Die Kirche und die Kirchen
DIE KIRCHE UND DIE KIRCHEN
Die Vorgeschichte dieses Vortrags ist eng verbunden mit den nach
Eines der konkreteren Angebote entwickelte sich aus der von
5 Zu einer ersten konkreten Absprache über
Im Juni 1935 bestätigte Keller in einem Schreiben an die Dozenten des
6
Das
Barths Vortrag, dessen Ablehnung einer oberflächlichen Ökumene ohne theologische Fundierung
seinen Ausführungen zur «Möglichkeit einer Bekenntnis-Union» vom Februar
193521 nahestand, rief bei Keller spontan Kritik hervor, wie Ch. von Kirschbaum am 23. Juli
vermerkte: «Keller kommt vorbei u[nd] trinkt hier Kaffee mit, erregt |7
über
Obgleich Barth mit dem Verlauf der Genfer Tagung nicht unzufrieden war, konnte sie seine
Skepsis gegenüber den Zielen und dem Vorgehen innerhalb der Ökumenischen Bewegung nicht beseitigen.
Schon die Art der Eröffnung erregte seinen Unwillen; dass man dort das
von ihm schon im Februar an anderer Stelle deutlich kritisierte Lied
«Herz und Herz vereint zusammen» singen ließ, dürfte nicht wenig dazu
beigetragen haben.26 Seiner Frau
Der Vortrag, zu dem Vorarbeiten nicht erhalten sind, wurde zuerst
veröffentlicht in:
Die hier wiedergegebenen vier Vorlesungen wurden im Juli
1935 im
Der Anlass darf benützt werden, die Vielen meines Dankes und meines Gedenkens zu versichern, deren Zuschriften mich in diesen Monaten erfreut haben, ohne dass ich einem Jeden persönlich antworten konnte. Es gibt auch auf Erden Dinge, denen eine heitere Unzerstörbarkeit eigen ist, und so auch Fenster und Türen, die unter allen Umständen offen bleiben werden. Vivit, das heißt: Er lebt!
Im August 1935.30
Ein Wiederabdruck, nach dem sich die angegebene Originalpaginierung
richtet, erfolgte in Th.Fr.u.A., S. 214–232.
Die Kirche und die Kirchen
«Die Kirche und die Kirchen» lautet unser Thema. Sein Sinn ist offenbar die angesichts der Vielheit der Kirchen gestellte Frage nach der Einheit der Kirche.32
10 Es gibt eine Reihe von Anliegen, die uns zu dieser Frage bewegen können. Ich brauche sie bloß anzudeuten.
Wir denken daran, dass die Kirche in hunderten von asiatischen und afrikanischen Missionsfeldern in harter Auseinandersetzung steht mit den überlieferten höheren und niederen Religionen der sogenannten «heidnischen» Völker. Aber wo und wer und was ist die Kirche? Welche Zersplitterung der geistigen und materiellen Kräfte der Mission bedeutet es, dass es nicht eine Kirche, sondern viele Kirchen gibt,33 und welche Erschwerung des Hörens ihrer Botschaft, welche Verwirrung ihrer oberflächlichen und welche Belastung ihrer ernsthaften Hörer, dass diese Kirchen vielfach im Streit gegeneinander stehen!
Wir denken aber weiter daran, dass die Kirche heute auch in ihren schon
seit tausend und mehr Jahren missionierten sogenannten Heimatgebieten
konfrontiert ist mit so und so viel neu entstandenen und noch
entstehenden Religionen – Religionen,
die den alten Heidentümern an Leucht-
und Schlagkraft gerade darum überlegen sind, weil sie meistens als
verkappte Religionen: verkappt als
moralische, ästhetische, sanitarische, politisch-soziale
Heilsunternehmungen auftreten und nur gelegentlich (nur in ihren
törichteren oder unvorsichtigeren Vertretern!) ihre religiösen Dämonien offen sichtbar
machen.34 |11 Die Kirche, deren Gegenwirkung hier offenbar in besonders
umsichtiger und kräftiger Weise stattfinden müsste, ist nicht in der
Lage, ihnen gegenüber eindeutig zu sagen, was sie ist und will und dass
und inwiefern sie sich von ihnen unterscheidet. Sie ist – wir haben es
in diesen Jahren in
Es steht uns weiter vor Augen, dass die Kirche heute wie zu allen Zeiten die Aufgabe hat, sich selbst in ihrer Menschlichkeit: ihre Lehre, ihre Ordnung, ihr Leben zu beugen und unterzuordnen unter ihre christliche und göttliche Norm, also Selbstkritik zu üben, sich zu reinigen von dem, was ihr, gemessen an ihrem Ursprung und eigentlichen Sein, fremd ist und unzuträglich sein muss, sich zurückzuwenden zu diesem ihrem Ursprung und eigentlichen Sein, sich neu an ihm zu orientieren, sich von ihm her reformieren, neu gestalten zu lassen.36 |12 Aber gerade dazu müsste sie einen einheitlichen Willen und Weg haben. Hat sie ihn nicht, dann bedeutet jede Anstrengung in dieser Richtung notwendig eine Fortsetzung und Verschärfung des Streites zwischen den verschiedenen Kirchen. Und wer kann sagen, ob dieser Streit der beabsichtigten Reinigung und Reformation nun wirklich dienen wird?
Und nun denken wir endlich an das, was die Kirche für ihre eigenen
Glieder, für die in ihr durch die Taufe, durch das Wort Gottes,
durch das Abendmahl versammelten
Menschen ist und bedeuten soll: «die Kirche des lebendigen Gottes, Säule
und Grundfeste der Wahrheit» (
Dies etwa sind die Anliegen, die uns heute nach der Einheit der Kirche fragen lassen.
Wir beeilen uns aber festzustellen, dass alle diese Anliegen doch
nur sekundär sind gegenüber einer anderen Instanz, die uns zu dieser Frage
216 drängt und die schließlich allein die
Macht hat, uns wirklich zwingend zu dieser Frage zu drängen. Ich meine
den allein gebieterischen und verbindlichen Auftrag, von dem her die Kirche ihre Existenz hat und der
durchaus auch jeden Einzelnen angeht, der die Sache der Kirche in
verantwortlicher Weise als seine eigene Sache erkannt hat. Dieser
Auftrag ist damit gegeben, dass Gottes eines ewiges Wort ein für allemal und gültig für alle Menschen in
der Weise gesprochen worden ist, dass es Mensch wurde: der Mensch Jesus Christus, in welchem die
Sünde aller Menschen, ihr
Widerspruch gegen Gott, aber damit auch ihr Widerspruch in sich selbst
und untereinander getötet, hinweggetragen, vergeben ist und also keine
Existenz mehr hat. Die Wirklichkeit dieses Geschehens zu verkündigen und
zum Gehorsam des Glaubens daran
aufzurufen – das ist der Auftrag, von dem her die Kirche ihre Existenz
hat. Sie lebt also kein eigenes Leben. Sie lebt als der Leib, an dem der
gekreuzigte und auferstandene Christus das Haupt ist [vgl.
In diesem Auftrag ist nämlich eine Vielheit
von Kirchen nicht vorgesehen. Das Neue Testament kennt wohl eine Vielheit von Gemeinden, eine
Vielheit von Gaben und eine Vielheit von Personen in
der einen Kirche [vgl.
Was heißt aber: nach der einen Kirche fragen? Um den Zauber des Begriffs
der numerischen Einheit und Einzigkeit kann es dabei gewiss nicht gehen
und auch nicht um das moralisch-soziologische Ideal der Einheitlichkeit,
Einmütigkeit und Eintracht. Wohl aber um den zwingenden Inhalt der
Erkenntnis, dass der Herr, der Glaube,
die Taufe, Gott Eines, ein Einziges
sind über Allen, für Alle, in Allen ([vgl.]
16 Die Frage nach der Einheit der Kirche muss identisch sein mit der Frage
nach Jesus Christus als dem konkreten Haupt und Herrn der Kirche. Die Wohltat der
Einheit ist nicht zu trennen von dem Wohltäter, in welchem sie
ursprünglich und eigentlich wirklich ist, durch dessen Wort und Geist
sie uns offenbar wird, im Glauben an den sie auch allein unter uns
Realität sein kann. Nochmals: Jesus Christus als der eine Mittler zwischen Gott und Menschen [vgl.
Wir werden uns also auf der ganzen Linie zu hüten haben, dass wir bei
jenen uns heute bewegenden Anliegen nicht etwa an Christus vorbei
fragen. Wir könnten allenfalls und an sich alle jene Anliegen, wie
berechtigt und dringend sie auch sein mögen, auch außer Acht lassen. Wir
müssen uns sogar klarmachen, dass sie an sich wohlgemeinte, aber
menschliche Wünsche sind, über deren Berechtigung wir keine letzte
Gewissheit und auf deren Erfüllung wir keinen letzten Anspruch haben.
Wer ihnen gegenüber nicht auch eine gewisse heilige Gleichgültigkeit
aufbringt, der ist nicht geschickt zum Fragen nach der Einheit der Kirche. Wir können aber den
an uns gerichteten Anspruch Jesu Christi nicht außer Acht lassen. Hören
wir die Stimme des guten Hirten [vgl.
Man soll die Vielheit der Kirchen nicht erklären wollen als ein notwendiges Merkmal der sichtbaren, empirischen, im Gegensatz zu der unsichtbaren, idealen, wesentlichen Kirche.43 Man soll das darum nicht tun, weil diese ganze Unterscheidung dem Neuen Testament fremd, weil die Kirche Jesu Christi nach dem Neuen Testament auch |18 in dieser Hinsicht nur eine ist: unsichtbar nach der Gnade des Wortes Gottes und des Heiligen Geistes, durch das sie und ihre Glieder als solche begründet, getragen, regiert und erhalten sind, aber zeichenhaft sichtbar in der Menge der sich zu ihr 219 Bekennenden, sichtbar als Gemeinde und gemeindliches Amt, sichtbar als Dienst am Wort und Sakrament. Wir können es immer nur glauben, dass da Kirche ist, wo solches ist und geschieht.44 Wir können aber nur anhand solchen zeichenhaften Seins und Geschehens glauben, dass Kirche ist. Es gibt keine Flucht von der sichtbaren zur unsichtbaren Kirche.45 Wir können also die Frage nach der Einheit der Kirche nicht damit zum Schweigen bringen, dass wir auf die Einheit der unsichtbaren oder wesentlichen Kirche verweisen. Liegt hier eine Frage vor – und sie liegt vor –, dann trifft sie mit der empirischen unmittelbar auch die wesentliche Kirche. Nur wenn wir platonisch spekulieren wollten,46 statt auf Christus zu hören, könnten wir das leugnen.
Man soll die Vielheit der Kirchen aber auch nicht erklären wollen als eine von Gott gewollte und also normale Entfaltung des Reichtums der in Jesus Christus der Menschheit geschenkten Gnade.47 Woher wissen wir denn, dass dem so ist? Wo stellen wir uns denn hin, wenn wir in der bekannten Weise der römischen, der griechischen, der lutherischen, der reformierten, der anglikanischen und einigen andern Kirchen ihre besonderen Kräfte und Funktionen innerhalb eines angeblichen Gesamtorganismus zusprechen? Auch dabei treibt man, |19 wie schön sich die Sache immer anhören mag, Geschichts- und Gesellschaftsphilosophie und keine Theologie, das heißt man produziert, um die Frage nach der Einheit der Kirche loszuwerden, seine eigenen Ideen, statt der von Christus gestellten Frage standzuhalten und auf Christi eigene Antwort zu hören. Täten wir das, dann wüssten wir, dass man Maria Einsiedeln48 und das alte Wittenberg oder Genf, die römische Messe und das evangelische Abendmahl, die griechische Bilderwand49 und die evangelische Kanzel, den Polytheismus der «Deutschen Christen» und derer, die sachlich faktisch zu ihnen gehören, und das evangelische Verständnis des ersten Gebotes50 nimmermehr und unmöglich als verschiedene Zweige an einem und demselben Baum verstehen und synthetisch vergleichen und würdigen kann. Hier und an so viel anderen Stellen, an denen die Vielheit der Kirchen sichtbar wird, kann, wenn wir auf Christus hören, so oder so nur Entscheidung und Wahl stattfinden. Wenn wir auf Christus hören, können wir nicht dies glauben und jenes auch für christlich halten, existieren wir nicht oberhalb der die Kirchen trennenden Unterschiede, sondern in ihnen. In jenem Oberhalb existierenb tatsächlich immer nur die, die als Gottes und ihre eigenen Zuschauer51 letztlich lieber auf sich selbst hörenc.
220 20 Man soll die Vielheit der Kirchen
überhaupt nicht erklären wollen. Man soll mit ihr umgehen, wie man mit
der eigenen und fremden Sünde umgeht.
Man soll sie anerkennen als Faktum. Man soll sie als zwischenhinein
gekommenes Unmögliches [vgl.
Oder sollte es eine Möglichkeit geben, mit der Vielheit der Kirchen anders umzugehen als so, wie man mit
der eigenen und fremden Sünde umgeht?
Ist Christus wirklich, wie wir sahen, die Einheit der Kirche, dann kann
es offenbar normalerweise nur jene Vielheit in der
Kirche, die Vielheit der Gemeinden
hier und dort,52 die Vielheit der Gaben des Heiligen
Geistes, die Vielheit der Glaubenden aus allerlei Geschlecht,
Sprache und Volkstum, dann kann es also keine Vielheit von Kirchen
geben. Es ist dann ganz unmöglich, dass zu diesen in der Einheit |21
begründeten Vielheiten hinzutritt die die Einheit zerreißende Vielheit
von Kirchen. Es ist dann unmöglich, dass ganze große Gruppen von
Gemeinden einander in der Weise gegenüberstehen, dass ihre Lehre, ihr
Glaubensbekenntnis sich gegenseitig
widerspricht: dass hier Offenbarung
heißt, was dort Irrtum genannt wird, hier Häresie, was dort als Dogma verehrt wird, dass die Ordnungen der einen von der
anderen als fremd, unannehmbar, ja verwerflich bezeichnet werden müssen,
dass die Angehörigen der einen mit denen der anderen wohl in allen
möglichen andern Dingen einig gehen, aber gerade nicht gemeinsam beten, das Wort
Gottes verkündigen und hören, das Abendmahl feiern können. Es ist dann
unmöglich, dass man von hüben nach drüben und von drüben nach hüben
leise oder ausdrücklich, in offener Härte oder in schonender
Freundlichkeit zueinander sagen muss: Ihr habt einen andern Geist als
wir!53 Eben das ist aber die Wirklichkeit der Vielheit der Kirchen. Und
diese Wirklichkeit ist nicht wegzublasen, am 221
allerwenigsten mit moralischen Adhortationen zur Liebe, zur Duldsamkeit,
zur Verträglichkeit.54 Möge man mit solchem Zuspruch auf allen möglichen Gebieten
kommen und etwas ausrichten! Zwischen den Kirchen ist auf diese Weise
nur dann zu vermitteln, wenn sie nicht mehr lebendig sind. Sind sie
lebendig, hören wir auf |22 Christus, dann meinen wir nicht nur, nein, dann
glauben wir gegenüber der Lehre, der Ordnung, dem Leben der andern Kirchen in bestimmten
entscheidenden Punkten mit mehr oder weniger Nachdruck Nein sagen und
also Grenzen zu ziehen und also die Vielheit der Kirchen bestätigen zu
müssen.55 Wir sagten es schon: Gottes
Wahrheit in Jesus Christus macht immer wieder Entscheidung und Wahl nötig, und so
scheiden sich die Geister – wo es mit rechten Dingen zugeht, sicher nie
mutwillig, nie ohne Schmerz, aber auch ohne Zimperlichkeit, ohne Scheu
vor dem Vorwurf der Beschränktheit und Lieblosigkeit, ohne denen Gehör
zu schenken, die Friede, Friede! rufen, da kein Friede ist [
Wohl mögen wir uns jetzt dessen erinnern, dass die Kirche die Existenzform des Reiches Christi in der Zeit zwischen seiner Himmelfahrt und seiner Wiederkunft ist, in der Zeit also, in der er den Seinen nicht mehr so gegenwärtig ist wie seinen Jüngern und Aposteln in den 40 Tagen nach Ostern und noch nicht so, wie er es sein wird in der enthüllten und insofern vollendeten Herrlichkeit seines Reiches. Aber eben die Unfertigkeit, die Last und Not dieser Zeit wird offenbar in der Vielheit der Kirchen, wie sie ja auch offenbar wird in der angeborenen und täglichen Sünde auch der Glaubenden, auch der Glieder am Leibe Christi.56 Und wir können diese Unfertigkeit um |23 nichts weniger ernst nehmen, um nichts weniger im Zusammenhang eben mit der Sünde sehen und entsprechend behandeln, weil wir in der Hoffnung – aber eben doch nur in der Hoffnung bereits darüber hinwegsehen.
Und wohl mögen wir uns jetzt auch dessen erinnern, dass es gegenüber der
erschreckenden Vielheit der Kirchen an
Zeichen ihrer Einheit nicht ganz
fehlt. Es gibt – wir werden offen bleiben müssen, das zu anerkennen, und
bereit, dafür dankbar zu sein – es gibt Übereinstimmungen zwischen allen
Kirchen, Übereinstimmungen, die manchmal gerade zwischen den 222 sich am fernsten stehenden und am ernstesten
gegeneinander streitenden Kirchen vorübergehend merkwürdig hell zum
Leuchten kommen können.57 Mögen die Trennungen dann alsbald auch hinter ihnen grausam
genug wieder sichtbar werden, wir werden sie doch nicht aus den Augen
verlieren und nie einfach geringschätzen dürfen. Nur dass uns auch diese
Übereinstimmungen – mehr als Zeichen können sie ja offenbar an sich
nicht werden – die Not selbst, das notwendig verschiedene Glauben,
Lieben und Hoffen [vgl.
24 Wohl mögen wir uns endlich dessen erinnern, was auch im härtesten Streit der Kirchen untereinander fast nie verkannt und bestritten worden ist: es gibt Erwählte Gottes, wahre Christen und insofern eine sichtbare, wenn auch zerstreute Gestalt der Einheit der Kirche in allen Kirchen. Aber was wird darüber aus den Anderen? Was aus den Kirchen als solchen? Sollen wir diese nach dem Urteil der Spiritualisten aller Zeiten für verloren ansehen? Und sehen wir sie nicht als verloren an, was sagen wir dann dazu, dass jene wahren Christen für die Getrenntheit der Kirchen als solche offenbar nichts zu bedeuten haben?
Es wird gut sein, wenn wir vor dieser Not als solcher stehenbleiben als vor einem Rätsel, zu dessen Erklärung wir tatsächlich keine Theorie zur Verfügung haben. Könnten wir die Vielheit der Kirchen ableiten aus einer Einheit als aus ihrem Prinzip, könnten wir die Wahrheit der ecclesia sancta catholica, der communio sanctorum sozusagen entfalten, etwa nach dem Schema von Thesis, Antithesis und Synthesis, um dann einzusehen, dass es das Nebeneinander und Gegeneinander von Rom und Byzanz, Wittenberg und Genf, Episkopalismus und Presbyterianismus, reformatorischem und modernistischem Protestantismus58 und alle die andern Gegensätze geben musste und geben muss, dann wäre hier keine wirkliche Not. Hier ist aber wirkliche Not. Not, zu der wir praktisch Stellung nehmen müssen und nur praktisch Stellung nehmen können. Und das erste und das letzte Wort dieser Stellungnahme wird das Gebet um Vergebung und Heiligung sein müssen, gerichtet an den Herrn der Kirche. Die Vielheit der Kirchen bedeutet ja offenbar unser Versagen vor ihm. Wir können nicht auf ihn hören, ohne uns zu entscheiden, ohne zu wählen, zu bekennen. Aber wir können eben das nicht tun, ohne uns zu trennen und damit nun doch wieder in Widerspruch zu ihm zu geraten. Wer sind wir, was |25 ist seine Kirche, wenn wir gerade ihm gegenüber so dran sind? Es wird wohl am besten 223 sein, wenn wir darauf gar keine Antwort geben als die, dass wir die sind, dass die Kirche die Versammlung derer ist, die wissen, dass sie versagen, aber dem gegenüber versagen, der auch ihr Heiland und der als ihr Herr größer ist als sie.
Wenn Jesus Christus die Einheit der Kirche und wenn die Vielheit der Kirchen unsere eigene Not ist, dann gibt es kein Ausweichen vor der Tatsache, dass die Einigung der Kirchen zur Kirche eine Aufgabe, und zwar eine vom Herrn der Kirche gestellte Aufgabe, ein Gebot ist. Wir haben damit nicht gesagt, dass wir dieses Gebot erfüllen können und werden. Und erst recht haben wir damit nicht gesagt, dass alles das, oder dieses und jenes von dem, was in der Richtung einer Einigung der Kirchen versucht worden ist und noch versucht wird, auch nur teilweise und annähernd als Erfüllung dieses Gebotes zu werten sei. Wir werden uns vielmehr vor Augen zu halten haben, dass die Erfüllung des Gebotes ganz und ausschließlich das Werk des Gebieters Jesus Christus selbst, dass die Kirche in ihm ein für allemal und aller Vielheit der Kirchen zum Trotz schon geeinigt ist und nicht erst durch unser Wollen, Können und Bemühen geeinigt werden muss.59 Dennoch, gerade im Glauben an Jesus Christus ist uns die Aufgabe dieser Einigung zweifellos gestellt, und es gibt – nicht in der Kraft unseres christlichen Werkes, aber im Glauben an Jesus Christus sogar eine Teilnahme an ihrer Erfüllung. Wir können uns ja unsere Rechtfertigung auf Grund der allein in Christus vollbrachten Gerechtigkeit nicht zusagen lassen, ohne sein Gebot zu hören, ohne dass uns eben mit dieser Zusage gesagt wird: wir sind durch ihn und also für die Einheit der Kirche in |26 Anspruch genommen; unser Tun, wie fremd es dem seinigen an sich sein mag, ist, da wir nicht mehr uns selbst, sondern ihm gehören,60 bestimmt als ein kircheneinigendes Tun.
Aber was heißt Einigung der Kirchen? Was heißt Union? War etwa die bewusste Aufgabe schon damit erkannt und in Angriff genommen, dass die verschiedenen Kirchen sich seit dem 18. Jahrhundert wenigstens die Idee der gegenseitigen bürgerlichen Toleranz zu eigen gemacht haben?61 Wir können und wollen das und die Vorzüge und Wohltaten der seitherigen Entwicklungen gewiss nicht in Abrede stellen. Wir können aber auch die starken Bedenken nicht unterdrücken, die sich gegen diese Form der Einigung erheben. Der Ursprung der Toleranzidee liegt in politisch-philo224sophischen Erkenntnissen, die dem Evangelium nicht nur fremd, sondern entgegengesetzt sind.62 |27 Ihr Sieg in den verschiedenen Kirchen war ein Dokument der inneren Schwäche, nicht der inneren Stärke dieser Kirchen.63 Unter ihren Wirkungen ist jedenfalls auch die nicht zu übersehen, dass die Kirchen ihren Charakter und damit ihre Bedeutung im Leben der Völker immer noch mehr eingebüßt haben. Und in dem Maß, als die Kirchen sich zu Zeiten wieder aufrafften zur Selbstbesinnung und zum Bekenntnis, zeigte es sich, dass die alten Trennungen durch alle Toleranz nicht angerührt, geschweige denn beseitigt waren.64
Ähnliches ist wohl zu sagen von den heute wohl längst in allen Ländern bestehenden Bünden und Allianzen, sei es zwischen den verschiedenen Kirchen als solchen, sei es zwischen den hüben und drüben zu gleichen Zwecken, etwa zu denen der äußern und innern Mission bestehenden besonderen Arbeitsgemeinschaften.65 Ist es das |28 Wesentliche hüben und drüben, in dem man sich da gefunden und sogar zusammengeschlossen hat? Offenbar nicht, denn sonst hätte man sich doch gleich noch ganz anders finden und zusammenschließen müssen. Ist es aber das Unwesentliche, ist es vielleicht überhaupt nur das der Kirche mit allen andern menschlichen Gesellschaften und Unternehmungen Gemeinsame, ist es vielleicht nur ein höheres humanitäres Bedürfnis und Streben, was zu solchen Begegnungen und Vereinigungen führt, was können sie dann für die wirkliche Einigung der Kirche leisten? Ist es für die Tatsache, dass ein bloßer Bund mit wirklicher kirchlicher Einigung an sich noch gar nichts zu tun hat, nicht symptomatisch, dass es auch bei einem so starken und bewegten Zusammenschluss wie dem, der in diesen Jahren auf den Bekenntnissynoden zwischen den Lutheranern und Reformierten in Deutschland stattgefunden hat,66 zu gemeinsamen Abendmahlsfeiern bis jetzt nicht gekommen ist,67 vielmehr, wenigstens auf der lutherischen Seite, zu einem neuen, wenn auch vielleicht nicht durchweg echten Erwachen des kirchlichen Sonderbewusstseins?68
Wird auch von der sogenannten ökumenischen
Bewegung, in deren Raum wir ja hier miteinander reden,
Entsprechendes zu sagen |29 sein? Ich denke: umso weniger, je umsichtiger
und bescheidener sie sich ihre Ziele stecken, je weniger sie sich mit
allerlei Hallelujah umgeben wird, wie es im Zeitalter der Toleranz sowohl wie im Zeitalter der
Kirchenbünde oft allzu früh geschehen ist. Sich als Andersgläubige
gerade in dem, was beiderseits wesentlich ist, gegenseitig kennen, auf
das Wesentliche anderer Kir225chen ehrlich hören
zu lernen, mit bewussten und entschlossenen Vertretern anderer Kirchen
zusammen nach dem Einen fragen, das nach dem beiderseitigen Anspruch mit
dem so Verschiedenen gemeint ist, das war, schon wenn es von Mann zu
Mann versucht wurde, immer eine gute und verheißungsvolle Sache, und
warum sollte dieses Programm nun nicht auch im großen oder doch größeren
Maßstab ehrlich in Angriff genommen werden? Aber was wird das Ergebnis
sein? Es kann noch immer entweder bloß darin bestehen, dass einige
interessante, aber unverbindliche religions- und
konfessionsgeschichtliche Feststellungen gemacht werden.69 Oder aber darin, dass die verschiedenen Kirchen, nachdem sie
sich gegenseitig gründlicher als bis dahin kennengelernt haben, sich nun
erst recht ihrer Eigenart und notwendigen Separation bewusst werden. Die
Einigung der Kirchen ist eine zu
große Sache, als dass sie das Ergebnis einer Bewegung – und wäre es eine noch so klug und umsichtig
geleitete Bewegung, sein könnte.70 Förmliche Beschlüsse und |30 Kundgebungen seitens der verschiedenen
Organe der ökumenischen Bewegung
dürften jedenfalls eine Vorwegnahme dieses Ergebnisses sein und schon
darum der kirchlichen Substanz entbehren, deren sie bedürften, um in den
verschiedenen Kirchen nun wirklich
mit der Autorität der Stimme der einen
Kirche und nicht bloß als brave humanitäre Resolutionen, wie
sie auch eine Kommission des
Ich kann unter diesem Gesichtspunkt die bekannte und oft bedauerte Zurückhaltung des römischen Stuhles sowohl den früheren wie den heutigen Einigungsbestrebungen gegenüber nicht für ein Unglück halten. Irgendwo und von Irgendjemandem musste und muss der Überheblichkeit aller kirchlichen Bewegung gegenüber daran erinnert werden, dass die Einigung der Kirchen nicht gemacht werden, sondern nur im Gehorsam gegen die in Jesus Christus schon vollzogene Einheit der Kirche gefunden und anerkannt werden kann.73 Als |31 Zeichen dessen verstehe ich die (im Übrigen gewiss ihrerseits überhebliche!) päpstliche Weigerung, bei den bisherigen Einigungsbestrebungen mitzutun. Und zum Zeichen dessen kann gewiss auch in den Kreisen der von dem Gedanken der kirchlichen Einigung mit Recht Bewegten in Bezug auf gemeinsame Abendmahlsfeiern und dergleichen nicht genug Vorsicht geübt werden. Es ist nun einmal noch lange nicht Alles wahr und darum geboten oder auch nur erlaubt, was an sich schön ist!74
226 Einigung der Kirchen zur Einheit der Kirche – täuschen wir uns
nicht: das würde nicht nur dies bedeuten, dass die Kirchen sich
gegenseitig dulden und respektieren und wohl auch gelegentlich
zusammenarbeiten. Nicht nur dies, dass sie sich gegenseitig kennen- und
aufeinander hören lernen. Nicht nur dies, dass sie sich in irgendeinem
unaussprechlichen Gemeinsamen eins fühlen. Es würde auch nicht nur dies
bedeuten, dass sie im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung [vgl.
Man mache sich klar, unter welchen Bedingungen die Teilnahme an einer solchen wirklichen Einigung, an einer echten Union, für eine lebendige Kirche, heiße sie, wie sie wolle, allein möglich sein würde:
1. Es dürfte der Schritt von der einen besonderen zur Einigung mit den andern und also zu einer gemeinsamen Konfession in der betreffenden Kirche unter keinen Umständen ein Akt der Schwachheit ihres Bekenntnisses, eine Äußerung der Indifferenz ihres Glaubens und ihrer Erkenntnis sein. Sie müsste sich vielmehr an ihrem besonderen Ort und in ihrer besonderen Verantwortung allen Ernstes in einer größeren, nicht in einer kleineren Kraft ihres Glaubens und ihrer Erkenntnis aufgerufen, belehrt und überzeugt wissen. Und so und nicht anders müsste sie dann über ihre Besonderheit hinaus und in die Einheit geführt werden.
2. Es dürften keine weltlichen Wünsche, also zum Beispiel nicht das Bedürfnis nach nationaler oder auch internationaler Einigung sein, denen sie dabei weichen und ihre Sonderexistenz zum Opfer bringen würde. Eine echte kirchliche Separation wird nämlich gegenüber allen nicht kirchlichen Einigungswünschen in aller Bescheidenheit immer noch das größere Recht auf ihrer Seite haben.76 Eine lebendige Kirche |33 müsste sich durch den 227 Glauben und sie könnte sich nur durch den Glauben – sie dürfte sich nur in strengster kirchlicher Sachlichkeit zur Preisgabe ihrer Separation berufen wissen.
3. Es dürfte die Preisgabe der Separation niemals die Preisgabe auch nur eines i-Punktes, den sie im Gehorsam gegen Christus so und nicht anders setzen zu müssen glaubt, bedeuten. Der Schritt von der gesonderten zu der einen Konfession müsste sich schlechterdings ohne Kompromiss und vor allem auch ohne Zustimmung zu solchen Einheitsformen und -formeln vollziehen, die den Zwiespalt etwa nur verhüllen wollten, aber nicht überwinden würden.77 Es dürfte der betreffenden Kirche nichts Anderes als nun erst recht Treue und volle Wahrhaftigkeit zugemutet werden.
4. Es dürfte mit der Preisgabe der Separation in der betreffenden Kirche nur Eines preisgegeben werden, nämlich ein ihr vielleicht bis jetzt verborgener Ungehorsam gegen Christus, in welchem sie (vielleicht auch ihre Nachbarkirche! vielleicht die Gesamtheit der jetzt getrennten Kirchen!) für ihren Teil an der Not der Vielheit der Kirchen schuldig geworden ist. Er hat vielleicht konkret darin bestanden, dass jene normale und notwendige Vielheit in der Kirche, die Vielheit der Gemeinden, der Gaben, der Personen, einer dämonischen Verkehrung zum Opfer gefallen ist. Vielleicht auch darin, dass dem Natürlichen, dem Individuellen, dem Völkischen, dem menschlich Geistigen und Moralischen, der historischen Beharrlichkeit ein Raum und eine Würde gegeben worden ist, die ihnen nicht zukommen können. Diesen Ungehorsam hätte sie preiszugeben. Sie hätte Christus neu zu hören.
Man wird nicht bestreiten können, dass eine lebendige Kirche anders als unter diesen Bedingungen zu einer Einigung mit anderen Kir|34chen nicht zu haben sein dürfte. Man mag aber an diesen Bedingungen ermessen, dass wirkliche Einigung der Kirchen tatsächlich eine über die Maßen hohe und schwere Aufgabe ist. Eine übermenschlich große Aufgabe, darf man wohl sagen, wenn man an die Wirklichkeit der kirchlichen Vielheit denkt, wenn ein Jeder an seine und damit hoffentlich an eine lebendige und hinsichtlich dieser Bedingungen strenge Kirche denkt. Welche Stimme, welcher Ruf wird mächtig genug sein, einer Kirche wie der römischen, der lutherischen, der reformierten, und nun gar ihnen allen und allen anderen zugleich das Wort Gottes so zu sagen, dass sie unter diesen Bedingungen mit einer Konfession darauf antworten und also zur Einheit der Kirche zu228rückkehren könnten? Wird es ihnen nicht so gesagt, dann können und dürfen sie sich auch nicht einigen. Es könnte nur mit unrechten Dingen zugehen, es wäre nicht Gehorsam, wenn sie sich unter einer anderen Voraussetzung einigen würden.
Ist dem aber so, dann ist es kein Ausweichen vor der Frage nach der Aufgabe der kirchlichen Einigung, sondern die allein mögliche Beantwortung dieser Frage, wenn wir zurückkehren zu dem Satz, dass in Christus allein diese Aufgabe erfüllt ist, dass seine Stimme, sein Ruf allein diese Einigung bewirken kann. Was wir in dieser Sache tun, das wird in dem Maße gut oder nicht gut sein, als es uns und Anderen dazu dient, diese Stimme, diesen Ruf zu hören.
Die Aufgabe der kirchlichen Einigung fließt und fällt wesentlich und notwendig zusammen mit derjenigen konkreten praktischen Aufgabe, die die Voraussetzung alles kirchlichen Tuns ist: Christus zu hören. Das heißt aber: Die Frage nach der Kirche muss entscheidend in den Kirchen, in den jetzt noch vielen und getrennten Kirchen gestellt werden und zur Beantwortung kommen. Denn wie sollen wir Christus anders hören als nach der besonderen Anleitung und in der besonderen Verantwortung der Kirchen, das heißt konkret: je der bestimmten Kirche, der wir angehören, in der wir getauft und zum Glauben geführt wurden, der wir verpflichtet sind? Ob es uns gefallen mag oder nicht, ob wir uns dabei an Ungehorsam und Sünde mitschuldig machen oder nicht, ob unsere Sehnsucht nach der una sancta klein |35 oder groß sei: wir alle sind separiert, unsere kirchliche Existenz, sofern wir eine solche überhaupt haben, ist eine separierte, das heißt: wir können Christus nur je in unserer eigenen Kirche und nicht gleichzeitig in dieser oder jener anderen und noch weniger an einem neutralen Ort außerhalb oder oberhalb der verschiedenen Kirchen hören.78 Ich denke, dass dies – wenn man diese Unterscheidung überhaupt für erlaubt hält – sogar für das individuell-persönliche Glaubensleben jedes Einzelnen gilt. Ganz sicher gilt es für dasjenige Hören Christi, nach dem wir jetzt fragen: für das Hören Christi als die Voraussetzung des Tuns der Kirche und also auch der Arbeit für die Einigung der Kirchen. Wer da behauptet, dass er Christus ebensowohl in dieser und jener anderen als seiner eigenen Kirche zu hören vermöge, der möge sich fragen: ob er 229 nicht das gehorsame, zum Handeln bereite Hören Christi in seiner eigenen und in anderen Kirchen längst mit einer der allerdings zahlreichen Möglichkeiten eines historischen oder ästhetischen Interesses verwechselt hat? Und was jenen neutralen Ort außerhalb oder oberhalb der Kirchen betrifft, so mögen dort Komitees und Konferenzen tagen, und es mögen dort – noch unverantwortlicher und unverbindlicher – einzelne christliche Damen und Herren ihren Gefühlen, Ideen und Plänen nachgehen. Mit den von dort ausgehenden überkirchlichen und zwischenkirchlichen Bewegungen steht es doch so: entweder sie taugen nichts, weil sie die Probleme der Kirche, das Problem der Lehre, das Problem der Ordnung, das Problem des Lebens nicht oder nicht ernstlich in Angriff nehmen – oder sie taugen etwas, indem sie diese Probleme ernstlich in Angriff nehmen, und siehe da, sie wirken selbst kirchenbildend; eine neue Kirche oder kirchenähnliche Gemeinschaft entsteht und um ihre Neutralität ist es geschehen; die alte Frage nach der Einheit ist nun eben auch dieser angeblich die Einheit verkörpernden Bewegung d-gegenüber gestellt-d. Kirchliche Arbeit und so auch kirchliche Einigungsarbeit wird gerade in ihrem christlichen Zentrum in den Kir|36chen selbst oder sie wird gar nicht getan. Wollen wir Christus hören als den, der selber die Einheit der Kirche ist und in dem auch ihre Einigung schon vollzogen ist, dann müssen wir uns vor allem, bescheiden aber in gediegener Sachlichkeit, zu unserer besonderen kirchlichen Existenz bekennen. Gewiss, damit bekennen wir uns auch zu einer sehr peinlichen Sache, deren Vorläufigkeit, deren notwendige Überwindung uns sehr deutlich vor Augen stehen mag und soll. Wir bekennen uns damit auch zu unserer eigenen und zu unserer Väter verborgenen (und vielleicht längst nicht mehr ganz verborgenen!) Sünde. Aber damit – und nur damit bekennen wir uns auch zu dem Ruf Christi, wie er nun eben – wie gedämpft immer durch heimliche menschliche Irrungen und Wirrungen79 – so und nicht anders zu uns gekommen ist. Solange uns Christus nicht anders gerufen hat, bekennen wir uns zu ihm nur, indem wir uns zu unserer eigenen Kirche bekennen. Hat er uns aber wirklich anders gerufen – nun, dann ist es eben eine andere Kirche, zu der wir uns dann als zu unserer eigenen zu bekennen haben. Wir würden der kirchlichen Einigung am allerwenigsten dienen, wenn wir, unseren eigenen, das heißt den uns gewiesenen kirchlichen Ort verschmähend, selber die Einheit der Kirche und also Christus darstellen oder vielmehr spielen wollten.
230 Die Frage, die danach jede einzelne Kirche sich zu stellene hätte, wäre – wenn wir zunächst das Problem des Lebens berühren wollen – die: Hören wir in unserer Kirche wirklich in der von uns behaupteten und theoretisch vertretenen Weise, hören wir nach unserer eigenen Tradition und Konfession wirklich auf Christus bei der Stellung und Haltung, die wir den Realitäten und Problemen der die Kirche umgebenden Welt gegenüber einnehmen? Lassen wir uns etwa unser Verhältnis zum Staat – wir denken ja heute alle gerade an dieses Stück Umwelt – wirklich in der uns eigenen, in unserer bekenntnismäßig ausgesprochenen und festgelegten Weise von Christus (selbstverständlich nicht von einem erfundenen Christus, sondern von dem Christus der von unserer wie von allen Kirchen als maßgeblich anerkannten Heiligen Schrift!) diktieren? Oder folgen wir in dieser Be|37ziehung wie in anderen einer Praxis, einer Strategie und Taktik, bei der wir tatsächlich auf ganz andere – vielleicht auch sehr respektable, aber christusfremde Stimmen hören? Was gilt’s: wenn zwei oder drei noch so verschiedene und getrennte Kirchen, jede durchaus in ihrer eigenen Weise, sich auch nur diese Frage bußbereit stellen würdenf, so würde eben damit in diesen Kirchen automatisch die Kirche Ereignis und auch sichtbar werden! Die Lutheraner und die Reformierten in Deutschland kamen sich in den letzten Jahren in dem Maß merkwürdig nahe, als sie sich – wohlverstanden: vom lutherischen und reformierten Bekenntnis her – nach der von Christus gebotenen praktischen Entscheidung gefragt sahen.80 Braucht es vielleicht auch unter anderen Kirchen nur ein bisschen mehr durch Bedrängnis erweckte Aufmerksamkeit für die Aufgabe der lebensmäßigen Folgerichtigkeit kirchlicher Haltung, um – ohne Unionen und allen Unionsversuchen vorangehend – in der Vielheit der Kirchen selbst etwas von der Erfahrung der einen Kirche zu machen?
Wiederum hätte sich jede einzelne Kirche hinsichtlich des Problems der Ordnung sehr schlicht die Frage zu stellen: Hören wir denn nun wirklich Christus, den Christus der Heiligen Schrift, indem wir es im Geist und nach der Weisung unserer Kirche mit der Gemeinde und ihren Ämtern, mit ihren Gottesdiensten so und so halten? Ist es uns ernst damit, wenn wir behaupten, dass unser päpstliches oder unser bischöfliches oder unser presbyterial-synodales System oder, wenn wir Quäker81 sind, unsere Systemlosigkeit die wahre Darstellung der |38 Herrschaft Christi in seiner Kirche sei? Geht es uns wirklich, genau so, wie wir es behaupten, um seine Herrlichkeit, wenn wir das Sakrament oder die Liturgie oder die Predigt in den 231 Mittelpunkt unseres Gottesdienstes stellen zu müssen meinen? Oder sind wir, indem wir es nach bestem Wissen und Gewissen so oder so halten als nach der rechten Ordnung, vielleicht doch mehr naiv und profan monarchisch oder demokratisch oder individualistisch gesinnt, sind wir doch mehr einer Magie, einer Ästhetik, einem Rationalismus verfallen als gerade Christus? Ich sage: man lasse jede einzelne Kirche sich selbst – gerade und nur sich selbst, aber eben Christus in sich selbst ganz ernst nehmen, so wird, auch wenn von Einigungsbestrebungen in ihr gar nicht die Rede sein, auch wenn an ihrer Verfassung und ihrem Kultus zunächst gar nichts geändert werden sollte, die eine Kirche in dieser einzelnen als solche Ereignis und auch sichtbar werden. Solange sie ohne Selbstkritik um ihre Ordnungen als solche eifert, kann sie gewiss nur die Vielheit der Kirchen darstellen. Sie kann aber in der Vielheit die Einheit der Kirche darstellen, wenn sie in ihren Ordnungen um Christus eifert.
Ganz dieselbe Frage hätte sich aber jede einzelne Kirche auch
hinsichtlich des zentralen Problems der
Lehre zu stellen. Es mag gefährlich relativistisch klingen, wenn wir
so gleichmäßig sagen: es soll nur die römische
Kirche ihre Lehre von Natur und
Gnade82 und ihre auf dem