 12.4.–26.10.1934 als Rechtswalter in das Geistliche Ministerium berufen, um «in Fortführung des Verfassungswerkes des Jahres 1933 die organisatorischen Fragen der Kirche der Lösung zuzuführen» (GDEK 2 [1934], S. 33 📖).↩
100
August Jäger begann seine «Eingliederungspolitik» zur Schaffung einer einheitlichen Reichskirche schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt mit ersten Maßnahmen gegen den württembergischen Bischof Theophil Wurm, die aber nicht zum Erfolg führten: im Gegenteil trugen sie dazu bei, Gegensätze innerhalb der kirchlichen Opposition zu überbrücken. Die Eingliederungspolitik wurde durch das Frühjahr und den Sommer 1934 hindurch fortgeführt, ohne zu einem umfassenden Erfolg zu gelangen. Die im Oktober 1934 erfolgte Absetzung der zusätzlich unter Hausarrest gestellten süddeutschen Bischöfe trug mit zu einer schnellen Einberufung der zweiten Reichsbekenntnissynode in Berlin Dahlem bei. Vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 528–530 📖; Scholder II, S. 324–336 📖.↩
101
Im Zusammenhang mit dem desaströsen Echo, dass die gegen die süddeutschen Bischöfe verhängten Maßnahmen hervorgerufen hatten, verlor Reichsbischof Müller stark an Rückhalt und musste zeitweilig fürchten, auch bei Hitler in Ungnade zu fallen. Er kündigte daher Anfang November 1934 an, die «umstrittenen Punkte in der Rechtslage der Deutschen Evangelischen Kirche einschließlich der Disziplinarfälle» zu überprüfen, um «eine einwandfreie Rechtslage in der DEK unter allen Umständen sicherzustellen» (Gauger II, S. 364 📖). Noch im November folgten zwei Verordnungen, mit denen die Politik der Eingliederung der Landeskirchen in die Reichskirche komplett rückgängig gemacht wurde (GDEK 2 [1934], Nr. 69, 20.11.1934, S. 219 📖; vgl. V.u.kl.A 1934–1935, S. 602f., Anm. 95 📖).↩
102
Anfang November 1934 forderten mehrere Landesbischöfe, Vertreter theologischer Fakultäten und der missionarischen und diakonischen Werke und Verbände, der Gustav-Adolf-Verein, der Lutherische Rat der Deutschen Evangelischen Kirche sowie der Vorstand des Verbandes der Deutschen Evangelischen Pfarrvereine Ludwig Müller in solchen Schreiben oder veröffentlichten Erklärungen zum Rücktritt auf. Vgl. Gauger II, S. 365.367.369.371.373 📖.↩
103
Vgl. aus dem «Wort des Reichsbischofs an die Gemeinden und Pfarrer» vom 8. November 1934 (Text: GDEK 2 [1934], Nr. 66, 9.11.1934, S. 211–213 📖): «In der Kirche darf für das Bleiben und das Nichtverbleiben in der Kirchenführung nur ein Grundsatz gelten: hier entscheidet allein die Verantwortung vor Gott. Aus dieser Verantwortung heraus habe ich mich entschlossen, dem Drängen nicht nachzugeben. Für mich ist entscheidend, daß ich mich vor Gottes Angesicht nach wie vor für die Führung der Kirche verantwortlich weiß» (a.a.O., S. 211).↩
104
Die im Folgenden skizzierten Ereignisse sind ausführlicher beschrieben in K. Barth, Gedanken über die Lage, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 579–609 📖.↩
105
Die drei Bischöfe erhielten am 26. Oktober 1934 noch in den Hausarrest hinein (s. oben, Anm. 100) die Einladung Hitlers zu einer «Besprechung […] über die kirchliche Lage» am 30. Oktober. Zugleich wurde durch staatliches Eingreifen der Hausarrest der Bischöfe Wurm und Meiser aufgehoben. Vgl. Gauger II, S. 362 📖. ↩
106
Als «Radikale» wurden die Mitglieder der Bekennenden Kirche bezeichnet, die sich im Weiteren konsequent an den Beschlüssen der Dahlemer Reichsbekenntnissynode orientierten (vgl. etwa das Schreiben M. Niemöllers an Ministerialrat J. Stahn vom 4.9.1935 [Text: Dokumente des Kirchenkampfes II/1, S. 8] 📖). Die Negativbezeichnung konnte von den damit Gemeinten auch ironisch als Selbstbezeichnung verwendet werden; so schrieb Peter Bockemühl (1896–1953; Pastor in Wuppertal-Cronenberg) in einem Geburtstagsgruß an Barth: «Vier Radikale im Wuppertal grüssen Sie herzlich», und seine Frau Ruth notierte hinter ihrer Unterschrift: «Ultra-radikal!» (Karte vom 7.5.1936; KBA 9336.298).↩
107
Gemeint ist der Bruderrat der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Vgl. Barth, Gedanken (Anm. 104), S. 595f.: 📖 «Bis zum 1. November hatte Preußen zusammengehalten wie ein Block, bis auf Schlesien. Dann fällt einer nach dem anderen ab. Ich wurde zu einem Verfechter Preußens, Friedrichs des Großen und Bismarcks! Ich wäre beinahe schwarz-weiß geworden! Zu von Soden, dem Vertreter Hessen-Kassels, der bereits übergegangen ist, sagte ich: ‹Lieber Kollege, was denken Sie sich dabei, Preußen gegen Hannover, Hessen, Württemberg, Bayern. Woran erinnert Sie das? War das nicht 1866 so? Und nicht wahr, der Kurfürst von Hessen-Kassel war damals blind?› Aber dass wir recht hätten, aber er mahnt zum Frieden, zur Einigkeit und zur Seelsorge.» – Laut einem Brief an E. Thurneysen vom 23.11.1934 hatte Friedrich von Bodelschwingh während der Verhandlungen «eine von Liebe nur so triefende seelsorgerliche Ansprache» gehalten (KBA 9270.641; Bw.Th. III, S. 759 📖).↩
108
Die Vorläufige Kirchenleitung [I] wurde mit der Vereinbarung über die Bestellung eines vorläufigen Kirchenregiments der Deutschen Evangelischen Kirche am 22. November 1934 eingesetzt, um «auf der Grundlage von Bekenntnis und Verfassung die Deutsche Evangelische Kirche zu ordnen und in wahrer Einigkeit aufzubauen» (Text: Schmidt II, S. 174f. 📖). Neben Marahrens gehörten ihr an Präses Karl Koch, Oberkirchenrat Thomas Breit, Pfarrer Paul Humburg (1878–1945) aus Barmen und Reichsgerichtsrat Wilhelm Flor (1882–1938). Barth, Martin Niemöller, Hermann A. Hesse und Karl Immer traten daraufhin aus dem Reichsbruderrat aus. Die erste Kundgebung dieser später sogenannten VKL I vom folgenden Tag schloss mit dem Satz: «In Gehorsam gegen den Herrn der Kirche, in Liebe zu unserem Volk und in Treue gegen Führer und Obrigkeit legen wir die Hände ans Werk» (Text: Schmidt II, S. 175f., dort S. 176).↩
109
Schon in der ersten Kundgebung der VKL I (Anm. 108) hieß es mit Bezug auf die «fortgesetzten Verletzungen der Verfassung der Deutschen Evangelischen Kirche» sehr deutlich: «[…] das Verbleiben des bisherigen Regiments der Deutschen Evangelischen Kirche bedeutet nunmehr unmittelbar ihren geistlichen und rechtlichen Zerfall. […] Wir ergreifen in dieser Stunde höchster Gefahr die Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche […]. Von allen, die der Zerstörung des Vertrauens, der Untergrabung der Autorität des Evangeliums und Bekenntnisses und der daraus erwachsenden Zerrüttung der Kirche mit uns Einhalt gebieten wollen, erwarten wir, daß sie […] ihre Beziehungen zu der bisherigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche abbrechen» (Schmidt II, S. 175f. 📖).↩
110
Die zweite Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union tagte am 4. und 5. März 1935 (nicht, wie angegeben, am 3. März). Besonders Heinrich Vogel (1902–1989) widmete sich in seinem dort gehaltenen Vortrag der Thematik des «Neuheidentums»; vgl. H. Vogel, Das Wort Gottes oder Mythus, in: Die Preußensynode zu Dahlem. Die zweite Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Geschichte – Dokumente – Berichte, hrsg. von W. Niemöller (AGK 29), Göttingen 1975, S. 69–89 📖. Eine auf dieser Synode zum gleichen Thema verfasste Kanzelabkündigung (Text: Schmidt III, S. 70f. 📖) führte zur vorübergehenden Verhaftung von fast 500 Pfarrern, die sie von der Kanzel verlasen, weil «das Wort […] vom Staat als gegen ihn gerichtet aufgefaßt und seine Verlesung deshalb verboten» worden war (a.a.O., S. 11; vgl. S. 74) – Bereits am 21. Februar 1935 hatte sich auch die VKL I zur «neuen Religion» geäußert, in der wieder «Raum für die Götter unserer heidnischen Vorväter» sei (Seid nüchtern und wachet! Ein Wort der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen an die Gemeinden, in: Schmidt III, S. 63f, dort S. 63).↩
111
Diese dritte Reichsbekenntnissynode fand vom 4.–6. Juni 1935 statt (Dokumentation: Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg. Text – Dokumente – Berichte, hrsg. von W. Niemöller [AGK 20], Göttingen 1969 📖). Als bekannt wurde, dass Barth sich in der Schweiz für eine stärkere Verteidigung ihrer Nordgrenze ausgesprochen hatte, signalisierte man ihm mehrfach, dass seine Anwesenheit auf der Synode nicht erwünscht sei (vgl. a.a.O., S. 27–38; Prolingheuer, S. 177–187 📖). In einem Brief an H. A. Hesse vom 30.6.1935 (O.Br. 1909–1935, S. 333–353 📖) äußerte er sich kritisch zu den Beschlüssen der Synode; vor allem störten ihn die unklaren Regelungen zum Verhältnis von VKL I, Reichsbruderrat und Bekenntnissynode und die ihm zu weit gehenden Kompromisse und Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Staat (vgl. a.a.O., S. 344–348). Er resümierte: «Ich konnte und ich kann mich dieses Augsburger Religionsfriedens unmöglich freuen» (a.a.O., S. 347). ↩
112
Zur Einrichtung und Aufgabe des Reichskirchenministeriums sowie zur Einsetzung und Zielrichtung der Kirchenausschüsse vgl. oben, S. 221–225.↩
113
Die Synode (Dokumentation: Die vierte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Bad Oeynhausen. Texte – Dokumente – Berichte, hrsg. von W. Niemöller [AGK 7], Göttingen 1960 📖) verabschiedete unter anderem einen Beschluss Von der Kirchenleitung (a.a.O., S. 112–115), in dem es zur geforderten Mitarbeit hieß: «Da es unmöglich ist, Kirchenleitung ohne Bindung an die bekenntnisgemäße Wahrheit und ohne Verwerfung des bekenntniswidrigen Irrtums auszuüben, ist es der Kirche verwehrt, solche Ausschüsse – auch für eine Übergangszeit – als ‹Leitung und Vertretung der Kirche› anzuerkennen» (a.a.O., S. 113).↩
114
Marahrens erklärte seinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden am Ende seines Berichtes über die Tätigkeit der VKL I am 19. Februar 1936 (vgl. a.a.O., S. 168 📖), hatte dieses Vorhaben aber bereits im Spätherbst des Vorjahres angekündigt, nachdem er im Oktober zum Vorsitzenden des Lutherischen Weltkonvents gewählt worden war (vgl. Besier, S. 370f. 📖). Wenig später traten noch auf der Synode auch die übrigen Mitglieder der VKL I zurück; da eine neue Vorläufige Leitung während der Synode nicht mehr gewählt werden konnte, beauftragte die Synode übergangsweise die Lutheraner Friedrich Müller-Dahlem (1889–1942) und Hans Böhm (1899–1962) sowie den Reformierten Martin Albertz (1883–1956), allesamt als Pfarrer in Berlin tätig, mit der Ausübung des Amtes der VKL und ermächtigte den Reichsbruderrat, eine neue VKL zu wählen.
Am 12. März 1936 wählte der Reichsbruderrat die neue VKL II, der neben den schon Genannten noch die Pfarrer Otto Fricke (1902–1954), Frankfurt/Main, und Bernhard Heinrich Forck (1893–1963), Hamburg, angehörten. Diese Zusammensetzung, in der sich die Vertreter der intakt gebliebenen, also nicht deutschchristlich beherrschten lutherischen Landeskirchen nicht genügend repräsentiert sahen, markiert die sich abzeichnende Spaltung der Bekennenden Kirche. Vgl. zum Ganzen: Besier, S. 425–427.↩
115
Im Synodalbeschluss Von der Kirchenleitung (Anm. 113), S. 114 📖, heißt es: «Die von der Bekennenden Kirche berufenen Organe der Leitung sind solange gebunden, ihr Amt wahrzunehmen, bis eine andere Kirchenleitung vorhanden ist, die auf unangefochtener Bekenntnis- und Rechtsgrundlage steht. Es gehört zu dem Amt der von der Bekennenden Kirche berufenen Organe der Kirchenleitung, daß sie bis dahin die Maßnahmen der Kirchenausschüsse am Bekenntnis prüfen und die Gemeinden und Pfarrer brüderlich beraten, wie sie sich dazu verhalten sollen.»↩
116
Die Frage, ob es für die Bekennende Kirche angesichts der überwiegend deutschchristlich beherrschten Landeskirchen nicht ratsam wäre, freikirchliche Strukturen zu bevorzugen, spielte seit Herbst 1933 immer wieder eine Rolle (vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 556f., Anm. 19 📖; V.u.kl.A. 1934–1935, S. 237f. 📖). Barth bündelte seine Überlegungen zum Thema noch 1936 im Vortrag Volkskirche, Freikirche, Bekenntniskirche 📖 (s. unten, S. 578–599).↩
117
Ganz ähnlich beschrieb Barth das Verhalten der genannten Institutionen im frühen Kirchenkampf bereits in: K. Barth, Bekennende Kirche im nationalsozialistischen Deutschland, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 790–804, dort S. 799f. (Belege dort, Anm. 32 und 33) 📖.↩
118
Der Gnadauer Verband als wichtigste institutionelle Vereinigung des Pietismus in Deutschland nahm zur deutschchristlichen Bewegung (und dann auch Reichskirchenregierung) keine eindeutige Haltung ein. Nach einer schnellen Annäherung im Jahr 1933 wandte man sich infolge des Sportpalastskandals vom 13. November 1933 von den «Deutschen Christen» zwar im Grundsatz ab. Doch blieben zwischen Leitungspersonen der verschiedenen pietistischen Verbände und den «Deutschen Christen» teilweise enge Verbindungen bestehen. Vgl. J. Ohlemacher, Klare Fronten? 1933 bis 1945, in: Geschichte des Pietismus, Bd. 3: Der Pietismus im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, hrsg. von M. Brecht, Göttingen 2000, S. 450–465 📖.↩
119
Dieser theologischen Jugend hat der ihr zugehörige Wolfgang Scherffig (1913–2007) eine umfangreiche Darstellung gewidmet: W. Scherffig, Junge Theologen im ‹Dritten Reich›. Dokumente, Briefe, Erfahrungen, Bd. 1–3, Neukirchen-Vluyn 1989–1994 📖.↩
120
Die Repressalien reichten bereits 1935 von Geldstrafen, Predigtverboten, Rede- und Schreibverbot über das Verbot sämtlicher Amtshandlungen, Amtsenthebungen, örtliche Ausweisungen und Aufenthaltsverbote und den Entzug des Reichsbürgerrechts bis hin zur Inhaftierung in Konzentrationslagern. 1935 wurden gegen 140 Mitglieder der Bekennenden Kirche 188 solcher Maßnahmen verhängt. Vgl. Fürbitte. Die Listen der Bekennenden Kirche 1935–1944, im Auftrag der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte bearb. von G. Grünzinger / F. Walter, Göttingen 1996, S. 221–223 📖.↩
121
In seinem Brief an Wilhelm Niesel vom 19.1.1936, der wenig später in einem Brief des «Coetus reformierter Prediger» ohne Nennung des Verfassernamens veröffentlicht wurde, verwendete Barth dasselbe Bild für die Bekennende Kirche und nannte dort die genaue Zahl von 56 Wagen (vgl. O.Br. 1935–1942, S. 16f.) 📖. ↩
122
Ernst Bergmann (1881–1945), seit 1916 Prof. für Philosophie und Philologie in Leipzig, Ende der 1920er Jahre Hinwendung zur deutschgläubigen Bewegung, seit 1933 Mitglied des «Führerrates» der Deutschen Glaubensbewegung.↩
123
Alfred Rosenberg (1893–1946), schon 1919 Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei, der späteren NSDAP, seit 1923 Schriftleiter der Parteizeitung «Völkischer Beobachter», 1934 als «Beauftragter des Führers» verantwortlich für die Überwachung der weltanschaulichen Schulung der NSDAP, 1941–1945 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Rosenberg war der Verfasser von Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit (München 1930) 📖. In diesem lange als zweitwichtigste nationalsozialistische Programmschrift verstandenen Werk, von dem mehr als eine Million Exemplare gedruckt wurden, vertrat er einen rassistischen neu-germanischen Glauben.↩
124
Barth selbst war 1933 in Rezensionen von Theologische Existenz heute! (Anm. 76) 📖 aus diesen Kreisen scharf angegriffen worden. Vgl. L. Ragaz, Nachwort, in: Neue Wege 27 (1933), S. 330 📖: Es trete «auch in dieser Schrift der tiefe Mangel des ganzen ‹Barthianismus› hervor, der mit dem Worte Gottes nicht in die kämpfende Wirklichkeit eingehen, sondern sich im Reiche der reinen Theologie halten will»; ähnlich auch M. Gerber, Von Kirchen und Theologen, in: Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung, Jg. 34 (1933), Nr. 34, 25.8.1933, S. 265f. 📖; vgl. V.u.kl.A. 1930–1933, S. 614, Anm. 55 📖.↩
125
Vgl. Barth, Theologische Existenz heute! (Anm. 76), S. 360.362 📖: «Das Volk, auch und gerade das deutsche Volk von 1933, braucht es, kann das nicht entbehren, dass der uns gewordene Auftrag ausgeführt werde. […] Darum kann die Kirche, kann die Theologie auch im totalen Staat keinen Winterschlaf antreten, kein Moratorium und auch keine Gleichschaltung sich gefallen lassen. Sie ist die naturgemäße Grenze jedes, auch des totalen Staates. Denn das Volk lebt auch im totalen Staat vom Worte Gottes, dessen Inhalt ist: ‹Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben.› Diesem Wort haben Kirche und Theologie zu dienen für das Volk. Darum sind sie die Grenze des Staates.»↩