Predigt Nr. 53 · 20. November 1910

Predigt: Matthäus 16,26

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Matthäus 16,26
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse?
Liebe Freunde!

Die Welt und die Seele – davon soll heute die Rede sein. Es ist ein ungeheurer Gegenstand. Es ist die Frage, die ohne alle Ausnahme jeden Menschen beschäftigt, offen oder heimlich. Wenn wir, die wir hier sind, in unser Inneres sehen, in das Hin und Her der Dinge, die wir auf dem Grund unsres Herzens treiben und bewegen in den Stunden oder Augenblicken, wo wir’s mit niemand zu tun haben als mit uns selbst, dann bemerken wir, dass wir damit beschäftigt sind, zwei Sachen, zwei Mächte, zwei Faktoren in ein in irgend einem Sinn leidliches, erträgliches Verhältnis zueinander zu setzen, das eine irgendwie mit dem andern abzufinden und zu versöhnen. Die zwei Sachen sind die Welt und die Seele. Und wenn wir jetzt aus dieser Kirche hinausgehen würden, wenn es uns möglich wäre, all die andern Menschen, die mit uns in dieser Stadt leben, einzeln aufzusuchen und zu nötigen, einen Augenblick Halt zu machen in ihrem nützlichen oder unnützlichen, trägen oder eilfertigen Leben, um gleichfalls in ihr Inneres zu sehen und freimütig zu konstatieren, was da auf dem verborgenen Grund sich hin- und herbewegt, dann würden wir auch bei ihnen, bei jedem ohne alle Ausnahme, jene zwei Dinge sehen, um deren Ausgleich sie sich bemühen. Und die zwei Dinge sind die Welt und die Seele. Ein Unterschied würde sich freilich vorfinden. Hier in unsrer Mitte und draußen in der Stadt würde eine Anzahl Menschen sein, in deren Innerm bereits eine bestimmte Ordnung und Regelung dieses Verhältnisses zwischen Welt und Seele stattgefunden hat. Bei den einen so, dass sie eingesehen und beschlossen haben, bei ihnen müsse die Seele zuvorderst stehen und die Welt müsse sich der Seele unterordnen. Bei den andern so, dass sie in Theorie und Praxis der |660 Meinung sind, die Welt sei das eigentlich wichtige, während das, was man die Seele nenne, mehr eine Art Begleitungsmusik sei. Aber ob man nun so oder so Ordnung geschafft habe, diese Ordnung ist auf alle Fälle nur ein Anfang, sie haben begonnen damit, Ordnung zu schaffen. Denn die einen werden sich, wenn sie aufrichtig sind, immer wieder sagen müssen, dass es in ihrem Leben noch sehr geräumige Winkel gebe, wo die Welt zuvorderst steht und nicht die Seele, und die andern gestehen es vielleicht nicht ein, aber es ist doch wahr, die andern haben ihrerseits gewisse halb unbewusste Falten ihres Herzens, wo die Ordnung noch nicht hergestellt ist, wo eine Stimme sich geltend macht, die behauptet, die Seele sei das eigentlich Wichtige. Und zwischen beiden bewegt sich die große Zahl derer, vielleicht sind sie in erdrückender Mehrheit unter den Menschen dieser Stadt und in dieser Kirche, die noch keine bestimmte Entscheidung getroffen haben. Das bedeutet nicht, dass die Ordnung zwischen Welt und Seele sie nicht beschäftigt, im Gegenteil: sie am allermeisten sind beunruhigt durch die Aufgabe, das Verhältnis zwischen beiden zu regeln, leidlich zu machen. Aber man sieht sie bald auf dieser, bald auf jener Seite; bald nehmen sie einen Anlauf, sich für die Seele zu entscheiden, bald kommt es ihnen vor, die Interessen der Welt seien doch noch wichtiger, und je auffallender sie hin- und herschwanken, desto deutlicher ist es, dass auch sie an dieser Frage nicht vorbeikommen, obgleich sie weder ausgesprochene Seelenmenschen, noch ausgesprochene Weltmenschen sind. Und so wird der Unterschied zwischen Entschiedenen und Unentschiedenen in dieser Sache uns nicht hindern zu sagen: Wir Alle, Alle, vom entschlossensten Pietisten und vom entschlossensten Freidenker bis zum gleichgiltigsten Alltagsmenschen oder bis zum sinnlosesten Trunkenbold, wir laborieren Alle an dieser Sache, an der Welt und an der Seele. Warum? Weil wir ihr einfach nicht ausweichen, weil wir sie einfach nicht ein für allemal erledigen können. Denn es ist ganz sicher, dass wir dazu berufen und genötigt sind, als Menschen in dieser Welt zu leben. Und es ist zweitens ganz sicher, dass wir dazu berufen und genötigt sind, als Menschen eine Seele zu haben.

Die Welt und die Seele. Ich sage es noch einmal: ein ungeheurer Gegenstand. Zu groß, um in einer kleinen Stunde durchgedacht und durchgesprochen zu werden. Zu groß, um überhaupt durchgedacht und durchgesprochen zu werden. Ich denke auch nicht daran, es doch |661 zu tun. Was ich möchte, das ist: uns Alle angesichts dieses großen Gegenstandes vor die einfache Frage Jesu stellen, die ihr im Textwort gehört habt. Mit dem nächsten Sonntag treten wir wieder in die Adventszeit ein, die unsre Aufmerksamkeit auf das Kommen Gottes, sein Kommen in die Welt und in die Seele richten soll. Da soll jene Frage Jesu heute uns Allen, den Eifrigen und den Gleichgiltigen, den Entschiedenen und den Unentschiedenen, ein Ruf zur Sammlung sein, ein Ruf zu der Wesentlichkeit, die in uns platzgreifen muss, wenn es uns um das Kommen Gottes zu uns zu tun ist. Es ist die unumgängliche Voraussetzung des Evangeliums in dieser Frage verborgen und doch mehr als nur die Voraussetzung. Der ganze Inhalt des Evangeliums ist darin. Es ist eine elementare Frage, und zugleich ist es die höchste und letzte, die Jesus an uns zu richten hat. Sie ist für keinen einzigen Menschen zu hoch, zu geistlich, zu schwerverständlich, und doch gibt es keinen einzigen Menschen, der schon zu reif, zu fortgeschritten, zu bekehrt wäre, um ihr Gehör zu schenken.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, oder was kann der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse? Wir wollen uns nicht zu lange aufhalten mit der Begriffsbestimmung, was die Welt sei und was die Seele. Wir haben Alle eine ungefähre Vorstellung von dem, worum es sich handelt. Der eine würde sagen, es handelt sich um das Zeitliche und um das Ewige, der andre würde dieselbe Sache das Menschliche und das Göttliche nennen, der dritte vielleicht das Äußere und das Innere. Und sie hätten damit auf ihre Weise Alle recht. Ich will zur Verdeutlichung nur so viel hinzufügen, als aus der biblischen Stelle und ihrem Zusammenhang selbst zu entnehmen ist. Ich habe das Wort Jesu in der Übersetzung von Luther wiedergegeben, weil es den meisten von uns wohl in dieser Form vertraut und bekannt ist. Wenn ihr eine neuere Übersetzung des Neuen Testaments in die Hand nehmen würdet, so würdet ihr finden, dass dort an Stelle des Wortes «Seele» das Wort Leben steht.1 Das ist genauer übersetzt, und es erklärt auch deutlicher und allgemeiner, wovon die Rede ist: Was hülfe es dem |662 Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und büßte dabei sein Leben ein, und was soll ein Mensch als Preis für sein Leben geben? So müsste es wörtlicher heißen, und wir würden dabei in nachdenklicher Weise darauf aufmerksam gemacht, dass die Seele und das Leben dasselbe ist. Wer keine Seele hat, lebt nicht. Wer seine Seele verliert, verliert sein Leben, und wenn er die ganze Welt gewönne. Und was ist nach Jesu Meinung die Welt? Ich meine, man kann das ablesen aus dem euch gleichfalls Allen bekannten Wort, das unmittelbar vorangeht: «Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden» [Mt. 16,25]. Die Welt gewinnen, das heißt, sein Leben erhalten, und dabei verliert man sein Leben. Die Seele haben, das heißt, sein Leben verlieren, und dabei findet man sein Leben. Es ist also das Merkwürdige an Jesu Anschauungsweise, dass er von der Welt keine Definition gibt, dass er nicht daran denkt, eine Aufzählung weltlicher Dinge zu machen. Das überlässt er uns und sagt nur: Die Welt ist Alles das, was ihr erhalten wollt, das, woran ihr Interesse habt, das, wovon ihr sagt: ich möchte das haben, behalten, besitzen, genießen. Das Alles ohne jede Ausnahme ist die Welt. Und nun merkt wohl auf: Die Seele fängt genau an dem Punkt an, wo das Interesse aufhört, wo die Frage: was möchte ich haben, behalten, besitzen, genießen? zum Schweigen kommt.

Jesu Meinung über diese zwei Dinge, die Welt und die Seele, ist also die: Was hilft es einem Menschen, wenn er darauf ausgeht, die ganze Welt zu gewinnen, alles dessen habhaft zu werden, woran er Interesse hat? Antwort: Nichts hilft es ihm: er verliert dabei sein Leben, auch wenn es ihm gelingt. Und ist das, was er hat, wenn er gewonnen, was er haben möchte, das andere wert, das er damit verloren? Stellt es den Preis, den Gegenwert dessen dar, worauf er verzichtet? Antwort: Nichts ist unter all dem Gewonnenen, was das Verlorene ersetzen könnte. Ein Leben, das regiert ist von dem Gesichtspunkt: Ich interessiere mich für dies und das, für die ganze Welt meinetwegen, ein solches Leben hat rettungslos Nicht-Leben, Lebensverlust, Tod zur Folge.

Meine Freunde! Ich würde gerne wissen, was in eurem Innern vorgegangen ist, als ihr mich vorhin dieses Fragewort Jesu, das unsern Text bildet, habt verlesen hören. Ich meine mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass ihr, wenn ihr zugehört habt, ruhig bei euch selbst |663 gedacht habt: Ja, so ist es, es hülfe dem Menschen nichts, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme dabei Schaden an seiner Seele. Wir sind das ja ganz gewöhnt, diese Frage so zu beantworten, besonders innerhalb der vier Mauern der Kirche. Wir sind ganz ruhig einverstanden mit Jesus, als ob es nicht anders sein könne, gerade wie wir beim Singen aus dem Gesangbuch die kühnsten und schwierigsten Gedanken religiöser Dichter in den Mund nehmen und uns dadurch in gewissem Maße zu eigen machen, ohne dass wir über ihre Kühnheit und Schwierigkeit Beschwerden fühlen. Euch und mich selbst trifft hier ein Vorwurf, vor dem wir nicht ausweichen können. Wir sind beim Anhören oder Lesen religiöser Gedanken, insbesondere der inhaltschweren Worte Jesu, viel zu rasch bereit, uns einverstanden zu erklären, womöglich Beifall zu klatschen. Wenn wir sie und ihre Tragweite verstanden hätten, hätten wir es damit vielleicht nicht so eilig. Und so möchte ich beinahe wünschen, es seien unter uns auch einige, die vorhin beim Anhören des Wortes von der Welt und der Seele bei sich selbst gedacht haben: Nein, so sehe ich die Dinge nicht an. Ich möchte im Grunde sehr wohl, wenn nicht die ganze, so doch ein gutes Stück der Welt mir gewinnen und in diesem Gewinn denke ich meine Seele oder mein Leben nicht zu verlieren, sondern gerade zu finden. Das eine mag an sein Geschäft gedacht haben, das andre an seine Familie, das dritte an die literarische oder künstlerische Bildung, die es sich aneignen möchte. Das Alles hülfe dem Menschen nichts, gar nichts – das wäre ein unerträglicher Gedanke! Ich will euch sagen, wie es mir gegangen ist. Mir stand, als ich diese Predigt vorbereitete, ein Wort unsres Gottfried Keller im Wege, die Schlussstrophe aus seinem wundervollen Abendlied, wo es heißt:

Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt.
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluss der Welt.2

Das wollte mir nicht aus den Ohren, und das Andre klang sehr sonderbar und fremd daneben: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne… Ich musste an Alles das denken, was ich bei |664 Goethe gelernt, wie die Welt des Menschen Heimat, wie die Welt in Natur und Kunst und Wissenschaft dem Menschen zur Offenbarung werden könne, die sein Leben zum wahren Leben erhebt.

Ich möchte nicht mich selbst als Muster hinstellen, aber ich glaube doch, dass es beim Verständnis der Worte Jesu ohne solchen Widerspruch nicht abgeht. Solange wir bloß mit den Köpfen nicken, ist die Gefahr sehr dringlich, dass wir ihn nicht sehr ernst nehmen, dass wir ihn heimlich mit seinen Forderungen einen guten Mann sein lassen. Wenn wir dagegen anfangen, ihm zu widersprechen, so ist das ein Zeichen dafür, dass wir gemerkt haben, dass er wirklich etwas Anderes will, als was wir wollen, und das ist dann bereits der erste Schritt nach vorwärts. Und gerade das Wort, das uns heute beschäftigt, ist eins von den provozierendsten.

Die Welt unsrer gröbern oder feinern Interessen sei nicht das Leben, wird da behauptet. Wir müssen uns in dieser Welt ein wenig umsehen, um zu erkennen, wie es damit steht.

Wenn wir heute einmal ganz unten anfangen wollen, so wäre da vor Allem das Interesse an der Gesundheit zu nennen. Ich habe es schon öfters aus dem Munde armer Leute gehört: die Gesundheit sei doch das Beste im Leben. Das sagen aber nicht nur arme Leute, deren Gesundheit wirklich ihr einziges irdisches Gut ist, das ist ein Evangelium, das mit allerlei geistreichen Wendungen in sehr gebildeten Büchern und Zeitschriften zu lesen ist, heute sogar mehr als früher. Es ist auffallend, wie man in gewissen Kreisen der geistigen Kultur müde geworden zu sein scheint und nun einen förmlichen kleinen Gottesdienst des menschlichen Körpers an die Stelle treten lässt. Man liest von Leuten, die ihr Leben damit zubringen, ihre Muskeln zu entwickeln, und wenn man z. B. an die Ringkämpferplakate denkt, mit denen unsre Stadt vor einigen Wochen geziert war, so sieht man mit Bewunderung, wie weit es der Mensch damit bringen kann. Aber auch abgesehen von solchen Spezialisten ist es ganz deutlich, dass eine allgemeine Tendenz unsrer Tage dahin geht, die Gesundheit, Kraft und Schönheit des Körpers ganz anders wichtig zu finden, als es noch unsre Väter und Großväter taten.3 Das ist ja nun sehr schön, wir wer|665den nichts dagegen einzuwenden haben, im Gegenteil, wir werden sagen: Recht so, wir sind auch dabei, weil wir wissen, dass die Gesundheit des äußern und innern Menschen viel enger zusammenhängen, als man gewöhnlich denkt. Aber wenn man uns nun fragt, ob Gesundsein schon Leben heiße, so ist die Antwort für jeden, der auch nur eine Spanne lang denken kann, sehr einfach. Müsste man sich nicht beim Anblick jener Ringkämpferbilder ängstlich fragen, wie mag es in diesen Köpfen aussehen? Wenn ich Gott sei Dank gesund bin und es zu bleiben hoffe, so ist das ein Gut, das ich mit einem gesunden Pferd gemeinsam habe. Auch der ausgepichteste4 Materialist wird aber nicht der Meinung sein, dass das Leben das sei, was der Mensch mit dem Tiere gemeinsam hat. Ein schöner Rahmen ist eine gute Sache, wenn aber kein Bild darin ist, so werden wir doch nur mit sehr kühler Bewunderung davorstehen. Ein Mensch, der nur an seine Gesundheit denkt, lässt uns kalt, vielleicht geben wir uns nicht Rechenschaft darüber, warum es so ist; es ist aber im Grunde immer das, dass es uns abstößt, wenn einer etwas als Zweck behandelt, was nur ein Mittel ist. Er macht uns den Eindruck eines Egoisten, und zwar eines kleinlichen Egoisten, und darum erscheint uns seine Interessiertheit mit Recht als Beschränktheit. Halten wir diesen Eindruck fest, wenn wir nun in der Welt der Interessen einige Stufen höher steigen.

Wir kommen zum Interesse am Vergnügens. Des Interesses an der bloßen «bäurischen Gesundheit», wie Nietzsche das nennt,5 könnten wir uns wohl meistens nicht-schuldig sprechen. Wenn es sich um das Vergnügen handelt, wird die Sache schon ernsthafter. Ich will mich nicht damit aufhalten, von den sogenannten schlechten Vergnügungen |666 zu reden; es ist bekanntlich sehr schwer, eine exakte, für alle gleich giltige Grenze zwischen gut und schlecht in diesen Dingen zu ziehen. Was uns in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist die Tatsache, dass für allerweiteste Kreise das Amüsement irgendwelcher Art die ganze eine und zwar erfreulichere Seite des Lebens darstellt gegenüber der Arbeit. Ob’s nun dabei gröber oder feiner zugeht, ist schließlich belanglos; das Wesentliche ist dieses Verständnis des Vergnügens als der Glanz- und Sonnenseite des Daseins, zu der alles Übrige nur das düstere Relief liefern muss. Um des Vergnügens willen interessiert man sich für das Leben. Das ist keine moderne Errungenschaft, sondern das war immer so. Es ist auch in allen Ständen so. Ich denke bei dem, was ich sage, ebenso an unsre jungen Leute aus dem Arbeiterstand, die in einem Abend im Zirkus Höhepunkte ihres Lebensgefühls zu erfahren meinen, wie an manche Studenten, die ihre Universitätsjahre als einen Kreislauf harmloser und weniger harmloser Belustigungen zubringen, um dann nachher wie eine Seifenblase wieder in sich selbst, d. h. in ihre natürliche Lebensindifferenza zurückzusinken. Theoretisch werden ja auch hier die meisten Menschen damit einverstanden sein, dass Amüsement und Leben noch nicht dasselbe sei. Bewahre nein! Man kann ja z. B. nach jedem großen Volksfest die Beobachtung machen, dass man allgemein ein wenig aufatmet, wenn die Festhütte wieder abgebrochen wird, wenn das Außerordentliche wieder dem Alltäglichen Platz macht. Aber praktisch steht die Sache doch bei den Meisten anders. Jene Ansicht oder Stimmung, dass die Belustigungen die eigentliche Crème des Lebens seien, ist viel weiter verbreitet, als man es gemeiniglich Wort haben will, und zwar bei Jungen und Alten. Man kann oft reife und erfahrene Leute mit einer Wärme und Begeisterung von einem Menu reden hören oder von irgend einer Speise, die sie vielleicht vor Jahren dort und dort genossen, dass man sich kaum des Eindrucks erwehren kann, hier stecke ihre eigentliche Seele, hier sei ihr innerstes Leben beteiligt, während sie für allerlei Anderes, das sie selbst theoretisch als wichtiger anerkennen, nicht annähernd solchen Eifer aufzubringen pflegen. Und es dürfte sehr wenig Menschen geben, die sich nicht sagen müssten, dass auch bei ihnen wenigstens in bestimmten Lebensbeziehungen das Amüsement das eigentlich do|667minierende Element ist. Jesus sagt, ob es uns gefällt oder nicht: was hülfe es dem Menschen, wenn er alle seine Vergnügungsinteressen befriedigte? Nichts hülfe es ihm. Denn auch das größte Wohlbehagen, das er sich dadurch verschafft, führt ihn noch nicht über die Stufe des Tieres hinaus, das Menschenleben hat damit noch nicht begonnen; denn der Unterschied des Menschen zumb Tier muss doch wohl in etwas Anderem bestehen als darin, dass der Mensch sich sein Wohlbehagen in raffinierterer Weise zu verschaffen versucht als das Tier.6 Auch bei den ausgesuchtesten und andauerndsten Vergnügungen bleibt der Rahmen noch leer. Her mit dem Bild!

Vom Vergnügungsinteresse kommen wir zum Geldinteresse. Geld ist Macht. Geld haben heißt das Leben haben. Diese Frage ist ernsthafter und komplizierter, als man gewöhnlich denkt. Dadurch dass man einige schauderhafte Anekdoten von unglücklichen Millionären und dergleichen erzählt, ist sie nicht abgetan. Denn das Geld ist ja nur der Repräsentant eines Arbeitswertes. Alles produktive Wirken, Schaffen, Erobern hat seine Taxe in Geldwert. Geld haben heißt die Hände oder den Kopf oder beide angestrengt haben, über dieses Faktum bildet die barec Münze oder die Banknote den legitimend Ausweis. Und darum steht hinter dem Interesse am Geld das Interesse an der Arbeit. Es ist sehr wohlfeil, sich vom Reichen ohne Weiteres jenes Bild des habsüchtigen Mannes zu machen, der unersättlich seine Schränke füllt aus purem Vergnügen am Besitz. Gerade die Neuzeit gibt uns von der Welt des Geldes eine ganz andre Vorstellung. Die Zeiten sind vorbei, wo man seinen Erwerb in einem Strumpf unter der Zimmerdiele verbarg oder im Walde vergrub, um es für die Zukunft sicher zu stellen. Auch der einfachste Mann weiß heute, dass er besser |668 tut, sein Kapital nicht in den Fingern zu behalten, sondern es arbeiten zu lassen. So werden die Schätze, die die Motten und der Rost fressen können [vgl. Mt. 6,19], im buchstäblichen Sinn immer weniger. e-Man versteht heutzutage, dass Geld Arbeit ist und nur als Arbeit Wert hat, und dies Verständnis wird die Menschen vielleicht allmählich zu einem feinern sittlichen Empfinden erziehen. Jesu Gleichnis von den anvertrauten Pfunden [vgl. Mt. 25,14–30 par.] zeigt, dass er sich darüber vielleicht ähnliche Gedanken gemacht hat.-e – |

Aber nun steht es trotzdem so, dass das Geldinteresse noch keineswegs der Anfang des Menschenlebens ist. Ja es liegt, wie wir sahen, im Geld etwas, was über sich selbst hinausweist; aber wer beim Geld selbst stehen bleibt, und das liegt sehr nahe, der hat noch nicht angefangen zu leben, der ist auch noch ein Rahmen ohne Bild. Er macht es grundsätzlich gleich wie der, der seine Seele in seine Gesundheit oder in sein Vergnügen steckt: er braucht etwas als Zweck, was bloß ein Mittel ist, er bleibt wie jene im Kreis der Beschränktheit. Wie das wirkt auf die Menschen, wie das Geld zum gefährlichsten aller Götzen, zum Mammon werden kann, das sieht man besonders deutlich an Fällen, wo das Geld nicht durch eigene Arbeit, sondern durch irgend einen Glücksfall in die Hände eines Menschen kommt, z. B. durch Erbschaft oder durch die Lotterie. Da wird sich auch der reifste und beste Mensch gegen die Vorstellung zu wehren haben, das Geld repräsentiere nicht bloß einen Wert, sondern es sei wertvoll an sich selber; da wird diese Vorstellung sich aller nicht gefestigten Gemüter rettungslos bemächtigen, und das Bewusstsein des Besitzes wird zu der Macht, die unaufhaltsam die Charaktere entwürdigt und das Leben ganzer Familien stört und verwüstet. Was hülfe es dem Menschen, wenn er das Bewusstsein des Besitzes aller Gelder der Welt habe? Nichts hülfe es ihm. Der Hamster in seinem Bau hat auch ein solches Bewusstsein, und es ließe sich darüber streiten, was wertvoller ist, die Gelder oder der Inhalt des Hamsterbaus.

Aber es wird Zeit, dass wir uns zu der Welt der sogenannten höhern Interessen wenden. Vielleicht, dass Jesus hier Unrecht [hat], und wir mit unserm Widerspruch Recht behalten.

669 Da sind zunächst die Güter und Interessen, die unser Verkehr mit den andern Menschen mit sich bringt, Dinge wie Freiheit, Ehre, Freundschaft. Darf man da auch noch fragen: Was hülfe das Alles dem Menschen? Sind das nicht die edelsten Güter des Menschenlebens? Sollte das Alles noch nicht das Leben selbst sein?

Die Freiheit. Freiheit f-des Individuums-f, der Persönlichkeit, zu tun und zu lassen nach eigenem Urteil und Gutfinden, unabhängig sein von lästiger Bevormundung durch andre, selber sein und selber werden. Das ist auch so ein Gut erst der Neuzeit. Das Altertum und das Mittelalter fanden es selbstverständlich, dass der einzelne Mensch bevormundet werden müsse durch die Gewalt des Staates und der Kirche, und zwar bis in die feinsten Regungen seines innern Lebens hinein. Die französische Revolution und g-die klassische Philosophie-g haben hier eine Umwälzung hervorgebracht. Sie haben uns die bürgerliche Freiheit, die Gewissensfreiheit und die Gedankenfreiheit gebracht. Also: Freiheit, die ich meine,7 ist das das Leben? Letzte Woche fiel mir eines Tages schon von weitem eine Wahlproklamation in die Augen mit der Überschrift: Liberté individuelle. Ah, dachte ich, das ist ein schönes Programm, da könntest du auch dabei sein. Ich trat näher, studierte die schöne Proklamation und entdeckte, dass die Liberté individuelle in der Freiheit des Absinthtrinkens bestehe. Einige Wirte fanden diese «Freiheit» wichtig genug, um zu ihrem Schutz eine politische Partei zu gründen.8 Deutlicher könnte man es gar nicht |670 demonstrieren, dass das bloße Interesse an der persönlichen Freiheit auch wieder in einem kurzen Kreislauf zum Interesse am Geld und Vergnügen zurückführt. Je hochtrabender man da oft anfängt, desto kläglicher kann man enden. Wer da schwärmt, sein Interesse am Leben sei seine Freiheit, soll sich nur recht klar machen, wozu er diese Freiheit, die er meint, brauchen will. Sie ist offenbar auch kein Zweck, sondern nur ein Mittel. Wenn man einem Wildschwein seinen Käfig öffnet, so ist es damit auch frei; ich wollte aber nicht dabei sein, wenn es seine Freiheit anwendet.

Die Ehre. Die Anerkennung, die Achtung, das Ansehen unter den Mitmenschen. Es ist die Würde des Menschen, die dieses Gut fordert. Wir Alle stehen lieber oben in der Stufenleiter der Achtung der Andern als unten. Und so möchte es scheinen, dass das recht eigentlich unser Lebensinteresse sei, unsre Ehre blank zu erhalten vor den Andern. Aber nicht wahr, darin sind wir ja einig: es kommt doch sehr darauf an, wer diese Andern sind? Z. B. auf das Ehrgefühl, das der preußische Offizier und Korpsstudent bei seinesgleichen voraussetzt, würden wir dankend verzichten. Was für ihn ehrenhaft oder unehrenhaft ist, ist für uns vielleicht jedes Mal das Gegenteil. Wir lächeln aber auch, wenn wir vom Ehrbegriff der Gauner reden hören, obgleich wir gar nicht daran zweifeln, dass sie auch einen solchen haben. So oberflächlich werden wir aber nicht sein wollen, dass wir unsern Ehrbegriff einfach von unsrer zufälligen Umgebung entnehmen und den dann zu unserm Lebensideal machen? Wir sind zwar häufig so oberflächlich. Sollte es überhaupt keine absolute Ehre geben? Oder sollte die Ehre, die wir meinen, bestehen in der Ehre, die wir vor uns selbst haben? Dann kommt wieder Alles darauf an, was wir selbst sind, dann weist auch der Ehrbegriff über sich selbst hinaus. Dann kann auch die Ehre nicht das Letzte, Eigentliche im Leben sein, dann ist auch sie eine Form, die ihren Inhalt erst bekommen muss.

Die Freundschaft endlich, und man könnte hinzufügen: die Liebe und die Ehe, die Bande persönlicher Neigung, die den Menschen mit dem Menschen verbinden, sind sie nicht ein Gut, das den Charakter |671 eines höchsten Lebenswertes hat? Ist es nicht aller großen Menschen einstimmiges Zeugnis, was Schiller im Lied an die Freude ausruft:

Was den großen Ring bewohnet,
Huldige der Sympathie;
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der Unbekannte thronet.9

Aber wieder kommen wir um die Tatsache nicht herum, auch Schiller hat sie gesehen, dass auch die Sympathie eine Lebensäußerung ist, die der Mensch mit dem Tier, der gute Mensch mit dem bösen gemeinsam hat. Wir mögen ehrfurchtsvoll diesem geheimnisvollen Zuge nachsinnen, der die Welt der höchsten wie der niedersten Wesen, der das All des Lebendigen in den Fugen hält. Aber wenn wir uns selbst vor die Frage stellen: Ist die Sympathie, die mich mit andern und andere mit mir verbindet, ist sie das, was das Leben lebenswert macht?, werden wir uns sagen müssen: Sie kann zum Höchsten werden, aber sie ist es nicht an sich selber. Es gibt auch in Freundschaft und Liebe und Ehe ein Jenseits, ein au delà, durch das sie Wert und Inhalt bekommen, aber ohne das sie den Menschen im Umkreis seiner Beschränktheit sitzen lassen, auch wenn er Alles gewönne, was die Welt ihm in dieser Beziehung bieten kann.

Wir steigen noch höher. Da sind die Interessen, die man die geistigen nennt. Die Wissenschaft zuerst. Wie ein Sturmwind ist in den Völkern Europas seit dem großen Wendepunkt im 16. Jahrhundert das eigene Denken und Erkennen erwacht. Es wurde ein neues Evangelium, dass Wissen Macht,10 dass Wissen Leben sei. Es eröffneten sich hier Aussichten auf den Besitz des Höchsten auch für die, die mit greifbaren Glücksgütern nicht gesegnet sind. Es liegt bei aller Verworrenheit, in der es geschieht, etwas Gewaltiges, Erschütterndes und Vorwurfsvolles in dem Heißhunger, mit dem gerade Männer und Frauen aus den untern Klassen heutzutage ihre Hände ausstrecken nach der Erkenntnis, der Erkenntnis der Wahrheit, die ihnen jetzt in |672 unzähligen Zeitungen und Schriften dargeboten wird. Wehe dem, der diesem Strom einen Damm entgegenstellen wollte. Und doch besteht kein Zweifel, dass von einem Evangelium der Wissenschaft keine Rede sein kann in dem Sinn, wie es oft behauptet wird. Denn gerade das, was die Menschen bei der Wissenschaft meistens suchen, den Besitz der Wahrheit, gerade das vermag sie nicht zu bieten, weil sie ihrem Wesen nach ein ewiges Suchen ist. Wo eine Wissenschaft auftritt mit dem Anspruch: ich weiß, ich habe, ich besitze, da wird sie unfehlbar zur lächerlichen Karikatur ihrer selbst, und das ist heutzutage nur zu oft der Fall. Jede Erkenntnis weist über sich selbst hinaus. Wer dabei stehenbleibt, und wäre es bei der höchsten und tiefsten Erkenntnis, dem verwandelt sich der vermeintliche Goldklumpen, den er in Händen hält, in einen Stein, der gewichtig sein mag, aber wertlos ist für sein Leben. Was hülfe es dem Menschen…! Gerade die Männer, die den entsagungsvollen und steilen Weg echter Wissenschaft gegangen sind und gehen, wissen, wie wahr das ist, wissen, dass ihre Arbeit ihren Lebenswert aus einer Sphäre empfängt, von der man auf dem Getümmel des Marktes, wo man von Erkenntnissen und Resultaten der Wissenschaft redet, keine Ahnung hat.

Aber die Welt des wahren Lebensinteresses könnte die Kunst sein. Eröffnet sich hier nicht ein Feld, das der Beschränktheit, der Kleinlichkeit, der Menschlichkeit aller andern Güter entrückt ist? Wieder erinnern wir uns an Schiller, der uns gelehrt hat, aus der dumpfen Enge des wirklichen Lebens hinüberzusehen in h-des Ideales Reich-h, und wir glauben es ihm gerne, wenn er uns sagt:

  In den heitern Regionen,
Wo die reinen Formen wohnen,
Rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.
Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,
Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden,
Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr.11

673 Aber je tiefer man in das Wesen der Kunst eindringt, desto mehr wird man auch von ihr sagen müssen: Kunst ist Können, ist Ahnen, Suchen, Arbeiten, Erobern, auch ihre größten Schöpfungen sind nicht Resultate, die man jedem Beliebigen einfach als bare Münze in die Hand drücken kann, sondern Etappen, Wegweiser, die vorwärts weisen. Man könnte einen Menschen täglich mit allen Kunstwerken der Malerei und Musik umgeben, er wird doch kein besserer Mensch, wenn ihn nicht jenes geheimnisvolle Fluidumi vom Kunstwerk weiterführt zur Kunst selbst:

Der allein besitzt die Musen,
Der sie trägt im warmen Busen,
Dem Vandalen sind sie Stein,12

sagt Schiller nicht trotzdem, sondern weil er hoch denkt von der Kunst. Immer haben die großen Schöpfer dieser Werke das Bewusstsein gehabt, dass sie sich in ihren Werken keineswegs erschöpften, dass das Letzte, Eigentlichste, was sie zu sagen hatten, vor ihnen lag und nicht hinter ihnen. Dem innern Leben eines Beethoven ist die platte Weltfreudigkeit ganz fremd gewesen, die man mit Berufung auf den Genuss seiner Werke hat rechtfertigen wollen, und das letzte Werk des großen Mozart hebt an mit den ergreifenden Klängen: Ewige Ruhe gib ihnen, gib ihnen den Frieden und das ewige Licht leuchte ihnen!13

Meine Freunde! Je höher wir steigen in der Welt der menschlichen Güter, desto trüber muss uns das Licht erscheinen, das auf das Besitzen-, Behalten-, Genießenwollen fällt, das nach Jesu Meinung das eigentlichste Merkmal weltlicher Gesinnung ist. Es zeigt sich da, dass auch das Beste aufhört, ein Gut zu sein, wenn wir ihm mit Interesse gegenüberstehen, d. h. in der Stimmung: Ich will das haben, ich will mir das aneignen. Die Stimmung des Besitzes ist der innere Zustand, in dem man seine Seele verliert. Und es scheint immer deutlicher, dass Interesse und Leben zwei Dinge sind, die radikal auseinandergehen.

674 Aber wir müssen noch einen letzten unvermeidlichen Schritt tun: auch die Welt der Frömmigkeit kann ein Stück von dieser verderblichen Welt des Interesses werden. Es kann ein Mensch alle jene Lebenskreise durchwandert und verlassen haben, scheinbar von nichts mehr ergriffen als von Jesu Mahnung, Acht zu haben auf seine Seele, und doch ist das nur ein Schein. Ja, der Mensch kann ins Kloster gehen, oder er kann mitten in der Gesellschaft der Andern das Leben eines Mönchs führen, wie es Gerhard Tersteegen getan hat,14 verzichtend sozusagen auf alle Interessen der Welt. Und doch folgt ihm die Welt im ganzen schweren Sinne des Wortes auch in die Weltabgeschiedenheit, wenn seine Frömmigkeit im heimlichsten Grunde doch nur eine Erhöhung, Bereicherung, Beseligung seiner eigenen Person anstrebt. Denn die Welt ist nicht dies und das, die Welt ist schlechterdings Alles bis und mit den feinsten, erhabensten Regungen unsres innern Lebens, wenn auf dem Anfang der Linie das Vorzeichen «Ich» steht. Das Leben der Seele hat noch nicht angefangen, so wenig wie bei all den Andern, die bei diesem oder jenem Gut des Lebens stehenbleiben, so lange unser inneres Leben oder unsre Frömmigkeit noch unter dem Zeichen steht: Ich möchte selig werden, oder wie etwa moderne Menschen dieselbe Sache zu nennen pflegen: Ich möchte eine starke, vielseitige, entwickelte Persönlichkeit werden. Täuschen wir uns nicht! Erinnern wir uns an das, was am Anfang gesagt wurde: Die Seele fängt genau an dem Punkt an, wo das Interesse aufhört, nicht früher. Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.

675 Und hier werden wir vor die Entscheidung geführt, ob wir Weltmenschen werden wollen, die sich selbst suchen, oder Seelenmenschen, die etwas gesehen haben und suchen, was unendlich viel größer ist als ihr eigenes Ich mit seinen groben und feinen Bedürfnissen. Das ist die Entscheidung, die auch der innerlich fortgeschrittenste Mensch und Christ immer wieder fällen muss. Auf diesen Zentralpunkt müssen wir unsre Blicke richten, wenn wir die Frage, die Jesus heute an uns tut, ernst nehmen wollen. Ich habe zu Hause mehr als einen Leitfaden für den Konfirmandenunterricht, der anfängt mit der Frage: Wie werde ich glücklich? und mit der Antwort: ich werde glücklich, wenn ich Gott habe, und darum sei mein Seelenglück das Ziel meines Lebens.15 Dieselbe Frage kann man in unzähligen Predigten und religiösen Vorträgen als die Anfangsfrage der Frömmigkeit behandeln hören. Wir Alle ohne Ausnahme fallen immer wieder in sie zurück, auch wenn wir in einzelnen Augenblicken wie durch einen Spalt in der Türe das Licht gesehen haben, das uns durch den Tod zum Leben führt. Diese Frage ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Jesus mit seiner Frage wollte. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage: Der große Antichrist Friedrich Nietzsche hat Christus in diesem Zentralpunkt besser verstanden als die Meisten, die sich nach Christi Namen nennen. «Bessere Lieder müssten sie mir singen», sagt er von den Christen, sagt er von uns, meine Freunde, «dass ich an ihren Erlöser glauben lerne; erlöster mir seine Jünger aussehen.»16 Solange unsre Frage lautet: Wie werde ich glücklich?, solange sind wir unerlöst. Die Erlösung, die wir nötig haben, ist die Erlösung von uns selbst, von unserm Glücksverlangen, von unserm Interesse an der eigenen |676 Person. Jenseits dieses Interesses fängt die Seele an. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Wir müssen diese Frage rücksichtslos und mit allen ihren Konsequenzen in uns wirken lassen, wenn wir würdig dem Herrn entgegengehen wollen, dessen Kommen uns die Advents- und Weihnachtsbotschaft verkündigt. Denn von hier aus verstehen wir, wer Christus war und ist. Er ist der Mensch, in dem an die Stelle des Ich die Herrschaft Gottes getreten ist, des Gottes, der die Barmherzigkeit, die Wahrheit und die Gerechtigkeit ist, die keine Grenzen kennt. Sein Kommen aber zu uns bedeutet, dass wir Christusmenschen werden, in denen die Herrschaft Gottes auch keine Grenzen kennt.

Ist es die Angst vor diesen Konsequenzen? Fürchtest du, dass darüber deine Freude an dem «goldnen Überfluss der Welt» zu kurz kommen möchte? Ich sage dir, wenn wir einmal Christusmenschen sein werden, dann ist uns die Welt mit ihrem Reichtum und ihrer Schönheit nicht zugeschlossen, sondern aufgeschlossen. Vorher nicht, wir haben gesehen warum, aber dann sicher. Kein Abendlied werden wir dann der Welt singen wie Gottfried Keller,17 sondern ein ewiges Morgenlied. Denn wenn wir Christusmenschen sein werden, dann wird es uns mit der siegreichen Gewalt der Wahrheit ergreifen, was das erste Wort der Bibel meldet: im Anfang schuf Gott Himmel und Erde [Gen. 1,1]. Die Seele wird Gottes sein. Und weil sie es ist, wird sie sein die Königin der Welt.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von G. Tersteegen, Strophen 1–3 und 4–5 (RG 661,1–4 [ohne Strophe 5, GERS]; EKG 270,1–4.5a.6b [je mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 294: «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler, Strophen 6–7 (RG 812,5–6; EG 385,5–6 [je mit Textabweichungen]). 🎵
Lesungstexte:
  • 2.Korinther 4,16–18; 5,1–10.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
c
Mskr.: «baare» (vereinzelt auftauchende veraltete Schreibweise); von den Hrsg. geändert.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
e-e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f-f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
g-g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
h-h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩

Sachfußnoten

1
So z. B.: Das Neue Testament, übersetzt von C. Weizsäcker, Tübingen 19039, S. 20 📖.↩
2
Strophe 4 des Gedichts «Abendlied» (Erstdruck: 1879; G. Keller, Sämtliche Werke, Berlin 1961, Bd. 2, S. 35). 📖 ↩
3
Gesundheit in körperlicher wie in geistiger Hinsicht, und damit verbunden ein auf Kraft und Schönheit fokussierter Körperkult, eine «gesunde» Ernährung und Lebensweise waren zentrale Schlagworte der Lebensreform-Bewegung in den Jahren vor und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg; vgl. B. Wedemeyer-Kolwe, Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland, Darmstadt 2017, bes. S. 27–31.92–106 📖.↩
4
Umgangssprachlich für: «der erfahrenste», «der gewiefteste».↩
5
Vgl. Fr. Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauss: Der Bekenner und der Schriftsteller, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 1, München / Berlin 1999, S. 157–242, dort S. 169 📖: «Es fanden sich eigene darstellende Talente, welche das Glück, die Heimlichkeit, die Alltäglichkeit, die bäuerische Gesundheit und alles Behagen, welches über Kinder-, Gelehrten- und Bauernstuben ausgebreitet ist, mit zierlichem Pinsel nachmalten.»↩
6
Vgl. W. Herrmann, Ethik, Tübingen 19094, S. 28 📖: «Sobald wir also anfangen, zu wollen, oder die Stufe tierischen Lebens zu verlassen, stellt sich die Unmöglichkeit heraus, in irgend einem Moment das Verlangen nach Lust als die Seele unseres Tuns anzusehen. Verlangten wir rücksichtslos nur nach Lust, so würden wir uns selbst nicht beherrschen, also nicht wollen, also nicht Menschen werden.»↩
7
Beginn der ersten Strophe des Gedichts «Freiheit» von M. von Schenkendorf 📖; vgl. oben, S. 60, Anm. 5.↩
8
Am 7. Oktober 1910 war für alle Kantone der Schweiz ein Absinth-Verbot in Kraft getreten; bei der Abstimmung zwei Jahre zuvor hatte sich einzig in den Kantonen Genf und Neuenburg eine Mehrheit dagegen ergeben (vgl. J. Grellet, Art. «Absinth», in: HBLS I, S. 71f. 📖). Bei dem beschriebenen Plakat wird es sich um eine Abwandlung des schon im Abstimmungskampf 1908 verwendeten Motivs handeln, das sich mit einem groß geschriebenen «Non!» gegen das Verbot wandte und dies mit einem Schweizer illustrierte, der mit einem Fußtritt einen als Christen kenntlichen älteren Herrn verscheuchte. Um seinen Kopf herum stand geschrieben: «Liberté individuelle», und der weitere Text lautete: «Electeurs suisse, ne vous laissez pas tromper! Le Croixbleuisme, voila l’Ennemi.»; dt.: «Schweizer Wähler, lasst euch nicht täuschen! Das Blaue Kreuz, das ist der Feind.» Eine Abbildung findet sich in: M. Bröckers u. a., Absinthe – Die Wiederkehr der Grünen Fee. Geschichten und Legenden eines Kultgetränkes, Solothurn 2006, S. 37 📖.↩
9
Refrain nach Strophe 2 des Gedichts «An die Freude» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1786; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 133–136, dort S. 134). 📖 ↩
10
«Wissen ist Macht» ist ein auf Francis Bacons «Essays» (1598; dort: «for knowledge itself is power») zurückgehendes deutsches Sprichwort; vgl. Büchmann, S. 270 📖.↩
11
Aus der 13. Strophe des Gedichts «Das Ideal und das Leben» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1795 als «Das Reich der Schatten»; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 201–205, dort S. 204). 📖 ↩
12
Schluss des Gedichts «Die Antiken zu Paris» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1802; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 213). 📖 ↩
13
W. A. Mozart, Requiem, KV 626 📖:
Requiem aeternam dona eis, Domine,
Et lux perpetua luceat eis.
↩
14
Im Winterhalbjahr 1910/11 veranstaltete die Deutsche reformierte Gemeinde in Genf mehrere Gemeindeabende, an denen jeweils ein Dichter von Gesangbuchliedern vorgestellt wurde. Am Sonntag, 13. November 1910 sprach Barth über Gerhard Tersteegen (Abdruck: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 230-256) 📖. Über die Lebensweise des Dichters sagt Barth folgendes: Nachdem andere Geschäfte erfolglos geblieben waren, ergriff er das Handwerk der «Seidenbandweberei, die er nun in fast vollständiger Einsamkeit jahrelang betrieben hat. Von morgens 5 bis abends 9 Uhr war er an der Arbeit, aß nur einmal des Tages und zwar eine aus Mehl, Wasser und Milch selbstbereitete Speise, um erst bei eingebrochener Dunkelheit in die Häuser der Armen zu gehen und ihnen mitzuteilen, was er selbst erübrigt. Das was er mit diesem Leben bezweckte, war die ‚Nachfolge des armen Lebens Jesu’» (a.a.O., S. 240; zur Literatur, auf die Barth sich stützte, vgl. a.a.O., S. 238f., Anm. 18).↩
15
Vgl. bes.: Leitfaden zum Confirmanden-Unterrichte, St. Gallen 1844, S. 3 📖: «F. 1: Was soll unsre größte und beständige Sorge im Leben sein? Daß wir selig werden»; E. Müller, Leitfaden für den Konfirmanden-Unterricht, Bern 19045, S. 1 📖: «Was Petrus seinem Herrn bekannt hat, das kann am Schluß dieser Unterweisung […] auch dein Bekenntnis werden. Dazu muß es dir jetzt klar werden, was aus dir werden soll. Ein guter und glücklicher Mensch!» Ähnlich auch W. Langhans, Die christliche Lehre. Für den Konfirmanden-Unterricht dargestellt, Bern 189917, S. 1 📖. – Alle Schriften finden sich in Barths Bibliothek.↩
16
Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, SämtlicheWerke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 118 (Von den Priestern) 📖; bei Nietzsche: «erlöster müssten mir seine Jünger aussehen».↩
17
Siehe oben, Anm. 2.↩