Die theologischen Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung
DIE THEOLOGISCHEN VORAUSSETZUNGEN
KIRCHLICHER GESTALTUNG
Diesen Vortrag hielt
Im April 1935 hatte der Prager Theologieprofessor
Barth,
Die Reise führte über
Die lange Rückreise gestaltete sich eher touristisch:19 Unter anderem über
In der Tschechoslowakei
erregte Barths Auftreten große Aufmerksamkeit und fand ein reges
Echo:21
Vorarbeiten zum Text sind nicht erhalten. Die Erstveröffentlichung des
Textes erfolgte als Heft 28 der Reihe «Theologische Existenz
heute».26 Nur wenig später erschien – von Hromádka forciert und mit einem Vorwort von ihm – eine
tschechische Übersetzung.27 Ein Wiederabdruck erfolgte in Th.Fr.u.A., S. 233–256
Die theologischen Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung
am 27. und 28. August 1935
«Kirchliche Gestaltung» – das ist ein {Problem oder vielmehr: ein Komplex von Problemen, mit dem wir heute die, die sich für die Kirche verantwortlich wissen, so ziemlich in allen Ländern beschäftigt sehen. «Kirchliche Gestaltung» sagt: dass die Gestalt der Kirche nicht mehr unbekümmert in ihrem bisherigen Bestand hingenommen, dass vielmehr an ihr gearbeitet, dass um sie gerungen und gekämpft wird, weil man sich bei ihrer bisherigen Gestalt nicht beruhigen kann, weil die Frage nach ihrer rechten Gestalt erwacht und aufgestanden ist, weil man gewisse, die bisherige Gewohnheit unterbrechende, die bisherige Lage verändernde Antworten darauf zu geben, weil man sich berufen weiß, im Sinne dieser neuen Antworten Hand anzulegen.
Es gibt Probleme kirchlicher Gestaltung, deren Erwachen nun schon
Jahrzehnte, zum Teil viele Jahrzehnte zurückliegt, ja
die vielleicht, wo immer Kirche war, überhaupt nie ruhen konnten und mit
denen wir heute nur in unserer besonderen Weise beschäftigt sind. Ich
denke dabei etwa an das Problem der Gestaltung des kirchlichen Unterrichts und der
kirchlichen Seelsorge, wie es unter
dem Einfluss der modernen Psychologie
(bzw. des diese Psychologie bedingenden Gestaltwandels der europäisch-amerikanischen Seele in den
Zeiten vor und nach dem Weltkrieg) in
Bewegung gebracht worden ist.28 Ich |75 denke an das Problem der Gestaltung der Evangelisation: Wie erreichen wir die
dem Leben der Kirche noch oder schon Fernestehenden, die Gebildeten, die
heranwachsende Jugend, die Massen der städtischen Bevölkerungen?29 Es war und ist die Tatsache des neuzeitlichen Säkularismus mit ihren soziologischen,
moralischen, ästhetischen und – zum wenigsten! – intellektuellen
Hintergründen, die hier den Stein ins Rollen gebracht, die u. a. auch
die Heidenmission zu ganz neuen
Fragestellungen gedrängt hat.30 Ich denke an das Problem der Gestal|76tung des Gottesdienstes, an die bis in die
nüchterne reformierte
Es gibt andere Probleme kirchlicher Gestaltung, die sich deutlich als die
eigentlichen Probleme unserer
Gegenwart charakterisieren. Da ist das Problem der Gestaltung des
Zusammenhanges der national und konfessionell getrennten Kirchen untereinander, das – in Entsprechung zu
den vorläufig im
Was das ist: «Kirchliche Gestaltung»,
das wissen wir also praktisch alle. Es ist, schlicht und allgemein
gesagt: das Suchen nach neuen – viel235leicht
auch nach vergessenen alten, jedenfalls aber besseren, angemesseneren,
sinnvolleren und zweckmäßigeren Formen kirchlicher Haltung und kirchlichen Handelns, der Versuch, der kirchlichen Haltung
und Handlung solche besseren Formen zu geben. An irgendeinem Punkt und
in irgendeiner Weise sind wir hoffentlich alle an dieser Gestaltung, das
heißt an der Arbeit an diesen Problemen, an diesem Suchen und Versuchen
beteiligt. War denn die Gestalt der
Kirche jemals eine solche, die ernste Menschen ruhig hätte
schlafen lassen, die sie nicht vor Fragen und Aufgaben gestellt, die sie
nicht zum Werk gerufen hätte? Sollte die Gestalt der Kirche jedenfalls
heute irgendwo eine solche sein, die eine weitere, ja vielleicht eine
entscheidend neue Gestaltung überflüssig machen und also den und jenen
von uns an der Teilnahme an dieser dispensieren würde? Wir können sehr
verschiedener Meinung darüber sein, wo und in welchem Maß und in welchem
Sinne kirchliche Gestaltung heute notwendig ist. Dass sie notwendig ist,
dass uns dieses Problem oder diese Probleme angehen, das könnte doch
wohl nur ein sehr fauler Knecht [vgl.
I.
Kirchliche Gestaltung hat nun aber,
wie alles menschliche Tun, bestimmte Voraussetzungen. Ja, kirchliche
Gestaltung ist gerade als solche noch mehr, noch ganz anders als alles
sonstige menschliche Tun an ihre notwendigen Voraussetzungen erinnert.
«So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn
recht» (
Aber was heißt das: diese einfachste, alles umfassende und entscheidende
Bedingung bedenken? Gerade ihre Erfüllung kann ja weder in unserer Hand
liegen noch ein Gegenstand unserer Einsicht sein. Wenn Menschen wirklich
Gott gehorsam sind und also seinen
Willen tun, dann ist das Gottes Gnade, das heißt, dann ist es ganz
und gar |81 Gottes eigene Güte, die in
ihrem Tun groß ist, obwohl sie selber nicht gut sind. Wer kann sich
Gnade nehmen? Um Gnade wird man nur bitten können und immer aufs Neue
bitten müssen. Und wenn Menschen wirklich Gott gehorsam sind und also
seinen Willen tun durch Gottes Gnade, dann ist das Gottes Geheimnis, das heißt, dann ist
das wahr vor seinen Augen, aber 237 verborgen und
entzogen allem menschlichen Sehen, Wahrnehmen und Begreifen. Wer kann
Gnade bei sich oder Anderen feststellen? Gnade kann man nur glauben,
indem man nicht auf seine eigene oder fremde, sondern auf Gottes Güte
vertraut. Diese Bedingung und Voraussetzung kirchlicher Gestaltung bedenken, wird also nur heißen
können: Wissen um die Notwendigkeit ihrer Erfüllung,
Beten ohne Unterlass [vgl.
Oberflächliche Menschen – und solche gibt es auch unter christlichen
Theologen – pflegen die Erinnerung an diese grundlegende Bedingung
kirchlicher Gestaltung «entmutigend», ja «lähmend» zu nennen.40 Sie wissen nicht, was sie sagen. Das Bedenken, von dem wir
sprachen, ist vielmehr geradezu das aktive Prinzip
kirchlicher Ge|83staltung – und das
darum, weil wir, gerade wenn wir ihm Raum geben, sozusagen zurückkehren
in die wahrlich sehr lebendige Anfangs- und Ausgangssituation der
christlichen Kirche, nämlich in den Stand der Apostel zwischen Himmelfahrt und Pfingsten,
wo sie nichts hatten als die Erinnerung an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dazu seinen
Auftrag: Gehet hin in alle Welt! [vgl.
Auf dem Boden und im Lichte dieser ersten Voraussetzung sollte eine Verständigung über das Wesen, die Würde und Geltung der anderen und insbesondere der theologischen Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung möglich sein.
II.
239 Die verschiedenen Möglichkeiten kirchlicher Gestaltung pflegen nicht
senkrecht vom Himmel her41 und auch nicht als reine Blüten christlicher Innerlichkeit sichtbar und zur
Diskussion gestellt zu werden. Und auch wenn an ihrer Verwirklichung im
Gehorsam gegen |84 Gott gearbeitet
wird, so ist damit nicht gesagt, dass diese Arbeit nicht unter dem Willen Gottes, sekundär, im menschlichen
Bereich, auch noch aus ganz andern Motiven entspringen, ganz andern
Notwendigkeiten sich anpassen würde und müsste. Kirchliche Gestaltung geschieht nicht im
luftleeren Raum,42 sondern immer in bestimmten Zusammenhängen der politischen,
wirtschaftlichen, kulturellen, seelischen Geschichte. Wir haben bereits eingangs angedeutet, dass und
inwiefern das auch heute der Fall ist. Hinter all den so verschiedenen
Bemühungen, Bestrebungen und Bewegungen, an die wir denken, wenn wir heute von
kirchlicher Gestaltung reden, steht nicht nur das mehr oder weniger treu
verstandene Gebot Gottes, sondern auch
der große Krieg 1914–18 mit der ganzen
äußeren und vor allem inneren Veränderung des Weltbildes, die sein Ergebnis ist: unübersehbar vorliegend
in den Friedensverträgen und ihren
konkreten politischen Folgen,43 noch mehr in einer ganz bestimmten geistigen Erschlaffung und
zugleich Erregung, der die abendländische
Menschheit seit jenem Ereignis unentrinnbar verfallen
scheint, und noch mehr schließlich in einer seither eingetretenen und,
wie es scheint, durch keinen Verstand der Verständigen [vgl.
Eben hier begegnet uns nun eine sehr merkwürdige, sehr verlockende, ja, sowie wir sie näher betrachten, geradezu berauschende Möglichkeit. Gott, der Herr der Geschichte! So brauchten wir vielleicht nur aufmerksam hineinzusehen in das Gewirr des Geschehens unserer Tage, um in ihm wenigstens gewisse, entscheidend Richtung gebende Lineamente wahrzunehmen, in denen uns das uns gegebene und für uns gültige Gebot Gottes entgegentreten würde. So brauchten wir vielleicht nur demütig und klug zu lauschen auf das Flüstern, Sausen und Donnern der geschicht241lichen Bewegung, an der wir alle teilnehmen, und siehe, wir würden in der wohlverstandenen |87 Stimme der Geschichte die Stimme Gottes vernehmen, die uns in seinen Werken seinen Willen verkündet.48 Unsere kirchliche Gestaltung aber, sie hätte sich zu richten nach diesem Bilde, nach diesem Tone Gottes in der Geschichte. Was war das Wort Gottes der alttestamentlichen Propheten, aber auch das manches Psalmsängers anderes als eine Deutung der Werke, der Taten Gottes in der geschichtlichen Führung des Volkes Israel, aber auch der andern Völker? Sollten wir es ihnen nicht nachtun und also aus dem offen vor uns liegenden Buch des Gegenwartsgeschehens zum Beispiel folgende Voraussetzungena kirchlicher Gestaltung ablesen:
Entweder: die Kirche entsteht und besteht überall in einer ursprünglichen Beziehung zu der natürlichen Gemeinschaft des Volkes. Es ist ihr wesentlich, mit den Nationen national zu sein. Sie hat darum den Kampf als die eigentliche Grundform des menschlichen Lebens zu anerkennen. Sie hat sich aufzubauen auf dem Gedanken der Führung und der Gefolgschaft. Sie hat sozusagen inneren Kriegsdienst zu leisten.49
Oder: Die Kirche ist die Anstalt zur Befriedigung der jenseits von Hunger und Liebe, Geschäft, Technik und Sport entstehenden Restbedürfnisse des modernen Menschen. Sie empfehle sich ihm zu diesem aus guten Gründen einleuchtenden Zwecke. Sie zeige ihm, dass sie ihn versteht, indem sie sich seiner praktischen, realistischen, ein |88 bisschen kurzatmigen, auf alle theoretischen Umwege gern verzichtenden Art anpasst. Sie zeige ihm, wie er neben allem andern kurz und gut auch noch etwas für seine Seele und für das Reich Gottes tun muss und auch tun kann.50
Oder aber: Die Kirche ist der Hort der zu den verschiedenen Zeitbewegungen notwendig zugehörigen Negationen und Reaktionen. Sie sammle, tröste und ermutige auf den verschiedenen Feldern je die Opposition, die Minderheiten, die Verkürzten und Missvergnügten, die «Verschworenen einer besseren Zukunft».51 Sie sei überall auf dem Platz, wo es Fragen aufzuwerfen und Proteste anzumelden gibt. Sie ordne sich in der Weise in die Geschichte ein, dass sie sich konstituiert als das große Fragezeichen gegenüber den verschiedenen Entwicklungstendenzen dieses Säkulums.52
Ich habe drei sehr verschiedene Gruppen derartiger Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung
nebeneinandergestellt. Stichwortartig könnten wir sie als die
faschistischen, die liberalen, die kultur-kriti|89schen Voraussetzungen
bezeichnen. Man bemerke zunächst, wieviel Gemeinsames sie haben! 242 Es war mir zum Beispiel einer der
merkwürdigsten Eindrücke aus dem deutschen Kirchenstreit der letzten Jahre, bei den sogenannten «Deutschen Christen» schlecht und recht,
wenn auch unter anderem Vorzeichen, das Pathos und die Sprache der mir
aus meiner eigenen schweizerischen Vergangenheit nur zu wohl bekannten
religiösen Sozialisten wieder zu
finden.53 Auf die Stimme der Geschichte,
also auf das Gebot Gottes berief man
sich hüben und drüben! Man wird es aber auch dem liberalen, etwa dem
anglo-amerikanischen Realismus nicht
so leicht abstreiten können, dass er in seiner Weise im Grunde dasselbe
meint.54 Wir haben es hier gewiss mit einer nahen Nachbarschaft, um nicht
zu sagen: mit einer Familie zu tun. Nur dass es in dieser Familie, wie
das so vorkommt, leider bekümmernd viel gegenseitige Verachtung,
Verunglimpfung |90 und Bekämpfung gibt. Kann man sich vor dem Gottseibeiuns55 kräftiger bekreuzen, als es in den weiten kirchlichen Kreisen
Deutschlands gegenüber dem sogenannten christlichen «Westlertum»56 und als es umgekehrt im Lager der religiösen Sozialisten, Pazifisten usw. gegenüber ungefähr aller
deutschen Kirchlichkeit und Theologie geschieht? Und ist die
Weisheit, mit der sich jene dritte, die pragmatisch-liberale
Interpretation der Gegenwart in diesen
Kämpfen neutral erklärt und benimmt, darum weniger polemisch, weil sie,
in ihre «weltweiten» Probleme und Unternehmungen vertieft, für Ideen
keine Zeit und zu Entscheidungen keine
Lust hat? Was soll nun eigentlich aus der Kirche werden, wenn die
Voraussetzungen, auf Grund deren sie gebaut werden soll, zwar hier wie
dort aus derselben Quelle, nämlich aus einer Art moderner Geschichtsprophetie oder Geschichtsphilosophie hervorgingen,
unter sich aber faktisch und praktisch so jämmerlich verschieden sind?
Wird kirchliche Gestaltung im Widerstreit dieser Prophetien und
Philosophien, angesichts der Verschiedenheit der Lineamente und Stimmen,
die man hier und dort in der Gegenwartsgeschichte wahrzunehmen meint,
überhaupt möglich sein? Soll sie aussetzen, bis sich die Gelehrten
darüber geeinigt haben, wo denn nun Gott und wo der Teufel in der Geschichte sein Werk
treibt? Oder soll es darin ein jeder oder jede kirchliche Gruppe und
Richtung halten nach ihrem Einblick und Belieben? Aber auf Grund welcher
Autorität geschieht das dann eigentlich? Mit welchem Recht wird hier
dieser, dort jener Geschichtsdeutung als einer für die Kirche
maßgebenden Offenbarung der Vorzug
gegeben? Es steht zu befürchten: hier hat sich eine Verwechslung
zugetragen – die Verwechslung zwischen dem segnenden und richtenden
Werk
|91 243 Gottes in der Geschichte und gewissen Theorien und Ideologien, die wir uns angesichts
dieses Werkes mit Verstand und mit Unverstand selbst zurechtgemacht
haben, die Verwechslung zwischen Gott, unserm Herrn, und den
Gottesbildern, die wir nun gerade nicht anbeten, denen wir nun gerade
nicht dienen sollten [vgl.
III.
Kirchliche Gestaltung untersteht nun aber außer den geschichtlichen Zusammenhängen auch noch einer auf einer ganz anderen, sozusagen zeitlosen Ebene liegenden Bedingung. Sie steht unter bestimmten psychologisch-moralischen Voraussetzungen auf Seiten der für sie verantwortlichen und an ihr tätigen Menschen. Es ist einfach nicht zu leugnen, dass die Glaubwürdigkeit und damit auch die Bedeutsamkeit und wohl auch der Erfolg aller Tendenzen und Bewegungen kirchlicher Gestaltung mit dadurch bedingt ist: wer die sind und wie die sind, die als ihre Vertreter, Verkünder und Führer in Anspruch zu nehmen sind. Kirchliche Gestaltung geschieht auch in dieser Hinsicht nicht im leeren Raum, sondern durch Menschen unter Menschen; und wo immer ein Werk kirchlicher Gestaltung im Entstehen oder im Gange ist – und |93 wäre es nur eine so schlichte Sache wie etwa die Gründung oder Neubelebung einer Pfarrerkonferenz58 –, da ereignet sich auf der rein menschlichen Ebene, ganz unabhängig von der allgemeinen Zeitlage, reichlich unabhängig auch von der sachlichen Problematik, um die es eigentlich gehen müsste, eine Begegnung, ein Anziehen und Abstoßen von Person zu Person, dessen Auswirkung für den Verlauf der Arbeit und für deren Ergebnis unter Umständen unermessliche Tragweite bekommt. Wenn ein hervorragender Vertreter einer bestimmten Richtung kirchlicher Gestaltung eine männlich kraftvolle Persönlichkeit ist, wenn er seiner Sache gegenüber etwas von jener Hingabe zu erkennen gibt, die zu allen Opfern bereit und fähig ist, wenn in seinen Worten und Verhaltungsweisen ein reines Gemüt sichtbar wird: rein von den Umwegen und Theatervorstellungen einer egozentrischen Eitelkeit, wenn eine christlich-kirchliche Haltung sozusagen als sein Innerstes sich ausspricht: als das Element, in dem er nicht nur beiläufig, sondern entscheidend lebt, wenn er zugleich den weltlichen Dingen ehrlich, offen und wirklich frei gegenübersteht, sie kindlich zu genießen und klug zu mei245stern weiß, wenn er die Gnade hat, den Mitmenschen von Haus aus – sagen wir einfach: gütig begegnen zu dürfen, wenn er sich auf seiner Linie in so und so viel schweren Lagen charaktervoll gehalten und bewährt hat –, dann geht mit dem allem eine Gewalt, ein Zauber von ihm aus, dann umgibt ihn auf Grund von dem allem eine Atmosphäre, vielleicht ein kleiner Mythus, von dem man sich wohl klarmachen kann, dass er mit dem, was der Mann nun eigentlich will und erstrebt in der Kirche, gar nichts zu tun hat, und der nun dennoch seinem Werk ein positives Vorzeichen gibt, Türen öffnet, Einflüsse und Wirkungen schafft, deren Tatsächlichkeit nur ein Narr bestreiten könnte. Wie viele Einwände, die man gegen eine Sache haben kann, lassen sich niederschlagen oder doch entkräften |94 durch die einfache Feststellung: Ja, mag sein, aber der Mann ist lauter, hat eine echte Dämonie, hat seine Verdienste, leuchtet unmittelbar ein! Wer will dann noch etwas sagen, wenn dem vielleicht wirklich so ist? Während umgekehrt eine Richtung, eine Idee, eine Bewegung, von der man zunächst wohl denken könnte, sie möchte besser oder doch mindestens ebenso gut und nötig sein wie andere, dadurch in einen merkwürdigen Schatten gestellt ist, dass die Typen, die dahinter stehen, einfach als Menschen so gar nicht eindrucksvoll, lockend und überzeugend wirken.
Was soll man dazu sagen? Sollte die entscheidende Voraussetzung kirchlicher Gestaltung nicht vielleicht
einfach darin bestehen, dass es gute Menschen sein müssen, die hier am
Werk sind? Empfängt nicht vielleicht jede Möglichkeit, die hier in
Betracht kommen mag, ihr Recht und den Segen Gottes kraft der
persönlichen Qualitäten ihrer Vertreter? Müsste also die Besinnung auf
die Voraussetzung kirchlicher Gestaltung nicht einfach in der Frage
und Sorge um diese unsere persönlichen Qualitäten bestehen? Wir erinnern
uns jetzt wieder jener ersten Voraussetzung kirchlicher Gestaltung: sie
muss im Gehorsam gegen den Willen und das Gebot Gottes geschehen. Wir erklärten dies: es gilt zu
wissen um die Notwendigkeit der Gnade
Gottes, es gilt zu bitten um sie, es gilt an sie zu glauben.
Wie soll das alles geschehen, als indem wir «jagen nach der Heiligung,
ohne welche wird niemand den Herrn sehen» (
Aber einige kritische Erwägungen können auch hier nicht unterdrückt
werden. Es fällt zunächst auf, dass Ernst, Tapferkeit,
Aufgeschlossenheit, Konzentration, Opferbereitschaft, Liebe, und alles,
was wir sonst als christliche
Tugenden, als «Früchte des Geistes» [
IV.
Wir haben im Bisherigen von den allgemeinen Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung zu reden
versucht: von der umfassenden und entscheidenden Voraussetzung des
Gehorsams, von den geschichtlichen und moralisch-psychologischen
Voraussetzungen. Es bleiben uns nun noch übrig die spezifisch
theologischen Voraussetzungen. Wer Ohren hatte zu hören [vgl.
Wir meinen, wenn wir nun zuletzt auch noch die theologischen Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung als solche und für sich zur Sprache bringen, eine dritte relative Instanz, die in besonderer Weise zu berücksichtigen ist, wo immer es um kirchliche Gestaltung geht. Eine dritte relative Instanz, sage ich ausdrücklich. Sie steht also gewissermaßen in einer Linie mit den beiden vorher genannten. Wir dürfen nicht erwarten, nunmehr von Dingen zu hören, denen wir im Unterschied zu vorhin ein letztes, ein unbedingtes Vertrauen schenken können. Auch Theologie geschieht auf Erden und nicht im Himmel. Sie ist auch nicht Gottes Offenbarung auf Erden oder deren vollmächtige Vertretung. Auch sie ist Menschenwerk, kein Ersatz für Gottes Wort und Geist, nicht identisch mit dem Gehorsam gegen Gottes Gebot als der Grundvoraussetzung kirchlicher Gestaltung. Auch sie zielt gleichsam nur nach dieser letzten Voraussetzung. Man darf also von der Theologie nicht zu viel erwarten. Man darf in ihrem Namen kein Papsttum aufrichten in der Kirche. Man hat sie aber an ihrem Ort, in ihrem Wesen und in ihrer besonderen Würde zu respektieren, und es geschieht im Einzelnen und im Ganzen nie ungestraft, wenn das unterlassen wird.67
Es versteht sich ja nicht von selbst, dass es ein solches Zielen nach der letzten Voraussetzung kirchlicher Gestaltung gibt, eine Ausrichtung nach jener primären Instanz, die nun allerdings unser volles unbedingtes Ver251trauen verdient und in Anspruch nimmt. Können wir diese primäre Instanz auch nur bedenken (aber immerhin bedenken!) und uns damit positiv und negativ orientieren hinsichtlich der sekundären, der geschichtlichen und der psychologischen Instanzen, so bedeutet schon das das Bestehen einer höchst besonderen Beziehung, der sich alle kirchliche Gestaltungsarbeit verhaftet weiß. Diese Beziehung als solche ist der Gegenstand der eigentümlich theologischen Voraussetzung. Die Theologie weist darauf hin, dass es unter |102 allen geschichtlichen und psychologischen Bedingungen und zugleich auch jenseits aller dieser Bedingungen Gottes freie Gnade ist, die in Sachen der kirchlichen Gestaltung nun wirklich zu entscheiden hat. Sie erinnert also die Kirche daran, dass ihre Gestaltung nicht Sache ihrer Willkür, sondern Sache einer ihr gegebenen, von ihr immer neu zu erkennenden und anzuerkennenden Ordnung ist.68 Und sie erinnert sie an die Wege, die zu dieser Erkenntnis und Anerkennung führen. Sie erinnert sie – was alle Geschichtsprophetie und was alle moralische Bemühung an sich nicht tun – an die Wahrheit, die ihre Gestaltung beherrschen muss, wenn sie kirchliche Gestaltung sein soll.69 Das ist der umschränkte, aber unentbehrliche Dienst, den die Theologie der Kirche leisten kann. Indem sie ihn ausübt, entsteht eine dritte, besondere Gruppe von Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung. Dass hier eine besondere Funktion eingreift, dass hier besondere Voraussetzungen sichtbar werden, das ist darin begründet, dass sowohl das Bestehen wie die Erkenntnis jener primären Instanz, die die Kirche letztlich möglich und wirklich macht – mit anderen Worten: sowohl die Offenbarung der Wahrheit wie unsere Teilnahme an ihr – keine Selbstverständlichkeiten, sondern Gottes freies Geschenk sind.70 Man kann die notwendige Existenz der Theologie insofern ein |103 kleines Zeichen dafür nennen, dass die Gnade Gnade ist! Dass dem so ist, das will wahrlich immer wieder besonders bedacht sein. Möchte die Theologie nur davor bewahrt bleiben, mit der Gnade nun doch wieder wie mit einem Stück Natur umzugehen! Es gibt keine Wissenschaft, der so wie der Theologie durch ihren Gegenstand von Haus aus Bescheidenheit nahegelegt und zugemutet wäre.
Die Theologie erinnert die Kirche, sagten wir. Ich
möchte darunter vor allem dies verstehen, dass die Theologie die Kirche an sich selbst, an
die Kirche erinnert. Sie erinnert den einzelnen
Pfarrer und seine Gemeinde daran, dass sie nicht ein beliebiger Verein mit beliebigen Tendenzen und
Instituten, sondern nun eben christliche
Kirche sind. Sie erinnert die 252
Kirche des einzelnen Landes daran, dass sie ihrer Nationalität nicht
etwa die Ehre einer zweiten
Offenbarungsquelle erweisen darf, dass auch sie, welches
Volkes oder Staates Namen sie auch trage, zuerst und entscheidend
«katholische» Kirche sein muss, um überhaupt Kirche zu sein. Sie erinnert die Kirche der besonderen Konfession daran, dass sie in dieser
ihrer Besonderheit nur das Bekenntnis der einen heiligen Kirche Jesu
Christi ablegen wollen kann und dass ihr also ihre Besonderheit als
solche beständig zur Mahnung werden muss, sich nach der Einheit des Bekenntnisses auszurichten.
Sie erinnert die Kirche der jeweiligen Gegenwart an die Apostolizität der Kirche, das heißt aber
daran, dass sie bei ihren Versuchen, sich in einer neuen Zeit neu zu
gestalten, steht und fällt mit ihrer Gründung auf das heute wie zur Zeit
der Väter maßgebende biblische Offenbarungszeugnis. – Die
Kirche ist bei ihren Versuchen, sich selbst zu gestalten, immer und
überall in der Gefahr, sich selbst zu verlieren, aufzuhören, kirchlich
zu sein. Dies geschieht dann, wenn sie, sei es aus Angst um ihre
Existenz, sei es aus dem Vorwitz, ihre Sache in eigenmächtiger Weise gut
machen zu wollen, darauf verfällt, neben der Stimme des guten Hirten
[vgl.
Sie erinnert die Kirche an sich selbst, indem sie sie an die Heilige Schrift erinnert, sagten wir eben. Wir kommen damit zu den beiden positiven Aufgaben der Theologie. Die erste ist die immer wieder aufzunehmende Aufgabe der Schriftauslegung. Die Kirche ist darin entscheidend Kirche, dass in ihr auf die Schrift gehört wird. Auch alle kirchliche Gestaltung kann nur das wollen und anstreben: dass es in der Kirche zu einem besseren 253 Hören auf die Schrift komme. Denn die Schrift als Zeugnis der Propheten und Apostel von Christus ist selbst die objektive Urgestalt der Kirche, die, wie wir sahen, zur Wiederholung kommen muss, wenn heute echte kirchliche Gestaltung Ereignis werden soll. Dieser Wiederholung hat die Theologie zu dienen, indem sie die Schrift auslegt. Auslegung heißt aber diejenige Arbeit an der Schrift, die sich darum müht, ihre Worte so aufzunehmen und wiederzugeben, dass sie als heute gesprochene Worte erkennbar werden. Eben darum ist diese Aufgabe nie erledigt, muss sie unter sorgfältiger, aber auch freier Berücksichtigung dessen, was die Väter in der Kirche erarbeitet und bekannt haben, immer wieder aufgenommen werden. Indem die Theologie die Schrift auslegt, weist sie hin auf jene Beziehung der Kirche zu der primären Voraussetzung ihrer Gestaltung. Sie weist ja eben damit auf Jesus Christus hin, der der Ursprung, die Mitte und der Gegenstand der Schrift ist. Sie weist jetzt also die Kirche über sich selber hinaus auf den Grund, aus dem sie geworden ist. Nur in diesem Sinne kann sie ja die Kirche auch an |105 sich selbst erinnern wollen. Und dass dies geschieht, das ist die zweite theologische Voraussetzung kirchlicher Gestaltung.
Sie erinnert die Kirche endlich, indem sie sie an sich selbst und an die Schrift erinnert, an Jesus Christus, also an ihren Herrn, der letztlich und eigentlich auch allein ihr Gestalter sein kann. Dies ist, über die bloße Auslegung hinausgehend, die zweite positive Aufgabe der Theologie: das Zeugnis. Denn hier muss ein Moment zur Geltung kommen, das in der bloßen Schriftauslegung als solcher noch nicht enthalten ist. Es muss allen Verwechslungen, Vermischungen und Eintragungen, allem plumpen oder feinen Zugriff gegenüber unermüdlich auf die so tröstliche, so befreiende, so erleuchtende Wahrheit hingewiesen werden, dass der Ursprung und Gegenstand der Heiligen Schrift: Jesus Christus selbst und er ganz allein Gottes Sohn und unser Versöhner und also Gottes uns zugewendete Offenbarung ist. Alle kirchliche Gestaltung muss sich also, soll sie echt sein, als ein Akt des monarchisch-königlichen Amtes Jesu Christi, als ein Regimentsakt dessen verstehen lassen, von dem das Glaubensbekenntnis sagt: resurrexit tertia die, ascendit ad coelos, sedet ad dexteram Dei patris omnipotentis.72 Theologie als Zeugnis besteht in der bei dem Werk kirchlicher Gestaltung jederzeit aktuellen Hervorhebung der Selbständigkeit und Einzigkeit Jesu Christi sowohl gegenüber den fremden, humanen Inhalten, die immer wieder unter seinem Namen sich verbergen wollen, 254 als auch gegenüber den anderen Namen, die neben dem seinen als auch göttlich und heilvoll zur Geltung kommen wollen. Hier hat der Wächterdienst der Theologie, von dem zuerst die Rede war, seinen Grund und Ursprung. Hier stehen wir aber auch vor dem Sinn und Nerv ihrer Aufgabe als Schriftauslegung. Dass jene Hervorhebung unermüdlich geschehe, dies ist die dritte theologische Voraussetzung kirchlicher Gestaltung.
Es bleibt uns über diese theologischen Voraussetzungen noch Folgendes zu sagen:
1. Sie wollen gepflegt, das heißt, sie wollen in ihrer
Bedeutung für alle kirchliche Gestaltung lebendig erhalten bleiben. Ist
Theologie Menschenwerk wie
irgendein anderes, so ist damit jedenfalls auch gesagt: sie ist eine
Arbeit, die wie jede andere getan sein will. Wohl |106 steht und leuchtet die
Wahrheit, auf die sich die
Theologie bezieht, ohne unsere Bemühung. Erkenntnis der Wahrheit aber
ist nicht ohne unsere Bemühung zu haben. Und diese Bemühung kann nicht
die Sonderleistung irgendwelcher Beauftragten, sie muss grundsätzlich
die Bemühung eines Jeden sein, der in Sachen der kirchlichen Gestaltung verantwortlich
mitarbeitet. «Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen» [
2. Die theologischen Voraussetzungen wollen in der kirchlichen Gestaltung zur Geltung kommen. Theologie ist kein Luxusartikel,73 sondern eine Sache, die, wie wir sahen, auf der gleichen Ebene mit den nötigen geschichtlichen und psychologischen Erwägungen nüchtern zur Sprache und zur Anwendung gebracht werden muss. Es ist ein unmöglicher Zustand, wenn man der Theologie an Synoden und kirchlichen Konferenzen vielleicht in Form einer Morgenandacht eine kleine Reverenz erweisen, dann aber über sie hinweg und an ihr vorbei zur eigentlichen Sache, nämlich zur Kirchenpolitik, zu Organisations- und Verwaltungsfragen usw. übergehen zu können meint.74 |107 Es ist ein unmöglicher Zustand, wenn das Geltendmachen theologischer Gesichtspunkte bei der Verhandlung kirchlicher Gestaltungsfragen als eine Verlegenheit, eine Störung, als eine Art faux pas oder auch als eine private Streitangelegenheit der dafür besonders Interessierten erscheinen kann. Es ist ein unmöglicher Zustand, wenn die 255 Prädestination zum kirchlichen Führer weithin gerade durch die Abwesenheit allen theologischen Wollens und Vollbringens gegeben scheint. Man kann im Voraus sagen, dass die Sachen unter diesen Umständen unfruchtbar ausgehen werden. Die lächerliche Diffamierung der Theologie als einer bloß intellektuellen Angelegenheit sollte, nachdem sie im deutschen Kirchenstreit als ein Hauptargument der Deutschen Christen noch einmal ihre Rolle gespielt hat,75 eben damit für die ganze übrige Welt erledigt sein.
3. Die theologischen Voraussetzungen kirchlicher Gestaltung müssen gegenüber den geschichtlichen und psychologischen den Primat – keinen absoluten, aber einen relativen Primat haben. Es darf bei allen an der kirchlichen Gestaltung Beteiligten kein Zweifel darüber bestehen, dass die geschichtlichen und psychologischen Bedingungen bei dieser Gestaltung zwar beständig in Rechnung zu ziehen, aber eben vom theologischen Standort aus in Rechnung zu ziehen sind. Sie können nicht ihrerseits zu Standorten, zu Prinzipien, zu Dogmen oder Axiomen werden. Was soll man dazu sagen, wenn mir ein sehr intensiv arbeitender kirchlicher Gestalter neulich sehr feierlich erklären konnte, das gegenwärtige Hauptproblem der schweizerischen Kirche bestehe in der ungenügenden Teilnahme der Männerwelt am Sonntagsgottesdienst?!76 Zu Problemen dieser Art ist vor allem andern zu sagen, dass sie um ihrer selbst willen niemals kirchliche Hauptprobleme werden dürfen. Einer um die Abwesenheit der Männer ernstlich besorgten Kirche werden sich diese auf alle Fälle nicht |108 mehr als bisher zuwenden. Und man wird dann diesen Männern nur Recht geben können. Kann ein Schaden dieser Art – und dass hier ein Schaden vorliegt, soll nicht bestritten werden – gutgemacht werden, dann auf alle Fälle nur durch eine Kirche, die Männlichkeit genug hat, dies ihre eine wirklich ernstliche Sorge sein zu lassen, Kirche des Wortes Gottes zu sein, das heißt aber eine Kirche, die immer zuerst in theologischen und dann, und diesen untergeordnet, in den in Betracht kommenden sonstigen Kategorien denkt und redet.
4. Wir kehren zum Anfang zurück und wir unterstreichen noch einmal das
über die Relativität auch der theologischen
Voraussetzungen Gesagte. Auch sie sind Menschenwerk. Sie
können ihren Gegenstand, die freie Gnade
Gottes in Jesus Christus, sie können das Geheimnis des Gehorsams, das Geheimnis jenes Wissens,
Betens und Glaubens nicht ersetzen. Es bleibt auch
ihnen gegenüber wahr: «Die Liebe höret nimmer auf, so doch die
Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören 256 werden und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen
ist Stückwerk und unser Weissagen ist Stückwerk» (