Der heutige Sonntag soll der Erinnerung gewidmet sein an eine vergangene
große Zeit der christlichen Kirche. Es soll uns da ins Gedächtnis gerufen
werden, dass diese Kirche in den Tagen unsrer Vorväter unter großen Opfern
und Anstrengungen eine Reformation durchgemacht hat, d. h. eine innere und äußere
Erneuerung von Grund aus. Wir besinnena
uns daran, dass sich in dem, was jene Generationen erlebt und
erstritten, eine Befreiung und Vertiefung der Frömmigkeit und des
Geisteslebens überhaupt vollzogen hat, deren Früchte wir Alle noch heute in
dieser oder jener Weise genießen. Vor unserm geistigen Auge erheben sich die
Bilder der großen Männer und Ereignisse, die damals eine Epoche in der
Weltgeschichte gemacht haben, der an innerer 3
Bedeutsamkeit wenig andre zur Seite zu stellen sind. Wir sehen Luther seine 95 Thesen gegen
den Ablass
📖 an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg schlagen, wir sehen
denselben vor Kaiser und Reich zu Worms seine Überzeugung bekennen, sehen ihn auf der
stillen Wartburg an der Arbeit,
das Neue Testament in sein
geliebtes Deutsch zu übertragen. Da ist Zwingli, nach Charakter und Geistesart der
unsrige wie kaum ein andrer. Jetzt zieht er als wohlgewappneter Theologe an
die Berner Disputation,
ein nüchterner, praktischer und doch siegesgewisser Geisteskämpfer, und
jetzt führt er die Mannschaft Zürichs auf das Feld von Kappel, großzügig und |642 weitausschauend in seinen politischen und religiösen Ideen,
großzügig und ewigkeitsmäßig auch in seinem tragischen Untergang. Und uns
ist’s, als b-müsste uns-b
in den alten Gassen unsrer Stadt die unscheinbare, von innerem Feuer verzehrte Gestalt
dessen begegnen, dessen Stimme einst von diesen Wänden wiedergehallt,1 dessen frommer Geist die Tiefen der Gottheit furchtlos
erforscht hat und dessen heller Verstand und bestimmter Wille die Schicksale
Europas tiefergehend beeinflusst hat als alle Kriegsheere und Handelsflotten
und Fürstenbeschlüsse. Ja, wenn wir der Reformation und der Reformatoren gedenken, dann fühlen wir uns
umgeben von einer Wolke glänzender Zeugen des Glaubens, der in uns sein
sollte [vgl. Hebr. 12,1].
Wir fühlen uns geborgen im Schatten dieser Geister der alten Zeit, wir
freuen uns dessen, dass wir im Wirkungskreis ihrer befreienden und
schenkenden Taten stehen dürfen, wir nennen uns mit Stolz und Dankbarkeit
ihre Erben und Schüler.
Aber wenn wir das sein wollen, dann dürfen wir nicht bei den Erinnerungen und
bei den erhebenden Allgemeingefühlen stehen bleiben, weder heute, wo wir die
Tatsache der Reformation feiern, noch das Jahr über, wo es darauf ankäme, diese Tatsache
in unser tägliches Leben zu übersetzen. Nicht bei den Erinnerungen. Denn
wenn wir mit gekreuzten Armen andächtig oder wehmütig in die große
Vergangenheit sehen, dann möchte es uns mit unsrer Frömmigkeit 3 gehen, wie es uns auf andern Gebieten ergeht,
dass wir keine Antwort wissen auf die Frage Albrecht von Hallers2:
Sag an, Helvetien, du Heldenvaterland,
Wie ist dein jetzig Volk dem unsrigen verwandt?
3
643 Wenn wir Luther und Zwingli und Calvin gegenüberstehen wie ein intelligenter Mann dem Hause
seiner Väter, der es aus Gründen des Kunstinteresses und des
Heimatschutzes4 nicht niederreißt, sondern samt seinen Giebeln und Erkern als
kostbares Andenken vor dem Verfall zu schützen sucht, dann möchte es uns,
wenn wir wirklich intelligent sind, so ergehen, dass das alte Haus uns ein
beständiger stiller Vorwurf wird gegen die charakterlosen modernen
Mietskasernen, die wir daneben gestellt haben, das alte Haus möchte ein Wort
zu uns reden, das wir nicht so leicht überhören können – das Wort
lautet:
Weh dir, dass du ein Enkel bist!
5
Weh dir, dass du das eigentlich Große und Wertvolle, was du
besitzest, als Prunkstück aus einer bessern Zeit in die gute Stube stellen
musst, statt als Gebrauchsgegenstand ins Wohnzimmer, weil du verlernt hast,
damit umzugehen. – |
Und diesem Vorwurf, der uns trifft, wenn wir bloße Erinnerungsprotestanten sind, können wir nicht dadurch entgehen,
dass wir uns von Zeit zu Zeit zu erhebenden protestantischen
Allgemeingefühlen aufschwingen. Das Jahr, in dem wir stehen, hat uns die
Protestbewegung gegen die Borromäusenzyklika gebracht, und es ist zu vermuten, dass auch
die heutige Feier noch
vielfach unter dem Zeichen dieser Bewegung stehen wird.6 Aber es ist doch bei all den gutgemein|644ten Erklärungen und Resolutionen, die damals von den
Kanzeln und Rednerpulten und in den Zeitungen in die Öffentlichkeit
gedrungen sind, mehr als eine Stimme laut geworden, die der Meinung war, wir
täten besser, in Gesinnungen und Taten Protestanten zu sein
als schon wieder in Worten. Zum Letztern braucht es bloß Tinte und Papier
und etwas Lungenkraft, zum Erstern wären Menschen nötig, lebendige
Geistesmenschen, Seelenverwandte der reformatorischen Männer, Leute, die innerlich und nicht bloß
äußerlich das Recht hätten, jene Männer gegen die Angriffe der Bosheit und Dummheit in
Schutz zu nehmen. Heute erwacht das protestantische Bewusstsein in Vielen
dann, wenn es 4 gilt, in dieser oder jener Weise
gegen Rom Front zu machen, aber auch nur dann, und man sollte
sich über den Wert solcher Demonstrationen keinen Täuschungen hingeben:
Innere Überlegenheit gegenüber Rom hat einen Protestantismus zur Voraussetzung, der mehr ist als ein
gelegentliches Allgemeingefühl.
Und darum müssen wir lernen, in unserm Verhältnis zum Erbe der Reformation wieder mehr in die
Tiefe zu gehen, statt uns auf der wohlfeilen Oberfläche einer kühlen
Bewunderung zu halten. Das gilt uns Allen, den Gemeinden wie den Pfarrern.
Mehr als einem Christen, dessen Frömmigkeit man auf ungesunde und
unfruchtbare Bahnen kommen sieht, möchte man zurufen: Weißt du denn nichts
davon, eine wie einfache und bestimmte Sache das Frommsein durch die
Geistestat der Reformatoren geworden ist? Und mehr als einen Prediger möchte
man fragen: Sind denn die tiefen und doch so freien Grundgedanken Luthers
und Calvins für dich
ungedacht, dass du über die Dinge des Lebens und der Gottheit so obenhin und
ungründlich reden kannst? Wir Menschen und Christen von heutzutage sind ein
geschichtsloses Geschlecht geworden. Wir sind viel zu rasch be|645reit, zu denken und zu sagen: das war einmal. Täuschen wir
uns nicht: solche Geschichtslosigkeit ist nahe verwandt mit Sinnlosigkeit und
Gedankenlosigkeit. Wir müssen es wieder verstehen lernen, dass die großen
Männer und Gedanken der Vorzeit nicht waren, sondern
sind, und dass wir, wenn wir selbst etwas sein wollen,
nicht vorübergehen dürfen an den Geistestatsachen, die als die Felsen der
Ewigkeit aus den wechselnden Flüssen der Zeit hervorragen.
Am Reformationsfest des
letzten Jahres haben wir uns mit Martin Luther beschäftigt.7 Wenn wir den Protestantismus verstehen wollen, dann
werden wir uns bei allen Schwächen seines Denkens und seines Charakters
immer in erster Linie an diesen Mann zu wenden haben, der das Neue, das die
Reformation gebracht, in
sich verkörpert hat wie kein Zweiter. Heute möchte ich euch jene Grundge5danken des evangelischen Christentums vorführen
im Spiegelbild einer andern geistigen Persönlichkeit jener Tage,
Philipp Melanchthons, des Mannes, der damals in
Wittenberg, der
Hochburg der neuen Gedankenwelt, als gelehrter Kenner der Theologie, der
Philosophie und der Geschichte Luther, dem unmittelbaren Feuergeist, als
Freund und Gefährte an die Hand gegangen ist. Er war keiner von den ganz
Großen, kein Schöpfer, kein religiöses Genie, er hat zeitlebens im zweiten
Gliede gefochten, auch er war nicht frei von unbegreiflichen Schwachheiten.
Noch mehr als bei Luther gilt es bei ihm darauf zu achten, dass er seine
Heldenzeit gehabt hat, der Jahrzehnte gefolgt sind, in denenc
er sein eigener Epigone geworden ist, einen frühen Höhepunkt, von dem
er in der Folgezeit herabgestiegen ist, und dass wir ihn, um ihn recht und
gerecht zu verstehen, von jenem seinem Höhepunkt am Anfang der 20er Jahre
des 16. Jahrhunderts aus verstehen müssen. Er hat damals in lateinischer
Sprache ein Buch geschrieben, betitelt: «Die Grundsätze der Theologie»,8 die erste wissenschaftliche
Zusammenfassung der neuen protestantischen Gedanken, und was ich heute über
|646 diese Gedanken ausführen möchte, soll geschehen
in Form einer Erklärung und Anwendung des wesentlichen Inhalts jenes Werkes.
Ein Lehrbuch ist es, und von religiöser Lehre werden wir zu reden haben;
aber es leidet keinen Zweifel, dass unsre zur Linken und zur Rechten so
verworrene Zeit dringendes Bedürfnis hat nach gesunder und reiner Lehre [vgl. Tit. 2,1], nach positiver
Gedankenarbeit an den höchsten Dingen des Lebens, und dazu kann uns der
Mann, dem seine Zeit den Ehrennamen «Lehrer Deutschlands» beilegte,9 Führer und Vorbild sein.
Das Erste, was uns bei Melanchthon entgegentritt, ist eine
neue Auffassung vom Menschen. Bevor ich Gott erkennen kann,
muss ich mich selbst erkennen, muss erkennen vor Allem, was von mir
gefordert ist, was ich sein sollte. Melanchthon ist
Humanist gewesen, 6 d. h. er stand schon, bevor er
Luthers Freund und
Arbeitsgenosse wurde, in den Reihen jener Bewegung, die darauf ausging, an
Stelle der barbarischen und spitzfindigen Gelehrsamkeit, wie sie damals in
den Klöstern getrieben wurde, in Anlehnung an die Ideale des klassischen
Altertums eine neue, freie, aus den Quellen schöpfende Wissenschaft zu
setzen. Die Gedankenwelt der griechischen Philosophen, besonders Platos, ist damals wieder eine Macht
geworden, das spürt man deutlich bei Melanchthon. Er ist nicht aus dem
Kloster gekommen, als er Reformator wurde, wie Luther, sondern von den hohen
Schulen zu Heidelberg und Tübingen, und darum ist seine erste Frage nicht
die praktische: wie werde ich gerecht?, sondern die theoretische, doch nicht
minder wichtige: was ist Gerechtigkeit? was ist das rechte, normale
Verhältnis zu Gott? Melanchthon hat als Humanist und Bibelkenner auf diese
Frage geantwortet: Gerechtigkeit ist
Erfüllung des Gesetzes. |647 Darum wendet sich sein
Interesse mit einer Gründlichkeit, wie sie Luther nicht kannte, der weitern
Vorfrage zu, was denn der Inhalt des Gesetzes sei.10 Und darüber hat er nun Gedanken geäußert,
in denen ebenso sehr altes köstliches Gut menschlichen Geisteslebens wieder
ans Licht gebracht wurde, wie sie andrerseits seiner Zeit vorauseilten und
ahnungsvoll hinwiesen auf die glorreichen Entdeckungen der Denker einer um
Jahrhunderte spätern Periode.
Der Mensch steht unter einem ewig und für Alle giltigen moralischen Gesetz, sagt Melanchthon.
Es ist wohl zu unterscheiden von den Trieben unsrer Natur: der Gehorsam
gegen unsre Triebe ist Gehorsam um der Nützlichkeit und Erfreulichkeit
willen, der Gehorsam gegen das Gesetz ist Gehorsam um des Gehorsams willen.
Der Trieb sagt: Du möchtest! Du wünschest! Das Gesetz sagt: Du sollst! Und
in dieser strengen Überlegenheit gegend
unsre Natur offenbart sich das Gesetz bereits als Stimme der weltüberlegenene
Gottheit.
Was aber befiehlt uns dies Gesetz? Melanchthon hat dafür eine sehr
glückliche, 7 ebenso einfache als tiefe Formel
gefunden. Er sagt: Das Gesetz befiehlt uns, Gemeinschaft zu halten, nicht
für uns selbst zu leben, sondern als Glieder der menschlichen Gesellschaft.
Vorher sind wir keine Menschen. Also dürfen wir niemanden in seinen
Rechten verletzen, und es muss unsre Pflicht
sein, Alles fürs Gemeinsame zu tun. Diesen letzten Gedanken hat Melanchthon
ausdrücklich so verstanden, dass es kein Privateigentum, sondern – dies ganz im Sinne des modernen
Sozialismus – nur
Gesellschaftseigentum geben dürfte. Vorläufig sei das Privateigentum noch
aufrechtzuerhalten, weil die menschliche Schwachheit und Bosheit die sozialistische Ordnung der
Dinge noch zu Ungunsten des Nächsten missbrauchen würde; der Staat sei dazu da, mit seinen Ordnungen
und Verträgen den Verkehr und Austausch der Güter zwischen den Einzelnen zu
regeln, aber der Staat sei der beste, heißt es mit
ausdrücklicher Berufung auf Plato,
in |648 dem das Privatwesen und Privateigentum immer mehr verschwinde zugunsten
der Gemeinsamkeit aller Güter und aller Interessen.11 |
Melanchthon hat geschwankt in seiner Ansicht, ob neben dies Gebot der
Gemeinschaft das zweite des Gehorsams gegen Gott zu stellen sei. Er hat sich schließlich
dahin entschieden, es nicht zu tun, weil dies aus der Vernunft nicht abzuleiten sei wie
jenes andre. Die Wahrheit dürfte sein, dass beide Gebote letzten Grundes
eins und dasselbe sind, denn Gott ist die Gerechtigkeit, Gerechtigkeit aber kann
für uns nichts Anderes sein als Pflichterfüllung gegen den Andern. Dies
Naturgesetz, wie Melanchthon es nennt, das den Menschen zum Menschen zu
machen bestimmt ist, es wird uns nun zum Bewusstsein gebracht durch die
Reihe göttlicher und menschlicher Gebote, von den Zehn Geboten bis auf die Verordnungen von Kaiser und
Papst. Eine «fortlaufende Predigt des Geistes Gottes» heißt diese
Reihe.12 Mit ihr hat es der Gehorsam der Menschen zunächst
zu tun. Und zwar stehen die göttlichen Gebote der Bibel über den menschlichen der
Tradition, nach jenen sind
diese zu korrigieren. Bei dieser Unterscheidung spielt bei Melanchthon
8 zunächst die alte Vorstellung einer besondern
Inspiration der Bibel zweifellos
eine wichtige Rolle.13 Aber er stellt eine tiefere
und umsichtigere Begründung daneben, und damit kommen wir nun auf die
Hauptsache. Die Erhabenheit der göttlichen Gebote zeigt sich darin, dass sie nicht
den Gehorsam unsrer Hände und Füße, sondern unsres Herzens von uns
verlangen14. Nichts su|649chen außer Gott [vgl.
Dtn. 4,29], ihm aus allen
seinen Kräften dienen [vgl. Dtn. 6,13] und ihn in seinem Innersten wirken lassen, das ist nach
Melanchthons Meinung der Inhalt der zehn Gebote des alten Bundes und der Bergpredigt Jesu. Was Gott von uns fordere, das seien zunächst
viel weniger unsre Handlungen als unser Wille, denn auf den Willen komme es
an, ob unsre Handlungen gut oder böse seien. Alle Gebote Gottes gelten allen
Menschen, weil sie alle dieselbe Forderung enthalten, auf die es ankommt. Es
gibt kein Extragesetz für Mönche und Nonnen zur Leistung besonderer
Frömmigkeitsübungen, denn es gibt vor Gott nicht Menschen erster und zweiter
Klasse, sondern nur den einen Menschen, dem gesagt ist, was gut
ist und was er tun soll [vgl. Mi. 6,8]. Wir spüren bereits hier die ganze Energie, den ganzen
Ernst des neuen Geistes, der damals zu wehen begann, wenn wir diese Gedanken
neben das stellen, was die römische Kirche unter Erfüllung des
Gesetzes verstand und versteht: Gehorsam des äußern Werkes für die große Masse und Gehorsam
der äußern Extrawerke für die besonders Begnadigten in den Klöstern.15 Die Reformation ist
die große Begründerin der Menschenwürde, indem sie den Satz aufgestellt hat:
Nicht die guten Werke, sondern
der gute Wille mache den guten
Menschen.
Aber nun kommt auch Melanchthon zu jener Frage Luthers: Bin ich gerecht? Habe ich diesen
guten Willen, der mich zum guten Menschen macht? Bin ich das, was ich sein
sollte? In den Werken des klassischen Altertums, die der junge Gelehrte
studierte, kam diese Frage nicht vor, aber der Umgang, den er in
Wittenberg fand mit
dem Mann, 9 der lange Jahre in heißem Ringen sich
innerlich um diese Frage gemüht, die Bekanntschaft mit der Niederlage, die
Luther erlitten, und mit dem Sieg, den er gewonnen, sie führt nun auch ihn
weiter von der hohen Selbsterkenntnis der Philosophen zu der höhern des Neuen Testaments. Und darum ist nun
seine Antwort auf die Frage: kann der Mensch guten Willen haben? ein rundes Nein. Es
ist die berühmte reformatorische Lehre von der Unfreiheit des Willens, von der wir da |650 zu reden haben. Ich hörte unlängst mit großer
Sicherheit behaupten: O doch, der Wille ist frei, der Mensch
ist eine freie, sittliche Persönlichkeit, er
kann wählen. Die Reformatoren waren andrer Meinung. Die damals eine solche
Freiheit des Willens behaupteten, das waren ihre katholischen Gegner. Ihnen
entgegnet Melanchthon: Das Gesetz fordert etwas von uns, was unsre Kräfte
übersteigt.16 Erschüttert ruft er aus: «Es ist ein großes
und unbegreifliches Ding, Gott zu lieben, mit heiterem und dankbarem Gemüt
den göttlichen Willen zu umfassen, auch dann, wenn er uns richtet und
verurteilt.»17 Und doch ist gerade das von uns verlangt, das und
nichts weniger, das allein ist guter Wille. Können wir uns für
diesen guten Willen entscheiden? Ja, in unsern äußern
Handlungen haben wir Freiheit, dies zu tun
und jenes zu lassen. Aber was sollen die äußern Handlungen? Gott sieht das
Herz an [1.Sam. 16,7]. Ein Mensch kann alle Gebote der bürgerlichen und kirchlichen Moral erfüllen, das
übersteigt seine Kräfte nicht, er kann sich entschließen, den Weg der Buße zu gehen, auch innerlich, indem er
seine Gedanken zwingt, sich mit Reue und Besserung zu beschäftigen; in den
Klöstern gab es genug solcher Leute, auch das übersteigt schließlich seine
Kräfte nicht. Er kann sich endlich bemühen, Alles zu glauben, für wahr
anzunehmen, was ihm von der Kirche als Lehre des Heils angeboten wird; auch
das geht nicht über unsre Kräfte. Aber das alles ist noch nicht der
Gehorsam, den das Gesetz Gottes von uns verlangt. Unser Herz soll diesem Gesetz gehorchen
und Buße tun, wir selbst sollen in freier Liebe, in spontanem Gehorsam uns
auf die Seite des Gesetzes stellen. |
Und das können wir nicht von uns aus, sagt Melanchthon, dazu, d. h. aber 10 gerade in der Hauptsache fehlt uns der freie
Wille. Gerade unser Herz,
unser eigentlichster innerster Sinn ist von Natur einem andern Gesetze
gehorsam, dem Gesetze nicht der Gottesliebe, sondern der
Selbstliebe. Wie es für den Reformator nur ein Gutes gibt, den Willen, der im tiefsten Grund mit Gott
eins ist, so gibt es für ihn |651 auch nur ein
Böses, und das ist der Wille, der nicht Gott,
sondern sich selbst sucht, eben die Selbstliebe.18 Mit rückhaltlosem Ernst zeigt er,
wie sie die Wesensbeschaffenheit des natürlichen Menschen ist. Seine
scheinbare Gottes-
und Nächstenliebe
ist Liebe um der Nützlichkeit, um des Lohnes willen, sein Herz ist ferne
davon. Melanchthon hat jenen schwerverständlichen und doch tiefsinnigen
Gedanken des Augustin wiederholt und ausgesprochen: Die Tugenden der Heiden sind glänzende Laster.19 Der Mensch, so wie er zunächst ist, vermag nichts Gutes
zu tun, seine scheinbar guten Seiten sind Zeugnisse der Herrlichkeit Gottes,
aber sie beweisen keineswegs, dass der Mensch Gott liebe, wie er sollte,
denn die Selbstliebe ist doch das letzte Wirkliche in seinem Innern; was er
scheinbar Gott zuliebe tut, ist heimlich doch ein Tribut an die Interessen
seiner eigenen Person, wenn nicht für dieses, so doch für jenes Leben. Gott
aber müsse «liberal» geliebt werden, hören wir, liberal, d. h. ohne die
Nebengedanken an uns selbst, rein um seiner selbst willen.20 Gerade das geht
uns aber von Natur gegen den Strich, und darum sind wir von Natur unfrei zum
Guten, gefangen unter
die
Sünde. Es kann keine
Rede davon sein, dass wir von uns aus, durch unsre Anstrengung, durch unser
Verdienst, ins rechte Verhältnis zu Gott kommen. |
Ihr seht, meine Freunde, wie dieser zweite Grundgedanke der Reformation im engsten
Zusammenhang steht mit jenem ersten: das Herz, den innern Sinn, den Willen
sollen wir Gott geben, das ist das Gesetz Gottes, aber das Herz, den
innern Sinn, den Willen geben wir Gott nicht, sondern lieben offen oder
heimlich nur uns selbst, das ist die Sünde. Man hat oft gesagt,
das reformatorische Dogma von der Sünde sei finster
und rückschrittlich; das gerade Gegenteil ist richtig; es 11 ist das eigentliche Prinzip wirklichen Fortschritts im Gegensatz zu |652 der Oberflächlichkeit des gewöhnlichen Denkens, das
im Katholizismus seine
glänzendste Vertretung gefunden hat. Weil Melanchthon groß denkt von der
Würde des Menschen, d. h. von seiner Aufgabe, eben darum denkt er tief und
gründlich über des Menschen
Elend; weil er eine hohe Vorstellung hat von
dem, was der Mensch sein sollte, hat er eine niedrige von dem,
was er ist. Gerade dieser Spannung aber bedürfen wir, wenn wir
vorwärts kommen sollen. Gott sei Dank, dass die Reformatoren uns gelehrt haben, scharf und
radikal darüber zu denken, und wir wollen uns zweimal besinnen, bevor wir
uns, auch von wohlmeinenden Leuten, durch Abschwächungen dieses Gedankens
einschläfern lassen.
Nach Melanchthons Anschauung zerfällt die Bibel in zwei Teile. Das Gesetz ist
der eine, das Evangelium ist der andre. Und doch sind es eigentlich nicht zwei
Teile, sondern zwei Seiten derselben Sache
sind es, nämlich der Offenbarung Gottes. Gott fordert und Gott
schenkt.21
Vom
Gesetz haben wir
eben geredet. Es ist dazu bestimmt, den Menschen zur Menschenwürde zu erheben, ihn ins
rechte Verhältnis zu Gott zu setzen. So wie der Mensch ist, hat
es diesen Erfolg nicht, denn seine Forderung übersteigt das, was der Mensch
ist und kann; er ist unfähig, sich zum Guten zu entscheiden. Und so würde die
Stimme des Gesetzes für sich allein den Menschen verzweifeln lassen. Aber
nun ist seit ewigen Zeiten noch eine andre Stimme da, das
Evangelium, die
Botschaft von Gottes Gnade
und Erbarmen, die Gewissheit
vor der Verzweiflung unsres Unvermögens, vom Vorhandensein des guten Willens
Gottes gegen uns, obwohl
uns solcher guter Wille noch fehlt, die Verheißung und Aufmunterung, dass die Schuld uns abgenommen sei, dass wir uns wieder
aufrichten dürfen, um zum Lobe Gottes ein neues, wirkliches Leben zu leben.
In diesen warmen, herzlichen 12 Tönen erkennen wir
unschwer den Widerhall des großen Erlebnisses Gottes, das Luther gemacht und das für
Melanchthon wie für so Viele in jenenf
Zeiten befreiend und bahnbrechend geworden |653
war. Man meint Luther selbst reden zu hören, wenn man den jungen Melanchthon
über diese Wandlung reden hört. Gehen wir mit ihm den Weg seiner großen
Gedanken zu Ende.
Die Stimme des Evangeliums, das «Du darfst» neben dem «Du sollst», ist zu allen
Zeiten dagewesen, sagt Melanchthon ausdrücklich. Abraham und Moses, die
Propheten und die Psalmsänger haben diese Stimme
gehört und sind dadurch selig geworden. Denn von Ewigkeit her ist neben dem
Gebot die Gnade Gottes den Menschen gewiss
geworden, neben der beunruhigenden, rücksichtslos fordernden Pflicht die
ruhige Sicherheit, dass begangene Schuld uns vom Leben nicht trennen kann,
dass das Erbarmen größer ist als die Sünde, wo die Sünde bereut wird. Aber was zu allen Zeiten
aufrichtigen und erleuchteten Menschen Gewissheit und Kraft war, das ist um
die Wende der Zeiten in Einem als Erfüllung, als unübertreffliches Vorbild,
als unerschütterliche Garantie unter die Menschen getreten, so dass nun die
zerschlagenen und geängstigten Gewissen nach ihm schauen dürfen als nach dem
Siegel der Urkunde, als nach dem Leuchtturm im Meer. Der eine, in dem Gottes
Gnade, von der das ewige Evangelium redet, als unwiderlegliche Tatsache offenbar geworden
ist, ist Jesus Christus.22 Und hier hebt nun die wichtigste und
tiefsinnigste Gedankenreihe in Melanchthons Werk an. Nirgends so sehr wie
da, wo er von Christus, vom Glauben an ihn, der uns gerecht macht, redet,
freut man sich so sehr, von modernen Religionsbüchern und Religionsrednern
sich zu dem Mann des 16. Jahrhunderts zu wenden. Mit allen Spekulationen und
Bezeichnungen über die göttliche Natur Christi, die man heutzutage
mancherorts immer noch zum Kennzeichen rechten Glaubens macht, mit alledem
werden wir dort vollständig in Ruhe gelassen.23 Ja, im Gegenteil, der Reformator bekämpft die,
die behaupten, das Evangelium
bestehe in solchen Ideen, und das sind wieder seine katholischen Gegner.
Christus erkennen, das heiße seine
Wohltaten
13 erkennen, sagt er.24 Er hat von Christus mehr zu sagen als
hohe, |654 unverständliche Namen, die das Herz und den
Kopf der Menschen leer und kalt lassen, auch wenn man sie noch so oft
wiederholt. Und so sagt er einfach: Christus war der Mensch, den Gottes
Gnade, die gerecht macht, ganz und völlig erfüllt hatte. Christus hat den
guten Willen, den das Gesetz von uns fordert, erwiesen. An ihm hatte Gott
Wohlgefallen, weil in ihm der Gegensatz von Gott und Mensch, der sich bei
uns Allen auftut, überwunden war, weil er Gott liberalen, innerlich willigen
Gehorsam
erwies, wie sein Tod es
bezeugt.25 Aber nun ist
Gottes Gnade oder, was
dasselbe ist: die Erfüllung der Bestimmung des Menschen, nicht etwas Einmaliges, etwas
Geschehenes, Gewesenes, Vergangenes. Nein, weil Christus, ein Mensch wie
wir, seine Bestimmung erfüllte, sollen wir wissen, dass wir es auch tun
dürfen. Das Wohlgefallen Gottes, das auf ihm ruhte, will auch auf uns ruhen. Es soll auch bei
uns dazu kommen, dass wir den guten Willen, den das Gesetz fordert,
erweisen; Gott ist gnädig, er war es nicht nur Christo, sondern er ist uns
gnädig, er will uns gerecht machen; wir dürfen dessen ganz sicher und
fröhlich sein.26
Es kommt nur auf das Eine an, dass wir Christus erkennen, und das heißt:
seine Wohltaten erkennen. Solche Erkenntnis ist der christliche
Glaube. Er ist das Einzige, das absolut
Einzige, was nötig ist. Der Mensch wird gerecht gemacht allein
durch den Glauben [Röm. 3,28].27
So kommt auch Melanchthon zu diesem Bollwerk der reformatorischen Religion,
von dem Luther gesagt hat:
Von diesem Artikel kann man
nicht weichen oder nachgeben; es falle Himmel und Erde oder was nicht
bleiben will.28 Was ist das, Glauben? Nicht ein Werk des Kopfes, antwortet Melanchthon vor Allem,
nicht die Annahme, dass die Geschichten des Evangeliums wahr seien; das wäre
eine kühle, wertlose Meinung; davon könnte es allerdings nicht heißen:
gerecht |655 allein durch den Glauben. Sondern Glaube ist
Vertrauen
und Zuversicht auf Gott. Wenn wir auf uns selbst sehen, dann müssten wir ver14zweifeln, dann müssten wir, gerade wenn
wir’s mit Gottes Gesetz ernst nehmen, enden mit der resignierten
Klage:
Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.
29
Aber nun sehen wir den einen, in dem das Verhältnis zwischen
Gottes Gesetz und seinem innersten Willen in Ordnung war. Und dieser Anblick
muss das Zutrauen in uns erwecken, dass wir eine Lebenszukunft haben, auch
wenn unser eigener guter Wille zusammengebrochen ist, dass jenseits von
unserm persönlichen Streben der allwaltende gute Wille Gottes ist, der uns
wie eine große Welle hebt und trägt und mitnimmt. Wenn wir aber dies
Zutrauen haben, dann sind wir auch gerecht. «Alles hat und
Alles kann, wer Christus hat», sagt Melanchthon.30 Die Erkenntnis des
Glaubens
ist ja nicht ein müßiger Vorgang in unserm Verstand, sondern die Verwandlung
unsres Herzens. Es wird nun wahr, was von uns gefordert ist, dass unser
Wille im tiefsten Grund auf die Seite Gottes tritt; er kann nicht mehr
anders, nachdem er mit Christus in Berührung gekommen ist. Das Evangelium bleibt nicht ein
freundlicher Trost für das unruhige Gewissen, sondern indem es uns tröstet,
indem es uns sagt, dass Gott unsre Gerechtigkeit ist, gibt es uns ein gutes
Gewissen. Wer sich aufrichtet und die Stimme des Evangeliums hört, der
erfährt in seinem Innern, dass Gottes Gerechtigkeit da ist, die Gerechtigkeit
des Herzens, des Willens, der Gesinnung und Überzeugung.
Das ist nicht ein einmaliger Vorgang im Menschen. Die Reformatoren haben nüchterner und praktischer
über die Bekehrung gedacht als
manche ihrer Nachfolger. «Begonnen ist das Gerechtwerden, nicht
vollendet.»31 Denn von
dem neugewordenen Mittelpunkt aus muss nun der ganze Umkreis des Lebens
erneuert, gereinigt, gerecht ge|656macht werden, und da
steht jeder immer aufs Neue vor unendlichen Aufgaben. Aber wir dürfen jetzt
nicht mehr daran zweifeln, dass die Zukunft unser ist. Wo ein Mensch glaubt,
da kann es nicht anders sein, als dass 15 der
Glaube wirksam ist in der Liebe und in der Hoffnung [vgl. Gal. 5,6]. Wo eine Seele Gottes
Liebe und Freundlichkeit erfahren
hat, da kann es nicht anders sein, als dass sie Gott wieder lieben muss. Wo
Christus erkannt ist, da kann diese Erkenntnis nicht unfruchtbar bleiben.
Denn wenn unser Herz unruhig ist in uns über unser Unvermögen, dann dürfen
wir uns an Christus und seinem Kreuz immer wieder vergewissern, dass Gott größer ist als unser
Herz [vgl. 1.Joh. 3,20].
Auf unsre Gerechtigkeit, auf unser Verdienst zu vertrauen, das wäre immer
wieder eine falsche Rechnung, denn die Summe der Schuldposten wächst und
wächst auch bei dem besten Leben, aber die Summe der Schuldposten ist
durchgestrichen, wenn Christus uns zu sich zieht, wenn wir uns mit Vertrauen
und mit Gehorsam auf Christi Seite stellen. |
Nach einem langen Leben mit viel Sorge, Mühe und Enttäuschung ist Melanchthon im Jahre
1560 gestorben. Sein Letztes aber war es, dass er sich in seinem Bette
aufrichtete und ausrief: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!?32 [Röm. 8,31]
Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Das ist der Ertrag
der Reformation, deren wir
heute gedenken. Gottesgewissheit oder, was dasselbe ist: Lebensgewissheit,
das ist der Inhalt des evangelischen Christentums. Wir haben heute
einen Überblick getan über die Reihe der tiefen, wuchtigen, eisengepanzerten
Gedanken, in denen die Reformatoren den Weg zu diesem Ziel sehen: Vom Gesetz zur Sünde, von der Sünde zu Christus, von Christus zur
Gnade, von der Gnade
zur Freiheit, von der Freiheit zum
Frieden Gottes, zum ewigen, wahr|657haftigen Leben. Es sind keine leichten Gedanken; sie zu
verstehen, sich anzueignen, erfordert immer neuer gründlicher Überlegung. Es
sind auch keine selbstverständlichen Gedanken; Gott behüte uns davor, dass
sie uns zum 16 religiösen Handwerkszeug werden,
wie es so oft geschehen ist. Dies und das werden wir uns auch im Einzelnen
anders zurechtlegen, als es die Reformatoren getan haben; denn es darf auch
auf diesem Gebiet keinen Stillstand oder Rückschritt geben. Aber es sind
große Gedanken; und gerade an solchen leiden wir Mangel. Es
sind Gedanken, die dem innern Leben Nahrung geben, wenn man sie ernst nimmt, was man von
manchen modernen Gedanken nicht sagen kann. Und es sind Gedanken, die
aufbauend wirken, die uns anleiten, die Ewigkeit nicht nur im Herzen zu haben, sondern wirksam werden zu
lassen in unserm Dasein, in unserm Zusammensein mit den Menschen, die uns
anleiten, unsern Weg zu gehen nicht als Tote, nicht als Schlafwandelnde,
nicht als Träumer, sondern als Lebendige.
Denn das Größte dieser Gedanken besteht darin, dass sie nicht Theorien sind
im üblichen Sinn des Wortes. Was theoretisch ist daran, das mögen wir als
Stütze unsres Denkens brauchen oder nicht brauchen. Ihr Inhalt aber ist
praktisch. Aus dem Leben kommt er und Leben wirkt er. Melanchthon selbst hat einmal gesagt,
er habe sich auf die Theologie nur eingelassen, um sein Leben zu
bessern.33 Und Melanchthon selbst hat kurz vor seinem
Ende bekannt, das, worauf er sich nun am meisten freue, das sei, dass er nun
der rabies theologorum, der Streitlust der Theologen, bald entrückt sein
werde.34 Aber jenseits des Zeitlichen und Vergänglichen, um
das sich die Menschen streiten, steht der, der gesagt hat: Meine Gedanken
sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege; sondern so
viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn
eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken
[Jes. 55,8f.]. Und Gott sei Dank,
dass wir ihm mit dem Apostel
antworten dürfen: Nun |658 wir denn sind gerecht geworden
durch den Glauben, so haben wir Frieden.