Predigt Nr. 54 · 4. Dezember 1910

Predigt: Markus 14,22-25

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Markus 14,22–25
Und indem Jesus und seine Jünger aßen, nahm er Brot, sprach den Segen darüber, brach es und gab es ihnen und sagte: Nehmet, das ist mein Leib. Und er nahm einen Becher, sprach den Segen darüber und gab ihn ihnen, und sie tranken Alle daraus. Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für Viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch: ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, da ich es neu trinken werde im Reiche Gottes.
Meine Freunde!

Wir gehen wieder einer Festzeit entgegen und gedenken da wie gewohnt zweimal das Abendmahl zu feiern. Da würde ich gerne einmal in besonderer Weise auf das Abendmahl zu reden kommen, weil ich glaube, dass es nötig und vielleicht auch Vielen von euch nicht unerwünscht ist. Es hat mich, seit ich hier bin, bemüht zu sehen, wie gering die Beteiligung der Gemeinde, auch der sonst kirchlich interessierten Gemeinde an dieser Feier ist.2 Ich musste oft an die schönen Abendmahlsgottesdienste denken, die ich in Bern und anderswo mitgemacht, wo man so recht das Gefühl hatte, einer Handlung der gro|678ßen, allgemeinen Volkskirche beizuwohnen, wo jeder Einzelne sich getragen fühlte von der großen Menge der Andern, die mit ihm desselben Glaubens leben. Ein solches erhebendes Gefühl wird einem hier in Genf mindestens sehr schwer gemacht, weil man fast den Eindruck hat, es seien hier nur gewissermaßen die religiösen Spezialisten, wenn ich so sagen darf, die sich zu dieser Feier einfinden. Das ist mir aber jedenfalls der rechte Sinn des Abendmahls nicht. Das Wort Gottes ist eine große Freude, die allem Volke widerfahren soll [vgl. Lk. 2,10], weil alles Volk sie herzlich nötig hat. Und das gilt auch vom Wort Gottes im Sinnbild des Abendmahls. Ich möchte gerne, dass meine Predigt den Erfolg hätte, dass die Vielen unter euch, die dem Abendmahl bis jetzt aus bestimmten oder unbestimmten Gründen in der Regel ferngeblieben sind, sich besinnen, ob sie das mit Recht tun und ob sie damit nicht etwas Großes und Wertvolles sich entgehen lassen. Und den Andern, denen das Abendmahl etwas wert ist, die ihrerseits aus bestimmten oder unbestimmten Gründen je und je daran teilzunehmen pflegen, ihnen kann ich vielleicht den Dienst tun, ihnen zu helfen, innerlich bewusster und freudiger und häufiger sich zu dieser schönen Feier einzufinden. Denn es ist eine schöne Feier, und es handelt sich dabei um etwas Großes und Wertvolles, wenn wir uns nur die Mühe nehmen wollen, ein wenig in ihren Sinn einzudringen und uns nicht mit einem oberflächlichen Urteil zu begnügen.

Wir wollen zuerst versuchen zu sehen, was das Abendmahl ursprünglich gewesen ist nach dem ältesten Bericht des Neuen Testaments, um dann daraus einige Gedanken zu entnehmen, die uns das Verständnis erleichtern können für seine Bedeutung für uns und unser Leben.

Die Erzählung des Markusevangeliums von dem ersten Abendmahl steht mitten in einer Schilderung des letzten Abends im Leben Jesu, des Tages vor dem Karfreitag. Wenn wir diese Abschnitte lesen, so stehen wir unter dem Eindruck einer Gewitterschwüle, wie sie dem Sturm voranzugehen pflegt. Noch bietet das Leben der Natur im Ganzen den gewohnten Anblick, aber das Verstummen der Vögel und ein verdächtiges Rauschen in den Baumkronen kündet an, dass bald etwas anders werden wird. Es muss auch in den Seelen Jesu und seiner Jünger damals so etwas wie Gewitterschwüle geherrscht haben. Sie |679 wussten, dass etwas hinter ihnen lag und dass nun etwas Gewaltiges, Neues unmittelbar bevorstand. Hinter ihnen lag die Wanderzeit von Galiläa – wir wissen nicht, ob sie drei Jahre oder nur ein Jahr gedauert hat –, die Zeit, in der Jesus unermüdlich immer wieder zu der Herde trat, die keinen Hirten hatte [vgl. Mt. 9,36], um sie ins Reich Gottes zu versammeln, um ihnen den Gehorsam, die Liebe, das Vertrauen in die Herzen zu senken als das Einzige, was ein Menschenleben reich und gut machen kann. Das war die Zeit, in der aus dem reinen, tiefen Innern Jesu jene gewaltigen, schlichten Aussprüche und Gleichnisreden über Gott und die Welt und den Menschen hervorgegangen sind, um einen Boden zu finden in bedürftigen Seelen, jene Worte, von denen er mit Recht gesagt hat: Himmel und Erde werden vergehen, aber diese meine Worte vergehen nicht [Mk. 13,31 par.], denn wir sind in 1900 Jahren nicht fertig geworden, sie zu erschöpfen, und wir werden niemals damit fertig werden. Und das war die Zeit, wo in der Kraft Gottes, die von ihm ausging, Ereignisse geschehen sein müssen, Taten der Liebe an Kranken und Unglücklichen, die unser Verstand weder zu begreifen noch zu widerlegen vermag und die jene Zeit, auch wenn wir ihre Geschehnisse noch so kritisch überlegen, als eine Zeit außerordentlicher, wunderbarer Dinge charakterisieren. Das lag hinter ihnen. |

Und was lag vor ihnen? Nach der stillen Hoffnung der Jünger lag vor ihnen die Zeit noch größerer Herrlichkeit, die Zeit des offenbaren, mit Händen greifbaren Gottesreiches auf Erden. Auf die Verborgenheit in Galiläa sollte nun die Aufrichtung des Messiasthrones in Jerusalem folgen. Der endgültige Sieg stand nun vor der Türe. Auch Jesus dachte, dass nun der Sieg vor der Türe stehe; aber anders. Er hatte über die Wege Gottes längst tiefer nachgedacht als seine Freunde, und es betrübte ihn, dass sie ihn nicht besser verstanden als so. Ein Messiasthron auf dem Tempelberg von Jerusalem, Sieg über die Römer, Sieg über alle Weltreiche, das wäre doch noch nicht der Sieg Gottes gewesen. Denn Gott ist Geist [Joh. 4,24], soll er siegen, so muss der Geist der Liebe, des Gehorsams, des Zutrauens die Macht unter den Menschen werden. Aber was hätte ein Weltreich, auch das größte und herrlichste, mit diesem Geist zu tun? Und so erkannte Jesus mit steigender Klarheit das Andre, was vor ihm lag, den Weg des Opfers seiner eigenen Person. Er wusste, dass die herrschenden Leute |680 in Jerusalem ihm feind waren, aber er sagte sich bei sich selber: Ich muss sie gewähren lassen, es wird gerade so gut sein. Und darum hat er sich ohne Aufenthalt in ihre Mitte, in den Rachen des Löwen begeben. Es lag in diesem Entschluss die Entfaltung des Höchsten, was Jesus war und brachte. Es musste das Neue in der Geschichte der Menschen sich ereignen, dass die Güte als Liebe sich offenbarte, als die Gesinnung, der nichts an der eigenen Person liegt. Das war der Sieg Gottes, den Jesus vor der Tür stehen sah. Denn in solcher Güte, in solcher Gesinnung sollte die göttliche Art über die menschliche triumphieren. Es sollte die Vollendung und Krönung alles dessen sein, was Jesus gesagt und getan, es sollte damit die Begründung des wahren Gottesreiches unter den Menschen mit Sicherheit und für Alle Zeiten vollzogen werden. Denn etwas Größeres und Wirksameres kann es nicht geben, als wenn ein reiner und guter Mensch sagt: Auf mich selber kommt es nicht an; es gibt etwas, was nötiger ist als mein Glück und als meine Existenz, und wenn er dann sein Glück und seine Existenz freudig hingibt um des andern willen, das nötiger ist. Das wollte Jesus tun, und das sah er an jenem Abend unmittelbar vor sich. Und wenn es wie Gewitterschwüle auch über seiner Seele lag, so sah er doch jenseits des nahenden Sturmes bereits wieder den hellen Himmel, das ewige Licht Gottes, das umso herrlicher leuchten sollte, wenn Alles vorüber war.

Und nun kam Jesus mit seinen Jüngern zu einer Mahlzeit zusammen; nach dem Bericht desa Evangeliums wäre es eine Passahmahl zeit gewesen, wie sie die frommen Israeliten abzuhalten pflegten zum Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten. Sie kamen zusammen in dem Hause eines dem Namen nach unbekannten Freundes b-in Bethanien-b, die Jünger mit ihren Gedanken und Jesus mit den seinigen. Es sollte das letzte Mal sein, dass sie ruhig beieinander waren, und wir verstehen es, dass schon darum diese Stunde und das, was sie brachte, den Jüngern unvergesslich geblieben ist. Sie war es aber auch darum, weil sie sich später sagen mussten, dass jenes letzte Beisammensein von einer innern Bedeutsamkeit war, die weit über das hinausging, was sie persönlich anging. Der ganze Inhalt des Lebens Jesu war in dieser |681 Stunde zusammengedrängt. Hier der Knecht Gottes, der in höchster Spannung sich bereitete, den Willen Gottes bis zum Letzten zu tun, und um ihn herum die Andern, die auch in höchster Spannung waren, die auch an Gott dachten und denen es doch dabei um etwas ganz Anderes zu tun war als um den Willen Gottes, die das Große, das sie in Jesus sahen, so deuteten: nun gehe es zu ewigem Glück und Wohlsein, die Gott verstanden als den Erfüller ihrer Wünsche. Es lag ein Abgrund zwischen ihnen und dem Meister, und das war der Abgrund, der die Menschen und ihre Gedanken trennt von Gott und seinen Gedanken. So berührt uns Gottes überlegenes Wesen von Jugend auf und immer wieder, wie Jesus dort die Seinen berührte, so tut er uns mitten in unserm Dasein immer wieder den Weg der ewigen Wahrheit auf, wie Jesus dort die Seinen zum letzten Mal einlud: hier bin ich, nehmt mich auf, werdet, wie ich bin. So ist er uns nahe in den Führungen unsres Lebens, in allem Guten und Schönen, in Allem, was uns vorwärts weist, so sitzt er mit uns zu Tische, wenn wir nur die Augen auftun wollen, und doch ist er uns unendlich ferne, solange wir den Schritt nicht getan haben, der von uns selbst zu ihm führt. Das Alles sahen die Jünger damals noch nicht. Sie fühlten wohl Spannung auf die Zukunft, aber sie merkten nicht, dass diese Zukunft, weil sie die Zukunft Gottes war, nicht in der Niederlage der Römer bestehen musste, sondern in ihrer eigenen Niederlage, nicht im Triumph ihrer Wünsche, sondern im Triumph der Liebe. Später verstanden sie, was geschehen war, verstanden es, dass es die Gottheit war, die damals mit der Menschheit Tischgemeinschaft hielt.

Und nun fiel zuerst jenes Wort: einer von euch, der mit mir isst, wird mich verraten [Mk. 14,18 par.]. Es hätte wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel auf sie wirken müssen, denn es kam wie ein Blitzstrahl aus einer andern Welt in ihre Gedanken und Erwägungen hinein. Es hätte ihnen zeigen müssen, wohin der Weg ging und wie es mit ihnen selbst stand. Aber es hatte diese Wirkung nicht. Der Gedanke erregte sie zwar, keiner wollte derjenige sein, aber doch nur, weil sie es nicht fassen konnten, dass einer im Moment, wo das Größte bevorstand, sein Glück so wahnwitzig aufs Spiel setzen könne. Sie erkannten die tiefe Verwandtschaft nicht, die zwischen ihrer Gesinnung bestand und dem Unglücklichen, der die Gesinnung Tat werden ließ und um Geldgewinnes und Weltgewinnes willen den Meister preisgab. |682 Und so ging dieses Wort an ihnen vorüber wie so manches Andre, ohne tiefern Eindruck. Seine Zeit war noch nicht gekommen.

Und dann mag Jesus über dem Essen zuerst jenes Wort gesprochen haben, das im Bericht des Markus erst zuletzt erwähnt wird: Wahrlich, ich sage euch: ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, da ich es neu trinken werde im Reiche Gottes. Im Lukasevangelium steht es, wohl richtiger, am Anfang [Lk. 22,16], denn von hier aus müssen wir Alles Übrige begreifen. Es ist neuerdings von einigen Gelehrten die Meinung aufgestellt worden, das Abendmahl habe ursprünglich gar keine Beziehung auf den nahen Tod Jesu gehabt.3 Aber durch dies Wort scheint mir diese Meinung widerlegt zu sein, auch dann, wenn der ausdrückliche Hinweis auf das «Blut, das für Viele vergossen wird», erst eine spätere Hinzufügung zu den Worten Jesu wäre. Jesus wusste, dass die Entscheidung bevorstand, und er wusste, was die Jünger nicht wussten, wie diese Entscheidung ausfallen würde. Er war sich klar darüber, dass die Mächtigen in Israel ihn nicht nur ablehnten, sondern bekämpften bis auf den Tod. Er war sich klar darüber, dass das Werk des Hasses und der Hinterlist bereits im Gange war, die Augen des Judas konnten ihm das nicht verheimlichen. Und er war sich endlich klar über sich selbst, dass er nicht ausweichen dürfe, dass es an ihm sei, das Werk des Hasses in ein Werk der Liebe zu verwandeln. Und diese Gewissheit lag nun wie ein schwerer Druck auf ihm; er hätte kein Mensch sein müssen, wenn es anders gewesen wäre. Noch sitzt er im vertrauten Kreis der Seinigen beim heitern Genuss der guten Gaben Gottes, aber er weiß: es ist zum letzten Mal. «Ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks.» Die Teilnahme an Allem, was die Menschen freut und |683 glücklich macht, ist nun vorbei. Auch Jesus konnte fröhlich sein mit den Fröhlichen [vgl. Röm. 12,15], auch Jesus war glücklich; es wird uns von Stunden seines Lebens berichtet, die das ganz deutlich erkennen lassen [vgl. z. B. Mk. 2,19 par.]. Aber über Freud und Leid stand ihm der Gehorsam gegen den Gott, der in ihm redete. Und nun wandte er sich von der Freude dem Leid zu, um gehorsam zu sein im einen wie im andern. Es ist nicht ein Widerspruch zu seiner Hoheit, sondern es bringt uns seine Hoheit menschlich nahe, dass wir in diesem Wort den Schatten des Abschieds über seine Seele gleiten sehen. Denn sofort tritt neben den Abschied die Gewissheit des Wiedersehens, der höhern Zukunft. Ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks, bis ich es neu trinken werde im Reiche Gottes. Hat Jesus die Vorstellungen seiner Volksgenossen geteilt von einem Jenseits, in dem die Frommen mit Abraham, ihrem Vater, zu Tische sitzen? [vgl. Lk. 13,29] Vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber ich meine, im Gewand dieser Vorstellung denkt er doch etwas ganz Anderes als seine Volksgenossen. Ihm eröffnet sich im Augenblick, wo er den Gütern des Lebens Valet sagt, der Ausblick in eine unermessliche Zukunft, da er als der ewig Auferstandene leben wird in einer erlösten Menschheit, die die Güter des Lebens neu genießen wird, wie sie es vorher nicht konnte, deren neuem Sinn die Welt erst recht ein Vaterland sein wird. Ich werde es neu trinken im Reiche Gottes. Es wird die Brücke geschlagen sein zwischen Gott und der Welt, weil ich in der Welt und für die Welt leben werde. Weil ich für die Welt leben muss, muss ich für die Welt sterben. Darum der Abschied. Aber weil ich für die Welt sterbe, werde ich für die Welt leben. Darum die zukunftssichere Siegesgewissheit.

Und nun geht das Wort des einsamen, auch da noch unverstandenen Mannes über in die Handlung. Wir müssen nicht denken, dass das, was nun kam, ein Werk kunstvoller Überlegung war. Jesus dachte nicht daran, ein Sakrament zu stiften, was wir heute so nennen. Sondern wie aus unmittelbarer Eingebung des Augenblicks mag er nach einem vor ihm liegenden Brot gegriffen haben, er sprach den Segen darüber, wie es wohl der israelitische Hausvater im Kreis seiner Familie getan haben mag, er brach es und gab es ihnen. Und so nahm er auch einen Becher, sprach den Segen darüber und gab ihn ihnen. Und jedes Mal sagte er dazu: Nehmet, das ist mein Leib, das ist mein Blut. |684 Man hat über den Sinn dieser Worte unendlich viel geredet und geschrieben. Man hat zur Auslegung dieses «Das ist» die künstlichsten und geistreichsten Theorien gesponnen. Der Protestantismus ist darüber für Jahrhunderte in zwei sich befehdende Konfessionskirchen auseinandergefallen. Man hat durch lauter Erklärungen das Verständliche unverständlich gemacht. Man ist an der sehr schlichten Wahrheit über alledem vielfach vorbeigegangen.

Jesu Seele ist erfüllt vom Abschied und von der Siegesgewissheit. Er weiß, dass er von ihnen gehen muss. Aber er geht von ihnen, um wahrhaft bei ihnen zu sein. Er weiß, dass sein Abschied um des Gehorsams willen das Gegenteil eines Abschieds sein wird, wenn die Seinigen das Leben in sich aufnehmen, das in ihm selbst ist. Er geht fort, um wahrhaft zu kommen. Das will er ihnen sagen, obwohl er weiß, dass sie ihn jetzt noch nicht verstehen. Sie werden mich verstehen, denkt er, wenn das Gewaltige, das kommen muss, geschehen ist.

Und um ihnen das zu sagen, bedient er sich derselben Redeweise, die er so oft auf den Feldern und Bergen von Galiläa gebraucht, um ihre verschlossenen Augen zu öffnen. Dort hatte er ihnen erzählt vom Säemann, der ausging zu säen [Mk. 4,3 par.], und sie verstanden, dass er das Wirken Gottes meine, der seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte [vgl. Mt. 5,45] und dessen Arbeit niemand hindern kann. Dort hatte er vom Hochzeitsmahl geredet, zu dem viele Gäste geladen sind [Mt. 22,3], und sie verstanden, dass er Gott meine, der in dieser wunderbaren Zeit seine Türe weit auftue. Und jetzt weist er hin auf Brot und Wein vor ihnen auf dem Tisch, gibt es ihnen und sagt: Nehmet, das ist mein Leib, das ist mein Blut. Und jetzt verstanden sie ihn freilich nicht, sie sollten ihn aber nachher verstehen. Wir können ihn auch verstehen; wir stehen ja alle im Lichte dessen, was nachher geschehen ist. Wie ihr das Brot esst und den Wein trinkt, wollte er sagen, so nehmt jetzt mich selbst auf. Wie ihr euch nährt an diesen sichtbaren Gaben Gottes, so nährt und stärkt euch jetzt an mir, an meiner Person. Das Brot wird gebrochen, und der Becher wird geleert, aber das gebrochene Brot wird nicht auf die Straße geworfen, und der Inhalt des Bechers wird nicht auf den Boden geschüttet, sondern Brot und Wein werden eure Nahrung. So gehe ich jetzt weg und in den Tod, aber was da kommen wird, das sollt ihr nicht als eine Tücke des blinden Schicksals auffassen, sondern ich tue es freiwillig |685 und gern, weil ihr mich nur so recht erkennt, weil ich nur so in euch lebendig werden kann. Ich gehe, weil ich kommen will, weil mein Leben euer Leben werden soll. Dies mein Kommen habt ihr abgebildet in der Speise, die ich euch gebe. Brot und Wein, die ihr esset und trinket aus meiner Hand, sei euch Gleichnis und Sinnbild für meine Auferstehung in euch. Der Bericht des Evangeliums sagt, dass das Wort über dem Becher noch etwas ausführlicher gelautet habe: Dies ist mein Blut des Bundes, das für Viele vergossen wird. Ich sehe nicht ein, warum diese Erläuterung nicht schon von Jesus selbst herrühren sollte. Sie fügt zu dem Gesagten nichts Neues hinzu. Was ich tue, tue ich euch zugut, damit der Weg, den ich euch führen wollte, euch endgiltig offen sei und nicht nur euch, sondern den Vielen, die nach euch und durch euch diesen Weg betreten werden. Es wird so durch mein Blut, das vergossen wird, der Bund geschlossen sein für Viele, der Bund mit Gott, der auch die schwerste Schuld dem Menschen abnimmt und der auch in dem Schwächsten als Kraft zum Leben mächtig sein wird. Das kann Jesus sehr wohl gesagt haben, und selbst wenn er es nicht gesagt hätte, wäre es eine Ergänzung seiner Worte, die durchaus in seinem Sinn ist.

Aber es liegt noch eine andre Bedeutung in diesem: Nehmet, das ist mein Leib, das ist mein Blut. Eine andre und doch keine andre, möchte ich sagen. Wie ihr Brot und Wein zu euch nehmet, so nehmet mich auf in euer Inneres, mich, der sich jetzt im Gehorsam anschickt, sein Leben preiszugeben. c-Werdet so, wie ich bin, das sei eure Erlösung.-c Aber nun merkt, was das heißen will: Von einem Brote esst ihr und aus einem Becher trinkt ihr. Und so sei euch das Aufnehmen meines Lebens in euer Leben zugleich das Einheitsband, das euch untereinander verbinde. Mein Leben, das ich euch mitteile, indem ich von euch gehe, es ist Liebe, Liebe zu euch, zu den Menschen. Und so wird das neue Leben, das in euch entstehen soll, Liebe sein müssen. Der Mann hat Jesus gut verstanden, der gesagt hat: So wir im Lichte wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander [1.Joh. 1,7]. Und wieder heißt es im Johannesevangelium: «Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt» [Joh. 13,35], und wieder ein andermal: Ihr seid meine Freunde, so ihr |686 tut, was ich euch gebiete [Joh. 15,14]. Indem ich in euch lebe, werdet ihr für die Andern leben, wie euch jetzt das gemeinsame Essen und Trinken bedeutsam vereinigt. Es soll gar nicht zweierlei sein, die Gemeinschaft mit Christus und die Gemeinschaft mit dem Bruder. Die Erde bringt von ihr selbst erst das Gras, dann die Ähre, dann den vollen Weizen in den Ähren [Mk. 4,28].

Es muss ein eigenartiger, ergreifender Vorgang gewesen sein, diese Gleichnishandlung, in der der Meister noch einmal Alles, was er den Menschen sein wollte, zum tiefsinnigen Ausdruck brachte, in der er ihnen noch einmal seine Lösung des großen Welträtsels anbot, des Welträtsels, das lautet: Wie wird der Mensch ein lebendiger Mensch? Ich will es noch einmal zusammenfassen, was nach der Darstellung des Neuen Testaments der Inhalt der Gleichnishandlung ist:

Christus nimmt Abschied vom Leben und von den Seinen. Aber weil er Abschied nimmt im Gehorsam gegen den Vater, darum weiß er, dass sein Abschied nicht Ende bedeutet, sondern Anfang. Er geht jetzt, um das Eine zu vollbringen, was die Menschen nötig haben: die Offenbarung der Liebe, die bis zum letzten Rest nicht das Ihre sucht. Der Kreuzestod des Unschuldigen soll ihnen diese Offenbarung bringen. Und darum wird Christus kraft seines Todes leben in den Seinen in der erlösten Menschheit. Nehmet, das ist mein Leib, das ist mein Blut! Und sein Leben in den Seinigen wird das Band sein, das sie alle mit Gott und untereinander verbindet.

Und ich sagte, es liege in dieser Gleichnishandlung die Lösung des Welträtsels. Jesus meinte damit: Nehmt mich auf in euch, werdet wie ich. Und das konnte in jenem Augenblick, in dem sich sein ganzes Dasein zusammendrängte, nur das Eine besagen: Ich gehe mein Kreuz zu tragen um der Liebe willen. Geht auch ihr, sterbet, um zu werden.

Denn setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.4

Das Sterben gelte eurem Wünschen und Verlangen nach Glück und Zufriedenheit, das neue Leben gelte der Liebe. Es sterbe das Ich, damit der Mensch lebe und der Gott der Liebe in ihm sei und er in Gott.

687 Nach den Berichten, die uns im Lukasevangelium und im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus über das erste Abendmahl überliefert sind, hätte Jesus noch hinzugefügt: Solches tut zu meinem Gedächtnis! [Lk. 22,19; 1.Kor. 11,24f.] Das Markus- und Matthäusevangelium wissen davon nichts, und es ist daher schwer, sicher zu entscheiden, ob Jesus selbst schon an eine Wiederholung seiner Gleichnishandlung gedacht hat. Aber das ist sicher, dass die Christen seit urältesten Zeiten, wohl seit den Tagen kurz nach dem Aufhören der Erscheinungen des Auferstandenen, diese Wiederholung gefeiert haben. Neben der Erzählung von den Worten und Taten des Herrn ist dieses gewaltigste seiner Gleichnisse als gern erneuerte Handlung in ihrer Mitte lebendig geblieben, als einmal die ganze Bedeutung des hinter ihnen liegenden Todes Jesu, die wir vorhin vorausgenommen haben, ihnen aufgegangen war. Die Apostelgeschichte erzählt, dass die ersten Christen sich alltäglich beim Brechen des Brotes in ihren Häusern jenen ersten bedeutsamen Vorgang in Erinnerung riefen [vgl. Act. 2,46]; erst später ist es offenbar zu einer selteneren und eigentlichen gottesdienstlichen Handlung gemacht worden. Immer aber hatte diese Handlung, wie Paulus schreibt, den Sinn, «den Tod des Herrn zu verkündigen» [1.Kor. 11,26], selbstverständlich nicht als eine bloße historische Reminiszenz, sondern immer als die Abbildung eines gegenwärtigen innern Vorgangs, der Gemeinschaft, die der gekreuzigte Christus gestiftet zwischen sich und den Seinen und zwischen den Seinen untereinander.

So ist das Abendmahl auf uns gekommen. Wir können hier nicht alle die Wandlungen verfolgen, die es in der Auffassung und Würdigung der wechselnden Geschlechter durchgemacht hat. Halten wir fest, was das Neue Testament darüber bietet: es ist ein Gleichnis, und das Gleichnis bedeutet:Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus, und das heißt praktisch: sterben, sein Leben einsetzen um der Liebe willen, mit der uns Christus geliebt hat. Diese Gemeinschaft ist abgebildet im Essen des Brotes und Trinken des Weins, und weil es etwas Höheres nicht geben kann als solche Gemeinschaft, ist es ein Abbild des ganzen Inhalts des Christentums.

Aber nun müssen wir uns ernstlich fragen, warum wir, dem Beispiel der ersten Christen folgend, unsrerseits diese Wiederholung jener Mahlzeit Christi mit den Seinen an unsern hohen Festen begehen |688 als feierlichsten und schönsten Ausdruck unsres Glaubens. Das Verständnis dessen, was Jesus damals wollte, dürfte den meisten Christen nicht schwer sein, wenn sie auch nur ein wenig vertraut sind mit seiner Person und seinem Evangelium. Aber hier bei unsrer Feier, bei der Wiederholung, fängt für viele Freunde und Gegner des Abendmahls die Schwierigkeit an.

Es möchte mir vielleicht jemand sagen: Jesu Gleichnishandlung an jenem inhaltreichen Abend begreife ich wohl, ja ich freue mich daran, sie sagt mir etwas, sie macht mir sein Leben und seinen Tod verständlicher. Ich möchte, dass Alles das, was er dort in das Sinnbild hineinlegte, in mir Wirklichkeit würde, ich möchte Gemeinschaft haben mit ihm und Gemeinschaft mit den Brüdern. Aber wozu zu diesem Zweck die dramatische Wiederholung des Sinnbilds hier in der Kirche? Ist es nicht genug, wenn ich die Liebe zu ihm und den Brüdern in mein Herz aufnehme? Ich würde antworten: Gewiss ist es genug und übergenug. Es handelt sich auch im Abendmahl darum und nur darum, dass du Christus und die Brüder in dein Herz aufnehmest, wie es sich in der Predigt darum und nur darum handelt. Dort ist das gesprochene Wort, die vernünftige Erklärung und Darlegung das Mittel, und dies Mittel wendet sich an deinen Verstand. Hier ist das sinnbildliche Empfangen von Brot und Wein das Mittel, und dies Mittel wendet sich an dein Gefühl. Das Mittel soll dir hier wie dort das Evangelium bringen, die Gewissheit, dass du in der Gemeinschaft, in der Gesinnung Jesu ein befreiter, fröhlicher Mensch sein darfst. Warum sollten wir das eine Mittel geringer achten als das andre, das Sinnbild vernachlässigen gegenüber der Predigt? Das ist ja ganz klar, dass das eine wie das andre vergängliche Mittel sind und nicht die Sache selbst. Es wird keiner dadurch selig, dass er eine Predigt hört und versteht, und es wird keiner dadurch ein andrer Mensch, dass er am Tisch des Herrn Brot und Wein genießt. Der Geist ist’s, der lebendig macht, das Fleisch ist nichts nütze [Joh. 6,63].5 Aber was man gegen das Abendmahl offen oder im Stillen einwendet, es sei etwas Äußerliches, das kann man auch vom |689 gesprochenen Wort sagen. Gerade wer oft von Gott zu reden hat, weiß, wie oft der beste Duft des Geistes verloren geht über der Notwendigkeit, den Geist in Worte zu kleiden. Aber man wird zugunsten des einen wie des andern einwenden dürfen, dass es nicht wohlgetan wäre, wegen dieser Gefahr der Entgeistigung auf seinen Gebrauch zu verzichten. Es kommt nur auf dich an, ob Predigt und Abendmahl für dich innerliche oder bloß äußerliche Ereignisse seien. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sogar sage, dass manche Christen in der Abendmahlsfeier die innerlichere und geistigere Erbauung erfahren als in mancher Predigt. Die Predigt kann schlecht sein oder abstrakt und unverständlich, was ja auch vorkommen soll, oder sie kann aus andern Gründen zwar den Verstand des Menschen beschäftigen, aber nicht ihn selbst treffen. Bei der sinnbildlichen Handlung des Abendmahls tritt die zweite Person des Predigers zurück, da steht die Seele in der Gemeinschaft der andern unmittelbar vor Gott, da ist eine direkte Erhebung, ein unvermitteltes Reden mit Gott und Anhören seines Wortes, ein individuelles Empfangen viel leichter und wahrscheinlicher als dort.

Ich höre aber die Rede, dass bei diesem sinnbildlichen und doch wirklichen Essen und Trinken ein materielles Element, ein sichtbarer leiblicher Vorgang sich unangenehm in das Leben der Frömmigkeit eindränge. Ich würde darauf erwidern: Ist es denn nicht nötig, dass unsre Frömmigkeit von Zeit zu Zeit in nachdrücklicher Weise aus den Wolken des Geistes heruntergeholt werde? Besteht denn ein solcher Graben zwischen unserm sogenannten innern und unserm sogenannten äußern Leben? Ist es nicht geradezu ein gefährlicher Fehler, wenn er besteht? Weil wir denken und wenn wir denken, müssen wir freilich die Unterscheidung von Geist und Materie machen. Aber das ändert doch nichts daran, dass der Mensch eine Einheit ist und nicht aus zwei getrennten Hälften besteht. Das innere Leben, das Leben mit dem unsichtbaren Gott hat seine Ziele und Aufgaben immer wieder auf dem Gebiete des äußern Lebens, und wenn es sich hier nicht betätigt, so ist es tot. Und umgekehrt ist für einen in Gott lebenden Menschen die materielle Welt nicht ein gleichgiltiges oder gar feindseliges Chaos, wie es die gnostischen Sekten im 2. Jahrhundert behaupteten,6 son|690dern sie ist die Gotteswelt, in der ihm dieser Gott immer höhere und reichere Offenbarungen erschließt. Jesus, der doch wahrhaftig kein Materialist war, hat diese Einheit gesehen und behauptet, und darum führte er in seinen Gleichnissen die Menschen immer wieder zur äußern Welt und rief ihnen zu: Seht ihr, so geht’s zu, wenn Gott wirkt; so soll es auch bei euch zugehen. Und wir haben heute gesehen, dass er dabei bis zuletzt geblieben ist. Wollen wir geistiger sein als er? Hüten wir uns, dass wir nicht darüber seinen tiefen und umfassenden Sinn für das wirkliche Leben verlieren, in dem der Geist wirken soll. Freuen wir uns, dass wir im Abendmahl einen erlösenden Hinweis haben auf die Einheit dessen, das unser menschliches Denken freilich trennen muss und dessen Getrenntheit uns doch täglich so viele Wunden schlägt.

Und dies materielle Element im Abendmahl kann uns von einer andern Seite im selben Sinn wertvoll werden. Gerade weil wir dabei nicht bloß einen Akt geistiger Erinnerung vollziehen, sondern ein Stück äußern sichtbaren Lebens, gerade darum stellt es uns die Tatsache vor Augen, dass auch Jesus einst durch dies äußere sichtbare Leben gegangen ist, dass er seine Freuden und Leiden gekostet hat wie unsereins. Wenn wir als Erinnerung und Fortsetzung seiner letzten Mahlzeit Brot essen und Wein trinken, so wird uns das Jesus menschlich näher bringen, wir werden uns davor hüten, den Verkehr mit Gott in einer überspannten Weise auf den sogenannten Geist beschränken zu wollen, wir werden uns freuen, dass durch den Herrn, der auf Erden ging, auch diese sichtbare Welt Gottes geworden ist.

Und nun sei noch auf etwas Anderes hingewiesen. Die sogenannte rein geistige Erbauung, wie wir sie uns durch Predigthören, durch Lektüre, auch wohl durch einen stillen Spaziergang verschaffen können, ist vorwiegend der Art, dass dabei unser Geist in Tätigkeit versetzt wird. Wir müssen dabei überlegen, geistig arbeiten sogar, Entschlüsse fassen. Ein vor kurzem erschienener Katalog über religiöse Literatur trägt den bezeichnenden Titel: «Zum Aufbau eines neuen religiösen Lebens».7 Die Meinung ist offenbar die: durch das Lesen |691 der betreffenden Bücher könne und solle der Mensch sein religiöses Leben aufbauen. Die Vorstellung ist nicht so unrichtig, wenn mir auch andre Bücher dazu wichtiger sind als manche von den in jenem Katalog genannten. Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen [vgl. 2.Thess. 3,10], wer nicht nachdenken, sich innerlich bewegen, sich entschließen will, der kommt auch zu keinem eigenen innern Leben. Aber es ist doch eine Vorstellung, die ihre sehr gefährliche Seite hat. Dann nämlich, wenn sie so verstanden wird, als könne man sich das Leben mit Gott zurechtmachen durch Studium und durch hohe Entschlüsse. Darüber kann uns Gott undeutlich werden, der uns macht und nicht wir ihn. Und das ist die Gefahr aller rein geistigen Erbauung. Das Abendmahl mit seinen materiellen Sinnbildern ruft uns sehr nachdrücklich das Andere in Erinnerung: Was hast du, das du nicht empfangen hättest? [1.Kor. 4,7] Und was Paulus einmal in anderm Sinne sagt, kann man wörtlich auf das Abendmahl anwenden: «Wir haben aber solchen Schatz in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns.» [2.Kor. 4,7] Gerade weil es zunächst etwas Äußerliches ist, erinnert uns das Abendmahl, dass die Brunnen in der Tiefe unsrer Seele ihre Wasser bekommen haben aus der weiten Gotteswelt und dass wir immer wieder auf diese Gotteswelt angewiesen sind, wenn wir nicht in uns selbst verdorren wollen.

Und es entspricht dem nur, wenn es endlich sehr wesentlich ist, dass dies äußere Empfangen unsrerseits in einer äußern Handlung zum Ausdruck kommt. Zwingli hat mit Recht Nachdruck darauf gelegt, dass der Gang zum Abendmahl ein Glaubensbekenntnis darstelle.8 Wir wollen stehen zu der freudigen Gewissheit, dass uns in Christus die Türe zum Vater aufgetan ist. Du möchtest dies Bekennt|692nis lieber innerlich ablegen? Es ist recht, wenn du es tust, es ist sogar absolut nötig, dass du es innerlich tust. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten [Joh. 4,24]. Aber meinst du, dass es darum keinen Wert habe, das, was du innerlich erlebst und tust, in der Gemeinschaft mit den Andern zum feierlichen Ausdruck zu bringen? Ist die Fahne, um die sich die Soldaten scharen, oder die Abzeichen, in denen die Studenten ihre Zusammengehörigkeit erkennen, oder der Trauring, den Brautleute austauschen, sind das wertlose Dinge, weil sie etwas Äußerliches sind? Gewiss, es sind lauter Hilfsmittel für das Gefühl, an und für sich wären sie bunte Lappen und Spielereien ohne innern Wert. Und doch legt man den innern Wert hinein und möchte sie nicht missen. So sei dir auch das Abendmahl Fahne, Abzeichen und Trauring für deine Zusammengehörigkeit mit Christus und den Brüdern und Schwestern. Es sei dir Sinnbild dafür, dass diese Zusammengehörigkeit nicht ein Zustand sein soll, der in den abstrakten Regionen des Geistes bleibt, sondern ein Zustand deines wirklichen, täglichen Lebens in dieser äußern Welt, der wir nicht davonlaufen dürfen.

Meine Freunde! Ich möchte euch bitten, euch über Alles das Rechenschaft zu geben. Ich glaube, wo der Christenglaube nicht oberflächlich, sondern fein und tief und umfassend ist, da wird man auch für das Abendmahl Verständnis und Freudigkeit haben. Ich glaube, dass es ein Mittel der Gnade Gottes ist, für das wir dankbar sein dürfen so gut wie für das Mittel des Wortes, durch das wir einander Gott und das wahre Leben nahezubringen suchen. Man kann das eine wie das andre Mittel geringschätzen. Man kann es aus verschiedenen Gründen tun, aus feinen und aus groben. Man tut es dann auf alle Fälle auf seine Verantwortung, und ich glaube nicht, dass sie leicht ist. Diese Adventszeit ruft uns wieder zu, acht zu haben auf den Herrn der Welt und der Seele, der vor der Tür steht und anklopft. Möchten ihrer Viele sein auch unter uns, die es recht verstehen, was das heißen wolle, dass er zu uns eingehen will, Abendmahl mit uns zu halten und wir mit ihm [vgl. Apk. 3,20].

Amen.
Lieder:
  • Nr. 87: «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von J. Rist, Strophen 1–2 und 4–6. 🎵
  • Nr. 161: «Herz und Herz vereint zusammen» von N. L. von Zinzendorf / Chr. Gregor / A. Knapp, Strophen 5–7 (RG 793,6.5.7; EG 251,5–7). 🎵
Lesungstext:
  • Johannes 6,22–59.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
b-b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩

Sachfußnoten

1
Von dieser Predigt schrieb Barth seiner Mutter: «Die Predigt über das Abendmahl gibt mir viel zu tun; ich bin hier nicht so recht in meinen Gewässern und muss mir einige Mühe geben, etwas Ordentliches zu bringen» (Briefkarte vom 29.11.1910 [KBA 9210.105]); im Nachhinein aber konnte er mitteilen: «Ich höre, dass die letzte Predigt doch von Vielen gern gehört wurde» (Brief an Fr. und A. Barth vom 10.12.1910 [KBA 9210.107]).↩
2
In Etwas über die Kirche! Speziell über die deutsche reformierte in Genf und was davon zu halten sei (V.u.kl.A. 1909–1914, S. 213–218) 📖 war Barth kurz zuvor ebenfalls auf die geringe Beteiligung am Gottesdienst und an anderen Gemeindeveranstaltungen eingegangen und hatte das Thema Abendmahlsfeier mit Verweis auf diese Predigt ausgeklammert. Von der «Passivität» der Genfer Gemeinde und dem Problem der hohen Fluktuation ihrer potentiell sehr vielen Mitglieder berichtet auch M. Jehle-Wildberger, Adolf Keller (1872–1963). ­Pionier der ökumenischen Bewegung, Zürich 2008, S. 60 📖.↩
3
Zu einer Infragestellung der bis dahin weitestgehend akzeptierten These, dass die Beziehung zum Tode Jesu von Beginn an der zentrale Gesichtspunkt des Abendmahls war, kam es um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zum einen durch die «konsequent-eschatologische Deutung des letzten Mahls Jesu» u. a. in: A. Schweitzer, Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, 2 Hefte, Tübingen 1901 📖, zum andern durch die u. a. von A. Eichhorn, Das Abendmahl im Neuen Testament, Leipzig 1898 📖, vertretene religionsgeschichtliche Ableitung des Abendmahls als einer Variante der weitverbreiteten «Theophagie»; vgl. zum Ganzen: G. Theißen / A. Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 20114, S. 361–364 📖.↩
4
Fr. Schiller, Wallensteins Lager, 11. Auftritt, Schlussverse 📖; dort: «Und ­setzet…».↩
5
Dieser Vers war ein Hauptargument Zwinglis im Abendmahlsstreit mit Luther. Vgl. bes.: U. Zwingli, Amica Exegesis, id est: expositio eucharistiae negocii ad Martinum Lutherum, CR 92 (= Sämtliche Werke, 5), S. 562–758, dort bes. S. 604–616 📖.↩
6
Zum zeitgenössischen Stand der Gnosis-Forschung vgl. A. Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 1: Die Entstehung des kirchlichen Dogmas, Tübingen 19094, S. 243–291 📖.↩
7
Eugen Diederichs Verlag, Zum Aufbau neuen religiösen Lebens. Bücher zur neuen idealistischen Bewegung (Katalog), Jena 1910 📖. Mit diesem und drei weiteren «Buntpapierkatalogen mit Aufsätzen verschiedener Autoren und Rezensionen der Bücher» wollte der Verlag «seine verlegerischen Absichten klarer machen» und die «ganze Kulturbreite» seines Programms sichtbar machen (I. Heidler, Der Verleger Eugen Diederichs und seine Welt [1896–1930] [Mainzer Studien zur Buchwissenschaft, 8], Wiesbaden 1998, S. 162 📖).↩
8
Vgl. H. Zwingli, De vera et falsa religione Commentarius, CR 90 (= Sämtliche Werke, 3), S. 628–911, dort S. 775 📖: «Est enim eucharistia gratiarum actio. Qui ergo in hac publica gratiarum actione interesset, toti se ecclesiae probaret ex eorum esse numero, qui Christo pro nobis exposito fiderent […].»↩