Predigt Nr. 52 · 6. November 1910

Predigt: Römer 5,1-2 (Reformationsfest)

641
52
Reformationsfest
Römer 5,1–2
Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum, durch welchen wir ja auch den Zugang erlangt haben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit.
Liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag soll der Erinnerung gewidmet sein an eine vergangene große Zeit der christlichen Kirche. Es soll uns da ins Gedächtnis gerufen werden, dass diese Kirche in den Tagen unsrer Vorväter unter großen Opfern und Anstrengungen eine Reformation durchgemacht hat, d. h. eine innere und äußere Erneuerung von Grund aus. Wir besinnena uns daran, dass sich in dem, was jene Generationen erlebt und erstritten, eine Befreiung und Vertiefung der Frömmigkeit und des Geisteslebens überhaupt vollzogen hat, deren Früchte wir Alle noch heute in dieser oder jener Weise genießen. Vor unserm geistigen Auge erheben sich die Bilder der großen Männer und Ereignisse, die damals eine Epoche in der Weltgeschichte gemacht haben, der an innerer Bedeutsamkeit wenig andre zur Seite zu stellen sind. Wir sehen Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass 📖 an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg schlagen, wir sehen denselben vor Kaiser und Reich zu Worms seine Überzeugung bekennen, sehen ihn auf der stillen Wartburg an der Arbeit, das Neue Testament in sein geliebtes Deutsch zu übertragen. Da ist Zwingli, nach Charakter und Geistesart der unsrige wie kaum ein andrer. Jetzt zieht er als wohlgewappneter Theologe an die Berner Disputation, ein nüchterner, praktischer und doch siegesgewisser Geisteskämpfer, und jetzt führt er die Mannschaft Zürichs auf das Feld von Kappel, großzügig und |642 weitausschauend in seinen politischen und religiösen Ideen, großzügig und ewigkeitsmäßig auch in seinem tragischen Untergang. Und uns ist’s, als b-müsste uns-b in den alten Gassen unsrer Stadt die unscheinbare, von innerem Feuer verzehrte Gestalt dessen begegnen, dessen Stimme einst von diesen Wänden wiedergehallt,1 dessen frommer Geist die Tiefen der Gottheit furchtlos erforscht hat und dessen heller Verstand und bestimmter Wille die Schicksale Europas tiefergehend beeinflusst hat als alle Kriegsheere und Handelsflotten und Fürstenbeschlüsse. Ja, wenn wir der Reformation und der Reformatoren gedenken, dann fühlen wir uns umgeben von einer Wolke glänzender Zeugen des Glaubens, der in uns sein sollte [vgl. Hebr. 12,1]. Wir fühlen uns geborgen im Schatten dieser Geister der alten Zeit, wir freuen uns dessen, dass wir im Wirkungskreis ihrer befreienden und schenkenden Taten stehen dürfen, wir nennen uns mit Stolz und Dankbarkeit ihre Erben und Schüler.

Aber wenn wir das sein wollen, dann dürfen wir nicht bei den Erinnerungen und bei den erhebenden Allgemeingefühlen stehen bleiben, weder heute, wo wir die Tatsache der Reformation feiern, noch das Jahr über, wo es darauf ankäme, diese Tatsache in unser tägliches Leben zu übersetzen. Nicht bei den Erinnerungen. Denn wenn wir mit gekreuzten Armen andächtig oder wehmütig in die große Vergangenheit sehen, dann möchte es uns mit unsrer Frömmigkeit gehen, wie es uns auf andern Gebieten ergeht, dass wir keine Antwort wissen auf die Frage Albrecht von Hallers2:

Sag an, Helvetien, du Heldenvaterland,
Wie ist dein jetzig Volk dem unsrigen verwandt?3

643 Wenn wir Luther und Zwingli und Calvin gegenüberstehen wie ein intelligenter Mann dem Hause seiner Väter, der es aus Gründen des Kunstinteresses und des Heimatschutzes4 nicht niederreißt, sondern samt seinen Giebeln und Erkern als kostbares Andenken vor dem Verfall zu schützen sucht, dann möchte es uns, wenn wir wirklich intelligent sind, so ergehen, dass das alte Haus uns ein beständiger stiller Vorwurf wird gegen die charakterlosen modernen Mietskasernen, die wir daneben gestellt haben, das alte Haus möchte ein Wort zu uns reden, das wir nicht so leicht überhören können – das Wort lautet:

Weh dir, dass du ein Enkel bist!5

Weh dir, dass du das eigentlich Große und Wertvolle, was du besitzest, als Prunkstück aus einer bessern Zeit in die gute Stube stellen musst, statt als Gebrauchsgegenstand ins Wohnzimmer, weil du verlernt hast, damit umzugehen. – |

Und diesem Vorwurf, der uns trifft, wenn wir bloße Erinnerungsprotestanten sind, können wir nicht dadurch entgehen, dass wir uns von Zeit zu Zeit zu erhebenden protestantischen Allgemeingefühlen aufschwingen. Das Jahr, in dem wir stehen, hat uns die Protestbewegung gegen die Borromäusenzyklika gebracht, und es ist zu vermuten, dass auch die heutige Feier noch vielfach unter dem Zeichen dieser Bewegung stehen wird.6 Aber es ist doch bei all den gutgemein|644ten Erklärungen und Resolutionen, die damals von den Kanzeln und Rednerpulten und in den Zeitungen in die Öffentlichkeit gedrungen sind, mehr als eine Stimme laut geworden, die der Meinung war, wir täten besser, in Gesinnungen und Taten Protestanten zu sein als schon wieder in Worten. Zum Letztern braucht es bloß Tinte und Papier und etwas Lungenkraft, zum Erstern wären Menschen nötig, lebendige Geistesmenschen, Seelenverwandte der reformatorischen Männer, Leute, die innerlich und nicht bloß äußerlich das Recht hätten, jene Männer gegen die Angriffe der Bosheit und Dummheit in Schutz zu nehmen. Heute erwacht das protestantische Bewusstsein in Vielen dann, wenn es gilt, in dieser oder jener Weise gegen Rom Front zu machen, aber auch nur dann, und man sollte sich über den Wert solcher Demonstrationen keinen Täuschungen hingeben: Innere Überlegenheit gegenüber Rom hat einen Protestantismus zur Voraussetzung, der mehr ist als ein gelegentliches Allgemeingefühl.

Und darum müssen wir lernen, in unserm Verhältnis zum Erbe der Reformation wieder mehr in die Tiefe zu gehen, statt uns auf der wohlfeilen Oberfläche einer kühlen Bewunderung zu halten. Das gilt uns Allen, den Gemeinden wie den Pfarrern. Mehr als einem Christen, dessen Frömmigkeit man auf ungesunde und unfruchtbare Bahnen kommen sieht, möchte man zurufen: Weißt du denn nichts davon, eine wie einfache und bestimmte Sache das Frommsein durch die Geistestat der Reformatoren geworden ist? Und mehr als einen Prediger möchte man fragen: Sind denn die tiefen und doch so freien Grundgedanken Luthers und Calvins für dich ungedacht, dass du über die Dinge des Lebens und der Gottheit so obenhin und ungründlich reden kannst? Wir Menschen und Christen von heutzutage sind ein geschichtsloses Geschlecht geworden. Wir sind viel zu rasch be|645reit, zu denken und zu sagen: das war einmal. Täuschen wir uns nicht: solche Geschichtslosigkeit ist nahe verwandt mit Sinnlosigkeit und Gedankenlosigkeit. Wir müssen es wieder verstehen lernen, dass die großen Männer und Gedanken der Vorzeit nicht waren, sondern sind, und dass wir, wenn wir selbst etwas sein wollen, nicht vorübergehen dürfen an den Geistestatsachen, die als die Felsen der Ewigkeit aus den wechselnden Flüssen der Zeit hervorragen.

Am Reformationsfest des letzten Jahres haben wir uns mit Martin Luther beschäftigt.7 Wenn wir den Protestantismus verstehen wollen, dann werden wir uns bei allen Schwächen seines Denkens und seines Charakters immer in erster Linie an diesen Mann zu wenden haben, der das Neue, das die Reformation gebracht, in sich verkörpert hat wie kein Zweiter. Heute möchte ich euch jene Grundgedanken des evangelischen Christentums vorführen im Spiegelbild einer andern geistigen Persönlichkeit jener Tage, Philipp Melanchthons, des Mannes, der damals in Wittenberg, der Hochburg der neuen Gedankenwelt, als gelehrter Kenner der Theologie, der Philosophie und der Geschichte Luther, dem unmittelbaren Feuergeist, als Freund und Gefährte an die Hand gegangen ist. Er war keiner von den ganz Großen, kein Schöpfer, kein religiöses Genie, er hat zeitlebens im zweiten Gliede gefochten, auch er war nicht frei von unbegreiflichen Schwachheiten. Noch mehr als bei Luther gilt es bei ihm darauf zu achten, dass er seine Heldenzeit gehabt hat, der Jahrzehnte gefolgt sind, in denenc er sein eigener Epigone geworden ist, einen frühen Höhepunkt, von dem er in der Folgezeit herabgestiegen ist, und dass wir ihn, um ihn recht und gerecht zu verstehen, von jenem seinem Höhepunkt am Anfang der 20er Jahre des 16. Jahrhunderts aus verstehen müssen. Er hat damals in lateinischer Sprache ein Buch geschrieben, betitelt: «Die Grundsätze der Theologie»,8 die erste wissenschaftliche Zusammenfassung der neuen protestantischen Gedanken, und was ich heute über |646 diese Gedanken ausführen möchte, soll geschehen in Form einer Erklärung und Anwendung des wesentlichen Inhalts jenes Werkes. Ein Lehrbuch ist es, und von religiöser Lehre werden wir zu reden haben; aber es leidet keinen Zweifel, dass unsre zur Linken und zur Rechten so verworrene Zeit dringendes Bedürfnis hat nach gesunder und reiner Lehre [vgl. Tit. 2,1], nach positiver Gedankenarbeit an den höchsten Dingen des Lebens, und dazu kann uns der Mann, dem seine Zeit den Ehrennamen «Lehrer Deutschlands» beilegte,9 Führer und Vorbild sein.

Das Erste, was uns bei Melanchthon entgegentritt, ist eine neue Auffassung vom Menschen. Bevor ich Gott erkennen kann, muss ich mich selbst erkennen, muss erkennen vor Allem, was von mir gefordert ist, was ich sein sollte. Melanchthon ist Humanist gewesen, d. h. er stand schon, bevor er Luthers Freund und Arbeitsgenosse wurde, in den Reihen jener Bewegung, die darauf ausging, an Stelle der barbarischen und spitzfindigen Gelehrsamkeit, wie sie damals in den Klöstern getrieben wurde, in Anlehnung an die Ideale des klassischen Altertums eine neue, freie, aus den Quellen schöpfende Wissenschaft zu setzen. Die Gedankenwelt der griechischen Philosophen, besonders Platos, ist damals wieder eine Macht geworden, das spürt man deutlich bei Melanchthon. Er ist nicht aus dem Kloster gekommen, als er Reformator wurde, wie Luther, sondern von den hohen Schulen zu Heidelberg und Tübingen, und darum ist seine erste Frage nicht die praktische: wie werde ich gerecht?, sondern die theoretische, doch nicht minder wichtige: was ist Gerechtigkeit? was ist das rechte, normale Verhältnis zu Gott? Melanchthon hat als Humanist und Bibelkenner auf diese Frage geantwortet: Gerechtigkeit ist Erfüllung des Gesetzes. |647 Darum wendet sich sein Interesse mit einer Gründlichkeit, wie sie Luther nicht kannte, der weitern Vorfrage zu, was denn der Inhalt des Gesetzes sei.10 Und darüber hat er nun Gedanken geäußert, in denen ebenso sehr altes köstliches Gut menschlichen Geisteslebens wieder ans Licht gebracht wurde, wie sie andrerseits seiner Zeit vorauseilten und ahnungsvoll hinwiesen auf die glorreichen Entdeckungen der Denker einer um Jahrhunderte spätern Periode.

Der Mensch steht unter einem ewig und für Alle giltigen moralischen Gesetz, sagt Melanchthon. Es ist wohl zu unterscheiden von den Trieben unsrer Natur: der Gehorsam gegen unsre Triebe ist Gehorsam um der Nützlichkeit und Erfreulichkeit willen, der Gehorsam gegen das Gesetz ist Gehorsam um des Gehorsams willen. Der Trieb sagt: Du möchtest! Du wünschest! Das Gesetz sagt: Du sollst! Und in dieser strengen Überlegenheit gegend unsre Natur offenbart sich das Gesetz bereits als Stimme der weltüberlegenene Gottheit.

Was aber befiehlt uns dies Gesetz? Melanchthon hat dafür eine sehr glückliche, ebenso einfache als tiefe Formel gefunden. Er sagt: Das Gesetz befiehlt uns, Gemeinschaft zu halten, nicht für uns selbst zu leben, sondern als Glieder der menschlichen Gesellschaft. Vorher sind wir keine Menschen. Also dürfen wir niemanden in seinen Rechten verletzen, und es muss unsre Pflicht sein, Alles fürs Gemeinsame zu tun. Diesen letzten Gedanken hat Melanchthon ausdrücklich so verstanden, dass es kein Privateigentum, sondern – dies ganz im Sinne des modernen Sozialismus – nur Gesellschaftseigentum geben dürfte. Vorläufig sei das Privateigentum noch aufrechtzuerhalten, weil die menschliche Schwachheit und Bosheit die sozialistische Ordnung der Dinge noch zu Ungunsten des Nächsten missbrauchen würde; der Staat sei dazu da, mit seinen Ordnungen und Verträgen den Verkehr und Austausch der Güter zwischen den Einzelnen zu regeln, aber der Staat sei der beste, heißt es mit ausdrücklicher Berufung auf Plato, in |648 dem das Privatwesen und Privateigentum immer mehr verschwinde zugunsten der Gemeinsamkeit aller Güter und aller Interessen.11 |

Melanchthon hat geschwankt in seiner Ansicht, ob neben dies Gebot der Gemeinschaft das zweite des Gehorsams gegen Gott zu stellen sei. Er hat sich schließlich dahin entschieden, es nicht zu tun, weil dies aus der Vernunft nicht abzuleiten sei wie jenes andre. Die Wahrheit dürfte sein, dass beide Gebote letzten Grundes eins und dasselbe sind, denn Gott ist die Gerechtigkeit, Gerechtigkeit aber kann für uns nichts Anderes sein als Pflichterfüllung gegen den Andern. Dies Naturgesetz, wie Melanchthon es nennt, das den Menschen zum Menschen zu machen bestimmt ist, es wird uns nun zum Bewusstsein gebracht durch die Reihe göttlicher und menschlicher Gebote, von den Zehn Geboten bis auf die Verordnungen von Kaiser und Papst. Eine «fortlaufende Predigt des Geistes Gottes» heißt diese Reihe.12 Mit ihr hat es der Gehorsam der Menschen zunächst zu tun. Und zwar stehen die göttlichen Gebote der Bibel über den menschlichen der Tradition, nach jenen sind diese zu korrigieren. Bei dieser Unterscheidung spielt bei Melanchthon zunächst die alte Vorstellung einer besondern Inspiration der Bibel zweifellos eine wichtige Rolle.13 Aber er stellt eine tiefere und umsichtigere Begründung daneben, und damit kommen wir nun auf die Hauptsache. Die Erhabenheit der göttlichen Gebote zeigt sich darin, dass sie nicht den Gehorsam unsrer Hände und Füße, sondern unsres Herzens von uns verlangen14. Nichts su|649chen außer Gott [vgl. Dtn. 4,29], ihm aus allen seinen Kräften dienen [vgl. Dtn. 6,13] und ihn in seinem Innersten wirken lassen, das ist nach Melanchthons Meinung der Inhalt der zehn Gebote des alten Bundes und der Bergpredigt Jesu. Was Gott von uns fordere, das seien zunächst viel weniger unsre Handlungen als unser Wille, denn auf den Willen komme es an, ob unsre Handlungen gut oder böse seien. Alle Gebote Gottes gelten allen Menschen, weil sie alle dieselbe Forderung enthalten, auf die es ankommt. Es gibt kein Extragesetz für Mönche und Nonnen zur Leistung besonderer Frömmigkeitsübungen, denn es gibt vor Gott nicht Menschen erster und zweiter Klasse, sondern nur den einen Menschen, dem gesagt ist, was gut ist und was er tun soll [vgl. Mi. 6,8]. Wir spüren bereits hier die ganze Energie, den ganzen Ernst des neuen Geistes, der damals zu wehen begann, wenn wir diese Gedanken neben das stellen, was die römische Kirche unter Erfüllung des Gesetzes verstand und versteht: Gehorsam des äußern Werkes für die große Masse und Gehorsam der äußern Extrawerke für die besonders Begnadigten in den Klöstern.15 Die Reformation ist die große Begründerin der Menschenwürde, indem sie den Satz aufgestellt hat: Nicht die guten Werke, sondern der gute Wille mache den guten Menschen.

Aber nun kommt auch Melanchthon zu jener Frage Luthers: Bin ich gerecht? Habe ich diesen guten Willen, der mich zum guten Menschen macht? Bin ich das, was ich sein sollte? In den Werken des klassischen Altertums, die der junge Gelehrte studierte, kam diese Frage nicht vor, aber der Umgang, den er in Wittenberg fand mit dem Mann, der lange Jahre in heißem Ringen sich innerlich um diese Frage gemüht, die Bekanntschaft mit der Niederlage, die Luther erlitten, und mit dem Sieg, den er gewonnen, sie führt nun auch ihn weiter von der hohen Selbsterkenntnis der Philosophen zu der höhern des Neuen Testaments. Und darum ist nun seine Antwort auf die Frage: kann der Mensch guten Willen haben? ein rundes Nein. Es ist die berühmte reformatorische Lehre von der Unfreiheit des Willens, von der wir da |650 zu reden haben. Ich hörte unlängst mit großer Sicherheit behaupten: O doch, der Wille ist frei, der Mensch ist eine freie, sittliche Persönlichkeit, er kann wählen. Die Reformatoren waren andrer Meinung. Die damals eine solche Freiheit des Willens behaupteten, das waren ihre katholischen Gegner. Ihnen entgegnet Melanchthon: Das Gesetz fordert etwas von uns, was unsre Kräfte übersteigt.16 Erschüttert ruft er aus: «Es ist ein großes und unbegreifliches Ding, Gott zu lieben, mit heiterem und dankbarem Gemüt den göttlichen Willen zu umfassen, auch dann, wenn er uns richtet und verurteilt.»17 Und doch ist gerade das von uns verlangt, das und nichts weniger, das allein ist guter Wille. Können wir uns für diesen guten Willen entscheiden? Ja, in unsern äußern Handlungen haben wir Freiheit, dies zu tun und jenes zu lassen. Aber was sollen die äußern Handlungen? Gott sieht das Herz an [1.Sam. 16,7]. Ein Mensch kann alle Gebote der bürgerlichen und kirchlichen Moral erfüllen, das übersteigt seine Kräfte nicht, er kann sich entschließen, den Weg der Buße zu gehen, auch innerlich, indem er seine Gedanken zwingt, sich mit Reue und Besserung zu beschäftigen; in den Klöstern gab es genug solcher Leute, auch das übersteigt schließlich seine Kräfte nicht. Er kann sich endlich bemühen, Alles zu glauben, für wahr anzunehmen, was ihm von der Kirche als Lehre des Heils angeboten wird; auch das geht nicht über unsre Kräfte. Aber das alles ist noch nicht der Gehorsam, den das Gesetz Gottes von uns verlangt. Unser Herz soll diesem Gesetz gehorchen und Buße tun, wir selbst sollen in freier Liebe, in spontanem Gehorsam uns auf die Seite des Gesetzes stellen. |

Und das können wir nicht von uns aus, sagt Melanchthon, dazu, d. h. aber gerade in der Hauptsache fehlt uns der freie Wille. Gerade unser Herz, unser eigentlichster innerster Sinn ist von Natur einem andern Gesetze gehorsam, dem Gesetze nicht der Gottesliebe, sondern der Selbstliebe. Wie es für den Reformator nur ein Gutes gibt, den Willen, der im tiefsten Grund mit Gott eins ist, so gibt es für ihn |651 auch nur ein Böses, und das ist der Wille, der nicht Gott, sondern sich selbst sucht, eben die Selbstliebe.18 Mit rückhaltlosem Ernst zeigt er, wie sie die Wesensbeschaffenheit des natürlichen Menschen ist. Seine scheinbare Gottes- und Nächstenliebe ist Liebe um der Nützlichkeit, um des Lohnes willen, sein Herz ist ferne davon. Melanchthon hat jenen schwerverständlichen und doch tiefsinnigen Gedanken des Augustin wiederholt und ausgesprochen: Die Tugenden der Heiden sind glänzende Laster.19 Der Mensch, so wie er zunächst ist, vermag nichts Gutes zu tun, seine scheinbar guten Seiten sind Zeugnisse der Herrlichkeit Gottes, aber sie beweisen keineswegs, dass der Mensch Gott liebe, wie er sollte, denn die Selbstliebe ist doch das letzte Wirkliche in seinem Innern; was er scheinbar Gott zuliebe tut, ist heimlich doch ein Tribut an die Interessen seiner eigenen Person, wenn nicht für dieses, so doch für jenes Leben. Gott aber müsse «liberal» geliebt werden, hören wir, liberal, d. h. ohne die Nebengedanken an uns selbst, rein um seiner selbst willen.20 Gerade das geht uns aber von Natur gegen den Strich, und darum sind wir von Natur unfrei zum Guten, gefangen unter die Sünde. Es kann keine Rede davon sein, dass wir von uns aus, durch unsre Anstrengung, durch unser Verdienst, ins rechte Verhältnis zu Gott kommen. |

Ihr seht, meine Freunde, wie dieser zweite Grundgedanke der Reformation im engsten Zusammenhang steht mit jenem ersten: das Herz, den innern Sinn, den Willen sollen wir Gott geben, das ist das Gesetz Gottes, aber das Herz, den innern Sinn, den Willen geben wir Gott nicht, sondern lieben offen oder heimlich nur uns selbst, das ist die Sünde. Man hat oft gesagt, das reformatorische Dogma von der Sünde sei finster und rückschrittlich; das gerade Gegenteil ist richtig; es ist das eigentliche Prinzip wirklichen Fortschritts im Gegensatz zu |652 der Oberflächlichkeit des gewöhnlichen Denkens, das im Katholizismus seine glänzendste Vertretung gefunden hat. Weil Melanchthon groß denkt von der Würde des Menschen, d. h. von seiner Aufgabe, eben darum denkt er tief und gründlich über des Menschen Elend; weil er eine hohe Vorstellung hat von dem, was der Mensch sein sollte, hat er eine niedrige von dem, was er ist. Gerade dieser Spannung aber bedürfen wir, wenn wir vorwärts kommen sollen. Gott sei Dank, dass die Reformatoren uns gelehrt haben, scharf und radikal darüber zu denken, und wir wollen uns zweimal besinnen, bevor wir uns, auch von wohlmeinenden Leuten, durch Abschwächungen dieses Gedankens einschläfern lassen.

Nach Melanchthons Anschauung zerfällt die Bibel in zwei Teile. Das Gesetz ist der eine, das Evangelium ist der andre. Und doch sind es eigentlich nicht zwei Teile, sondern zwei Seiten derselben Sache sind es, nämlich der Offenbarung Gottes. Gott fordert und Gott schenkt.21

Vom Gesetz haben wir eben geredet. Es ist dazu bestimmt, den Menschen zur Menschenwürde zu erheben, ihn ins rechte Verhältnis zu Gott zu setzen. So wie der Mensch ist, hat es diesen Erfolg nicht, denn seine Forderung übersteigt das, was der Mensch ist und kann; er ist unfähig, sich zum Guten zu entscheiden. Und so würde die Stimme des Gesetzes für sich allein den Menschen verzweifeln lassen. Aber nun ist seit ewigen Zeiten noch eine andre Stimme da, das Evangelium, die Botschaft von Gottes Gnade und Erbarmen, die Gewissheit vor der Verzweiflung unsres Unvermögens, vom Vorhandensein des guten Willens Gottes gegen uns, obwohl uns solcher guter Wille noch fehlt, die Verheißung und Aufmunterung, dass die Schuld uns abgenommen sei, dass wir uns wieder aufrichten dürfen, um zum Lobe Gottes ein neues, wirkliches Leben zu leben. In diesen warmen, herzlichen Tönen erkennen wir unschwer den Widerhall des großen Erlebnisses Gottes, das Luther gemacht und das für Melanchthon wie für so Viele in jenenf Zeiten befreiend und bahnbrechend geworden |653 war. Man meint Luther selbst reden zu hören, wenn man den jungen Melanchthon über diese Wandlung reden hört. Gehen wir mit ihm den Weg seiner großen Gedanken zu Ende.

Die Stimme des Evangeliums, das «Du darfst» neben dem «Du sollst», ist zu allen Zeiten dagewesen, sagt Melanchthon ausdrücklich. Abraham und Moses, die Propheten und die Psalmsänger haben diese Stimme gehört und sind dadurch selig geworden. Denn von Ewigkeit her ist neben dem Gebot die Gnade Gottes den Menschen gewiss geworden, neben der beunruhigenden, rücksichtslos fordernden Pflicht die ruhige Sicherheit, dass begangene Schuld uns vom Leben nicht trennen kann, dass das Erbarmen größer ist als die Sünde, wo die Sünde bereut wird. Aber was zu allen Zeiten aufrichtigen und erleuchteten Menschen Gewissheit und Kraft war, das ist um die Wende der Zeiten in Einem als Erfüllung, als unübertreffliches Vorbild, als unerschütterliche Garantie unter die Menschen getreten, so dass nun die zerschlagenen und geängstigten Gewissen nach ihm schauen dürfen als nach dem Siegel der Urkunde, als nach dem Leuchtturm im Meer. Der eine, in dem Gottes Gnade, von der das ewige Evangelium redet, als unwiderlegliche Tatsache offenbar geworden ist, ist Jesus Christus.22 Und hier hebt nun die wichtigste und tiefsinnigste Gedankenreihe in Melanchthons Werk an. Nirgends so sehr wie da, wo er von Christus, vom Glauben an ihn, der uns gerecht macht, redet, freut man sich so sehr, von modernen Religionsbüchern und Religionsrednern sich zu dem Mann des 16. Jahrhunderts zu wenden. Mit allen Spekulationen und Bezeichnungen über die göttliche Natur Christi, die man heutzutage mancherorts immer noch zum Kennzeichen rechten Glaubens macht, mit alledem werden wir dort vollständig in Ruhe gelassen.23 Ja, im Gegenteil, der Reformator bekämpft die, die behaupten, das Evangelium bestehe in solchen Ideen, und das sind wieder seine katholischen Gegner. Christus erkennen, das heiße seine Wohltaten erkennen, sagt er.24 Er hat von Christus mehr zu sagen als hohe, |654 unverständliche Namen, die das Herz und den Kopf der Menschen leer und kalt lassen, auch wenn man sie noch so oft wiederholt. Und so sagt er einfach: Christus war der Mensch, den Gottes Gnade, die gerecht macht, ganz und völlig erfüllt hatte. Christus hat den guten Willen, den das Gesetz von uns fordert, erwiesen. An ihm hatte Gott Wohlgefallen, weil in ihm der Gegensatz von Gott und Mensch, der sich bei uns Allen auftut, überwunden war, weil er Gott liberalen, innerlich willigen Gehorsam erwies, wie sein Tod es bezeugt.25 Aber nun ist Gottes Gnade oder, was dasselbe ist: die Erfüllung der Bestimmung des Menschen, nicht etwas Einmaliges, etwas Geschehenes, Gewesenes, Vergangenes. Nein, weil Christus, ein Mensch wie wir, seine Bestimmung erfüllte, sollen wir wissen, dass wir es auch tun dürfen. Das Wohlgefallen Gottes, das auf ihm ruhte, will auch auf uns ruhen. Es soll auch bei uns dazu kommen, dass wir den guten Willen, den das Gesetz fordert, erweisen; Gott ist gnädig, er war es nicht nur Christo, sondern er ist uns gnädig, er will uns gerecht machen; wir dürfen dessen ganz sicher und fröhlich sein.26

Es kommt nur auf das Eine an, dass wir Christus erkennen, und das heißt: seine Wohltaten erkennen. Solche Erkenntnis ist der christliche Glaube. Er ist das Einzige, das absolut Einzige, was nötig ist. Der Mensch wird gerecht gemacht allein durch den Glauben [Röm. 3,28].27 So kommt auch Melanchthon zu diesem Bollwerk der reformatorischen Religion, von dem Luther gesagt hat: Von diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben; es falle Himmel und Erde oder was nicht bleiben will.28 Was ist das, Glauben? Nicht ein Werk des Kopfes, antwortet Melanchthon vor Allem, nicht die Annahme, dass die Geschichten des Evangeliums wahr seien; das wäre eine kühle, wertlose Meinung; davon könnte es allerdings nicht heißen: gerecht |655 allein durch den Glauben. Sondern Glaube ist Vertrauen und Zuversicht auf Gott. Wenn wir auf uns selbst sehen, dann müssten wir verzweifeln, dann müssten wir, gerade wenn wir’s mit Gottes Gesetz ernst nehmen, enden mit der resignierten Klage:

Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.29

Aber nun sehen wir den einen, in dem das Verhältnis zwischen Gottes Gesetz und seinem innersten Willen in Ordnung war. Und dieser Anblick muss das Zutrauen in uns erwecken, dass wir eine Lebenszukunft haben, auch wenn unser eigener guter Wille zusammengebrochen ist, dass jenseits von unserm persönlichen Streben der allwaltende gute Wille Gottes ist, der uns wie eine große Welle hebt und trägt und mitnimmt. Wenn wir aber dies Zutrauen haben, dann sind wir auch gerecht. «Alles hat und Alles kann, wer Christus hat», sagt Melanchthon.30 Die Erkenntnis des Glaubens ist ja nicht ein müßiger Vorgang in unserm Verstand, sondern die Verwandlung unsres Herzens. Es wird nun wahr, was von uns gefordert ist, dass unser Wille im tiefsten Grund auf die Seite Gottes tritt; er kann nicht mehr anders, nachdem er mit Christus in Berührung gekommen ist. Das Evangelium bleibt nicht ein freundlicher Trost für das unruhige Gewissen, sondern indem es uns tröstet, indem es uns sagt, dass Gott unsre Gerechtigkeit ist, gibt es uns ein gutes Gewissen. Wer sich aufrichtet und die Stimme des Evangeliums hört, der erfährt in seinem Innern, dass Gottes Gerechtigkeit da ist, die Gerechtigkeit des Herzens, des Willens, der Gesinnung und Überzeugung.

Das ist nicht ein einmaliger Vorgang im Menschen. Die Reformatoren haben nüchterner und praktischer über die Bekehrung gedacht als manche ihrer Nachfolger. «Begonnen ist das Gerechtwerden, nicht vollendet.»31 Denn von dem neugewordenen Mittelpunkt aus muss nun der ganze Umkreis des Lebens erneuert, gereinigt, gerecht ge|656macht werden, und da steht jeder immer aufs Neue vor unendlichen Aufgaben. Aber wir dürfen jetzt nicht mehr daran zweifeln, dass die Zukunft unser ist. Wo ein Mensch glaubt, da kann es nicht anders sein, als dass der Glaube wirksam ist in der Liebe und in der Hoffnung [vgl. Gal. 5,6]. Wo eine Seele Gottes Liebe und Freundlichkeit erfahren hat, da kann es nicht anders sein, als dass sie Gott wieder lieben muss. Wo Christus erkannt ist, da kann diese Erkenntnis nicht unfruchtbar bleiben. Denn wenn unser Herz unruhig ist in uns über unser Unvermögen, dann dürfen wir uns an Christus und seinem Kreuz immer wieder vergewissern, dass Gott größer ist als unser Herz [vgl. 1.Joh. 3,20]. Auf unsre Gerechtigkeit, auf unser Verdienst zu vertrauen, das wäre immer wieder eine falsche Rechnung, denn die Summe der Schuldposten wächst und wächst auch bei dem besten Leben, aber die Summe der Schuldposten ist durchgestrichen, wenn Christus uns zu sich zieht, wenn wir uns mit Vertrauen und mit Gehorsam auf Christi Seite stellen. |

Nach einem langen Leben mit viel Sorge, Mühe und Enttäuschung ist Melanchthon im Jahre 1560 gestorben. Sein Letztes aber war es, dass er sich in seinem Bette aufrichtete und ausrief: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!?32 [Röm. 8,31]

Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Das ist der Ertrag der Reformation, deren wir heute gedenken. Gottesgewissheit oder, was dasselbe ist: Lebensgewissheit, das ist der Inhalt des evangelischen Christentums. Wir haben heute einen Überblick getan über die Reihe der tiefen, wuchtigen, eisengepanzerten Gedanken, in denen die Reformatoren den Weg zu diesem Ziel sehen: Vom Gesetz zur Sünde, von der Sünde zu Christus, von Christus zur Gnade, von der Gnade zur Freiheit, von der Freiheit zum Frieden Gottes, zum ewigen, wahr|657haftigen Leben. Es sind keine leichten Gedanken; sie zu verstehen, sich anzueignen, erfordert immer neuer gründlicher Überlegung. Es sind auch keine selbstverständlichen Gedanken; Gott behüte uns davor, dass sie uns zum religiösen Handwerkszeug werden, wie es so oft geschehen ist. Dies und das werden wir uns auch im Einzelnen anders zurechtlegen, als es die Reformatoren getan haben; denn es darf auch auf diesem Gebiet keinen Stillstand oder Rückschritt geben. Aber es sind große Gedanken; und gerade an solchen leiden wir Mangel. Es sind Gedanken, die dem innern Leben Nahrung geben, wenn man sie ernst nimmt, was man von manchen modernen Gedanken nicht sagen kann. Und es sind Gedanken, die aufbauend wirken, die uns anleiten, die Ewigkeit nicht nur im Herzen zu haben, sondern wirksam werden zu lassen in unserm Dasein, in unserm Zusammensein mit den Menschen, die uns anleiten, unsern Weg zu gehen nicht als Tote, nicht als Schlafwandelnde, nicht als Träumer, sondern als Lebendige.

Denn das Größte dieser Gedanken besteht darin, dass sie nicht Theorien sind im üblichen Sinn des Wortes. Was theoretisch ist daran, das mögen wir als Stütze unsres Denkens brauchen oder nicht brauchen. Ihr Inhalt aber ist praktisch. Aus dem Leben kommt er und Leben wirkt er. Melanchthon selbst hat einmal gesagt, er habe sich auf die Theologie nur eingelassen, um sein Leben zu bessern.33 Und Melanchthon selbst hat kurz vor seinem Ende bekannt, das, worauf er sich nun am meisten freue, das sei, dass er nun der rabies theologorum, der Streitlust der Theologen, bald entrückt sein werde.34 Aber jenseits des Zeitlichen und Vergänglichen, um das sich die Menschen streiten, steht der, der gesagt hat: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege; sondern so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken [Jes. 55,8f.]. Und Gott sei Dank, dass wir ihm mit dem Apostel antworten dürfen: Nun |658 wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 231: «Mir ist Erbarmung widerfahren» von Ph. Fr. Hiller, Strophen 1–2 (RG 209; EG 355 [je mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 157: «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther, Strophen 1–2 und 3–4 (RG 32; EG 362). 🎵
Lesungstext:
  • Hebräer 13,7–21.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
b-b
Mskr.: «müssten wir»; von den Hrsg. in Anpassung an das Verb «begegnen» am Ende des Nebensatzes geändert. Dass die Satzkonstruktion im Mskr. nicht stimmig ist, veranlasste wohl auch die nachträglich mit Bleistift vorgenommene Unterschlängelung des «die».↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «der».↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.↩
f
Im Mskr. ursprünglich: «jenen großen»; «großen» mit blauem Stift nachträglich gestrichen.↩

Sachfußnoten

1
Die Gottesdienste der deutschsprachigen Genfer Gemeinde fanden in der Regel im Temple de l’Auditoire statt, den einst Calvin als Hörsaal für den Vortrag seiner Bibelauslegungen nutzte.↩
2
Albrecht von Haller (1708–1777), Schweizer Mediziner, Naturforscher und Dichter der Aufklärung.↩
3
Es handelt sich um die wohl bekanntesten Verse aus dem Gedicht «Die verdorbenen Sitten» von A. von Haller (1731; Gedichte des Herrn von Haller, neueste Aufl., Wien 1765, S. 183–204, dort S. 186 📖; vgl. J. C. Lavater, Schweizerlieder, Bern 1768, S. 56 📖; verwendet z. B. auch als Motto auf der Titelei von: J. von Müller, Die Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft, Bd. 1: Von des Volks Ursprung, neue verbesserte Aufl., Reutlingen 1824 📖); bei Haller: «Wie ist dein altes Volk dem jetzigen verwandt?»↩
4
Zur Institution des «Heimatschutzes» vgl. oben, S. 557, Anm. 9. ↩
5
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1977 (Studierzimmer II). 📖 ↩
6
Die 300. Wiederkehr der Heiligsprechung von Karl Borromäus hatte Papst Pius X. 1910 zum Anlass genommen, die antimodernistische Enzyklika «Editae saepe» zu erlassen, die sogenannte «Borromäus-Enzyklika», in der die Reformation als Wurzel des Modernismus gebrandmarkt und die Reformatoren als «Feinde des Kreuzes Christi» und Menschen «mit irdischer Gesinnung, deren Gott der Bauch war», bezeichnet wurden. Die Proteste vor allem in Deutschland gegen diese Enzyklika waren nach dem Bekanntwerden solcher Auszüge so groß, dass von der Veröffentlichung einer amtlichen deutschen Übersetzung abgesehen wurde (lat. Text: AAS 2 [1910], S. 357–380) 📖. Insgesamt nicht im selben Ausmaß kam es auch in der Schweiz, und hier vor allem in Genf, zu Protestkundgebungen und polemischen Reaktionen wie der des Dogmatikers und Pastors an St. Pierre, Georges Fulliquet (1863–1940), der am 24. Juni 1910 einen Vortrag vor über 2000 Zuhörern hielt; vgl. M. Delgado, Die Borromäus-Enzyklika «Editae saepe» Pius’ X. vom 26. Mai 1910 und die Folgen, in: Karl Borromäus und die katholische Reform. Akten des Freiburger Symposiums zur 400. Wiederkehr der Heiligsprechung des Schutzpatrons der katholischen Schweiz, hrsg. von M. Delgado / M. Ries (Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte, 13), Freiburg/CH / Stuttgart 2010, S. 340–362, dort bes. S. 353f 📖.↩
7
Vgl. oben, S. 172-183.↩
8
Ph. Melanchthon, Loci communes rerum Theologiae seu Hypotyposes Theologicae (1521), CR 21, col. 81–228. 📖 – Barth besaß 1910 und arbeitete mit: Die Loci Communes Philipp Melanchthons. In ihrer Urgestalt nach G. L. Plitt, in dritter Auflage von neuem hrsg. und erläutert von Th. Kolde, Leipzig 1900 📖. ↩
9
Vgl. K. Hartfelder, Philipp Melanchthon als Praeceptor Germaniae, Berlin 1889 (Reprint: Nieuwkoop 1972), S. VIII 📖: «In den Statuten der Universität Greifswald [= 1545] wird Melanchthon ‚unser aller gemeinsamer und mit höchster Treue und Hochachtung zu verehrender Lehrer’ genannt […].Bereits am Anfang der fünfziger Jahre des 16.Jahrhunderts muß aber die Bezeichnung Praeceptor Germaniae allgemein bekannt gewesen sein.» Als Beleg führt Hartfelder, ebd., auch das Diktum Osianders von 1551 an: «Da soll der Mann Praeceptor Germaniae und magister veritatis heißen, […].»; vgl. auch a.a.O., S. 99–101.↩
10
Melanchthon entfaltet seine Gesetzeslehre, indem er einerseits die natürlichen, die göttlichen und die menschlichen Gesetze unterscheidet und andererseits die göttlichen Gesetze in Moral-, Judizial- und Zeremonialgesetze untergliedert (Loci [Anm. 8], 21, col. 116–139 📖).↩
11
Vgl. a.a.O., col. 117 📖: «Legum autem, quae proprie ad hominem pertinent, haec videntur esse capita quae subiecimus: I. Deus colendus est. II. Quia nascimur in quandam vitae societatem, nemo laedendus est. III. Poscit humana societas, ut Omnibus rebus communiter utamur.» Die Berufung auf Plato erfolgt a.a.O., col. 119.↩
12
Vgl. a.a.O., col. 140 📖: «In hunc modum legis naturae cognitionem instaurabat praedicatione continua spiritus dei».↩
13
Vgl. a.a.O., col. 84 📖: «Quod si omnino prophetia et afflatus quidam est, cognitio sacrarum rerum, cur non hoc literarum genus amplectimur, per quod illabitur spiritus? Annon omnia sui sermonis opera deus efficit?»; a.a.O., col. 131: «[…] quomodo probabimus spiritus, nisi ad certam aliquam regulam adeoque ad scripturam exigantur, quam solam certo constat spiritu dei conditam esse?»↩
14
Vgl. a.a.O., col. 113 📖: «De corde iudicat deus, non de externo opere»; col. 122: «Vides itaque tria praecepta, Deo fidendum esse, Laudandum esse deum et tollerandum eius opus in nobis, comprehendi hac sententia, dilige deum ex toto corde».↩
15
Bei Melanchthon ausführlicher a.a.O., col. 124–126 📖, die scholastische ­Unterscheidung der praecepta und consilia («De consiliis») und a.a.O., col. 126–128 die Mönchsgelübde («De monachorum votis»).↩
16
Die Lehre von der Unfreiheit des Willens begründet Melanchthon im ersten Kapitel der Loci: «De hominis viribus adeoque de libero arbitrio» (a.a.O., col. 86–97 📖).↩
17
A.a.O., col. 123 📖: «Magna et incomprehensibilis res est amare deum, nempe hilari pectore et grato complecti per omnia voluntatem divinam, etiam tum cum damnat et mortificat.»↩
18
Vgl. a.a.O., col. 97f 📖.: «Ita fit, ut anima luce, vitaque coelesti carens excecetur, et sese ardentissime amet, sua quaerat, non cupiat, non velit, nisi carnalia, contemnens dei, et qui possum ego verbis consequi, humani cordis pravitatem. Fieri enim nequit, quin sese maxime amet creatura, quam non absorpsit amor dei».↩
19
Vgl. a.a.O., col. 100 📖: «[…] istae virtutum umbrae, non debent pro veris virtutibus, sed pro vitiis haberi.»↩
20
Vgl. a.a.O., col. 109 📖: «Habes lector hic primum non amari, nisi quae nobis commoda sunt. At deus nullius commodi respectu amari vult, sed liberaliter […].»↩
21
Vgl. a.a.O., col. 139f 📖.↩
22
In den voranstehenden Zeilen ist der Gedankengang des Kapitels «De evangelio» nachgezeichnet; vgl. a.a.O., col. 140–159 📖.↩
23
Vgl. a.a.O., col. 84 📖: «Mysteria divinitatis rectius adoraverimus quam vestigaverimus.»↩
24
Vgl. a.a.O., col. 85 📖: «[…] hoc est Christum cognoscere, beneficia eius cognoscere, non, quod isti docent, eius naturas, modos incarnationis contueri.»↩
25
Vgl. etwa a.a.O., col. 176 📖: «Porro bonam voluntatem meruit Christus, quem pro nobis intercessorem, quem pro nobis victimam et satisfactionem dedit.»↩
26
Vgl. a.a.O., col. 163 📖: «Ea fiducia benevolentiae, seu misericordiae dei cor primum pacificat, deinde et accendit velut gratiam acturos deo pro misericordia, ut legem sponte et hilariter faciamus.»↩
27
Vgl. a.a.O., col. 162 📖: «Iustificat igitur sola fides.»↩
28
M. Luther, Schmalkaldische Artikel, Teil II, Art. 1 (BSLK, S. 415,21f.; BSLK.NE, S. 728,7f. 📖) 📖.↩
29
Aus Strophe 2 des Liedes «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther (GERS 214; RG 83; EG 299). 🎵 ↩
30
Melanchthon, Loci (Anm. 8), col. 175 📖: «Omnia habet, omnia potest, qui Christum habet».↩
31
Vgl. Fr. Schiller, Wilhelm Tell, fünfter Aufzug, erste Szene (Sämtliche Werke, Bd. 2, S. 1017) 📖:
Das Werk ist angefangen, nicht vollendet.
↩
32
Über Melanchthons Tod am 19. April 1560 berichtet Christoph Pezel: «Er starb […] kurz vor 7 Uhr auf den Abend […] und bescheeret ihm Gott gar ein stilles und seliges Ende, also, daß er in stetwährender Anrufung zum Sohn Gottes den Seinen daheim untern Händen verschied» (CR 9, col. 1104 📖). – Davon, dass der oben genannte Vers Melanchthon in den letzten Tagen vor seinem Tod mehrfach im Traum erschienen sei, berichtet M. Meurer, Philipp Melanchthon’s Leben. Für christliche Leser insgemein aus den Quellen erzählt, Leipzig / Dresden 1860, S. 177.179f 📖.↩
33
Brief Nr. 318 an I. Camerarius vom 22.1.1525 (CR I, col. 722 📖): «Ego mihi ita conscius sum, non aliam ob caussam unquam τεθεολογηκέναι, nisi ut vitam emendarem.»↩
34
Vgl. aus dem «Scriptum» (Nr. 6977): «Liberaberis ab aerumnis, et a rabie Theologorum» (CR IX, col. 1098 📖).↩