Predigt: Malechi 3,1
Der Herr, den ihr sucht! Das ist ein Ton, der gut in die Weihnachtszeit passt, in die wir jetzt hineingehen. Denn in der Weihnachtszeit merken die Menschen, dass sie den Herrn suchen. Ich getraue mich zu sagen: alle Menschen. Die Einen jubelnd, die Andern seufzend. Die Einen sind sicher und freudig: Der Herr der Welt und der Seelen kommt und ist da. Die Andern sind mürrisch und protestieren: es gibt keinen Herrn, den ich zu suchen hätte. Den Einen wird das Herz warm in dem Gedanken:
Den Andern wird das Herz noch kälter als gewöhnlich, und sie
bemühen sich womöglich noch, express ein Christfest ohne Christus zu feiern.
Aber ich sage: sie suchen Alle den Herrn. Denn Suchen heißt
hier Sehnsucht haben, innerlich ausblicken und sich innerlich ausstrecken
nach dem, der größer ist als wir, nach etwas, was dem Leben Grund und Sinn
gibt. Der Größere und das Etwas ist aber Gott, ob man’s so nennen will oder nicht. Nach dem haben sie Alle
Sehnsucht und in der Weihnachtszeit mehr als sonst. Denn da geht ein Brausen und
Klingen von Gott durch die Luft, das keiner überhören kann. Der Lärm des
Geschäftslebens und der
sogenannten Weihnachtsfeste kann es übertönen, aber nicht unterdrücken. Es
kann da Keinem ganz entgehen, dass Andre den kennen und haben, der größer
ist als sie, dass Andre sich herzlich freuen darüber, dass ihr Leben einen
Grund und |695 Sinn bekommen hat. Er kann über diese
Tatsache die Achseln zucken, aber er sieht sie doch; denn es ist eine von
den Tatsachen, die man nicht übersehen kann. Und weil er sie sieht, hat er
auch Sehnsucht danach; denn man kann sie nicht sehen ohne Sehnsucht. Es ist
aber eine bekannte Sache, dass Sehnsucht in vielen Fällen als Gleichgiltigkeit oder
Abscheu verkleidet zum äußern Ausdruck kommt. Wer tiefer sieht, wird sich
dadurch nicht irre machen lassen: das menschliche Seelenleben ist ein
Gebilde, das man nicht nach dem Augenschein beurteilen darf. Ich gestehe
z. B., dass ich gegen das, was jetzt wieder anfängt, die vielen Weihnachtsfeste, die keine
sind noch sein wollen, große Abneigung empfinde. Ich komme über die
Unwahrheit und Sentimentalität der Sache nicht hinweg und kann darum keine
Freude daran haben. Aber ich muss mir sagen, dass, wenn man tiefer geht,
auch eine andre Betrachtungsweise möglich ist. Ja es ist wahr, es werden
jetzt wieder in Dutzenden von Vereinen und in Hunderten von Familien die
Weihnachtslichter angezündet, und Keiner sieht das
Weihnachtslicht, wie wenn die Menschen selbst die Illustration liefern
wollten zu dem Worte: Das Licht scheinet in der Finsternis, und die
Finsternis hat es nicht begriffen [
Der Herr, den ihr sucht! Das ist die Weihnachtsbotschaft, die Allen etwas zu sagen hat, auch den Andern, auch denen, die schon gefunden haben, denen, die sich in diesen Tagen mit Bewusstsein und Willen der Weihnacht freuen, nicht bloß des bescheidenen oder prunkvollen Weihnachtsbaumes, sondern des Kindleins in der Krippe, das in die Welt gekommen ist, um uns zu sagen, dass Gott unser Freund sein will. Vielleicht gibt es in der Gottessehnsucht überhaupt nur Gradunterschiede im Grund der Herzen und vor dem Auge Gottes. Denn die an Gott nicht vorübergehen, als ginge er sie nichts an, die ihn kennen und ehren und lieben als den freundlichen Vater, der die Macht ist über ihrem Leben, die wissen erst recht zu sagen von dem innern Ausblicken und Ausstrecken nach Mehr von Gott. Wir spüren ihn, wir haben ihn, wir möchten ihm gehorsam sein, aber wir spüren auch, wie wenig wir ihn spüren und haben, wie lückenhaft unser Gehorsam und wie schwach unser Vertrauen ist. Es ist doch Keiner, der nicht Wochen und Tage und Stunden kennt, wo ihn der Zweifel plagt: wie kann ich Gott recht sehen? und die Mutlosigkeit: wie kann ich Gott recht dienen? Und so gehören wir in einem Sinn wohl Alle zu denen, die noch draußen sind, und möchten einstimmen in das ewige Gebet, das ein altes deutsches Volkslied kindlich und schlicht so ausspricht:
697 Ja, «dein Hof so rein, dein Haus so hell», das müsste ein
starkes, überlegenes, fröhliches Leben sein, ein Leben, wo es nicht mehr
heute hieße: «himmelhoch jauchzend» und morgen: «zu Tode betrübt»,3
sondern dessen köstlicher Gehalt zugleich der Ausgleich
wäre zwischen den Glücks- und Unglücksempfindungen, zwischen denen wir jetzt
hin- und herschwanken. Es müsste ein Leben sein ohne die leidige Spannung,
ohne den heimlichen oder offenen Gegensatz zu den Interessen, Gedanken,
Bestrebungen der Mitmenschen, den wir wohl zu Zeiten vergessen können und
der uns doch nachher nur umso tiefer das Herz bluten macht. Sondern es
müsste da der Friede mit uns selbst so recht zugleich der Friede mit den
Andern sein. Es müsste uns nichts Menschliches mehr fremd und widerwärtig sein,4 sondern Alles liebevoll
verständnisvoll aufgenommen in die Kraft unsres überlegenen, guten Geistes.
Es müsste ein Leben sein, wo die Frage «Wozu?» aufhört, die wir jetzt wohl
dämpfen, aber nicht zum Schweigen bringen können. Denn es wäre ein Leben,
das in sich selbst und ohne Weiteres die Antwort auf jene Frage wäre. So
etwas ist offenbar gemeint, wenn jetzt das Weihnachtsevangelium wieder kommt und
sagt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [
Aber eben: wir suchen. Wir stehen vor dem Hoftor Gottes, und es ist uns gewiss Allen schon so gegangen, dass es uns war, als würde uns dies Hoftor vor den Augen zugeschlagen gerade im Moment, wo wir einzutreten dachten. Und in dieser Weihnachtszeit mag es Manchem so gehen: Er hört wohl die Botschaft von der großen Freude von Weitem oder von Nahem, aber er hat keine große Freude daran. Er sieht, dass es bei andern Menschen ganz anders steht, die können in lauten Jubel ausbrechen, wenn sie von Gott und dem Leben reden hören, denen sieht man’s noch mehr an dem stillen, wortlosen Glanz |698 ihrer Augen ana, und man spürt es an dem warmen, freundlichen Druck ihrer Hand, dass sie Gott und das Leben wirklich haben. Die können sich wohl freuen an der Weihnachtsbotschaft, sie wissen warum. Aber er wüsste nicht, worüber er sich freuen sollte. Er muss daneben stehen, wie es einem gehen kann, wenn der Briefträger in ein Haus gekommen ist. Für Alle hat er etwas gebracht. Alle greifen neugierig und erfreut nach dem Ihrigen, aber ihm hat er nichts gebracht. Zu ihm ist kein Bote Gottes gekommen; denn der Bote Gottes müsste ihm doch Freude bringen, wenn das Evangelium die Wahrheit redet.
Und gerade die Freude bleibt aus. Und statt ihrer kommen nun eine Reihe von Boten zu uns, die wir eher geneigt sind, als Boten des bösen Feindes denn als Boten Gottes zu betrachten; denn sie führen uns statt in die Freude in den Schmerz, statt in die Sicherheit in die Unsicherheit, statt in die Heiterkeit in den Ernst. Wie soll es uns weihnachtlich zumute sein, weihnachtlich, d. h. gottesgegenwärtig, wenn wir ein Jahr hinter uns haben, in dem wir von Leid und Unglück wie verfolgt waren? Ja, wenn so eins nach dem andern den Menschen trifft an schweren, schmerzlichen Dingen, wie das Leben sie bringt, wem ist’s dabei noch nie so gegangen, dass ihm der Gott, der uns große Freude verheißt, in nebelhafte Ferne entschwand, und zwischen Gott und uns trat eine andre Macht, und von dieser fühlten wir uns nun eigentlich abhängig, von dort dachten wir uns das Schlimme, das uns traf, herkommend. Von Schlägen und Tücken des Schicksals redeten wir, wenn wir an unser Unglück dachten; von Gott erwarteten wir wohl Trost im Unglück, wenn wir etwas von ihm erwarteten, aber dass das Unglück, dass das sogenannte Schicksal Gottes Wille und Schickung sei, das entging uns, und so dachten wir auch nicht daran, es als Boten Gottes zu verstehen. Es redete ja nicht von Freude, sondern von Schmerz. – |
Zu einem andern ist nicht das Unglück gekommen, aber die
Versuchung. Er ist am Rande eines
moralischen Abgrunds gestanden, und er steht vielleicht immer noch daran in
der Erwägung, dass die Blumen, die dort wachsen, schön sind. Wohl widersteht
er, aber er fühlt sich dabei so alleingelassen, es zieht ihn so riesengroß
und mächtig. Jetzt braucht er in seinem Innern bereits als Entschuldigung
seiner |699 selbst, was
Was dann? Was war das, was da von außen in sein Leben hineindrang, hindernd und störend? Was wie eine Sternschnuppe aus einer andern fernen, feindseligen Welt in den ruhigen See seines Innenlebens fiel, Kreise ziehend immer weitere, Schlamm aufwühlend, den glatten Spiegel, in dem sich Mond und Sterne freundlich abbildeten, roh verwüstend, bis der ruhige See unruhig seine Ufer überschwemmte und samt seiner Umgebung zu einem Bilde des Chaos wurde? Woher, wozu das Alles? Ein Bote Gottes? Siehe, ich verkündige euch große Freude? Hat es nicht unsre moralische Sicherheit in Unsicherheit verwandelt? Hat es nicht in ausdrücklichsten Worten vom Gegenteil eines freudigen Lebens in Gott zu uns geredet? – |
Und beim Dritten ist über Nacht die
Vergänglichkeit eingetreten und hat zu ihm das
kurze Wort gesagt: Die Welt vergeht [
Also, so weit wir blicken: Schmerz statt Freude, Unsicherheit statt Sicherheit, Ernst statt Heiterkeit, und ich bin sicher, es könnte jedes |700 von uns das Bild dieses Gegensatzes noch mit weitern Zügen aus seinem eigenen Leben vermehren. Was sollen wir sagen, wenn wir an diesen Gegensatz denken? Wo bleiben die Boten Gottes an uns? Sollen wir auf andre Boten warten, die uns Freude, Sicherheit, Heiterkeit ins Herz reden? Es haben manche Menschen ihr Leben lang auf Zeichen und Wunder des Gottes der Freude gewartet, und sie sind nicht gekommen. Oder sollen wir annehmen, das Weihnachtsevangelium habe unrecht, wenn es von der Freude rede, die allem Volke widerfahren soll, und es sei und werde das Hoftor Gottes, das zum lebendigen Leben führt, nur wenigen bevorzugten Sonnenkindern geöffnet, und die Andern müssten draußen stehen in Nacht und Kälte?
Seht, nun denke ich an ein Wort, das der Prophet
Gott ist die Güte. Daraus geht zweierlei hervor. Erstens: Es verhält sich nicht so, dass Gott dich auch nur einen Augenblick dem Wirrwarr der Dinge, die dir passieren und die wir «gute» oder «böse» zu nennen pflegen, überlässt. Sondern in all diesen Dingen, den guten und den |701 bösen, waltet eine ewige Gerechtigkeit. Gott ist diese Gerechtigkeit, und sie waltet wirklich, es gibt in seinem ganzen Reiche keine Provinz, die er an einen Statthalter abgetreten hätte, etwa an den Teufel oder an das Schicksal, und es gibt auch keine Macht neben ihm, sonst wäre er nicht Gott. Des allwaltenden Gottes Güte und Gerechtigkeit aber geht nicht ins Allgemeine, sondern sie betrifft dich. Der Gott, der Alles in der Hand hält, meint es gut mit dir, und was er tut, das tut er, um seine gute Meinung mit dir zur Erfüllung zu bringen. – |
Und nun das Zweite, was uns besonders wichtig ist, wenn wir vom Gottsuchen reden. Wenn Gott die Güte ist, so heißt Gott kennen und haben gut werden. Das ist Gottes gute Meinung mit dir, dass du gut werden darfst. Wenn du gut wirst, dann hast du die große Freude, vorher nicht. Merkst du etwas? Viele Menschen merken gerade an diesem Punkt nichts und gehen dann an Gott und seiner Freudenbotschaft enttäuscht vorüber. Sie warten, wie ich schon gesagt, ihr Leben lang auf besondere Boten Gottes, die ihnen Freude, Sicherheit und Heiterkeit direkt ins Herz reden sollten. Die kommen dann nicht, und statt dessen kommen ganz andere Dinge. Und darüber werden sie müde und vergrämt, und das Wort von Gott erscheint ihnen als ein matter, ungenügender Trost. Unterdessen aber sind die Boten dagewesen, die Boten des gütigen Gottes, dessen freundliche Meinung dahin geht, uns zu guten Menschen zu machen.
Wenn wir Sehnsucht haben nach Gott als dem Herrn, der unser Leben zu einem freudigen, schönen
Leben mache, dann müssen wir achthaben auf die Verheißung: Siehe, ich will meinen Engel
senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Wenn Gott zu uns
kommen soll, so muss vor ihm der Weg bereitet
werden; das will sagen: wir Menschen müssen in den innern Zustand versetzt
werden, der es möglichb
macht, dass der lebendige Gott der Freude in uns wohne und wir in
ihm. Es ist kein Zufall, dass schon das Alte Testament an verschiedenen
Stellen auf diese Tatsache Nachdruck legt. «Machet die Tore weit und die
Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe.» So im
Gott schickt seine Boten vor sich her, um den Weg zu bereiten, um die Tore weit und die Türen in der Welt hoch zu machen, um uns herzurichten zu Wohnungen des ewigen Lebens und der ewigen Freude.
Und wenn wir also hergerichtet werden müssen für das Leben und die Freude,
dann heißt das, dass wir zuerst zu gütigen und gerechten Menschen
hergerichtet werden müssen, wie Gott gütig und gerecht ist. Das verstehen
wir so oft nicht, und das müssen wir verstehen lernen. Der Gott, von dessen
Ehre alle Lande voll sind und von dessen Ehre auch wir voll werden dürfen,
der Herr Zebaoth, ist heilig [vgl.
Dazu wollen uns Gottes Boten zubereiten, und nun wollen wir nur nicht zu lange suchen, wenn wir uns nach den Boten Gottes in unserm Leben umsehen. Nicht nach Zeichen und Wundern, nicht nach außerordentlichen Erlebnissen und besondern Offenbarungen der Gnade Gottes, nicht nach herrlichen Führungen direkt in den Himmel. Nicht nach Erfahrungen, die uns von Andern als möglich bezeichnet werden, sondern nach den Erfahrungen, die wir wirklich machen. Denn Gott ist nicht der Gott des Möglichen, sondern des Wirklichen. Und es mag so groß und wahr sein als möglich, was Andere erlebt haben, wenn wir zu ihm kommen wollen, kommt Alles darauf an, dass wir in unserm eigenen Leben, und zwar in dem Leben, wie es wirklich ist, ihn erleben, sonst wäre unsre Ankunft kein Erlebnis und darum auch nicht wahr.
Besinne dich auf deine wirklichen Erlebnisse und lerne sie verstehen. Viele
Menschen wissen nur von traurigen Erlebnissen zu reden, von Erfahrungen der
Art, wie wir sie vorhin genannt: Unglück, Versuchung,
Vergänglichkeit. Wir
wollen nicht mit ihnen streiten, ob sie mit ihrem «nur» recht haben, weil
wir alle die Gefahr kennen und ihr unzählige Male erlagen, diese traurigen
Ereignisse so recht als das Gegenteil der göttlichen Freudenbotschaft zu verstehen,
uns durch sie irre machen zu lassen, über ihnen müde und vergrämt zu werden.
Wir wollen darum gerade von ihnen und nur von ihnen reden, denn wir reden
dann jedenfalls von Erfahrungen, die wir Alle schon gemacht haben und
machen. Und noch aus einem andern Grund: es steht nämlich nach der Ordnung
in der Welt Gottes so, dass gerade sie und nur sie die Boten Gottes sind, die Gottes Weg bei
uns und in uns herrichten. Es steht so, dass Johannes der
Zu dir ist das Unglück gekommen in einer kurzen oder langen Reihenfolge kleiner oder großer Ereignisse, die dich nicht nur äußerlich, sondern innerlich wundgerieben haben. Und nun denkst du bei dir selber über dich selber: wenn’s noch lange so fortgeht, dann bin ich nicht nur wundgerieben, sondern aufgerieben, dann wird die Nebelwand, die mich jetzt von Gott und dem rechten Leben trennt, zu einer Mauer, über die ich nicht hinwegkomme. Ja, wie steht’s denn damit? Steht’s nicht vielleicht so, dass im Unglück eine Mauer aufgebaut werden muss zwischen dir und Gottes Freude, weil Gott an der Arbeit ist, zuerst die Mauer zwischen dir und Gottes Güte niederzureißen: Bei aller Freude an Gott, die du vorher empfandest oder die du doch vom Hörensagen wertschätztest, waren da vielleicht doch deine Selbstsucht, dein Hochmut, deine Eitelkeit oder deine Oberflächlichkeit und Gleichgiltigkeit – Alles vielleicht verborgen, nur dir selbst und Gott bekannt, aber Alles Dinge, die mit Gottes Güte nichts gemein haben. Denen wird durch dein Unglück plötzlich der Boden entzogen. Du kannst jetzt die Freude an dir selbst und deinem Glück, an deiner Gesundheit, deinem Wohlstand, deinem guten Ruf nicht mehr mit der Freude an Gott verwechseln, denn diese Freude entgleitet dir aus den Händen, und du meinst selbst, dass bald nichts mehr davon übrigbleibt. Und mit der Oberflächlichkeit und Gleichgiltigkeit, die du für gottesgewisse Zufriedenheit hieltest, ist es auch vorbei, denn es ist eine tiefe Unzufriedenheit an die Stelle getreten, die du selbst durchaus nicht oberflächlich und gleichgiltig behandelst. Steht es nicht so, dass in der Tat etwas wundgerieben werden muss in dir, dass es mit dem Unglück vielleicht noch viel länger so weitergehen muss, bis das Etwas bei dir aufgerieben ist, nämlich dein Ich, das sich von den Schlägen des Unglücks so peinlich berührt fühlt? Gütig bist du nicht, und gerecht bist du nicht, wie du sein müsstest, damit Gott in dir wohne und du ein rechtes Leben lebest, wenn dein «Ich» das Herr|705schende in dir ist. Sieh, nun kommt der Bote Gottes und verleidet dir das Ich; zeigt er sich darin nicht so recht als Gottes Bote, des Gottes, der heilig ist? Glaube mir das Eine: bist du einmal mit Gottes Güte im Reinen, ist da die trennende Mauer verschwunden, dann wird Gott auch die andre, die Schüttmauer6 wieder verschwinden lassen, die er jetzt zwischen dir und seiner Freude aufrichten muss, damit du ihn recht erkennest. Nachher, du kannst dich darauf verlassen, aber nicht vorher.
Zu dir ist die
Versuchung gekommen und hat dir die Sicherheit
genommen, mit der du dich auf deine moralische Kraft verließest. Vielleicht
bist du in Sünde gefallen, offen oder
heimlich, vielleicht hast du dich gerade so durchgeschlagen und hast der
Versuchung nicht geradezu nachgegeben, indem du, wie uns die alten Maler den
heiligen Antonius in der
Wüste schildern, den Kopf in die Fäuste stemmtest und nicht rechts noch
links sahst.7
Aber so oder so. Es ist doch etwas hängen
geblieben. Du hast gespürt: es hätte auch anders gehen können. Es bleibt das
dumpfe Gefühl in dir zurück von einer Macht des Bösen in dir, die stärker sein könnte als
das, was die Andern, die dich nicht kennen wie du dich selbst, deine
«natürliche gute Anlage» nennen. So, nun sieh, da kommt die Versuchung und
sagt dir, du habest geschlafen, wenn du meintest, es sei genug getan mit dem
natürlichen Guten, das dir
angeboren ist, du müssest hinaus über das Natürliche, um anzufangen gut zu
sein. Ja, es mag so sein, dass dein Inneres aufgewühlt und verstört ist wie
der stille Bergsee, in den ein Meteor gefallen ist. Es mag so sein. Es muss
so sein zu Zeiten. Es muss manch|706mal sein, dass wir
aufgemuntert, aufgerüttelt werden zur Selbstbesinnung, zum moralischen
Rechnungsabschluss nicht bloß durch Worte in guten Büchern und von der
Kanzel herunter, sondern durch Ereignisse und Gelegenheiten, die wildfremd
in unser Leben hineinschneien und uns zu schaffen und über uns selbst zu
denken geben. Sie sind Boten Gottes an dich, auch die Versuchungen. Und es
gibt vielleicht keinen dringendern und wirksamern Boten Gottes als die moralische Unsicherheit, als das
Verzagen an deiner sittlichen Kraft, das sich jetzt wie ein Schatten über
deine Weihnachtsfreude zu
legen scheint. Du weißt, was die Bibel sagt: Selig ist der Mann, der die
Anfechtung erduldet, denn
nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens
empfangen [
Und zu dir ist die Vergänglichkeit gekommen, und während du von Gott ein heiteres Herz und frohen Mut erwartetest, hat sie dir unfrohen, bittern Ernst gepredigt. Du hast sterben sehen. Du spürst es an dir selbst und an Andern, wie die Jahre fliehen, und wie gering, wie verschwindend gering ihr Ertrag für unser Leben ist, wie wenig Bleibendes ist in dem, was dir im Lauf der Zeiten wertvoll und groß war. Ist sie darum ein Bote des Todes, die Vergänglichkeit, die uns anredet, wenn wir an frischen Gräbern stehen und wenn wir gewahr werden, wie der Faden unsres Lebens unaufhaltsam abläuft? Ich denke, manche von euch kennen das Bild von Alfred Rethel8 «Der Tod als Freund».9 Zu dem greisen Wächter und Glockenläuter ist im Pilgergewand der Tod in die Turmstube getreten und hat ihm mit leiser, gewissenhafter Hand das Glockenseil weggenommenc. Das ist nun vorbei. Aber hinten am fernen Horizont, jenseits der zeitlebens treu bewachten Stadt, da geht eben der Morgen auf, und die leblosen Augen des Entschlafenen sehen in die Sonne. Leblos? Nein, sie sehen jetzt das ewige Licht. Ich habe das Bild zu Hause unter meine Uhr gehängt, und es sagt mir mit der Uhr zusammen: Die Zeit vergeht, die Welt vergeht. Aber indem die Zeit und das Zeitliche vergeht, geht die
707

708 Und nun sieh dich um in deinem eigenen Leben, ob die vielen traurigen
Erfahrungen, die du zu machen hast, nichts, auch gar nichts von der Art der
Boten Gottes an sich haben? Von der Art der Weihnachtsboten? Von der Art der
Boten der Erlösung? Du weißt, was
das heißt: Erlösung. Es kommt von Los; wir sollen los werden.
Von was? Von alledem an uns und unserm Leben, was bloß Ich ist, was bloß
natürlich ist, bloß zeitlich. Über das hinaus sollen wir hinein in die
Reinheit Gottes, in die
Kraft erkämpften und geschenkten guten Willens, in das ewige Licht eines
beständigen Lebens. Das ist die Erlösung. Es hat mir einmal jemand gesagt:
die allermeisten Menschen erlebten doch wohl viel mehr Trauriges als
Fröhliches. Ich sage: wenn das wahr ist – und es kann wahr sein, dann
ist eben darum das Andre wahr, dass zu den allermeisten Menschen viel mehr
Boten Gottes kommen, als sie selbst ahnen. Die traurigen Erlebnisse, gerade
sie sind die Gotteskräfte der Erlösung, die an uns arbeiten. Sie sind die
Boten Gottes, und nun kommt es nur darauf an, ob sie uns zu Hause treffen
und ob wir für sie zu sprechen sind. Darauf
kommt’s an. Es erleben viele Menschen viel Trauriges; aber sie hören
Gottes Rede nicht, die in der Traurigkeit an sie ergeht. Sie verkennen
Gottes Boten,
wie die Juden
der uns die Türe auftut zur Freude Gottes.
Seht, nun tritt in diesen Advents-
und Weihnachtstagen wieder
Christus in unsre Mitte. Er ist nichts Anderes als das offenbar gewordene
Geheimnis des Lebens. Wir werden durch Mühsal und Leiden und Sterben, wir
werden durch die Boten Gottes
zu Gott selbst geführt. Wenn der Weg bereitet ist, dann kommt der Herr zu
seinem Tempel, dann kommen wir zu ihm. Als der Gekreuzigte und
darum
|709 als der Auferstandene tritt er unter
uns und sagt uns: Folget mir nach, die ihr nach Gott Sehnsucht
habt, folget mir nach, die ihr auferstehen möchtet im Geist und
in der Wahrheit, denn es kann der Jünger nicht über seinem Herrn sein [vgl.
Du aber, nimm zur Erkenntnis der Boten Gottes den Vers aus
- Nr. 86: «Gott sei Dank in aller Welt» von
H. Held , Strophen 1–4 (RG 369; EG 12 [je mit Textabweichungen]). - Nr. 93: «Dein König kommt in niedern Hüllen» von
Fr. Rückert , Strophen 1.2.4.5 (RG 371; EG 14 [je mit geringen Textabweichungen]). - Zur Kommunion Nr. 213: «Geist der Liebe, Geist der Gnaden» von
K. R. Hagenbach , Strophen 1.3.5.
-
Psalm 24 .