41
GOTT ERKENNEN, GOTT EHREN, GOTT VERTRAUEN
NACH CALVINS KATECHISMUS
1935
Beim vorliegenden Text handelt es sich um Ausführungen Barths in drei
Sitzungen einer «seminaristischen Arbeitsgemeinschaft über den Anfang
des calvinischen Katechismus»,1 die er in der Woche vom 21.–27. Juli 1935 in
Genf leitete. Die
Arbeitsgemeinschaft war Teil eines Ferienkurses, der unter der Leitung
von Adolf Keller im Rahmen
des dortigen Internationalen
Theologischen Seminars veranstaltet wurde und an dem Barth
auch noch mit der vierteiligen Vorlesung Die Kirche und die
Kirchen2 beteiligt war.3
In den drei Sitzungen der Arbeitsgemeinschaft am 23., 24. und 26.
Juli behandelte Barth die Eingangssätze (Fragen 1–14) der
lateinischen Fassung von Calvins
Genfer Katechismus (1542;
lat.: 1545)
📖. Von seiner ursprünglichen Absicht, den
lateinischen Text Calvins als Grundlage zu nehmen, rückte er auf Anraten
Kellers ab.4 Den Teilnehmern wurden neuere Übersetzungen zur Verfügung
gestellt. Als Textgrundlage für die Vorbereitung der Sitzungen aber
musste Barth den lateinischen BSRK-Text
📖 verwenden, hatte er doch infolge
des erzwungenen Wechsels von Bonn nach Basel sein «Corp[us] Ref[ormatorum] mit dem
französ[ischen] Text» noch nicht wieder greifbar.5
Mit den Vorbereitungen für die Arbeitsgemeinschaft geriet Barth unter
erheblichen Zeitdruck. Am 15. Juli bat Keller ihn dringend um die «nähere Bezeichnung der
Kapitel im Katechismus», die Barth behandeln wolle; drei Tage später hatte er
immer noch keine Nachricht |42 und wiederholte die Bitte nochmals.6 Es ist anzunehmen, dass Barth, der zu diesem Zeitpunkt noch mit
der Ausarbeitung der Vorlesung beschäftigt war,7 seine Ausführungen allenfalls skizzenhaft vorbereiten konnte und
ansonsten weitgehend frei formuliert haben dürfte.
Das von Charlotte von
Kirschbaum erstellte und am 7. August 1935
von ihr ausgearbeitete Protokoll8 der Sitzungen ist nicht erhalten. An Vorarbeiten zum
Editionstext liegt lediglich eine Durchsicht der Druckfahne vor, auf der
am Rand zahlreiche Korrekturen vermerkt sind,9 die ohne Ausnahme in den Abdruck in: K. Barth, Die
Kirche und die Kirchen (ThExh 27), München 1935, S. 25–44,
eingeflossen sind.
Gott erkennen, Gott ehren, Gott vertrauen
nach Calvins
Katechismus
I.
| 26
Magister: Quis humanae vitae
praecipuus est finis? |
Lehrer: Welches ist das entscheidende Ziel des menschlichen
Lebens? |
| Puer: Ut Deum, a quo conditi sunt
homines, ipsi noverint. |
Schüler: Es besteht darin, dass die Menschen Gott erkennen,
von dem sie geschaffen sind. |
| M.: Quid causae habes, cur hoc
dicas? |
L.: Wie begründest du diese Aussage? |
| P.: Quoniam nos ideo creavit, et
collocavit in hoc mundo, quo glorificetur in nobis. Et
sane vitam nostram, cuius ipse est initium, aequum est
in eius gloriam referri. |
S.: Dazu hat er uns erschaffen und in dieser Welt unseren Ort
gegeben, damit er in uns verherrlicht werde. Und so ist es
in Ordnung, dass unser Leben, dessen Ursprung er ist, auf
seine Herrlichkeit gerichtet sei. |
| M.: Quod vero est summum bonum
hominis? |
43
L.: Was ist aber das höchste Gut des Menschen? |
| P.: Illud ipsum. |
S.: Eben dies. |
| M.: Quamobrem id tibi summum bonum
habetur? |
L.: Inwiefern ist dir gerade dies das höchste Gut? |
| P.: Quia eo sublato, infelicior est
nostra conditio, quam quorumvis brutorum. |
S.: Weil ohne dies unsere Lage schlimmer ist als die
irgendwelcher Tiere. |
| M.: Ergo vel inde satis perspicimus,
nihil posse homini infelicius contingere, quam Deo non
vivere. |
L.: So müssen wir also schon daraus ersehen, dass den
Menschen nichts Schlimmeres widerfahren kann, als nicht Gott
gemäß zu leben? |
| P.: Sic res habet.10 |
S.: In der Tat nicht! |
Was haben wir gehört? Ich fasse zuerst zusammen:
Nach dem Hauptziel des menschlichen
Lebens wird gefragt. Und die Antwort lautet: Dieses Ziel
besteht darin, dass es zur Erkenntnis Gottes
kommt bei dem Menschen, zur Erkenntnis des Gottes, der sein Schöpfer ist.
Die zweite Frage fragt nach dem Grund dieser ersten Antwort und wird in
doppelter Weise beantwortet, einmal im Blick auf Gott:
«dass er in uns verherrlicht werde». Sodann im Blick auf den Menschen: Es entspricht dem Sachverhalt, der Situation
des Menschen, dessen Ursprung Gott ist,
dieses sein Leben zur Ehre Gottes zu
leben.
27 Nun steigt die Frage auf nach dem höchsten Gutdes Menschen.11 Antwort: Illud ipsum, Dasselbe!
Die glorificatio Dei ist das summum bonum des Menschen.
Und warum ist dem so? Antwort: Wenn man die Verherrlichung Gottes aus dem Leben des Menschen wegnähme,
dann würde seine Lage unseliger sein als die des Tieres, dann wäre das
humanum12 als solches aufgehoben.
44 Es kann also dem Menschen kein größeres Unglück widerfahren als das,
nicht zur Ehre Gottes zu leben. Es geht
nicht um die Erfüllung des humanum, es
geht um seine conditio sine qua non.
Wir sehen: Der Begriff der cognitio ist
in diesem Abriss ersetzt worden durch den Begriff der glorificatio, der nun die Antwort bildet auf
die Frage nach dem Hauptziel menschlichen
Lebens.
Calvin setzt also ein mit
einer anthropologischen Frage; sein
Blick ist zu Beginn seines Katechismus
ganz auf die vita humana gerichtet.
Dass dem so ist, das ist nicht zufällig. Er kommt aus der humanistischen Welt.13 Wir stehen hier in einer sehr anderen Situation als die Luthers.
Luther kam aus der katholischen Kirche, und auf seine Frage:
Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
ward ihm die Antwort, die zu dem Inhalt seines ganzen Denkens und Redens
wurde: Durch den Glauben; d. h. Christi
Gerechtigkeit
wird meine Gerechtigkeit.14 Cal|45vin weiß um diese Antwort Luthers. Und so, darum wissend und
auf diesem Boden stehend, darf, ja muss er nun seine Frage stellen, die
Frage nach dem Ziel des menschlichen Lebens. Wir werden die Reformation nur dann als ein Ganzes
begreifen, wenn wir deutlich sehen, dass hier die Linien der beiden
Reformatoren sich schneiden, nicht in einem Widerspruch, sondern als die
beiden Fragen, die der Mensch hören muss, wenn er
die Wahrheit erkennen soll. Vor Gott sind diese beiden Fragen und ihre
Beantwortungen eine, aber hier auf Erden, in dem Raume, in dem die Reformation der Kirche und der Theologie
sich abspielte, können wir seine
Wahrheit nicht in ein Wort fassen. Die Reformation begann mit
der Botschaft von der Sündenvergebung
und sie wurde fortgesetzt mit der Frage nach der Heiligung. Wir könnten auch sagen:
Luther fragt nach dem,
was Gott für uns getan hat, Calvin 28
nach dem, was Gott an uns
getan hat. Oder in den Worten von Röm. 1,17: Der Gerechte wird seines Glaubens leben (Luther), der Gerechte wird seines
Glaubens leben (Calvin). Jede Abstraktion, jedes
Auseinanderreißen dieser beiden Worte würde ein Missverständnis der
ganzen Reformation bedeuten. Luther kann nicht ohne Calvin, Calvin kann nur von Luther her verstanden werden.15
Es darf und muss ruhig zugegeben werden, dass der anthropologische Ansatz, wie er in der ersten Frage unseres Katechismus
vorliegt, nicht ungefährlich ist. Die Antwort könnte bereits durch diese
Frage verfälscht sein. Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da pflegte
eine ganze Generation von Pfarrern die Frage dahin zu stellen: Wozu ist
der Mensch auf der Welt? und die Antwort zu geben als Antwort tiefster
menschlicher Selbsterkenntnis: um
glücklich, um gut, um edel, um fromm zu sein.16 Wäre Calvins Antwort eine letzte, tiefste Ant|46wort menschlicher
Selbsterkenntnis, dann würde davon alles, was nachher zur Erklärung
dieser Antwort gesagt wird, bestimmt werden. Als man vor zwei
Jahrhunderten begann, in der Dogmatik
mit dieser Frage einzusetzen,17 da war im Voraus darüber entschieden, dass man sich nicht mehr
an Gottes
Offenbarung halten konnte und wollte. Man hatte den Menschen und seine Erkenntnis zum Maß erhoben, zum Maße Gottes und seiner Offenbarung. Und man hatte damit letztlich
die Theologie zu einer feinsten Art Selbstexplikation des Menschen gemacht.18 In der Frage nach dem Sinn des Menschenlebens trennen sich die
Wege: Wer hier nicht streng an Calvin gebunden vorwärts geht, könnte unversehens zum
Pietisten oder Rationalisten werden. Calvin weiß nur eine Antwort auf diese Frage: Sie hat mit Selbsterkenntnis
nichts zu tun: Das Ziel des Lebens ist
die Erkenntnis Gottes, der den Menschen
geschaffen hat. Hier fällt eine
Entscheidung, der gegenüber es nur
ein Entweder–Oder gibt. Es wird hier eine Aussage gemacht über den Sinn
des Menschen, der Gottes Geschöpf ist,
Geschöpf im Vollgehalt des biblischen Begriffes: geschaffen aus dem Nichts. Der Mensch hängt nicht nur von Gott ab, er hat von ihm
seine
Existenz.19 Die Frage Calvins stellt also den Menschen vor einen |47 Abgrund,
sie fragt ihn: Weißt du, dass du nur hier stehen
kannst, dass jeder Tritt daneben ein Tritt in den Abgrund ist? Es gilt
erkennen, dass wir von Gott geschaf29fen sind. Diese Antwort aber ist nicht die freie Wahl
einer uns zugänglichen Lebensmöglichkeit; sie ist Entscheidung zwischen Nichtwissen und
Glauben. Das ist die Situation des
Menschen, dass wir so dran sind und dass wir – Gott sei Lob und Dank –
die Antwort geben können und dürfen ex verbo
Dei, auf Grund der Offenbarung Gottes. Dazu musste Gottes Sohn Fleisch werden, damit uns das
gesagt werde.
Schon diese erste Antwort zerstreut den anthropologischen Schein der ersten Frage. – Im Folgenden
wird das noch deutlicher. Die zweite Antwort scheint mit dem
Menschenleben zunächst nichts zu tun zu haben. Gott hat die Absicht, er
hat uns dazu geschaffen, dass er verherrlicht werde in unserem Leben. Von einem Selbstzweck
des Menschenlebens ist nicht die Rede. Damit nimmt Calvin den Menschen ernst: dass er
ihn nicht ernst nimmt! Dass er ihm sagt: Du verfügst
nicht über dein Leben, du hast keine Lebenspläne zu machen. Es ist
bestimmt über dich, Gott hat beschlossen! [vgl. Kol. 1,19] Bilde dir nicht
ein, dass du in der Lage wärest, etwas sichtbar zu machen von deiner
Existenz! Gewiss soll etwas sichtbar
werden, nämlich das, was Gott will. Wir dürfen hier nicht
zurückschrecken vor dem Gedanken des
Egoismus Gottes
!20 Eben in ihm beruht unser Heil! Indem wir uns ihm unterwerfen, geht es uns gut. Wenn wir das einmal einsehen
könn|48ten, dass wir nicht Kompagnons
Gottes sind, sondern dass er allein beschließt und handelt,
und dass wir dabei sein dürfen! Denn das ist das Geheimnis des christlichen Lebens, das ist Gottes Güte: dass er uns dabei sein
lässt. Dass er nicht ohne uns groß sein will! Dass das große göttliche
Ego: Ich, der Herr! nicht im Himmel bleibt, sondern auf Erden kommt, in
uns und durch uns sein Leben hat. Fürchten wir uns nicht vor dem «transzendenten Gott». Indem er als
transzendenter Gott uns dabei sein lässt, wird er «immanent», erweist er uns die Fülle
seiner Gnade und Liebe. Neben diese Umschreibung von
Gottes Absicht und Ziel stellt Calvin nun den Satz: Es ist billig, aequum est, dass wir unser Leben in seinen
Dienst stellen, zu seiner Verherrlichung führen. Man könnte hier an das schöne
deutsche Wort: Sachlichkeit21 denken. Dazu ist unser Leben da, dass das geschehe, was Gott von
uns will, dass es zum Schauplatz seiner Verherrlichung werde.22 Es bedarf keiner besonderen Erleuchtungen, es bedarf eines
schlichten Ja-Sagens. Aequum est, es
ist billig. Das 30 ist das Geheimnis des Glaubens, dass er
gleichzeitig das unerhörteste Wunder
und der allerschlichteste Gehorsam
ist. Es ist billig, es gilt! Wer nicht tut, «was sich gehört» – der
Ausdruck ist der Rechtssprache entnommen23 –, der ist ein Narr.
49 Worin besteht das höchste Gut des
Menschen? Der Begriff des summum bonum,
den Calvin hier einführt, ist
ein Hauptbegriff der ganzen mittelalterlichen Theologie seit Augustin.24 Calvin ist nicht so rigoros, dass er die Frage nach dem «Glück» des Menschen verwerfen
würde.25 Aber was heißt glücklich sein, was ist das summum bonum? Illud
ipsum, Dasselbe: Das schlechthinige Bezogensein des
Menschen auf Gott, das ist das höchste
Gut. Und warum ist das das höchste Gut? Die Antwort sagt
wiederum, dass es hier keine Wahl gibt, dass es hier um Sein oder
Nichtsein geht. Wenn wir nicht auf diesem Wege «höchst
glücklich» sein wollen, sind wir sofort ganz
unglücklich, sind wir jämmerlicher daran als irgendein Tier. Es ist ein
sehr drastisches Bild, das Calvin hier verwendet. Und, fährt er fort,
daraus folgt, dass dem Menschen kein größeres Unglück widerfahren kann
als das, nicht Gott gemäß zu leben.
Zum Schluss noch ein Wort über den Begriff, der in der ersten Antwort
eingeführt und dann scheinbar fallen gelassen wird, den Begriff der
Gotteserkenntnis, cognitio Dei. Calvin meint offenbar mit
diesem Begriff dasselbe, was nachher mit glorificatio Dei, mit «Leben nach Gott» beschrieben
wird.26 Wir haben es also mit einem Begriff von cognitio zu tun, der gefüllter ist als das, was wir
gemeinhin darunter verstehen. Wie ja schon die biblische Sprache mit dem
Begriff cognoscere nicht bloß eine
intellektuelle Vorstellung verbindet. Auch |50 Antike und Mittelalter
haben, wenn sie von Erkenntnis
sprachen, nicht zuerst an das erkennende Subjekt, sondern zuerst an den
Gegenstand der Erkenntnis gedacht. So ist cognitio bei Calvin das Ereignis einer Begegnung, d. h. nicht in erster Linie ein
Akt des erkennenden Subjektes, sondern ein Akt, der an diesem Subjekt
vollzogen wird.27 Wie ja schon Paulus
davon sprach, dass er erkannt sei von Gott [vgl. 1.Kor.
13,12]. Wenn also Calvin
als das Hauptziel des menschlichen
Lebens die cognitio Dei
bezeichnet, so kann und darf man ihm nicht mit dem Einwand begegnen,
dieser Begriff erfasse die Totalität des menschlichen Seins und Lebens
zu wenig. Für Calvin ist in diesem Begriff die Fülle menschlicher
Möglichkeit beschlossen, 31 beschlossen in der
realen Bezogenheit, die sich gründet auf ein Handeln des «Objektes» der
«Erkenntnis». Wir denken an die merkwürdige Verwendung, die dem Begriff
subjectum in der Scholastik eigentümlich ist. Gerade was
wir «Objekt» nennen, heißt dort «Subjekt»!28 So ist es zu verstehen, wenn Calvin in der Lage ist, cognitio mit glorificatio zu ersetzen. Gott
erkennen heißt nach Calvin: Vor dem handelnden
Gott stehen, mit dem handelnden Gott leben.
51
II.
| M.: Porro, quaenam vera est ac recta
Dei cognitio? |
L.: Wohlan, welches ist die wahre und richtige Erkenntnis
Gottes? |
| P.: Ubi ita cognoscitur, ut suus illi
ac debitus exhibeatur honor. |
S.: Diejenige, in der ihm die ihm gehörige und geschuldete
Ehre erwiesen wird. |
| M.: Quaenam vero eius rite honorandi
est ratio? |
L.: Welches ist aber die Weise, ihn gebührend zu ehren? |
| P.: Si in eo sita sit tota nostra
fiducia – si illum tota vita colere, voluntati eius
obsequendo studeamus – si eum, quoties aliqua nos urget
necessitas, invocemus, salutem in eo quaerentes, et
quidquid expeti potest bonorum – si postremo tum corde,
tum ore illum bonorum omnium solum auctorem
agnoscamus.29 |
S.: Sie besteht darin, dass unser ganzes Vertrauen auf ihn
begründet wird – dass wir ihm im Gehorsam gegen seinen
Willen mit unserem ganzen Leben zu dienen uns bemühen – dass
wir, so oft uns irgend eine Not bedrängt, ihn anrufen, unser
Heil und was wir Gutes verlangen können, bei ihm suchen –
dass wir endlich mit Herz und Mund ihn als den einzigen
Urheber alles Guten anerkennen. |
Welches ist nun die wahre und richtige
Erkenntnis Gottes? Beachtlich ist schon
die Reihenfolge, in der Calvin die Begriffe anführt. Es ist nicht
zufällig, dass die veritas der rectitudo vorangestellt wird. Die Wahrheit hat den Primat. Es gibt nicht
eine übergeordnete Richtigkeit, die als solche dann auch die Wahrheit in
sich schlösse. Das wäre modernes pragmatisches Denken.30
Vera cognitio, das will sagen eine
Erkenntnis, die Anteil hat an der
veritas und damit Anteil an dem
Gegenstand, die ontisch durch diesen ihren Gegenstand begründet
ist.31 |52 Eine Erkenntnis, die nicht beliebig ihren Gegenstand wechseln
32 kann, sondern die von der Selbstenthüllung
(aletheia)32 dieses einen Gegenstandes lebt. Darum, weil diese Erkenntnis
ihre Existenz nicht in sich selber hat, sondern erweckt wird durch ihren
Gegenstand, darum kann von ihrer veritas gesprochen werden. Es geht um eine Erkenntnis, die sachbezogen ist und die – und damit gehen wir zu dem zweiten
Begriff über – sachbezogen33 ist. Recta cognitio, das will
sagen: der Mensch bleibt nicht neutral bei dem Ereignis der Erkenntnis,
sondern vom Gegenstand her findet eine Ausrichtung, eine Bestimmung des
Menschen statt. Es gibt keine cognitio
vera, die nicht auch cognitio
recta wäre. Die rectitudo
folgt aus der veritas, so wenig es eine
rectitudo an sich geben kann. Man
könnte, so man wollte, aus diesen Begriffen die ganze reformatorische –
Rechtfertigungslehre entwickeln,
wobei der veritas die Rechtfertigung, der rectitudo die Heiligung zugeordnet werden müsste.
Wo solche Erkenntnis ist, da wird Gott die ihm gehörige und also
schuldige Ehre34
erwiesen. Einem Anderen Ehre, honor, erweisen heißt ihm das geben, was ihm zukommt. Ihn
nicht überfordern und nicht unterschätzen, sondern ihn gelten lassen als
das, was er ist. Ehre |53 ist also kein statischer, sondern ein beweglicher Begriff: Jedem gebührt seine Ehre. Jedes Vorbeisehen am Anderen, auch wenn es
in einer Glorifikation bestünde, heißt ihn nicht ehren. Gott ehren heißt also ganz schlicht, Gott
Gott sein lassen.35 Ihm standhalten, wie er uns begegnet, sich vor ihm verantworten
als vor dem, der er ist. Calvin greift hier zurück auf den eingangs erwähnten
«Sinn» des menschlichen Lebens. Wo
vera et recta cognitio ist, da wird
Gott die Ehre gegeben: das
Einfachste, was geschehen kann im Leben des Menschen. Und alle Aussagen
über Glaube, Liebe, Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13], über die vita christiana und die Kirche lassen sich zusammenfassen in
diesem einen: Gott Gott sein lassen. Gott dichten, das ist die Quelle
alles Irrtums und Heidentums [vgl. Act. 17,29].36 Und das ist die Summe des Gesetzes und des Evangeliums, dass Gott uns aufruft in seiner Gnade zu dieser vera et recta cognitio.
Quaenam vero eius rite honorandi est
ratio? Welches aber ist nun die Art, ihn richtig,
gebührend, geziemend zu ehren? Wir sehen aus dieser Frage schon, dass es
nicht dem Menschen überlassen ist, hier eigenmächtig ein Programm aufzustellen. Gott Gott sein
lassen nach menschlichem «Ritual» würde dann wohl 33 bedeuten müssen, ihn zum Götzen zu machen. Unsere Art, ihn
zu ehren, führt zu einem Meer von Irrtum. Calvin weiß um eine ratio, einen geordneten Weg, der mit göttlicher
Notwendigkeit gerade dieser Weg ist. Ratio steht |54 dem Begriff veritas gegenüber. Auch wenn der Ruf Gottes zu mir
gedrungen ist und ich ihn gehört habe in seinem Anspruch, so gilt es neu
zu hören, welches konkret dieser Anspruch ist, damit es in meinem Leben
zur glorificatio Dei komme.
Am Schluss des ersten Abschnittes seines Katechismus beschreibt nun Calvin in vier Begriffen die ratio rite honorandi Dei, die rechte Art, Gott zu ehren: Vertrauen, Gehorsam, Anrufung, Danksagung. Es sind vier Begriffe, die wir in seiner
Institutio II 8,16 wiederfinden.37 Es mag uns hier zunächst deutlich werden, wie legitimes,
systematisches Denken sich in der Theologie von einem illegitimen scheidet. Es ist kein
losgelassenes, autonomes Denken; es ist ein Denken in der Kirche, in der communio
sanctorum. Die Reformatoren waren eben Reformatoren und nicht Novatoren,
sie standen als kirchliche Theologen in der Reihe. Wenn Calvin daher
antwortet auf die Frage nach der rechten Ehrung Gottes, so redet er als Glied der Kirche. Er stellt
sich hinein in jene Tradition, die nicht nach katholischer Auffassung
eine selbständige Größe werden kann, die aber wie ein Pfeil in die
rechte Richtung deutet. Calvin ist als Systematiker ein gebundener Mann.
Wenn er die rechte Art, Gott zu ehren, erklären soll, so denkt er an den
Unterricht der Kirche und also konkret an die vier Hauptstücke des Katechismus. Ihnen sind die vier genannten
Begriffe entnommen:
Vertrauen wird erklärt an Hand des Apostolischen
Glaubensbekenntnisses.
Gehorsam weist uns auf die 10 Gebote,
Anrufung auf das Unser Vater,
Danksagung endlich auf das Wort Gottes,
auf Predigt, Taufe und Abendmahl.38
1. Was heißt
fiducia
?
Es geht hier zweifelsohne um eine Bewegung unseres
Ich mit allem, was dazu gehört, aber um seine Bewegung fort |55 von sich
selbst hin auf ein Anderes. Vertrauen klingt nach Treue, Sicherheit,
Gemütsruhe; das alles ist auch richtig, aber Alles, was in dieser Weise
auszusagen ist, ist auszusagen nicht von dem Hier, sondern von dem Dort,
auf das das Hier bezogen ist: in
eo.39 Wer fiducia recht beschreiben
will, der muss hinwegblicken von sich dorthin, wo Vater, Sohn und
Heili34ger Geist und nur noch das zu sagen ist. Des Menschen fiducia
ist dann ein Vertrauen mit Kräften der Gewissheit und der Verheißung, wenn ihr Grund dort liegt, tota fiducia
dort, in eo. Das ist
der Gesichtspunkt, unter dem Calvin vom Glauben
spricht und unter den40 doch wohl auch das Neue Testament den Begriff der Pistis41 stellt.
2. Was heißt
Gehorsam, voluntati eius obsequi? Doch
wohl dies, dass Er vorangeht und wir Ihm folgen. Der Dienst an Gott ist nicht in unser
Ermessen gestellt. Wir haben seinem Willen zu gehorchen. – Wir dürfen an dieser Stelle einen
charakteristischen Unterschied zwischen Luther und Calvin nicht übersehen. Luther stellt in
seinem Katechismus den Begriff des Gesetzes an den Anfang;42 ihm steht in erster Linie jene Funktion des Gesetzes vor Augen,
die darin besteht, den Menschen seiner Schuld zu überführen.43 Das Gesetz richtet Zorn an und erst dann kann das Evangelium gehört werden, wenn der Mensch
seiner Unfähigkeit, das Gebot zu
erfüllen, überführt ist.
Cal|56vin denkt demgegenüber in erster Linie an die
Tatsache, dass Gott, der Vater Jesu Christi, uns das
Gesetz gegeben hat, was auch immer daraus werde. Darum stellt er den
Glauben an diesen Gott bzw. den
Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist dem Gesetz voran. Gerade
der Mensch, der es gehört hat, dass sein ganzes Vertrauen in Gott ruht, wird auch in das
rechte Verhältnis zu dem Willen Gottes kommen. Bei ihm
wird dann auch das real werden, was Luther dem Gesetz
zuschreibt: der Zusammenbruch des Menschen unter dem Gebot. Aber der
Mensch weiß nach Calvin nicht nur um sein Versagen, sondern indem er das
Evangelium gehört hat, weiß er auch
um den guten und von uns zu respektierenden Willen Gottes im Gesetz. In
Christus ist ja das Gesetz erfüllt [vgl. Röm. 10,4], das ist Calvin wichtiger als
die Erkenntnis, dass wir es nicht erfüllen! Die
Dankbarkeit gegenüber dem Versöhner
wird uns dazu anhalten, Gottes Willen immer wieder gedemütigt, aber auch
immer wieder offen und bereit zu achten und vor Augen zu haben. So
bekommt das Gesetz bei Calvin – wird man sagen dürfen im Unterschied zu
der Stellung, die es bei Luther einnimmt? – einen notwendigen und klaren
Ort.44 Im Luthertum jedenfalls
schwankte man dauernd zwischen Nomismus
und Antinomismus,45 eine Gefahr, die bei Calvin dadurch vermieden ist, dass er den begnadigten
35 Menschen beansprucht weiß, dessen
Existenzordnung das Gesetz ist, was wiederum nichts anderes besagen
kann, als dass sie in Christus, dem Erfüller
des Gesetzes, gründet.
57 3. Was heißt
Anrufung, invocatio? Wir sollen ihn anrufen. Keine Notwendigkeit ließe sich anführen,
die den Menschen zwingen könnte, sich anderswohin denn an ihn zu wenden.
Calvin sieht die Lebensnot des Menschen
hineingestellt in den Zusammenhang von Evangelium, Gnade, Gesetz, Gebot, Wille Gottes. In
diesem Zusammenhang vor Gott stehen heißt Beten.46 Es ist der Herzschlag calvinistischen
theologischen Denkens und calvinischer Frömmigkeit, den wir hier hören.
4. Was heißt
Danksagung? Dass wir ihn als den Urheber alles Guten erkennen.47 Unter diesem Titel wird im vierten Teil des Katechismus alles das dargestellt, was wir
unter der Lehre von der Kirche und den
Sakramenten verstehen. Die
calvinische Lehre von den Sakramenten, von der Kirche, von der Heiligen Schrift will in immer neuen
Worten dies Eine sagen, dass im «sakramentalen Raum» im weitesten Sinn
menschliche Aktionen stattfinden, die als solche von Gott angeordnete,
befohlene Aktionen sind, in welchen wir ihm unsere Dankbarkeit (eucharistia) bezeugen. Das versteht Calvin
unter Kultus, Gottesdienst. Gott unsere Dankbarkeit bezeugen, das will
sagen: immer wieder diese Bewegung vollziehen, die ihn als den auctor alles Guten begreift, der unsere
fiducia zum wirklichen Vertrauen, unseren Gehorsam zum wirklichen Gehorsam macht.
Das ist der Sinn unseres Gebetes,
unseres Gottesdienstes. Er ist der
solus auctor omnium
bonorum. Das ist es, was die Gemeinde immer wieder
zusammenführt. Da ist Christus selber, da ist Gott mir gegenwärtig, da
wird Christi Fleisch gegessen und Christi Blut getrunken,48 da wird es immer wie|58der und immer neu wahr: Er ist in uns und
wir in ihm, da wird die Fülle der Gottheit,
die in Christus ist, erlebt und erfahren als Realität: da, wo
der Mensch in dieser Erkenntnis Gott gegenübersteht: Er, der alleinige
Urheber alles Guten!
– So also findet eine vera et recta
cognitio statt, so wird Gott die ihm eigene und geschuldete Ehre
gegeben und so erfüllt der Mensch den Sinn seines Lebens. 36
III.
| M.: Verum, ut haec discutiantur
ordine et fusius explicentur: quod in hac tua partitione
primum est caput? |
L.: Das muss der Reihe nach besprochen und näher erklärt
werden. Nenne noch einmal das erste Glied deiner
Einteilung! |
| P.: Ut totam in Deo fiduciam nostram
collocemus. |
S.: Dass wir unser ganzes Vertrauen auf Gott begründen. |
| M.: Qualiter autem id fiet? |
L.: Wie tun wir das? |
| P.: Ubi omnipotentem noverimus et
perfecte bonum. |
S.: Indem wir ihn als den Allmächtigen und vollkommen Guten
erkennen. |
| M.: Satisne hoc est? |
L.: Genügt das? |
| P.: Nequaquam. |
S.: Keineswegs. |
| M.: Quamobrem? |
L.: Inwiefern nicht? |
| P.: Quia indigni sumus, quibus
adiuvandis potentiam exserat et in quorum salutem, quam
bonus sit, ostendat. |
S.: Weil wir dessen unwürdig sind, dass Gott uns in seiner
Hilfe seine Macht und zu unserem Heil seine Güte
erweise. |
| M.: Quid ergo praeterea opus
est? |
L.: Was ist also darüber hinaus vonnöten? |
| P.: Nempe ut cum animo suo quisque
nostrum statuat, ab ipso se diligi, eumque sibi et
patrem esse velle et salutis autorem. |
S.: Dass ein Jeder von uns innerlich gewiss sein kann, er
werde von Gott geliebt und Gott wolle ihm Vater und Heiland
sein. |59 |
| M.: Unde autem nobis id
constabit? |
L.: Wie werden wir dessen gewiss werden? |
| P.: Ex verbo ipsius scilicet, ubi
suam nobis misericordiam in Christo exponit et de amore
erga nos suo testatur. |
S.: Aus seinem eigenen Worte, in welchem er uns in Christus
seine Barmherzigkeit offenbart und uns von seiner Liebe zu
uns Zeugnis gibt. |
| M.: Fiduciae ergo in Deo collocandae
fundamentum ac principium est, eum in Christo
novisse. |
L.: Fundament und Prinzip des auf Gott zu gründenden
Vertrauens ist also seine Erkenntnis in Christus? |
| P.: Omnino.49 |
S.: Ganz und gar. |
Als ersten Begriff der ratio rite honorandi
Dei nennt Calvin die fiducia, das Vertrauen. Wir dürfen
unser ganzes Vertrauen, totam fiduciam,
auf ihn setzen. Qualiter fiet? Wie
geschieht das? Diese Frage ist nicht genetisch, sondern objektiv als
Frage nach den ontischen Bedingungen der Möglichkeit des Vertrauens zu Gott zu verstehen. Der
Begriff Vertrauen wird nicht erläutert mit Angaben über das Wesen des
Vertrauens, 37 sondern mit Aussagen über Gott,
über sein Wesen, sein Handeln, seine Offenbarung. Was das heißt, sein Vertrauen auf Gott setzen,
das ist nach Calvin mit der
Frage zu beantworten: Wer ist und was tut Gott? Wir
werden dann unser ganzes Vertrauen auf ihn setzen, wenn wir ihn erkennen
als den Allmächtigen und Allgütigen, omnipotentem et perfecte bonum. Erkennen ist ein ontisches Ereignis nach Calvin, auf Grund
dessen es zu einem noetischen kommt, zu einem Annehmen einer dem
Menschen vorgegebenen Wahrheit: der Wahrheit der Allmacht und
vollkommenen Güte Gottes. Warum gerade diese beiden Begriffe?
Wäre Gott nicht allmächtig, dann wäre dem Menschen Raum
gelassen zu einer eigenmächtigen Selbsthilfe, wäre Gott nicht ganz und
gar sein Herr, er nicht ganz und gar in Gottes Händen. Dann aber würde
auch sein Vertrauen nicht ganzes Vertrauen, alleiniges Vertrauen,
tota fiducia sein. Tota fiducia schließt jede Eigenmächtigkeit
aus, d. h. der Gegenstand des Vertrauens ist ganz und gar Gott. Die
potentia, die über mein Leben und
meine Existenz verfügt, ist ganz |60 und gar seine
potentia. Soll das gelten und soll das
der Dienst des Menschen sein, den er Gott darzubringen hat, dass er ihm
sein ganzes Vertrauen schenkt, dann
kann als Gegenstand dieses Vertrauens nur der Gott in Betracht kommen,
dem omnipotentia, Allmacht, eignet.
Aber der Begriff des Vertrauens ist nicht mit der Erkenntnis der Allmacht
Gottes erschöpft. Es bedarf auch dessen, dass wir ihn, als den perfecte bonum, als den
vollkommen Guten erkennen. Die Macht, die unser Leben in Anspruch nimmt, ist
nicht irgendeine Macht, nicht etwa die Unwiderstehlichkeit eines in sich
gründenden Mechanismus des Makrokosmos oder Mikrokosmos.50 Wäre dem so, dann würde unser Vertrauen in der Wurzel gestört
sein durch die beunruhigende Frage nach der Bedeutung dieser Macht für
unser Leben, unsere Zukunft; unsere Existenz, unser Vertrauen würde kein
völliges, sondern ein mit Furcht gepaartes Vertrauen sein. Wäre Gott
zwar allmächtig, aber nicht auch
perfecte bonus, so würde unser
Vertrauen anstatt tota fiducia ein mit
Angst durchsetztes Vertrauen sein. Gott erkennen heißt ihn erkennen als
den, der vollkommen gut ist, der also auch uns gut ist
in seiner Freiheit. Darum kann er 38 Gegenstand einer tota
fiducia sein. Indem Gott diese tota
fiducia, dieses völlige Vertrauen begründet, tritt der
Mensch auf den Weg der rechten Verehrung Gottes, der ratio rite honorandi Dei.51 Damit aber wird der Mensch zum Menschen, damit bekommt sein
Leben ein Ziel. Das Ziel des Lebens ist
das Gottvertrauen, das Vertrauen auf
ihn den ganz freien und ganz
Guten.
Calvin fährt fort mit der
merkwürdigen Frage: Ist das genug? Wahrhaftig, das müsste genug sein;
der Inhalt unseres ganzen Lebens ist ja damit umschrieben. Und er
antwortet: Nequaquam, keineswegs! Hier
beginnt nun eigentlich erst die Problematik des christlichen Glaubensbegriffes. Es ist
wohl zu beachten, welchen Weg Calvin ein|61schlägt. Calvin hat mit dem
Bisherigen tatsächlich Alles gesagt, was über das christliche Leben auszusagen ist; der
ganze Inhalt des christlichen
Glaubensbekenntnisses steht vor uns. Aber
eben weil es um Glaubensbekenntnis geht, das nur da
stattfinden kann, wo Gott uns in freier
Gnade begegnet, muss nun die Frage gestellt werden: Ist das
genug? Muss nach einer Explikation des52 vorangehenden Satzes gefragt werden, die ihn von einer
eigenmächtigen Spekulation unzweideutig unterscheidet. Und darum muss
geantwortet werden: Jener Satz genügt nicht (obwohl er
Alles sagt!) – er genügt nur als explizierter Glaubenssatz, weil wir
Unwürdige sind, quia indigni sumus.
Schon das kann der Mensch sich nicht selber vorsagen, sondern wenn er
sich das eingesteht, so geschieht es im Hören auf Gottes Offenbarung, im Hören auf sein Wort. Calvin redet nicht auf zwei
verschiedenen Ebenen. Alles, was er sagt über das Vertrauen und den Grund des Vertrauens,
ist gesagt aus der Situation des glaubenden Menschen,
des in Christus von Gott gerufenen, mit Gott versöhnten Menschen. Der glaubende Mensch kann und muss
beides sagen: Gott ist der Allmächtige
und Allgütige, und: ich bin der
Unwürdige, Eigenmächtige, Ängstliche. Diese Höhe der Erkenntnis Gottes und diese Tiefe der
Selbsterkenntnis ist nur möglich
in Christus, nur da, wo der Mensch das Immanuel, Gott mit uns! [vgl.
Jes. 7,14;
Mt. 1,23]
hört. Angesichts des Widerspruches zwischen Gottes Herrlichkeit und meinem
Elend gilt es: Non satis
est. Und nun dennoch: es gibt tota
fiducia! Wenn Calvin in diesem Zusammenhang von unserer Unwürdigkeit spricht, so zeigt dies: Es
geht nicht um die Aussage: 39
finitum non capax infiniti.53 Es ist nicht die endliche Beschränkung, die hier störend in den
Weg tritt. Den Schauder vor dem Numinosum, das tremere des kleinen Menschleins vor der
Unendlichkeit,54 das kennen |62 die Heiden auch.
Endlichkeit und Unendlichkeit sind Korrelate, sind vertauschbare
Begriffe (Kant!).55
Quia indigni sumus, damit wird ein
Verhältnis zwischen Gott und Mensch aufgezeigt, das nicht mehr umkehrbar
ist. Damit ist etwas ausgesagt über das Sein des Menschen, dem er sich
nicht mehr entziehen, vor dem er sich nicht mehr flüchten kann. Damit
ist Gott gegenüber, der allein die Autorität hat, mir meine Unwürdigkeit
aufzuweisen, die Grenze gesteckt. Und dieser Grenze
gegenüber sind die kleinen Schaukelbewegungen unseres Lebens, das
bisschen Hin und Her, Auf und Ab zwischen Endlichkeits- und
Unendlichkeitsgefühlen belanglos. Die Aussage: Wir sind Unwürdige! ist
keinesfalls als eine Aussage natürlicher
Theologie zu verstehen, sie kann uns nur von Gott selbst auf
die Lippen gelegt werden. Wir sind
Unwürdige. Das ist keine moralische
Aussage, sondern eine Aussage über unser Sein. So sieht die heilige Schrift, so sehen Luther und Calvin den Menschen.56 In der Wurzel seiner Existenz ist seine indignitas Gott gegenüber Wirklichkeit, in dem
tatsächlichen Verhältnis zwischen Gott, dem
Heiligen, und uns, den Unheiligen. Gott ist und bleibt – an
dieser Grenze erst wird das sichtbar und
verständlich – Gott dem Menschen gegenüber, und doch gibt es unerhörter,
unbegreiflicher Weise ein Vertrauen des
Menschen zu Gott. Wir können das nur als Faktum begreifen,
wir können das nicht ableiten und erklären. Wie sollten wir unsere Sünde und ihre Vergebung ableiten und erklären können? Gott offenbart sich
dauernd und offenbart sich |63 überall, aber der Mensch ist dieser Offenbarung nicht würdig und kann darum
faktisch nicht erkennen, was ihm theoretisch wohl
als Möglichkeit offen stünde. So wie ein Mensch, der an sich wohl die
Fähigkeit des Gehens hat, praktisch von ihr keinen Gebrauch mehr machen
kann, wenn ihm seine Beine gebrochen sind. Alle natürliche Theologie aber rechnet noch
mit – ungebrochenen Beinen!! Si Adam integer
stetisset, das ist der verhängnisvolle Konjunktiv, der
eben nicht übersehen werden darf in dem berühmten Anfang von Calvins Institutio.57 Wir haben gebrochene Beine. Wenn hier, bei
uns, das letzte Wort gesagt wäre, dann müssten wir wahrhaft ver40zweifeln. Aber für solchen Pessimismus ist kein
Raum. Diese Aussage über uns ist keinen Augenblick abstrakt zu
verstehen, sie ist gesagt in der Erkenntnis der Liebe
Gottes, in seiner unendlichen Nähe. Wiederum: gerade der
glaubende Mensch, der Mensch en Christo
[vgl. Röm. 8,1]
wird den unauflöslichen Widerspruch zwischen Gott und sich erkennen und
anerkennen.
Aber diesem Schritt folgt unmittelbar ein weiterer. Alles bisher Gesagte
ist nur zu verstehen von der Höhe dessen aus gesehen, was nun folgt: Was
muss also noch geschehen? Dass ein Jeder von uns in seinem
Herzen überzeugt ist, dass er von Gott geliebt wird und dass Gott
ihm ein Vater sein will und der Urheber seiner Errettung. Dass
wir von ihm geliebt werden: es ist nicht die Rede davon, dass wir doch
noch einen Rest von Güte uns erhalten hätten, von sittlichem Ernst oder
anderen guten Qualitäten.58 Nein, nun erfolgt wieder eine jener großartigen Umkehrungen
Calvins. Gott muss die
Initiative ergreifen – nein, nicht: er muss sie ergreifen, sondern: er
hat sie bereits ergriffen. Das ist die Voraussetzung. Ich bin
von Gott geliebt. Wenn der Mensch in
seiner indignitas das aussagen kann,
dann ist in dieser Erkenntnis |64 der Weg offen zu dem völligen Vertrauen,
der tota fiducia, und damit zu der
Erkenntnis der omnipotentia und
perfecta bonitas Gottes. Nicht aus
meinem Sein und Leben kann ich das erkennen, sondern ungeachtet meiner
Angst und Eigenmächtigkeit gilt es: Ich
bin von Gott geliebt. Von ihm aus
geschieht es, dass er mir, trotz meiner, als der Allmächtige und Allgütige begegnet. Was heißt das: Ich
bin von Gott geliebt? Das heißt: Gott will mir ein Vater sein und der Urheber meines Heils.
Diese beiden Aussagen sind zurückzubeziehen auf die beiden eingeführten
Begriffe der Allmacht und vollkommenen Güte.
Ich kann Gottes Allmacht nicht abstrakt erkennen, aber indem er sich mir
in seiner Liebe offenbart, gibt er sich mir als mein Vater zu erkennen.
Der Begriff «Mein Vater» ist hier durchaus im Verständnis des Ersten
Artikels des Apostolikums
📖 zu verstehen.
Nur auf Grund der Vaterschaft und der
Sohnschaft Gottes kann auch von
einer Väterlichkeit auf Erden gesprochen werden, niemals umgekehrt. Wenn
Calvin von «Vater»
spricht, 41 dann denkt er daran, dass wir in
Christo Angenommene des Vaters sein dürfen, dann denkt er an die ewige
Liebe Gottes des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes.59 An dieser schlechthin einmaligen, einzigen, göttlichen Liebe dürfen wir teilhaben.
Sie tritt in unser Leben und an diesem Vatersein, dem Vatersein in Jesus
Christus, mögen wir erkennen, was Allmacht Gottes ist. Damit tritt der
Begriff der Allmacht heraus aus dem Bereich metaphysischer Begrifflichkeit. Das Subjekt der Allmacht ist der Vater Jesu Christi, der
nun auch unser Vater wird.
Und im gleichen Zusammenhang ist der Begriff der perfecta bonitas zu verstehen. Indem Gott uns rettet,
indem er unsere Sünde uns nicht
zurechnet, indem er in Jesus Christus für uns eintritt, mögen wir sehen
und erkennen, was vollkommene, wirkliche Güte ist. Das ist perfecta bonitas: Gottes errettendes Handeln
an denen, die seiner unwürdig sind, Gottes Heilandsein.
65 Wenn Gott uns seine Allmacht und seine vollkommene Güte
nicht offenbart, dann bleiben diese beiden Begriffe
leere Begriffe, dann könnten auch sie nur ein Götzenbild sein. Gott
liebt uns und erweist sich uns als Vater Jesu Christi, als der Urheber
unserer Errettung; das allein ist wirkliche Macht und wirkliche
Güte.
Woher aber wissen wir, dass Gott uns liebt? Wenn es gilt, dass wir Unwürdige sind, wenn wir dem nicht
entfliehen und nicht aus Gott ein Göttlein und aus unserer indignitas eine Unvollkommenheit und aus dem
Satz: Gott liebt mich! einen Gefühlszustand machen wollen60 –, wenn es gilt, wir können ihn nicht erkennen, quia indigni sumus, dann stellt sich diese
Frage unerbittlich als Entscheidungsfrage: Woher wissen wir das?
Unde autem nobis id constabit?
Calvin weiß, das können wir
nicht aus uns selber wissen, das muss Gott uns sagen in seinem eigenen
Worte, in welchem er uns seine
Barmherzigkeit aufzeigt. So ist es das Fundament unseres
Vertrauens, dass wir Gott in Christus
erkennen.
Damit sind wir an der Wurzel und zugleich auch vor der Fülle der
Problematik aller Theologie angelangt. Hier scheiden sich die Wege.
Entweder man versteht dieses Unde? und
dieses ex verbo ipsius oder aber man
versteht es nicht. Man könnte an dieser Stelle wohl von Prädestination sprechen. Entweder be42gegnet man hier dem großen Gegenüber oder aber man
löst die Begegnung auf in die leere Frage: Sollte Gott nur so und nur
einmal geredet haben? Warum ist gerade Christus das Wort? Und die ganze Fülle der Verlegenheiten
bricht auf, die in diesen Fragen zutage kommt.61
Calvin verweist auf die andere
|66 Möglichkeit, auf die Möglichkeit, hier stillzuhalten und einzusehen:
das, was ich mir nicht selber sagen kann, was ich nur wiederholen kann
als einen Satz, mit dem ich schlechterdings anfangen muss, ganz
bescheiden, ganz anspruchslos, als einen Satz, der nur in völliger
Wehrlosigkeit ausgesprochen werden kann: was in keines Menschen Herz
gekommen ist, das hat Gott gegeben! [vgl. 1.Kor. 2,9]
Gott ist nicht nur der Allmächtige und
Allgütige, sondern als der
Allmächtige und Allgütige hat er zu uns gesprochen und spricht er zu
uns. Ich bin ein von Gott Geliebter.
Das sagt er mir. Und als indignus, als Unwürdiger, unwürdig, seine offenbare Allmacht und Allgüte
zu erfahren, höre ich es. Auf diesem Boden ereignet
sich Theologie. Nicht um ein Prinzip geht es hier, sondern um ein Hören auf das Wort, das uns in der heiligen Schrift dargeboten wird. Wir
können nur das Zeugnis vom Worte Gottes hören und uns fragen, ob das auch für uns und
unser Leben gilt. Und wir werden es dann wohl – und da
beginnt eigentlich die Theologie – gelten lassen müssen als Gottes Wort
und nicht als unser eigenes Wort. Hier stecken alle Fehlerquellen theologischen Denkens und
Redens und andererseits auch alle Verheißung und Hoffnung
solchen Tuns. Es entscheidet sich daran: ob wir das uns von Gott Gesagte
uns wirklich von Gott gesagt sein lassen und damit umgehen als mit
Gottes Geschenk. Wenn es schief geht in der Theologie – und es geht
immer wieder schief –, dann deshalb, weil wir mit dem Wort umgehen als
mit einer Sache, die wir in die Tasche stecken könnten. Wir machen dann
aus dem Worte Gottes eine Philosophie, wir setzen an die Stelle des uns
gesagten Wortes die Illusion einer eigenmächtigen Entdeckung.62 Diese Gefahr ist gegenwärtig darum so groß, weil wir die
Bedeutsamkeit des Begriffs «Wort
Gottes» vielleicht wieder schärfer sehen dürfen als vergangene
Zeiten und weil wir gerade darum uns hüten müssen, mit diesem Begriff
umzugehen wie ein Krämer mit seiner Ware, mit einer flotten, aber im
Grunde hochmütigen und eigenmächtigen Sicherheit.63 Gerade die junge und jüngste |67 Generation mag sich an dieser
Stelle warnen 43 lassen vor der ihr nicht
ferneliegenden Möglichkeit, diesen Begriff z. B. als Waffe gegen die
ältere Generation verwenden zu wollen. Mit dem Worte Gottes kann man
seine eigene Sache, und wäre sie noch so gut und ansehnlich, nicht
stärken. Es ist und bleibt ein Geschenk, das wir, wir seien alt oder
jung, auf keinen Fall verdient haben!
Es ist ein Wunder, das uns begegnet und das, wenn wir nicht richtig
damit umgehen, uns jederzeit wieder genommen werden kann.64 Wer die Theologie doch wieder in
Philosophie verwandeln möchte, der wird – und wenn er noch so
kirchlich sich gebärdete – gestraft werden durch das Wort, das Gott
selber ist. Es ist Gottes
Barmherzigkeit, wenn er uns sagt: Gott liebt uns. Und es ist Barmherzigkeit, wenn man dieses
Wort hören und mit ihm umgehen, wenn man also Theologe sein darf. Uns
Theologen ist ein Geheimnis anvertraut. Lassen Sie uns damit umgehen mit
einer täglich neuen Ehrfurcht und davon reden mit einer täglich neuen
Sorgfalt!
Das letzte Wort, das Calvin in
diesem Zusammenhang anführt, ist nicht der Begriff des Wortes Gottes,
sondern Christus, als der Inhalt
dieses Wortes. Er ist die letzte
Antwort auf unsere Frage: Unde? Das
Wort Gottes ist nicht ein Satz, auch nicht ein Gefüge von Sätzen, es ist
Gott selber, der mit uns redende Gott:65
Jesus Christus.66 Indem Gott |68 mit uns redet, bietet er uns seine Barmherzigkeit dar. Das Wort
Barmherzigkeit umschreibt das Geschehen in Jesus
Christus. Von diesem Begriff aus will alles bisher Gesagte
verstanden sein. Barmherzigkeit bedeutet einerseits zweifellos dies,
dass wir nicht ohne Gott sind, dass Gott sich unserer annimmt,
andererseits aber auch dies, dass es hier zwischen Gott und Mensch um ein einseitiges
Verhältnis geht. Wir haben Barmherzigkeit nötig, Gott findet uns im
Abgrund. Wir erkennen unsere Sünde
darin, dass uns Barmherzigkeit widerfährt, nicht vorher und nicht an
sich. Eine Sündenerkenntnis bzw. eine
Gesetzespredigt, die den Menschen
anderswoher treffen wollte als von daher, dass Gott ihm barmherzig ist,
würde den Menschen nicht erreichen. Das rinnt an uns ab wie der Regen
oder aber es führt uns in die Verzweiflung. Diese Schaukel aber zwischen
Verzweiflung und Leichtsinn67 wird dann stillgelegt sein, wenn statt der Gesetzespredigt das
Wort ertönt: Gott liebt dich, Gott ist dir barmherzig. Vor dem
Kreuz Christi wird die Sünde
erkannt. Das Kreuz allein ist die 44
wahre Gesetzespredigt.68 – Der Satz von der menschlichen
Unwürdigkeit kann also niemals ein Satz menschlichen
Pessimismus sein. Unter der Gnade bricht die Erkenntnis unserer Sünde auf. Diese Einsicht kann und wird
nicht ohne Folge bleiben für das Verhalten des Theologen eigener und
fremder Sünde gegenüber: Man sage den
Menschen von der Liebe Gottes und rede
im Raum der Liebe von der Sünde, um ihnen zu zeigen, dass auch der
tiefste Abgrund nicht tiefer ist als Gottes
Barmherzigkeit, die längst gut gemacht hat, was wir nicht gut
machen können.
Im Blick auf Christus stehen wir wieder vor der Allmacht und vollkommenen Güte
Gottes. Im Blick auf ihn kommt es zur tota fiducia, zum völligen
Vertrauen. Nicht auf Grund eigener Erfahrung, |69 sondern auf Grund dessen, was Gott uns armen
Menschen gesagt hat, sagt und sagen wird. Das ist die Basis, auf der
Calvin das Apostolische Glaubensbekenntnis erklärt
hat. Von hier aus ist es unmöglich für ihn, dieses Glaubensbekenntnis
auseinanderfallen zu lassen in eine Lehre vom Schöpfergott,
Versöhnergott und Heiligen Geist.69 Calvin redet in allen drei Artikeln nur von
dem Einen: von Jesus Christus, dem Fundament eines wirklichen Vertrauens
zu Gott.70 «In ihm sind verborgen alle Schätze der Weisheit und der
Erkenntnis.» [Kol.
2,3]