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DIE BEKENNENDE KIRCHE IM HEUTIGEN DEUTSCHLAND
1936
Den folgenden Vortrag hielt Barth im März 1936 an zwei Orten: auf Einladung der dortigen Sektion der «Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund» in Schaffhausen und zugunsten des «Schweizerischen Hilfswerks für deutsche Gelehrte» in der Basler Martinskirche.
1. Schaffhausen, 15. März 1936
Die Einladung nach Schaffhausen ist als direkte Folge des von Barth Anfang Dezember 1935 veröffentlichten Textes Kerrl und die Bekenntniskirche1 zu betrachten.
Paul Schmid-Ammann, Redakteur der Zeitungen «Schaffhauser Bauer» und «Die Nation», hatte Barths an den Schluss dieses Textes gesetzten Aufruf zur Solidarität mit der Bekennenden Kirche in eigenen Artikeln positiv aufgenommen2 und bezog sich darauf, als er Barth am 19. Dezember 1935 im Namen der Schaffhauser Ortsgruppe der «Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund»3 für den Ja|327nuar oder Februar 1936 um einen Vortrag zum Thema «Der Kampf um den evangelischen Glauben» bat.4 Schon eine gute Woche zuvor hatte Guido Ammann5, mit Barth seit Studienzeiten bekannt und nun Pfarrer in Thayngen SH, Barth von dem «erfreulichen Echo» berichtet, das sein Aufruf bei Schmid-Ammann gefunden habe, und nicht versäumt hinzuzufügen, dass er mit diesem «nicht verwandt» sei.6
In seiner Anfrage begründete Schmid-Ammann die Einladung damit, dass man in der Vereinigung der Auffassung sei, das Geschehen um die deutsche Bekenntniskirche gehe auch «uns schweizerische reformierte Bevölkerung in höchstem Masse» an; es sei daher «Christenpflicht […], zu dieser sehr ernsten religiösen Gegenwartsfrage Stellung zu nehmen und für die Freiheit des Christenmenschen einzutreten», und man begrüße es «ausserordentlich […], wenn die Mahnung und Aufrüttelung der Gewissen auch hier in Schaffhausen aus berufenstem Munde käme».7 Der mit seiner Zusage verbundenen Bitte Barths um Verschiebung des Termins in den März hinein – man einigte sich schließlich auf Sonntag, den 15. März 1936 – entsprach Schmid-Ammann umgehend,8 und auch den von Barth gewählten Vortragstitel akzeptierte er.9
328 Das sich in der Einladung an Barth ausdrückende Interesse der «Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund» an einem «religiös-kirchlichen Thema» überraschte G. Ammann, der Barth Mitte Februar von einem Besuch einer Veranstaltung dieser Vereinigung berichtete: «ein seltsam gemischtes Publikum – von Antikirchlichen, Unkirchlichen über Religiössoziale bis zu den Oxfordleuten. Es wunderte mich, dass diese Vereinigung Dich einlud […]. Nun, Du wirst nicht verfehlen, Dein Anliegen vor- und anzubringen, dass sie hören müssen, und ich freue mich darauf.»10 Ammann informierte Barth auch darüber, dass kurz zuvor der thurgauische Pfarrer Wilhelm Wuhrmann11 «in einer durch den Verein fürfreies Christentum einberufenen Versammlung in Schaffhausen über dasselbe Thema» gesprochen und «dabei die These» vertreten habe, «dass noch kein einziger Bekenntnispfarrer wegen religiöser Gründe, sondern nur wegen politischer habe leiden müssen».12 Der Erwartung Ammanns, dass Barth «ihm die Antwort nicht schuldig bleiben werde», entsprach die Passage im Vortrag, in der Barth die Gründe der Verfolgung von Pfarrern im Dritten Reich ansprach.13
Für die Anreise von Basel nach Schaffhausen mussten Barth und die ihn begleitende Charlotte von Kirschbaum auf den langsamen «Bummelzug auf Schweizer Strecke» zurückgreifen, da die Fahrt auf der schnelleren deutschen Strecke nicht in Frage kam. Nach der Ankunft traf man auf die gut befreundete Emmy Lentrodt14 und setzte sich mit ihr, Schmid-Ammann und einem weiteren Vertreter der Schaffhauser Völkerbundsvereinigung noch bei einem Kaffee zusammen.15
329 Den von Ch. von Kirschbaum als «klar und eindrucksvoll» wahrgenommenen Vortrag hielt Barth ab 14.30 Uhr im Saal der Schaffhauser Ratslaube, der etwa 600 Personen Platz bot16 und voll besetzt war.17 Neben Pressevertretern hatte Schmid-Ammann speziell auch «den Kirchenrat, die Synodalen, die Kirchenständer [sic] und die Pfarrämter» eingeladen,18 und unter den Anwesenden befand sich auch eine Anzahl deutscher Pfarrer aus den benachbarten badischen Gemeinden.19 Auf eine Diskussion im Anschluss wurde bewusst verzichtet: «Ihr Vortrag soll unmittelbar auf die Zuhörer wirken, […]. In einer oberflächlichen und allenfalls ins Polemische abschweifenden Aussprache müsste vielleicht manches von der Wirkung Ihrer Worte verloren gehen.»20 Auf einer nach dem Vortrag arrangierten «freien Zusammenkunft», zu der auch der Kirchenrat und Pfarrer des Kantons eingeladen waren, gab es noch eine – in Ch. von Kirschbaums Worten – «nicht sehr wichtige Diskussion».21
Das positive Presseecho auf Barths Vortrag in Schaffhausen gipfelte in dem Satz: «Überall dort, wo Freiheit, Recht und Geist von Staates wegen unterdrückt zu werden drohen, ist die Kirche neben ihrer eigentlichen, religiösen Aufgabe dazu berufen, Hort dieser Güter zu sein.»22 Dass der Redakteur des nationalsozialistisch orientierten «Grenzboten» den Vortrag ganz ähnlich verstanden hatte, zeigt sein Kommentar: Die Bekennende Kirche in Deutschland werde Barth, ihrem «Apostel in der Schweiz», wohl kaum dankbar sein, denn – so die wenig verhüllte Drohung – «es dürfte doch ohne weiteres klar sein, daß er derselben, die in Deutschland leben und wirken muß, durch seine haßerfüllten Ausführungen gegen das Dritte Reich vom sichern Boden der Schweiz aus einen schlechten Dienst leistet».23
330 2. Basel, 31. März 1936
Ein zweites Mal hielt Barth den Vortrag gut zwei Wochen später in der Basler Martinskirche. Über die näheren Umstände der Einladung dorthin oder über eine Verabredung liegen keine schriftlichen Quellen vor; aus den erhaltenen Hinweisen ergibt sich jedoch ein plausibler Ablauf:
Mit Datum vom 18. März schickte Barth Entwürfe für eine Zeitungsannonce und einen Hinweis-Text, mit denen der Vortrag unter «Eingesandt» angezeigt werden sollte, an die «Basler Nachrichten».24 Einen Tag zuvor hatte er sich mit Alphons Koechlin25, dem Präsidenten des Kirchenrates der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt und Pfarrer an der Martinskirche, zum «Schwarzen Kaffee» getroffen.26 In der Martinskirche hatte im Dezember 1935 bereits ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten des «Schweizerischen Hilfswerks für deutsche Gelehrte» stattgefunden,27 und so liegt die Vermutung nahe, dass Barth und Koechlin bei dem Gespräch vom 17. März die Verabredung zum Vortrag trafen, für den die Zuhörer einen Eintritt in Höhe von 2.- CHF zugunsten des Hilfswerks entrichten sollten.28 Die Hoffnung, damit eine große Summe für das Hilfswerk sammeln zu können, sollte sich nicht erfüllen, denn der Besuch des am Abend um 20.15 Uhr gehaltenen Vortrags blieb «spärlich».29
331 Beide großen Basler Zeitungen berichteten am 1. April sehr positiv über Barths Vortrag. Während der Artikel in den «Basler Nachrichten» eher ein reiner Bericht blieb und sich dabei an den Schwerpunkten des Vortrags orientierte,30 wertete die «National-Zeitung» stärker und hob auch die politischen Implikationen des Vortrags hervor: «Eine Frage, die unsere schweizerischen Kreise sehr bewegt, beantwortete der Redner mehr im Sinn der Entschuldigung als der Rechtfertigung, indem er hier eine Schwäche der deutschen Kirche offen zugab, die zu lange zum Staat Ja gesagt hat. Es ist die Frage: wie kann eine Kirche schweigen zu all dem grauenvollen Unrecht der Judenverfolgung, der Konzentrationslager, zu Gewalt- und Rechtsbruch?»31
Zum vorliegenden Text gibt es mehrere Vorarbeiten. Erste Notizen Barths zum Vortrag finden sich unter der Überschrift «Deutschland» im Anhang seines Taschenkalenders in Form kurzer Stichworte zur Chronologie der Ereignisse des Kirchenkampfes32 und zu speziellen und übergeordneten Problemen33; diese Stichworte sind schon hier so angeordnet, wie sie in den Abschnitten II und III des Vortrages be|332handelt werden. Zur in Abschnitt II behandelten Chronologie liegt auch ein einseitiges, eng beschriebenes Manuskript vor, das die im Taschenkalender mit nur je einem Stichwort benannten Ereignisse unter der Überschrift «1. Geschichtliches» ausführlicher erläutert.34
Die erste alle Abschnitte des Vortrags umfassende Vorarbeit ist in Form eines fünfseitigen Typoskripts erhalten, das über bloße Stichworte deutlich hinausgeht und stellenweise ausformulierte Textteile enthält. Der Abschnitt 2 des Typoskripts (in der ursprünglichen Fassung, also ohne Barths Änderungen) entspricht weitestgehend dem einseitigen Manuskript.35 An diesem Typoskript A36 nahm Barth mit Bleistift Korrekturen vor und brachte Ergänzungen an; es wird ihm als Vorlage für das erste Halten des Vortrags in Schaffhausen gedient haben. Dort schrieb Ch. von Kirschbaum mit und erarbeitete bis zum 18. März eine Nachschrift des Vortrags in Form eines zwölfseitigen, engzeilig beschriebenen Typoskripts (Typoskript B37), auf dessen ersten beiden Seiten Barth mit Bleistift erneut handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen notierte. In dieser Form wird Typoskript B die von Barth für den Vortrag in Basel genutzte Vorlage gewesen sein; da er keine Veröffentlichung des Textes plante,38 ist eine Überarbeitung noch nach diesem Termin unwahrscheinlich.
333 Eine von Barth nicht autorisierte Druckfassung des Schaffhauser Vortrags veröffentlichte Paul Schmid-Ammann bereits wenige Tage später in vier Teilen im «Schaffhauser Bauer».39 Er verwendete dafür ein eigenes Stenogramm und charakterisierte das Ergebnis Barth gegenüber so: «Es ist mit grossem Interesse gelesen worden. Vollständig habe ich Ihnen allerdings mit meinen stenographischen Notizen nicht folgen können, ich hoffe aber doch, dass die Wiedergabe nicht misslungen ist und Sie nicht zu viel auszusetzen haben.»40
Zeitnah erschien noch eine von Jean-Louis Leuba41 angefertigte französische Übersetzung des Vortrags in der April/Mai-Ausgabe von «Les Cahiers Protestants».42 Nach den einleitenden Worten zu dieser Übersetzung handelt es sich hierbei um eine «französische Adaption» eines Stenogramms des Schaffhauser Vortrags;43 vermutlich wird ein Exemplar der von Typoskript B erstellten «Nachschrift»44 als Vorlage gedient haben.45
334 Im Folgenden wird das Typoskript B mit den handschriftlichen Änderungen, also die Textgestalt, aus der Barth seinen Vortrag in Basel hielt, als Editionstext wiedergegeben.
Im textkritischen Apparat sind die von Barth an den ersten beiden Seiten vorgenommenen Ergänzungen und Korrekturen ausgewiesen. Abschnitt für Abschnitt wird zudem die kürzere, stichworthafte Textgrundlage für den Schaffhauser Vortrag, das Typoskript A in seiner Endgestalt, wiedergegeben. Hingewiesen wird schließlich auf die wenigen inhaltlich relevanten Abweichungen, die Schmid-Ammanns Wiedergabe von Barths Vortrag aufweist.
Die bekennende Kirche im heutigen Deutschland
I.
Das heutige Deutschland ist das nationalsozialistische Deutschland, das Deutschland Adolf Hitlers, das Deutschland des 3. Reiches, das Deutschland des totalen Staates. Lassen Sie mich Ihnen in Kürze in Erinnerung rufen, was das heißt: totaler Staat46. Der totale Staat, das ist der Staat, der sich selbst in Gestalt einera Staatsführung, die sichb selbst dazu eingesetzt hat, als absolut erklärt; der totale Staat, das ist der Staat, der alle in seinem Raum lebendigen Kräfte, auch die geistigen Kräfte, vorbehaltlos seinem Zweck unterordnet, und das heißt: praktisch dem Willen seiner Staatsführung unterwirft. Der totale Staat, das ist der Staat, der vom Individuum wie von allen Gruppen in seinem Raum vorbehaltlos fordert, dass ihre Willensbildung ausschließlich c-in der Richtung einer immer neuen-c Bejahung des Willens der Staatsführung verlaufed. Der totale Staat, das ist der Staat, der jede vom Willen seiner Staatsführung abweichende freie Aussprache, jede Frage, jede Sorge, jede Überlegung hinsichtlich des Rechtes oder Unrechtes im Handeln seiner Führung unterdrückt und der damit jede |335 freiee Willensbildung in seinem Raume praktisch unmöglich macht. Der totale Staat, das ist der Staat, der kein Recht über sich anerkennt, der nur das Recht kennt, das f-seine Führung-f setzt, und auch dieses Recht nur in der Interpretation, die dieseg ihm von Fall zu Fall zu geben gedenkt. Der totale Staat, das ist der Staat, der keinen Gott kennt außer sich selber und seinem rhetorischen Schattenbild, dem sogenannten «Allmächtigen», der die Eigenschaft hat, immer gerade das zu wollen, was die Staatsführung will.47 Der totale Staat ist mit einem Wort der Staat, dessen Führung praktisch keiner Instanz gegenüber verantwortlichh ist.i
336 Wie ist es möglich geworden, dass Deutschland das Deutschland dieses totalen Staates geworden ist? Lassen Sie mich auch darüber noch ein paar Worte sagen. Dieser totale Staat Adolf Hitlers ist entstanden durch dieselben Mittel, denen er heute sein Bestehen verdankt. Und diese Mittel sind so einfache, dass man sie wohl das Ei des Columbus48 nennen darf. Sie bestanden und sie bestehen in der Anwendung einer jede Diskussion j-ausschließenden, jede Besinnung unterbindenden, bestimmte Schlagworte unermüdlich einhämmernden-j Propaganda. Sie kennen ihrek Schlagworte: Für Volkstum! Für Freiheit! Für Brot! Gegen Marxismus! Gegen das Judentum! Gegen die Feinde von 1919!49 – Sie bestehen weiter in l-bestimmten Methoden-l, die physische Macht zu ergreifen und zu behaupten, m-Metho|337den, die sich von allen andern entscheidend darin abheben, dass sie von keinerlei Hemmungen moralischer Art belastet sind-m. Das war und das ist das Geheimnis der Staatsführung Adolf Hitlers und der Seinen.n
Aber freilich: dass Deutschland dieses Deutschland geworden ist und werden konnte, dafür genügt der Hinweis auf diese Tatsachen nicht. Wenn die Dinge so gekommen sind, wie sie kamen, so haben wir doch auch daran zu denken, dass der Umstände genug waren, die der heutigen Lage den Boden bereiteteno. Wir haben zu denken an den Vertrag von Versailles, der p-nach dem verlorenen-p Kriege nicht an den guten Willen des deutschen Volkes appelliert hat, sondern in welchem das deutsche Volk nach wie vor auch im Frieden als Feind behandelt wurde.50 Wir haben zu denken an das Verhalten der Siegermächte in den Jahren nach dem Kriege, das jede liberale deutsche Regierung ihrem Volk gegenüber q-in einer Weise kompromittierte, dass-q in diesem Volk die Überzeugung r-beinahe entstehen musste-r, dass nur die radikalsten Mittel ihm noch helfen könnten.51 Europa erntet heute in |338 Deutschland, was es gesät hat [vgl. Gal. 6,7]. Wären die außerdeutschens Regierungen einem Stresemann52 und einem Brüning53 t-und eben auch die außerdeutsche öffentliche Meinung dem ganzen Problem Deutschland nach dem Kriege anders begegnet, wir müssten-t heute keinen Hitler haben. 2 Wir haben ferner zu denken an die weltwirtschaftliche Krisis, deren Opfer auch und gerade Deutschland geworden ist,54 endlich an das russische und italienische Vorbild, das |339 dem deutschen Volk gezeigt hat, wie unter Umständen ein Volk in verzweifelter Lage sich mit verzweifelten Mitteln helfen wollenu kann:55 Deutschland hat v-diese Vorbilder-v mit deutscher Gründlichkeit nachgeahmt. Es kommt dazu, dass Hitler und die Seinen es zweifellos verstanden haben mit ihrem Vorgehen, einer tiefen Veranlagung des deutschen Menschen zu entsprechen. Der deutsche Mensch liebt es, sich selber w-und sein Schicksal als eine mit metaphysischer Gewalt vollzogene Setzung zu verstehen-w; er hat eine tiefe Liebe x-zu dem-x Heldengedicht von der
Autorität, in welchem er selber den Mittelpunkt bildet als derjenige, der einerseits stramm steht und gehorcht und andererseits ebenso stramm y-befehlen darf-y. Hitler hat das verstanden, und es ist wohl kein bloßer Zufall, dass er jubelnden Beifall fand und immer wieder finden wird.z – |
Gewiss trotz aller dieser Überlegungen bleiben der Rätsel genug, und das Rätsel Deutschland wird so bald nicht gelöst sein. Immer wieder werden wir fragen müssen: Wo ist die
Freiheitaa von 1848 geblieben?56 Wie konnte das
Geschichtsbild des Nationalsozialismus je |340 Glauben finden im deutschen Volk? Wie war es nur möglich, dass der kritische Kant57 und der synthetische Goethe58 so umgedeutet werden konnten? Und vor allem: wie war es nur möglich, dass ein Mann von der ab-charakterlichen und intellektuellen-ab Struktur eines Adolf Hitler das Herz und die Köpfe dieses Volkes so bestricken konnte? Fragen über Fragen stellen sich, und unsere Gegenwart wird sie vielleicht nie völlig beantworten können. Wie dem auch sei: der Nationalsozialismus ist heute und bis auf weiteres Deutschlands Schicksal59.ac
Und nun gibt es in diesem Deutschland eine bekennende Kirche. Wenn ich von Kirche hier rede, so meine ich die protestantische Kirche, die römisch-katholische hat ihre besondere Geschichte im 3. Reich, so dass von ihr besonders geredet werden müsste.
341 Wenn ich von B[ekennender] K[irche] hier rede, so kann damit natürlich nicht gemeint sein die Gesamtheit der ad-protestantisch getauften Bevölkerung-ad Deutschlands. Es kann damit auch nicht gemeint sein die unter dem Namen D[eutsche] E[vangelische] K[irche] bekannte ae-verfassungsmäßige Organisation-ae des deutschen Protestantismus.60 BK bedeutet aber auch nicht eine Gruppe, eine Richtungaf, eine Partei innerhalb der deutschen Kirche, sondern was jetzt sich BK nennt, das ist ag-die Kirche-ag nicht nur dem Namen nach, sondern wirklich, d. h. im äußeren und inneren Wesen der Sache entsprechend wirklich als Kirche existierende Kirche, eine sich selber als Kirche darstellende, als Kirche kundgebende, als Kirche handelnde Kirche, eine Kirche, die sich bekennt gegenüber dem Staat, gegenüber dem Katholizismus, gegenüber dem sogenannten «Heidentum»,61 gegenüber der Mehrzahl der heute noch indifferenten Protestanten, gegenüber auch der weithin in ganz anderen Händen liegenden Leitung der DEK.62 Was heißt bekennend?63 Man hat dieses Adjektiv vielfach |342 falsch und einseitig dahin verstanden, als ob es der Kirche in Deutschland nur um die Treue gegenüber dem überlieferten kirchlichen Bekenntnis, also um das, was man Orthodoxie zu nennen pflegt, gehe.64 Um Treue gegenüber dem überlieferten Bekenntnis geht es allerdings auch, aber man hat damit das Wesen der bekennenden Kirche noch nicht erfasst. – Auch darum kann es bei diesem Bekennen nicht gehen, dass gewisse Glaubensüberzeugungen Einzelner laut werden, oder auch gewisser kirchlicher Gruppen. Es geht um die Kirche, die in neuer Treue gegenüber dem alten Bekenntnis zurückgeht zu der Quelle alles kirchlichen Lebens: zur heiligen Schrift, und die andererseits, von dieser Quelle herkommend, vorwärts geht in die Gegenwart des dritten Reiches.ah
343 3 Der
Anlass der Entstehung dieser bekennenden Kirche innerhalb der offiziellen DEK war in der Tat der Sieg des Nationalsozialismus mit den Fragen, Versuchungen und Nöten, die er der Kirche gebracht hat. Aber man würde die Sache falsch verstehen, wenn man meinen wollte, dass es sich bloß um eine Reaktion hier handeln würde. Was bei diesem Anlass entstand, das war ein Neues. Die deutsche Kirche war vor dem Jahre 1933 genauso wie die Kirche in allen anderen Ländern und auch bei uns in der Schweiz durchaus keine bekennende Kirche, keine Kirche, die sich nicht mehr treiben lassen, sondern die hervortreten, die reden, die sich als Kirche kundgeben will im Gehorsam gegen ihren Ursprung. Auch die deutsche Kirche war vor dem Anbruch dieser jetzigen Zeit ein privilegiertes Staatsinstitut und seit 1918 eine auch noch reichlich privilegierte religiöse Gesellschaft mit starker rechtsbürgerlicher Bindung.65 Es galt auch von der deutschen |344 Kirche, was von allen protestantischen Kirchen aller Länder gilt: sie war innerlich stark geschwächt, wenn nicht aufgelöst in der Substanz durch den Neuprotestantismus, d. h. die allmählich alles durchdringende Zersetzung der Lehre an das Gutfinden des modernen Menschen.66 Wenn nun 1933 aus dem deutschen Protestantismus der Anfang einer bekennenden Kirche erwuchs, so lag das nicht in der Kontinuität einer Entwicklung, war nicht nur eine Reaktion auf das nationalsozialistische Geschehen, sondern war, gewiss nicht unvorbereitet und auch nicht unveranlasst, aber doch letztlich eine originale kirchliche Erneuerungsbewegung. Es geht um eine Neubesinnung, die in der ganzen Struktur den Charakter dessen hat, was wir eine Reformation nennen.67 Und nicht umsonst, wenn auch vielleicht mit etwas kühnem Mut haben die Herausgeber einer der führenden Zeitschriften der bekennenden Kirche dieser Zeitschrift den Namen «Junge Kirche»68 gegeben.ai
345
II.
Die BK in Deutschland ist nicht von heute auf morgen entstanden, ja, genau genommen, wird man sagen müssen: sie ist auch heute noch im Entstehen. Im Frühjahr 1933, nach dem ersten überwältigenden Sieg des Nationalsozialismus auf der politischen Bühne, waren sich die kirchlichen Kreise zunächst einig in folgenden Hauptpunkten:
1. in der rückhaltlosen Bejahung des Nationalsozialismus, in welchem man nicht nur eine Hoffnung für das deutsche Volk und den deutschen Staat, sondern auch ganz direkt eine Gabe Gottes erblicken zu müssen meinte. Alle deutschen Kirchen widerhallten damals in Predigt und Gebet von diesen Gedanken.69
2. die evangelische Kirche auch in dieser neuen politischen Situation zu erhalten, ja sogar ihre mannigfach problematische Lage zu verbessern. Man dachte an die Gründung einer Reichskirche.70 |
346 Betrachtet man diese beiden Momente: Bejahung des Nationalsozialismus einerseits, Erhaltung der protestantischen Kirche andererseits, so hat man das ganze Problem der Geschichte vor Augen. Wurde der erste Punkt in den Vordergrund gestellt, so regierte der Wille und die Absicht, die Kirche gewiss als Kirche ernst zu nehmen, ihr Geltung zu verschaffen, aber vor allem sie hineinzustellen in diesen neuen Staat, die Kirche in ihrer Verkündigung und in ihrer Ordnung «gleichzuschalten»,71 d. h. das Evangelium von Jesus Christus und die neue politische Verkündigung von Adolf Hitler möglichst als eine Einheit zu verstehen. Das ist der Weg, den die Gruppe innerhalb der protestantischen Kirche angetreten hat, die wir mit D[eutsche] C[hristen] bezeichnen und die im Jahre 1933 die Führung in der deutschen Kirche 4 bekommen haben.72 – Wurde der zweite Punkt in den Vordergrund gestellt, so verteilten sich die Momente in der entgegengesetzten Weise: da galt es vor allem die Kirche zu erhalten in Überlieferung und Zusammenhang mit Bibel und Bekenntnis, aber selbstverständlich auch in Anpassung an die neuen politischen Verhältnisse. Auf dieser Seite standen die Verfasser der neuen Kirchenverfassung in Loccum,73 stand die sogenannte jungreformatorische Bewegung74 und |347 stand endlich auch der Pfarrernotbund75. Es stand demzufolge – im Mai 1933 – zwischen beiden Gruppen eigentlich kein grundsätzlicher Widerspruch,76 es waren lediglich die Akzente verschieden verteilt.aj
–
348 Man
hatte in dem Lager, in dem Pastor von Bodelschwingh77 als Reichsbischof erstrebt war, an Vielem Anstoß genommen, was die D. C. redeten und taten. Man war gekränkt durch die rücksichtslose Einführung des Führerprinzips,78 man nahm Anstoß am Arierparagraphen im Bereich der Kirche,79 man beklagte sich über die gewalttätigen Methoden der D. C., man ärgerte sich an der Persönlichkeit des Gegenkandidaten für den Reichsbischofsposten: Ludwig Müller80, |349 und man nahm selbstverständlich Anstoß daran, dass in vielen Lebensäußerungen der D. C. bereits heidnische Elemente sichtbar wurden, wie etwa in der seltsamen Rede des Schullehrers Krause in Berlin.81 – Man hat aber damals – durch das ganze Jahr 1933 hindurch – nicht eingesehen die Unmöglichkeit dessen, was man damit tat, dass man die christlichen Voraussetzungen der Kirche: Jesus Christus, die heilige Schrift, der Glaube, im gleichen Sinne als normativen Willen Gottes bejahen wollte wie die politische Veränderung. Man nannte beides Offenbarung: hier in der heiligen Schrift und dort in den Ereignissen der deutschen Geschichte.82 Man sah nicht, dass es im Nationalsozialismus um die Erscheinung des oben beschriebenen totalen Staates ging, und sah darum auch nicht, dass der Nationalsozialismus selber eine Religion, selber Kirche ist.83 Dass von einem Frieden zwi|350schen der christlichen Kirche und dieser Größe nicht die Rede sein kann. Man sah nicht die Notwendigkeit, diesem System gegenüber die Totalität der christlichen Botschaft vom Reiche Gottes geltend zu machen, sondern man meinte – wie gesagt auch auf Seiten derer, die nicht mit den D. C. gehen wollten – der alten Neigung des deutschen Luthertums folgen zu müssen und in den Ereignissen des weltgeschichtlichen politischen Geschehens und insbesondere in der nun
einmal herrschenden politischen Macht das Sichtbarwerden des Willens Gottes zu erblicken, dem man sich zu unterwerfen habe. Man folgte dem ererbten theologischen Indifferentismus oder Liberalismus, jenem Geist, der die Protestanten in Deutschland und anderswo seit 200 Jahren beherrscht hat84 und nach dem die Kirche im Grunde der Welt gegenüber keine eigene Sache mehr zu vertreten hat. – |
Man folgte 3. einer zunächst ganz allgemeinen Überzeugung auch in den Kreisen ernster Christen, die sie Partei nehmen ließ für den Nationalsozialismus.ak Und wenn alle Gründe versagten und es auch damals schon Menschen gab, die ihre Fragezeichen zu setzen hatten, so wurde das Argument der «brüderlichen Liebe» ins Feld geführt, die es verbiete, sich allzu scharf abzugrenzen!!85 Ja, dieses Wort Liebe – es |351 ist doch gewiss ein schönes Wort! – hat eine geradezu verheerende Rolle gespielt im deutschen Kirchenkampf. Es hätte gegolten zu verstehen, dass echte Liebe auch hart sein können muss. Aber dies wie vieles Andere musste erst mühsam gelernt sein. Kurzum: die Linie der Opposition in der Kirche war 5 am Anfang eine sehr gebrochene Linie. Es war ein dunkler Eifer, und wer damals 1933 einen Protest in sich fühlte, der weiter reichte als der Protest der Jungreformatorischen und der Bodelschwinghleute, der war ein sehr einsamer Mann86.al –
352 Im Jahre 1934 haben sich die Dinge sehr wesentlich verändert. 1934 ist eigentlich der Beginn des ernsthaft so zu nennenden Kirchenkampfes. Er war gekennzeichnet durch drei Ereignisse:
1. 1934 begann sofort mit einem Ereignis, das charakteristisch wurde für eine ganze Reihe ähnlicher Ereignisse, die ihm folgten: mit einer Freien Synode. Sie wurde von den Reformierten Deutschlands in Barmen im Januar einberufen.87 Dieser Synode folgten die Reichssynode von Barmen im Mai88 und die Reichssynode von Dahlem im Oktober 193489. Das Werk dieser Synoden waren bestimmte bekenntnismäßige Erklärungen zur Situation der Kirche und ihren Aufgaben im 3. Reich. Sie haben zunächst übereinstimmend festgestellt – und das ist etwas Neues, das seit Jahrhunderten nicht mehr gesagt worden war –, dass die Kirche nur von einer Offenbarung weiß und nur eine |353 Offenbarung verkündigen kann: Jesus Christus, seine Person, seine Botschaft und sein Werk, wie sie uns von der heiligen Schrift bezeugt sindam.90 – Diese Synoden haben ferner erklärt: die protestantische Kirche hat sich nicht nur in diesem letzten Jahr, sondern sie hat sich seit Jahrhunderten auf einem Irrweg befunden, sie muss umkehren auf dem Wege, auf dem sie ihre Botschaft dem Gutfinden des modernen Menschen überlieferte,91 sie muss wieder hören lernen auf das Wort Gottes, auf dem sie gründet und aus dem sie geworden ist.92 Aus ihm und nur aus ihm wird sie leben. – Diese Synoden haben weiter erklärt, dass die Idee des totalen Staates eine christlich unmögliche Idee ist, die von der Kirche abgelehnt werden muss.93 Und die Synoden haben |354 endlich erklärt: Die Kirche darf sich in ihrer Lehre und in ihrer Ordnung nicht bestimmen lassen von den jeweils in der Welt herrschenden Mächten und Gestalten, sondern die Kirche kann ihre Lehre und ihre Ordnung nur gestalten im Gehorsam gegen das Wort Gottes, aus dem sie geschaffen ist.94 –
Diese sozusagen theologischen Sätze wurden ausgeprägt und praktisch fruchtbar gemacht etwa unter folgenden Gesichtspunkten: Es wurde erklärt (Dahlem), dass, nachdem die Kirchenleitung in die Hände der nationalsozialistisch gerichteten
D. C. übergegangen ist, diese Kirchenleitung nicht mehr als legitime Kirchenleitung zu anerkennen ist, sondern ein kirchliches Notrecht in Kraft treten muss.95 Es |355 wurde ferner der Reichsbischof Müller in Dahlem abgesetzt, und es wurden neue Organe der kirchlichen und juristischen Leitung der Kirche berufen (ein Rat von 6 Mitgliedern und ihm zur Seite der Reichsbruderrat),96 und es wurde endlich in aller Form gesagt: Die
D. C. mit ihrer Lehre und ihrer Auffassung von dem Offenbarungscharakter des Nationalsozialismus haben sich damit von der christlichen Kirche geschieden.97
Man wird sich gerade im Blick auf die vorangegangene Zeit nicht genug wundern können, wie es zu dieser Neubesinnung der Kirche kommen konnte mitten im totalen Staat, mitten unter den größten äußeren Schwierigkeitenan. Und es musste sich angesichts dieser Syn|356odalerklärungen wohl jeder Einsichtige fragen, wie weit wohl die Gemeinden und ihre Pfarrer hinter diesen Erklärungen stehen möchten. Sind die 100 Vertreter auf den Synoden nicht vielleicht eine Vorhut, die längst abgeschnitten ist von der Armee und nur zugrunde gehen kann? Ist das Ganze nicht vielleicht doch nur ein Abenteuer gewesen? ao-Wie dem auch sei: dass diese Erklärungen zustande kamen und ausgesprochen wurden, das bleibt eine wichtige und eine große Sache-ao.ap –
6Ein 2. wichtiges Ereignis im Jahre 1934 war der völlige Zusammenbruch der Reichskirchenregierung
Müller und zugleich der Partei der D. C., die hinter ihm stand. Am Anfang des Jahres stand Müller auf der |357 Höhe seiner Macht: Hitler hatte ihm erneut sein Wohlwollen ausgesprochen und sich zu ihm gestellt, und eine Reihe der Führer der BK, insbesondere ihre Bischöfe, leisteten es sich, zu kapitulieren und sich ebenfalls dem Reichsbischof noch einmal zur Verfügung zu stellen.98 Er nützte diesen Sieg ungeschickt und glaubte die Schlacht allzu schnell gewonnen. Mit Hilfe des «Rechtswalters» Jäger99 versuchte er, seine Sache mit Gewalt zu einem raschen Ende zu führen. Es kam zu schweren Zusammenstößen in Süddeutschland, die Bischöfe von München und Stuttgart saßen vorübergehend in Hausarrest, und dieser ganze gewaltsame Versuch, die Kirchen «einzugliedern» – so wurde dieses Vorgehen genannt! –, erwies sich bald als undurchführbar.100 Der Widerstand bekam neue Nahrung, und sogar mancher
D. C. wollte hier nicht mehr mitgehen. Ende des Jahres war es soweit, |358 dass Müller gezwungen war, diesen Eingliederungsversuch rückgängig zu machen, er musste seine Maßnahmen öffentlich als rechtsungültig bezeichnen101 und erhielt eine ganze Flut von Briefen und Telegrammen mit Beschwörungen, sein Amt niederzulegen.102 Er antwortete, durchaus noch Gottes Auftrag zu fühlen zur Weiterführung seines Amtes, und blieb bis auf den heutigen Tag Reichsbischof,103 ohne je wieder etwas Namhaftes zu unternehmen. Wie auch wesentlich die Partei der D. C., so blieb er von jenen Tagen an eine Schattengestalt.aq
359 Umso merkwürdiger berührt das dritte erwähnenswerte Ereignis des Jahres 1934: Ende dieses Jahres nämlich – und das steht in seltsamem Kontrast zu den eben erwähnten beiden Ereignissen – errang innerhalb der BK eine Kompromissrichtung den Sieg.104 Kurz nach der Synode von Dahlem im Oktober wurden die süddeutschen Bischöfe aus ihrem Arrest entlassen, Bayern und Württemberg wieder in den alten Stand gesetzt. Das bewog sie ihrerseits, dem Staat gegenüber ebenfalls eine freundlichere Haltung einzunehmen und in diesem Sinne die BK zu beeinflussen. Ihnen schlossen sich alle jene an, die die rasche Bewegung der Kirche im Jahre 1934 nicht hatten vollziehen wollen und können, also vor allem die bischöflich lutherisch regierten Gebiete, deren erstes Anliegen nun die Erhaltung der «Landeskirchen» wurde. Dazu kam die für das Luthertum charakteristische besorgte Frage, ob es angehe, der von Gott gewollten Obrigkeit sich zu widersetzen? Das Verlangen nach einer Führung der BK durch die Bischöfe anstelle der synodalen Leitung wurde laut, nach einer Abschwächung der ungebrochenen Linie Barmen-Dahlem, nach einem Ausgleich der radikalen Haltung durch eine gemäßigt konservative. Im entscheidenden Augenblick schlug wie eine Bombe in diese Stimmung eine Einladung, die Hitler an die drei Bischöfe Meiser, Wurm, Marahrens ergehen ließ, sich zu einer Aussprache bei ihm einzufinden.105 Das Ansehen der Bischöfe war mit einem Schlag auf Kosten der «Aufgeregten» und «Radikalen»,106 der «Bruderräte», gewach|360sen. Es waren harte Tage damals um den November 1934 herum. Von beiden Seiten wurde gesagt, was man nur sagen konnte. Immer wieder erhoben die «Radikalen» warnend ihre Stimme, dass es nicht darum gehen könne, die Kirche irgendwie zu erhalten, sondern darum, neue Kirche zu werden, und immer wieder wurde aus dem Lager der Bischöfe
geantwortet, dass die ausgestreckte Hand des Staates nicht übersehen werden dürfe! Die Haltung der Synoden sei als theologische 7 Bewegung vielleicht richtig und gut, nicht aber eine mögliche Haltung für eine Kirchenleitung. Das «seelsorgerliche Denken», das «brüderliche Denken», die «Liebe» wurde betont, Pastor von Bodelschwingh sprach beschwörend auf die «Preußen» ein,107 und so kam es zur Einsetzung der Vorläufigen Kirchenleitung unter Leitung des hannöverschen Bischof Marahrens.108 Dieser ganze Vorgang war ein |361 Zeichen des noch sehr unsicheren Selbstbewusstseins der BK. Wenn nun wirklich der
Kompromiss
gelten und bestimmen sollte, so musste man sich fragen, ob vorher nicht zu große Worte gesprochen worden waren und ob man nicht allen Grund hätte, diese Worte wieder zurückzunehmen. Es waren trübe Tage, aber sie führten nicht zur Spaltung innerhalb der BK. Man marschierte weiter zusammen, in und mit allem Widerspruch. – Von den Hoffnungen auf einen möglichen Frieden mit dem Staat hat sich freilich nichts, aber auch gar nichts erfüllt, trotz der Bereitschaft der Regierung Marahrens. – Dieser Umschwung im November 1934 hat viel Enttäuschung und Verwunderung in den Kreisen der BK hervorgerufen. Immerhin wird man sagen dürfen, dass auch die Kirchenleitung Marahrens eine Kirchenleitung war, die sich in Gegensatz zu der offiziellen Müllers stellte,109 die sich zur BK halten wollte und es auch, freilich mehr schlecht als recht, tat. Und der Kampf schlief trotzdessen nicht ein, wenn dazu auch das Beste die Gegner beitrugen in ihrem erstaunlich ungeschickten Verhalten. So war das Unglück kein endgültiges.ar
362 Im Jahre 1935 sind die bezeichnenden Ereignisse wiederum unter drei Gesichtspunkten festzuhalten.
Anfang des Jahres trat die Kirche in den Kampf ein gegen das sogenannte
Neuheidentum, eine kulturell religiöse Bewegung, die aus dem Nationalsozialismus hervorgegangen ist und die sich das Ziel gesteckt hatte, dem deutschen Volk eine neue Religion in Anknüpfung an die altgermanische Religion zu geben im Gegensatz zum Christentum. Vor allem ist hier die Preußensynode von Dahlem
am
3.III.1935110 zu nennenas.at
1935 war außerdem ein Jahr, das dauernd erfüllt war von dem Ringen der Kräfte innerhalb der
BK
selber, d. h. kurz gesagt: zwischen denen, die nur eine Restauration der Kirche wollten, und denen, denen es um eine Reformation der Kirche ging – zwischen denen, die |363 unter Bekennen meinten das Festhalten am alten Bekenntnis, und denen, die darunter verstanden wissen wollten eine Tat in der Gegenwart – zwischen denen, die von einer monarchisch regierten Bischofskirche das Heil erwarteten, und denen, die eine Leitung der Kirche durch die Bruderräte und Synoden wünschten, die aus der Gemeinde heraus durch die heilige Schrift sich führen lassen wollten. Man könnte wohl auch sagen: es rangen das lutherische und das reformierte Element in der deutschen Kirche miteinander, obwohl dieser Vorgang dadurch kompliziert wird, dass der Gegensatz am stärksten aufbrach zwischen jenen Lutheranern, die sachlich verbunden waren mit den Reformierten, und ihren lutherischen Glaubensbrüdern bischöflicher Observanz. Vielleicht lässt sich auch sprechen von einem Kampf zwischen der Idee der Staatskirche und der Wirklichkeit einer bekennenden Kirche. – Diese ganzen Gegensätze wurden im Juni des Jahres 1935 in der Synode zu Augsburg verhandelt,111 ohne entscheidend geklärt zu werden und wiederum ohne zu einer Trennung zu führen.au
Das dritte wichtige Ereignis im Jahre 1935 war die Einsetzung der
Kirchenausschüsse. Der Staat errichtete ein be8sonderes Kirchenministerium zur Befriedung der Kirche. Dieses Ministerium setzte als |364 erste Maßnahme Kirchenausschüsse ein. Die Ausschüsse sollten gebildet und gewählt werden aus Vertretern der BK, der D. C., der «Neutralen». So hoffte man, zu einer Einigung zu kommen.112 Man muss diesen Versuch des Reichskirchenministers Kerrl verstehen als Errichtung eines Gebäudes mit einem großen Dach, das weit auslädt und allen Platz gewährt, die Platz finden wollen. Es war eine große Versuchung, die damit an die Kirche herangetragen wurde. Eine solche Gestaltung des Verhältnisses Kirche-Staat entspricht der Gestaltung in vielen anderen Ländern, etwa auch der, die wir noch heute in der Schweiz haben.av Warum also den Streit fortsetzen, warum nicht diese einleuchtende Lösung des Staates annehmen? Die BK darf ja auch unter dem Dache weilen und muss nur zwei kleine Dinge dulden: einmal, dass die D. C. mit ihr in gleicher Anerkennung darunter wohnen, und sodann, dass der Staat es ist, der dieses Dach gebaut hat und der damit die oberste Leitung der Kirche in der Hand behält. – Nach drei Jahren aufreibenden Kampfes war dieses Friedensangebot eine nachdenkliche Sache!!aw – |
Und nun geschah es, dass die BK auf der Reichssynode zu Oeynhausen vom 17.–22. Februar 1936 ein Nein dazu sagte. 6 Tage und Nächte wurde auf dieser Synode gerungen, und das Ergebnis war schließlich mit entscheidender Mehrheit dieses Nein.113 Dass das ge|365schehen konnte, das ist ein kleines Zeugnis dafür, dass in diesen letzten Jahren in der deutschen Kirche etwas geschehen ist, dass in aller Schwachheit und Not etwas Entscheidendes verstanden worden ist. Die Erkenntnisse und öffentlichen Erklärungen der Synoden ließen sich nun nicht nachträglich wieder bagatellisieren. Der Weg kann nur noch nach vorwärts führen. Und so wählte man statt des faulen Friedens noch einmal den Kampf. Marahrens legte in Ehren und doch unter allgemeinem Beifall sein Amt nieder und an die Stelle der bisherigen VKL trat eine neugewählte vorläufige Leitung, die in enger Bindung an Bruderräte und Synode ihre Arbeit aufgenommen hat.114 – Ein kleiner Schönheitsfehler ist allerdings auch dieser Synode unterlaufen. Es wurde an entscheidender Stelle gesagt, dass den Mitgliedern der BK nicht geradezu verboten sei, an den Ausschüssen mit|366zuarbeiten. Die grundsätzliche Erklärung spricht ein klares Nein, und nun offerierte man doch wieder ein Törlein, von dem nur zu hoffen ist, dass nicht zu Viele es benützen möchten.115 Im Ganzen darf man die Synode als einen Sieg der radikalen und damit reformatorischen Richtung der BK bezeichnen. Die Einheit blieb auch jetzt erhalten, und die nun Unterlegenen scheinen ihrerseits vorerst noch mitgehen zu wollen, wenn auch kein Mensch vorhersagen kann, was die Zukunft bringen wird.ax
Sie sehen: eine Ruhmesgeschichte, eine Heldengeschichte ist die Geschichte der BK nicht. Es ist eine Geschichte, die immer wieder durchbrochen wurde von Niederlagen und Irrtümern, die aber doch und trotz allem eine aufsteigende Linie darstellt, d. h. die sich in der Richtung einer lebendigen neuen Kirche bewegt. Ob diese Kirche in Zukunft eine Volkskirche sein wird oder eine freie Kirche, das ist nicht vorherzusagen.116 Sicher wird sie eine bekennende, d. h. dem Nationalsozialismus gegenüber sich behauptende Kirche sein.
367 Einige Fragen, die angesichts dieser Darstellung sich erheben könnten, sollen nun noch beantwortet sein.ay
III.
[1.] Die Träger der Sache der BK im heutigen Deutschland sind im Ganzen 9 nicht irgendwelche Behörden, auch nicht die Bischöfe, auch nicht etwa die theologischen Fakultäten, auch nicht die großen kirchlichen Vereine, auch nicht die Gemeinschaftsbewegungen. Alle diese Faktoren des christlich-kirchlichen Lebens standen vielmehr zum großen Teil am Anfang auf der Gegenseite,117 merkwürdigerweise gerade auch die pietistischen Kreise.118 Die eigentlich Handelnden war[en] eine bestimmte Schicht jüngerer Pfarrer mit ihren Gemeinden. Sehr charakteristisch ist für die BK, dass durch ganz Deutschland hin die theologische Jugend auf ihrer Seite steht.119 Man möchte freilich im Blick auf diese paar Pfarrer und ihre Gemeinden |368 angesichts des großen Deutschland zu fragen geneigt sein, ob es sich denn in ihnen nicht doch nur um eine quantité négligeable handeln möchte. Aber Zahlen entscheiden hier nicht, das liegt in der Natur der Sache, um die es geht. Und das steht fest, dass die BK-Versammlungen, wenn sie nur in einiger Freiheit sich sammeln dürfen, im Nu überfüllt sind und dass Predigten der führenden Bekenntnis-Pfarrer nach wie vor über mangelnden Besuch nicht zu klagen haben. az-Also sogar auf die Zahl gesehen ist die Sache nicht einfach kümmerlich-az, und das Entscheidende ist das, dass diese Schar es immerhin vermocht hat, den von der staatlichen Macht gestützten Müller und seine D. C.-Leute nicht nur in die Defensive zu drängen, sondern kampfunfähig zu machen. Und – was mehr ist – den Staat, diesen Staat, drei Jahre hindurch in Schach zu halten. Er hat allerhand versucht und unternommen gegen die BK,120 aber es ist bezeichnend, dass er – der sonst alles wagt! – es nicht gewagt hat, der BK Anderes zuzufügen, als er ihr bisher zufügte.ba
369 2. Ich habe darauf hingewiesen, dass die Einheitlichkeit der Bewegung bedroht war und bedroht ist. Ich glaube aber trotzdem sagen zu dürfen: es handelt sich um eine Sache trotz aller schweren Gegensätze. Dass es sich um Reformation handelt, das ist gewiss nur Wenigen bewusst. Aber diese Wenigen sind es, die führen. Sie sind es, die auf der Lokomotive des Zuges sitzen, der 50–60 Wagen folgen, so dass es geschehen kann, dass die Lokomotive manchmal schon nach Osten fährt und die letzten Wagen noch nach Westen schauen. Es ist doch ein Zug.121 Denn auch bei den Leuten auf dem anderen Flügel, also auch bei den Leuten um die Bischöfe, sind ganz Wenige, die nur konservativ denken, nur die Landeskirchen erhalten möchten, nur die lutherische Reichskirche bauen wollten. Es ist ein dauerndes Ringen um die Frage, was jetzt das für den Glauben Praktische sei? Betont man mehr das Wort Glaube oder mehr das Wort Praktische, so ergeben sich je nachdem natürlich Differenzen. Es geht aber dennoch auf beiden Seiten um das für den Glauben Praktische. Ausgeschlossen kann es freilich nicht sein, dass der Zug doch noch einmal zerreißt, und auf der einen Seite die Glaubenden, auf der anderen aber die Praktischen stehen!! Notwendig erscheint dies heute noch nicht, und die Hoffnung besteht, es lässt sich verhüten.bb
3. Der Kampf der BK richtet sich in erster Linie gegen die Kirchenregierungen, die seit 1933 im Sinne des Nationalsozialismus gestalten wollen. Es wird an zweiter Stelle gekämpft gegen das mit den D. C. in |370 die Kirche eingedrungene und auch gegen das außerhalb der Kirche bestehende «Heidentum» und es wird an dritter Stelle – und das ist der eigentliche Gegner! – gekämpft gegen den totalen Staat selber und als solchen, der ja nicht nur Staat, sondern eine Religion, eine Kirche ist. Das Heidentum mit seinen mehr oder weniger altgermanischen Reminiszenzen dürfte kein sehr relevanter Gegner sein. 10 Die Religion, wie ein Bergmann122 und ein Rosenberg123 sie vertreten, das ist eine Religion, wie sie «ausgedacht» ist von gewissen Gelehrten und Phantasten und der keine große und ursprüngliche Kraft eignet. Sie hat Kraft nur als Symptom des Nationalsozialismus, und darum kann der eigentliche Ernst des Kampfes nicht ihr gelten, sondern dem wahren Gegner, dem Staat. Je klarer das erkannt wird, umso schwieriger und bedrohlicher freilich wird der Kampf.bc
4. Es steht fest, dass der Kampf der BK ganz bestimmte Schranken hat. Die BK hat sich eingesetzt und setzt sich ein für eine Neugestaltung der kirchlichen Lehre und Ordnung durch eine Neubesinnung auf ihren Ursprung, die heilige Schrift. Aber wie ist es zu erklären, dass diese Kirche bisher kein Wort gefunden hat für oder gegen die |371 dem ferneren Betrachter am peinlichsten auffallenden Bedenklichkeiten des dritten Reiches? Ich denke an die Problematik der Machtergreifung der jetzigen Staatsführer, ich denke an die Aufhebung des Rechtes (Recht ist, was Deutschland nützt!), ich denke an die Unterdrückung der Presse, ich denke an die Judenverfolgung, ich denke an alles Furchtbare, was mit dem Wort Konzentrationslager bezeichnet ist. Es ist bekannt, dass hier in der Schweiz besonders die sogenannten Religiös-Sozialen sehr scharfe Worte gesagt haben zu diesem Schweigen der BK.124 – Man wird dieses Schweigen zunächst einmal daraus verstehen müssen, dass die Menschen, die heute die Sache der BK vertreten und tragen, zunächst und gerade Anfang 1933, wo die Übelstände ja am schreiendsten zutage traten, befangen waren von der Ideologie des Nationalsozialismus. Wer 1933 nicht an Hitlers Mission glaubte, der war ein verfemter Mann, auch in den Reihen der BK. Es war ein langsames und mühsames Ringen, in dem sich diese Menschen langsam befreiten und zu klareren Erkenntnissen erwachten. – Man hat ferner zu rechnen mit einer weitgehenden Unkenntnis über die wahren Vorgänge im Reich. Man kann sich hier schwer eine Vorstellung machen über diese völlige Unterdrückung jeder wahrheitsgetreuen Äußerung. Die Kirche war drittens völlig beschäftigt damit, in Sachen ihrer eigenen Freiheit zu kämpfen und um ihre eigene Existenz zu ringen, ihre eigenen Aufgaben zu erkennen. Dass die Kirche auf ihrem Gebiet nun tatsächlich Stellung bezogen hat und ihren Protest, wenn auch gebrochen, so doch immer wieder eingelegt hat, das hat indirekt durchaus seine Bedeutung auch für die anderen Bedrängten, auch hinsichtlich all der anderen Fragen, die heute in Deutschland brennende Fragen sind. – Gewiss, alle diese Gründe können den Vorwurf nicht verstummen lassen: es liegt in der Tat hier ein Mangel der BK vor, es ist hier in der Tat etwas noch nicht geschehen, was vielleicht |372 längst hätte geschehen sollen. Aber es wird dazu auch das zu sagen sein: die Frage, die hier an die BK
zu richten ist, rührt an die Schwäche einer Kirche, die weithin gar nicht mehr Kirche im eigentlichen Sinne gewesen ist, die stumm war und es erst langsam wieder lernen muss zu reden. Ich weiß nicht, wie die Schweizer Kirche sich verhalten würde in einem ähnlichen Fall. Und darum muss ich offen gestehen, dass die Vorwürfe, die von hier aus erklangen in dieser Sache, mir manchmal etwas billig scheinen wollten. Das hindert nicht, dass ich die Frage als eine berechtigte Frage zugebe.bd
5. Man hört immer wieder im Ausland die Frage, ob die BK nicht wesentlich getragen sei von solchen, die eigentlich politischen Widerstand zu leisten gesonnen sind, ob es nicht in dem Ganzen um eine getarnte Oppositionsbewegung gehe? Dazu ist zu sagen: 11 Wenn der Staat als solcher – wie dies beim nationalsozialistischen Staat der Fall ist! – zur Kirche wird, dann darf er sich nicht wundern, wenn er notwendig die christliche Kirche gegen sich hat. Dann ist es selbstverständlich, dass der Kampf der Kirche auch zum politischen Kampf werden muss. Wollte man freilich unter «politisch» verstehen eine Aktion im Sinne einer heimlich bestehenden konservativen oder sozialistischen Partei, dann wäre die Frage mit einem runden Nein! zu beantworten. Ich habe intim genug hineingesehen und kenne die füh|373renden Leute der BK nahe genug, um sagen zu können: es ist nicht wahr, dass unter den Führern gerade der radikalen Richtung auch nur ein Einziger wäre, der politisch getarnt wäre. Diese Führer sind Theologen und Kirchenmänner und haben mit Politik nichts zu tun. Das kann natürlich nicht verhindert werden, dass unter den vielen Tausenden, die mitgehen, auch solche sind, die sich der Opposition als solcher erfreuen. Aber die Gefahr, die der BK droht, ist gewiss nicht die, der Politik zu verfallen, sondern die Angst vor den notwendigen politischen Konsequenzen. be-Mit Parteipolitik hat das gar nichts zu tun-be.bf
6. Sie werden aber mit Recht fragen, ob dieser Aufbruch der BK nicht doch eine politische Bedeutung habe? Und ich würde diese Frage bejahen. In einem Deutschland, in dem Alles, aber auch Alles zusammengebrochen ist vor der Gewalt des Staates: die Wissenschaft, die Kunst, die Universität, die Schule,bg stellt die BK wirklich ein singuläres Phänomen dar, ist sie tatsächlich die einzige Instanz, die mündlich und gedruckt es wieder und wieder zu sagen wagt: Wir lehnen den totalen Staat ab. Das kann nicht ohne politische Bedeutung sein, und das beweist auch die Wirkung, die dieser Widerstand auf den Staat hat. Nicht umsonst hat er die Geheime Staatspolizei mobilisiert gegen die BK, nicht umsonst zahlreiche Pfarrer inhaftiert und ausgewiesen. Und nicht umsonst ist er immer wieder merkwürdig geneigt, letztlich doch – wenn auch nicht völlig, so doch teilweise – zurück|374zuweichen vor der Haltung der BK. Ob die politische Bedeutung weiterreichend sein wird, das lässt sich nicht sagen. Immerhin steht das fest, dass es durchaus von politischer Relevanz ist, dass die deutsche Öffentlichkeit auf diesem Wege – trotz allem, was an Gewaltmaßnahmen angewendet wird – an die Tatsache gewöhnt wird: es gibt im deutschen Raum einen Widerstand gegen den totalen Staat. Das ist – politisch gesehen – durchaus keine bedeutungslose Sache.bh
Zum Schluss noch einige Erwägungen: Was uns im Kampf der BK vor Augen geführt wird, das ist die Tatsache, dass die Kirche selbständig ihr Leben führt im öffentlichen Raum, dass sie nicht einfach zurückweicht und gutheißt und Ja sagt, sondern dass sie, wenn auch unter Enttäuschungen und Zaghaftigkeiten und Irrtümern, zur Neubesinnung auf ihr Wesen und ihre Aufgabe sich durchringt und dieser Neubesinnung entsprechend redet und handelt. BK heißt eine Kirche im Akte der Entscheidung. Andere Kirchen, auch unsere Schweizer, leben unter sehr viel einfacheren Umständen. Sind sie aber auch in dieser Weise lebendige Kirchen? Ist unsere Schweizer Kirche eine Kirche, die der Entscheidung fähig ist, die bekennen kann? Ist sie es – und wenn nicht, in welchem Sinne ist sie dann überhaupt Kirche?bi
12 Diese Tatsache einer selbständigen, lebendigen, entscheidenden, bekennenden Kirche gründet in Deutschland auf drei bestimmten Voraussetzungen. Es ist im Kampf der BK eine Theologie auf den Plan |375 getreten, die sich wieder an der Bibel orientieren möchte, eine Kirchenführung, die ihrerseits nicht nur Rücksicht nehmen will auf Politik und Taktik, sondern die diese Theologie wieder ernst nimmt und die Kirche gegründet weiß auf die heilige Schrift, und 3. es sind in Deutschland
Gemeinden auf den Plan getreten, die beides: Theologie und Kirchenführung ernst genommen haben. Gibt es das bei uns auch? Wo steht unsere Theologie, wo steht unsere Kirchenführung? Und endlich und vor allem: Wo stehen unsere Gemeinden? Ohne diese drei Faktoren gibt es keine lebendige Kirche.bj – |
Eine solche lebendige Kirche hat aber auch – und das ist in Deutschland sichtbar geworden – eine Wirkung nach außen. In einer solchen Kirche tritt ihre Aufgabe in Erscheinung, ihre Aufgabe als konkrete Erinnerung an die Welt, dass sie nur Welt ist und begrenzt ist durch Gottes Reich. In Deutschland ist diese Erinnerung möglich geworden sogar dem totalen Staat gegenüber,125 der in seinem Wesen die Leugnung des Reiches Gottes ist. Wir hier leben nicht in einem totalen Staat, wir werden uns aber klar sein müssen, dass auch unserer Kirche diese Aufgabe der Erinnerung gestellt ist. Weiß unsere Kirche darum, und wenn sie nicht darum weiß, in welchem Sinne ist sie dann überhaupt Kirche?bk
376 Alles, was ich hier anführte, das ist in Deutschland sichtbar geworden – in großer Schwachheit und Torheit, unter vielen Fehlern und Rückschlägen; wir wissen nicht, wohin der Weg führen wird, aber diese Dinge sind sichtbar geworden – und kann durch nichts mehr rückgängig gemacht werden. Es könnte sein, dass das, was jetzt deutsche Gegenwart ist, einmal europäische Zukunft wird, dass der totale Staat das Wesen und Geheimnis jedes Staates ist! Ich bitte Sie, diese Frage nicht allzu rasch für eine unmögliche Frage zu erklären. Ist sie nicht unmöglich, dann ist das Ringen der BK ein Vorspiel einer allgemeinen Neuordnung des Verhältnisses von
Kirche und Staat, das dann wieder ein Verhältnis wird auf dem ursprünglichen Stand des offenen Gegensatzes. Es wird dann die Kirche wieder die einzige Zufluchtsstätte sein der Freiheit, des Rechtes und des Geistes. Die Kirche ist mehr als das, aber die Ereignisse in Deutschland haben gezeigt: sie kann auch das sein. bl-Und dass sie in Deutschland heute tatsächlich das ist, das ist eine Tatsache, die heute schon zum mindesten zu denken geben sollte-bl.bm