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        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 54</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 14,22-25</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 14,22-25, 4. Dezember 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53056 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53056</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 54: Predigt: Markus 14,22-25</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">56</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 14,22-25 (2. Advent), 4. Dezember 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1497">KBA 1032</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-12-04">4. Dezember 1910</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-12-04">Sonntag, den
                            4. Dezember 1910</date><note xml:id="n01">Von dieser
                            Predigt schrieb Barth seiner Mutter: «Die Predigt über das Abendmahl
                            gibt mir viel zu tun; ich bin hier nicht so recht in meinen
                            Gewässern und muss mir einige Mühe geben, etwas Ordentliches zu
                            bringen» (Briefkarte vom 29.11.1910 [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9210.105</idno>]); im Nachhinein
                            aber konnte er mitteilen: «Ich höre, dass die letzte Predigt doch
                            von Vielen gern gehört wurde» (Brief an Fr. und A. Barth vom
                            10.12.1910 [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9210.107</idno>]).</note> 
                            <date rend="right">(2. Advent)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.22 Mk.14.25">Markus 14,22–25</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Und indem Jesus und seine Jünger
                                    aßen, nahm er Brot, sprach den Segen darüber, brach es und
                                    gab es ihnen und sagte: Nehmet, das ist mein Leib. Und er
                                    nahm einen Becher, sprach den Segen darüber und gab ihn
                                    ihnen, und sie tranken Alle daraus. Und er sagte zu ihnen:
                                    Das ist mein Blut des Bundes, das für Viele vergossen wird.
                                    Wahrlich, ich sage euch: ich werde nicht mehr trinken vom
                                    Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, da ich es neu trinken
                                    werde im Reiche Gottes.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir gehen wieder einer Festzeit entgegen und gedenken da wie gewohnt zweimal
                    das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> zu feiern. Da würde
                    ich gerne einmal in besonderer Weise auf das Abendmahl zu reden kommen, weil
                    ich glaube, dass es nötig und vielleicht auch Vielen von euch nicht
                    unerwünscht ist. Es hat mich, seit ich hier bin, bemüht zu sehen, wie gering
                    die Beteiligung der <term type="Sachen" key="Abendmahl, Beteiligung der Gemeinde">Gemeinde</term>, auch der
                    sonst kirchlich interessierten Gemeinde an dieser Feier ist.<note xml:id="n02">In <bibl corresp="kbga-bibls-2825">
                                <hi rend="italic">Etwas über die Kirche! Speziell über
                            die deutsche reformierte in Genf und was davon zu halten sei</hi>
                        (V.u.kl.A. 1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p213#p213">S. 213–218</ref>)</bibl> war Barth kurz zuvor
                        ebenfalls auf die geringe Beteiligung am Gottesdienst und an anderen
                        Gemeindeveranstaltungen eingegangen und hatte das Thema Abendmahlsfeier
                        mit Verweis auf diese Predigt ausgeklammert. Von der «Passivität» der
                        Genfer <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Gemeinde</term> und dem Problem der hohen Fluktuation ihrer
                        potentiell sehr vielen Mitglieder berichtet auch <bibl corresp="kbga-bibls-4">
                                M. Jehle-Wildberger, <hi rend="italic">Adolf Keller (1872–1963).
                            ­Pionier der ökumenischen Bewegung</hi>, Zürich 2008,
                        S. 60</bibl>.</note> Ich musste oft an die schönen Abendmahlsgottesdienste
                    denken, die ich in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und anderswo
                    mitgemacht, wo man so recht das Gefühl hatte, einer Handlung der gro<pb xml:id="p678" ed="pga" break="no"/>ßen, allgemeinen <term type="Sachen" key="Kirche, Volkskirche">Volkskirche</term> beizuwohnen, wo jeder
                    Einzelne sich getragen fühlte von der großen Menge der Andern, die mit ihm
                    desselben Glaubens leben. Ein solches erhebendes Gefühl wird <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> einem hier in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> mindestens sehr schwer gemacht, weil man fast den Eindruck
                    hat, es seien hier nur gewissermaßen die religiösen Spezialisten, wenn ich
                    so sagen darf, die sich zu dieser Feier einfinden. Das ist mir aber
                    jedenfalls der rechte Sinn des <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahls</term> nicht. Das Wort <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Gottes</term> ist eine große Freude, die allem Volke widerfahren soll
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>], weil alles
                    Volk sie herzlich nötig hat. Und das gilt auch vom Wort Gottes im Sinnbild
                    des Abendmahls. Ich möchte gerne, dass meine Predigt den Erfolg hätte, dass
                    die Vielen unter euch, die dem Abendmahl bis jetzt aus bestimmten oder
                    unbestimmten Gründen in der Regel ferngeblieben sind, sich besinnen, ob sie
                    das mit Recht tun und ob sie damit nicht etwas Großes und Wertvolles sich
                    entgehen lassen. Und den Andern, denen das Abendmahl etwas wert ist, die
                    ihrerseits aus bestimmten oder unbestimmten Gründen je und je daran
                    teilzunehmen pflegen, ihnen kann ich vielleicht den Dienst tun, ihnen zu
                    helfen, innerlich bewusster und freudiger und häufiger sich zu dieser
                    schönen Feier einzufinden. Denn es ist eine schöne Feier, und es handelt
                    sich dabei um etwas Großes und Wertvolles, wenn wir uns nur die Mühe nehmen
                    wollen, ein wenig in ihren Sinn einzudringen und uns nicht mit einem
                    oberflächlichen Urteil zu begnügen.</p>
                <p>Wir wollen zuerst versuchen zu sehen, was das Abendmahl ursprünglich gewesen
                    ist nach dem ältesten Bericht des Neuen Testaments, um dann daraus einige
                    Gedanken zu entnehmen, die uns das Verständnis erleichtern können für seine
                    Bedeutung für uns und unser Leben.</p>
            
                <p rend="margin-top">Die Erzählung des Markusevangeliums von dem ersten Abendmahl
                    steht mitten in einer Schilderung des letzten Abends im Leben Jesu, des
                    Tages vor dem <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term>. Wenn
                    wir diese Abschnitte lesen, so stehen wir unter dem Eindruck einer
                    Gewitterschwüle, wie sie dem Sturm voranzugehen pflegt. Noch bietet das
                    Leben der Natur im Ganzen den gewohnten Anblick, aber das Verstummen der
                    Vögel und ein verdächtiges Rauschen in den Baumkronen kündet an, dass bald
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> etwas anders werden wird. Es muss auch in
                    den Seelen Jesu und seiner <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term>
                    damals so etwas wie Gewitterschwüle geherrscht haben. Sie <pb xml:id="p679" ed="pga"/> wussten, dass etwas hinter ihnen lag und dass nun etwas
                    Gewaltiges, Neues unmittelbar bevorstand. Hinter ihnen lag die Wanderzeit
                    von <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> – wir
                    wissen nicht, ob sie drei Jahre oder nur ein Jahr gedauert hat –, die
                    Zeit, in der Jesus unermüdlich immer wieder zu der Herde trat, die keinen
                    Hirten hatte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.36">Mt. 9,36</ref>], um sie ins Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> zu versammeln, um ihnen den <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term>, die <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, das Vertrauen in die Herzen zu senken als das Einzige,
                    was ein Menschenleben reich und gut machen kann. Das war die Zeit, in der
                    aus dem reinen, tiefen Innern Jesu jene gewaltigen, schlichten Aussprüche
                    und Gleichnisreden über Gott und die Welt und den Menschen hervorgegangen
                    sind, um einen Boden zu finden in bedürftigen Seelen, jene Worte, von denen
                    er mit Recht gesagt hat: Himmel und Erde werden vergehen, aber diese meine
                    Worte vergehen nicht [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.31">Mk. 13,31</ref> par.], denn wir sind in 1900 Jahren nicht fertig geworden,
                    sie zu erschöpfen, und wir werden niemals damit fertig werden. Und das war
                    die Zeit, wo in der Kraft <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gottes</term>, die von ihm ausging, Ereignisse geschehen sein müssen,
                    Taten der Liebe an Kranken und Unglücklichen, die unser Verstand weder zu
                    begreifen noch zu widerlegen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wundertaten">vermag</term> und die jene Zeit, auch
                    wenn wir ihre Geschehnisse noch so kritisch überlegen, als eine Zeit
                    außerordentlicher, wunderbarer Dinge charakterisieren. Das lag hinter ihnen.
                    |</p>
                <p> Und was lag vor ihnen? Nach der stillen Hoffnung der <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> lag vor ihnen die Zeit noch größerer
                    Herrlichkeit, die Zeit des offenbaren, mit Händen greifbaren Gottesreiches
                    auf Erden. Auf die Verborgenheit in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> sollte nun die Aufrichtung des Messiasthrones in
                        <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> folgen. Der
                    endgültige Sieg stand nun vor der Türe. Auch Jesus dachte, dass nun der Sieg
                    vor der Türe stehe; aber anders. Er hatte über die Wege Gottes längst tiefer
                    nachgedacht als seine Freunde, und es betrübte ihn, dass sie ihn nicht
                    besser verstanden als so. Ein Messiasthron auf dem <placeName ref="kbga-places-953">Tempelberg</placeName> von
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Jerusalem, Sieg über die Römer, Sieg über
                    alle Weltreiche, das wäre doch noch nicht der Sieg Gottes gewesen. Denn Gott
                    ist Geist [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>], soll
                    er siegen, so muss der Geist der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, des <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsams</term>,
                    des Zutrauens die Macht unter den Menschen werden. Aber was hätte ein
                    Weltreich, auch das größte und herrlichste, mit diesem Geist zu tun? Und so
                    erkannte Jesus mit steigender Klarheit das Andre, was vor ihm lag, den Weg
                    des Opfers seiner eigenen Person. Er wusste, dass die herrschenden Leute <pb xml:id="p680" ed="pga"/> in Jerusalem ihm feind waren, aber er sagte sich bei
                    sich selber: Ich muss sie gewähren lassen, es wird gerade so gut sein. Und
                    darum hat er sich ohne Aufenthalt in ihre Mitte, in den Rachen des Löwen
                    begeben. Es lag in diesem Entschluss die Entfaltung des Höchsten, was Jesus
                    war und brachte. Es musste das Neue in der Geschichte der Menschen sich
                    ereignen, dass die Güte als Liebe sich offenbarte, als die Gesinnung, der
                    nichts an der eigenen Person liegt. Das war der Sieg Gottes, den Jesus vor
                    der Tür stehen sah. Denn in solcher Güte, in solcher Gesinnung sollte die
                    göttliche Art über die menschliche triumphieren. Es sollte die Vollendung
                    und Krönung alles dessen sein, was Jesus gesagt und getan, es sollte damit
                    die Begründung des wahren <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottesreiches</term> unter den Menschen mit Sicherheit und für Alle
                    Zeiten vollzogen werden. Denn etwas Größeres und Wirksameres kann es nicht
                    geben, als wenn ein reiner und guter Mensch sagt: Auf mich selber kommt es
                    nicht an; es gibt etwas, was nötiger ist als mein Glück und als meine
                    Existenz, und wenn er dann sein Glück und seine Existenz freudig hingibt um
                    des andern willen, das nötiger ist. Das wollte Jesus tun, und das sah er an
                    jenem Abend unmittelbar vor sich. Und wenn es wie Gewitterschwüle auch über
                    seiner Seele lag, so sah er doch jenseits des nahenden Sturmes bereits
                    wieder den hellen Himmel, das ewige Licht Gottes, das umso herrlicher
                    leuchten sollte, wenn Alles vorüber war.</p>
                <p> Und nun kam Jesus mit seinen <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term>
                    zu einer Mahlzeit zusammen; nach dem Bericht des<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     Evangeliums wäre es eine Passahmahl <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>
                    <term type="Sachen" key="Passahmahl">zeit</term> gewesen, wie sie die
                    frommen Israeliten abzuhalten pflegten zum Gedächtnis an den Auszug aus
                        <placeName ref="kbga-places-379">Ägypten</placeName>. Sie kamen
                    zusammen in dem Hause eines dem Namen nach unbekannten Freundes <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>in <placeName ref="kbga-places-1140">Bethanien</placeName><note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, die Jünger mit
                    ihren Gedanken und Jesus mit den seinigen. Es sollte das letzte Mal sein,
                    dass sie ruhig beieinander waren, und wir verstehen es, dass schon darum
                    diese Stunde und das, was sie brachte, den Jüngern unvergesslich geblieben
                    ist. Sie war es aber auch darum, weil sie sich später sagen mussten, dass
                    jenes letzte Beisammensein von einer innern Bedeutsamkeit war, die weit über
                    das hinausging, was sie persönlich anging. Der ganze Inhalt des Lebens Jesu
                    war in dieser <pb xml:id="p681" ed="pga"/> Stunde zusammengedrängt. Hier der
                    Knecht <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Knecht Gottes">Gottes</term>, der in höchster Spannung sich bereitete, den Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> bis zum Letzten zu tun,
                    und um ihn herum die Andern, die auch in höchster Spannung waren, die auch
                    an Gott dachten und denen es doch dabei um etwas ganz Anderes zu tun war als
                    um den Willen Gottes, die das Große, das sie in Jesus sahen, so deuteten:
                    nun gehe es zu ewigem Glück und Wohlsein, die Gott verstanden als den
                    Erfüller ihrer Wünsche. Es lag ein Abgrund zwischen ihnen und dem Meister,
                    und das war der Abgrund, der die Menschen und ihre Gedanken trennt von Gott
                    und seinen Gedanken. So berührt uns Gottes überlegenes Wesen von Jugend auf
                    und immer wieder, wie Jesus dort die Seinen berührte, so tut er uns mitten
                    in unserm Dasein immer wieder den Weg der ewigen <term type="Sachen" key="Wahrheit, ewige">Wahrheit</term> auf, wie Jesus dort die Seinen zum
                    letzten Mal einlud: hier bin ich, nehmt mich auf, werdet, wie ich bin. So
                    ist er uns nahe in den Führungen unsres Lebens, in allem Guten und Schönen,
                    in Allem, was uns vorwärts weist, so sitzt er mit uns zu Tische, wenn wir
                    nur die Augen auftun wollen, und doch ist er uns unendlich ferne, solange
                    wir den Schritt nicht getan haben, der von uns selbst zu ihm führt. Das
                    Alles sahen die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> damals noch
                    nicht. Sie fühlten wohl Spannung auf die Zukunft, aber sie merkten nicht,
                    dass diese Zukunft, weil sie die Zukunft <term type="Sachen" key="Zukunft, Gottes">Gottes</term> war, nicht in der Niederlage der
                    Römer bestehen musste, sondern in ihrer eigenen <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>
                    Niederlage, nicht im Triumph ihrer Wünsche, sondern im Triumph der Liebe.
                    Später verstanden sie, was geschehen war, verstanden es, dass es die
                    Gottheit war, die damals mit der Menschheit Tischgemeinschaft hielt.</p>
                <p>Und nun fiel zuerst jenes Wort: einer von euch, der mit mir isst, wird mich
                    verraten [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.18">Mk. 14,18</ref> par.].
                    Es hätte wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel auf sie wirken müssen, denn
                    es kam wie ein Blitzstrahl aus einer andern Welt in ihre Gedanken und
                    Erwägungen hinein. Es hätte ihnen zeigen müssen, wohin der Weg ging und wie
                    es mit ihnen selbst stand. Aber es hatte diese Wirkung nicht. Der Gedanke
                    erregte sie zwar, keiner wollte derjenige sein, aber doch nur, weil sie es
                    nicht fassen konnten, dass einer im Moment, wo das Größte bevorstand, sein
                    Glück so wahnwitzig aufs Spiel setzen könne. Sie erkannten die tiefe
                    Verwandtschaft nicht, die zwischen ihrer Gesinnung bestand und dem
                    Unglücklichen, der die Gesinnung Tat werden ließ und um Geldgewinnes und
                    Weltgewinnes willen den Meister preisgab. <pb xml:id="p682" ed="pga"/> Und so ging
                    dieses Wort an ihnen vorüber wie so manches Andre, ohne tiefern Eindruck.
                    Seine Zeit war noch nicht gekommen.</p>
                <p>Und dann mag Jesus über dem Essen zuerst jenes Wort gesprochen haben, das im
                    Bericht des <persName ref="kbga-actors-9167">Markus</persName>
                    erst zuletzt erwähnt wird: <hi rend="italic">Wahrlich, ich sage euch: ich werde nicht
                        mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu dem Tag, da ich es neu
                        trinken werde im Reiche Gottes</hi>. Im Lukasevangelium steht es, wohl
                    richtiger, am Anfang [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.16">Lk. 22,16</ref>], denn von hier aus müssen wir Alles Übrige begreifen. Es
                    ist neuerdings von einigen Gelehrten die Meinung aufgestellt worden, das
                        <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> habe ursprünglich
                    gar keine Beziehung auf den nahen Tod <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term> gehabt.<note xml:id="n03">Zu einer Infragestellung der bis dahin weitestgehend
                        akzeptierten These, dass die Beziehung zum Tode Jesu von Beginn an der
                        zentrale Gesichtspunkt des Abendmahls war, kam es um die Wende vom 19.
                        zum 20. Jahrhundert zum einen durch die «konsequent-eschatologische
                        Deutung des letzten Mahls Jesu» u. a. in: <bibl corresp="kbga-bibls-2827">
                                <persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Das Abendmahl im
                            Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des
                            Urchristentums</hi>, 2 Hefte, Tübingen 1901</bibl>, zum andern durch die
                        u. a. von <bibl corresp="kbga-bibls-2828">
                                <persName ref="kbga-actors-9325">A. Eichhorn</persName>, <hi rend="italic">Das Abendmahl im Neuen Testament</hi>,
                        Leipzig 1898</bibl>, vertretene religionsgeschichtliche Ableitung des
                        Abendmahls als einer Variante der weitverbreiteten «Theophagie»; vgl.
                        zum Ganzen: <bibl corresp="kbga-bibls-2829">
                                <persName ref="kbga-actors-9326">G. Theißen</persName>
                        / <persName ref="kbga-actors-9327">A. Merz</persName>, <hi rend="italic">Der
                            historische Jesus. Ein Lehrbuch</hi>, Göttingen 2011<hi rend="sup">4</hi>, S. 361–364</bibl>.</note> Aber durch dies Wort scheint mir
                    diese Meinung widerlegt zu sein, auch dann, wenn der ausdrückliche Hinweis
                    auf das «Blut, das für Viele vergossen wird», erst eine spätere Hinzufügung
                    zu den Worten Jesu wäre. Jesus wusste, dass die <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> bevorstand, und er wusste, was
                    die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> nicht wussten, wie diese
                    Entscheidung aus<pb ed="A" rend="hidden" n="7"/>fallen würde. Er war sich klar
                    darüber, dass die Mächtigen in Israel ihn nicht nur ablehnten, sondern
                    bekämpften bis auf den Tod. Er war sich klar darüber, dass das Werk des
                    Hasses und der Hinterlist bereits im Gange war, die Augen des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> konnten ihm das nicht
                    verheimlichen. Und er war sich endlich klar über sich selbst, dass er nicht
                    ausweichen dürfe, dass es an ihm sei, das Werk des Hasses in ein Werk der
                    Liebe zu verwandeln. Und diese Gewissheit lag nun wie ein schwerer Druck auf
                    ihm; er hätte kein Mensch sein müssen, wenn es anders gewesen wäre. Noch
                    sitzt er im vertrauten Kreis der Seinigen beim heitern Genuss der guten
                    Gaben Gottes, aber er weiß: es ist zum letzten Mal. «<hi rend="italic">Ich werde nicht
                        mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks</hi>.» Die Teilnahme an Allem,
                    was die Menschen freut und <pb xml:id="p683" ed="pga"/> glücklich macht, ist nun
                    vorbei. Auch Jesus konnte fröhlich sein mit den Fröhlichen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.15">Röm. 12,15</ref>], auch Jesus war
                    glücklich; es wird uns von Stunden seines Lebens berichtet, die das ganz
                    deutlich erkennen lassen [vgl. z. B. Mk. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.19">2,19</ref> par.]. Aber über Freud und Leid stand ihm der
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term> gegen
                    den Gott, der in ihm redete. Und nun wandte er sich von der Freude dem Leid
                    zu, um gehorsam zu sein im einen wie im andern. Es ist nicht ein Widerspruch
                    zu seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Hoheit">Hoheit</term>,
                    sondern es bringt uns seine Hoheit menschlich nahe, dass wir in diesem Wort
                    den Schatten des Abschieds über seine Seele gleiten sehen. Denn sofort tritt
                    neben den Abschied die Gewissheit des Wiedersehens, der höhern Zukunft. Ich
                    werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks, <hi rend="italic">bis ich es neu
                        trinken werde im Reiche Gottes</hi>. Hat Jesus die Vorstellungen
                    seiner Volksgenossen geteilt von einem Jenseits, in dem die Frommen mit
                        <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, ihrem Vater, zu
                    Tische sitzen? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.13.29">Lk. 13,29</ref>] Vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber ich meine, im
                    Gewand dieser Vorstellung denkt er doch etwas ganz Anderes als seine
                    Volksgenossen. Ihm eröffnet sich im Augenblick, wo er den Gütern des Lebens
                    Valet sagt, der Ausblick in eine unermessliche Zukunft, da er als der ewig
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandene</term> leben wird in einer erlösten <term type="Sachen" key="Menschheit, erlöste">Menschheit</term>, die die Güter des Lebens
                    neu <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> genießen wird, wie sie es vorher nicht
                    konnte, deren neuem Sinn die Welt erst recht ein Vaterland sein wird. Ich
                    werde es neu trinken im Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Es wird die Brücke geschlagen sein zwischen Gott und der
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Brücke zwischen Gott und Welt">Welt</term>, weil ich in der Welt und für die Welt leben werde. Weil
                    ich für die Welt leben muss, muss ich für die Welt sterben. Darum der
                    Abschied. Aber weil ich für die Welt sterbe, werde ich für die Welt leben.
                    Darum die zukunftssichere Siegesgewissheit.</p>
                <p>Und nun geht das Wort des einsamen, auch da noch unverstandenen Mannes über
                    in die Handlung. Wir müssen nicht denken, dass das, was nun kam, ein Werk
                    kunstvoller Überlegung war. Jesus dachte nicht daran, ein <term type="Sachen" key="Sakrament">Sakrament</term> zu stiften, was wir heute
                    so nennen. Sondern wie aus unmittelbarer Eingebung des Augenblicks mag er
                    nach einem vor ihm liegenden Brot gegriffen haben, er sprach den <term type="Sachen" key="Segen">Segen</term> darüber, wie es wohl der
                    israelitische Hausvater im Kreis seiner Familie getan haben mag, er brach es
                    und gab es ihnen. Und so nahm er auch einen Becher, sprach den Segen darüber
                    und gab ihn ihnen. Und jedes Mal sagte er dazu: <hi rend="italic">Nehmet, das ist mein
                        Leib, das ist mein Blut</hi>. <pb xml:id="p684" ed="pga"/> Man hat über den
                    Sinn dieser <term type="Sachen" key="Abendmahl, Einsetzungsworte">Worte</term> unendlich viel geredet und geschrieben. Man hat zur
                    Auslegung dieses «Das ist» die künstlichsten und geistreichsten Theorien
                    gesponnen. Der <term type="Sachen" key="Protestantismus, Abendmahlsdissens">Protestantismus</term> ist darüber für Jahrhunderte in zwei sich
                    befehdende Konfessionskirchen auseinandergefallen. Man hat durch lauter
                    Erklärungen das Verständliche unverständlich gemacht. Man ist an der sehr
                    schlichten Wahrheit über alledem vielfach vorbeigegangen.</p>
                <p>Jesu Seele ist erfüllt vom Abschied und von der Siegesgewissheit. Er weiß,
                    dass er von ihnen gehen muss. Aber er geht von ihnen, um wahrhaft bei ihnen
                    zu sein. Er weiß, dass sein Abschied um des Gehorsams willen das Gegenteil
                    eines Abschieds sein wird, wenn die Seinigen das Leben in sich aufnehmen,
                    das in ihm selbst ist. Er geht fort, um wahrhaft zu kommen. Das will er
                    ihnen sagen, obwohl er weiß, dass sie ihn jetzt noch nicht verstehen. Sie
                    werden mich verstehen, denkt er, wenn das Gewaltige, das kommen muss,
                    geschehen ist.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Und um ihnen das zu sagen, bedient er sich
                    derselben Redeweise, die er so oft auf den Feldern und Bergen von
                        <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> gebraucht, um ihre
                    verschlossenen Augen zu öffnen. Dort hatte er ihnen erzählt vom Säemann, der
                    ausging zu säen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.3">Mk. 4,3</ref>
                    par.], und sie verstanden, dass er das Wirken Gottes meine, der seine Sonne
                    aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte 
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45">Mt. 5,45</ref>] und dessen Arbeit
                    niemand hindern kann. Dort hatte er vom Hochzeitsmahl geredet, zu dem viele
                    Gäste geladen sind [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.3">Mt. 22,3</ref>], und sie verstanden, dass er Gott meine, der in dieser
                    wunderbaren Zeit seine Türe weit auftue. Und jetzt weist er hin auf Brot und
                    Wein vor ihnen auf dem Tisch, gibt es ihnen und sagt: Nehmet, das ist mein
                    Leib, das ist mein Blut. Und jetzt verstanden sie ihn freilich nicht, sie
                    sollten ihn aber nachher verstehen. Wir können ihn auch verstehen; wir
                    stehen ja alle im Lichte dessen, was nachher geschehen ist. Wie ihr das Brot
                    esst und den Wein trinkt, wollte er sagen, so nehmt jetzt mich selbst auf.
                    Wie ihr euch nährt an diesen sichtbaren Gaben Gottes, so nährt und stärkt
                    euch jetzt an mir, an meiner Person. Das Brot wird gebrochen, und der Becher
                    wird geleert, aber das gebrochene Brot wird nicht auf die Straße geworfen,
                    und der Inhalt des Bechers wird nicht auf den Boden geschüttet, sondern Brot
                    und Wein werden eure Nahrung. So gehe ich jetzt weg und in den Tod, aber was
                    da kommen wird, das sollt ihr nicht als eine Tücke des blinden Schicksals
                    auffassen, sondern ich tue es freiwillig <pb xml:id="p685" ed="pga"/> und gern,
                    weil ihr mich nur so recht erkennt, weil ich nur so in euch lebendig werden
                    kann. Ich gehe, weil ich kommen will, weil mein Leben euer Leben werden
                    soll. Dies mein Kommen habt ihr abgebildet in der Speise, die ich euch gebe.
                    Brot und Wein, die ihr esset und trinket aus meiner Hand, sei euch Gleichnis
                    und Sinnbild für meine <term type="Sachen" key="Auferstehung, Jesu Christi">Auferstehung</term> in euch. Der Bericht des Evangeliums sagt, dass das
                    Wort über dem <term type="Sachen" key="Abendmahl, Kelchwort">Becher</term>
                    noch etwas ausführlicher gelautet habe: Dies ist <hi rend="italic">mein Blut des Bundes,
                        das für Viele vergossen wird</hi>. Ich sehe nicht ein, warum diese
                    Erläuterung nicht schon von Jesus selbst herrühren sollte. Sie fügt zu dem
                    Gesagten nichts Neues hinzu. Was ich tue, tue ich euch zugut, damit der Weg,
                    den ich euch führen wollte, euch endgiltig offen sei und nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> nur euch, sondern den Vielen, die nach euch und
                    durch euch diesen Weg betreten werden. Es wird so durch mein Blut, das
                    vergossen wird, der Bund geschlossen sein für Viele, der <term type="Sachen" key="Bund">Bund</term> mit Gott, der auch die schwerste Schuld dem
                    Menschen abnimmt und der auch in dem Schwächsten als Kraft zum Leben mächtig
                    sein wird. Das kann Jesus sehr wohl gesagt haben, und selbst wenn er es
                    nicht gesagt hätte, wäre es eine Ergänzung seiner Worte, die durchaus in
                    seinem Sinn ist.</p>
                <p>Aber es liegt noch eine andre Bedeutung in diesem: Nehmet, das ist mein Leib,
                    das ist mein Blut. Eine andre und doch keine andre, möchte ich sagen. Wie
                    ihr Brot und Wein zu euch nehmet, so nehmet mich auf in euer Inneres, mich,
                    der sich jetzt im Gehorsam anschickt, sein Leben preiszugeben. <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>Werdet so, wie ich bin, das sei eure <term type="Sachen" key="Erlösung, Sein wie Jesus Christus">Erlösung</term>.<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     Aber nun merkt, was das heißen will: Von <hi rend="italic">einem</hi> Brote
                    esst ihr und aus <hi rend="italic">einem</hi> Becher trinkt ihr. Und so sei euch das
                    Aufnehmen meines Lebens in euer Leben zugleich das Einheitsband, das euch
                    untereinander verbinde. Mein Leben, das ich euch mitteile, indem ich von
                    euch gehe, es ist <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term>, Liebe zu euch, zu den Menschen. Und so wird das neue
                    Leben, das in euch entstehen soll, Liebe sein müssen. Der Mann hat Jesus gut
                    verstanden, der gesagt hat: So wir im Lichte wandeln, wie er im Licht ist,
                    so haben wir Gemeinschaft untereinander [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.1.7">1.Joh. 1,7</ref>]. Und wieder heißt es im Johannesevangelium:
                    «Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe
                    untereinander habt» [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.13.35">Joh. 13,35</ref>], und wieder ein andermal: Ihr seid meine Freunde, so ihr
                        <pb xml:id="p686" ed="pga"/> tut, was ich euch gebiete [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.14">Joh. 15,14</ref>]. Indem ich in euch
                    lebe, werdet ihr für die Andern leben, wie euch jetzt das gemeinsame Essen
                    und Trinken bedeutsam vereinigt. Es soll gar nicht zweierlei sein, die
                    Gemeinschaft mit Christus und die Gemeinschaft mit dem Bruder. Die Erde
                    bringt von ihr selbst erst das Gras, dann die Ähre, dann den vollen Weizen
                    in den Ähren [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.28">Mk. 4,28</ref>].</p>
                <p>Es muss ein eigenartiger, ergreifender Vorgang gewesen sein, diese
                    Gleichnishandlung, in der der Meister noch einmal Alles, was er den Menschen
                    sein wollte, zum tiefsinnigen Ausdruck brachte, in der er ihnen noch einmal
                    seine Lösung des großen Welträtsels anbot, des <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                    Welträtsels, das lautet: Wie wird der Mensch ein lebendiger Mensch? Ich will
                    es noch einmal zusammenfassen, was nach der Darstellung des Neuen Testaments
                    der Inhalt der Gleichnishandlung ist:</p>
                <p>Christus nimmt Abschied vom Leben und von den Seinen. Aber weil er Abschied
                    nimmt im <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term>
                    gegen den Vater, darum weiß er, dass sein Abschied nicht Ende bedeutet,
                    sondern <term type="Sachen" key="Jesus Christus, sein Abschied bedeutet Anfang">Anfang</term>. Er
                    geht jetzt, um das Eine zu vollbringen, was die Menschen nötig haben: die
                    Offenbarung der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung der Liebe">Liebe</term>, die bis zum
                    letzten Rest nicht das Ihre sucht. Der <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzestod</term> des Unschuldigen soll ihnen
                    diese Offenbarung bringen. Und darum wird Christus kraft seines Todes leben
                    in den Seinen in der erlösten <term type="Sachen" key="Menschheit, erlöste">Menschheit</term>. Nehmet, das ist mein Leib, das ist mein Blut! Und
                    sein Leben in den Seinigen wird das Band sein, das sie alle mit Gott und
                    untereinander verbindet.</p>
                <p>Und ich sagte, es liege in dieser Gleichnishandlung die Lösung des
                    Welträtsels. Jesus meinte damit: Nehmt mich auf in euch, werdet wie ich. Und
                    das konnte in jenem Augenblick, in dem sich sein ganzes Dasein
                    zusammendrängte, nur das Eine besagen: Ich gehe mein <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> zu tragen um der Liebe willen.
                    Geht auch ihr, sterbet, um zu werden.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Denn setzet ihr nicht das Leben ein,</l>
                            <l>Nie wird euch das Leben gewonnen sein.<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2506">
                                        <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wallensteins Lager</hi>,
                                    11. Auftritt, Schlussverse</bibl>; dort: «Und
                                    ­setzet…».</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Das Sterben gelte eurem Wünschen und Verlangen nach Glück und
                    Zufriedenheit, das neue Leben gelte der Liebe. Es sterbe das Ich, damit der
                    Mensch lebe und der Gott der <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> in ihm sei und er in Gott.</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p687" ed="pga"/> Nach den Berichten, die uns im Lukasevangelium und im
                    1. Korintherbrief des Apostels <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> über das erste <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> überliefert sind, hätte Jesus noch hinzugefügt:
                        <hi rend="italic">Solches tut zu meinem Gedächtnis!</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.22.19">Lk. 22,19</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11.24 1.Kor.11.25">1.Kor. 11,24f.</ref>] Das Markus- und
                    Matthäusevangelium wissen davon nichts, und es ist daher schwer, sicher zu
                    entscheiden, ob Jesus selbst schon an eine Wiederholung seiner
                    Gleichnishandlung gedacht hat. Aber das ist sicher, dass die Christen seit
                    urältesten Zeiten, wohl seit den Tagen kurz nach dem Aufhören der <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Erscheinungen des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandenen</term>, diese
                    Wiederholung <term type="Sachen" key="Abendmahl, Wiederholung zum Gedächtnis">gefeiert</term> haben.
                    Neben der Erzählung von den Worten und Taten des Herrn ist dieses
                    gewaltigste seiner Gleichnisse als gern erneuerte <hi rend="italic">Handlung</hi> in
                    ihrer Mitte lebendig geblieben, als einmal die ganze Bedeutung des hinter
                    ihnen liegenden Todes Jesu, die wir vorhin vorausgenommen haben, ihnen
                    aufgegangen war. Die Apostelgeschichte erzählt, dass die ersten Christen
                    sich alltäglich beim Brechen des Brotes in ihren Häusern jenen ersten
                    bedeutsamen Vorgang in Erinnerung riefen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.46">Act. 2,46</ref>]; erst später ist es
                    offenbar zu einer selteneren und eigentlichen gottesdienstlichen Handlung
                    gemacht worden. Immer aber hatte diese Handlung, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> schreibt, den Sinn, «den Tod des Herrn zu
                    verkündigen» [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11.26">1.Kor. 11,26</ref>], selbstverständlich nicht als eine bloße historische
                    Reminiszenz, sondern immer als die Abbildung eines gegenwärtigen innern
                    Vorgangs, der Gemeinschaft, die der gekreuzigte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Christus</term> gestiftet zwischen
                    sich und den Seinen und zwischen den Seinen untereinander.</p>
                <p> So ist das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> auf
                        <hi rend="italic">uns</hi> gekommen. Wir können hier nicht alle die Wandlungen
                    verfolgen, die es in der Auffassung und Würdigung der wechselnden
                    Geschlechter durchgemacht hat. Halten wir fest, was das Neue Testament
                    darüber bietet: es ist ein Gleichnis, und das Gleichnis <term type="Sachen" key="Abendmahl, Zeichen der Gemeinschaft mit Christus">bedeutet:</term>Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus, und das heißt
                    praktisch: sterben, sein Leben einsetzen um der Liebe willen, mit der uns
                    Christus geliebt hat. Diese Gemeinschaft ist abgebildet im Essen des Brotes
                    und Trinken des Weins, und weil es etwas Höheres nicht geben kann als solche
                    Gemeinschaft, ist es ein Abbild des ganzen Inhalts des <term type="Sachen" key="Abendmahl, Abbild des Inhalts des Christentums">Christentums</term>.</p>
                <p>Aber nun müssen wir uns ernstlich fragen, warum wir, dem Beispiel der ersten
                    Christen folgend, unsrerseits diese Wiederholung jener Mahlzeit Christi mit
                    den Seinen an unsern hohen Festen begehen <pb xml:id="p688" ed="pga"/> als
                    feierlichsten und schönsten Ausdruck unsres Glaubens. Das Verständnis
                    dessen, was Jesus damals wollte, dürfte den meisten Christen nicht schwer
                    sein, wenn sie auch nur ein wenig vertraut sind <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>
                    mit seiner Person und seinem Evangelium. Aber hier bei <hi rend="italic">unsrer</hi>
                    Feier, bei der <term type="Sachen" key="Abendmahl, Wiederholung zum Gedächtnis">Wiederholung</term>, fängt
                    für viele Freunde und Gegner des Abendmahls die Schwierigkeit an.</p>
                <p>Es möchte mir vielleicht jemand sagen: Jesu Gleichnishandlung an jenem
                    inhaltreichen Abend begreife ich wohl, ja ich freue mich daran, sie sagt mir
                    etwas, sie macht mir sein Leben und seinen Tod verständlicher. Ich möchte,
                    dass Alles das, was er dort in das Sinnbild hineinlegte, in mir Wirklichkeit
                    würde, ich möchte Gemeinschaft haben mit ihm und Gemeinschaft mit den
                    Brüdern. Aber wozu zu diesem Zweck die dramatische Wiederholung des
                    Sinnbilds hier in der Kirche? Ist es nicht genug, wenn ich die Liebe zu ihm
                    und den Brüdern in mein Herz aufnehme? Ich würde antworten: Gewiss ist es
                    genug und übergenug. Es handelt sich auch im Abendmahl darum und nur darum,
                    dass du Christus und die Brüder in dein Herz aufnehmest, wie es sich in der
                        <term type="Sachen" key="Predigt">Predigt</term> darum und nur darum
                    handelt. Dort ist das gesprochene Wort, die vernünftige Erklärung und
                    Darlegung das Mittel, und dies Mittel wendet sich an deinen Verstand. Hier
                    ist das sinnbildliche Empfangen von Brot und Wein das Mittel, und dies
                    Mittel wendet sich an dein Gefühl. Das Mittel soll dir hier wie dort das
                        <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> bringen, die
                    Gewissheit, dass du in der Gemeinschaft, in der Gesinnung Jesu ein
                    befreiter, fröhlicher Mensch sein darfst. Warum sollten wir das eine Mittel
                    geringer achten als das andre, das Sinnbild vernachlässigen gegenüber der
                    Predigt? Das ist ja ganz klar, dass das eine wie das andre vergängliche
                        <term type="Sachen" key="Abendmahl, Mittel uns das Evangelium zu bringen">Mittel</term> sind
                    und nicht die Sache selbst. Es wird keiner dadurch selig, dass er eine
                    Predigt hört und versteht, und es wird keiner dadurch ein andrer Mensch,
                    dass er am Tisch des Herrn Brot und Wein genießt. Der Geist ist’s,
                    der lebendig macht, das Fleisch ist nichts nütze [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.63">Joh. 6,63</ref>].<note xml:id="n05">Dieser Vers war ein Hauptargument <persName ref="kbga-actors-443">Zwinglis</persName> im Abendmahlsstreit mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>. Vgl. bes.: <bibl corresp="kbga-bibls-2830">
                                <persName ref="kbga-actors-443">U.
                        Zwingli</persName>, <hi rend="italic">Amica Exegesis, id est: expositio eucharistiae negocii ad
                            Martinum Lutherum</hi>, CR 92 (= Sämtliche Werke, 5),
                        S. 562–758, dort bes. S. 604–616</bibl>.</note> Aber was man
                    gegen das Abendmahl offen oder im Stillen einwendet, es sei etwas
                    Äußerliches, das kann man auch vom <pb xml:id="p689" ed="pga"/> gesprochenen Wort
                    sagen. Gerade wer oft von Gott zu reden hat, weiß, wie oft der beste Duft
                    des Geistes verloren geht über der Notwendigkeit, den Geist in Worte zu
                    kleiden. Aber man wird zugunsten des einen wie des andern einwenden dürfen,
                    dass es nicht wohlgetan wäre, wegen <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> dieser
                    Gefahr der <term type="Sachen" key="Abendmahl, Gefahr der «Entgeistigung»">Entgeistigung</term> auf seinen Gebrauch zu verzichten. Es kommt nur
                    auf dich an, ob <term type="Sachen" key="Predigt">Predigt</term> und <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> für dich innerliche oder
                    bloß äußerliche Ereignisse seien. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn
                    ich sogar sage, dass manche Christen in der Abendmahlsfeier die innerlichere
                    und geistigere Erbauung erfahren als in mancher Predigt. Die Predigt kann
                    schlecht sein oder abstrakt und unverständlich, was ja auch vorkommen soll,
                    oder sie kann aus andern Gründen zwar den Verstand des Menschen
                    beschäftigen, aber nicht ihn selbst treffen. Bei der sinnbildlichen Handlung
                    des Abendmahls tritt die zweite Person des Predigers zurück, da steht die
                        <term type="Sachen" key="Abendmahl, Seele unmittelbar vor Gott">Seele</term> in der Gemeinschaft der andern unmittelbar vor Gott, da
                    ist eine direkte Erhebung, ein unvermitteltes Reden mit Gott und Anhören
                    seines Wortes, ein individuelles Empfangen viel leichter und
                    wahrscheinlicher als dort.</p>
                <p>Ich höre aber die Rede, dass bei diesem sinnbildlichen und doch wirklichen
                    Essen und Trinken ein materielles <term type="Sachen" key="Abendmahl, materielles Element">Element</term>, ein sichtbarer
                    leiblicher Vorgang sich unangenehm in das Leben der Frömmigkeit eindränge.
                    Ich würde darauf erwidern: Ist es denn nicht nötig, dass unsre <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> von Zeit zu Zeit in
                    nachdrücklicher Weise aus den Wolken des Geistes heruntergeholt werde?
                    Besteht denn ein solcher Graben zwischen unserm sogenannten <term type="Sachen" key="Leben, inneres">innern</term> und unserm sogenannten
                    äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Leben</term>? Ist es nicht
                    geradezu ein gefährlicher Fehler, wenn er besteht? Weil wir denken und wenn
                    wir denken, müssen wir freilich die Unterscheidung von Geist und Materie
                    machen. Aber das ändert doch nichts daran, dass der Mensch eine <term type="Sachen" key="Mensch, Einheit von Geist und Materie">Einheit</term>
                    ist und nicht aus zwei getrennten Hälften besteht. Das innere Leben, das
                    Leben mit dem unsichtbaren Gott hat seine Ziele und Aufgaben immer wieder
                    auf dem Gebiete des äußern Lebens, und wenn es sich hier nicht betätigt, so
                    ist es tot. Und umgekehrt ist für einen in Gott lebenden Menschen die
                    materielle Welt nicht ein gleichgiltiges oder gar feindseliges Chaos, wie es
                    die gnostischen <term type="Sachen" key="Gnostizismus">Sekten</term> im
                    2. Jahrhundert behaupteten,<note xml:id="n06">Zum
                        zeitgenössischen Stand der Gnosis-Forschung vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2831">
                                <persName ref="kbga-actors-155">A. Harnack</persName>,
                            <hi rend="italic">Lehrbuch der Dogmengeschichte</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Die
                            Entstehung des kirchlichen Dogmas</hi>, Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi>, S. 243–291</bibl>.</note> son<pb xml:id="p690" ed="pga" break="no"/>dern sie ist die Gotteswelt, in der ihm dieser Gott immer
                    höhere und reichere Offenbarungen erschließt. Jesus, der doch wahrhaftig
                    kein Materialist war, hat diese Einheit gesehen und behauptet, und darum
                    führte er in seinen Gleichnissen die Menschen immer wieder zur <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> äußern Welt und rief ihnen zu: Seht ihr, so
                    geht’s zu, wenn Gott wirkt; so soll es auch bei euch zugehen. Und wir
                    haben heute gesehen, dass er dabei bis zuletzt geblieben ist. Wollen wir
                    geistiger sein als er? Hüten wir uns, dass wir nicht darüber seinen tiefen
                    und umfassenden Sinn für das wirkliche <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sinn für das wirkliche Leben">Leben</term>
                    verlieren, in dem der Geist wirken soll. Freuen wir uns, dass wir im <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> einen erlösenden Hinweis
                    haben auf die Einheit dessen, das unser menschliches Denken freilich trennen
                    muss und dessen Getrenntheit uns doch täglich so viele Wunden schlägt.</p>
                <p> Und dies materielle Element im <term type="Sachen" key="Abendmahl, materielles Element">Abendmahl</term> kann uns von einer
                    andern Seite im selben Sinn wertvoll werden. Gerade weil wir dabei nicht
                    bloß einen Akt geistiger Erinnerung vollziehen, sondern ein Stück äußern
                    sichtbaren Lebens, gerade darum stellt es uns die Tatsache vor Augen, dass
                    auch Jesus einst durch dies äußere sichtbare Leben <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">gegangen</term> ist, dass er
                    seine Freuden und Leiden gekostet hat wie unsereins. Wenn wir als Erinnerung
                    und Fortsetzung seiner letzten Mahlzeit Brot essen und Wein trinken, so wird
                    uns das Jesus menschlich näher bringen, wir werden uns davor hüten, den
                    Verkehr mit Gott in einer überspannten Weise auf den sogenannten Geist
                    beschränken zu wollen, wir werden uns freuen, dass durch den Herrn, der auf
                    Erden ging, auch diese sichtbare <term type="Sachen" key="Welt, Gottes">Welt</term> Gottes geworden ist.</p>
                <p>Und nun sei noch auf etwas Anderes hingewiesen. Die sogenannte rein geistige
                        <term type="Sachen" key="Erbauung">Erbauung</term>, wie wir sie uns
                    durch Predigthören, durch Lektüre, auch wohl durch einen stillen Spaziergang
                    verschaffen können, ist vorwiegend der Art, dass dabei unser Geist in
                        <hi rend="italic">Tätigkeit</hi> versetzt wird. Wir müssen dabei überlegen,
                    geistig arbeiten sogar, Entschlüsse fassen. Ein vor kurzem erschienener
                    Katalog über religiöse Literatur trägt den bezeichnenden Titel: «Zum
                        <hi rend="italic">Aufbau</hi> eines neuen religiösen Lebens».<note xml:id="n07">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2832">
                                <persName ref="kbga-actors-93">Eugen Diederichs Verlag</persName>, <hi rend="italic">Zum Aufbau neuen religiösen
                            Lebens. Bücher zur neuen idealistischen Bewegung</hi> (Katalog),
                        Jena 1910</bibl>. Mit diesem und drei weiteren «Buntpapierkatalogen mit
                        Aufsätzen verschiedener Autoren und Rezensionen der Bücher» wollte der
                        Verlag «seine verlegerischen Absichten klarer machen» und die «ganze
                        Kulturbreite» seines Programms sichtbar machen (<bibl corresp="kbga-bibls-2833"><persName ref="kbga-actors-9328">I. Heidler</persName>, <hi rend="italic">Der Verleger Eugen
                            Diederichs und seine Welt [1896–1930]</hi> [Mainzer Studien
                        zur Buchwissenschaft, 8], Wiesbaden 1998, S. 162</bibl>).</note> Die Meinung
                    ist offenbar die: durch das Lesen <pb xml:id="p691" ed="pga"/> der betreffenden
                    Bücher könne und solle der Mensch sein religiöses <term type="Sachen" key="Leben, religiöses">Leben</term>
                    <hi rend="italic">aufbauen</hi>. Die Vorstellung ist nicht so unrichtig, wenn mir auch
                    andre Bücher dazu wichtiger sind als manche von den in jenem Katalog
                    genannten. Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="2.Thess.3.10">2.Thess. 3,10</ref>], wer nicht
                    nachdenken, sich innerlich bewegen, sich entschließen <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> will, der kommt auch zu keinem eigenen innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>. Aber es ist doch eine
                    Vorstellung, die ihre sehr gefährliche Seite hat. Dann nämlich, wenn sie so
                    verstanden wird, als könne man sich das Leben mit Gott zurechtmachen durch
                    Studium und durch hohe Entschlüsse. Darüber kann uns Gott undeutlich werden,
                    der uns macht und nicht wir ihn. Und das ist die Gefahr aller rein geistigen
                    Erbauung. Das Abendmahl mit seinen materiellen <term type="Sachen" key="Abendmahl, materielles Element">Sinnbildern</term> ruft uns sehr
                    nachdrücklich das Andere in Erinnerung: Was hast du, das du nicht empfangen
                    hättest? [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.7">1.Kor. 4,7</ref>] Und
                    was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> einmal in anderm Sinne
                    sagt, kann man wörtlich auf das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> anwenden: «Wir haben aber solchen Schatz in irdenen
                    Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft sei Gottes und nicht von uns.»
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.7">2.Kor. 4,7</ref>] Gerade weil
                    es zunächst etwas Äußerliches ist, erinnert uns das Abendmahl, dass die
                    Brunnen in der Tiefe unsrer Seele ihre Wasser bekommen haben aus der weiten
                    Gotteswelt und dass wir immer wieder auf diese Gotteswelt angewiesen sind,
                    wenn wir nicht in uns selbst verdorren wollen.</p>
                <p>Und es entspricht dem nur, wenn es endlich sehr wesentlich ist, dass dies
                    äußere Empfangen unsrerseits in einer äußern Handlung zum Ausdruck kommt.
                        <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> hat mit Recht
                    Nachdruck darauf gelegt, dass der Gang zum Abendmahl ein <term type="Sachen" key="Abendmahl, Glaubensbekenntnis">Glaubensbekenntnis</term>
                        darstelle.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-627">
                                <persName ref="kbga-actors-443">H. Zwingli</persName>, <hi rend="italic">De vera et falsa
                            religione Commentarius</hi>, CR 90 (= Sämtliche Werke, 3),
                        S. 628–911, dort S. 775</bibl>: «Est enim eucharistia gratiarum actio.
                        Qui ergo in hac publica gratiarum actione interesset, toti se ecclesiae
                        probaret ex eorum esse numero, qui Christo pro nobis exposito fiderent
                        […].»</note> Wir wollen stehen zu der freudigen Gewissheit, dass
                    uns in Christus die Türe zum Vater aufgetan ist. Du möchtest dies Bekennt<pb xml:id="p692" ed="pga" break="no"/>nis lieber innerlich ablegen? Es ist recht, wenn
                    du es tust, es ist sogar absolut nötig, dass du es innerlich tust. Gott ist
                    Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.4.24">Joh. 4,24</ref>]. Aber meinst
                    du, dass es darum keinen Wert habe, das, was du innerlich erlebst und tust,
                    in der Gemeinschaft mit den Andern zum feierlichen Ausdruck zu bringen? Ist
                    die Fahne, um die sich die Soldaten scharen, oder die Abzeichen, in denen
                    die Studenten ihre Zusammengehörigkeit erkennen, oder der Trauring, den
                    Brautleute austauschen, sind das wertlose Dinge, weil sie etwas Äußerliches
                    sind? Gewiss, es sind lauter Hilfsmittel für das Gefühl, an und für sich
                    wären sie bunte Lappen und Spielereien ohne innern Wert. Und doch legt man
                    den innern Wert hinein und möchte sie nicht missen. So sei dir auch <pb ed="A" rend="hidden" n="17"/> das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> Fahne, Abzeichen und Trauring für deine <term type="Sachen" key="Abendmahl, Zeichen der Gemeinschaft mit Christus">Zusammengehörigkeit</term> mit Christus und den Brüdern und Schwestern.
                    Es sei dir Sinnbild dafür, dass diese Zusammengehörigkeit nicht ein Zustand
                    sein soll, der in den abstrakten Regionen des Geistes bleibt, sondern ein
                    Zustand deines wirklichen, täglichen Lebens in dieser äußern Welt, der wir
                    nicht davonlaufen dürfen.</p>
                <p>Meine Freunde! Ich möchte euch bitten, euch über Alles das Rechenschaft zu
                    geben. Ich glaube, wo der Christenglaube nicht oberflächlich, sondern fein
                    und tief und umfassend ist, da wird man auch für das <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> Verständnis und Freudigkeit haben. Ich
                    glaube, dass es ein Mittel der Gnade <term type="Sachen" key="Abendmahl, Mittel der Gnade Gottes">Gottes</term> ist, für das wir
                    dankbar sein dürfen so gut wie für das Mittel des Wortes, durch das wir
                    einander Gott und das wahre Leben nahezubringen suchen. Man kann das eine
                    wie das andre Mittel geringschätzen. Man kann es aus verschiedenen Gründen
                    tun, aus feinen und aus groben. Man tut es dann auf alle Fälle auf seine
                    Verantwortung, und ich glaube nicht, dass sie leicht ist. Diese <term type="Sachen" key="Advent">Adventszeit</term> ruft uns wieder zu, acht
                    zu haben auf den Herrn der Welt und der Seele, der vor der Tür steht und
                    anklopft. Möchten ihrer Viele sein auch unter uns, die es recht verstehen,
                    was das heißen wolle, dass er zu uns eingehen will, Abendmahl mit uns zu
                    halten und wir mit ihm [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.20">Apk. 3,20</ref>].</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-130">Nr. 87: «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von <persName ref="kbga-actors-1395">J. Rist</persName>, Strophen
                            1–2 und 4–6.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-21">Nr. 161: «Herz und Herz vereint zusammen» von <persName ref="kbga-actors-441">N. L. von
                            Zinzendorf</persName> / <persName ref="kbga-actors-579">Chr. Gregor</persName> / <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Strophen 5–7 (RG
                            793,6.5.7; EG 251,5–7).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.22 Joh.6.59">Johannes 6,22–59</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
