Wir gehen wieder einer Festzeit entgegen und gedenken da wie gewohnt zweimal
das Abendmahl zu feiern. Da würde
ich gerne einmal in besonderer Weise auf das Abendmahl zu reden kommen, weil
ich glaube, dass es nötig und vielleicht auch Vielen von euch nicht
unerwünscht ist. Es hat mich, seit ich hier bin, bemüht zu sehen, wie gering
die Beteiligung der Gemeinde, auch der
sonst kirchlich interessierten Gemeinde an dieser Feier ist.2 Ich musste oft an die schönen Abendmahlsgottesdienste
denken, die ich in Bern und anderswo
mitgemacht, wo man so recht das Gefühl hatte, einer Handlung der gro|678ßen, allgemeinen Volkskirche beizuwohnen, wo jeder
Einzelne sich getragen fühlte von der großen Menge der Andern, die mit ihm
desselben Glaubens leben. Ein solches erhebendes Gefühl wird 2 einem hier in Genf mindestens sehr schwer gemacht, weil man fast den Eindruck
hat, es seien hier nur gewissermaßen die religiösen Spezialisten, wenn ich
so sagen darf, die sich zu dieser Feier einfinden. Das ist mir aber
jedenfalls der rechte Sinn des Abendmahls nicht. Das Wort Gottes ist eine große Freude, die allem Volke widerfahren soll
[vgl. Lk. 2,10], weil alles
Volk sie herzlich nötig hat. Und das gilt auch vom Wort Gottes im Sinnbild
des Abendmahls. Ich möchte gerne, dass meine Predigt den Erfolg hätte, dass
die Vielen unter euch, die dem Abendmahl bis jetzt aus bestimmten oder
unbestimmten Gründen in der Regel ferngeblieben sind, sich besinnen, ob sie
das mit Recht tun und ob sie damit nicht etwas Großes und Wertvolles sich
entgehen lassen. Und den Andern, denen das Abendmahl etwas wert ist, die
ihrerseits aus bestimmten oder unbestimmten Gründen je und je daran
teilzunehmen pflegen, ihnen kann ich vielleicht den Dienst tun, ihnen zu
helfen, innerlich bewusster und freudiger und häufiger sich zu dieser
schönen Feier einzufinden. Denn es ist eine schöne Feier, und es handelt
sich dabei um etwas Großes und Wertvolles, wenn wir uns nur die Mühe nehmen
wollen, ein wenig in ihren Sinn einzudringen und uns nicht mit einem
oberflächlichen Urteil zu begnügen.
Wir wollen zuerst versuchen zu sehen, was das Abendmahl ursprünglich gewesen
ist nach dem ältesten Bericht des Neuen Testaments, um dann daraus einige
Gedanken zu entnehmen, die uns das Verständnis erleichtern können für seine
Bedeutung für uns und unser Leben.
Die Erzählung des Markusevangeliums von dem ersten Abendmahl
steht mitten in einer Schilderung des letzten Abends im Leben Jesu, des
Tages vor dem Karfreitag. Wenn
wir diese Abschnitte lesen, so stehen wir unter dem Eindruck einer
Gewitterschwüle, wie sie dem Sturm voranzugehen pflegt. Noch bietet das
Leben der Natur im Ganzen den gewohnten Anblick, aber das Verstummen der
Vögel und ein verdächtiges Rauschen in den Baumkronen kündet an, dass bald
3 etwas anders werden wird. Es muss auch in
den Seelen Jesu und seiner Jünger
damals so etwas wie Gewitterschwüle geherrscht haben. Sie |679 wussten, dass etwas hinter ihnen lag und dass nun etwas
Gewaltiges, Neues unmittelbar bevorstand. Hinter ihnen lag die Wanderzeit
von Galiläa – wir
wissen nicht, ob sie drei Jahre oder nur ein Jahr gedauert hat –, die
Zeit, in der Jesus unermüdlich immer wieder zu der Herde trat, die keinen
Hirten hatte [vgl. Mt. 9,36], um sie ins Reich Gottes zu versammeln, um ihnen den Gehorsam, die Liebe, das Vertrauen in die Herzen zu senken als das Einzige,
was ein Menschenleben reich und gut machen kann. Das war die Zeit, in der
aus dem reinen, tiefen Innern Jesu jene gewaltigen, schlichten Aussprüche
und Gleichnisreden über Gott und die Welt und den Menschen hervorgegangen
sind, um einen Boden zu finden in bedürftigen Seelen, jene Worte, von denen
er mit Recht gesagt hat: Himmel und Erde werden vergehen, aber diese meine
Worte vergehen nicht [Mk. 13,31 par.], denn wir sind in 1900 Jahren nicht fertig geworden,
sie zu erschöpfen, und wir werden niemals damit fertig werden. Und das war
die Zeit, wo in der Kraft Gottes, die von ihm ausging, Ereignisse geschehen sein müssen,
Taten der Liebe an Kranken und Unglücklichen, die unser Verstand weder zu
begreifen noch zu widerlegen vermag und die jene Zeit, auch
wenn wir ihre Geschehnisse noch so kritisch überlegen, als eine Zeit
außerordentlicher, wunderbarer Dinge charakterisieren. Das lag hinter ihnen.
|
Und was lag vor ihnen? Nach der stillen Hoffnung der Jünger lag vor ihnen die Zeit noch größerer
Herrlichkeit, die Zeit des offenbaren, mit Händen greifbaren Gottesreiches
auf Erden. Auf die Verborgenheit in Galiläa sollte nun die Aufrichtung des Messiasthrones in
Jerusalem folgen. Der
endgültige Sieg stand nun vor der Türe. Auch Jesus dachte, dass nun der Sieg
vor der Türe stehe; aber anders. Er hatte über die Wege Gottes längst tiefer
nachgedacht als seine Freunde, und es betrübte ihn, dass sie ihn nicht
besser verstanden als so. Ein Messiasthron auf dem Tempelberg von
4 Jerusalem, Sieg über die Römer, Sieg über
alle Weltreiche, das wäre doch noch nicht der Sieg Gottes gewesen. Denn Gott
ist Geist [Joh. 4,24], soll
er siegen, so muss der Geist der Liebe, des Gehorsams,
des Zutrauens die Macht unter den Menschen werden. Aber was hätte ein
Weltreich, auch das größte und herrlichste, mit diesem Geist zu tun? Und so
erkannte Jesus mit steigender Klarheit das Andre, was vor ihm lag, den Weg
des Opfers seiner eigenen Person. Er wusste, dass die herrschenden Leute |680 in Jerusalem ihm feind waren, aber er sagte sich bei
sich selber: Ich muss sie gewähren lassen, es wird gerade so gut sein. Und
darum hat er sich ohne Aufenthalt in ihre Mitte, in den Rachen des Löwen
begeben. Es lag in diesem Entschluss die Entfaltung des Höchsten, was Jesus
war und brachte. Es musste das Neue in der Geschichte der Menschen sich
ereignen, dass die Güte als Liebe sich offenbarte, als die Gesinnung, der
nichts an der eigenen Person liegt. Das war der Sieg Gottes, den Jesus vor
der Tür stehen sah. Denn in solcher Güte, in solcher Gesinnung sollte die
göttliche Art über die menschliche triumphieren. Es sollte die Vollendung
und Krönung alles dessen sein, was Jesus gesagt und getan, es sollte damit
die Begründung des wahren Gottesreiches unter den Menschen mit Sicherheit und für Alle
Zeiten vollzogen werden. Denn etwas Größeres und Wirksameres kann es nicht
geben, als wenn ein reiner und guter Mensch sagt: Auf mich selber kommt es
nicht an; es gibt etwas, was nötiger ist als mein Glück und als meine
Existenz, und wenn er dann sein Glück und seine Existenz freudig hingibt um
des andern willen, das nötiger ist. Das wollte Jesus tun, und das sah er an
jenem Abend unmittelbar vor sich. Und wenn es wie Gewitterschwüle auch über
seiner Seele lag, so sah er doch jenseits des nahenden Sturmes bereits
wieder den hellen Himmel, das ewige Licht Gottes, das umso herrlicher
leuchten sollte, wenn Alles vorüber war.
Und nun kam Jesus mit seinen Jüngern
zu einer Mahlzeit zusammen; nach dem Bericht desa
Evangeliums wäre es eine Passahmahl 5
zeit gewesen, wie sie die
frommen Israeliten abzuhalten pflegten zum Gedächtnis an den Auszug aus
Ägypten. Sie kamen
zusammen in dem Hause eines dem Namen nach unbekannten Freundes b-in Bethanien-b, die Jünger mit
ihren Gedanken und Jesus mit den seinigen. Es sollte das letzte Mal sein,
dass sie ruhig beieinander waren, und wir verstehen es, dass schon darum
diese Stunde und das, was sie brachte, den Jüngern unvergesslich geblieben
ist. Sie war es aber auch darum, weil sie sich später sagen mussten, dass
jenes letzte Beisammensein von einer innern Bedeutsamkeit war, die weit über
das hinausging, was sie persönlich anging. Der ganze Inhalt des Lebens Jesu
war in dieser |681 Stunde zusammengedrängt. Hier der
Knecht Gottes, der in höchster Spannung sich bereitete, den Willen Gottes bis zum Letzten zu tun,
und um ihn herum die Andern, die auch in höchster Spannung waren, die auch
an Gott dachten und denen es doch dabei um etwas ganz Anderes zu tun war als
um den Willen Gottes, die das Große, das sie in Jesus sahen, so deuteten:
nun gehe es zu ewigem Glück und Wohlsein, die Gott verstanden als den
Erfüller ihrer Wünsche. Es lag ein Abgrund zwischen ihnen und dem Meister,
und das war der Abgrund, der die Menschen und ihre Gedanken trennt von Gott
und seinen Gedanken. So berührt uns Gottes überlegenes Wesen von Jugend auf
und immer wieder, wie Jesus dort die Seinen berührte, so tut er uns mitten
in unserm Dasein immer wieder den Weg der ewigen Wahrheit auf, wie Jesus dort die Seinen zum
letzten Mal einlud: hier bin ich, nehmt mich auf, werdet, wie ich bin. So
ist er uns nahe in den Führungen unsres Lebens, in allem Guten und Schönen,
in Allem, was uns vorwärts weist, so sitzt er mit uns zu Tische, wenn wir
nur die Augen auftun wollen, und doch ist er uns unendlich ferne, solange
wir den Schritt nicht getan haben, der von uns selbst zu ihm führt. Das
Alles sahen die Jünger damals noch
nicht. Sie fühlten wohl Spannung auf die Zukunft, aber sie merkten nicht,
dass diese Zukunft, weil sie die Zukunft Gottes war, nicht in der Niederlage der
Römer bestehen musste, sondern in ihrer eigenen 6
Niederlage, nicht im Triumph ihrer Wünsche, sondern im Triumph der Liebe.
Später verstanden sie, was geschehen war, verstanden es, dass es die
Gottheit war, die damals mit der Menschheit Tischgemeinschaft hielt.
Und nun fiel zuerst jenes Wort: einer von euch, der mit mir isst, wird mich
verraten [Mk. 14,18 par.].
Es hätte wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel auf sie wirken müssen, denn
es kam wie ein Blitzstrahl aus einer andern Welt in ihre Gedanken und
Erwägungen hinein. Es hätte ihnen zeigen müssen, wohin der Weg ging und wie
es mit ihnen selbst stand. Aber es hatte diese Wirkung nicht. Der Gedanke
erregte sie zwar, keiner wollte derjenige sein, aber doch nur, weil sie es
nicht fassen konnten, dass einer im Moment, wo das Größte bevorstand, sein
Glück so wahnwitzig aufs Spiel setzen könne. Sie erkannten die tiefe
Verwandtschaft nicht, die zwischen ihrer Gesinnung bestand und dem
Unglücklichen, der die Gesinnung Tat werden ließ und um Geldgewinnes und
Weltgewinnes willen den Meister preisgab. |682 Und so ging
dieses Wort an ihnen vorüber wie so manches Andre, ohne tiefern Eindruck.
Seine Zeit war noch nicht gekommen.
Und dann mag Jesus über dem Essen zuerst jenes Wort gesprochen haben, das im
Bericht des Markus
erst zuletzt erwähnt wird: Wahrlich, ich sage euch: ich werde nicht
mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, da ich es neu
trinken werde im Reiche Gottes. Im Lukasevangelium steht es, wohl
richtiger, am Anfang [Lk. 22,16], denn von hier aus müssen wir Alles Übrige begreifen. Es
ist neuerdings von einigen Gelehrten die Meinung aufgestellt worden, das
Abendmahl habe ursprünglich
gar keine Beziehung auf den nahen Tod Jesu gehabt.3 Aber durch dies Wort scheint mir
diese Meinung widerlegt zu sein, auch dann, wenn der ausdrückliche Hinweis
auf das «Blut, das für Viele vergossen wird», erst eine spätere Hinzufügung
zu den Worten Jesu wäre. Jesus wusste, dass die Entscheidung bevorstand, und er wusste, was
die Jünger nicht wussten, wie diese
Entscheidung aus7fallen würde. Er war sich klar
darüber, dass die Mächtigen in Israel ihn nicht nur ablehnten, sondern
bekämpften bis auf den Tod. Er war sich klar darüber, dass das Werk des
Hasses und der Hinterlist bereits im Gange war, die Augen des Judas konnten ihm das nicht
verheimlichen. Und er war sich endlich klar über sich selbst, dass er nicht
ausweichen dürfe, dass es an ihm sei, das Werk des Hasses in ein Werk der
Liebe zu verwandeln. Und diese Gewissheit lag nun wie ein schwerer Druck auf
ihm; er hätte kein Mensch sein müssen, wenn es anders gewesen wäre. Noch
sitzt er im vertrauten Kreis der Seinigen beim heitern Genuss der guten
Gaben Gottes, aber er weiß: es ist zum letzten Mal. «Ich werde nicht
mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks.» Die Teilnahme an Allem,
was die Menschen freut und |683 glücklich macht, ist nun
vorbei. Auch Jesus konnte fröhlich sein mit den Fröhlichen [vgl. Röm. 12,15], auch Jesus war
glücklich; es wird uns von Stunden seines Lebens berichtet, die das ganz
deutlich erkennen lassen [vgl. z. B. Mk. 2,19 par.]. Aber über Freud und Leid stand ihm der
Gehorsam gegen
den Gott, der in ihm redete. Und nun wandte er sich von der Freude dem Leid
zu, um gehorsam zu sein im einen wie im andern. Es ist nicht ein Widerspruch
zu seiner Hoheit,
sondern es bringt uns seine Hoheit menschlich nahe, dass wir in diesem Wort
den Schatten des Abschieds über seine Seele gleiten sehen. Denn sofort tritt
neben den Abschied die Gewissheit des Wiedersehens, der höhern Zukunft. Ich
werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks, bis ich es neu
trinken werde im Reiche Gottes. Hat Jesus die Vorstellungen
seiner Volksgenossen geteilt von einem Jenseits, in dem die Frommen mit
Abraham, ihrem Vater, zu
Tische sitzen? [vgl. Lk. 13,29] Vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber ich meine, im
Gewand dieser Vorstellung denkt er doch etwas ganz Anderes als seine
Volksgenossen. Ihm eröffnet sich im Augenblick, wo er den Gütern des Lebens
Valet sagt, der Ausblick in eine unermessliche Zukunft, da er als der ewig
Auferstandene leben wird in einer erlösten Menschheit, die die Güter des Lebens
neu 8 genießen wird, wie sie es vorher nicht
konnte, deren neuem Sinn die Welt erst recht ein Vaterland sein wird. Ich
werde es neu trinken im Reiche Gottes. Es wird die Brücke geschlagen sein zwischen Gott und der
Welt, weil ich in der Welt und für die Welt leben werde. Weil
ich für die Welt leben muss, muss ich für die Welt sterben. Darum der
Abschied. Aber weil ich für die Welt sterbe, werde ich für die Welt leben.
Darum die zukunftssichere Siegesgewissheit.
Und nun geht das Wort des einsamen, auch da noch unverstandenen Mannes über
in die Handlung. Wir müssen nicht denken, dass das, was nun kam, ein Werk
kunstvoller Überlegung war. Jesus dachte nicht daran, ein Sakrament zu stiften, was wir heute
so nennen. Sondern wie aus unmittelbarer Eingebung des Augenblicks mag er
nach einem vor ihm liegenden Brot gegriffen haben, er sprach den Segen darüber, wie es wohl der
israelitische Hausvater im Kreis seiner Familie getan haben mag, er brach es
und gab es ihnen. Und so nahm er auch einen Becher, sprach den Segen darüber
und gab ihn ihnen. Und jedes Mal sagte er dazu: Nehmet, das ist mein
Leib, das ist mein Blut. |684 Man hat über den
Sinn dieser Worte unendlich viel geredet und geschrieben. Man hat zur
Auslegung dieses «Das ist» die künstlichsten und geistreichsten Theorien
gesponnen. Der Protestantismus ist darüber für Jahrhunderte in zwei sich
befehdende Konfessionskirchen auseinandergefallen. Man hat durch lauter
Erklärungen das Verständliche unverständlich gemacht. Man ist an der sehr
schlichten Wahrheit über alledem vielfach vorbeigegangen.
Jesu Seele ist erfüllt vom Abschied und von der Siegesgewissheit. Er weiß,
dass er von ihnen gehen muss. Aber er geht von ihnen, um wahrhaft bei ihnen
zu sein. Er weiß, dass sein Abschied um des Gehorsams willen das Gegenteil
eines Abschieds sein wird, wenn die Seinigen das Leben in sich aufnehmen,
das in ihm selbst ist. Er geht fort, um wahrhaft zu kommen. Das will er
ihnen sagen, obwohl er weiß, dass sie ihn jetzt noch nicht verstehen. Sie
werden mich verstehen, denkt er, wenn das Gewaltige, das kommen muss,
geschehen ist.
9 Und um ihnen das zu sagen, bedient er sich
derselben Redeweise, die er so oft auf den Feldern und Bergen von
Galiläa gebraucht, um ihre
verschlossenen Augen zu öffnen. Dort hatte er ihnen erzählt vom Säemann, der
ausging zu säen [Mk. 4,3
par.], und sie verstanden, dass er das Wirken Gottes meine, der seine Sonne
aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte
[vgl. Mt. 5,45] und dessen Arbeit
niemand hindern kann. Dort hatte er vom Hochzeitsmahl geredet, zu dem viele
Gäste geladen sind [Mt. 22,3], und sie verstanden, dass er Gott meine, der in dieser
wunderbaren Zeit seine Türe weit auftue. Und jetzt weist er hin auf Brot und
Wein vor ihnen auf dem Tisch, gibt es ihnen und sagt: Nehmet, das ist mein
Leib, das ist mein Blut. Und jetzt verstanden sie ihn freilich nicht, sie
sollten ihn aber nachher verstehen. Wir können ihn auch verstehen; wir
stehen ja alle im Lichte dessen, was nachher geschehen ist. Wie ihr das Brot
esst und den Wein trinkt, wollte er sagen, so nehmt jetzt mich selbst auf.
Wie ihr euch nährt an diesen sichtbaren Gaben Gottes, so nährt und stärkt
euch jetzt an mir, an meiner Person. Das Brot wird gebrochen, und der Becher
wird geleert, aber das gebrochene Brot wird nicht auf die Straße geworfen,
und der Inhalt des Bechers wird nicht auf den Boden geschüttet, sondern Brot
und Wein werden eure Nahrung. So gehe ich jetzt weg und in den Tod, aber was
da kommen wird, das sollt ihr nicht als eine Tücke des blinden Schicksals
auffassen, sondern ich tue es freiwillig |685 und gern,
weil ihr mich nur so recht erkennt, weil ich nur so in euch lebendig werden
kann. Ich gehe, weil ich kommen will, weil mein Leben euer Leben werden
soll. Dies mein Kommen habt ihr abgebildet in der Speise, die ich euch gebe.
Brot und Wein, die ihr esset und trinket aus meiner Hand, sei euch Gleichnis
und Sinnbild für meine Auferstehung in euch. Der Bericht des Evangeliums sagt, dass das
Wort über dem Becher
noch etwas ausführlicher gelautet habe: Dies ist mein Blut des Bundes,
das für Viele vergossen wird. Ich sehe nicht ein, warum diese
Erläuterung nicht schon von Jesus selbst herrühren sollte. Sie fügt zu dem
Gesagten nichts Neues hinzu. Was ich tue, tue ich euch zugut, damit der Weg,
den ich euch führen wollte, euch endgiltig offen sei und nicht 10 nur euch, sondern den Vielen, die nach euch und
durch euch diesen Weg betreten werden. Es wird so durch mein Blut, das
vergossen wird, der Bund geschlossen sein für Viele, der Bund mit Gott, der auch die schwerste Schuld dem
Menschen abnimmt und der auch in dem Schwächsten als Kraft zum Leben mächtig
sein wird. Das kann Jesus sehr wohl gesagt haben, und selbst wenn er es
nicht gesagt hätte, wäre es eine Ergänzung seiner Worte, die durchaus in
seinem Sinn ist.
Aber es liegt noch eine andre Bedeutung in diesem: Nehmet, das ist mein Leib,
das ist mein Blut. Eine andre und doch keine andre, möchte ich sagen. Wie
ihr Brot und Wein zu euch nehmet, so nehmet mich auf in euer Inneres, mich,
der sich jetzt im Gehorsam anschickt, sein Leben preiszugeben. c-Werdet so, wie ich bin, das sei eure Erlösung.-c
Aber nun merkt, was das heißen will: Von einem Brote
esst ihr und aus einem Becher trinkt ihr. Und so sei euch das
Aufnehmen meines Lebens in euer Leben zugleich das Einheitsband, das euch
untereinander verbinde. Mein Leben, das ich euch mitteile, indem ich von
euch gehe, es ist Liebe, Liebe zu euch, zu den Menschen. Und so wird das neue
Leben, das in euch entstehen soll, Liebe sein müssen. Der Mann hat Jesus gut
verstanden, der gesagt hat: So wir im Lichte wandeln, wie er im Licht ist,
so haben wir Gemeinschaft untereinander [1.Joh. 1,7]. Und wieder heißt es im Johannesevangelium:
«Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe
untereinander habt» [Joh. 13,35], und wieder ein andermal: Ihr seid meine Freunde, so ihr
|686 tut, was ich euch gebiete [Joh. 15,14]. Indem ich in euch
lebe, werdet ihr für die Andern leben, wie euch jetzt das gemeinsame Essen
und Trinken bedeutsam vereinigt. Es soll gar nicht zweierlei sein, die
Gemeinschaft mit Christus und die Gemeinschaft mit dem Bruder. Die Erde
bringt von ihr selbst erst das Gras, dann die Ähre, dann den vollen Weizen
in den Ähren [Mk. 4,28].
Es muss ein eigenartiger, ergreifender Vorgang gewesen sein, diese
Gleichnishandlung, in der der Meister noch einmal Alles, was er den Menschen
sein wollte, zum tiefsinnigen Ausdruck brachte, in der er ihnen noch einmal
seine Lösung des großen Welträtsels anbot, des 11
Welträtsels, das lautet: Wie wird der Mensch ein lebendiger Mensch? Ich will
es noch einmal zusammenfassen, was nach der Darstellung des Neuen Testaments
der Inhalt der Gleichnishandlung ist:
Christus nimmt Abschied vom Leben und von den Seinen. Aber weil er Abschied
nimmt im Gehorsam
gegen den Vater, darum weiß er, dass sein Abschied nicht Ende bedeutet,
sondern Anfang. Er
geht jetzt, um das Eine zu vollbringen, was die Menschen nötig haben: die
Offenbarung der Liebe, die bis zum
letzten Rest nicht das Ihre sucht. Der Kreuzestod des Unschuldigen soll ihnen
diese Offenbarung bringen. Und darum wird Christus kraft seines Todes leben
in den Seinen in der erlösten Menschheit. Nehmet, das ist mein Leib, das ist mein Blut! Und
sein Leben in den Seinigen wird das Band sein, das sie alle mit Gott und
untereinander verbindet.
Und ich sagte, es liege in dieser Gleichnishandlung die Lösung des
Welträtsels. Jesus meinte damit: Nehmt mich auf in euch, werdet wie ich. Und
das konnte in jenem Augenblick, in dem sich sein ganzes Dasein
zusammendrängte, nur das Eine besagen: Ich gehe mein Kreuz zu tragen um der Liebe willen.
Geht auch ihr, sterbet, um zu werden.
Denn setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.
4
Das Sterben gelte eurem Wünschen und Verlangen nach Glück und
Zufriedenheit, das neue Leben gelte der Liebe. Es sterbe das Ich, damit der
Mensch lebe und der Gott der Liebe in ihm sei und er in Gott.
687 Nach den Berichten, die uns im Lukasevangelium und im
1. Korintherbrief des Apostels Paulus über das erste Abendmahl überliefert sind, hätte Jesus noch hinzugefügt:
Solches tut zu meinem Gedächtnis! [Lk. 22,19; 1.Kor. 11,24f.] Das Markus- und
Matthäusevangelium wissen davon nichts, und es ist daher schwer, sicher zu
entscheiden, ob Jesus selbst schon an eine Wiederholung seiner
Gleichnishandlung gedacht hat. Aber das ist sicher, dass die Christen seit
urältesten Zeiten, wohl seit den Tagen kurz nach dem Aufhören der 12 Erscheinungen des Auferstandenen, diese
Wiederholung gefeiert haben.
Neben der Erzählung von den Worten und Taten des Herrn ist dieses
gewaltigste seiner Gleichnisse als gern erneuerte Handlung in
ihrer Mitte lebendig geblieben, als einmal die ganze Bedeutung des hinter
ihnen liegenden Todes Jesu, die wir vorhin vorausgenommen haben, ihnen
aufgegangen war. Die Apostelgeschichte erzählt, dass die ersten Christen
sich alltäglich beim Brechen des Brotes in ihren Häusern jenen ersten
bedeutsamen Vorgang in Erinnerung riefen [vgl. Act. 2,46]; erst später ist es
offenbar zu einer selteneren und eigentlichen gottesdienstlichen Handlung
gemacht worden. Immer aber hatte diese Handlung, wie Paulus schreibt, den Sinn, «den Tod des Herrn zu
verkündigen» [1.Kor. 11,26], selbstverständlich nicht als eine bloße historische
Reminiszenz, sondern immer als die Abbildung eines gegenwärtigen innern
Vorgangs, der Gemeinschaft, die der gekreuzigte Christus gestiftet zwischen
sich und den Seinen und zwischen den Seinen untereinander.
So ist das Abendmahl auf
uns gekommen. Wir können hier nicht alle die Wandlungen
verfolgen, die es in der Auffassung und Würdigung der wechselnden
Geschlechter durchgemacht hat. Halten wir fest, was das Neue Testament
darüber bietet: es ist ein Gleichnis, und das Gleichnis bedeutet:Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus, und das heißt
praktisch: sterben, sein Leben einsetzen um der Liebe willen, mit der uns
Christus geliebt hat. Diese Gemeinschaft ist abgebildet im Essen des Brotes
und Trinken des Weins, und weil es etwas Höheres nicht geben kann als solche
Gemeinschaft, ist es ein Abbild des ganzen Inhalts des Christentums.
Aber nun müssen wir uns ernstlich fragen, warum wir, dem Beispiel der ersten
Christen folgend, unsrerseits diese Wiederholung jener Mahlzeit Christi mit
den Seinen an unsern hohen Festen begehen |688 als
feierlichsten und schönsten Ausdruck unsres Glaubens. Das Verständnis
dessen, was Jesus damals wollte, dürfte den meisten Christen nicht schwer
sein, wenn sie auch nur ein wenig vertraut sind 13
mit seiner Person und seinem Evangelium. Aber hier bei unsrer
Feier, bei der Wiederholung, fängt
für viele Freunde und Gegner des Abendmahls die Schwierigkeit an.
Es möchte mir vielleicht jemand sagen: Jesu Gleichnishandlung an jenem
inhaltreichen Abend begreife ich wohl, ja ich freue mich daran, sie sagt mir
etwas, sie macht mir sein Leben und seinen Tod verständlicher. Ich möchte,
dass Alles das, was er dort in das Sinnbild hineinlegte, in mir Wirklichkeit
würde, ich möchte Gemeinschaft haben mit ihm und Gemeinschaft mit den
Brüdern. Aber wozu zu diesem Zweck die dramatische Wiederholung des
Sinnbilds hier in der Kirche? Ist es nicht genug, wenn ich die Liebe zu ihm
und den Brüdern in mein Herz aufnehme? Ich würde antworten: Gewiss ist es
genug und übergenug. Es handelt sich auch im Abendmahl darum und nur darum,
dass du Christus und die Brüder in dein Herz aufnehmest, wie es sich in der
Predigt darum und nur darum
handelt. Dort ist das gesprochene Wort, die vernünftige Erklärung und
Darlegung das Mittel, und dies Mittel wendet sich an deinen Verstand. Hier
ist das sinnbildliche Empfangen von Brot und Wein das Mittel, und dies
Mittel wendet sich an dein Gefühl. Das Mittel soll dir hier wie dort das
Evangelium bringen, die
Gewissheit, dass du in der Gemeinschaft, in der Gesinnung Jesu ein
befreiter, fröhlicher Mensch sein darfst. Warum sollten wir das eine Mittel
geringer achten als das andre, das Sinnbild vernachlässigen gegenüber der
Predigt? Das ist ja ganz klar, dass das eine wie das andre vergängliche
Mittel sind
und nicht die Sache selbst. Es wird keiner dadurch selig, dass er eine
Predigt hört und versteht, und es wird keiner dadurch ein andrer Mensch,
dass er am Tisch des Herrn Brot und Wein genießt. Der Geist ist’s,
der lebendig macht, das Fleisch ist nichts nütze [Joh. 6,63].5 Aber was man
gegen das Abendmahl offen oder im Stillen einwendet, es sei etwas
Äußerliches, das kann man auch vom |689 gesprochenen Wort
sagen. Gerade wer oft von Gott zu reden hat, weiß, wie oft der beste Duft
des Geistes verloren geht über der Notwendigkeit, den Geist in Worte zu
kleiden. Aber man wird zugunsten des einen wie des andern einwenden dürfen,
dass es nicht wohlgetan wäre, wegen 14 dieser
Gefahr der Entgeistigung auf seinen Gebrauch zu verzichten. Es kommt nur
auf dich an, ob Predigt und Abendmahl für dich innerliche oder
bloß äußerliche Ereignisse seien. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn
ich sogar sage, dass manche Christen in der Abendmahlsfeier die innerlichere
und geistigere Erbauung erfahren als in mancher Predigt. Die Predigt kann
schlecht sein oder abstrakt und unverständlich, was ja auch vorkommen soll,
oder sie kann aus andern Gründen zwar den Verstand des Menschen
beschäftigen, aber nicht ihn selbst treffen. Bei der sinnbildlichen Handlung
des Abendmahls tritt die zweite Person des Predigers zurück, da steht die
Seele in der Gemeinschaft der andern unmittelbar vor Gott, da
ist eine direkte Erhebung, ein unvermitteltes Reden mit Gott und Anhören
seines Wortes, ein individuelles Empfangen viel leichter und
wahrscheinlicher als dort.
Ich höre aber die Rede, dass bei diesem sinnbildlichen und doch wirklichen
Essen und Trinken ein materielles Element, ein sichtbarer
leiblicher Vorgang sich unangenehm in das Leben der Frömmigkeit eindränge.
Ich würde darauf erwidern: Ist es denn nicht nötig, dass unsre Frömmigkeit von Zeit zu Zeit in
nachdrücklicher Weise aus den Wolken des Geistes heruntergeholt werde?
Besteht denn ein solcher Graben zwischen unserm sogenannten innern und unserm sogenannten
äußern Leben? Ist es nicht
geradezu ein gefährlicher Fehler, wenn er besteht? Weil wir denken und wenn
wir denken, müssen wir freilich die Unterscheidung von Geist und Materie
machen. Aber das ändert doch nichts daran, dass der Mensch eine Einheit
ist und nicht aus zwei getrennten Hälften besteht. Das innere Leben, das
Leben mit dem unsichtbaren Gott hat seine Ziele und Aufgaben immer wieder
auf dem Gebiete des äußern Lebens, und wenn es sich hier nicht betätigt, so
ist es tot. Und umgekehrt ist für einen in Gott lebenden Menschen die
materielle Welt nicht ein gleichgiltiges oder gar feindseliges Chaos, wie es
die gnostischen Sekten im
2. Jahrhundert behaupteten,6 son|690dern sie ist die Gotteswelt, in der ihm dieser Gott immer
höhere und reichere Offenbarungen erschließt. Jesus, der doch wahrhaftig
kein Materialist war, hat diese Einheit gesehen und behauptet, und darum
führte er in seinen Gleichnissen die Menschen immer wieder zur 15 äußern Welt und rief ihnen zu: Seht ihr, so
geht’s zu, wenn Gott wirkt; so soll es auch bei euch zugehen. Und wir
haben heute gesehen, dass er dabei bis zuletzt geblieben ist. Wollen wir
geistiger sein als er? Hüten wir uns, dass wir nicht darüber seinen tiefen
und umfassenden Sinn für das wirkliche Leben
verlieren, in dem der Geist wirken soll. Freuen wir uns, dass wir im Abendmahl einen erlösenden Hinweis
haben auf die Einheit dessen, das unser menschliches Denken freilich trennen
muss und dessen Getrenntheit uns doch täglich so viele Wunden schlägt.
Und dies materielle Element im Abendmahl kann uns von einer
andern Seite im selben Sinn wertvoll werden. Gerade weil wir dabei nicht
bloß einen Akt geistiger Erinnerung vollziehen, sondern ein Stück äußern
sichtbaren Lebens, gerade darum stellt es uns die Tatsache vor Augen, dass
auch Jesus einst durch dies äußere sichtbare Leben gegangen ist, dass er
seine Freuden und Leiden gekostet hat wie unsereins. Wenn wir als Erinnerung
und Fortsetzung seiner letzten Mahlzeit Brot essen und Wein trinken, so wird
uns das Jesus menschlich näher bringen, wir werden uns davor hüten, den
Verkehr mit Gott in einer überspannten Weise auf den sogenannten Geist
beschränken zu wollen, wir werden uns freuen, dass durch den Herrn, der auf
Erden ging, auch diese sichtbare Welt Gottes geworden ist.
Und nun sei noch auf etwas Anderes hingewiesen. Die sogenannte rein geistige
Erbauung, wie wir sie uns
durch Predigthören, durch Lektüre, auch wohl durch einen stillen Spaziergang
verschaffen können, ist vorwiegend der Art, dass dabei unser Geist in
Tätigkeit versetzt wird. Wir müssen dabei überlegen,
geistig arbeiten sogar, Entschlüsse fassen. Ein vor kurzem erschienener
Katalog über religiöse Literatur trägt den bezeichnenden Titel: «Zum
Aufbau eines neuen religiösen Lebens».7 Die Meinung
ist offenbar die: durch das Lesen |691 der betreffenden
Bücher könne und solle der Mensch sein religiöses Leben
aufbauen. Die Vorstellung ist nicht so unrichtig, wenn mir auch
andre Bücher dazu wichtiger sind als manche von den in jenem Katalog
genannten. Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen [vgl.
2.Thess. 3,10], wer nicht
nachdenken, sich innerlich bewegen, sich entschließen 16 will, der kommt auch zu keinem eigenen innern Leben. Aber es ist doch eine
Vorstellung, die ihre sehr gefährliche Seite hat. Dann nämlich, wenn sie so
verstanden wird, als könne man sich das Leben mit Gott zurechtmachen durch
Studium und durch hohe Entschlüsse. Darüber kann uns Gott undeutlich werden,
der uns macht und nicht wir ihn. Und das ist die Gefahr aller rein geistigen
Erbauung. Das Abendmahl mit seinen materiellen Sinnbildern ruft uns sehr
nachdrücklich das Andere in Erinnerung: Was hast du, das du nicht empfangen
hättest? [1.Kor. 4,7] Und
was Paulus einmal in anderm Sinne
sagt, kann man wörtlich auf das Abendmahl anwenden: «Wir haben aber solchen Schatz in irdenen
Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns.»
[2.Kor. 4,7] Gerade weil
es zunächst etwas Äußerliches ist, erinnert uns das Abendmahl, dass die
Brunnen in der Tiefe unsrer Seele ihre Wasser bekommen haben aus der weiten
Gotteswelt und dass wir immer wieder auf diese Gotteswelt angewiesen sind,
wenn wir nicht in uns selbst verdorren wollen.
Und es entspricht dem nur, wenn es endlich sehr wesentlich ist, dass dies
äußere Empfangen unsrerseits in einer äußern Handlung zum Ausdruck kommt.
Zwingli hat mit Recht
Nachdruck darauf gelegt, dass der Gang zum Abendmahl ein Glaubensbekenntnis
darstelle.8 Wir wollen stehen zu der freudigen Gewissheit, dass
uns in Christus die Türe zum Vater aufgetan ist. Du möchtest dies Bekennt|692nis lieber innerlich ablegen? Es ist recht, wenn
du es tust, es ist sogar absolut nötig, dass du es innerlich tust. Gott ist
Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten
[Joh. 4,24]. Aber meinst
du, dass es darum keinen Wert habe, das, was du innerlich erlebst und tust,
in der Gemeinschaft mit den Andern zum feierlichen Ausdruck zu bringen? Ist
die Fahne, um die sich die Soldaten scharen, oder die Abzeichen, in denen
die Studenten ihre Zusammengehörigkeit erkennen, oder der Trauring, den
Brautleute austauschen, sind das wertlose Dinge, weil sie etwas Äußerliches
sind? Gewiss, es sind lauter Hilfsmittel für das Gefühl, an und für sich
wären sie bunte Lappen und Spielereien ohne innern Wert. Und doch legt man
den innern Wert hinein und möchte sie nicht missen. So sei dir auch 17 das Abendmahl Fahne, Abzeichen und Trauring für deine Zusammengehörigkeit mit Christus und den Brüdern und Schwestern.
Es sei dir Sinnbild dafür, dass diese Zusammengehörigkeit nicht ein Zustand
sein soll, der in den abstrakten Regionen des Geistes bleibt, sondern ein
Zustand deines wirklichen, täglichen Lebens in dieser äußern Welt, der wir
nicht davonlaufen dürfen.
Meine Freunde! Ich möchte euch bitten, euch über Alles das Rechenschaft zu
geben. Ich glaube, wo der Christenglaube nicht oberflächlich, sondern fein
und tief und umfassend ist, da wird man auch für das Abendmahl Verständnis und Freudigkeit haben. Ich
glaube, dass es ein Mittel der Gnade Gottes ist, für das wir
dankbar sein dürfen so gut wie für das Mittel des Wortes, durch das wir
einander Gott und das wahre Leben nahezubringen suchen. Man kann das eine
wie das andre Mittel geringschätzen. Man kann es aus verschiedenen Gründen
tun, aus feinen und aus groben. Man tut es dann auf alle Fälle auf seine
Verantwortung, und ich glaube nicht, dass sie leicht ist. Diese Adventszeit ruft uns wieder zu, acht
zu haben auf den Herrn der Welt und der Seele, der vor der Tür steht und
anklopft. Möchten ihrer Viele sein auch unter uns, die es recht verstehen,
was das heißen wolle, dass er zu uns eingehen will, Abendmahl mit uns zu
halten und wir mit ihm [vgl. Apk. 3,20].