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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 52</title>
        <title type="content">Predigt: Römer 5,1-2 (Reformationsfest)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Römer 5,1-2 (Reformationsfest), 6. November 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53054 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53054</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 52: Predigt: Römer 5,1-2 (Reformationsfest)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">54</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Röm 5,1-2 (Reformation), 6. November 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1495">KBA 1030</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-11-06">6. November 1910</date>
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                <head>
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                    <idno>52</idno>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, 
                        Sonntag, den <date when="1910-11-06">6. November 1910</date> <date rend="right">24. nach Trinitatis</date> 
                    </dateline>
                    <head type="event">
                        <term type="Sachen" key="Reformationstag">Reformationsfest</term>
                    </head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.2">Römer 5,1–2</ref>
                             <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Nun wir denn sind gerecht geworden
                                    durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch
                                    unsern Herrn Jesum Christum, durch welchen wir ja auch den
                                    Zugang erlangt haben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und
                                    rühmen uns der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Der heutige Sonntag soll der Erinnerung gewidmet sein an eine vergangene
                    große Zeit der christlichen Kirche. Es soll uns da ins Gedächtnis gerufen
                    werden, dass diese Kirche in den Tagen unsrer Vorväter unter großen Opfern
                    und Anstrengungen eine <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> durchgemacht hat, d. h. eine innere und äußere
                    Erneuerung von Grund aus. Wir besinnen<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     uns daran, dass sich in dem, was jene Generationen erlebt und
                    erstritten, eine Befreiung und Vertiefung der Frömmigkeit und des
                    Geisteslebens überhaupt vollzogen hat, deren Früchte wir Alle noch heute in
                    dieser oder jener Weise genießen. Vor unserm geistigen Auge erheben sich die
                    Bilder der großen Männer und Ereignisse, die damals eine Epoche in der
                    Weltgeschichte gemacht haben, der an innerer <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/>
                    Bedeutsamkeit wenig andre zur Seite zu stellen sind. Wir sehen <bibl corresp="kbga-bibls-1321"><persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> seine 95 Thesen gegen
                    den Ablass</bibl> an die Türe der <term type="Sachen" key="Wittenberg, Schlosskirche">Schlosskirche</term> von <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName> schlagen, wir sehen
                        den<hi rend="italic">selben</hi> vor Kaiser und Reich zu <placeName ref="kbga-places-676">Worms</placeName> seine Überzeugung bekennen, sehen ihn auf der
                    stillen <term type="Sachen" key="Wartburg">Wartburg</term> an der Arbeit,
                    das Neue <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> in sein
                    geliebtes Deutsch zu übertragen. Da ist <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName>, nach Charakter und Geistesart der
                    unsrige wie kaum ein andrer. Jetzt zieht er als wohlgewappneter Theologe an
                    die Berner <term type="Sachen" key="Berner Disputation">Disputation</term>,
                    ein nüchterner, praktischer und doch siegesgewisser Geisteskämpfer, und
                    jetzt führt er die Mannschaft Zürichs auf das Feld von <placeName ref="kbga-places-894">Kappel</placeName>, großzügig und <pb xml:id="p642" ed="pga"/> weitausschauend in seinen politischen und religiösen Ideen,
                    großzügig und ewigkeitsmäßig auch in seinem tragischen Untergang. Und uns
                    ist’s, als <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>müsste uns<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Mskr.: «müssten wir»; von den Hrsg. in Anpassung an das Verb
                            «begegnen» am Ende des Nebensatzes geändert. Dass die
                            Satzkonstruktion im Mskr. nicht stimmig ist, veranlasste wohl auch
                            die nachträglich mit Bleistift vorgenommene Unterschlängelung des
                            «die».</note>
                     in den alten Gassen <placeName ref="kbga-places-67">unsrer Stadt</placeName> die unscheinbare, von innerem Feuer verzehrte Gestalt
                    dessen begegnen, dessen Stimme einst von diesen Wänden wiedergehallt,<note xml:id="n01">Die Gottesdienste der deutschsprachigen Genfer
                            <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Gemeinde</term> fanden in der Regel im Temple de l’Auditoire
                        statt, den einst <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> als Hörsaal für den Vortrag seiner Bibelauslegungen
                        nutzte.</note> dessen frommer Geist die Tiefen der Gottheit furchtlos
                    erforscht hat und dessen heller Verstand und bestimmter Wille die Schicksale
                    Europas tiefergehend beeinflusst hat als alle Kriegsheere und Handelsflotten
                    und Fürstenbeschlüsse. Ja, wenn wir der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> und der <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> gedenken, dann fühlen wir uns
                    umgeben von einer Wolke glänzender Zeugen des Glaubens, der in uns sein
                    sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.1">Hebr. 12,1</ref>].
                    Wir fühlen uns geborgen im Schatten dieser Geister der alten Zeit, wir
                    freuen uns dessen, dass wir im Wirkungskreis ihrer befreienden und
                    schenkenden Taten stehen dürfen, wir nennen uns mit Stolz und Dankbarkeit
                    ihre Erben und Schüler.</p>
                <p>Aber wenn wir das sein wollen, dann dürfen wir nicht bei den Erinnerungen und
                    bei den erhebenden Allgemeingefühlen stehen bleiben, weder heute, wo wir die
                    Tatsache der Reformation <term type="Sachen" key="Reformationstag">feiern</term>, noch das Jahr über, wo es darauf ankäme, diese Tatsache
                    in unser tägliches Leben zu übersetzen. Nicht bei den Erinnerungen. Denn
                    wenn wir mit gekreuzten Armen andächtig oder wehmütig in die große
                    Vergangenheit sehen, dann möchte es uns mit unsrer Frömmigkeit <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> gehen, wie es uns auf andern Gebieten ergeht,
                    dass wir keine Antwort wissen auf die Frage <persName ref="kbga-actors-2867">Albrecht von Hallers</persName><note xml:id="n02">
                            <persName ref="kbga-actors-2867">Albrecht von Haller</persName> (1708–1777),
                        Schweizer Mediziner, Naturforscher und Dichter der Aufklärung.</note>:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Sag an, Helvetien, du Heldenvaterland,</l>
                                <l>Wie ist dein jetzig Volk dem unsrigen verwandt?<note xml:id="n03">Es handelt sich um die wohl bekanntesten Verse aus dem <bibl corresp="kbga-bibls-91">Gedicht «Die
                        verdorbenen Sitten» von <persName ref="kbga-actors-2867">A. von Haller</persName> (1731; <hi rend="italic">Gedichte des Herrn
                            von Haller</hi>, neueste Aufl., Wien 1765, S. 183–204, dort
                        S. 186</bibl>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2803">
                                        <persName ref="kbga-actors-658">J. C. Lavater</persName>, <hi rend="italic">Schweizerlieder</hi>, Bern 1768, S. 56</bibl>;
                        verwendet z. B. auch als Motto auf der Titelei von: <bibl corresp="kbga-bibls-2804">
                                        <persName ref="kbga-actors-9309">J. von Müller</persName>, <hi rend="italic">Die
                            Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft</hi>, Bd. 1:
                            <hi rend="italic">Von des Volks Ursprung</hi>, neue verbesserte Aufl.,
                        Reutlingen 1824</bibl>); bei <persName ref="kbga-actors-2867">Haller</persName>: «Wie ist dein altes Volk dem jetzigen
                        verwandt?»</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p643" ed="pga"/> Wenn wir <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gegenüberstehen wie ein intelligenter Mann dem Hause
                    seiner Väter, der es aus Gründen des Kunstinteresses und des
                        Heimatschutzes<note xml:id="n04">Zur Institution des
                        «Heimatschutzes» vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p557#fn_n09">S. 557, Anm. 9</ref>.<term type="Sachen" key="Schweiz, Heimatschutz"/>
                        </note> nicht niederreißt, sondern samt seinen Giebeln und Erkern als
                    kostbares Andenken vor dem Verfall zu schützen sucht, dann möchte es uns,
                    wenn wir wirklich intelligent sind, so ergehen, dass das alte Haus uns ein
                    beständiger stiller Vorwurf wird gegen die charakterlosen modernen
                    Mietskasernen, die wir daneben gestellt haben, das alte Haus möchte ein Wort
                    zu uns reden, das wir nicht so leicht überhören können – das Wort
                    lautet:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Weh dir, dass du ein Enkel bist!<note xml:id="n05">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>, V. 1977
                                    (Studierzimmer II).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Weh dir, dass du das eigentlich Große und Wertvolle, was du
                    besitzest, als Prunkstück aus einer bessern Zeit in die gute Stube stellen
                    musst, statt als Gebrauchsgegenstand ins Wohnzimmer, weil du verlernt hast,
                    damit umzugehen. – |</p>
                <p> Und diesem Vorwurf, der uns trifft, wenn wir bloße <term type="Sachen" key="Protestanten, Erinnerungsprotestanten">Erinnerungsprotestanten</term> sind, können wir nicht dadurch entgehen,
                    dass wir uns von Zeit zu Zeit zu erhebenden protestantischen
                    Allgemeingefühlen aufschwingen. Das Jahr, in dem wir stehen, hat uns die
                    Protestbewegung gegen die <term type="Sachen" key="Borromäusenzyklika">Borromäusenzyklika</term> gebracht, und es ist zu vermuten, dass auch
                    die heutige <term type="Sachen" key="Reformationstag">Feier</term> noch
                    vielfach unter dem Zeichen dieser Bewegung stehen wird.<note xml:id="n06">Die 300. Wiederkehr der Heiligsprechung von <persName ref="kbga-actors-2163">Karl Borromäus</persName> hatte Papst
                        <persName ref="kbga-actors-1391">Pius X.</persName> 1910 zum Anlass
                        genommen, die antimodernistische Enzyklika «Editae saepe» zu erlassen,
                        die sogenannte «Borromäus-Enzyklika», in der die Reformation als Wurzel
                        des Modernismus gebrandmarkt und die Reformatoren als «Feinde des
                        Kreuzes Christi» und Menschen «mit irdischer Gesinnung, deren Gott der
                        Bauch war», bezeichnet wurden. Die Proteste vor allem in Deutschland
                        gegen diese Enzyklika waren nach dem Bekanntwerden solcher Auszüge so
                        groß, dass von der Veröffentlichung einer amtlichen deutschen
                        Übersetzung abgesehen wurde (<bibl corresp="kbga-bibls-2805">lat. Text: AAS 2 [1910],
                        S. 357–380)</bibl>. Insgesamt nicht im selben Ausmaß kam es auch in der
                        Schweiz, und hier vor allem in Genf, zu Protestkundgebungen und
                        polemischen Reaktionen wie der des Dogmatikers und Pastors an St.
                        Pierre, <persName ref="kbga-actors-4689">Georges Fulliquet</persName> (1863–1940), der am 24. Juni 1910 einen
                        Vortrag vor über 2000 Zuhörern hielt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2806">
                                <persName ref="kbga-actors-9310">M. Delgado</persName>, <hi rend="italic">Die Borromäus-Enzyklika
                            «Editae saepe» Pius’ X. vom 26. Mai 1910 und die
                            Folgen</hi>, in: <hi rend="italic">Karl Borromäus und die katholische Reform.
                            Akten des Freiburger Symposiums zur 400. Wiederkehr der
                            Heiligsprechung des Schutzpatrons der katholischen Schweiz</hi>,
                        hrsg. von M. Delgado / M. Ries (Studien zur christlichen Religions- und
                        Kulturgeschichte, 13), Freiburg/CH / Stuttgart 2010, S. 340–362,
                        dort bes. S. 353f</bibl>.</note> Aber es ist doch bei all den gutgemein<pb xml:id="p644" ed="pga" break="no"/>ten Erklärungen und Resolutionen, die damals von den
                    Kanzeln und Rednerpulten und in den Zeitungen in die Öffentlichkeit
                    gedrungen sind, mehr als eine Stimme laut geworden, die der Meinung war, wir
                    täten besser, in Gesinnungen und Taten <term type="Sachen" key="Protestanten, Gesinnsungsprotestanten">Protestanten</term> zu sein
                    als schon wieder in Worten. Zum Letztern braucht es bloß Tinte und Papier
                    und etwas Lungenkraft, zum Erstern wären Menschen nötig, lebendige
                    Geistesmenschen, Seelenverwandte der reformatorischen <term type="Sachen" key="Reformatoren">Männer</term>, Leute, die innerlich und nicht bloß
                    äußerlich das Recht hätten, jene Männer gegen die Angriffe der <term type="Sachen" key="Borromäusenzyklika, Bosheit">Bosheit</term> und <term type="Sachen" key="Borromäusenzyklika, Dummheit">Dummheit</term> in
                    Schutz zu nehmen. Heute erwacht das protestantische Bewusstsein in Vielen
                    dann, wenn es <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> gilt, in dieser oder jener Weise
                    gegen Rom Front zu machen, aber auch <hi rend="italic">nur</hi> dann, und man sollte
                    sich über den Wert solcher Demonstrationen keinen Täuschungen hingeben:
                    Innere Überlegenheit gegenüber <term type="Sachen" key="Katholizismus">Rom</term> hat einen <term type="Sachen" key="Protestantismus">Protestantismus</term> zur Voraussetzung, der mehr ist als ein
                    gelegentliches Allgemeingefühl.</p>
                <p>Und darum müssen wir lernen, in unserm Verhältnis zum Erbe der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> wieder mehr in die
                    Tiefe zu gehen, statt uns auf der wohlfeilen Oberfläche einer kühlen
                    Bewunderung zu halten. Das gilt uns Allen, den Gemeinden wie den Pfarrern.
                    Mehr als einem Christen, dessen Frömmigkeit man auf ungesunde und
                    unfruchtbare Bahnen kommen sieht, möchte man zurufen: Weißt du denn nichts
                    davon, eine wie einfache und bestimmte Sache das Frommsein durch die
                    Geistestat der Reformatoren geworden ist? Und mehr als einen Prediger möchte
                    man fragen: Sind denn die tiefen und doch so freien Grundgedanken Luthers
                    und <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> für dich
                    ungedacht, dass du über die Dinge des Lebens und der Gottheit so obenhin und
                    ungründlich reden kannst? Wir Menschen und Christen von heutzutage sind ein
                    geschichtsloses Geschlecht geworden. Wir sind viel zu rasch be<pb xml:id="p645" ed="pga" break="no"/>reit, zu denken und zu sagen: das war einmal. Täuschen wir
                    uns nicht: solche <term type="Sachen" key="Geschichtslosigkeit">Geschichtslosigkeit</term> ist nahe verwandt mit Sinnlosigkeit und
                    Gedankenlosigkeit. Wir müssen es wieder verstehen lernen, dass die großen
                    Männer und Gedanken der Vorzeit nicht <hi rend="italic">waren</hi>, sondern
                        <hi rend="italic">sind</hi>, und dass wir, wenn wir selbst etwas sein wollen,
                    nicht vorübergehen dürfen an den Geistestatsachen, die als die Felsen der
                    Ewigkeit aus den wechselnden Flüssen der Zeit hervorragen.</p>
                <p> Am <term type="Sachen" key="Reformationstag">Reformationsfest</term> des
                    letzten Jahres haben wir uns mit <persName ref="kbga-actors-261">Martin Luther</persName> beschäftigt.<note xml:id="n07">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p172#p172">S. 172-183</ref>.</note> Wenn wir den <term type="Sachen" key="Protestantismus">Protestantismus</term> verstehen wollen, dann
                    werden wir uns bei allen Schwächen seines Denkens und seines Charakters
                    immer in erster Linie an diesen Mann zu wenden haben, der das Neue, das die
                        <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> gebracht, in
                    sich verkörpert hat wie kein Zweiter. Heute möchte ich euch jene Grundge<pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>danken des evangelischen Christentums vorführen
                    im Spiegelbild einer andern geistigen Persönlichkeit jener Tage,
                        <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-272">Philipp Melanchthons</persName></hi>, des Mannes, der damals in
                        <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName>, der
                    Hochburg der neuen Gedankenwelt, als gelehrter Kenner der Theologie, der
                    Philosophie und der Geschichte Luther, dem unmittelbaren Feuergeist, als
                    Freund und Gefährte an die Hand gegangen ist. Er war keiner von den ganz
                    Großen, kein Schöpfer, kein religiöses Genie, er hat zeitlebens im zweiten
                    Gliede gefochten, auch er war nicht frei von unbegreiflichen Schwachheiten.
                    Noch mehr als bei Luther gilt es bei ihm darauf zu achten, dass er seine
                    Heldenzeit gehabt hat, der Jahrzehnte gefolgt sind, in denen<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «der».</note>
                     er sein eigener Epigone geworden ist, einen frühen Höhepunkt, von dem
                    er in der Folgezeit herabgestiegen ist, und dass wir ihn, um ihn recht und
                    gerecht zu verstehen, von jenem seinem Höhepunkt am Anfang der 20er Jahre
                    des 16. Jahrhunderts aus verstehen müssen. Er hat damals in lateinischer
                    Sprache ein Buch geschrieben, betitelt: «Die Grundsätze der Theologie»,<note xml:id="n08">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2807">
                                <persName ref="kbga-actors-272">Ph. Melanchthon</persName>, <hi rend="italic">Loci communes rerum
                            Theologiae seu Hypotyposes Theologicae</hi> (1521), CR 21,
                        col. 81–228.</bibl> – Barth besaß 1910 und arbeitete mit:
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2808">
                                <hi rend="italic">Die Loci Communes Philipp Melanchthons. In ihrer Urgestalt
                            nach G. L. Plitt</hi>, in dritter Auflage von neuem hrsg. und
                        erläutert von Th. Kolde, Leipzig 1900</bibl>.<term type="Sachen" key="Loci communes"/>
                        </note> die erste wissenschaftliche
                    Zusammenfassung der neuen protestantischen Gedanken, und was ich heute über
                        <pb xml:id="p646" ed="pga"/> diese Gedanken ausführen möchte, soll geschehen
                    in Form einer Erklärung und Anwendung des wesentlichen Inhalts jenes Werkes.
                    Ein Lehrbuch ist es, und von religiöser Lehre werden wir zu reden haben;
                    aber es leidet keinen Zweifel, dass unsre zur Linken und zur Rechten so
                    verworrene Zeit dringendes Bedürfnis hat nach gesunder und reiner <term type="Sachen" key="Lehre, gesunde">Lehre</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Tit.2.1">Tit. 2,1</ref>], nach positiver
                    Gedankenarbeit an den höchsten Dingen des Lebens, und dazu kann uns der
                    Mann, dem seine Zeit den Ehrennamen «Lehrer Deutschlands» beilegte,<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2809">
                                <persName ref="kbga-actors-9311">K. Hartfelder</persName>, <hi rend="italic">Philipp Melanchthon
                            als Praeceptor Germaniae</hi>, Berlin 1889 (Reprint: Nieuwkoop
                        1972), S. VIII</bibl>: «In den Statuten der Universität Greifswald [= 1545]
                        wird Melanchthon ‚unser aller gemeinsamer und mit höchster Treue und
                        Hochachtung zu verehrender Lehrer’ genannt […].Bereits am Anfang
                        der fünfziger Jahre des 16.Jahrhunderts muß aber die Bezeichnung
                        Praeceptor Germaniae allgemein bekannt gewesen sein.» Als Beleg führt
                        Hartfelder, ebd., auch das Diktum <persName ref="kbga-actors-718">Osianders</persName> von 1551 an: «Da soll der
                        Mann Praeceptor Germaniae und magister veritatis heißen, […].»;
                        vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2809">a.a.O., S. 99–101</bibl>.</note> Führer und Vorbild sein.</p>
                <p rend="margin-top">Das Erste, was uns bei <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> entgegentritt, ist eine
                    neue Auffassung vom <hi rend="italic">Menschen</hi>. Bevor ich Gott erkennen kann,
                    muss ich mich selbst erkennen, muss erkennen vor Allem, was von mir
                        <hi rend="italic">gefordert ist</hi>, was ich sein sollte. Melanchthon ist
                    Humanist gewesen, <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> d. h. er stand schon, bevor er
                        <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Freund und
                    Arbeitsgenosse wurde, in den Reihen jener Bewegung, die darauf ausging, an
                    Stelle der barbarischen und spitzfindigen Gelehrsamkeit, wie sie damals in
                    den Klöstern getrieben wurde, in Anlehnung an die Ideale des klassischen
                    Altertums eine neue, freie, aus den Quellen schöpfende Wissenschaft zu
                    setzen. Die Gedankenwelt der griechischen <term type="Sachen" key="Philosophie, griechische">Philosophen</term>, besonders <persName ref="kbga-actors-322">Platos</persName>, ist damals wieder eine Macht
                    geworden, das spürt man deutlich bei Melanchthon. Er ist nicht aus dem
                    Kloster gekommen, als er Reformator wurde, wie Luther, sondern von den hohen
                    Schulen zu Heidelberg und Tübingen, und darum ist seine erste Frage nicht
                    die praktische: wie werde ich gerecht?, sondern die theoretische, doch nicht
                    minder wichtige: was ist Gerechtigkeit? was ist das rechte, normale
                    Verhältnis zu Gott? Melanchthon hat als Humanist und Bibelkenner auf diese
                    Frage geantwortet: <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, Erfüllung des Gesetzes">Gerechtigkeit</term> ist
                    Erfüllung des Gesetzes. <pb xml:id="p647" ed="pga"/> Darum wendet sich sein
                    Interesse mit einer Gründlichkeit, wie sie Luther nicht kannte, der weitern
                    Vorfrage zu, was denn der Inhalt des <term type="Sachen" key="Gesetz, Inhalt">Gesetzes</term> sei.<note xml:id="n10">Melanchthon entfaltet seine Gesetzeslehre, indem er einerseits die
                        natürlichen, die göttlichen und die menschlichen Gesetze unterscheidet
                        und andererseits die göttlichen Gesetze in Moral-, Judizial- und
                        Zeremonialgesetze untergliedert (<bibl corresp="kbga-bibls-2807"><hi rend="italic">Loci</hi> [Anm. 8], 21,
                        col. 116–139</bibl>).</note> Und darüber hat er nun Gedanken geäußert,
                    in denen ebenso sehr altes köstliches Gut menschlichen Geisteslebens wieder
                    ans Licht gebracht wurde, wie sie andrerseits seiner Zeit vorauseilten und
                    ahnungsvoll hinwiesen auf die glorreichen Entdeckungen der Denker einer um
                    Jahrhunderte spätern Periode.</p>
                <p>Der Mensch steht unter einem ewig und für Alle giltigen moralischen <term type="Sachen" key="Gesetz, moralisches">Gesetz</term>, sagt Melanchthon.
                    Es ist wohl zu unterscheiden von den Trieben unsrer Natur: der Gehorsam
                    gegen unsre Triebe ist Gehorsam um der Nützlichkeit und Erfreulichkeit
                    willen, der Gehorsam gegen das Gesetz ist Gehorsam um des Gehorsams willen.
                    Der Trieb sagt: Du möchtest! Du wünschest! Das Gesetz sagt: Du sollst! Und
                    in dieser strengen Überlegenheit gegen<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     unsre Natur offenbart sich das Gesetz bereits als Stimme der weltüberlegenen<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     Gottheit.</p>
                <p> Was aber befiehlt uns dies Gesetz? <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> hat dafür eine sehr
                    glückliche, <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> ebenso einfache als tiefe Formel
                    gefunden. Er sagt: Das Gesetz befiehlt uns, Gemeinschaft zu halten, nicht
                    für uns selbst zu leben, sondern als Glieder der menschlichen Gesellschaft.
                    Vorher sind wir keine Menschen. Also dürfen wir niemanden in seinen
                        <hi rend="italic">Rechten</hi> verletzen, und es muss unsre <hi rend="italic">Pflicht</hi>
                    sein, Alles fürs Gemeinsame zu tun. Diesen letzten Gedanken hat Melanchthon
                    ausdrücklich so verstanden, dass es kein <term type="Sachen" key="Eigentum">Privateigentum</term>, sondern – dies ganz im Sinne des modernen
                        <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialismus</term> – nur
                    Gesellschaftseigentum geben dürfte. Vorläufig sei das Privateigentum noch
                    aufrechtzuerhalten, weil die menschliche <term type="Sachen" key="Mensch, Schwachheit">Schwachheit</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Bosheit">Bosheit</term> die sozialistische Ordnung der
                    Dinge noch zu Ungunsten des Nächsten missbrauchen würde; der <term type="Sachen" key="Saat">Staat</term> sei dazu da, mit seinen Ordnungen
                    und Verträgen den Verkehr und Austausch der Güter zwischen den Einzelnen zu
                    regeln, aber <hi rend="italic">der</hi> Staat sei der beste, heißt es mit
                    ausdrücklicher Berufung auf <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName>,
                    in <pb xml:id="p648" ed="pga"/> dem das Privatwesen und <term type="Sachen" key="Eigentum">Privateigentum</term> immer mehr verschwinde zugunsten
                    der Gemeinsamkeit aller <term type="Sachen" key="Gütergemeinschaft">Güter</term> und aller Interessen.<note xml:id="n11">Vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 117</bibl>: «Legum autem, quae proprie ad hominem pertinent, haec
                        videntur esse capita quae subiecimus: I. Deus colendus est. II. Quia
                        nascimur in quandam vitae societatem, nemo laedendus est. III. Poscit
                        humana societas, ut Omnibus rebus communiter utamur.» Die Berufung auf
                        Plato erfolgt <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 119</bibl>.</note> |</p>
                <p>Melanchthon hat geschwankt in seiner Ansicht, ob neben dies Gebot der
                    Gemeinschaft das zweite des <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsams</term> gegen Gott zu stellen sei. Er hat sich schließlich
                    dahin entschieden, es <hi rend="italic">nicht</hi> zu tun, weil dies aus der <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term> nicht abzuleiten sei wie
                    jenes andre. Die Wahrheit dürfte sein, dass beide Gebote letzten Grundes
                    eins und dasselbe sind, denn Gott ist die <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, Gerechtigkeit aber kann
                    für uns nichts Anderes sein als Pflichterfüllung gegen den Andern. Dies
                    Naturgesetz, wie Melanchthon es nennt, das den Menschen zum Menschen zu
                    machen bestimmt ist, es wird uns nun zum Bewusstsein gebracht durch die
                    Reihe göttlicher und menschlicher Gebote, von den Zehn <term type="Sachen" key="Zehn Gebote">Geboten</term> bis auf die Verordnungen von Kaiser und
                    Papst. Eine «fortlaufende Predigt des Geistes Gottes» heißt diese
                        Reihe.<note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 140</bibl>: «In hunc
                        modum legis naturae cognitionem instaurabat praedicatione continua
                        spiritus dei».</note> Mit ihr hat es der Gehorsam der Menschen zunächst
                    zu tun. Und zwar stehen die göttlichen Gebote der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> über den menschlichen der
                        <term type="Sachen" key="Tradition">Tradition</term>, nach jenen sind
                    diese zu korrigieren. Bei dieser Unterscheidung spielt bei <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> zunächst die alte Vorstellung einer besondern
                    Inspiration der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Verbalinspiration">Bibel</term> zweifellos
                    eine wichtige Rolle.<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 84</bibl>:
                        «Quod si omnino prophetia et afflatus quidam est, cognitio sacrarum
                        rerum, cur non hoc literarum genus amplectimur, per quod illabitur
                        spiritus? Annon omnia sui sermonis opera deus efficit?»; a.a.O.,
                        col. 131: «[…] quomodo probabimus spiritus, nisi ad certam
                        aliquam regulam adeoque ad scripturam exigantur, quam solam certo
                        constat spiritu dei conditam esse?»</note> Aber er stellt eine tiefere
                    und umsichtigere Begründung daneben, und damit kommen wir nun auf die
                    Hauptsache. Die Erhabenheit der göttlichen <term type="Sachen" key="Gebote, göttliche">Gebote</term> zeigt sich darin, dass sie nicht
                    den Gehorsam unsrer Hände und Füße, sondern unsres Herzens von uns
                        verlangen<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 113</bibl>: «De corde
                        iudicat deus, non de externo opere»; <bibl corresp="kbga-bibls-2807">col. 122</bibl>: «Vides itaque tria
                        praecepta, Deo fidendum esse, Laudandum esse deum et tollerandum eius
                        opus in nobis, comprehendi hac sententia, dilige deum ex toto
                        corde».</note>. Nichts su<pb xml:id="p649" ed="pga" break="no"/>chen außer Gott [vgl.
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.4.29">Dtn. 4,29</ref>], ihm aus allen
                    seinen Kräften dienen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dtn.6.13">Dtn. 6,13</ref>] und ihn in seinem Innersten wirken lassen, das ist nach
                    Melanchthons Meinung der Inhalt der zehn <term type="Sachen" key="Zehn Gebote">Gebote</term> des alten <term type="Sachen" key="Bund">Bundes</term> und der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> Jesu. Was Gott von uns fordere, das seien zunächst
                    viel weniger unsre Handlungen als unser Wille, denn auf den Willen komme es
                    an, ob unsre Handlungen gut oder böse seien. Alle Gebote Gottes gelten allen
                    Menschen, weil sie alle dieselbe Forderung enthalten, auf die es ankommt. Es
                    gibt kein Extragesetz für Mönche und Nonnen zur Leistung besonderer
                    Frömmigkeitsübungen, denn es gibt vor Gott nicht Menschen erster und zweiter
                    Klasse, sondern nur den <hi rend="italic">einen</hi> Menschen, dem gesagt ist, was gut
                    ist und was er tun soll [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mi.6.8">Mi. 6,8</ref>]. Wir spüren bereits hier die ganze Energie, den ganzen
                    Ernst des neuen Geistes, der damals zu wehen begann, wenn wir diese Gedanken
                    neben das stellen, was die römische <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term> unter Erfüllung des
                    Gesetzes verstand und versteht: Gehorsam des äußern <term type="Sachen" key="Werkgerechtigkeit">Werkes</term> für die große Masse und Gehorsam
                    der äußern Extrawerke für die besonders Begnadigten in den Klöstern.<note xml:id="n15">Bei <bibl corresp="kbga-bibls-2807">
                                <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> ausführlicher a.a.O.,
                        col. 124–126</bibl>, die scholastische ­Unterscheidung der praecepta und
                        consilia («De consiliis») und <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 126–128</bibl> die
                        Mönchsgelübde («De monachorum votis»).</note> Die <term type="Sachen" key="Reformation, Begründung der Menschenwürde">Reformation</term> ist
                    die große Begründerin der Menschenwürde, indem sie den Satz aufgestellt hat:
                    Nicht die guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term>, sondern
                    der gute <term type="Sachen" key="Wille, guter">Wille</term> mache den guten
                        <term type="Sachen" key="Mensch, guter">Menschen</term>.</p>
                <p> Aber nun kommt auch <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> zu jener Frage <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>: Bin ich gerecht? Habe ich diesen
                    guten Willen, der mich zum guten Menschen macht? Bin ich das, was ich sein
                    sollte? In den Werken des klassischen Altertums, die der junge Gelehrte
                    studierte, kam diese Frage nicht vor, aber der Umgang, den er in
                        <placeName ref="kbga-places-65">Wittenberg</placeName> fand mit
                    dem Mann, <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> der lange Jahre in heißem Ringen sich
                    innerlich um diese Frage gemüht, die Bekanntschaft mit der Niederlage, die
                    Luther erlitten, und mit dem Sieg, den er gewonnen, sie führt nun auch ihn
                    weiter von der hohen Selbsterkenntnis der <term type="Sachen" key="Philosophie">Philosophen</term> zu der höhern des Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testaments</term>. Und darum ist nun
                    seine Antwort auf die Frage: kann der Mensch guten <term type="Sachen" key="Wille, guter">Willen</term> haben? ein rundes <hi rend="italic">Nein</hi>. Es
                    ist die berühmte reformatorische Lehre von der Unfreiheit des <term type="Sachen" key="Wille, unfreier">Willens</term>, von der wir da <pb xml:id="p650" ed="pga"/> zu reden haben. Ich hörte unlängst mit großer
                    Sicherheit behaupten: O doch, der Wille <hi rend="italic">ist</hi> frei, der Mensch
                        <hi rend="italic">ist</hi> eine freie, sittliche Persönlichkeit, er
                        <hi rend="italic">kann</hi> wählen. Die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> waren andrer Meinung. Die damals eine solche
                    Freiheit des Willens behaupteten, das waren ihre katholischen Gegner. Ihnen
                    entgegnet Melanchthon: Das Gesetz fordert etwas von uns, was unsre Kräfte
                        übersteigt.<note xml:id="n16">Die Lehre von der Unfreiheit
                        des Willens begründet Melanchthon im ersten Kapitel der Loci: «De
                        hominis viribus adeoque de libero arbitrio» (<bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O.,
                        col. 86–97</bibl>).</note> Erschüttert ruft er aus: «Es ist ein großes
                    und unbegreifliches Ding, Gott zu lieben, mit heiterem und dankbarem Gemüt
                    den göttlichen Willen zu umfassen, auch dann, wenn er uns richtet und
                        verurteilt.»<note xml:id="n17">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2807">A.a.O., col. 123</bibl>: «Magna et
                        incomprehensibilis res est amare deum, nempe hilari pectore et grato
                        complecti per omnia voluntatem divinam, etiam tum cum damnat et
                        mortificat.»</note> Und doch ist gerade das von uns verlangt, das und
                    nichts weniger, das allein ist guter Wille. Können wir uns für
                        <hi rend="italic">diesen</hi> guten Willen entscheiden? Ja, in unsern äußern
                    Handlungen haben wir <term type="Sachen" key="Wille, freier in äußeren Handlungen">Freiheit</term>, dies zu tun
                    und jenes zu lassen. Aber was sollen die äußern Handlungen? Gott sieht das
                        <hi rend="italic">Herz</hi> an [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.16.7">1.Sam. 16,7</ref>]. Ein Mensch kann alle Gebote der <term type="Sachen" key="Moral, bürgerliche">bürgerlichen</term> und kirchlichen <term type="Sachen" key="Moral, kirchliche">Moral</term> erfüllen, das
                    übersteigt seine Kräfte nicht, er kann sich entschließen, den Weg der <term type="Sachen" key="Buße">Buße</term> zu gehen, auch innerlich, indem er
                    seine Gedanken zwingt, sich mit Reue und Besserung zu beschäftigen; in den
                    Klöstern gab es genug solcher Leute, auch das übersteigt schließlich seine
                    Kräfte nicht. Er kann sich endlich bemühen, Alles zu glauben, für wahr
                    anzunehmen, was ihm von der Kirche als Lehre des Heils angeboten wird; auch
                    das geht nicht über unsre Kräfte. Aber das alles ist noch nicht der
                    Gehorsam, den das Gesetz <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottes</term> von uns verlangt. Unser Herz soll diesem Gesetz gehorchen
                    und Buße tun, wir selbst sollen in freier Liebe, in spontanem Gehorsam uns
                    auf die Seite des Gesetzes stellen. |</p>
                <p>Und <hi rend="italic">das</hi> können wir nicht von uns aus, sagt <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName>, dazu, d. h. aber <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> gerade in der Hauptsache fehlt uns der freie
                        <term type="Sachen" key="Wille, freier">Wille</term>. Gerade unser Herz,
                    unser eigentlichster innerster Sinn ist von Natur einem andern Gesetze
                    gehorsam, dem Gesetze nicht der Gottesliebe, sondern der
                        <hi rend="italic">Selbstliebe</hi>. Wie es für den Reformator nur <hi rend="italic">ein <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, Einssein mit Gott">Gutes</term></hi> gibt, den Willen, der im tiefsten Grund mit Gott
                    eins ist, so gibt es für ihn <pb xml:id="p651" ed="pga"/> auch nur ein <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, Selbstliebe">
                            <hi rend="italic">Böses</hi></term>, und das ist der Wille, der nicht Gott,
                    sondern sich selbst sucht, eben die <term type="Sachen" key="Selbstliebe">Selbstliebe</term>.<note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O.,
                        col. 97f</bibl>.: «Ita fit, ut anima luce, vitaque coelesti carens excecetur,
                        et sese ardentissime amet, sua quaerat, non cupiat, non velit, nisi
                        carnalia, contemnens dei, et qui possum ego verbis consequi, humani
                        cordis pravitatem. Fieri enim nequit, quin sese maxime amet creatura,
                        quam non absorpsit amor dei».</note> Mit rückhaltlosem Ernst zeigt er,
                    wie sie die Wesensbeschaffenheit des natürlichen Menschen ist. Seine
                    scheinbare <term type="Sachen" key="Gottesliebe, scheinbare">Gottes-</term>
                    und <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, scheinbare">Nächstenliebe</term>
                    ist Liebe um der Nützlichkeit, um des Lohnes willen, sein Herz ist ferne
                    davon. Melanchthon hat jenen schwerverständlichen und doch tiefsinnigen
                    Gedanken des Augustin wiederholt und ausgesprochen: Die <term type="Sachen" key="Tugend">Tugenden</term> der Heiden sind glänzende Laster.<note xml:id="n19">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 100</bibl>: «[…] istae
                        virtutum umbrae, non debent pro veris virtutibus, sed pro vitiis
                        haberi.»</note> Der Mensch, so wie er zunächst ist, vermag nichts Gutes
                    zu tun, seine scheinbar guten Seiten sind Zeugnisse der Herrlichkeit Gottes,
                    aber sie beweisen keineswegs, dass der Mensch Gott liebe, wie er sollte,
                    denn die Selbstliebe ist doch das letzte Wirkliche in seinem Innern; was er
                    scheinbar Gott zuliebe tut, ist heimlich doch ein Tribut an die Interessen
                    seiner eigenen Person, wenn nicht für dieses, so doch für jenes Leben. Gott
                    aber müsse «liberal» geliebt werden, hören wir, liberal, d. h. ohne die
                    Nebengedanken an uns selbst, rein um seiner selbst willen.<note xml:id="n20">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 109</bibl>: «Habes lector hic primum
                        non amari, nisi quae nobis commoda sunt. At deus nullius commodi
                        respectu amari vult, sed liberaliter […].»</note> Gerade das geht
                    uns aber von Natur gegen den Strich, und darum sind wir von Natur unfrei zum
                        <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>, gefangen unter
                    die <term type="Sachen" key="Sünde">
                            <hi rend="italic">Sünde</hi></term>. Es kann keine
                    Rede davon sein, dass wir von uns aus, durch unsre Anstrengung, durch unser
                    Verdienst, ins rechte Verhältnis zu Gott kommen. |</p>
                <p> Ihr seht, meine Freunde, wie dieser zweite Grundgedanke der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term> im engsten
                    Zusammenhang steht mit jenem ersten: das Herz, den innern Sinn, den Willen
                    sollen wir Gott geben, das ist das <hi rend="italic">Gesetz <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottes</term></hi>, aber das Herz, den
                    innern Sinn, den Willen geben wir Gott nicht, sondern lieben offen oder
                    heimlich nur uns selbst, das ist die <hi rend="italic">Sünde</hi>. Man hat oft gesagt,
                    das reformatorische Dogma von der <term type="Sachen" key="Sünde, reformatorisches Dogma von der S.">Sünde</term> sei finster
                    und rückschrittlich; das gerade Gegenteil ist richtig; es <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> ist das eigentliche Prinzip wirklichen <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritts</term> im Gegensatz zu <pb xml:id="p652" ed="pga"/> der Oberflächlichkeit des gewöhnlichen Denkens, das
                    im <term type="Sachen" key="Katholizismus">Katholizismus</term> seine
                    glänzendste Vertretung gefunden hat. Weil <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> groß denkt von der
                        <hi rend="italic">Würde</hi> des <term type="Sachen" key="Menschenwürde">Menschen</term>, d. h. von seiner Aufgabe, eben darum denkt er tief und
                    gründlich über des Menschen <term type="Sachen" key="Mensch, Elend">
                            <hi rend="italic">Elend</hi></term>; weil er eine hohe Vorstellung hat von
                    dem, was der Mensch <hi rend="italic">sein sollte</hi>, hat er eine niedrige von dem,
                    was er <hi rend="italic">ist</hi>. Gerade dieser Spannung aber bedürfen wir, wenn wir
                    vorwärts kommen sollen. Gott sei Dank, dass die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> uns gelehrt haben, scharf und
                    radikal darüber zu denken, und wir wollen uns zweimal besinnen, bevor wir
                    uns, auch von wohlmeinenden Leuten, durch Abschwächungen dieses Gedankens
                    einschläfern lassen.</p>
                
                <p rend="margin-top">Nach Melanchthons Anschauung zerfällt die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> in zwei Teile. Das Gesetz ist
                    der eine, das <term type="Sachen" key="Gesetz, und Evangelium">Evangelium</term> ist der andre. Und doch sind es eigentlich nicht zwei
                        <hi rend="italic">Teile</hi>, sondern zwei <hi rend="italic">Seiten</hi> derselben Sache
                    sind es, nämlich der <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> Gottes. <term type="Sachen" key="Gott, fordert und schenkt">Gott</term> fordert und Gott
                        schenkt.<note xml:id="n21">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O.,
                    col. 139f</bibl>.</note>
                    </p>
                <p>Vom <term type="Sachen" key="Gesetz">
                            <hi rend="italic">Gesetz</hi></term> haben wir
                    eben geredet. Es ist dazu bestimmt, den Menschen zur <term type="Sachen" key="Menschwürde">Menschen<hi rend="italic">würde</hi></term> zu erheben, ihn ins
                    rechte Verhältnis zu Gott zu setzen. So wie der Mensch <hi rend="italic">ist</hi>, hat
                    es diesen Erfolg nicht, denn seine Forderung übersteigt das, was der Mensch
                    ist und kann; er ist unfähig, sich zum <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> zu entscheiden. Und so würde die
                    Stimme des Gesetzes für sich allein den Menschen verzweifeln lassen. Aber
                    nun ist seit ewigen Zeiten noch eine andre Stimme da, das <term type="Sachen" key="Evangelium">
                            <hi rend="italic">Evangelium</hi></term>, die
                    Botschaft von Gottes <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term>
                    und <term type="Sachen" key="Gott, Erbarmen">Erbarmen</term>, die Gewissheit
                    vor der Verzweiflung unsres Unvermögens, vom Vorhandensein des guten Willens
                        <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> gegen uns, obwohl
                    uns solcher guter Wille noch fehlt, die <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> und Aufmunterung, dass die <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> uns abgenommen sei, dass wir uns wieder
                    aufrichten dürfen, um zum Lobe Gottes ein neues, wirkliches Leben zu leben.
                    In diesen warmen, herzlichen <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Tönen erkennen wir
                    unschwer den Widerhall des großen Erlebnisses Gottes, das <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gemacht und das für
                    Melanchthon wie für so Viele in jenen<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. ursprünglich: «jenen großen»; «großen» mit blauem Stift
                            nachträglich gestrichen.</note>
                     Zeiten befreiend und bahnbrechend geworden <pb xml:id="p653" ed="pga"/>
                    war. Man meint Luther selbst reden zu hören, wenn man den jungen Melanchthon
                    über diese Wandlung reden hört. Gehen wir mit ihm den Weg seiner großen
                    Gedanken zu Ende.</p>
                <p> Die Stimme des <term type="Sachen" key="Evangelium, ewiges">Evangeliums</term>, das «Du darfst» neben dem «Du sollst», ist zu allen
                    Zeiten dagewesen, sagt <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> ausdrücklich. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName> und <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>, die
                        <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> und die <term type="Sachen" key="Psalmisten">Psalmsänger</term> haben diese Stimme
                    gehört und sind dadurch selig geworden. Denn von Ewigkeit her ist neben dem
                        <term type="Sachen" key="Gebote, göttliche">Gebot</term> die Gnade <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gottes</term> den Menschen gewiss
                    geworden, neben der beunruhigenden, rücksichtslos fordernden Pflicht die
                    ruhige Sicherheit, dass begangene Schuld uns vom Leben nicht trennen kann,
                    dass das Erbarmen größer ist als die Sünde, wo die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> bereut wird. Aber was zu allen Zeiten
                    aufrichtigen und erleuchteten Menschen Gewissheit und Kraft war, das ist um
                    die Wende der Zeiten in Einem als Erfüllung, als unübertreffliches Vorbild,
                    als unerschütterliche Garantie unter die Menschen getreten, so dass nun die
                    zerschlagenen und geängstigten Gewissen nach ihm schauen dürfen als nach dem
                    Siegel der Urkunde, als nach dem Leuchtturm im Meer. Der eine, in dem Gottes
                    Gnade, von der das ewige <term type="Sachen" key="Evangelium, ewiges">Evangelium</term> redet, als unwiderlegliche Tatsache offenbar geworden
                    ist, ist Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung der Gnade Gottes">Christus</term>.<note xml:id="n22">In den voranstehenden Zeilen ist der
                        Gedankengang des Kapitels «De evangelio» nachgezeichnet; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O.,
                        col. 140–159</bibl>.</note> Und hier hebt nun die wichtigste und
                    tiefsinnigste Gedankenreihe in Melanchthons Werk an. Nirgends so sehr wie
                    da, wo er von Christus, vom Glauben an ihn, der uns gerecht macht, redet,
                    freut man sich so sehr, von modernen Religionsbüchern und Religionsrednern
                    sich zu dem Mann des 16. Jahrhunderts zu wenden. Mit allen Spekulationen und
                    Bezeichnungen über die göttliche Natur <term type="Sachen" key="Jesus Christus, wahrer Gott">Christi</term>, die man heutzutage
                    mancherorts immer noch zum Kennzeichen rechten Glaubens macht, mit alledem
                    werden wir dort vollständig in Ruhe gelassen.<note xml:id="n23">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O.,
                        col. 84</bibl>: «Mysteria divinitatis rectius adoraverimus quam
                        vestigaverimus.»</note> Ja, im Gegenteil, der Reformator bekämpft die,
                    die behaupten, das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>
                    bestehe in solchen Ideen, und das sind wieder seine katholischen Gegner.
                    Christus erkennen, das heiße seine <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wohltaten">
                            <hi rend="italic">Wohltaten</hi></term>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> erkennen, sagt er.<note xml:id="n24">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 85</bibl>: «[…] hoc est Christum cognoscere,
                        beneficia eius cognoscere, non, quod isti docent, eius naturas, modos
                        incarnationis contueri.»</note> Er hat von Christus mehr zu sagen als
                    hohe, <pb xml:id="p654" ed="pga"/> unverständliche Namen, die das Herz und den
                    Kopf der Menschen leer und kalt lassen, auch wenn man sie noch so oft
                    wiederholt. Und so sagt er einfach: Christus war der Mensch, den Gottes
                    Gnade, die gerecht macht, ganz und völlig erfüllt hatte. Christus hat den
                    guten Willen, den das Gesetz von uns fordert, erwiesen. An ihm hatte Gott
                    Wohlgefallen, weil in ihm der Gegensatz von Gott und Mensch, der sich bei
                    uns Allen auftut, überwunden war, weil er Gott liberalen, innerlich willigen
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term>
                    erwies, wie sein <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term> es
                        bezeugt.<note xml:id="n25">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 176</bibl>:
                        «Porro bonam voluntatem meruit Christus, quem pro nobis intercessorem,
                        quem pro nobis victimam et satisfactionem dedit.»</note> Aber nun ist
                    Gottes <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term> oder, was
                    dasselbe ist: die Erfüllung der Bestimmung des <term type="Sachen" key="Mensch, Bestimmung">Menschen</term>, nicht etwas Einmaliges, etwas
                    Geschehenes, Gewesenes, Vergangenes. Nein, weil Christus, ein Mensch wie
                    wir, seine Bestimmung erfüllte, sollen wir wissen, dass wir es auch tun
                    dürfen. Das Wohlgefallen Gottes, das auf ihm ruhte, will auch auf uns <term type="Sachen" key="Gott, Wohlgefallen">ruhen</term>. Es soll auch bei
                    uns dazu kommen, dass wir den guten Willen, den das Gesetz fordert,
                    erweisen; Gott ist gnädig, er war es nicht nur Christo, sondern er ist uns
                    gnädig, er will uns gerecht machen; wir dürfen dessen ganz sicher und
                    fröhlich sein.<note xml:id="n26">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 163</bibl>: «Ea
                        fiducia benevolentiae, seu misericordiae dei cor primum pacificat,
                        deinde et accendit velut gratiam acturos deo pro misericordia, ut legem
                        sponte et hilariter faciamus.»</note>
                    </p>
                <p>Es kommt nur auf das Eine an, dass wir Christus erkennen, und das heißt:
                    seine Wohltaten erkennen. Solche Erkenntnis ist der christliche <term type="Sachen" key="Glaube, Erkenntnis der Wohltaten Jesu Christi">
                            <hi rend="italic">Glaube</hi></term>. Er ist das Einzige, das absolut
                    Einzige, was nötig ist. Der Mensch wird gerecht gemacht <hi rend="italic">allein</hi>
                    durch den <term type="Sachen" key="sola fide">Glauben</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">Röm. 3,28</ref>].<note xml:id="n27">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2807">a.a.O., col. 162</bibl>: «Iustificat igitur sola fides.»</note>
                    So kommt auch Melanchthon zu diesem Bollwerk der reformatorischen Religion,
                    von dem <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gesagt hat:
                    Von diesem <term type="Sachen" key="Rechtfertigung">Artikel</term> kann man
                    nicht weichen oder nachgeben; es falle Himmel und Erde oder was nicht
                    bleiben will.<note xml:id="n28">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-484">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Schmalkaldische
                            Artikel</hi>, Teil II, Art. 1 (BSLK, S. 415,21f.; <bibl corresp="kbga-bibls-15">BSLK.NE,
                        S. 728,7f.</bibl>)</bibl>.</note> Was ist das, <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>? Nicht ein Werk des Kopfes, antwortet <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> vor Allem,
                    nicht die Annahme, dass die Geschichten des Evangeliums wahr seien; das wäre
                    eine kühle, wertlose Meinung; davon könnte es allerdings nicht heißen:
                    gerecht <pb xml:id="p655" ed="pga"/> allein durch den Glauben. Sondern Glaube ist
                        <term type="Sachen" key="Glaube, Vertrauen auf Gott">Vertrauen</term>
                    und Zuversicht auf <term type="Sachen" key="Glaube, Zuversicht auf Gott">Gott</term>. Wenn wir auf uns selbst sehen, dann müssten wir ver<pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>zweifeln, dann müssten wir, gerade wenn
                    wir’s mit Gottes Gesetz ernst nehmen, enden mit der resignierten
                    Klage:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Es ist doch unser Tun umsonst</l>
                            <l>Auch in dem besten Leben.<note xml:id="n29">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-51">Aus
                                    Strophe 2 des Liedes «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von
                                    <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>
                                    (GERS 214; RG 83; EG 299).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber nun sehen wir den einen, in dem das Verhältnis zwischen
                    Gottes Gesetz und seinem innersten Willen in Ordnung war. Und dieser Anblick
                    muss das Zutrauen in uns erwecken, dass wir eine Lebenszukunft haben, auch
                    wenn unser eigener guter Wille zusammengebrochen ist, dass jenseits von
                    unserm persönlichen Streben der allwaltende gute Wille Gottes ist, der uns
                    wie eine große Welle hebt und trägt und mitnimmt. Wenn wir aber dies
                    Zutrauen haben, dann <hi rend="italic">sind</hi> wir auch gerecht. «Alles hat und
                    Alles kann, wer Christus hat», sagt Melanchthon.<note xml:id="n30">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2807">Melanchthon, <hi rend="italic">Loci</hi> (Anm. 8), col. 175</bibl>: «Omnia
                        habet, omnia potest, qui Christum habet».</note> Die Erkenntnis des
                        <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Glaubenserkenntnis">Glaubens</term>
                    ist ja nicht ein müßiger Vorgang in unserm Verstand, sondern die Verwandlung
                    unsres Herzens. Es wird nun wahr, was von uns gefordert ist, dass unser
                    Wille im tiefsten Grund auf die Seite Gottes tritt; er kann nicht mehr
                    anders, nachdem er mit Christus in Berührung gekommen ist. Das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> bleibt nicht ein
                    freundlicher Trost für das unruhige Gewissen, sondern indem es uns tröstet,
                    indem es uns sagt, dass Gott unsre Gerechtigkeit ist, gibt es uns ein gutes
                    Gewissen. Wer sich aufrichtet und die Stimme des Evangeliums hört, der
                    erfährt in seinem Innern, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> da ist, die Gerechtigkeit
                    des Herzens, des Willens, der Gesinnung und Überzeugung.</p>
                <p> Das ist nicht ein einmaliger Vorgang im Menschen. Die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> haben nüchterner und praktischer
                    über die <term type="Sachen" key="Bekehrung">Bekehrung</term> gedacht als
                    manche ihrer Nachfolger. «Begonnen ist das Gerechtwerden, nicht
                        vollendet.»<note xml:id="n31">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm
                        Tell</hi>, fünfter Aufzug, erste Szene (Sämtliche Werke, Bd. 2,
                        S. 1017)</bibl>:
                        <q rend="block">
                            <lg>
                            <l>Das Werk ist angefangen, nicht vollendet.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> Denn von
                    dem neugewordenen Mittelpunkt aus muss nun der ganze Umkreis des Lebens
                    erneuert, gereinigt, gerecht ge<pb xml:id="p656" ed="pga" break="no"/>macht werden, und da
                    steht jeder immer aufs Neue vor unendlichen Aufgaben. Aber wir dürfen jetzt
                    nicht mehr daran zweifeln, dass die Zukunft unser ist. Wo ein Mensch glaubt,
                    da kann es nicht anders sein, als dass <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> der
                        <term type="Sachen" key="Glaube, wirksam in Liebe und Hoffnung">Glaube</term> wirksam ist in der Liebe und in der Hoffnung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>]. Wo eine Seele Gottes
                        <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> und <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term> erfahren
                    hat, da kann es nicht anders sein, als dass sie Gott wieder lieben muss. Wo
                    Christus erkannt ist, da kann diese Erkenntnis nicht unfruchtbar bleiben.
                    Denn wenn unser Herz unruhig ist in uns über unser Unvermögen, dann dürfen
                    wir uns an Christus und seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> immer wieder vergewissern, dass Gott größer ist als unser
                    Herz [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.20">1.Joh. 3,20</ref>].
                    Auf unsre Gerechtigkeit, auf unser Verdienst zu vertrauen, das wäre immer
                    wieder eine falsche Rechnung, denn die Summe der Schuldposten wächst und
                    wächst auch bei dem besten Leben, aber die Summe der Schuldposten ist
                    durchgestrichen, wenn Christus uns zu sich zieht, wenn wir uns mit Vertrauen
                    und mit Gehorsam auf Christi Seite stellen. |</p>
                <p>Nach einem langen Leben mit viel Sorge, Mühe und Enttäuschung ist <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> im Jahre
                    1560 gestorben. Sein Letztes aber war es, dass er sich in seinem Bette
                    aufrichtete und ausrief: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!?<note xml:id="n32">Über Melanchthons Tod am 19. April 1560
                        berichtet <persName ref="kbga-actors-4273">Christoph Pezel</persName>: «Er starb […] kurz vor 7 Uhr auf den Abend
                        […] und bescheeret ihm Gott gar ein stilles und seliges Ende,
                        also, daß er in stetwährender Anrufung zum Sohn Gottes den Seinen daheim
                        untern Händen verschied» (<bibl corresp="kbga-bibls-2814">CR 9, col. 1104</bibl>). – Davon, dass der
                        oben genannte Vers Melanchthon in den letzten Tagen vor seinem Tod
                        mehrfach im Traum erschienen sei, berichtet <bibl corresp="kbga-bibls-2810">
                                <persName ref="kbga-actors-9312">M. Meurer</persName>, <hi rend="italic">Philipp
                            Melanchthon’s Leben. Für christliche Leser insgemein aus den
                            Quellen erzählt</hi>, Leipzig / Dresden 1860,
                        S. 177.179f</bibl>.</note> [Röm. 8,31]</p>
                
                <p rend="margin-top">Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Das ist der Ertrag
                    der <term type="Sachen" key="Reformation">Reformation</term>, deren wir
                    heute gedenken. Gottesgewissheit oder, was dasselbe ist: Lebensgewissheit,
                    das ist der Inhalt des evangelischen <term type="Sachen" key="Christentum, evangelisches">Christentums</term>. Wir haben heute
                    einen Überblick getan über die Reihe der tiefen, wuchtigen, eisengepanzerten
                    Gedanken, in denen die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> den Weg zu diesem Ziel sehen: Vom <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term> zur <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, von der Sünde zu Christus, von Christus zur
                        <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term>, von der Gnade
                    zur <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, von der Freiheit zum
                    Frieden <term type="Sachen" key="Frieden, Gottes">Gottes</term>, zum <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">ewigen</term>, wahr<pb xml:id="p657" ed="pga" break="no"/>haftigen Leben. Es sind keine leichten Gedanken; sie zu
                    verstehen, sich anzueignen, erfordert immer neuer gründlicher Überlegung. Es
                    sind auch keine selbstverständlichen Gedanken; Gott behüte uns davor, dass
                    sie uns zum <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> religiösen Handwerkszeug werden,
                    wie es so oft geschehen ist. Dies und das werden wir uns auch im Einzelnen
                    anders zurechtlegen, als es die Reformatoren getan haben; denn es darf auch
                    auf diesem Gebiet keinen Stillstand oder Rückschritt geben. Aber es sind
                        <hi rend="italic">große</hi> Gedanken; und gerade an solchen leiden wir Mangel. Es
                    sind Gedanken, die dem innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> Nahrung geben, wenn man sie ernst nimmt, was man von
                    manchen modernen Gedanken nicht sagen kann. Und es sind Gedanken, die
                    aufbauend wirken, die uns anleiten, die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> nicht nur im Herzen zu haben, sondern wirksam werden zu
                    lassen in unserm Dasein, in unserm Zusammensein mit den Menschen, die uns
                    anleiten, unsern Weg zu gehen nicht als Tote, nicht als Schlafwandelnde,
                    nicht als Träumer, sondern als Lebendige.</p>
                <p>Denn das Größte dieser Gedanken besteht darin, dass sie nicht Theorien sind
                    im üblichen Sinn des Wortes. Was theoretisch ist daran, das mögen wir als
                    Stütze unsres Denkens brauchen oder nicht brauchen. Ihr Inhalt aber ist
                    praktisch. Aus dem Leben kommt er und Leben wirkt er. <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> selbst hat einmal gesagt,
                    er habe sich auf die Theologie nur eingelassen, um sein Leben zu
                        bessern.<note xml:id="n33">Brief Nr. 318 an I. Camerarius
                        vom 22.1.1525 (<bibl corresp="kbga-bibls-2815">CR I, col. 722</bibl>): «Ego mihi ita conscius sum, non aliam ob
                        caussam unquam <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">τεθεολογηκέναι</foreign>, nisi
                        ut vitam emendarem.»</note> Und Melanchthon selbst hat kurz vor seinem
                    Ende bekannt, das, worauf er sich nun am meisten freue, das sei, dass er nun
                    der rabies theologorum, der Streitlust der <term type="Sachen" key="Theologen, Streitlust">Theologen</term>, bald entrückt sein
                        werde.<note xml:id="n34">Vgl. aus dem «Scriptum» (Nr. 6977):
                        «Liberaberis ab aerumnis, et a rabie Theologorum» (<bibl corresp="kbga-bibls-2816">CR IX,
                        col. 1098</bibl>).</note> Aber jenseits des Zeitlichen und Vergänglichen, um
                    das sich die Menschen streiten, steht der, der gesagt hat: Meine Gedanken
                    sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege; sondern so
                    viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn
                    eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken 
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.8 Jes.55.9">Jes. 55,8f.</ref>]. Und Gott sei Dank,
                    dass wir ihm mit dem <rs type="person" ref="kbga-actors-313">Apostel</rs>
                    antworten dürfen: Nun <pb xml:id="p658" ed="pga"/> wir denn sind gerecht geworden
                    durch den Glauben, so haben wir Frieden.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-28">Nr. 231: «Mir ist Erbarmung widerfahren» von <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>,
                            Strophen 1–2 (RG 209; EG 355 [je mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Nr. 157: «Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen
                            1–2 und 3–4 (RG 32; EG 362).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.7 Hebr.13.21">Hebräer 13,7–21</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
