Predigt: Matthäus 16,26
Die Welt
und die Seele – davon soll heute die Rede sein. Es ist
ein ungeheurer Gegenstand. Es ist die Frage, die ohne alle Ausnahme jeden
Menschen beschäftigt, offen oder heimlich. Wenn wir, die wir hier sind, in
unser Inneres sehen, in das Hin und Her der Dinge, die wir auf dem Grund
unsres Herzens treiben und bewegen in den Stunden oder Augenblicken, wo
wir’s mit niemand zu tun haben als mit uns selbst, dann bemerken wir,
dass wir damit beschäftigt sind, zwei Sachen, zwei Mächte, zwei Faktoren in
ein in irgend einem Sinn leidliches, erträgliches Verhältnis zueinander zu
setzen, das eine irgendwie mit dem andern abzufinden und zu versöhnen. Die
zwei Sachen sind die Welt und die Seele. Und wenn wir jetzt aus dieser
Kirche hinausgehen würden, wenn es uns möglich wäre, all die andern
Menschen, die mit uns in dieser Stadt leben, einzeln aufzusuchen und zu
nötigen, einen Augenblick Halt zu machen in ihrem nützlichen oder
unnützlichen, trägen oder eilfertigen Leben, um gleichfalls in ihr Inneres
zu sehen und freimütig zu konstatieren, was da auf dem verborgenen Grund
sich hin- und herbewegt, dann würden wir auch bei ihnen, bei jedem ohne alle Ausnahme, jene zwei Dinge sehen, um
deren Ausgleich sie sich bemühen. Und die zwei Dinge sind die Welt und die
Seele. Ein Unterschied würde sich freilich vorfinden. Hier in unsrer Mitte
und draußen in der
Die Welt und die Seele. Ich sage es noch einmal: ein ungeheurer Gegenstand. Zu groß, um in einer kleinen Stunde durchgedacht und durchgesprochen zu werden. Zu groß, um überhaupt durchgedacht und durchgesprochen zu werden. Ich denke auch nicht daran, es doch |661 zu tun. Was ich möchte, das ist: uns Alle angesichts dieses großen Gegenstandes vor die einfache Frage Jesu stellen, die ihr im Textwort gehört habt. Mit dem nächsten Sonntag treten wir wieder in die Adventszeit ein, die unsre Aufmerksamkeit auf das Kommen Gottes, sein Kommen in die Welt und in die Seele richten soll. Da soll jene Frage Jesu heute uns Allen, den Eifrigen und den Gleichgiltigen, den Entschiedenen und den Unentschiedenen, ein Ruf zur Sammlung sein, ein Ruf zu der Wesentlichkeit, die in uns platzgreifen muss, wenn es uns um das Kommen Gottes zu uns zu tun ist. Es ist die unumgängliche Voraussetzung des Evangeliums in dieser Frage verborgen und doch mehr als nur die Voraussetzung. Der ganze Inhalt des Evangeliums ist darin. Es ist eine elementare Frage, und zugleich ist es die höchste und letzte, die Jesus an uns zu richten hat. Sie ist für keinen einzigen Menschen zu hoch, zu geistlich, zu schwerverständlich, und doch gibt es keinen einzigen Menschen, der schon zu reif, zu fortgeschritten, zu bekehrt wäre, um ihr Gehör zu schenken.
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, oder was kann der Mensch geben, dass er seine Seele
wieder löse? Wir wollen uns nicht zu lange aufhalten mit der
Begriffsbestimmung, was die Welt sei und was die Seele. Wir haben Alle eine
ungefähre Vorstellung von dem, worum es sich handelt. Der eine würde sagen,
es handelt sich um das Zeitliche und um das Ewige, der andre würde dieselbe
Sache das Menschliche und das Göttliche nennen, der dritte vielleicht das
Äußere und das Innere. Und sie hätten damit auf ihre Weise Alle recht. Ich
will zur Verdeutlichung nur so viel hinzufügen, als aus der biblischen
Stelle und ihrem Zusammenhang selbst zu entnehmen ist. Ich habe das Wort
Jesu in der Übersetzung von
Jesu Meinung über diese zwei Dinge, die Welt und die Seele, ist also die: Was hilft es einem Menschen, wenn er darauf ausgeht, die ganze Welt zu gewinnen, alles dessen habhaft zu werden, woran er Interesse hat? Antwort: Nichts hilft es ihm: er verliert dabei sein Leben, auch wenn es ihm gelingt. Und ist das, was er hat, wenn er gewonnen, was er haben möchte, das andere wert, das er damit verloren? Stellt es den Preis, den Gegenwert dessen dar, worauf er verzichtet? Antwort: Nichts ist unter all dem Gewonnenen, was das Verlorene ersetzen könnte. Ein Leben, das regiert ist von dem Gesichtspunkt: Ich interessiere mich für dies und das, für die ganze Welt meinetwegen, ein solches Leben hat rettungslos Nicht-Leben, Lebensverlust, Tod zur Folge.
Meine Freunde! Ich würde gerne wissen, was in eurem Innern vorgegangen ist,
als ihr mich vorhin dieses Fragewort Jesu, das unsern Text bildet, habt
verlesen hören. Ich meine mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass ihr,
wenn ihr zugehört habt, ruhig bei euch selbst |663 gedacht
habt: Ja, so ist es, es hülfe dem Menschen nichts, wenn er die ganze Welt
gewönne und nähme dabei Schaden an seiner Seele. Wir sind das ja ganz
gewöhnt, diese Frage so zu beantworten, besonders innerhalb der vier Mauern
der Kirche. Wir sind ganz ruhig einverstanden mit Jesus, als ob es nicht
anders sein könne, gerade wie wir beim Singen aus dem Gesangbuch die
kühnsten und schwierigsten Gedanken religiöser Dichter in den Mund nehmen
und uns dadurch in gewissem Maße zu eigen machen, ohne dass wir über ihre
Kühnheit und Schwierigkeit Beschwerden fühlen. Euch und mich selbst trifft
hier ein Vorwurf, vor dem wir nicht ausweichen können. Wir sind beim Anhören
oder Lesen religiöser Gedanken, insbesondere der inhaltschweren Worte Jesu,
viel zu rasch bereit, uns einverstanden zu
erklären, womöglich Beifall zu klatschen. Wenn wir sie und ihre Tragweite
verstanden hätten, hätten wir es damit vielleicht nicht so eilig. Und so
möchte ich beinahe wünschen, es seien unter uns auch einige, die vorhin beim
Anhören des Wortes von der Welt und der Seele bei sich selbst gedacht haben:
Nein, so sehe ich die Dinge nicht an. Ich möchte im Grunde sehr wohl, wenn
nicht die ganze, so doch ein gutes Stück der Welt mir gewinnen und in diesem Gewinn denke ich meine Seele
oder mein Leben nicht zu verlieren, sondern gerade zu finden. Das eine mag
an sein Geschäft gedacht
haben, das andre an seine Familie,
das dritte an die literarische oder künstlerische Bildung, die es sich aneignen möchte. Das Alles
hülfe dem Menschen nichts, gar nichts – das wäre ein unerträglicher
Gedanke! Ich will euch sagen, wie es mir gegangen ist. Mir stand, als ich
diese Predigt vorbereitete, ein Wort unsres
Das wollte mir nicht aus den Ohren, und das Andre klang sehr
sonderbar und fremd daneben: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze
Welt gewönne… Ich musste an Alles das denken, was ich bei |664
Ich möchte nicht mich selbst als Muster hinstellen, aber ich glaube doch, dass es beim Verständnis der Worte Jesu ohne solchen Widerspruch nicht abgeht. Solange wir bloß mit den Köpfen nicken, ist die Gefahr sehr dringlich, dass wir ihn nicht sehr ernst nehmen, dass wir ihn heimlich mit seinen Forderungen einen guten Mann sein lassen. Wenn wir dagegen anfangen, ihm zu widersprechen, so ist das ein Zeichen dafür, dass wir gemerkt haben, dass er wirklich etwas Anderes will, als was wir wollen, und das ist dann bereits der erste Schritt nach vorwärts. Und gerade das Wort, das uns heute beschäftigt, ist eins von den provozierendsten.
Die Welt unsrer gröbern oder feinern Interessen sei nicht das Leben, wird da behauptet. Wir müssen uns in dieser Welt ein wenig umsehen, um zu erkennen, wie es damit steht.
Wenn wir heute einmal ganz unten anfangen wollen, so wäre da vor Allem das Interesse an der Gesundheit zu nennen. Ich habe es schon öfters aus dem Munde armer Leute gehört: die Gesundheit sei doch das Beste im Leben. Das sagen aber nicht nur arme Leute, deren Gesundheit wirklich ihr einziges irdisches Gut ist, das ist ein Evangelium, das mit allerlei geistreichen Wendungen in sehr gebildeten Büchern und Zeitschriften zu lesen ist, heute sogar mehr als früher. Es ist auffallend, wie man in gewissen Kreisen der geistigen Kultur müde geworden zu sein scheint und nun einen förmlichen kleinen Gottesdienst des menschlichen Körpers an die Stelle treten lässt. Man liest von Leuten, die ihr Leben damit zubringen, ihre Muskeln zu entwickeln, und wenn man z. B. an die Ringkämpferplakate denkt, mit denen unsre Stadt vor einigen Wochen geziert war, so sieht man mit Bewunderung, wie weit es der Mensch damit bringen kann. Aber auch abgesehen von solchen Spezialisten ist es ganz deutlich, dass eine allgemeine Tendenz unsrer Tage dahin geht, die Gesundheit, Kraft und Schönheit des Körpers ganz anders wichtig zu finden, als es noch unsre Väter und Großväter taten.3 Das ist ja nun sehr schön, wir wer|665den nichts dagegen einzuwenden haben, im Gegenteil, wir werden sagen: Recht so, wir sind auch dabei, weil wir wissen, dass die Gesundheit des äußern und innern Menschen viel enger zusammenhängen, als man gewöhnlich denkt. Aber wenn man uns nun fragt, ob Gesundsein schon Leben heiße, so ist die Antwort für jeden, der auch nur eine Spanne lang denken kann, sehr einfach. Müsste man sich nicht beim Anblick jener Ringkämpferbilder ängstlich fragen, wie mag es in diesen Köpfen aussehen? Wenn ich Gott sei Dank gesund bin und es zu bleiben hoffe, so ist das ein Gut, das ich mit einem gesunden Pferd gemeinsam habe. Auch der ausgepichteste4 Materialist wird aber nicht der Meinung sein, dass das Leben das sei, was der Mensch mit dem Tiere gemeinsam hat. Ein schöner Rahmen ist eine gute Sache, wenn aber kein Bild darin ist, so werden wir doch nur mit sehr kühler Bewunderung davorstehen. Ein Mensch, der nur an seine Gesundheit denkt, lässt uns kalt, vielleicht geben wir uns nicht Rechenschaft darüber, warum es so ist; es ist aber im Grunde immer das, dass es uns abstößt, wenn einer etwas als Zweck behandelt, was nur ein Mittel ist. Er macht uns den Eindruck eines Egoisten, und zwar eines kleinlichen Egoisten, und darum erscheint uns seine Interessiertheit mit Recht als Beschränktheit. Halten wir diesen Eindruck fest, wenn wir nun in der Welt der Interessen einige Stufen höher steigen.
Wir kommen zum Interesse am
Vergnügens. Des Interesses an der bloßen
«bäurischen Gesundheit», wie
Vom Vergnügungsinteresse kommen wir zum
Geldinteresse. Geld ist Macht. Geld haben heißt
das Leben haben. Diese Frage ist ernsthafter und komplizierter, als man
gewöhnlich denkt. Dadurch dass man einige schauderhafte Anekdoten von
unglücklichen Millionären und dergleichen erzählt, ist sie nicht abgetan.
Denn das Geld ist ja nur der Repräsentant eines Arbeitswertes. Alles
produktive Wirken, Schaffen, Erobern hat seine Taxe in Geldwert. Geld haben
heißt die Hände oder den Kopf oder beide angestrengt haben, über dieses
Faktum bildet die barec
Münze oder die Banknote den legitimend
Ausweis. Und darum steht hinter dem Interesse am Geld das Interesse an der Arbeit. Es ist sehr wohlfeil, sich
vom Reichen ohne Weiteres jenes Bild des habsüchtigen Mannes zu machen, der
unersättlich seine Schränke füllt aus purem Vergnügen am Besitz. Gerade die
Neuzeit gibt uns von der Welt des Geldes eine ganz andre Vorstellung. Die
Zeiten sind vorbei, wo man seinen Erwerb in einem Strumpf unter der
Zimmerdiele verbarg oder im Walde vergrub, um es für die Zukunft sicher zu
stellen. Auch der einfachste Mann weiß heute, dass er besser |668 tut, sein Kapital nicht in den Fingern zu behalten, sondern
es arbeiten zu lassen. So werden die Schätze, die die Motten und der Rost
fressen können [vgl.
Aber nun steht es trotzdem so, dass das Geldinteresse noch keineswegs der Anfang des Menschenlebens ist. Ja es liegt, wie wir sahen, im Geld etwas, was über sich selbst hinausweist; aber wer beim Geld selbst stehen bleibt, und das liegt sehr nahe, der hat noch nicht angefangen zu leben, der ist auch noch ein Rahmen ohne Bild. Er macht es grundsätzlich gleich wie der, der seine Seele in seine Gesundheit oder in sein Vergnügen steckt: er braucht etwas als Zweck, was bloß ein Mittel ist, er bleibt wie jene im Kreis der Beschränktheit. Wie das wirkt auf die Menschen, wie das Geld zum gefährlichsten aller Götzen, zum Mammon werden kann, das sieht man besonders deutlich an Fällen, wo das Geld nicht durch eigene Arbeit, sondern durch irgend einen Glücksfall in die Hände eines Menschen kommt, z. B. durch Erbschaft oder durch die Lotterie. Da wird sich auch der reifste und beste Mensch gegen die Vorstellung zu wehren haben, das Geld repräsentiere nicht bloß einen Wert, sondern es sei wertvoll an sich selber; da wird diese Vorstellung sich aller nicht gefestigten Gemüter rettungslos bemächtigen, und das Bewusstsein des Besitzes wird zu der Macht, die unaufhaltsam die Charaktere entwürdigt und das Leben ganzer Familien stört und verwüstet. Was hülfe es dem Menschen, wenn er das Bewusstsein des Besitzes aller Gelder der Welt habe? Nichts hülfe es ihm. Der Hamster in seinem Bau hat auch ein solches Bewusstsein, und es ließe sich darüber streiten, was wertvoller ist, die Gelder oder der Inhalt des Hamsterbaus.
Aber es wird Zeit, dass wir uns zu der Welt der sogenannten höhern Interessen wenden. Vielleicht, dass Jesus hier Unrecht [hat], und wir mit unserm Widerspruch Recht behalten.
669 Da sind zunächst die Güter und Interessen, die unser Verkehr mit den andern Menschen mit sich bringt, Dinge wie Freiheit, Ehre, Freundschaft. Darf man da auch noch fragen: Was hülfe das Alles dem Menschen? Sind das nicht die edelsten Güter des Menschenlebens? Sollte das Alles noch nicht das Leben selbst sein?
Die Freiheit. Freiheit f-des Individuums-f, der Persönlichkeit, zu tun und zu lassen nach eigenem Urteil und Gutfinden, unabhängig sein von lästiger Bevormundung durch andre, selber sein und selber werden. Das ist auch so ein Gut erst der Neuzeit. Das Altertum und das Mittelalter fanden es selbstverständlich, dass der einzelne Mensch bevormundet werden müsse durch die Gewalt des Staates und der Kirche, und zwar bis in die feinsten Regungen seines innern Lebens hinein. Die französische Revolution und g-die klassische Philosophie-g haben hier eine Umwälzung hervorgebracht. Sie haben uns die bürgerliche Freiheit, die Gewissensfreiheit und die Gedankenfreiheit gebracht. Also: Freiheit, die ich meine,7 ist das das Leben? Letzte Woche fiel mir eines Tages schon von weitem eine Wahlproklamation in die Augen mit der Überschrift: Liberté individuelle. Ah, dachte ich, das ist ein schönes Programm, da könntest du auch dabei sein. Ich trat näher, studierte die schöne Proklamation und entdeckte, dass die Liberté individuelle in der Freiheit des Absinthtrinkens bestehe. Einige Wirte fanden diese «Freiheit» wichtig genug, um zu ihrem Schutz eine politische Partei zu gründen.8 Deutlicher könnte man es gar nicht |670 demonstrieren, dass das bloße Interesse an der persönlichen Freiheit auch wieder in einem kurzen Kreislauf zum Interesse am Geld und Vergnügen zurückführt. Je hochtrabender man da oft anfängt, desto kläglicher kann man enden. Wer da schwärmt, sein Interesse am Leben sei seine Freiheit, soll sich nur recht klar machen, wozu er diese Freiheit, die er meint, brauchen will. Sie ist offenbar auch kein Zweck, sondern nur ein Mittel. Wenn man einem Wildschwein seinen Käfig öffnet, so ist es damit auch frei; ich wollte aber nicht dabei sein, wenn es seine Freiheit anwendet.
Die Ehre. Die Anerkennung, die Achtung, das Ansehen unter den Mitmenschen. Es ist die Würde des Menschen, die dieses Gut fordert. Wir Alle stehen lieber oben in der Stufenleiter der Achtung der Andern als unten. Und so möchte es scheinen, dass das recht eigentlich unser Lebensinteresse sei, unsre Ehre blank zu erhalten vor den Andern. Aber nicht wahr, darin sind wir ja einig: es kommt doch sehr darauf an, wer diese Andern sind? Z. B. auf das Ehrgefühl, das der preußische Offizier und Korpsstudent bei seinesgleichen voraussetzt, würden wir dankend verzichten. Was für ihn ehrenhaft oder unehrenhaft ist, ist für uns vielleicht jedes Mal das Gegenteil. Wir lächeln aber auch, wenn wir vom Ehrbegriff der Gauner reden hören, obgleich wir gar nicht daran zweifeln, dass sie auch einen solchen haben. So oberflächlich werden wir aber nicht sein wollen, dass wir unsern Ehrbegriff einfach von unsrer zufälligen Umgebung entnehmen und den dann zu unserm Lebensideal machen? Wir sind zwar häufig so oberflächlich. Sollte es überhaupt keine absolute Ehre geben? Oder sollte die Ehre, die wir meinen, bestehen in der Ehre, die wir vor uns selbst haben? Dann kommt wieder Alles darauf an, was wir selbst sind, dann weist auch der Ehrbegriff über sich selbst hinaus. Dann kann auch die Ehre nicht das Letzte, Eigentliche im Leben sein, dann ist auch sie eine Form, die ihren Inhalt erst bekommen muss.
Die
Freundschaft
endlich, und man könnte hinzufügen: die Liebe und die Ehe, die Bande
persönlicher Neigung, die den Menschen mit dem Menschen verbinden, sind sie
nicht ein Gut, das den Charakter |671 eines höchsten
Lebenswertes hat? Ist es nicht aller großen Menschen einstimmiges Zeugnis,
was
Aber wieder kommen wir um die Tatsache nicht herum, auch Schiller hat sie gesehen, dass auch die Sympathie eine Lebensäußerung ist, die der Mensch mit dem Tier, der gute Mensch mit dem bösen gemeinsam hat. Wir mögen ehrfurchtsvoll diesem geheimnisvollen Zuge nachsinnen, der die Welt der höchsten wie der niedersten Wesen, der das All des Lebendigen in den Fugen hält. Aber wenn wir uns selbst vor die Frage stellen: Ist die Sympathie, die mich mit andern und andere mit mir verbindet, ist sie das, was das Leben lebenswert macht?, werden wir uns sagen müssen: Sie kann zum Höchsten werden, aber sie ist es nicht an sich selber. Es gibt auch in Freundschaft und Liebe und Ehe ein Jenseits, ein au delà, durch das sie Wert und Inhalt bekommen, aber ohne das sie den Menschen im Umkreis seiner Beschränktheit sitzen lassen, auch wenn er Alles gewönne, was die Welt ihm in dieser Beziehung bieten kann.
Wir steigen noch höher. Da sind die Interessen, die man die geistigen nennt. Die Wissenschaft zuerst. Wie ein Sturmwind ist in den Völkern Europas seit dem großen Wendepunkt im 16. Jahrhundert das eigene Denken und Erkennen erwacht. Es wurde ein neues Evangelium, dass Wissen Macht,10 dass Wissen Leben sei. Es eröffneten sich hier Aussichten auf den Besitz des Höchsten auch für die, die mit greifbaren Glücksgütern nicht gesegnet sind. Es liegt bei aller Verworrenheit, in der es geschieht, etwas Gewaltiges, Erschütterndes und Vorwurfsvolles in dem Heißhunger, mit dem gerade Männer und Frauen aus den untern Klassen heutzutage ihre Hände ausstrecken nach der Erkenntnis, der Erkenntnis der Wahrheit, die ihnen jetzt in |672 unzähligen Zeitungen und Schriften dargeboten wird. Wehe dem, der diesem Strom einen Damm entgegenstellen wollte. Und doch besteht kein Zweifel, dass von einem Evangelium der Wissenschaft keine Rede sein kann in dem Sinn, wie es oft behauptet wird. Denn gerade das, was die Menschen bei der Wissenschaft meistens suchen, den Besitz der Wahrheit, gerade das vermag sie nicht zu bieten, weil sie ihrem Wesen nach ein ewiges Suchen ist. Wo eine Wissenschaft auftritt mit dem Anspruch: ich weiß, ich habe, ich besitze, da wird sie unfehlbar zur lächerlichen Karikatur ihrer selbst, und das ist heutzutage nur zu oft der Fall. Jede Erkenntnis weist über sich selbst hinaus. Wer dabei stehenbleibt, und wäre es bei der höchsten und tiefsten Erkenntnis, dem verwandelt sich der vermeintliche Goldklumpen, den er in Händen hält, in einen Stein, der gewichtig sein mag, aber wertlos ist für sein Leben. Was hülfe es dem Menschen…! Gerade die Männer, die den entsagungsvollen und steilen Weg echter Wissenschaft gegangen sind und gehen, wissen, wie wahr das ist, wissen, dass ihre Arbeit ihren Lebenswert aus einer Sphäre empfängt, von der man auf dem Getümmel des Marktes, wo man von Erkenntnissen und Resultaten der Wissenschaft redet, keine Ahnung hat.
Aber die Welt des wahren Lebensinteresses könnte die
Kunst sein. Eröffnet sich hier nicht ein
Feld, das der Beschränktheit, der Kleinlichkeit, der Menschlichkeit aller
andern Güter entrückt ist? Wieder erinnern wir uns an
673 Aber je tiefer man in das Wesen der Kunst eindringt, desto mehr wird man auch von ihr sagen müssen: Kunst ist Können, ist Ahnen, Suchen, Arbeiten, Erobern, auch ihre größten Schöpfungen sind nicht Resultate, die man jedem Beliebigen einfach als bare Münze in die Hand drücken kann, sondern Etappen, Wegweiser, die vorwärts weisen. Man könnte einen Menschen täglich mit allen Kunstwerken der Malerei und Musik umgeben, er wird doch kein besserer Mensch, wenn ihn nicht jenes geheimnisvolle Fluidumi vom Kunstwerk weiterführt zur Kunst selbst:
sagt
Meine Freunde! Je höher wir steigen in der Welt der menschlichen Güter, desto trüber muss uns das Licht erscheinen, das auf das Besitzen-, Behalten-, Genießenwollen fällt, das nach Jesu Meinung das eigentlichste Merkmal weltlicher Gesinnung ist. Es zeigt sich da, dass auch das Beste aufhört, ein Gut zu sein, wenn wir ihm mit Interesse gegenüberstehen, d. h. in der Stimmung: Ich will das haben, ich will mir das aneignen. Die Stimmung des Besitzes ist der innere Zustand, in dem man seine Seele verliert. Und es scheint immer deutlicher, dass Interesse und Leben zwei Dinge sind, die radikal auseinandergehen.
674 Aber wir müssen noch einen letzten unvermeidlichen Schritt tun: auch die Welt
der
Frömmigkeit
kann ein Stück von dieser verderblichen Welt des Interesses werden. Es kann
ein Mensch alle jene Lebenskreise durchwandert und verlassen haben,
scheinbar von nichts mehr ergriffen als von Jesu Mahnung, Acht zu haben auf
seine Seele, und doch ist das nur ein Schein. Ja, der Mensch kann ins
Kloster gehen, oder er kann mitten in der Gesellschaft der Andern das Leben
eines Mönchs führen, wie es
675 Und hier werden wir vor die Entscheidung geführt, ob wir Weltmenschen werden wollen, die sich
selbst suchen, oder Seelenmenschen, die etwas gesehen haben und suchen, was
unendlich viel größer ist als ihr eigenes Ich mit seinen groben und feinen
Bedürfnissen. Das ist die Entscheidung, die auch der innerlich
fortgeschrittenste Mensch und Christ immer wieder fällen muss. Auf diesen
Zentralpunkt müssen wir unsre Blicke richten, wenn wir die Frage, die Jesus
heute an uns tut, ernst nehmen wollen. Ich habe zu Hause mehr als einen
Leitfaden für den Konfirmandenunterricht, der anfängt mit der Frage: Wie
werde ich glücklich? und mit der Antwort: ich werde glücklich, wenn ich Gott
habe, und darum sei mein Seelenglück das Ziel meines Lebens.15 Dieselbe Frage kann man in unzähligen Predigten und
religiösen Vorträgen als die Anfangsfrage der Frömmigkeit behandeln hören. Wir Alle ohne
Ausnahme fallen immer wieder in sie zurück, auch wenn wir in einzelnen
Augenblicken wie durch einen Spalt in der Türe das Licht gesehen haben, das
uns durch den Tod zum Leben führt. Diese Frage ist ziemlich genau das
Gegenteil von dem, was Jesus mit seiner Frage wollte. Ich glaube mich nicht
zu täuschen, wenn ich sage: Der große Antichrist
Wir müssen diese Frage rücksichtslos und mit allen ihren Konsequenzen in uns wirken lassen, wenn wir würdig dem Herrn entgegengehen wollen, dessen Kommen uns die Advents- und Weihnachtsbotschaft verkündigt. Denn von hier aus verstehen wir, wer Christus war und ist. Er ist der Mensch, in dem an die Stelle des Ich die Herrschaft Gottes getreten ist, des Gottes, der die Barmherzigkeit, die Wahrheit und die Gerechtigkeit ist, die keine Grenzen kennt. Sein Kommen aber zu uns bedeutet, dass wir Christusmenschen werden, in denen die Herrschaft Gottes auch keine Grenzen kennt.
Ist es die Angst vor diesen Konsequenzen? Fürchtest du, dass darüber deine
Freude an dem «goldnen Überfluss der Welt» zu kurz kommen möchte? Ich sage
dir, wenn wir einmal Christusmenschen sein werden, dann ist uns die Welt mit ihrem Reichtum und ihrer
Schönheit nicht zugeschlossen, sondern aufgeschlossen. Vorher nicht, wir
haben gesehen warum, aber dann sicher. Kein Abendlied werden wir dann der
Welt singen wie
- Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von
G. Tersteegen , Strophen 1–3 und 4–5 (RG 661,1–4 [ohne Strophe 5, GERS]; EKG 270,1–4.5a.6b [je mit Textabweichungen]). - Nr. 294: «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von
J. Scheffler , Strophen 6–7 (RG 812,5–6; EG 385,5–6 [je mit Textabweichungen]).
-
2.Korinther 4,16–18 ;5,1–10 .