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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 53</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 16,26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 16,26, 20. November 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53055 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53055</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 53: Predigt: Matthäus 16,26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">55</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 16,26, 20. November 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1496">KBA 1031</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-11-20">20. November 1910</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-11-20">Sonntag, den
                            20. November 1910</date> <date rend="right">(26. nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.26">Matthäus 16,26</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Was hülfe es dem Menschen, wenn er
                                    die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner
                                    Seele? Oder was kann der Mensch geben, dass er seine Seele
                                    wieder löse?</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>
                    <term type="Sachen" key="Seele, und Welt">und</term> die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> – davon soll heute die Rede sein. Es ist
                    ein ungeheurer Gegenstand. Es ist die Frage, die ohne alle Ausnahme jeden
                    Menschen beschäftigt, offen oder heimlich. Wenn wir, die wir hier sind, in
                    unser Inneres sehen, in das Hin und Her der Dinge, die wir auf dem Grund
                    unsres Herzens treiben und bewegen in den Stunden oder Augenblicken, wo
                    wir’s mit niemand zu tun haben als mit uns selbst, dann bemerken wir,
                    dass wir damit beschäftigt sind, zwei Sachen, zwei Mächte, zwei Faktoren in
                    ein in irgend einem Sinn leidliches, erträgliches Verhältnis zueinander zu
                    setzen, das eine irgendwie mit dem andern abzufinden und zu versöhnen. Die
                    zwei Sachen sind die Welt und die Seele. Und wenn wir jetzt aus dieser
                    Kirche hinausgehen würden, wenn es uns möglich wäre, all die andern
                    Menschen, die mit uns in dieser Stadt leben, einzeln aufzusuchen und zu
                    nötigen, einen Augenblick Halt zu machen in ihrem nützlichen oder
                    unnützlichen, trägen oder eilfertigen Leben, um gleichfalls in ihr Inneres
                    zu sehen und freimütig zu konstatieren, was da auf dem verborgenen Grund
                    sich hin- und herbewegt, dann würden wir auch bei ihnen, bei jedem <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> ohne alle Ausnahme, jene zwei Dinge sehen, um
                    deren Ausgleich sie sich bemühen. Und die zwei Dinge sind die Welt und die
                    Seele. Ein Unterschied würde sich freilich vorfinden. Hier in unsrer Mitte
                    und draußen in der <placeName ref="kbga-places-67">Stadt</placeName> würde eine
                    Anzahl Menschen sein, in deren Innerm bereits eine bestimmte Ordnung und
                    Regelung dieses Verhältnisses zwischen Welt und Seele stattgefunden hat. Bei
                    den einen so, dass sie eingesehen und beschlossen haben, bei ihnen müsse die
                    Seele zuvorderst stehen und die Welt müsse sich der <term type="Sachen" key="Seele, und Welt">Seele</term> unterordnen. Bei den andern so, dass
                    sie in Theorie und Praxis der <pb xml:id="p660" ed="pga"/> Meinung sind, die Welt
                    sei das eigentlich wichtige, während das, was man die Seele nenne, mehr eine
                    Art Begleitungsmusik sei. Aber ob man nun so oder so Ordnung geschafft habe,
                    diese Ordnung ist auf alle Fälle nur ein Anfang, sie haben
                        <hi rend="italic">begonnen</hi> damit, Ordnung zu schaffen. Denn die
                        <hi rend="italic">einen</hi> werden sich, wenn sie aufrichtig sind, immer wieder
                    sagen müssen, dass es in ihrem Leben noch sehr geräumige Winkel gebe, wo die
                        <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> zuvorderst steht und nicht
                    die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, und die
                        <hi rend="italic">andern</hi> gestehen es vielleicht nicht ein, aber es ist doch
                    wahr, die andern haben ihrerseits gewisse halb unbewusste Falten ihres
                    Herzens, wo die Ordnung noch nicht hergestellt ist, wo eine Stimme sich
                    geltend macht, die behauptet, die Seele sei das eigentlich Wichtige. Und
                    zwischen beiden bewegt sich die große Zahl derer, vielleicht sind sie in
                    erdrückender Mehrheit unter den Menschen <placeName ref="kbga-places-67">dieser Stadt</placeName> und in dieser Kirche, die noch keine bestimmte
                    Entscheidung getroffen haben. Das bedeutet nicht, dass die Ordnung zwischen
                    Welt und <term type="Sachen" key="Seele, und Welt">Seele</term> sie nicht
                    beschäftigt, im Gegenteil: sie am allermeisten sind beunruhigt durch die
                    Aufgabe, das Verhältnis zwischen beiden zu regeln, leidlich zu machen. Aber
                    man sieht sie bald auf dieser, bald auf jener Seite; bald nehmen sie einen
                    Anlauf, sich für die Seele zu entscheiden, bald kommt es ihnen vor, die
                    Interessen der Welt seien doch noch wichtiger, und je auffallender sie hin-
                    und herschwanken, desto deutlicher ist es, dass auch sie an dieser Frage
                    nicht vorbeikommen, obgleich sie weder ausgesprochene <term type="Sachen" key="Mensch, Seelenmensch">Seelenmenschen</term>, noch ausgesprochene
                        <term type="Sachen" key="Mensch, Weltmensch">Weltmenschen</term> sind.
                    Und so wird der <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Unterschied zwischen
                    Entschiedenen und Unentschiedenen in dieser Sache uns nicht hindern zu
                    sagen: Wir Alle, Alle, vom entschlossensten <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> und vom entschlossensten <term type="Sachen" key="Freidenker">Freidenker</term> bis zum
                    gleichgiltigsten Alltagsmenschen oder bis zum sinnlosesten Trunkenbold, wir
                    laborieren Alle an dieser Sache, an der Welt und an der Seele. Warum? Weil
                    wir ihr einfach nicht ausweichen, weil wir sie einfach nicht ein für allemal
                    erledigen können. Denn es ist ganz sicher, dass wir dazu berufen und
                    genötigt sind, als Menschen in dieser Welt zu leben. Und es ist zweitens
                    ganz sicher, dass wir dazu berufen und genötigt sind, als Menschen eine
                    Seele zu haben.</p>
                <p> Die Welt und die <term type="Sachen" key="Seele, und Welt">Seele</term>. Ich
                    sage es noch einmal: ein ungeheurer Gegenstand. Zu groß, um in einer kleinen
                    Stunde durchgedacht und durchgesprochen zu werden. Zu groß, um überhaupt
                    durchgedacht und durchgesprochen zu werden. Ich denke auch nicht daran, es
                    doch <pb xml:id="p661" ed="pga"/> zu tun. Was ich möchte, das ist: uns Alle
                    angesichts dieses großen Gegenstandes vor die einfache Frage Jesu stellen,
                    die ihr im Textwort gehört habt. Mit dem nächsten Sonntag treten wir wieder
                    in die Adventszeit ein, die unsre Aufmerksamkeit auf das Kommen Gottes, sein
                    Kommen in die Welt und in die Seele richten soll. Da soll jene Frage Jesu
                    heute uns Allen, den Eifrigen und den Gleichgiltigen, den Entschiedenen und
                    den Unentschiedenen, ein Ruf zur Sammlung sein, ein Ruf zu der
                    Wesentlichkeit, die in uns platzgreifen muss, wenn es uns um das Kommen
                    Gottes zu uns zu tun ist. Es ist die unumgängliche Voraussetzung des
                    Evangeliums in dieser Frage verborgen und doch mehr als nur die
                    Voraussetzung. Der ganze Inhalt des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term> ist darin. Es ist eine elementare Frage, und
                    zugleich ist es die höchste und letzte, die Jesus an uns zu richten hat. Sie
                    ist für keinen einzigen Menschen zu hoch, zu geistlich, zu
                    schwerverständlich, und doch gibt es keinen einzigen Menschen, der schon zu
                    reif, zu fortgeschritten, zu bekehrt wäre, um ihr Gehör zu schenken.</p>
            
                <p rend="margin-top">Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> gewönne und <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> nähme doch Schaden an seiner <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, oder was kann der Mensch geben, dass er seine Seele
                    wieder löse? Wir wollen uns nicht zu lange aufhalten mit der
                    Begriffsbestimmung, was die Welt sei und was die Seele. Wir haben Alle eine
                    ungefähre Vorstellung von dem, worum es sich handelt. Der eine würde sagen,
                    es handelt sich um das Zeitliche und um das Ewige, der andre würde dieselbe
                    Sache das Menschliche und das Göttliche nennen, der dritte vielleicht das
                    Äußere und das Innere. Und sie hätten damit auf ihre Weise Alle recht. Ich
                    will zur Verdeutlichung nur so viel hinzufügen, als aus der biblischen
                    Stelle und ihrem Zusammenhang selbst zu entnehmen ist. Ich habe das Wort
                    Jesu in der Übersetzung von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> wiedergegeben, weil es den meisten von uns wohl in dieser
                    Form vertraut und bekannt ist. Wenn ihr eine neuere Übersetzung des Neuen
                    Testaments in die Hand nehmen würdet, so würdet ihr finden, dass dort an
                    Stelle des Wortes «Seele» das Wort <hi rend="italic">Leben</hi> steht.<note xml:id="n01">So z. B.: <bibl corresp="kbga-bibls-2412">
                                <hi rend="italic">Das Neue Testament</hi>,
                        übersetzt von C. Weizsäcker, Tübingen 1903<hi rend="sup">9</hi>,
                        S. 20</bibl>.</note> Das ist genauer übersetzt, und es erklärt auch deutlicher
                    und allgemeiner, wovon die Rede ist: Was hülfe es dem <pb xml:id="p662" ed="pga"/>
                    Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und büßte dabei sein Leben ein, und
                    was soll ein Mensch als Preis für sein Leben geben? So müsste es wörtlicher
                    heißen, und wir würden dabei in nachdenklicher Weise darauf aufmerksam
                    gemacht, dass die Seele und das Leben dasselbe ist. Wer keine Seele hat,
                    lebt nicht. Wer seine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> verliert,
                    verliert sein Leben, und wenn er die ganze Welt gewönne. Und was ist nach
                    Jesu Meinung die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>? Ich meine, man
                    kann das ablesen aus dem euch gleichfalls Allen bekannten Wort, das
                    unmittelbar vorangeht: «Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren,
                    wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.25">Mt. 16,25</ref>]. Die <term type="Sachen" key="Welt, und Leben">Welt</term> gewinnen, das heißt,
                    sein Leben erhalten, und dabei verliert man sein Leben. Die Seele haben, das
                    heißt, sein Leben <term type="Sachen" key="Seele, und Leben">verlieren</term>, und dabei findet man sein Leben. Es ist also das
                    Merkwürdige an Jesu Anschauungsweise, dass er von der Welt keine Definition
                    gibt, dass er nicht daran denkt, eine Aufzählung weltlicher Dinge zu machen.
                    Das überlässt er uns und sagt nur: Die Welt <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> ist
                    Alles das, was ihr erhalten wollt, das, woran ihr Interesse habt, das, wovon
                    ihr sagt: <hi rend="italic">ich</hi> möchte das haben, behalten, besitzen, genießen.
                    Das Alles ohne jede Ausnahme ist die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>. Und nun merkt wohl auf: Die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> fängt genau an dem Punkt an, wo das Interesse
                    aufhört, wo die Frage: was möchte <hi rend="italic">ich</hi> haben, behalten,
                    besitzen, genießen? zum Schweigen kommt.</p>
                <p> Jesu Meinung über diese zwei Dinge, die Welt und die <term type="Sachen" key="Seele, und Welt">Seele</term>, ist also die: Was hilft es einem
                    Menschen, wenn er darauf ausgeht, die ganze Welt zu gewinnen, alles dessen
                    habhaft zu werden, woran er Interesse hat? Antwort: Nichts hilft es ihm: er
                    verliert dabei sein Leben, auch wenn es ihm gelingt. Und ist das, was er
                    hat, wenn er gewonnen, was er haben möchte, das andere wert, das er damit
                    verloren? Stellt es den Preis, den Gegenwert dessen dar, worauf er
                    verzichtet? Antwort: Nichts ist unter all dem Gewonnenen, was das Verlorene
                    ersetzen könnte. Ein Leben, das regiert ist von dem Gesichtspunkt:
                        <hi rend="italic">Ich</hi> interessiere mich für dies und das, für die ganze Welt
                    meinetwegen, ein solches Leben hat rettungslos Nicht-Leben, Lebensverlust,
                        <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> zur Folge.</p>
                <p>Meine Freunde! Ich würde gerne wissen, was in eurem Innern vorgegangen ist,
                    als ihr mich vorhin dieses Fragewort Jesu, das unsern Text bildet, habt
                    verlesen hören. Ich meine mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, dass ihr,
                    wenn ihr zugehört habt, ruhig bei euch selbst <pb xml:id="p663" ed="pga"/> gedacht
                    habt: Ja, so ist es, es hülfe dem Menschen nichts, wenn er die ganze Welt
                    gewönne und nähme dabei Schaden an seiner Seele. Wir sind das ja ganz
                    gewöhnt, diese Frage so zu beantworten, besonders innerhalb der vier Mauern
                    der Kirche. Wir sind ganz ruhig einverstanden mit Jesus, als ob es nicht
                    anders sein könne, gerade wie wir beim Singen aus dem Gesangbuch die
                    kühnsten und schwierigsten Gedanken religiöser Dichter in den Mund nehmen
                    und uns dadurch in gewissem Maße zu eigen machen, ohne dass wir über ihre
                    Kühnheit und Schwierigkeit Beschwerden fühlen. Euch und mich selbst trifft
                    hier ein Vorwurf, vor dem wir nicht ausweichen können. Wir sind beim Anhören
                    oder Lesen religiöser Gedanken, insbesondere der inhaltschweren Worte Jesu,
                    viel zu rasch bereit, <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> uns einverstanden zu
                    erklären, womöglich Beifall zu klatschen. Wenn wir sie und ihre Tragweite
                    verstanden hätten, hätten wir es damit vielleicht nicht so eilig. Und so
                    möchte ich beinahe wünschen, es seien unter uns auch einige, die vorhin beim
                    Anhören des Wortes von der Welt und der Seele bei sich selbst gedacht haben:
                    Nein, so sehe ich die Dinge nicht an. Ich möchte im Grunde sehr wohl, wenn
                    nicht die ganze, so doch ein gutes Stück der <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> mir gewinnen und in diesem Gewinn denke ich meine Seele
                    oder mein Leben nicht zu verlieren, sondern gerade zu finden. Das eine mag
                    an sein <term type="Sachen" key="Geschäftsleben">Geschäft</term> gedacht
                    haben, das andre an seine <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term>,
                    das dritte an die literarische oder künstlerische <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term>, die es sich aneignen möchte. Das Alles
                    hülfe dem Menschen nichts, gar nichts – das wäre ein unerträglicher
                    Gedanke! Ich will euch sagen, wie es mir gegangen ist. Mir stand, als ich
                    diese Predigt vorbereitete, ein Wort unsres <persName ref="kbga-actors-637">Gottfried Keller</persName> im Wege, die Schlussstrophe aus
                    seinem wundervollen Abendlied, wo es heißt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld,</l>
                            <l>Nur dem sinkenden Gestirn gesellt.</l>
                            <l>Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,</l>
                            <l>Von dem goldnen Überfluss der Welt.<note xml:id="n02">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1584">Strophe 4 des Gedichts «Abendlied» (Erstdruck: 1879; <persName ref="kbga-actors-637">G. Keller</persName>, Sämtliche Werke, Berlin 1961, Bd. 2,
                                    S. 35).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Das wollte mir nicht aus den Ohren, und das Andre klang sehr
                    sonderbar und fremd daneben: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze
                    Welt gewönne… Ich musste an Alles das denken, was ich bei <pb xml:id="p664" ed="pga"/>
                    <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>
                    gelernt, wie die Welt des Menschen <term type="Sachen" key="Heimat">Heimat</term>, wie die Welt in <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> und <term type="Sachen" key="Kunst">Kunst</term> und <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term> dem Menschen zur
                    Offenbarung werden könne, die sein Leben zum wahren <term type="Sachen" key="Leben, wahres">Leben</term> erhebt.</p>
                <p>Ich möchte nicht mich selbst als Muster hinstellen, aber ich glaube doch,
                    dass es beim Verständnis der Worte Jesu ohne solchen Widerspruch nicht
                    abgeht. Solange wir bloß mit den Köpfen nicken, ist die Gefahr sehr
                    dringlich, dass wir ihn nicht sehr ernst nehmen, dass wir ihn heimlich mit
                    seinen Forderungen einen guten Mann sein lassen. Wenn wir dagegen anfangen,
                    ihm zu widersprechen, so ist das ein Zeichen dafür, dass wir gemerkt haben,
                    dass er wirklich etwas Anderes will, als was <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> wir
                    wollen, und das ist dann bereits der erste Schritt nach vorwärts. Und gerade
                    das Wort, das uns heute beschäftigt, ist eins von den provozierendsten.</p>
                <p> Die <term type="Sachen" key="Welt, und Leben">Welt</term> unsrer gröbern
                    oder feinern Interessen sei nicht das Leben, wird da behauptet. Wir müssen
                    uns in dieser Welt ein wenig umsehen, um zu erkennen, wie es damit
                    steht.</p>
                <p>Wenn wir heute einmal ganz unten anfangen wollen, so wäre da vor Allem das
                    Interesse an der <term type="Sachen" key="Gesundheit">
                            <hi rend="italic">Gesundheit</hi></term> zu nennen. Ich habe es schon öfters
                    aus dem Munde armer Leute gehört: die Gesundheit sei doch das Beste im
                    Leben. Das sagen aber nicht nur arme Leute, deren Gesundheit wirklich ihr
                    einziges irdisches Gut ist, das ist ein Evangelium, das mit allerlei
                    geistreichen Wendungen in sehr gebildeten Büchern und Zeitschriften zu lesen
                    ist, heute sogar mehr als früher. Es ist auffallend, wie man in gewissen
                    Kreisen der geistigen <term type="Sachen" key="Kulturmüdigkeit">Kultur</term> müde geworden zu sein scheint und nun einen förmlichen
                    kleinen Gottesdienst des menschlichen <term type="Sachen" key="Gesundheit, Körperkult">Körpers</term> an die Stelle treten lässt.
                    Man liest von Leuten, die ihr Leben damit zubringen, ihre Muskeln zu
                    entwickeln, und wenn man z. B. an die Ringkämpferplakate denkt, mit denen
                    unsre Stadt vor einigen Wochen geziert war, so sieht man mit Bewunderung,
                    wie weit es der Mensch damit bringen kann. Aber auch abgesehen von solchen
                    Spezialisten ist es ganz deutlich, dass eine allgemeine Tendenz unsrer Tage
                    dahin geht, die Gesundheit, Kraft und Schönheit des Körpers ganz anders
                    wichtig zu finden, als es noch unsre Väter und Großväter taten.<note xml:id="n03">Gesundheit in körperlicher wie in geistiger
                        Hinsicht, und damit verbunden ein auf Kraft und Schönheit fokussierter
                        Körperkult, eine «gesunde» Ernährung und Lebensweise waren zentrale
                        Schlagworte der Lebensreform-Bewegung in den Jahren vor und unmittelbar
                        nach dem Ersten Weltkrieg; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2817">
                                <persName ref="kbga-actors-9321">B. Wedemeyer-Kolwe</persName>, <hi rend="italic">Aufbruch.
                            Die Lebensreform in Deutschland</hi>, Darmstadt 2017, bes.
                        S. 27–31.92–106</bibl>.</note> Das ist ja nun sehr schön, wir wer<pb xml:id="p665" ed="pga" break="no"/>den nichts dagegen einzuwenden haben, im
                    Gegenteil, wir werden sagen: Recht so, wir sind auch dabei, weil wir wissen,
                    dass die Gesundheit des äußern und innern Menschen viel enger
                    zusammenhängen, als man gewöhnlich denkt. Aber wenn man uns nun fragt, ob
                    Gesundsein schon <hi rend="italic">Leben</hi>
                    <term type="Sachen" key="Leben, und Gesundheit">heiße</term>, so ist die
                    Antwort für jeden, der auch nur eine Spanne lang denken kann, sehr einfach.
                    Müsste man sich nicht beim Anblick jener Ringkämpferbilder ängstlich fragen,
                    wie mag es in diesen <hi rend="italic">Köpfen</hi> aussehen? Wenn ich Gott sei Dank
                    gesund bin und es zu bleiben hoffe, so ist das ein Gut, das ich mit einem
                    gesunden Pferd gemeinsam habe. Auch der ausgepichteste<note xml:id="n04">Umgangssprachlich für: «der erfahrenste», «der
                        gewiefteste».</note>
                    <term type="Sachen" key="Materialismus">Materialist</term> wird aber nicht
                    der Meinung sein, dass das <hi rend="italic">Leben</hi> das sei, was der Mensch mit
                    dem Tiere gemeinsam hat. Ein schöner Rahmen ist eine <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> gute Sache, wenn aber kein Bild darin ist, so werden wir doch
                    nur mit sehr kühler Bewunderung davorstehen. Ein Mensch, der nur an seine
                        <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term> denkt, lässt uns
                    kalt, vielleicht geben wir uns nicht Rechenschaft darüber, warum es so ist;
                    es ist aber im Grunde immer das, dass es uns abstößt, wenn einer etwas als
                    Zweck behandelt, was nur ein Mittel ist. Er macht uns den Eindruck eines
                    Egoisten, und zwar eines kleinlichen Egoisten, und darum erscheint uns seine
                    Interessiertheit mit Recht als Beschränktheit. Halten wir diesen Eindruck
                    fest, wenn wir nun in der Welt der Interessen einige Stufen höher
                    steigen.</p>
                <p>Wir kommen zum Interesse am <term type="Sachen" key="Vergnügen">
                            <hi rend="italic">Vergnügen</hi>s</term>. Des Interesses an der bloßen
                    «bäurischen <term type="Sachen" key="Gesundheit, bäuerische">Gesundheit»</term>, wie <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName> das nennt,<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2818">
                                <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Unzeitgemäße
                            Betrachtungen. Erstes Stück: David Strauss: Der Bekenner und der
                            Schriftsteller</hi>, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in
                        15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 1, München / Berlin
                        1999, S. 157–242, dort S. 169</bibl>: «Es fanden sich eigene
                        darstellende Talente, welche das Glück, die Heimlichkeit, die
                        Alltäglichkeit, die bäuerische Gesundheit und alles Behagen, welches
                        über Kinder-, Gelehrten- und Bauernstuben ausgebreitet ist, mit
                        zierlichem Pinsel nachmalten.»</note> könnten wir uns wohl meistens
                    nicht-schuldig sprechen. Wenn es sich um das Vergnügen handelt, wird die
                    Sache schon ernsthafter. Ich will mich nicht damit aufhalten, von den
                    sogenannten schlechten <term type="Sachen" key="Vergnügen, schlechtes">Vergnügungen</term>
                    <pb xml:id="p666" ed="pga"/> zu reden; es ist bekanntlich sehr schwer, eine
                    exakte, für alle gleich giltige Grenze zwischen gut und schlecht in diesen
                    Dingen zu ziehen. Was uns in diesem Zusammenhang beschäftigt, ist die
                    Tatsache, dass für allerweiteste Kreise das Amüsement irgendwelcher Art die
                    ganze eine und zwar erfreulichere Seite des Lebens darstellt gegenüber der
                        <term type="Sachen" key="Arbeit, und Vergnügen">Arbeit</term>.
                    Ob’s nun dabei gröber oder feiner zugeht, ist schließlich belanglos;
                    das Wesentliche ist dieses Verständnis des Vergnügens als der Glanz- und
                    Sonnenseite des <term type="Sachen" key="Vergnügen, Sonnenseite des Lebens">Daseins</term>, zu der alles Übrige nur das düstere Relief liefern
                    muss. Um des Vergnügens willen interessiert man sich für das Leben. Das ist
                    keine moderne Errungenschaft, sondern das war immer so. Es ist auch in allen
                    Ständen so. Ich denke bei dem, was ich sage, ebenso an unsre jungen Leute
                    aus dem Arbeiterstand, die in einem Abend im Zirkus Höhepunkte ihres
                    Lebensgefühls zu erfahren meinen, wie an manche Studenten, die ihre
                    Universitätsjahre als einen Kreislauf harmloser und weniger harmloser
                    Belustigungen zubringen, um dann nachher wie eine Seifenblase wieder in sich
                    selbst, d. h. in ihre natürliche Lebensindifferenz<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     zurückzusinken. Theoretisch werden ja auch hier die meisten Menschen
                    damit einverstanden sein, dass Amüsement und Leben noch nicht dasselbe sei.
                    Bewahre nein! Man kann ja z. B. nach jedem großen Volksfest die Beobachtung
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> machen, dass man allgemein ein wenig
                    aufatmet, wenn die Festhütte wieder abgebrochen wird, wenn das
                    Außerordentliche wieder dem Alltäglichen Platz macht. Aber praktisch steht
                    die Sache doch bei den Meisten anders. Jene Ansicht oder Stimmung, dass die
                    Belustigungen die eigentliche Crème des Lebens seien, ist viel weiter
                    verbreitet, als man es gemeiniglich Wort haben will, und zwar bei Jungen und
                    Alten. Man kann oft reife und erfahrene Leute mit einer Wärme und
                    Begeisterung von einem Menu reden hören oder von irgend einer Speise, die
                    sie vielleicht vor Jahren dort und dort genossen, dass man sich kaum des
                    Eindrucks erwehren kann, <hi rend="italic">hier</hi> stecke ihre eigentliche <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, <hi rend="italic">hier</hi> sei ihr
                    innerstes Leben beteiligt, während sie für allerlei Anderes, das sie selbst
                    theoretisch als wichtiger anerkennen, nicht annähernd solchen Eifer
                    aufzubringen pflegen. Und es dürfte sehr wenig Menschen geben, die sich
                    nicht sagen müssten, dass auch bei ihnen wenigstens in bestimmten
                    Lebensbeziehungen das Amüsement das eigentlich do<pb xml:id="p667" ed="pga" break="no"/>minierende Element ist. Jesus sagt, ob es uns gefällt oder nicht: was hülfe
                    es dem Menschen, wenn er <hi rend="italic">alle</hi> seine Vergnügungsinteressen
                    befriedigte? Nichts hülfe es ihm. Denn auch das größte Wohlbehagen, das er
                    sich dadurch verschafft, führt ihn noch nicht über die Stufe des Tieres
                    hinaus, das Menschenleben hat damit noch nicht begonnen; denn der
                    Unterschied des Menschen zum<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     Tier muss doch wohl in etwas Anderem bestehen als darin, dass der
                    Mensch sich sein Wohlbehagen in raffinierterer Weise zu verschaffen versucht
                    als das Tier.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1749">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>,
                        Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi>, S. 28</bibl>: «Sobald wir also anfangen, zu
                        wollen, oder die Stufe tierischen Lebens zu verlassen, stellt sich die
                        Unmöglichkeit heraus, in irgend einem Moment das Verlangen nach Lust als
                        die Seele unseres Tuns anzusehen. Verlangten wir rücksichtslos nur nach
                        Lust, so würden wir uns selbst nicht beherrschen, also nicht wollen,
                        also nicht Menschen werden.»</note> Auch bei den ausgesuchtesten und
                    andauerndsten <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügungen</term> bleibt
                    der Rahmen noch leer. Her mit dem <hi rend="italic">Bild!</hi>
                    </p>
                <p>Vom Vergnügungsinteresse kommen wir zum <term type="Sachen" key="Geld">
                            <hi rend="italic">Geld</hi>interesse</term>. Geld ist Macht. Geld haben heißt
                    das Leben haben. Diese Frage ist ernsthafter und komplizierter, als man
                    gewöhnlich denkt. Dadurch dass man einige schauderhafte Anekdoten von
                    unglücklichen Millionären und dergleichen erzählt, ist sie nicht abgetan.
                    Denn das Geld ist ja nur der Repräsentant eines <term type="Sachen" key="Geld, Repräsentant des Arbeitswertes">Arbeitswertes</term>. Alles
                    produktive Wirken, Schaffen, Erobern hat seine Taxe in Geldwert. Geld haben
                    heißt die Hände oder den Kopf oder beide angestrengt haben, über dieses
                    Faktum bildet die bare<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Mskr.: «baare» (vereinzelt auftauchende veraltete Schreibweise);
                            von den Hrsg. geändert.</note>
                     Münze oder die Banknote den legitimen<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     Ausweis. Und darum steht hinter dem Interesse <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> am Geld das Interesse an der Arbeit. Es ist sehr wohlfeil, sich
                    vom Reichen ohne Weiteres jenes Bild des habsüchtigen Mannes zu machen, der
                    unersättlich seine Schränke füllt aus purem Vergnügen am Besitz. Gerade die
                    Neuzeit gibt uns von der Welt des Geldes eine ganz andre Vorstellung. Die
                    Zeiten sind vorbei, wo man seinen Erwerb in einem Strumpf unter der
                    Zimmerdiele verbarg oder im Walde vergrub, um es für die Zukunft sicher zu
                    stellen. Auch der einfachste Mann weiß heute, dass er besser <pb xml:id="p668" ed="pga"/> tut, sein Kapital nicht in den Fingern zu behalten, sondern
                    es arbeiten zu lassen. So werden die Schätze, die die Motten und der Rost
                    fressen können [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.19">Mt. 6,19</ref>], im buchstäblichen Sinn immer weniger. <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>Man versteht heutzutage, dass Geld Arbeit ist und nur als <term type="Sachen" key="Arbeit, und Geld">Arbeit</term> Wert hat, und dies
                    Verständnis wird die Menschen vielleicht allmählich zu einem feinern
                    sittlichen Empfinden erziehen. Jesu Gleichnis von den anvertrauten Pfunden
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.14 Mt.25.30">Mt. 25,14–30</ref> par.] zeigt, dass er sich darüber vielleicht
                    ähnliche Gedanken gemacht hat.<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     – |</p>
                <p> Aber nun steht es trotzdem so, dass das <term type="Sachen" key="Geld">Geldinteresse</term> noch keineswegs der Anfang des Menschenlebens ist.
                    Ja es liegt, wie wir sahen, im Geld etwas, was über sich selbst hinausweist;
                    aber wer beim Geld selbst stehen bleibt, und das liegt sehr nahe, der hat
                    noch nicht angefangen zu <term type="Sachen" key="Geld, und Leben">leben</term>, der ist auch noch ein Rahmen ohne Bild. Er macht es
                    grundsätzlich gleich wie der, der seine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> in seine <term type="Sachen" key="Gesundheit">Gesundheit</term> oder in sein <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term> steckt: er braucht etwas als Zweck, was bloß ein
                    Mittel ist, er bleibt wie jene im Kreis der Beschränktheit. Wie das wirkt
                    auf die Menschen, wie das Geld zum gefährlichsten aller <term type="Sachen" key="Geld, gefährlichster aller Götzen">Götzen</term>, zum <term type="Sachen" key="Geld, Mammon">Mammon</term> werden kann, das sieht
                    man besonders deutlich an Fällen, wo das Geld nicht durch eigene Arbeit,
                    sondern durch irgend einen Glücksfall in die Hände eines Menschen kommt,
                    z. B. durch Erbschaft oder durch die Lotterie. Da wird sich auch der reifste
                    und beste Mensch gegen die Vorstellung zu wehren haben, das Geld
                    repräsentiere nicht bloß einen Wert, sondern es sei wertvoll an sich selber;
                    da wird diese Vorstellung sich aller nicht gefestigten Gemüter rettungslos
                    bemächtigen, und das Bewusstsein des Besitzes wird zu der Macht, die
                    unaufhaltsam die Charaktere entwürdigt und das Leben ganzer Familien stört
                    und verwüstet. Was hülfe es dem Menschen, wenn er das Bewusstsein des
                    Besitzes aller Gelder der Welt habe? Nichts hülfe es ihm. Der Hamster in
                    seinem Bau hat auch ein solches Bewusstsein, und es ließe sich darüber
                    streiten, was wertvoller ist, die Gelder oder der Inhalt des
                    Hamsterbaus.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Aber es wird Zeit, dass wir uns zu der Welt der
                    sogenannten <hi rend="italic">höhern</hi>
                    <term type="Sachen" key="Ideale">Interessen</term> wenden. Vielleicht, dass
                    Jesus hier Unrecht [hat], und wir mit unserm Widerspruch Recht behalten.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p669" ed="pga"/> Da sind zunächst die Güter und Interessen, die unser Verkehr mit den andern
                    Menschen mit sich bringt, Dinge wie <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, <term type="Sachen" key="Ehre">Ehre</term>, <term type="Sachen" key="Freundschaft">Freundschaft</term>. Darf man da auch
                    noch fragen: Was hülfe das Alles dem Menschen? Sind das nicht die edelsten
                    Güter des <term type="Sachen" key="Ideale, und Leben">Menschenlebens</term>?
                    Sollte das Alles noch nicht das Leben selbst sein?</p>
                <p>Die <term type="Sachen" key="Freiheit">
                            <hi rend="italic">Freiheit</hi></term>. Freiheit
                        <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>des Individuums<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>, der Persönlichkeit, zu tun und zu lassen nach eigenem Urteil und
                    Gutfinden, unabhängig sein von lästiger Bevormundung durch andre, selber
                    sein und selber werden. Das ist auch so ein Gut erst der <term type="Sachen" key="Freiheit, Gut der Neuzeit">Neuzeit</term>. Das Altertum und das
                    Mittelalter fanden es selbstverständlich, dass der einzelne Mensch
                    bevormundet werden müsse durch die Gewalt des Staates und der Kirche, und
                    zwar bis in die feinsten Regungen seines innern Lebens hinein. Die
                    französische <term type="Sachen" key="Französische Revolution">Revolution</term> und <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>die klassische Philosophie<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                    <term type="Sachen" key="Philosophie, klassische"/> haben hier eine
                    Umwälzung hervorgebracht. Sie haben uns die bürgerliche Freiheit, die <term type="Sachen" key="Freiheit, Gewissensfreiheit">Gewissensfreiheit</term>
                    und die <term type="Sachen" key="Freiheit, Gedankenfreiheit">Gedankenfreiheit</term> gebracht. Also: Freiheit, die <hi rend="italic">ich</hi>
                        meine,<note xml:id="n07">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2487">Beginn der ersten Strophe des
                        Gedichts «Freiheit» von M. von Schenkendorf</bibl>; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p060#fn_n05">S. 60,
                        Anm. 5</ref>.</note> ist das das Leben? Letzte
                    Woche fiel mir eines Tages schon von weitem eine Wahlproklamation in die
                    Augen mit der Überschrift: Liberté individuelle. Ah, dachte ich, das ist ein
                    schönes Programm, da könntest du auch dabei sein. Ich trat näher, studierte
                    die schöne Proklamation und entdeckte, dass die Liberté individuelle in der
                    Freiheit des Absinthtrinkens bestehe. Einige Wirte fanden diese «Freiheit»
                    wichtig genug, um zu ihrem Schutz eine politische Partei zu gründen.<note xml:id="n08">Am 7. Oktober 1910 war für alle Kantone der
                        Schweiz ein <term type="Sachen" key="Schweiz, Absinth-Verbot">Absinth-Verbot</term> in Kraft getreten; bei der Abstimmung zwei
                        Jahre zuvor hatte sich einzig in den Kantonen Genf und Neuenburg eine
                        Mehrheit dagegen ergeben (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2819">
                                <persName ref="kbga-actors-4708">J. Grellet</persName>, Art. «Absinth», in: HBLS I, S. 71f.</bibl>). Bei
                        dem beschriebenen Plakat wird es sich um eine Abwandlung des schon im
                        Abstimmungskampf 1908 verwendeten Motivs handeln, das sich mit einem
                        groß geschriebenen «Non!» gegen das Verbot wandte und dies mit einem
                        Schweizer illustrierte, der mit einem Fußtritt einen als Christen
                        kenntlichen älteren Herrn verscheuchte. Um seinen Kopf herum stand
                        geschrieben: «Liberté individuelle», und der weitere Text lautete:
                        «Electeurs suisse, ne vous laissez pas tromper! Le Croixbleuisme, voila
                        l’Ennemi.»; dt.: «Schweizer Wähler, lasst euch nicht täuschen!
                        Das Blaue Kreuz, das ist der Feind.» Eine Abbildung findet sich in: 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2820">
                                <persName ref="kbga-actors-9322">M. Bröckers</persName> u. a.,
                            <hi rend="italic">Absinthe – Die Wiederkehr der Grünen Fee. Geschichten
                            und Legenden eines Kultgetränkes</hi>, Solothurn 2006,
                        S. 37</bibl>.</note> Deutlicher könnte man es gar nicht <pb xml:id="p670" ed="pga"/>
                    demonstrieren, dass das bloße Interesse an der persönlichen <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> auch wieder in einem kurzen
                    Kreislauf zum Interesse am <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term> und
                        <term type="Sachen" key="Vergnügen">Vergnügen</term> zurückführt. Je
                    hochtrabender man da oft anfängt, desto kläglicher kann man enden. Wer da
                    schwärmt, sein Interesse am Leben sei seine Freiheit, soll sich nur recht
                    klar machen, wozu er diese Freiheit, die <hi rend="italic">er</hi> meint, brauchen
                    will. Sie ist offenbar auch kein Zweck, sondern nur ein Mittel. Wenn man
                    einem Wildschwein seinen Käfig öffnet, so ist es damit auch frei; ich wollte
                    aber nicht dabei sein, wenn es seine Freiheit anwendet.</p>
                <p>Die <term type="Sachen" key="Ehre">
                            <hi rend="italic">Ehre</hi></term>. Die Anerkennung,
                    die Achtung, das Ansehen unter den Mitmenschen. <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>
                    Es ist die Würde des <term type="Sachen" key="Menschenwürde">Menschen</term>, die dieses Gut fordert. Wir Alle stehen lieber oben in der
                    Stufenleiter der Achtung der Andern als unten. Und so möchte es scheinen,
                    dass das recht eigentlich unser Lebensinteresse sei, unsre Ehre blank zu
                    erhalten vor den Andern. Aber nicht wahr, darin sind wir ja einig: es kommt
                    doch sehr darauf an, <hi rend="italic">wer</hi> diese Andern sind? Z. B. auf das
                    Ehrgefühl, das der preußische Offizier und Korpsstudent bei seinesgleichen
                    voraussetzt, würden wir dankend verzichten. Was für ihn ehrenhaft oder
                    unehrenhaft ist, ist für uns vielleicht jedes Mal das Gegenteil. Wir lächeln
                    aber auch, wenn wir vom Ehrbegriff der Gauner reden hören, obgleich wir gar
                    nicht daran zweifeln, dass sie auch einen solchen haben. So oberflächlich
                    werden wir aber nicht sein wollen, dass wir unsern Ehrbegriff einfach von
                    unsrer zufälligen Umgebung entnehmen und den dann zu unserm Lebensideal
                    machen? Wir sind zwar häufig so oberflächlich. Sollte es überhaupt keine
                    absolute Ehre geben? Oder sollte die Ehre, die wir meinen, bestehen in der
                    Ehre, die wir vor uns selbst haben? Dann kommt wieder Alles darauf an, was
                    wir selbst sind, dann weist auch der Ehrbegriff über sich selbst hinaus.
                    Dann kann auch die <term type="Sachen" key="Ehre">Ehre</term> nicht das
                    Letzte, Eigentliche im <term type="Sachen" key="Ehre, und Leben">Leben</term> sein, dann ist auch sie eine Form, die ihren Inhalt erst
                    bekommen muss.</p>
                <p>Die <term type="Sachen" key="Freundschaft">
                            <hi rend="italic">Freundschaft</hi></term>
                    endlich, und man könnte hinzufügen: die Liebe und die Ehe, die Bande
                    persönlicher Neigung, die den Menschen mit dem Menschen verbinden, sind sie
                    nicht ein Gut, das den Charakter <pb xml:id="p671" ed="pga"/> eines höchsten
                    Lebenswertes hat? Ist es nicht aller großen Menschen einstimmiges Zeugnis,
                    was <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> im Lied
                    an die Freude ausruft:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Was den großen Ring bewohnet,</l>
                            <l>Huldige der Sympathie;</l>
                            <l>Zu den Sternen leitet sie,</l>
                            <l>Wo der Unbekannte thronet.<note xml:id="n09">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1505">Refrain
                                    nach Strophe 2 des Gedichts «An die Freude» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1786; Sämtliche Werke,
                                    Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 133–136,
                                    dort S. 134).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber wieder kommen wir um die Tatsache nicht herum, auch
                    Schiller hat sie gesehen, dass auch die Sympathie eine Lebensäußerung ist,
                    die der Mensch mit dem Tier, der gute Mensch mit dem bösen gemeinsam hat.
                    Wir mögen ehrfurchtsvoll diesem geheimnisvollen Zuge nachsinnen, der die
                    Welt der höchsten wie der niedersten Wesen, der das All des Lebendigen in
                    den Fugen hält. Aber wenn wir uns selbst vor <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>
                    die Frage stellen: Ist die Sympathie, die mich mit andern und andere mit mir
                    verbindet, ist sie das, was das <term type="Sachen" key="Freundschaft, und Leben">Leben</term> lebenswert macht?, werden wir
                    uns sagen müssen: Sie kann zum Höchsten werden, aber sie ist es nicht an
                    sich selber. Es gibt auch in <term type="Sachen" key="Freundschaft">Freundschaft</term> und <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>
                    und <term type="Sachen" key="Ehe">Ehe</term> ein Jenseits, ein au delà,
                    durch das sie Wert und Inhalt bekommen, aber ohne das sie den Menschen im
                    Umkreis seiner Beschränktheit sitzen lassen, auch wenn er Alles gewönne, was
                    die Welt ihm in dieser Beziehung bieten kann.</p>
                <p>Wir steigen noch höher. Da sind die Interessen, die man die geistigen nennt.
                    Die <term type="Sachen" key="Wissenschaft">
                            <hi rend="italic">Wissenschaft</hi></term>
                    zuerst. Wie ein Sturmwind ist in den Völkern Europas seit dem großen
                    Wendepunkt im 16. Jahrhundert das eigene Denken und Erkennen erwacht. Es
                    wurde ein neues Evangelium, dass Wissen Macht,<note xml:id="n10">«Wissen ist Macht» ist ein auf <persName ref="kbga-actors-2341">Francis Bacons</persName> «Essays» (1598; dort: «for
                        knowledge itself is power») zurückgehendes deutsches Sprichwort; vgl.
                            <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann,
                        S. 270</bibl>.</note> dass Wissen <term type="Sachen" key="Wissen, und Leben">Leben</term> sei. Es eröffneten sich hier Aussichten auf den Besitz des
                    Höchsten auch für die, die mit greifbaren Glücksgütern nicht gesegnet sind.
                    Es liegt bei aller Verworrenheit, in der es geschieht, etwas Gewaltiges,
                    Erschütterndes und Vorwurfsvolles in dem Heißhunger, mit dem gerade Männer
                    und Frauen aus den untern Klassen heutzutage ihre Hände ausstrecken nach der
                    Erkenntnis, der Erkenntnis der Wahrheit, die ihnen jetzt in <pb xml:id="p672" ed="pga"/> unzähligen Zeitungen und Schriften dargeboten wird. Wehe dem,
                    der diesem Strom einen Damm entgegenstellen wollte. Und doch besteht kein
                    Zweifel, dass von einem Evangelium der Wissenschaft keine Rede sein kann in
                    dem Sinn, wie es oft behauptet wird. Denn gerade das, was die Menschen bei
                    der Wissenschaft meistens suchen, den <hi rend="italic">Besitz</hi> der <term type="Sachen" key="Wissenschaft, und Wahrheit">Wahrheit</term>, gerade
                    das vermag sie nicht zu bieten, weil sie ihrem Wesen nach ein ewiges <term type="Sachen" key="Wissenschaft, ewiges Suchen">
                            <hi rend="italic">Suchen</hi></term> ist. Wo eine Wissenschaft auftritt mit dem
                    Anspruch: ich weiß, ich habe, ich besitze, da wird sie unfehlbar zur
                    lächerlichen <term type="Sachen" key="Wissenschaft, unfehlbare W. wird zur Karikatur">Karikatur</term>
                    ihrer selbst, und das ist heutzutage nur zu oft der Fall. Jede Erkenntnis
                    weist über sich selbst hinaus. Wer dabei stehenbleibt, und wäre es bei der
                    höchsten und tiefsten Erkenntnis, dem verwandelt sich der vermeintliche
                    Goldklumpen, den er in Händen hält, in einen Stein, der gewichtig sein mag,
                    aber wertlos ist für sein Leben. Was hülfe es dem Menschen…! Gerade
                    die Männer, die den ent<pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>sagungsvollen und
                    steilen Weg echter Wissenschaft gegangen sind und gehen, wissen, wie wahr
                    das ist, wissen, dass ihre Arbeit ihren Lebenswert aus einer Sphäre
                    empfängt, von der man auf dem Getümmel des Marktes, wo man von Erkenntnissen
                    und Resultaten der <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term> redet, keine Ahnung hat.</p>
                <p>Aber die Welt des wahren Lebensinteresses könnte die <term type="Sachen" key="Kunst">
                            <hi rend="italic">Kunst</hi></term> sein. Eröffnet sich hier nicht ein
                    Feld, das der Beschränktheit, der Kleinlichkeit, der Menschlichkeit aller
                    andern Güter entrückt ist? Wieder erinnern wir uns an <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName>, der uns gelehrt hat, aus der
                    dumpfen Enge des wirklichen Lebens hinüberzusehen in <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>des
                    Ideales Reich<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh" target="fn-h"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>, und wir glauben es ihm gerne, wenn er uns sagt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>  In den heitern Regionen,</l>
                            <l>Wo die reinen Formen wohnen,</l>
                            <l>Rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.</l>
                            <l>Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,</l>
                            <l>Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden,</l>
                            <l>Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr.<note xml:id="n11">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2576">Aus der 13. Strophe des Gedichts «Das Ideal und das Leben»
                                    von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1795 als «Das Reich der
                                    Schatten»; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 201–205, dort
                                    S. 204).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p673" ed="pga"/> Aber je tiefer man in das Wesen der Kunst eindringt, desto
                    mehr wird man auch von ihr sagen müssen: Kunst ist Können, ist Ahnen,
                    Suchen, Arbeiten, Erobern, auch ihre größten Schöpfungen sind nicht
                    Resultate, die man jedem Beliebigen einfach als bare Münze in die Hand
                    drücken kann, sondern Etappen, Wegweiser, die vorwärts <term type="Sachen" key="Kunst, weist über sich hinaus">weisen</term>. Man könnte einen
                    Menschen täglich mit allen Kunstwerken der Malerei und Musik umgeben, er
                    wird doch kein besserer Mensch, wenn ihn nicht jenes geheimnisvolle Fluidum<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     vom Kunstwerk weiterführt zur Kunst selbst:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Der allein besitzt die Musen,</l>
                            <l>Der sie trägt im warmen Busen,</l>
                            <l>Dem Vandalen sind sie Stein,<note xml:id="n12">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2821">Schluss des Gedichts «Die Antiken zu Paris» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1802; Sämtliche Werke,
                                    Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>,
                                S. 213).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">sagt <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> nicht trotzdem, sondern <hi rend="italic">weil</hi> er hoch denkt
                    von der Kunst. Immer haben die großen Schöpfer dieser Werke das Bewusstsein
                    gehabt, dass sie sich in ihren Werken keineswegs erschöpften, dass das
                    Letzte, Eigentlichste, was sie zu sagen hatten, vor ihnen lag und nicht
                    hinter ihnen. Dem innern Leben eines <persName ref="kbga-actors-488">Beethoven</persName> ist die platte Welt<pb ed="A" rend="hidden" n="15"/>freudigkeit ganz fremd gewesen, die man mit
                    Berufung auf den Genuss seiner Werke hat rechtfertigen wollen, und das
                    letzte Werk des großen <persName ref="kbga-actors-281">Mozart</persName> hebt an mit den ergreifenden Klängen: Ewige Ruhe gib
                    ihnen, gib ihnen den Frieden und das ewige Licht leuchte ihnen!<note xml:id="n13">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2725">
                                <persName ref="kbga-actors-281">W. A. Mozart</persName>, <hi rend="italic">Requiem</hi>,
                        KV 626</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Requiem aeternam dona eis, Domine, </l>
                                    <l>Et lux perpetua luceat eis.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note>
                </p>
                <p>Meine Freunde! Je höher wir steigen in der Welt der menschlichen Güter, desto
                    trüber muss uns das Licht erscheinen, das auf das Besitzen-, Behalten-,
                    Genießenwollen fällt, das nach Jesu Meinung das eigentlichste Merkmal
                    weltlicher Gesinnung ist. Es zeigt sich da, dass auch das Beste aufhört, ein
                    Gut zu sein, wenn wir ihm mit Interesse gegenüberstehen, d. h. in der
                    Stimmung: <hi rend="italic">Ich</hi> will das haben, <hi rend="italic">ich</hi> will mir das
                    aneignen. Die Stimmung des Besitzes ist der innere Zustand, in dem man seine
                        <term type="Sachen" key="Seele, und Besitz">Seele</term> verliert. Und
                    es scheint immer deutlicher, dass Interesse und Leben zwei Dinge sind, die
                    radikal auseinandergehen.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p674" ed="pga"/> Aber wir müssen noch einen letzten unvermeidlichen Schritt tun: auch die Welt
                    der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">
                            <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi></term>
                    kann ein Stück von dieser verderblichen Welt des Interesses werden. Es kann
                    ein Mensch alle jene Lebenskreise durchwandert und verlassen haben,
                    scheinbar von nichts mehr ergriffen als von Jesu Mahnung, Acht zu haben auf
                    seine Seele, und doch ist das nur ein Schein. Ja, der Mensch kann ins
                    Kloster gehen, oder er kann mitten in der Gesellschaft der Andern das Leben
                    eines Mönchs führen, wie es <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> getan hat,<note xml:id="n14">Im Winterhalbjahr 1910/11 veranstaltete die
                        Deutsche reformierte Gemeinde in <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Genf</term> mehrere
                        Gemeindeabende, an denen jeweils ein Dichter von Gesangbuchliedern
                        vorgestellt wurde. Am Sonntag, 13. November 1910 sprach Barth über
                        <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> (Abdruck: <bibl corresp="kbga-bibls-1352">V.u.kl.A. 1909–1914,
                        <ref type="pub-" target="../volume/22/p230#p230">S. 230-256</ref>)</bibl>. Über die Lebensweise des Dichters sagt Barth folgendes:
                        Nachdem andere Geschäfte erfolglos geblieben waren, ergriff er das
                        Handwerk der «Seidenbandweberei, die er nun in fast vollständiger
                        Einsamkeit jahrelang betrieben hat. Von morgens 5 bis abends 9 Uhr war
                        er an der Arbeit, aß nur einmal des Tages und zwar eine aus Mehl, Wasser
                        und Milch selbstbereitete Speise, um erst bei eingebrochener Dunkelheit
                        in die Häuser der Armen zu gehen und ihnen mitzuteilen, was er selbst
                        erübrigt. Das was er mit diesem Leben bezweckte, war die ‚Nachfolge des
                        armen Lebens Jesu’» (<bibl corresp="kbga-bibls-1352">a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p240#p240">S. 240</ref></bibl>; zur Literatur, auf die Barth sich
                        stützte, vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1352">a.a.O., <ref type="pub-" target="../volume/22/p238#fn_n18">S. 238f., Anm. 18</ref></bibl>).</note> verzichtend sozusagen
                    auf alle Interessen der Welt. Und doch folgt ihm die Welt im ganzen schweren
                    Sinne des Wortes auch in die Weltabgeschiedenheit, wenn seine <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, und Welt">Frömmigkeit</term> im
                    heimlichsten Grunde doch nur eine Erhöhung, Bereicherung, Beseligung seiner
                    eigenen Person anstrebt. Denn die Welt ist nicht dies und das, die Welt ist
                    schlechterdings Alles bis und mit den feinsten, erhabensten Regungen unsres
                    innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, wenn auf dem
                    Anfang der Linie das Vorzeichen «Ich» steht. Das Leben der Seele hat noch
                    nicht angefangen, so wenig wie bei all den Andern, die bei diesem oder jenem
                    Gut des Lebens stehenbleiben, so lange unser inneres Leben oder unsre <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, und das Ich">Frömmigkeit</term> noch
                    unter dem Zeichen steht: <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/>
                    <hi rend="italic">Ich</hi> möchte selig werden, oder wie etwa moderne Menschen
                    dieselbe Sache zu nennen pflegen: <hi rend="italic">Ich</hi> möchte eine starke,
                    vielseitige, entwickelte Persönlichkeit werden. Täuschen wir uns nicht!
                    Erinnern wir uns an das, was am Anfang gesagt wurde: Die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> fängt genau an dem Punkt an, wo das Interesse
                    aufhört, nicht früher. Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren,
                    wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p675" ed="pga"/> Und hier werden wir vor die <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> geführt, ob wir <term type="Sachen" key="Mensch, Weltmensch">Weltmenschen</term> werden wollen, die sich
                    selbst suchen, oder <term type="Sachen" key="Mensch, Seelenmensch">Seelenmenschen</term>, die etwas gesehen haben und suchen, was
                    unendlich viel größer ist als ihr eigenes Ich mit seinen groben und feinen
                    Bedürfnissen. Das ist die Entscheidung, die auch der innerlich
                    fortgeschrittenste Mensch und Christ immer wieder fällen muss. Auf diesen
                    Zentralpunkt müssen wir unsre Blicke richten, wenn wir die Frage, die Jesus
                    heute an uns tut, ernst nehmen wollen. Ich habe zu Hause mehr als einen
                    Leitfaden für den Konfirmandenunterricht, der anfängt mit der Frage: Wie
                    werde ich glücklich? und mit der Antwort: ich werde glücklich, wenn ich Gott
                    habe, und darum sei mein Seelenglück das Ziel meines Lebens.<note xml:id="n15">Vgl. bes.: <bibl corresp="kbga-bibls-2822">
                                <hi rend="italic">Leitfaden zum
                            Confirmanden-Unterrichte</hi>, St. Gallen 1844, S. 3</bibl>: «F. 1: Was
                        soll unsre größte und beständige Sorge im Leben sein? <hi rend="italic">Daß wir
                            selig werden</hi>»; <bibl corresp="kbga-bibls-2823">
                                <persName ref="kbga-actors-9323">E. Müller</persName>, <hi rend="italic">Leitfaden für den
                            Konfirmanden-Unterricht</hi>, Bern 1904<hi rend="sup">5</hi>,
                        S. 1</bibl>: «Was Petrus seinem Herrn bekannt hat, das kann am Schluß dieser
                        Unterweisung […] auch dein Bekenntnis werden. Dazu muß es dir
                        jetzt klar werden, was aus dir werden soll. Ein guter und glücklicher
                        Mensch!» Ähnlich auch <bibl corresp="kbga-bibls-2824">
                                <persName ref="kbga-actors-9324">W. Langhans</persName>, <hi rend="italic">Die christliche Lehre. Für den
                            Konfirmanden-Unterricht dargestellt</hi>, Bern 1899<hi rend="sup">17</hi>, S. 1</bibl>. – Alle Schriften finden sich in Barths
                        Bibliothek.</note> Dieselbe Frage kann man in unzähligen Predigten und
                    religiösen Vorträgen als die Anfangsfrage der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> behandeln hören. Wir Alle ohne
                    Ausnahme fallen immer wieder in sie zurück, auch wenn wir in einzelnen
                    Augenblicken wie durch einen Spalt in der Türe das Licht gesehen haben, das
                    uns durch den Tod zum Leben führt. Diese Frage ist ziemlich genau das
                    Gegenteil von dem, was Jesus mit seiner Frage wollte. Ich glaube mich nicht
                    zu täuschen, wenn ich sage: Der große Antichrist <persName ref="kbga-actors-301">Friedrich Nietzsche</persName> hat Christus
                    in diesem Zentralpunkt besser verstanden als die Meisten, die sich nach
                    Christi Namen nennen. «Bessere Lieder müssten sie mir singen», sagt er von
                    den Christen, sagt er von <hi rend="italic">uns</hi>, meine Freunde, «dass ich an
                    ihren Erlöser glauben lerne; erlöster mir seine Jünger aussehen.»<note xml:id="n16"> <bibl corresp="kbga-bibls-326">
                                <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Also sprach
                            Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen</hi>, SämtlicheWerke.
                        Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M.
                        Montinari, Bd. 4, München / Berlin 1999, S. 118 (Von den Priestern)</bibl>; bei
                        Nietzsche: «erlöster müssten mir seine Jünger aussehen».</note> Solange
                    unsre Frage lautet: Wie werde ich glücklich?, solange sind wir unerlöst. Die
                        <term type="Sachen" key="Erlösung">Erlösung</term>, die wir nötig haben,
                    ist die Erlösung von uns selbst, von unserm Glücksverlangen, von unserm
                    Interesse an der eigenen <pb xml:id="p676" ed="pga"/> Person. Jenseits dieses
                    Interesses fängt die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> an. <pb ed="A" rend="hidden" n="17"/> Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die
                    ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner <term type="Sachen" key="Seele, und Welt">Seele</term>?</p>
                <p>Wir müssen diese Frage rücksichtslos und mit allen ihren Konsequenzen in uns
                    wirken lassen, wenn wir würdig dem Herrn entgegengehen wollen, dessen Kommen
                    uns die Advents- und Weihnachtsbotschaft verkündigt. Denn von hier aus
                    verstehen wir, wer Christus war und ist. Er ist der Mensch, in dem an die
                    Stelle des Ich die Herrschaft Gottes getreten ist, des Gottes, der die <term type="Sachen" key="Gott, Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>, die
                        <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term> und die <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> ist, die
                    keine Grenzen kennt. Sein Kommen aber zu uns bedeutet, dass wir
                    Christusmenschen werden, in denen die Herrschaft Gottes auch keine Grenzen
                    kennt.</p>
                <p>Ist es die Angst vor diesen Konsequenzen? Fürchtest du, dass darüber deine
                    Freude an dem «goldnen Überfluss der Welt» zu kurz kommen möchte? Ich sage
                    dir, wenn wir einmal Christusmenschen sein werden, dann ist uns die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term> mit ihrem Reichtum und ihrer
                    Schönheit nicht zugeschlossen, sondern aufgeschlossen. Vorher nicht, wir
                    haben gesehen warum, aber dann sicher. Kein Abendlied werden wir dann der
                    Welt singen wie <persName ref="kbga-actors-637">Gottfried Keller</persName>,<note xml:id="n17">Siehe oben, <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2</ref>.</note>
                    sondern ein ewiges Morgenlied. Denn wenn wir Christusmenschen sein werden,
                    dann wird es uns mit der siegreichen Gewalt der Wahrheit ergreifen, was das
                    erste Wort der Bibel meldet: im Anfang schuf <hi rend="italic">Gott</hi> Himmel und
                    Erde [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.1">Gen. 1,1</ref>]. Die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> wird Gottes sein. Und weil sie es
                    ist, wird sie sein die Königin der Welt.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-107">Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen
                            1–3 und 4–5 (RG 661,1–4 [ohne Strophe 5, GERS];
                            EKG 270,1–4.5a.6b [je mit Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-144">Nr. 294: «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J.
                            Scheffler</persName>, Strophen 6–7 (RG 812,5–6; EG 385,5–6
                            [je mit Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstexte:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.16 2.Kor.4.18">2.Korinther 4,16–18</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.1 2.Kor.5.10">5,1–10</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
