Zur äußern Erklärung dieses Gleichnisses brauche ich wohl nicht viele Worte
zu machen. Es schildert uns ein Stück häuslichen Lebens, das auch auf der
primitivsten Stufe der Kultur bekannt ist, eine Verrichtung, die den
Menschen aller Völker zu allen Zeiten gemeinsam ist, den Vorgang der
Brotbereitung. Ein Zug versetzt uns vielleicht in etwas andere Verhältnisse,
als es unsre städtischen in der Regel sind, dass es nämlich gerade eine Frau
ist, die wir da an der Arbeit sehen. Gemeint ist natürlich eine Hausfrau,
eine Familienmutter – man hat schon den niedlichen Gedanken
ausgesprochen, Jesus erzähle da eine Jugenderinnerung an das Tun seiner
eigenen Mutter Maria. Jedenfalls
ist die Voraussetzung dieses Zuges die, dass das Brotbacken von jedem
Hausstand für sich besorgt wird, wie es im damaligen Israel der Fall war und
wie wir es auch heute bei den Bauern überall da sehen, wo die alte Sitte
sich einigermaßen erhalten hat. Und im Nähern wird es sich in den untern und
mittlern Ständen von selbst gegeben haben, dass die Mutter in einer Familie
dies Geschäft besorgt hat. Umso mehr konnte Jesu Bild auf allgemeines
Verständnis 2 rechnen. Drei Scheffel sind ungefähr
20 Liter. Bei der damaligen einfacheren Lebensweise, wo das Brot, wenn nicht
das einzige, so doch das Hauptnahrungsmittel war, war das der Bedarf einer
Familie mit Knechten, Mägden und Gästen für einen Tag. Dazu kommt ein Stück
Sauerteig, wieviel braucht nicht erst gesagt zu werden, im Verhältnis zu den
drei Scheffeln Mehl verstand sich das für die Zuhörer von selbst. Jesus
meinte die neben jenem verschwindend kleine Masse, die vielleicht für
mehrere Tage im Voraus abgewogen und bereitgehalten wurde. Die kommt nun in
den Mehlteig, sie verschwindet darin so vollständig, wie nur immer mög|625lich ist, er bleibt derselbe, kaum dass sein Gewicht
und Aussehen um ein Geringes verändert wird. Und doch ist er nicht mehr
derselbe. Denn durch das Geringfügige, das hinzugekommen ist, sind die
Kräfte der Gärung in ihm entbunden. Die wirksame Natur setzt bei der
Begegnung der verwandten Elemente das Ganze um in eine neue Substanz. Der
Geschmack des Sauerteigs ist verschwunden, dafür ist nun das Ganze
durchsäuert. Die Entwicklung von Gasen, die diesen Prozess begleitet, lässt
das Brot aufgehen, und es wird aus einer indifferenten und
schwerverdaulichen Masse zu einer wohlschmeckenden und nahrhaften Speise.
Das erlebt eine Hausfrau hundert und tausend Mal, sie weiß nicht,
wie es geschieht, sie kennt die Regeln der wirksamen Natur
nicht in ihrem innern Zusammenhang, aber sie weiß, dass es
geschieht. Dies alltägliche Ereignis ist merkwürdig genug, wollte Jesus
sagen, hier ist ein Wunder, nehmt es an! Man mag zur Erklärung des Wie? hier
wie beim wachsenden Samenkorn chemische und physikalische Beschreibungen
herbeibringen. Hinter allen Beschreibungen des Wie? steht doch ein
unerklärliches Dass, die Tatsache, dass es geschieht. Und darum
behält der kleine Vorgang auch im Lichte der fortgeschrittensten
Wissenschaft die, wenn ihr mich recht verstehen wollt, übernatürliche
Bedeutsamkeit, die er für Jesus hatte. Das Himmelreich ist dem gleich, sagte er, und
darüber wollen wir uns nun besinnen.
3 Wir folgen wieder dem Grundsatz, den wir schon
die letzten Male angewendet haben, und suchen das Gleichnis zunächst aus
Jesu eigenem innern Leben heraus zu verstehen. Was im Rahmen des
Gleichnisses über das a-Wirken des Reiches-a
Gottes unter den Menschen zu
sagen ist, können wir hier am Sichersten entnehmen. Denn wie wir die Werke
der großen Dichter nur im Zusammenhang mit den Strömungen, und Schicksalen
ihres innern Lebens richtig zu erklären vermögen, so b-müssen
wir-b
auch einen religiösen Gedanken, welcher Art er auch sei, niemals als
etwas Abstraktes, Unpersönliches, in der Luft Schwebendes hinnehmen, sondern
als Erzeugnis und Spiegelbild des |626 Menschen, der ihn
gedacht und ausgesprochen. c-Worte sind tot-c, Menschen sind lebendig.
Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig. Der Vergleichspunkt
zwischen beiden besteht darin, dass hier wie dort ein Kleines, Geringfügiges
ein andersartiges Großes ergreift, durchdringt, verwandelt. Dort
sind’s die drei Scheffel Mehlteig, hier ist’s der Mensch, die
Menschheit, die ergriffen und verwandelt werden. Aus Jesu Jugendzeit, die
für uns in all ihren Einzelheiten in Dunkel gehüllt ist, ist uns
eine Geschichte überliefert, die uns bereits den Grundzug
seines innern Lebens ahnen lässt, die Geschichte vom Zwölfjährigen im
Tempel. Wie ihn Vater und Mutter dort nach angstvollem Suchen entdecken, da
antwortet er ihnen freimütig: Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters
ist? [Lk. 2,49] Dieses
«Ich muss» war der wirksame Sauerteig in seinem Dasein.
Keimartig, konzentriert, ihm selber kaum bewusst, muss in ihm eine Lebenserkenntnisd, ein Lebenswille gelegen sein, der sein
Fühlen und Streben vom Scheinbaren und Vergänglichen ab- und auf die
verborgenen Wurzeln des Ewigen im Dasein hinlenkte. Er ist ein Mensch gewesen,
genau in dem Sinn wie jedes von uns auch, das müssen wir vor Allem
festhalten und dürfen uns nichts davon abmarkten lassen, auch nicht, wenn
man uns sagt, seiner Würde und Bedeutung entspreche es, dass er etwas
Anderes gewesen sei als wir. Das Gegenteil ist richtig: Weil er ein Mensch
gewesen ist wie wir, hat er Bedeutung für uns, während wir uns unter einem
auf Erden wandelnden Gott oder Halbgott ehrlicherweise nichts denken und
also auch nichts von ihm haben könnten. Er hat Gedanken gehabt und Willen
und Gefühl, er hat gearbeitet und geruht, gezürnt und sich gefreut, gesorgt
und gejubelt, geweint und 4 gelacht, Alles das
nicht wie ein Engel, nicht wie ein Himmelswesen, nicht wie ein von einem
fernen Stern auf unsre Erde gekommener Prinz, sondern gerade wie wir, als
ein schlichtes Menschenkind. Aber in alledem war als bestimmendes und
beherrschendes Element jenes «Ich muss». In dem Allem, was ich
lebe und erlebe, muss ich Gott die Ehre geben, ihm zu gehorchen muss der
Zweck und Inhalt meines Lebens sein, ganz anders als die andern, nicht als
ein Knecht, der gehorcht um des Lohnes willen, |627
e-das ist vor Gott schlimmer als Ungehorsam-e, sondern als Sohn, der in freier Liebe nicht anders kann als des
Vaters Willen tun. Diese innere Notwendigkeit war der Sauerteig des Himmelreichs, der Jesu
menschliches Leben umwandelte zu dem, was es geworden ist. Wir können kaum
mehr ausmachen, wann und wie dieser Sauerteig als ein kaum bewusster Gedanke
in Jesu Seele getreten ist, wo der unscheinbare Anfang seines großen
Gottesgehorsams zu suchen ist. Es muss ein Moment oder es müssen Momente
gewesen sein, wie Propheten, Dichter, Künstler sie schildern als die Momente
der Inspiration und Offenbarung, Momente, wo aus dem Urgrund des Daseins ursprüngliche
Lichtstrahlen sich ergossen in die Schattenwelt des Alltagslebens,1 nur
unendlich viel umfassender und eindringender als bei allen Andern, weil es
sich hier nicht um diese oder jene Wahrheit oder Schönheit des Lebens
handelte, sondern um das Leben als Ganzes, um Sinn und Wert und Inhalt des
Daseins zwischen Geburt und Tod, nicht für einige ästhetische oder religiöse
Virtuosen2, sondern
für jedermann, denn nicht als seine persönliche fromme Spezialität, sondern
als das Normal-Menschliche hat Jesus jenes «ich muss» empfunden. Was er sein
musste, das mussten und sollten die Menschen Alle sein. Nicht eine
Privatsache oder Sektensache ist der neue Gottesgehorsam, der in ihm war,
sondern die Sache des Reiches, in dem die Sonne nicht untergeht, weil es so
weit ist als der Himmel. Wie der Sauerteig wirken muss auf die
verwandten Elemente, so hat der Gottesgehorsam in Jesus sofort seine Universalität
und Allgemeingiltigkeit bewährt, zunächst in ihm selbst, 5 seinem menschlichen Wesen, Denken und Tun gegenüber. Er konnte
nicht ein Element neben andern sein in seinem Bewusstsein, wie es bei unsrer
Frömmigkeit so oft der Fall ist. Er musste Alles Andre – nicht
austilgen, aber ergreifen und durchsäuern. Sein Ernst und seine Freude,
seine Ruhe und seine |628 Leidenschaft, sie werden
verklärt, geheiligt, vergöttlicht. Alles Menschliche wird in ihm zu der
Reinheit erhoben und verwandelt, die ihm als Schöpfung Gottes ursprünglicherweise eigen sein
sollte. In ihm kam zum Durchbruch, was f-die Sage-f
auf dem ersten Blatt der Bibel tiefsinnig berichtet: Gott schuf den
Menschen nach seinem
Bilde [Gen. 1,27], und darum steht Gott
g-bei Jesus dem-g
Menschen nicht gegenüber als eine ferne Welt- und Naturmacht, sondern
als seinh
Vater, als der überlegene, gute Geist, der in der Menschheit war und
ist und sein wird. Wenn wir in unser eigenes Herz sehen, dann
müssen wir zweifeln an diesem Gedanken und müssen auch in unsern besten
Augenblicken mit dem Zöllner im Tempel abseits gehen und sagen: Gott, sei
mir Sünder gnädig [Lk. 18,13]. Aber wenn Jesus, der ein Mensch war wie wir, in sein
Herz sah, dann war da, wie er im Gleichnis sagt, das Ganze durchsäuert, der
Gottesgehorsam war da das Universale und Giltige, er war der
Mensch nach Gottes Bild, und darum konnte er ohne Überhebung von sich sagen: Wer
mich sieht, der sieht den Vater [Joh. 14,9]. Wir dürfen aber nicht daran zweifeln, dass
diese Durchdringung des Menschlichen in ihm durch das Göttliche auch bei ihm
ein allmähliches Geschehen war, nicht etwas Angeborenes, nicht ein
Naturzustand. Nicht mit einer selbstverständlichen Sündlosigkeit haben wir
es zu tun, i-wie es nach den Formeln der alten
Kirchenlehre-i
aussieht3 – ich j-gestehe offen, dass ich in diesem Fall kein Interesse an Jesus
hätte-j –, sondern mit einem fortschreitenden Sieg über die Sünde, mit einem Wachsen und Zunehmen.
Das wird uns in der Geschichte vom Zwölfjährigen ausdrücklich gesagt, das
ahnen wir aus der Geschichte seiner Versuchung
[vgl. Mt. 4,1–11 par.],
das wissen wir aus dem Kampf, den er mit seinen menschlichen Gedanken |629 und Wünschen in Gethsemane gekämpft hat [vgl.
Mk. 14,32–36 par.]. Die Wirksamkeit des göttlichen Sauerteigs ist ein
Vorgang, nicht ein 6 Zustand, sie war es auch bei
Jesus. k-Auf dem Konzil von Chalcedon im Jahre 451 ist der
Satz aufgestellt und zur offiziellen Lehre erhoben worden, das Verhältnis
des Göttlichen zum Menschlichen in Jesus sei so zu denken, dass zwei Naturen sich in seiner
Person zu untrennbarer und doch unvermischter Einheit verbunden hätten-k.4 Das ist sehr scharfsinnig und
vorsichtig gedacht, aber der Scharfsinn der Theologen hat sich hier doch
eine unfruchtbare Aufgabe gestellt. Denn l-eine solche
Behauptung von zwei Naturen hätte uns nichts zu sagen, auch wenn wir uns
etwas dabei denken könnten-l, wohl aber hat uns das menschliche Charakterbild Jesu etwas zu sagen,
weil es nicht etwas behauptet, sondern uns zeigt und überführt, wie Gott die
Macht werden kann in einem Menschenleben, wie das Ewige das Zeitliche
– nicht unterdrückt und an die Wand schiebt, aber erneuert,
durchdringt, erhebt, es selber ewig macht.
Und damit sind wir schon beim Andern: In Jesus ist das Himmelreich wirksam zu den
Menschen gekommen. Schleiermacher hat
das so ausgedrückt: Das Urbildliche ist in Jesus geschichtlich
geworden,5 d. h. der Mensch, wie er sein sollte, ist als eine nicht
mehr auszulöschende Tatsache in das geschichtliche Leben der Menschheit
eingetreten. Der Sauerteig des Gottesgehorsams, der ihn zu dem
machte, was er war, musste weiterwirken, treiben, befreien, erlösen. Von dem
einen Men|630schen sind Ströme lebendigen Wassers
ausgegangen [vgl. Joh. 7,38] nach allen Seiten. Was in ihm geschah, der Sieg des
Unvergänglichen über das Vergängliche, die Durchdringung des Menschen mit
Gott, das hat sich tausendfältig erneuert und wiederholt seit den kurzen
Jahren und Tagen, da er selbst in dieser Gesinnung über die Erde ging; und
wo Leben entstehen soll, da muss sich dieser Sieg und diese Durchdringung
vollziehen.
Vor einigen Wochen hat der bekannte Karlsruher Professor Arthur Drews, der behauptet, Jesus habe
überhaupt nicht gelebt,6 in Bern einen Vortrag
gehalten, und nach einem Zeitungsbericht darüber, der mir vorlag, scheint er
besonders auf den Gedanken Gewicht gelegt zu haben, Gott sei nichts Anderes
als der Mensch selbst, der Jesus, der in uns lebe, sei das Ideal des
Menschen, das wir in uns trügen; in 7 diesem Sinn
könne schließlich jeder mit Paulus
sagen: Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir [Gal. 2,20], und die wahre
Erlösung sei die Selbsterlösung.7
m-Die Grenze zwischen Richtigem und Unrichtigem ist manchmal
sehr schmal in den Fragen des religiösen Lebens, und sie hat die Eigentümlichkeit, wie sie sich auf
andern Gebieten in dieser Weise nicht findet, dass auch der kleinste Schritt
von diesseits nach jenseits sofort in das Gebiet des abenteuerlichsten und
gefährlichsten Irrtums führt-m. Drews hat diesen Schritt über die Grenze in charakteristischer Weise
getan. Das Wort und der Gedanke, der im Munde des Paulus die tiefste Wahrheit des christlichen Glaubens
ist, wird im Munde Drews’ zu einer platten, oberflächlichen Torheit. Denn
das ist doch gerade die Schwierigkeit, in der wir uns befinden, dass wir uns
selber nicht erlösen können, sonst würden wir es doch wohl tun.
Gewiss ist es wahr:
631 Vor jedem steht ein Bild dess’, was er werden soll.
Solang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.
8
Aber dass dieses Idealbild, das vor unsrer Seele steht,
erlösende Wirkung auf uns hätte, das kann man nicht sagen, es führt uns
vielmehr in den Zwiespalt hinein zwischen Wollen und Können, es ist ein
Stück von dem, was Paulus das Gesetz
nannte; gerecht machen kann es uns nicht, nur als Zuchtmeister dienen in dem
schmerzlichen Sinn, dass es die Sünde
in uns erst recht offenbar werden lässt [vgl. Gal. 3,24]. Wir dürfen uns das Wohnen Gottes in unserm
Herzen nicht als eine naturmäßige Selbstverständlichkeit denken, wie es bei
Drews geschieht. Es würde darin eine Überhebung liegen, die als Heuchelei
und Selbsttäuschung ein fatales Ende nehmen muss. Paulus hat darüber viel
vorsichtiger gedacht: der «Christus in uns», von dem er redet, ist nicht ein
Idealbild, das jeder ohne Weiteres hat, sondern etwas, was uns geschenkt
werden muss, etwas, von dem es noch beim Gefördertsten in jedem Augenblick
heißen muss: Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte… [Phil. 3,12], also etwas, was
größer und weiter ist als wir selbst, was außer uns, über uns ist, so gewiss
es in uns Wahrheit werden soll. Und so sicher wir Gott nur dann kennen und
haben, wenn er sich in unserm eigenen Innern offenbart 8 hat, so sicher beruht die Gewissheit und Aufrichtigkeit unsrer
Frömmigkeit darauf, dass
dieser Gott größer ist als unser Herz [vgl. 1.Joh. 3,20], dass er nicht das kümmerliche
Idealprodukt ist, das wir aus den Tiefen unsrer eigenen Seele etwa
hervorspinnen können, nicht das Bild, das wir uns geschaffen zu unsrer Erbauung, sondern der, der uns
geschaffen zu seinem Bilde. Von diesem Gott aber werden wir nicht so
leichthin selbstverständlich sagen, dass er in uns ist, wenn wir anders von
den Pharisäern gelernt haben, wie man’s nicht machen soll, sondern
wir werden, wenn’s wahr ist, dankbar bekennen, dass er vor uns steht,
dass wir ihn zu ergreifen suchen, nachdem wir von ihm ergriffen sind [vgl.
Phil. 3,12]. n-Denselben Fehler, den die orthodoxe Kirchenlehre in Bezug auf Christus
begangen hat, begehen Drews
und seine Gesinnungsgenossen in Bezug auf uns Menschen-n: die Vereinigung des Göttlichen und |632
Menschlichen wird als ein Naturzustand betrachtet, als etwas, was schon da ist. Wenn es so
wäre, so müsste unser Gleichnis lauten: Das Himmelreich ist gleich drei
Scheffeln Mehl, die waren von sich selbst durchsäuert. Es liegt auf der
Hand, dass das Unsinn wäre. Eigenes inneres Leben, Sicherheit und Bestimmtheit unsres
Daseins, Leben mit Gott und in Gott, das ist nicht da, das haben wir nicht
ohne Weiteres, sondern das muss in uns werdeno. Es muss durch die Offenbarung der Macht, die größer ist
als wir, in uns entstehenp, wir sollen nicht bleiben, was wir sind, sondern wir
sollen uns q-
durchdringen lassen-q
von dem, was wir noch nicht sind, wie die drei Scheffel
Mehl vom Sauerteig.
Davon ist nun zu reden. Zuerst von dem, was durchdrungen werden soll, vom
Menschen, von der Menschheit.
Vor zwei entgegengesetzten Irrtümern gilt es sich hier zu
hüten. – |
Von dem einen war eben die Rede: der Mensch sei schon göttlich, er brauche
die Durchdringung gar nicht erst, er habe seine Vernunft, seinen Willen, er erkenne die Wahrheit, strebe nach dem Guten und
Schönen und habe so Alles, was er innerlich bedürfe. Antwort: Schön, wenn es
so ist, aber ist es denn auch wahr? Brauchen wir denn unsre
Vernunft? Üben wir unsern Willen? Streben wir
aufrichtig und anhaltend nach dem Wahren, Guten und Schönen?9
9 oder steht es nicht so, dass hier das schwere
Problem des innern Lebens erst anfängt? Ein wertvolles inneres, geistiges
Leben kann doch offenbar nicht schon darin bestehen, dass wir als Menschen
angelegt sind dazu, Vernunft und Willen zu brauchen, nach
den ewigen Zielen geistiger Kultur zu streben, sondern darin, dass wir das,
wozu wir angelegt sind, wirklich tun. Drei
Scheffel Mehl sind eine gute Sache, aber damit sie eine erfreuliche Speise
werden, muss noch etwas damit gemacht werden. Kultur des Verstandes, des
Willens und Gefühls ist auch eine gute Sache, aber bevor sie für das innere
Leben etwas bedeutet, müssen wir sie haben, muss sie uns
zugänglich gemacht sein. Goethe hat das
berühmt-berüchtigte Wort ausgesprochen:
633 Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion.
Wer jene beiden nicht besitzt,
Die übereifrigen Gegner und die übereifrigen Verteidiger der
Religion haben das so
verstanden: der Mensch brauche keine Religion, wenn er Wissenschaft und Kunst habe, Religion sei für die Ungebildeten. Das
wäre freilich Torheit. Aber ich meine, man muss dies scharf zugespitzte Wort
verstehen im Zusammenhang mit der übrigen Gedankenwelt des großen Mannes, so
bekommt es seinen tiefen und richtigen Sinn, den wir uns als Christen sehr
wohl aneignen dürfen. Goethe wollte sagen: wirkliche geistige
Kultur, nicht bloß eine eingebildete, imitierte Zivilisation des Kopfes, die
hat allemal Religion zur
Voraussetzung, sie hat sie in sich. Wogegen wer sie nicht besitzt, der fange
damit an, Religion zu haben. Es kommt also, wie ich eben sagte, darauf an,
ob wir Vernunft und Willen wirklich brauchen, ob geistige
Kultur da ist, ob wir tatsächlich nach den ewigen
Zielen streben. Man braucht in jenem Goethewort bloß die Worte
«besitzt» zu unterstreichen, dann bekommt es auch für
aufrichtige Verehrer menschlicher Kultur, was wir als Christen hoffentlich
Alle sind, ein recht nachdenkliches Gesicht. Denn wenn wir unsern Verstand
fragen nach dem, was er besitzt, nach dem, was er begriffen,
erkannt, verstanden hat von 10 der
Welt und von uns selbst, dann wird gerade ein scharfer und schneidiger
Denker sehr zurückhaltend sein mit der Behauptung, er besitze
Wissenschaft, er wird vielmehr
mit Sokrates die Sache umkehren
und sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß,11 und das ist dann gleichbedeutend mit dem
Bekenntnis des alten Kirchenliedes:
Das Vernunftlicht kann das Leben
Der Doktor Faust im Studierzimmer bei demselben Goethe ist die
lebendigste Illustration dafür.13
Und ebenso sind wir dran, wenn wir |634
auf das sehen, was unser Wille besitzt, d. h. was wir
getan haben in der Richtung auf das Gute hin. Gerade die Menschen, die es mit
sich selbst und ihrem Handeln ernst nehmen, werden keineswegs einmal mit
sich selbst zufrieden sein, werden immer wieder ihr Streben und Mühen
mangelhaft, unvollständig finden. Und so hat Niemand in irgend einer
Hinsicht Anlass, es sich im Hinblick auf seinen Besitz an
menschlicher Kultur genug sein zu
lassen. Denn wenn er sich ernsthaft besinnt darüber, wie es mit diesem
Besitzen steht, muss er sich sagen, dass da die Frage, die Lebensfrage, ob
wir vom Göttlichen, Ewigen durchdrungen sind, erst anfängt. – |
Der andre Irrtum, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen, ist von jenem ersten
das Gegenteil. Viele sehr ernste Christen meinen nämlich, das Göttliche zum
Menschlichen in einen sehr sonderbaren Gegensatz stellen zu müssen. Es tönt
von dieser Seite oft so, als ob Verstand und Wille, als ob das Streben nach
den ewigen Zielen gleichgiltig, indifferent, unzusammengehörig neben Gott
und seiner Offenbarung stünden. Als ob durch die Letztere eine Art
abgeschlossener Provinz in unserm innern Leben gebildet werde gegenüber der bösen
Welt, die man zwar nicht ignorieren darf, die aber doch nichts für sich
bedeutet und die man im Grunde geringschätzt. Da hört man dann oft Leute,
die wahrhaftig keinen Anlass dazu hätten, sehr mitleidig von Lessing, Schiller oder Goethe reden,
die bei allem Adel ihrer Gesinnung, bei aller Tiefe ihrer Weltanschauung,
bei allem Ernst ihres 11 persönlichen Lebens eben
doch nurr
gute Menschen gewesen seien, während man von jener
religiösen Sonderprovinz bei ihnen nicht viel höre. Ja, da muss man denn
doch allen Ernstes fragen, ob denn der Sinn der Religion ein anderer ist als
der, dass wir gute, brauchbare, innerlich wertvolle Menschen werden, ob es
wohlgetan |635 ist, da ein Nur davor zu
setzen, ob es am Ende besser wäre, das Stück Sauerteig für sich zu essen,
statt es in den drei Scheffeln Mehl verschwinden zu lassen, es darin zu
verbergen, wie es im griechischen Text des Gleichnisses heißt,14 und so mit seiner Hilfe
essbares Brot herzustellen?! Die Wirkung, die der Sauerteig im Mehl hat,
soll doch das Göttliche im Menschlichen haben: es soll das, wozu wir
angelegt sind, in uns zu wirklicher Entfaltung kommen, es soll tatsächlich
geschehen, dass wir strebend und erlebend mit dem Wahren,
Guten und Schönen immer mehr eins werden. Das will Gott von uns, und dazu
verhilft er uns, indem er uns nicht allein lässt, sondern sich uns
offenbart; aber das, was da aus uns werden soll, ist nicht ein Gegensatz zum
Menschlichen, sondern seine Erfüllung und Vollendung, wie es bei Jesus auch
war. Zum Bilde Gottes
schuf er ihn [Gen. 1,27],
und diese Bestimmung wird Wahrheit durch Gottes Offenbarung, wenn sie uns ergreift und
verwandelt.
C. F. Meyer hat
ein glückliches Bild für diesen Vorgang gefunden. Er schildert in einem
seiner Gedichte den Maler Michelangelo, diesen gewaltigen und trotzigen Geistesmenschen,
wie er in der sixtinischen Kapelle zu Rom mit seinen großen Linien fünfmal das Bild Gottes,
des Vaters entworfen und nun,
selber überwältigt von dem, was er geschaffen, mit dem Gegenstande seiner
Kunst Zwiesprache hält; aber nun vertauschen sich die Rollen, sein
scheinbares Geschöpf offenbart sich als sein Schöpfer:
Schaff mich – so betet der Künstler –,
ich bin ein Knecht der Leidenschaft –,
Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest du aus Ton,
Ich werde schon von härterm Stoffe sein,
Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon,
Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.
15
12 Ich bin der Stein! Wir Menschen mit unserm
starken oder schwachen Denken und Wollen, wir sind der Rohstoff, aus dem
Gott etwas machen will, aus jedem etwas Besonderes. Der Marmorblock, wie er
aus |636 dem Steinbruch kommt, ist noch kein
Denkmal – das bewahrt uns vor dem Irrtum, als brauchten
wir Gott nicht, um zu werden, was wir sein sollen. Aber aus dem
Marmorblock wird das Denkmal herausgearbeitet – das zeigt
uns, dass das Leben in Gott nicht etwas Anderes ist als die wirkliche
Gestaltung und Bildung unsres menschlichen Lebens.
Und dabei geht es nun tatsächlich so zu, dass eine an sich geringfügige
Wirkung Anlass wird zu dem unermesslichen Vorgang, dass ein Mensch in ein
reines, freies Wesen verwandelt wird. Das ist die wunderbare Wahrheit des
Himmelreichs, die Jesus im
Gleichnis schildert. Ein kleines Stück Sauerteig durchsäuert drei Scheffel
Mehl. Es ist gut, dass wir das wissen. Inmitten einer kleinen Gruppe
unbedeutender Menschen hat Jesus von dem Geheimnis des Himmelreichs, von dem
Geheimnis das wirklichen Lebens geredet. Eins ist nötig, hat er ihnen
gesagt, dass ihr völliges Vertrauen habt zu dem ewigen Gott und dass ihr ihm in völligem Gehorsam euren Willen dienstbar
macht. Aber je besser die, die mit ihm waren, aus seinen Worten und Taten
verstanden, worauf es ihm ankam, desto schwerer musste es sich auf ihre
Seele legen, ob denn solche Lebensgewissheit jemals durchdringen, siegen,
sich behaupten werde in den strudelnden Wassern des menschlichen Lebens. Sie
mussten ringsum Menschen sehen, die das Vertrauen ihres Herzens und den
Gehorsam ihres Willens ganz andern Dingen widmeten als dem ewigen Gott,
Menschen genug, die direkt andre, entgegengesetzte Wege einschlugen als
Jesus. Und das waren die Mächtigen, die Ausschlaggebenden, die große Masse.
Musste es ihnen nicht wie grausamer Hohn erscheinen, wenn Jesus ihnen sagte:
Ihr sollt Salz und Licht der Erde sein? [vgl. Mt. 5,13f.] Und musste nicht auch das Wenige von
Hoffnung und Optimismus in ihnen verschwinden in Augenblicken, wo sie
erkannten, wie wenig Wirkungskraft in ihnen selbst war, in Augenblicken wie
dem, wo es von Petrus heißt: er
ging hinaus und weinte 13 bitterlich? [Mt. 26,75] Und versank
schließlich nicht Alles in Nacht und Grauen, als Jesus von ihnen ging,
inmitten seiner Richter und seiner Henker, einem schmachvollen Tode
entgegen? Gegenüber all diesen gewaltigen Hindernissen ist das Himmelreich schließlich doch
durchgedrungen. Es hatte jene Männer von Galiläa erfasst, den einen in dieser, den andern in
jener Stunde, als ihm ein Wort, ein Blick, eine Tat Jesu die Herrlichkeit
Gottes offen|637barte, und der wirksame Sauerteig, der da in die drei
Scheffel Mehl gemengt worden, das Leben, das in ihrem Herzen und Kopf
erwacht war, die waren daraus nicht mehr zu entfernen. Jesus konnte sterben,
aber seine letzten Stunden wirkten in ihnen zugleich den letzten und
überwältigendsten Eindruck von dem Gottesgehorsam, der in ihm war. Und dieser
letzte Eindruck war der erste, der nach allen Enttäuschungen wieder wirksam
wurde in ihnen. Der Sauerteig drang durch, der gekreuzigte Meister stand
als der Auferstandene vor ihrem innern Auge: Ich lebe, und ihr sollt
auch leben [Joh. 14,19].
Sein Werk kann niemand hindern,
Sein Arbeit darf nicht ruhn,
Wenn er, was seinen Kindern
Ersprießlich ist, will tun.
16
Petrus konnte verleugnen [vgl.
Mt. 26,69–75], Thomas konnte zweifeln
[vgl. Joh. 20,24–31], aber der Sauerteig
des Himmelreichs ließ sie nicht los. Es schlummerte in ihnen etwas, was
größer war als sie selbst; dem konnten sie wohl aus Dummheit oder Bosheit
eine Weile widerstehen wie Kinder der führenden Hand des Vaters. Der stille
und doch so übermächtige Einfluss des Menschen Jesus, der in seiner tiefsten
Erniedrigung gerade zur Riesengröße aufwuchs, er hat sie begleitet, bis sie
in die Knie sinken mussten: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich
dich liebhabe! [Joh. 21,17] Mein Herr und mein Gott! [Joh. 20,28], bis der lebendige Gott, der sie so leise angefasst, sie
besiegt hatte und bis sie nun in der Kraft dieses lebendigen Gottes selber
als Sieger dastanden über ihre eigene Schwachheit und über den Widerstand
der stumpfen Welt.17
Denn die Welt, die Mächtigen und die Zahlreichen, die Juden und die Römer, die konnten wohl stumpf und feindselig sein,
der 14 Sauerteig, der in das Zusammenleben der
Menschen hineingekommen war, konnte daraus nicht mehr beseitigt werden. Die
Tatsache konnte nicht mehr weggestrichen werden, dass ein Mensch wie Jesus
einmal dagewesen war und dass eine Handvoll Menschen von ihm ergriffen |638 waren und wie er den Sinn des Lebens
darin fanden, Gott zu vertrauen und Gott gehorsam zu sein. Es ist bei der
Auslegung der Gleichnisse vom Senfkorn, das zum Baum wird [vgl. Mk. 4,30–32
par.], und vom Sauerteig, der drei Scheffel Mehl durchdringt, oft
geschildert worden, wie die Kraft Gottes im Evangelium
sich entfaltet hat durch die Völker,
wie sie das Suchen und Ahnen der Griechen, der Römer, der Germanen zur Wahrheit werden ließ, befreite,
reinigte. Es kann dies nur mit Vorsicht der Sieg des
Christentums genannt werden;
die Christen und das Christentum waren oft genug ferne von der Hoheit
Christi, aber es war der Sieg Gottes, der die Christen, wie sie waren, als
Werkzeuge
brauchte, um das Reich der
Gerechtigkeit und Liebe unter den Menschen aufzurichten, um in aller Welt
die Schöpfung zu vollenden, die
Wahrheit und Güte wirklich
werden zu lassen, zu der er jedes Wesen bestimmt.
Was die ersten Jünger gesehen und
erlebt, das sprang durch ihr Zeugnis wie ein elektrischer Funken auf andre
über. Wie er gewirkt hat, sehen wir an Saulus, der ein Paulus wurde. Ein Eiferer, ein
jüdischer Schriftgelehrter, ein energischer, oft gewaltsamer Mensch war er,
und er ist es auch als Jünger Jesu geblieben. Nicht ein Zerstörungswerk ist
seine geistige Neugeburt gewesen, sondern eine Indienststellung, eine
Mobilmachung seines Denkens und Wollens für den heiligen Krieg Gottes. Als der
er war, konnte und wollte ihn Gott brauchen und hat es getan, indem er ihm
an dem Tage von Damaskus die
neue Zielrichtung, das Vertrauen und den Gehorsam in die Seele senkte [vgl.
Act. 9,1–19
par.]. Ganz anders scheinbar geht es zu, wenn ein Franz von Assisi zum
Jünger Jesu, zum lebendigen Menschen wird. Er ist und bleibt der heitere,
lebensfreudige Italiener, der mit lautern, naiven Augen die Welt in sich
aufnimmt; was verschwindet, ist nicht seine Anlage, sein glücklicher,
optimistischer Charakter, wohl aber das, was ihm angehangen hatte, die
Gleichgiltigkeit, der Stumpfsinn, die Oberflächlichkeit. Die Welt 15 ist für ihn nun wirklich schön, weil er in der
Nachfolge Jesu gelernt hat,
dass sie die Welt Gottes ist, des Vaters, der uns liebt, so dass wir gar nicht anders können, als
wieder lieben. Da ist Calvin, dieser durch und durch französisch,
d. h. individuell lebhaft und sicher, aber kalt-logisch empfindende und
denkende Christ und Theologe. Da ist Luther, der das Evangelium nicht nur auf der Wartburg, sondern zuerst und vor
allem in seiner eigenen |639 Person aus etwas fremdartig
Äußerlichem in deutsches innerlichess
Leben und Erleben übersetzt hat. Und da sind so viele Andre, Bekannte
und Unbekannte, Große und Kleine, bewusste und unbewusste Christen, die
jeder in seiner Weise Gott gefunden, jeder in seiner Weise zu Zeugen des
Lebens wurden und doch alle geeinigt und innerlich verbunden durch den
Geist, den Strom, der uns vom Sohne
Eröffnet und kristallen rein
Von Gottes und des Lammes Throne
In stille Herzen fließt hinein.
18
Und wo dieser Geist in stille Herzen floss – wer zählt
und beschreibt die Rinnsale, die er nehmen kann? –, da begann aus dem
Rohstoff des Menschen und seiner Art das Bild hervorzutreten, das darin
geschlummert, und Form anzunehmen unter dem Hammer und Meißel des großen
Künstlers. Er begann christusmäßig zu werden; in seinem Innern legten sich
die Wogen der Wünsche und Befürchtungen, der Aufregungen und Mattheiten, und
es wurde klar vor seinen Augen, und er spürte es, dass die Gerechtigkeit
und die Liebe den
Sinn des Lebens ausmacht und sonst gar nichts. Und diese Veränderung spürte
man sofort auch draußen in seinem Tun und Leben. Vielleicht ohne dass er
apart anfing, anders zu reden und zu handeln, aber jedenfalls wurden Ton und
Stimmung und Bedeutung in seinem Verkehr mit den Menschen anders. Wer Liebe
erfahren hat, indem Gottes Licht in ihm angezündet ist, der kann nicht
lieblos sein; wer innerlich sicher geworden ist, weil er in dem ewigen Grund
Anker geworfen, der kann nicht durch sein Verhalten Unsicherheit und
Verwirrung unter den Menschen stiften; wer durch die 16
Offenbarung der Wahrheit frei geworden ist, der kann
nicht unwahrhaftig und unlauter mit den Menschen sein und dadurch
Unfreiheit, Beschränktheit und Gebundenheit um sich verbreiten. Sondern wo
der Sauerteig ist, da wirkt er. Wo einer den neuen Menschen angezogen hat, wie Paulus sagt [Eph. 4,24], da liegt um ihn her
ein unbegrenztes Wirkungsfeld. Das Himmelreich
|640 hat kein Ende, es kann sich nicht erschöpfen in
seiner Tätigkeit. Des Menschen Bestimmung ist es, christusmäßig zu werden, und dies
Werden ist nicht eine hoffnungslose Aufgabe, nicht ein schönes, utopisches
Ideal, denn Christus ist da, der Mensch, der seine Bestimmung
erfüllte, ist in der Menschheit dagewesen, er ist in den Kreis unsres Lebens
eingetreten und kann nicht mehr daraus verschwinden, sondern erfüllt sein
Werk gestern, heute und in Ewigkeit [vgl. Hebr. 13,8]. So kommen wir wieder darauf hinaus, dass
Alles, was wir unter dem Worte Glauben verstehen, darin besteht, dass wir, wie Tersteegen sagt,
still und froh Gottes Strahlen fassen
Bildhauer Gott! Schlag zu! Ich bin der Stein. Darauf
kommt’s an.