Predigt Nr. 51 · 23. Oktober 1910

Predigt: Matthäus 13,13

624
51
Matthäus 13,33
(Jesus sprach:) Das Himmelreich ist gleich einem Stück Sauerteig, das eine Frau nahm und ließ es verschwinden in drei Scheffeln Mehl, bis das Ganze durchsäuert war.
Meine Freunde!

Zur äußern Erklärung dieses Gleichnisses brauche ich wohl nicht viele Worte zu machen. Es schildert uns ein Stück häuslichen Lebens, das auch auf der primitivsten Stufe der Kultur bekannt ist, eine Verrichtung, die den Menschen aller Völker zu allen Zeiten gemeinsam ist, den Vorgang der Brotbereitung. Ein Zug versetzt uns vielleicht in etwas andere Verhältnisse, als es unsre städtischen in der Regel sind, dass es nämlich gerade eine Frau ist, die wir da an der Arbeit sehen. Gemeint ist natürlich eine Hausfrau, eine Familienmutter – man hat schon den niedlichen Gedanken ausgesprochen, Jesus erzähle da eine Jugenderinnerung an das Tun seiner eigenen Mutter Maria. Jedenfalls ist die Voraussetzung dieses Zuges die, dass das Brotbacken von jedem Hausstand für sich besorgt wird, wie es im damaligen Israel der Fall war und wie wir es auch heute bei den Bauern überall da sehen, wo die alte Sitte sich einigermaßen erhalten hat. Und im Nähern wird es sich in den untern und mittlern Ständen von selbst gegeben haben, dass die Mutter in einer Familie dies Geschäft besorgt hat. Umso mehr konnte Jesu Bild auf allgemeines Verständnis rechnen. Drei Scheffel sind ungefähr 20 Liter. Bei der damaligen einfacheren Lebensweise, wo das Brot, wenn nicht das einzige, so doch das Hauptnahrungsmittel war, war das der Bedarf einer Familie mit Knechten, Mägden und Gästen für einen Tag. Dazu kommt ein Stück Sauerteig, wieviel braucht nicht erst gesagt zu werden, im Verhältnis zu den drei Scheffeln Mehl verstand sich das für die Zuhörer von selbst. Jesus meinte die neben jenem verschwindend kleine Masse, die vielleicht für mehrere Tage im Voraus abgewogen und bereitgehalten wurde. Die kommt nun in den Mehlteig, sie verschwindet darin so vollständig, wie nur immer mög|625lich ist, er bleibt derselbe, kaum dass sein Gewicht und Aussehen um ein Geringes verändert wird. Und doch ist er nicht mehr derselbe. Denn durch das Geringfügige, das hinzugekommen ist, sind die Kräfte der Gärung in ihm entbunden. Die wirksame Natur setzt bei der Begegnung der verwandten Elemente das Ganze um in eine neue Substanz. Der Geschmack des Sauerteigs ist verschwunden, dafür ist nun das Ganze durchsäuert. Die Entwicklung von Gasen, die diesen Prozess begleitet, lässt das Brot aufgehen, und es wird aus einer indifferenten und schwerverdaulichen Masse zu einer wohlschmeckenden und nahrhaften Speise. Das erlebt eine Hausfrau hundert und tausend Mal, sie weiß nicht, wie es geschieht, sie kennt die Regeln der wirksamen Natur nicht in ihrem innern Zusammenhang, aber sie weiß, dass es geschieht. Dies alltägliche Ereignis ist merkwürdig genug, wollte Jesus sagen, hier ist ein Wunder, nehmt es an! Man mag zur Erklärung des Wie? hier wie beim wachsenden Samenkorn chemische und physikalische Beschreibungen herbeibringen. Hinter allen Beschreibungen des Wie? steht doch ein unerklärliches Dass, die Tatsache, dass es geschieht. Und darum behält der kleine Vorgang auch im Lichte der fortgeschrittensten Wissenschaft die, wenn ihr mich recht verstehen wollt, übernatürliche Bedeutsamkeit, die er für Jesus hatte. Das Himmelreich ist dem gleich, sagte er, und darüber wollen wir uns nun besinnen.

Wir folgen wieder dem Grundsatz, den wir schon die letzten Male angewendet haben, und suchen das Gleichnis zunächst aus Jesu eigenem innern Leben heraus zu verstehen. Was im Rahmen des Gleichnisses über das a-Wirken des Reiches-a Gottes unter den Menschen zu sagen ist, können wir hier am Sichersten entnehmen. Denn wie wir die Werke der großen Dichter nur im Zusammenhang mit den Strömungen, und Schicksalen ihres innern Lebens richtig zu erklären vermögen, so b-müssen wir-b auch einen religiösen Gedanken, welcher Art er auch sei, niemals als etwas Abstraktes, Unpersönliches, in der Luft Schwebendes hinnehmen, sondern als Erzeugnis und Spiegelbild des |626 Menschen, der ihn gedacht und ausgesprochen. c-Worte sind tot-c, Menschen sind lebendig.

Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig. Der Vergleichspunkt zwischen beiden besteht darin, dass hier wie dort ein Kleines, Geringfügiges ein andersartiges Großes ergreift, durchdringt, verwandelt. Dort sind’s die drei Scheffel Mehlteig, hier ist’s der Mensch, die Menschheit, die ergriffen und verwandelt werden. Aus Jesu Jugendzeit, die für uns in all ihren Einzelheiten in Dunkel gehüllt ist, ist uns eine Geschichte überliefert, die uns bereits den Grundzug seines innern Lebens ahnen lässt, die Geschichte vom Zwölfjährigen im Tempel. Wie ihn Vater und Mutter dort nach angstvollem Suchen entdecken, da antwortet er ihnen freimütig: Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist? [Lk. 2,49] Dieses «Ich muss» war der wirksame Sauerteig in seinem Dasein. Keimartig, konzentriert, ihm selber kaum bewusst, muss in ihm eine Lebenserkenntnisd, ein Lebenswille gelegen sein, der sein Fühlen und Streben vom Scheinbaren und Vergänglichen ab- und auf die verborgenen Wurzeln des Ewigen im Dasein hinlenkte. Er ist ein Mensch gewesen, genau in dem Sinn wie jedes von uns auch, das müssen wir vor Allem festhalten und dürfen uns nichts davon abmarkten lassen, auch nicht, wenn man uns sagt, seiner Würde und Bedeutung entspreche es, dass er etwas Anderes gewesen sei als wir. Das Gegenteil ist richtig: Weil er ein Mensch gewesen ist wie wir, hat er Bedeutung für uns, während wir uns unter einem auf Erden wandelnden Gott oder Halbgott ehrlicherweise nichts denken und also auch nichts von ihm haben könnten. Er hat Gedanken gehabt und Willen und Gefühl, er hat gearbeitet und geruht, gezürnt und sich gefreut, gesorgt und gejubelt, geweint und gelacht, Alles das nicht wie ein Engel, nicht wie ein Himmelswesen, nicht wie ein von einem fernen Stern auf unsre Erde gekommener Prinz, sondern gerade wie wir, als ein schlichtes Menschenkind. Aber in alledem war als bestimmendes und beherrschendes Element jenes «Ich muss». In dem Allem, was ich lebe und erlebe, muss ich Gott die Ehre geben, ihm zu gehorchen muss der Zweck und Inhalt meines Lebens sein, ganz anders als die andern, nicht als ein Knecht, der gehorcht um des Lohnes willen, |627 e-das ist vor Gott schlimmer als Ungehorsam-e, sondern als Sohn, der in freier Liebe nicht anders kann als des Vaters Willen tun. Diese innere Notwendigkeit war der Sauerteig des Himmelreichs, der Jesu menschliches Leben umwandelte zu dem, was es geworden ist. Wir können kaum mehr ausmachen, wann und wie dieser Sauerteig als ein kaum bewusster Gedanke in Jesu Seele getreten ist, wo der unscheinbare Anfang seines großen Gottesgehorsams zu suchen ist. Es muss ein Moment oder es müssen Momente gewesen sein, wie Propheten, Dichter, Künstler sie schildern als die Momente der Inspiration und Offenbarung, Momente, wo aus dem Urgrund des Daseins ursprüngliche Lichtstrahlen sich ergossen in die Schattenwelt des Alltagslebens,1 nur unendlich viel umfassender und eindringender als bei allen Andern, weil es sich hier nicht um diese oder jene Wahrheit oder Schönheit des Lebens handelte, sondern um das Leben als Ganzes, um Sinn und Wert und Inhalt des Daseins zwischen Geburt und Tod, nicht für einige ästhetische oder religiöse Virtuosen2, sondern für jedermann, denn nicht als seine persönliche fromme Spezialität, sondern als das Normal-Menschliche hat Jesus jenes «ich muss» empfunden. Was er sein musste, das mussten und sollten die Menschen Alle sein. Nicht eine Privatsache oder Sektensache ist der neue Gottesgehorsam, der in ihm war, sondern die Sache des Reiches, in dem die Sonne nicht untergeht, weil es so weit ist als der Himmel. Wie der Sauerteig wirken muss auf die verwandten Elemente, so hat der Gottesgehorsam in Jesus sofort seine Universalität und Allgemeingiltigkeit bewährt, zunächst in ihm selbst, seinem menschlichen Wesen, Denken und Tun gegenüber. Er konnte nicht ein Element neben andern sein in seinem Bewusstsein, wie es bei unsrer Frömmigkeit so oft der Fall ist. Er musste Alles Andre – nicht austilgen, aber ergreifen und durchsäuern. Sein Ernst und seine Freude, seine Ruhe und seine |628 Leidenschaft, sie werden verklärt, geheiligt, vergöttlicht. Alles Menschliche wird in ihm zu der Reinheit erhoben und verwandelt, die ihm als Schöpfung Gottes ursprünglicherweise eigen sein sollte. In ihm kam zum Durchbruch, was f-die Sage-f auf dem ersten Blatt der Bibel tiefsinnig berichtet: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde [Gen. 1,27], und darum steht Gott g-bei Jesus dem-g Menschen nicht gegenüber als eine ferne Welt- und Naturmacht, sondern als seinh Vater, als der überlegene, gute Geist, der in der Menschheit war und ist und sein wird. Wenn wir in unser eigenes Herz sehen, dann müssen wir zweifeln an diesem Gedanken und müssen auch in unsern besten Augenblicken mit dem Zöllner im Tempel abseits gehen und sagen: Gott, sei mir Sünder gnädig [Lk. 18,13]. Aber wenn Jesus, der ein Mensch war wie wir, in sein Herz sah, dann war da, wie er im Gleichnis sagt, das Ganze durchsäuert, der Gottesgehorsam war da das Universale und Giltige, er war der Mensch nach Gottes Bild, und darum konnte er ohne Überhebung von sich sagen: Wer mich sieht, der sieht den Vater [Joh. 14,9]. Wir dürfen aber nicht daran zweifeln, dass diese Durchdringung des Menschlichen in ihm durch das Göttliche auch bei ihm ein allmähliches Geschehen war, nicht etwas Angeborenes, nicht ein Naturzustand. Nicht mit einer selbstverständlichen Sündlosigkeit haben wir es zu tun, i-wie es nach den Formeln der alten Kirchenlehre-i aussieht3 – ich j-gestehe offen, dass ich in diesem Fall kein Interesse an Jesus hätte-j –, sondern mit einem fortschreitenden Sieg über die Sünde, mit einem Wachsen und Zunehmen. Das wird uns in der Geschichte vom Zwölfjährigen ausdrücklich gesagt, das ahnen wir aus der Geschichte seiner Versuchung [vgl. Mt. 4,1–11 par.], das wissen wir aus dem Kampf, den er mit seinen menschlichen Gedanken |629 und Wünschen in Gethsemane gekämpft hat [vgl. Mk. 14,32–36 par.]. Die Wirksamkeit des göttlichen Sauerteigs ist ein Vorgang, nicht ein Zustand, sie war es auch bei Jesus. k-Auf dem Konzil von Chalcedon im Jahre 451 ist der Satz aufgestellt und zur offiziellen Lehre erhoben worden, das Verhältnis des Göttlichen zum Menschlichen in Jesus sei so zu denken, dass zwei Naturen sich in seiner Person zu untrennbarer und doch unvermischter Einheit verbunden hätten-k.4 Das ist sehr scharfsinnig und vorsichtig gedacht, aber der Scharfsinn der Theologen hat sich hier doch eine unfruchtbare Aufgabe gestellt. Denn l-eine solche Behauptung von zwei Naturen hätte uns nichts zu sagen, auch wenn wir uns etwas dabei denken könnten-l, wohl aber hat uns das menschliche Charakterbild Jesu etwas zu sagen, weil es nicht etwas behauptet, sondern uns zeigt und überführt, wie Gott die Macht werden kann in einem Menschenleben, wie das Ewige das Zeitliche – nicht unterdrückt und an die Wand schiebt, aber erneuert, durchdringt, erhebt, es selber ewig macht.

Und damit sind wir schon beim Andern: In Jesus ist das Himmelreich wirksam zu den Menschen gekommen. Schleiermacher hat das so ausgedrückt: Das Urbildliche ist in Jesus geschichtlich geworden,5 d. h. der Mensch, wie er sein sollte, ist als eine nicht mehr auszulöschende Tatsache in das geschichtliche Leben der Menschheit eingetreten. Der Sauerteig des Gottesgehorsams, der ihn zu dem machte, was er war, musste weiterwirken, treiben, befreien, erlösen. Von dem einen Men|630schen sind Ströme lebendigen Wassers ausgegangen [vgl. Joh. 7,38] nach allen Seiten. Was in ihm geschah, der Sieg des Unvergänglichen über das Vergängliche, die Durchdringung des Menschen mit Gott, das hat sich tausendfältig erneuert und wiederholt seit den kurzen Jahren und Tagen, da er selbst in dieser Gesinnung über die Erde ging; und wo Leben entstehen soll, da muss sich dieser Sieg und diese Durchdringung vollziehen.

Vor einigen Wochen hat der bekannte Karlsruher Professor Arthur Drews, der behauptet, Jesus habe überhaupt nicht gelebt,6 in Bern einen Vortrag gehalten, und nach einem Zeitungsbericht darüber, der mir vorlag, scheint er besonders auf den Gedanken Gewicht gelegt zu haben, Gott sei nichts Anderes als der Mensch selbst, der Jesus, der in uns lebe, sei das Ideal des Menschen, das wir in uns trügen; in diesem Sinn könne schließlich jeder mit Paulus sagen: Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir [Gal. 2,20], und die wahre Erlösung sei die Selbsterlösung.7 m-Die Grenze zwischen Richtigem und Unrichtigem ist manchmal sehr schmal in den Fragen des religiösen Lebens, und sie hat die Eigentümlichkeit, wie sie sich auf andern Gebieten in dieser Weise nicht findet, dass auch der kleinste Schritt von diesseits nach jenseits sofort in das Gebiet des abenteuerlichsten und gefährlichsten Irrtums führt-m. Drews hat diesen Schritt über die Grenze in charakteristischer Weise getan. Das Wort und der Gedanke, der im Munde des Paulus die tiefste Wahrheit des christlichen Glaubens ist, wird im Munde Drews’ zu einer platten, oberflächlichen Torheit. Denn das ist doch gerade die Schwierigkeit, in der wir uns befinden, dass wir uns selber nicht erlösen können, sonst würden wir es doch wohl tun. Gewiss ist es wahr:

631 Vor jedem steht ein Bild dess’, was er werden soll.
Solang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.8

Aber dass dieses Idealbild, das vor unsrer Seele steht, erlösende Wirkung auf uns hätte, das kann man nicht sagen, es führt uns vielmehr in den Zwiespalt hinein zwischen Wollen und Können, es ist ein Stück von dem, was Paulus das Gesetz nannte; gerecht machen kann es uns nicht, nur als Zuchtmeister dienen in dem schmerzlichen Sinn, dass es die Sünde in uns erst recht offenbar werden lässt [vgl. Gal. 3,24]. Wir dürfen uns das Wohnen Gottes in unserm Herzen nicht als eine naturmäßige Selbstverständlichkeit denken, wie es bei Drews geschieht. Es würde darin eine Überhebung liegen, die als Heuchelei und Selbsttäuschung ein fatales Ende nehmen muss. Paulus hat darüber viel vorsichtiger gedacht: der «Christus in uns», von dem er redet, ist nicht ein Idealbild, das jeder ohne Weiteres hat, sondern etwas, was uns geschenkt werden muss, etwas, von dem es noch beim Gefördertsten in jedem Augenblick heißen muss: Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte… [Phil. 3,12], also etwas, was größer und weiter ist als wir selbst, was außer uns, über uns ist, so gewiss es in uns Wahrheit werden soll. Und so sicher wir Gott nur dann kennen und haben, wenn er sich in unserm eigenen Innern offenbart hat, so sicher beruht die Gewissheit und Aufrichtigkeit unsrer Frömmigkeit darauf, dass dieser Gott größer ist als unser Herz [vgl. 1.Joh. 3,20], dass er nicht das kümmerliche Idealprodukt ist, das wir aus den Tiefen unsrer eigenen Seele etwa hervorspinnen können, nicht das Bild, das wir uns geschaffen zu unsrer Erbauung, sondern der, der uns geschaffen zu seinem Bilde. Von diesem Gott aber werden wir nicht so leichthin selbstverständlich sagen, dass er in uns ist, wenn wir anders von den Pharisäern gelernt haben, wie man’s nicht machen soll, sondern wir werden, wenn’s wahr ist, dankbar bekennen, dass er vor uns steht, dass wir ihn zu ergreifen suchen, nachdem wir von ihm ergriffen sind [vgl. Phil. 3,12]. n-Denselben Fehler, den die orthodoxe Kirchenlehre in Bezug auf Christus begangen hat, begehen Drews und seine Gesinnungsgenossen in Bezug auf uns Menschen-n: die Vereinigung des Göttlichen und |632 Menschlichen wird als ein Naturzustand betrachtet, als etwas, was schon da ist. Wenn es so wäre, so müsste unser Gleichnis lauten: Das Himmelreich ist gleich drei Scheffeln Mehl, die waren von sich selbst durchsäuert. Es liegt auf der Hand, dass das Unsinn wäre. Eigenes inneres Leben, Sicherheit und Bestimmtheit unsres Daseins, Leben mit Gott und in Gott, das ist nicht da, das haben wir nicht ohne Weiteres, sondern das muss in uns werdeno. Es muss durch die Offenbarung der Macht, die größer ist als wir, in uns entstehenp, wir sollen nicht bleiben, was wir sind, sondern wir sollen uns q- durchdringen lassen-q von dem, was wir noch nicht sind, wie die drei Scheffel Mehl vom Sauerteig.

Davon ist nun zu reden. Zuerst von dem, was durchdrungen werden soll, vom Menschen, von der Menschheit. Vor zwei entgegengesetzten Irrtümern gilt es sich hier zu hüten. – |

Von dem einen war eben die Rede: der Mensch sei schon göttlich, er brauche die Durchdringung gar nicht erst, er habe seine Vernunft, seinen Willen, er erkenne die Wahrheit, strebe nach dem Guten und Schönen und habe so Alles, was er innerlich bedürfe. Antwort: Schön, wenn es so ist, aber ist es denn auch wahr? Brauchen wir denn unsre Vernunft? Üben wir unsern Willen? Streben wir aufrichtig und anhaltend nach dem Wahren, Guten und Schönen?9 oder steht es nicht so, dass hier das schwere Problem des innern Lebens erst anfängt? Ein wertvolles inneres, geistiges Leben kann doch offenbar nicht schon darin bestehen, dass wir als Menschen angelegt sind dazu, Vernunft und Willen zu brauchen, nach den ewigen Zielen geistiger Kultur zu streben, sondern darin, dass wir das, wozu wir angelegt sind, wirklich tun. Drei Scheffel Mehl sind eine gute Sache, aber damit sie eine erfreuliche Speise werden, muss noch etwas damit gemacht werden. Kultur des Verstandes, des Willens und Gefühls ist auch eine gute Sache, aber bevor sie für das innere Leben etwas bedeutet, müssen wir sie haben, muss sie uns zugänglich gemacht sein. Goethe hat das berühmt-berüchtigte Wort ausgesprochen:

633 Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion.
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.10

Die übereifrigen Gegner und die übereifrigen Verteidiger der Religion haben das so verstanden: der Mensch brauche keine Religion, wenn er Wissenschaft und Kunst habe, Religion sei für die Ungebildeten. Das wäre freilich Torheit. Aber ich meine, man muss dies scharf zugespitzte Wort verstehen im Zusammenhang mit der übrigen Gedankenwelt des großen Mannes, so bekommt es seinen tiefen und richtigen Sinn, den wir uns als Christen sehr wohl aneignen dürfen. Goethe wollte sagen: wirkliche geistige Kultur, nicht bloß eine eingebildete, imitierte Zivilisation des Kopfes, die hat allemal Religion zur Voraussetzung, sie hat sie in sich. Wogegen wer sie nicht besitzt, der fange damit an, Religion zu haben. Es kommt also, wie ich eben sagte, darauf an, ob wir Vernunft und Willen wirklich brauchen, ob geistige Kultur da ist, ob wir tatsächlich nach den ewigen Zielen streben. Man braucht in jenem Goethewort bloß die Worte «besitzt» zu unterstreichen, dann bekommt es auch für aufrichtige Verehrer menschlicher Kultur, was wir als Christen hoffentlich Alle sind, ein recht nachdenkliches Gesicht. Denn wenn wir unsern Verstand fragen nach dem, was er besitzt, nach dem, was er begriffen, erkannt, verstanden hat von der Welt und von uns selbst, dann wird gerade ein scharfer und schneidiger Denker sehr zurückhaltend sein mit der Behauptung, er besitze Wissenschaft, er wird vielmehr mit Sokrates die Sache umkehren und sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß,11 und das ist dann gleichbedeutend mit dem Bekenntnis des alten Kirchenliedes:

Das Vernunftlicht kann das Leben
Mir nicht geben.12

Der Doktor Faust im Studierzimmer bei demselben Goethe ist die lebendigste Illustration dafür.13 Und ebenso sind wir dran, wenn wir |634 auf das sehen, was unser Wille besitzt, d. h. was wir getan haben in der Richtung auf das Gute hin. Gerade die Menschen, die es mit sich selbst und ihrem Handeln ernst nehmen, werden keineswegs einmal mit sich selbst zufrieden sein, werden immer wieder ihr Streben und Mühen mangelhaft, unvollständig finden. Und so hat Niemand in irgend einer Hinsicht Anlass, es sich im Hinblick auf seinen Besitz an menschlicher Kultur genug sein zu lassen. Denn wenn er sich ernsthaft besinnt darüber, wie es mit diesem Besitzen steht, muss er sich sagen, dass da die Frage, die Lebensfrage, ob wir vom Göttlichen, Ewigen durchdrungen sind, erst anfängt. – |

Der andre Irrtum, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen, ist von jenem ersten das Gegenteil. Viele sehr ernste Christen meinen nämlich, das Göttliche zum Menschlichen in einen sehr sonderbaren Gegensatz stellen zu müssen. Es tönt von dieser Seite oft so, als ob Verstand und Wille, als ob das Streben nach den ewigen Zielen gleichgiltig, indifferent, unzusammengehörig neben Gott und seiner Offenbarung stünden. Als ob durch die Letztere eine Art abgeschlossener Provinz in unserm innern Leben gebildet werde gegenüber der bösen Welt, die man zwar nicht ignorieren darf, die aber doch nichts für sich bedeutet und die man im Grunde geringschätzt. Da hört man dann oft Leute, die wahrhaftig keinen Anlass dazu hätten, sehr mitleidig von Lessing, Schiller oder Goethe reden, die bei allem Adel ihrer Gesinnung, bei aller Tiefe ihrer Weltanschauung, bei allem Ernst ihres persönlichen Lebens eben doch nurr gute Menschen gewesen seien, während man von jener religiösen Sonderprovinz bei ihnen nicht viel höre. Ja, da muss man denn doch allen Ernstes fragen, ob denn der Sinn der Religion ein anderer ist als der, dass wir gute, brauchbare, innerlich wertvolle Menschen werden, ob es wohlgetan |635 ist, da ein Nur davor zu setzen, ob es am Ende besser wäre, das Stück Sauerteig für sich zu essen, statt es in den drei Scheffeln Mehl verschwinden zu lassen, es darin zu verbergen, wie es im griechischen Text des Gleichnisses heißt,14 und so mit seiner Hilfe essbares Brot herzustellen?! Die Wirkung, die der Sauerteig im Mehl hat, soll doch das Göttliche im Menschlichen haben: es soll das, wozu wir angelegt sind, in uns zu wirklicher Entfaltung kommen, es soll tatsächlich geschehen, dass wir strebend und erlebend mit dem Wahren, Guten und Schönen immer mehr eins werden. Das will Gott von uns, und dazu verhilft er uns, indem er uns nicht allein lässt, sondern sich uns offenbart; aber das, was da aus uns werden soll, ist nicht ein Gegensatz zum Menschlichen, sondern seine Erfüllung und Vollendung, wie es bei Jesus auch war. Zum Bilde Gottes schuf er ihn [Gen. 1,27], und diese Bestimmung wird Wahrheit durch Gottes Offenbarung, wenn sie uns ergreift und verwandelt.

C. F. Meyer hat ein glückliches Bild für diesen Vorgang gefunden. Er schildert in einem seiner Gedichte den Maler Michelangelo, diesen gewaltigen und trotzigen Geistesmenschen, wie er in der sixtinischen Kapelle zu Rom mit seinen großen Linien fünfmal das Bild Gottes, des Vaters entworfen und nun, selber überwältigt von dem, was er geschaffen, mit dem Gegenstande seiner Kunst Zwiesprache hält; aber nun vertauschen sich die Rollen, sein scheinbares Geschöpf offenbart sich als sein Schöpfer:

Schaff mich – so betet der Künstler –,
ich bin ein Knecht der Leidenschaft –,
Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest du aus Ton,
Ich werde schon von härterm Stoffe sein,
Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon,
Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.15

Ich bin der Stein! Wir Menschen mit unserm starken oder schwachen Denken und Wollen, wir sind der Rohstoff, aus dem Gott etwas machen will, aus jedem etwas Besonderes. Der Marmorblock, wie er aus |636 dem Steinbruch kommt, ist noch kein Denkmal – das bewahrt uns vor dem Irrtum, als brauchten wir Gott nicht, um zu werden, was wir sein sollen. Aber aus dem Marmorblock wird das Denkmal herausgearbeitet – das zeigt uns, dass das Leben in Gott nicht etwas Anderes ist als die wirkliche Gestaltung und Bildung unsres menschlichen Lebens.

Und dabei geht es nun tatsächlich so zu, dass eine an sich geringfügige Wirkung Anlass wird zu dem unermesslichen Vorgang, dass ein Mensch in ein reines, freies Wesen verwandelt wird. Das ist die wunderbare Wahrheit des Himmelreichs, die Jesus im Gleichnis schildert. Ein kleines Stück Sauerteig durchsäuert drei Scheffel Mehl. Es ist gut, dass wir das wissen. Inmitten einer kleinen Gruppe unbedeutender Menschen hat Jesus von dem Geheimnis des Himmelreichs, von dem Geheimnis das wirklichen Lebens geredet. Eins ist nötig, hat er ihnen gesagt, dass ihr völliges Vertrauen habt zu dem ewigen Gott und dass ihr ihm in völligem Gehorsam euren Willen dienstbar macht. Aber je besser die, die mit ihm waren, aus seinen Worten und Taten verstanden, worauf es ihm ankam, desto schwerer musste es sich auf ihre Seele legen, ob denn solche Lebensgewissheit jemals durchdringen, siegen, sich behaupten werde in den strudelnden Wassern des menschlichen Lebens. Sie mussten ringsum Menschen sehen, die das Vertrauen ihres Herzens und den Gehorsam ihres Willens ganz andern Dingen widmeten als dem ewigen Gott, Menschen genug, die direkt andre, entgegengesetzte Wege einschlugen als Jesus. Und das waren die Mächtigen, die Ausschlaggebenden, die große Masse. Musste es ihnen nicht wie grausamer Hohn erscheinen, wenn Jesus ihnen sagte: Ihr sollt Salz und Licht der Erde sein? [vgl. Mt. 5,13f.] Und musste nicht auch das Wenige von Hoffnung und Optimismus in ihnen verschwinden in Augenblicken, wo sie erkannten, wie wenig Wirkungskraft in ihnen selbst war, in Augenblicken wie dem, wo es von Petrus heißt: er ging hinaus und weinte bitterlich? [Mt. 26,75] Und versank schließlich nicht Alles in Nacht und Grauen, als Jesus von ihnen ging, inmitten seiner Richter und seiner Henker, einem schmachvollen Tode entgegen? Gegenüber all diesen gewaltigen Hindernissen ist das Himmelreich schließlich doch durchgedrungen. Es hatte jene Männer von Galiläa erfasst, den einen in dieser, den andern in jener Stunde, als ihm ein Wort, ein Blick, eine Tat Jesu die Herrlichkeit Gottes offen|637barte, und der wirksame Sauerteig, der da in die drei Scheffel Mehl gemengt worden, das Leben, das in ihrem Herzen und Kopf erwacht war, die waren daraus nicht mehr zu entfernen. Jesus konnte sterben, aber seine letzten Stunden wirkten in ihnen zugleich den letzten und überwältigendsten Eindruck von dem Gottesgehorsam, der in ihm war. Und dieser letzte Eindruck war der erste, der nach allen Enttäuschungen wieder wirksam wurde in ihnen. Der Sauerteig drang durch, der gekreuzigte Meister stand als der Auferstandene vor ihrem innern Auge: Ich lebe, und ihr sollt auch leben [Joh. 14,19].

Sein Werk kann niemand hindern,
Sein Arbeit darf nicht ruhn,
Wenn er, was seinen Kindern
Ersprießlich ist, will tun.16

Petrus konnte verleugnen [vgl. Mt. 26,69–75], Thomas konnte zweifeln [vgl. Joh. 20,24–31], aber der Sauerteig des Himmelreichs ließ sie nicht los. Es schlummerte in ihnen etwas, was größer war als sie selbst; dem konnten sie wohl aus Dummheit oder Bosheit eine Weile widerstehen wie Kinder der führenden Hand des Vaters. Der stille und doch so übermächtige Einfluss des Menschen Jesus, der in seiner tiefsten Erniedrigung gerade zur Riesengröße aufwuchs, er hat sie begleitet, bis sie in die Knie sinken mussten: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe! [Joh. 21,17] Mein Herr und mein Gott! [Joh. 20,28], bis der lebendige Gott, der sie so leise angefasst, sie besiegt hatte und bis sie nun in der Kraft dieses lebendigen Gottes selber als Sieger dastanden über ihre eigene Schwachheit und über den Widerstand der stumpfen Welt.17

Denn die Welt, die Mächtigen und die Zahlreichen, die Juden und die Römer, die konnten wohl stumpf und feindselig sein, der Sauerteig, der in das Zusammenleben der Menschen hineingekommen war, konnte daraus nicht mehr beseitigt werden. Die Tatsache konnte nicht mehr weggestrichen werden, dass ein Mensch wie Jesus einmal dagewesen war und dass eine Handvoll Menschen von ihm ergriffen |638 waren und wie er den Sinn des Lebens darin fanden, Gott zu vertrauen und Gott gehorsam zu sein. Es ist bei der Auslegung der Gleichnisse vom Senfkorn, das zum Baum wird [vgl. Mk. 4,30–32 par.], und vom Sauerteig, der drei Scheffel Mehl durchdringt, oft geschildert worden, wie die Kraft Gottes im Evangelium sich entfaltet hat durch die Völker, wie sie das Suchen und Ahnen der Griechen, der Römer, der Germanen zur Wahrheit werden ließ, befreite, reinigte. Es kann dies nur mit Vorsicht der Sieg des Christentums genannt werden; die Christen und das Christentum waren oft genug ferne von der Hoheit Christi, aber es war der Sieg Gottes, der die Christen, wie sie waren, als Werkzeuge brauchte, um das Reich der Gerechtigkeit und Liebe unter den Menschen aufzurichten, um in aller Welt die Schöpfung zu vollenden, die Wahrheit und Güte wirklich werden zu lassen, zu der er jedes Wesen bestimmt.

Was die ersten Jünger gesehen und erlebt, das sprang durch ihr Zeugnis wie ein elektrischer Funken auf andre über. Wie er gewirkt hat, sehen wir an Saulus, der ein Paulus wurde. Ein Eiferer, ein jüdischer Schriftgelehrter, ein energischer, oft gewaltsamer Mensch war er, und er ist es auch als Jünger Jesu geblieben. Nicht ein Zerstörungswerk ist seine geistige Neugeburt gewesen, sondern eine Indienststellung, eine Mobilmachung seines Denkens und Wollens für den heiligen Krieg Gottes. Als der er war, konnte und wollte ihn Gott brauchen und hat es getan, indem er ihm an dem Tage von Damaskus die neue Zielrichtung, das Vertrauen und den Gehorsam in die Seele senkte [vgl. Act. 9,1–19 par.]. Ganz anders scheinbar geht es zu, wenn ein Franz von Assisi zum Jünger Jesu, zum lebendigen Menschen wird. Er ist und bleibt der heitere, lebensfreudige Italiener, der mit lautern, naiven Augen die Welt in sich aufnimmt; was verschwindet, ist nicht seine Anlage, sein glücklicher, optimistischer Charakter, wohl aber das, was ihm angehangen hatte, die Gleichgiltigkeit, der Stumpfsinn, die Oberflächlichkeit. Die Welt ist für ihn nun wirklich schön, weil er in der Nachfolge Jesu gelernt hat, dass sie die Welt Gottes ist, des Vaters, der uns liebt, so dass wir gar nicht anders können, als wieder lieben. Da ist Calvin, dieser durch und durch französisch, d. h. individuell lebhaft und sicher, aber kalt-logisch empfindende und denkende Christ und Theologe. Da ist Luther, der das Evangelium nicht nur auf der Wartburg, sondern zuerst und vor allem in seiner eigenen |639 Person aus etwas fremdartig Äußerlichem in deutsches innerlichess Leben und Erleben übersetzt hat. Und da sind so viele Andre, Bekannte und Unbekannte, Große und Kleine, bewusste und unbewusste Christen, die jeder in seiner Weise Gott gefunden, jeder in seiner Weise zu Zeugen des Lebens wurden und doch alle geeinigt und innerlich verbunden durch den

Geist, den Strom, der uns vom Sohne
Eröffnet und kristallen rein
Von Gottes und des Lammes Throne
In stille Herzen fließt hinein.18

Und wo dieser Geist in stille Herzen floss – wer zählt und beschreibt die Rinnsale, die er nehmen kann? –, da begann aus dem Rohstoff des Menschen und seiner Art das Bild hervorzutreten, das darin geschlummert, und Form anzunehmen unter dem Hammer und Meißel des großen Künstlers. Er begann christusmäßig zu werden; in seinem Innern legten sich die Wogen der Wünsche und Befürchtungen, der Aufregungen und Mattheiten, und es wurde klar vor seinen Augen, und er spürte es, dass die Gerechtigkeit und die Liebe den Sinn des Lebens ausmacht und sonst gar nichts. Und diese Veränderung spürte man sofort auch draußen in seinem Tun und Leben. Vielleicht ohne dass er apart anfing, anders zu reden und zu handeln, aber jedenfalls wurden Ton und Stimmung und Bedeutung in seinem Verkehr mit den Menschen anders. Wer Liebe erfahren hat, indem Gottes Licht in ihm angezündet ist, der kann nicht lieblos sein; wer innerlich sicher geworden ist, weil er in dem ewigen Grund Anker geworfen, der kann nicht durch sein Verhalten Unsicherheit und Verwirrung unter den Menschen stiften; wer durch die Offenbarung der Wahrheit frei geworden ist, der kann nicht unwahrhaftig und unlauter mit den Menschen sein und dadurch Unfreiheit, Beschränktheit und Gebundenheit um sich verbreiten. Sondern wo der Sauerteig ist, da wirkt er. Wo einer den neuen Menschen angezogen hat, wie Paulus sagt [Eph. 4,24], da liegt um ihn her ein unbegrenztes Wirkungsfeld. Das Himmelreich |640 hat kein Ende, es kann sich nicht erschöpfen in seiner Tätigkeit. Des Menschen Bestimmung ist es, christusmäßig zu werden, und dies Werden ist nicht eine hoffnungslose Aufgabe, nicht ein schönes, utopisches Ideal, denn Christus ist da, der Mensch, der seine Bestimmung erfüllte, ist in der Menschheit dagewesen, er ist in den Kreis unsres Lebens eingetreten und kann nicht mehr daraus verschwinden, sondern erfüllt sein Werk gestern, heute und in Ewigkeit [vgl. Hebr. 13,8]. So kommen wir wieder darauf hinaus, dass Alles, was wir unter dem Worte Glauben verstehen, darin besteht, dass wir, wie Tersteegen sagt,

still und froh Gottes Strahlen fassen
und ihn wirken lassen.19

Bildhauer Gott! Schlag zu! Ich bin der Stein. Darauf kommt’s an.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 148: «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von H. Held, Strophen 1–3 (RG 509; EG 134 [jeweils ohne Strophe 3]). 🎵
  • Nr. 162: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von K. H. von Bogatzky und A. Knapp, Strophen 1–3 und 6–8 (RG 797,1.2.7 [ohne Strophen 3.6f., GERS]; EG 241,1–3.7f. [ohne Strophe 6, GERS] [je mit Textabweichungen]). 🎵
Lesungstexte:
  • 1.Korinther 15,20–28; Apokalypse 21,1–7.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «Reich».↩
b-b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «darf man».↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
e-e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
f-f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
g-g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «den».↩
h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «ihr».↩
i-i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
j-j
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
k-k
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
l-l
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
m-m
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
n-n
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
o
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.↩
p
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.↩
q-q
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.↩
r
Im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
s
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩

Sachfußnoten

1
Zu dieser Anspielung auf Platons «Höhlengleichnis» vgl. oben, S. 155, Anm. 5.↩
2
Von «Virtuosen der Religion» spricht Fr. D. E. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 2, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1984, S. 185–326, Zitat S. 278,25; vgl. auch dort S. 190,15 und S. 285,11.27 📖. ↩
3
Vgl. etwa aus dem Symbolum Chalcedonense (451): «καὶ ὁμοούσιον ἡμῖν τὸν αὐτὸν κατὰ τὴν ἀνδρωπότητα, κατὰ πάντα ὅμοιον ἡμῖν χωρὶς ἁμαρτίας»; «und der Menschheit nach uns wesensgleich, in allem uns gleich außer der Sünde» (DH 301 📖).↩
4
Vgl. a.a.O. (DH 302 📖): «ἐν δύο φύσεσιν ἀσυγχύτως, ἀτρέπτως, ἀδιαιρέτως, ἀχωρίστως»; «in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar».↩
5
Vgl. Fr. D. E. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Zweite Auflage (1830/31), Teilbd. 2, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/2, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 41 (§ 93, Leitsatz) 📖: «Soll die Selbstthätigkeit des neuen Gesammtlebens ursprünglich in dem Erlöser sein und von ihm allein ausgehen: so mußte er als geschichtliches Einzelwesen zugleich urbildlich sein d.h. das urbildliche mußte in ihm vollkommen geschichtlich werden, und jeder geschichtliche Moment desselben zugleich das urbildliche in sich tragen.»↩
6
Vgl.A. Drews, Die Christusmythe, Jena 1909 📖; vgl. auch oben, S. 385f.↩
7
Der Zeitungsartikel konnte nicht ermittelt werden. Arthur Drews war im Herbst 1910 zu Vorträgen in Zürich und in Bern; in Zürich sprach er – in Anwesenheit des ihm in der Diskussion widersprechenden Leonhard Ragaz – zum Thema: «Lebt Jesus, und in welchem Sinne?» Vgl. M. Mattmüller, ­Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine Biographie, Bd. 1: Die Entwicklung der Persönlichkeit und des Werkes bis ins Jahr 1913, Zollikon 1957, S. 172f 📖.↩
8
Aus «Zahme Xenien. Angereihte Perlen» von Fr. Rückert (ders., Werke, Leipzig / Wien 1897, Bd. 2, S. 42–46, dort S. 45) 📖.↩
9
Zur Verwendung dieser Trias als kultureller Leitidee im 18. und 19. Jahrhundert vgl. oben, S. 140, Anm. 3.↩
10
Aus J. W. von Goethe, Zahme Xenien IX (Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2, Berlin 1966, S. 381–393, dort S. 383) 📖.↩
11
Platon, Apologie, 21d 📖; s. oben, S. 199, Anm. 6.↩
12
Beginn der sechsten Strophe des Liedes «Hüter, wird die Nacht der Sünden» von Chr. Fr. Richter (GERS 357) 🎵 ↩
13
Vgl. etwa dort die berühmten Verse (Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 354–359 [Nacht] 📖):
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
↩
14
Griechisch: «ἐνέκρυψεν».↩
15
Zweite Hälfte der fünften und sechste Strophe des Gedichts «In der Sistina» von C. F. Meyer (Erstdruck: 1865; Sämtliche Werke in zwei Bänden, München 1968, Bd. 2, S. 195f., dort S. 196) 📖.↩
16
Aus der vierten Strophe des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (GERS 266; RG 680; EG 361) 🎵; bei Gerhardt als Gebetsanrede formuliert: «Dein Werk […], Dein’ Arbeit […], Wenn du […].»↩
17
Anspielung auf J. W. von Goethes Gedicht «Epilog zu Schillers Glocke» 📖; vgl. oben, S. 293, Anm. 15.↩
18
Beginn der sechsten Strophe des Liedes «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen (GERS 151; RG 510) 🎵; bei Tersteegen: «O Geist, du Strom, der uns vom Sohne» und «Aus Gottes und des Lammes Throne».↩
19
Vgl. den Schluss der sechsten Strophe des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (GERS 174; RG 162,5; EG 165,6) 🎵:
Lass mich so / still und froh
Deine Strahlen fassen / und dich wirken lassen.
↩