<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53053">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 51</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 13,13</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 13,13, 23. Oktober 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53053 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53053</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 51: Predigt: Matthäus 13,13</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">53</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 13,33, 23. Oktober 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1494">KBA 1029</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1910-10-23">23. Oktober 1910</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon"> 
                <pb xml:id="p624" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>51</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, den <date when="1910-10-23">23. Oktober
                            1910</date> <date rend="right">(22. Sonntag nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.33">Matthäus 13,33</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">(Jesus sprach:)</hi> Das
                                        Himmelreich ist gleich einem Stück Sauerteig, das eine
                                        Frau nahm und ließ es verschwinden in drei Scheffeln
                                        Mehl, bis das Ganze durchsäuert war.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
            </div>
            <div type="main">
                <p>Zur äußern Erklärung dieses Gleichnisses brauche ich wohl nicht viele Worte
                    zu machen. Es schildert uns ein Stück häuslichen Lebens, das auch auf der
                    primitivsten Stufe der Kultur bekannt ist, eine Verrichtung, die den
                    Menschen aller Völker zu allen Zeiten gemeinsam ist, den Vorgang der
                    Brotbereitung. Ein Zug versetzt uns vielleicht in etwas andere Verhältnisse,
                    als es unsre städtischen in der Regel sind, dass es nämlich gerade eine Frau
                    ist, die wir da an der Arbeit sehen. Gemeint ist natürlich eine Hausfrau,
                    eine Familienmutter – man hat schon den niedlichen Gedanken
                    ausgesprochen, Jesus erzähle da eine Jugenderinnerung an das Tun seiner
                    eigenen Mutter <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName>. Jedenfalls
                    ist die Voraussetzung dieses Zuges die, dass das Brotbacken von jedem
                    Hausstand für sich besorgt wird, wie es im damaligen Israel der Fall war und
                    wie wir es auch heute bei den Bauern überall da sehen, wo die alte Sitte
                    sich einigermaßen erhalten hat. Und im Nähern wird es sich in den untern und
                    mittlern Ständen von selbst gegeben haben, dass die Mutter in einer Familie
                    dies Geschäft besorgt hat. Umso mehr konnte Jesu Bild auf allgemeines
                    Verständnis <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> rechnen. Drei Scheffel sind ungefähr
                    20 Liter. Bei der damaligen einfacheren Lebensweise, wo das Brot, wenn nicht
                    das einzige, so doch das Hauptnahrungsmittel war, war das der Bedarf einer
                    Familie mit Knechten, Mägden und Gästen für einen Tag. Dazu kommt ein Stück
                    Sauerteig, wieviel braucht nicht erst gesagt zu werden, im Verhältnis zu den
                    drei Scheffeln Mehl verstand sich das für die Zuhörer von selbst. Jesus
                    meinte die neben jenem verschwindend kleine Masse, die vielleicht für
                    mehrere Tage im Voraus abgewogen und bereitgehalten wurde. Die kommt nun in
                    den Mehlteig, sie verschwindet darin so vollständig, wie nur immer mög<pb xml:id="p625" ed="pga" break="no"/>lich ist, er bleibt derselbe, kaum dass sein Gewicht
                    und Aussehen um ein Geringes verändert wird. Und doch ist er nicht mehr
                    derselbe. Denn durch das Geringfügige, das hinzugekommen ist, sind die
                    Kräfte der Gärung in ihm entbunden. Die wirksame Natur setzt bei der
                    Begegnung der verwandten Elemente das Ganze um in eine neue Substanz. Der
                    Geschmack des Sauerteigs ist verschwunden, dafür ist nun das Ganze
                    durchsäuert. Die Entwicklung von Gasen, die diesen Prozess begleitet, lässt
                    das Brot aufgehen, und es wird aus einer indifferenten und
                    schwerverdaulichen Masse zu einer wohlschmeckenden und nahrhaften Speise.
                    Das erlebt eine Hausfrau hundert und tausend Mal, sie weiß nicht,
                        <hi rend="italic">wie</hi> es geschieht, sie kennt die Regeln der wirksamen Natur
                    nicht in ihrem innern Zusammenhang, aber sie weiß, <hi rend="italic">dass</hi> es
                    geschieht. Dies alltägliche Ereignis ist merkwürdig genug, wollte Jesus
                    sagen, hier ist ein Wunder, nehmt es an! Man mag zur Erklärung des Wie? hier
                    wie beim wachsenden Samenkorn chemische und physikalische Beschreibungen
                    herbeibringen. Hinter allen Beschreibungen des Wie? steht doch ein
                    unerklärliches <hi rend="italic">Dass</hi>, die Tatsache, dass es geschieht. Und darum
                    behält der kleine Vorgang auch im Lichte der fortgeschrittensten
                    Wissenschaft die, wenn ihr mich recht verstehen wollt, übernatürliche
                    Bedeutsamkeit, die er für Jesus hatte. Das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> ist dem gleich, sagte er, und
                    darüber wollen wir uns nun besinnen.</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Wir folgen wieder dem Grundsatz, den wir schon
                    die letzten Male angewendet haben, und suchen das Gleichnis zunächst aus
                    Jesu eigenem innern Leben heraus zu verstehen. Was im Rahmen des
                    Gleichnisses über das <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>Wirken des Reiches<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «Reich».</note>
                    <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> unter den Menschen zu
                    sagen ist, können wir hier am Sichersten entnehmen. Denn wie wir die Werke
                    der großen Dichter nur im Zusammenhang mit den Strömungen, und Schicksalen
                    ihres innern Lebens richtig zu erklären vermögen, so <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>müssen
                        wir<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb" target="fn-b"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «darf
                            man».</note>
                     auch einen religiösen Gedanken, welcher Art er auch sei, niemals als
                    etwas Abstraktes, Unpersönliches, in der Luft Schwebendes hinnehmen, sondern
                    als Erzeugnis und Spiegelbild des <pb xml:id="p626" ed="pga"/> Menschen, der ihn
                    gedacht und ausgesprochen. <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>Worte sind tot<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, Menschen sind lebendig.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig</hi>. Der Vergleichspunkt
                    zwischen beiden besteht darin, dass hier wie dort ein Kleines, Geringfügiges
                    ein andersartiges Großes ergreift, durchdringt, verwandelt. Dort
                    sind’s die drei Scheffel Mehlteig, hier ist’s der Mensch, die
                    Menschheit, die ergriffen und verwandelt werden. Aus Jesu Jugendzeit, die
                    für uns in all ihren Einzelheiten in Dunkel gehüllt ist, ist uns
                        <hi rend="italic">eine</hi> Geschichte überliefert, die uns bereits den Grundzug
                    seines innern Lebens ahnen lässt, die Geschichte vom Zwölfjährigen im
                    Tempel. Wie ihn Vater und Mutter dort nach angstvollem Suchen entdecken, da
                    antwortet er ihnen freimütig: Muss ich nicht sein in dem, was meines Vaters
                    ist? [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.49">Lk. 2,49</ref>] Dieses
                        «<hi rend="italic">Ich muss</hi>» war der wirksame Sauerteig in seinem Dasein.
                    Keimartig, konzentriert, ihm selber kaum bewusst, muss in ihm eine Lebens<hi rend="italic">erkenntnis</hi><note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, ein Lebens<hi rend="italic">wille</hi> gelegen sein, der sein
                    Fühlen und Streben vom Scheinbaren und Vergänglichen ab- und auf die
                    verborgenen Wurzeln des Ewigen im Dasein hinlenkte. Er ist ein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, wahrer Mensch">Mensch</term> gewesen,
                    genau in dem Sinn wie jedes von uns auch, das müssen wir vor Allem
                    festhalten und dürfen uns nichts davon abmarkten lassen, auch nicht, wenn
                    man uns sagt, seiner Würde und Bedeutung entspreche es, dass er etwas
                    Anderes gewesen sei als wir. Das Gegenteil ist richtig: Weil er ein Mensch
                    gewesen ist wie wir, hat er Bedeutung für uns, während wir uns unter einem
                    auf Erden wandelnden Gott oder Halbgott ehrlicherweise nichts denken und
                    also auch nichts von ihm haben könnten. Er hat Gedanken gehabt und Willen
                    und Gefühl, er hat gearbeitet und geruht, gezürnt und sich gefreut, gesorgt
                    und gejubelt, geweint und <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> gelacht, Alles das
                    nicht wie ein Engel, nicht wie ein Himmelswesen, nicht wie ein von einem
                    fernen Stern auf unsre Erde gekommener Prinz, sondern gerade wie wir, als
                    ein schlichtes Menschenkind. Aber in alledem war als bestimmendes und
                    beherrschendes Element jenes «<hi rend="italic">Ich muss</hi>». In dem Allem, was ich
                    lebe und erlebe, muss ich Gott die Ehre geben, ihm zu gehorchen muss der
                    Zweck und Inhalt meines Lebens sein, ganz anders als die andern, nicht als
                    ein Knecht, der gehorcht um des Lohnes willen, <pb xml:id="p627" ed="pga"/>
                    <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>das ist vor Gott schlimmer als Ungehorsam<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, sondern als Sohn, der in freier Liebe nicht anders kann als des
                    Vaters Willen tun. Diese innere Notwendigkeit war der Sauerteig des <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreichs</term>, der Jesu
                    menschliches Leben umwandelte zu dem, was es geworden ist. Wir können kaum
                    mehr ausmachen, wann und wie dieser Sauerteig als ein kaum bewusster Gedanke
                    in Jesu Seele getreten ist, wo der unscheinbare Anfang seines großen
                    Gottesgehorsams zu suchen ist. Es muss ein Moment oder es müssen Momente
                    gewesen sein, wie Propheten, Dichter, Künstler sie schildern als die Momente
                    der Inspiration und <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, Momente, wo aus dem Urgrund des Daseins ursprüngliche
                    Lichtstrahlen sich ergossen in die Schattenwelt des Alltagslebens,<note xml:id="n01">Zu dieser Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> «Höhlengleichnis» vgl. oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n05">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> nur
                    unendlich viel umfassender und eindringender als bei allen Andern, weil es
                    sich hier nicht um diese oder jene Wahrheit oder Schönheit des Lebens
                    handelte, sondern um das Leben als Ganzes, um Sinn und Wert und Inhalt des
                    Daseins zwischen Geburt und Tod, nicht für einige ästhetische oder religiöse
                        Virtuosen<note xml:id="n02">Von «Virtuosen der Religion»
                        spricht <bibl corresp="kbga-bibls-212">
                                <persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>,
                            <hi rend="italic">Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren
                            Verächtern</hi> (1799), Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 2,
                        hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1984, S. 185–326,
                        Zitat S. 278,25; vgl. auch dort S. 190,15 und S. 285,11.27</bibl>.<term type="Sachen" key="Religion, religiöse Virtuosen"/>
                        </note>, sondern
                    für jedermann, denn nicht als seine persönliche fromme Spezialität, sondern
                    als das Normal-Menschliche hat Jesus jenes «ich muss» empfunden. Was er sein
                    musste, das mussten und sollten die Menschen Alle sein. Nicht eine
                    Privatsache oder Sektensache ist der neue Gottesgehorsam, der in ihm war,
                    sondern die Sache des Reiches, in dem die Sonne nicht untergeht, weil es so
                    weit ist als der Himmel. Wie der Sauerteig wirken <hi rend="italic">muss</hi> auf die
                    verwandten Elemente, so hat der Gottesgehorsam in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Jesus</term> sofort seine Universalität
                    und Allgemeingiltigkeit bewährt, zunächst in ihm selbst, <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> seinem menschlichen Wesen, Denken und Tun gegenüber. Er konnte
                    nicht ein Element neben andern sein in seinem Bewusstsein, wie es bei unsrer
                    Frömmigkeit so oft der Fall ist. Er musste Alles Andre – nicht
                    austilgen, aber ergreifen und durchsäuern. Sein Ernst und seine Freude,
                    seine Ruhe und seine <pb xml:id="p628" ed="pga"/> Leidenschaft, sie werden
                    verklärt, geheiligt, vergöttlicht. Alles Menschliche wird in ihm zu der
                    Reinheit erhoben und verwandelt, die ihm als <term type="Sachen" key="Schöpfung">Schöpfung</term> Gottes ursprünglicherweise eigen sein
                    sollte. In ihm kam zum Durchbruch, was <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>die Sage<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     auf dem ersten Blatt der Bibel tiefsinnig berichtet: Gott schuf den
                    Menschen nach <hi rend="italic">seinem</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, imago Dei">Bilde</term> [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>], und darum steht Gott
                        <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>bei Jesus dem<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «den».</note>
                     Menschen nicht gegenüber als eine ferne Welt- und Naturmacht, sondern
                    als sein<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift verbessert aus: «ihr».</note>
                     Vater, als der überlegene, gute Geist, der in der Menschheit war und
                    ist und sein wird. Wenn <hi rend="italic">wir</hi> in unser eigenes Herz sehen, dann
                    müssen wir zweifeln an diesem Gedanken und müssen auch in unsern besten
                    Augenblicken mit dem Zöllner im Tempel abseits gehen und sagen: Gott, sei
                    mir Sünder gnädig [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.13">Lk. 18,13</ref>]. Aber wenn Jesus, der ein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, wahrer Mensch">Mensch</term> war wie wir, in sein
                    Herz sah, dann war da, wie er im Gleichnis sagt, das Ganze durchsäuert, der
                    Gottesgehorsam war da das Universale und Giltige, er <hi rend="italic">war</hi> der
                    Mensch nach Gottes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, imago Dei">Bild</term>, und darum konnte er ohne Überhebung von sich sagen: Wer
                    mich sieht, der sieht den Vater [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.9">Joh. 14,9</ref>]. Wir dürfen aber nicht daran zweifeln, dass
                    diese Durchdringung des Menschlichen in ihm durch das Göttliche auch bei ihm
                    ein allmähliches Geschehen war, nicht etwas Angeborenes, nicht ein
                    Naturzustand. Nicht mit einer selbstverständlichen Sündlosigkeit haben wir
                    es zu tun, <anchor type="note" xml:id="fn-i"/>wie es nach den Formeln der alten
                        Kirchenlehre<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni" target="fn-i"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                    <term type="Sachen" key="Lehre, Kirchenlehre"/> aussieht<note xml:id="n03">Vgl. etwa aus dem <hi rend="italic">Symbolum
                            Chalcedonense</hi> (451): «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">καὶ ὁμοούσιον
                            ἡμῖν τὸν αὐτὸν κατὰ τὴν ἀνδρωπότητα, κατὰ πάντα ὅμοιον ἡμῖν χωρὶς
                            ἁμαρτίας</foreign>»; «und der Menschheit nach uns wesensgleich, in
                        allem uns gleich außer der Sünde» (<bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 301</bibl>).</note> – ich <anchor type="note" xml:id="fn-j"/>gestehe offen, dass ich in diesem Fall kein Interesse an Jesus
                        hätte<note type="textcritical" n="j" xml:id="nj" target="fn-j"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note> –, sondern mit einem fortschreitenden Sieg über die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, mit einem Wachsen und Zunehmen.
                    Das wird uns in der Geschichte vom Zwölfjährigen ausdrücklich gesagt, das
                    ahnen wir aus der Geschichte seiner Versuchung 
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.1 Mt.4.11">Mt. 4,1–11</ref> par.],
                    das wissen wir aus dem Kampf, den er mit seinen menschlichen Gedanken <pb xml:id="p629" ed="pga"/> und Wünschen in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> gekämpft hat [vgl.
                    Mk. 14,32–36 par.]. Die Wirksamkeit des göttlichen Sauerteigs ist ein
                    Vorgang, nicht ein <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Zustand, sie war es auch bei
                    Jesus. <anchor type="note" xml:id="fn-k"/>Auf dem Konzil von <term type="Sachen" key="Konzilien, Chalcedon 451">Chalcedon</term> im Jahre 451 ist der
                    Satz aufgestellt und zur offiziellen Lehre erhoben worden, das Verhältnis
                    des Göttlichen zum Menschlichen in Jesus sei so zu denken, dass zwei <term type="Sachen" key="Zwei-Naturen-Lehre">Naturen</term> sich in seiner
                    Person zu untrennbarer und doch unvermischter Einheit verbunden hätten<note type="textcritical" n="k" xml:id="nk" target="fn-k"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>.<note xml:id="n04">Vgl. a.a.O. (<bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 302</bibl>): «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐν δύο φύσεσιν ἀσυγχύτως, ἀτρέπτως, ἀδιαιρέτως,
                            ἀχωρίστως</foreign>»; «in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich,
                        ungetrennt und unteilbar».</note> Das ist sehr scharfsinnig und
                    vorsichtig gedacht, aber der Scharfsinn der Theologen hat sich hier doch
                    eine unfruchtbare Aufgabe gestellt. Denn <anchor type="note" xml:id="fn-l"/>eine solche
                    Behauptung von zwei Naturen hätte uns nichts zu sagen, auch wenn wir uns
                    etwas dabei denken könnten<note type="textcritical" n="l" xml:id="nl" target="fn-l"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, wohl aber hat uns das menschliche Charakterbild Jesu etwas zu sagen,
                    weil es nicht etwas behauptet, sondern uns zeigt und überführt, wie Gott die
                    Macht werden kann in einem Menschenleben, wie das Ewige das Zeitliche
                    – nicht unterdrückt und an die Wand schiebt, aber erneuert,
                    durchdringt, erhebt, es selber ewig macht.</p>
                
                <p rend="margin-top">Und damit sind wir schon beim Andern: In Jesus ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> wirksam zu den
                    Menschen gekommen. <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> hat
                    das so ausgedrückt: Das Urbildliche ist in Jesus geschichtlich
                        geworden,<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-256">
                                <persName ref="kbga-actors-360">Fr. D. E. Schleiermacher</persName>, <hi rend="italic">Der christliche Glaube nach den
                            Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt.
                            Zweite Auflage (1830/31)</hi>, Teilbd. 2, Kritische Gesamtausgabe,
                        Abt. 1, Bd. 13/2, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 41 (§ 93,
                        Leitsatz)</bibl>: «Soll die Selbstthätigkeit des neuen Gesammtlebens
                        ursprünglich in dem Erlöser sein und von ihm allein ausgehen: so mußte
                        er als geschichtliches Einzelwesen zugleich urbildlich sein d.h. das
                        urbildliche mußte in ihm vollkommen geschichtlich werden, und jeder
                        geschichtliche Moment desselben zugleich das urbildliche in sich
                        tragen.»</note> d. h. der Mensch, wie er sein sollte, ist als eine nicht
                    mehr auszulöschende Tatsache in das geschichtliche Leben der Menschheit
                    eingetreten. Der Sauerteig des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gottesgehorsams</term>, der ihn zu dem
                    machte, was er war, musste weiterwirken, treiben, befreien, erlösen. Von dem
                    einen Men<pb xml:id="p630" ed="pga" break="no"/>schen sind Ströme lebendigen Wassers
                    ausgegangen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.7.38">Joh. 7,38</ref>] nach allen Seiten. Was in ihm geschah, der Sieg des
                    Unvergänglichen über das Vergängliche, die Durchdringung des Menschen mit
                    Gott, das hat sich tausendfältig erneuert und wiederholt seit den kurzen
                    Jahren und Tagen, da er selbst in dieser Gesinnung über die Erde ging; und
                    wo Leben entstehen soll, da muss sich dieser Sieg und diese Durchdringung
                    vollziehen.</p>
                <p> Vor einigen Wochen hat der bekannte <placeName ref="kbga-places-138">Karlsruher</placeName> Professor <persName ref="kbga-actors-99">
                            <hi rend="italic">Arthur Drews</hi></persName>, der behauptet, Jesus habe
                    überhaupt nicht gelebt,<note xml:id="n06">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-1391"> A. Drews,
                            <hi rend="italic">Die Christusmythe</hi>, Jena 1909</bibl>; vgl. auch oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p385#p385">S. 385f.</ref></note> in Bern einen Vortrag
                    gehalten, und nach einem Zeitungsbericht darüber, der mir vorlag, scheint er
                    besonders auf den Gedanken Gewicht gelegt zu haben, Gott sei nichts Anderes
                    als der Mensch selbst, der Jesus, der in uns lebe, sei das Ideal des
                    Menschen, das wir in uns trügen; in <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> diesem Sinn
                    könne schließlich jeder mit <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                    sagen: Ich lebe, aber nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.20">Gal. 2,20</ref>], und die wahre
                    Erlösung sei die Selbsterlösung.<note xml:id="n07">Der
                        Zeitungsartikel konnte nicht ermittelt werden. <persName ref="kbga-actors-99">Arthur Drews</persName> war im Herbst 1910
                        zu Vorträgen in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> und
                        in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>; in Zürich sprach er
                        – in Anwesenheit des ihm in der Diskussion widersprechenden
                        <persName ref="kbga-actors-330">Leonhard Ragaz</persName>
                        – zum Thema: «Lebt Jesus, und in welchem Sinne?» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1769">
                                M. Mattmüller,
                            <hi rend="italic">­Leonhard Ragaz und der religiöse Sozialismus. Eine
                            Biographie</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Die Entwicklung der Persönlichkeit
                            und des Werkes bis ins Jahr 1913</hi>, Zollikon 1957,
                        S. 172f</bibl>.</note>
                    <anchor type="note" xml:id="fn-m"/>Die Grenze zwischen Richtigem und Unrichtigem ist manchmal
                    sehr schmal in den Fragen des religiösen <term type="Sachen" key="Religion, schmale Grenze zwischen Richtigem und Falschem">Lebens</term>, und sie hat die Eigentümlichkeit, wie sie sich auf
                    andern Gebieten in dieser Weise nicht findet, dass auch der kleinste Schritt
                    von diesseits nach jenseits sofort in das Gebiet des abenteuerlichsten und
                    gefährlichsten Irrtums führt<note type="textcritical" n="m" xml:id="nm" target="fn-m"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Drews hat diesen Schritt über die Grenze in charakteristischer Weise
                    getan. Das Wort und der Gedanke, der im Munde des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> die tiefste Wahrheit des christlichen <term type="Sachen" key="Wahrheit, des christlichen Glaubens">Glaubens</term>
                    ist, wird im Munde <persName ref="kbga-actors-99">Drews’</persName> zu einer platten, oberflächlichen Torheit. Denn
                    das ist doch gerade die Schwierigkeit, in der wir uns befinden, dass wir uns
                    selber nicht erlösen <hi rend="italic">können</hi>, sonst würden wir es doch wohl tun.
                    Gewiss ist es wahr:</p>
                
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p631" ed="pga"/> Vor jedem steht ein Bild dess’, was er werden soll.</l>
                <l>Solang’ er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.<note xml:id="n08">Aus <bibl corresp="kbga-bibls-2800">«Zahme Xenien. Angereihte Perlen» von <persName ref="kbga-actors-1398">Fr.
                        Rückert</persName> (ders., Werke, Leipzig / Wien 1897, Bd. 2, S. 42–46, dort
                        S. 45)</bibl>.</note>
                            </l>
                </lg>
            </q>
                <p rend="margin-top">Aber dass dieses Idealbild, das vor unsrer Seele steht,
                    erlösende Wirkung auf uns hätte, das kann man nicht sagen, es führt uns
                    vielmehr in den Zwiespalt hinein zwischen Wollen und Können, es ist ein
                    Stück von dem, was Paulus das <term type="Sachen" key="Gesetz">Gesetz</term>
                    nannte; gerecht machen kann es uns nicht, nur als Zuchtmeister dienen in dem
                    schmerzlichen Sinn, dass es die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>
                    in uns erst recht offenbar werden lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.24">Gal. 3,24</ref>]. Wir dürfen uns das Wohnen Gottes in unserm
                    Herzen nicht als eine naturmäßige Selbstverständlichkeit denken, wie es bei
                    Drews geschieht. Es würde darin eine Überhebung liegen, die als Heuchelei
                    und Selbsttäuschung ein fatales Ende nehmen muss. Paulus hat darüber viel
                    vorsichtiger gedacht: der «Christus in uns», von dem er redet, ist nicht ein
                    Idealbild, das jeder ohne Weiteres hat, sondern etwas, was uns geschenkt
                    werden muss, etwas, von dem es noch beim Gefördertsten in jedem Augenblick
                    heißen muss: Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte… [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12">Phil. 3,12</ref>], also etwas, was
                    größer und weiter ist als wir selbst, was außer uns, über uns ist, so gewiss
                    es in uns Wahrheit werden soll. Und so sicher wir Gott nur dann kennen und
                    haben, wenn er sich in unserm eigenen Innern offenbart <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> hat, so sicher beruht die Gewissheit und Aufrichtigkeit unsrer
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> darauf, dass
                    dieser Gott größer ist als unser Herz [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.3.20">1.Joh. 3,20</ref>], dass er nicht das kümmerliche
                    Idealprodukt ist, das wir aus den Tiefen unsrer eigenen Seele etwa
                    hervorspinnen können, nicht das Bild, das wir uns geschaffen zu unsrer <term type="Sachen" key="Erbauung">Erbauung</term>, sondern der, der uns
                    geschaffen zu seinem Bilde. Von diesem Gott aber werden wir nicht so
                    leichthin selbstverständlich sagen, dass er in uns ist, wenn wir anders von
                    den Pharisäern gelernt haben, wie man’s nicht machen soll, sondern
                    wir werden, wenn’s wahr ist, dankbar bekennen, dass er vor uns steht,
                    dass wir ihn zu ergreifen suchen, nachdem wir von ihm ergriffen sind [vgl.
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12">Phil. 3,12</ref>]. <anchor type="note" xml:id="fn-n"/>Denselben Fehler, den die orthodoxe <term type="Sachen" key="Lehre, Kirchenlehre">Kirchenlehre</term> in Bezug auf Christus
                    begangen hat, begehen <persName ref="kbga-actors-99">Drews</persName>
                    und seine Gesinnungsgenossen in Bezug auf uns Menschen<note type="textcritical" n="n" xml:id="nn" target="fn-n"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>: die Vereinigung des Göttlichen und <pb xml:id="p632" ed="pga"/>
                    Menschlichen wird als ein <term type="Sachen" key="Zwei-Naturen-Lehre">Naturzustand</term> betrachtet, als etwas, was schon da ist. Wenn es so
                    wäre, so müsste unser Gleichnis lauten: Das Himmelreich ist gleich drei
                    Scheffeln Mehl, die waren von sich selbst durchsäuert. Es liegt auf der
                    Hand, dass das Unsinn wäre. Eigenes inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term>, Sicherheit und Bestimmtheit unsres
                    Daseins, Leben mit Gott und in Gott, das ist nicht da, das haben wir nicht
                    ohne Weiteres, sondern das muss in uns <hi rend="italic">werden</hi><note type="textcritical" n="o" xml:id="no"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>. Es muss durch die Offenbarung der Macht, die größer ist
                    als wir, in uns <hi rend="italic">entstehen</hi><note type="textcritical" n="p" xml:id="np"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>, wir sollen nicht bleiben, was wir sind, sondern wir
                    sollen uns <anchor type="note" xml:id="fn-q"/>
                        <hi rend="italic">durchdringen lassen</hi><note type="textcritical" n="q" xml:id="nq" target="fn-q"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         von dem, was wir noch nicht sind, wie die drei Scheffel
                    Mehl vom Sauerteig.</p>
                <p>Davon ist nun zu reden. Zuerst von dem, was durchdrungen werden soll, vom
                    Menschen, von der <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term>.
                    Vor zwei entgegengesetzten <hi rend="italic">Irrtümern</hi> gilt es sich hier zu
                    hüten. – |</p>
                <p>Von dem einen war eben die Rede: der Mensch sei schon göttlich, er brauche
                    die Durchdringung gar nicht erst, er habe seine <term type="Sachen" key="Vernunft">Vernunft</term>, seinen Willen, er erkenne die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, strebe nach dem Guten und
                    Schönen und habe so Alles, was er innerlich bedürfe. Antwort: Schön, wenn es
                    so ist, aber ist es denn auch wahr? <hi rend="italic">Brauchen</hi> wir denn unsre
                    Vernunft? <hi rend="italic">Üben</hi> wir unsern Willen? <hi rend="italic">Streben</hi> wir
                    aufrichtig und anhaltend nach dem Wahren, Guten und Schönen?<note xml:id="n09">Zur Verwendung dieser Trias als kultureller
                        Leitidee im 18. und 19. Jahrhundert vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p140#fn_n03">S. 140, Anm. 3</ref>.</note>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> oder steht es nicht so, dass hier das schwere
                    Problem des innern Lebens erst anfängt? Ein wertvolles inneres, geistiges
                    Leben kann doch offenbar nicht schon darin bestehen, dass wir als Menschen
                        <hi rend="italic">angelegt</hi> sind dazu, Vernunft und Willen zu brauchen, nach
                    den ewigen Zielen geistiger Kultur zu streben, sondern darin, dass wir das,
                    wozu wir angelegt sind, <hi rend="italic">wirklich <term type="Sachen" key="Mensch, Anlage und wirkliches Tun">tun</term></hi>. Drei
                    Scheffel Mehl sind eine gute Sache, aber damit sie eine erfreuliche Speise
                    werden, muss noch etwas damit gemacht werden. Kultur des Verstandes, des
                    Willens und Gefühls ist auch eine gute Sache, aber bevor sie für das innere
                    Leben etwas bedeutet, müssen wir sie <hi rend="italic">haben</hi>, muss sie uns
                        <hi rend="italic">zugänglich</hi> gemacht sein. <persName ref="kbga-actors-136">
                            <hi rend="italic">Goethe</hi></persName> hat das
                    berühmt-berüchtigte Wort ausgesprochen:</p>
                
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p633" ed="pga"/> Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,</l>
                            <l>Hat auch Religion.</l>
                            <l>Wer jene beiden nicht besitzt,</l>
                            <l>Der habe Religion.<note xml:id="n10">Aus 
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2801">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Zahme Xenien IX</hi> (Berliner
                                    Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2, Berlin 1966,
                                    S. 381–393, dort S. 383)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Die übereifrigen Gegner und die übereifrigen Verteidiger der
                        <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> haben das so
                    verstanden: der Mensch brauche keine Religion, wenn er <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term> und <term type="Sachen" key="Kunst">Kunst</term> habe, Religion sei für die Ungebildeten. Das
                    wäre freilich Torheit. Aber ich meine, man muss dies scharf zugespitzte Wort
                    verstehen im Zusammenhang mit der übrigen Gedankenwelt des großen Mannes, so
                    bekommt es seinen tiefen und richtigen Sinn, den wir uns als Christen sehr
                    wohl aneignen dürfen. Goethe wollte sagen: <hi rend="italic">wirkliche</hi> geistige
                    Kultur, nicht bloß eine eingebildete, imitierte Zivilisation des Kopfes, die
                    hat allemal <term type="Sachen" key="Religion, Voraussetzung wirklicher Kultur">Religion</term> zur
                    Voraussetzung, sie hat sie in sich. Wogegen wer sie nicht besitzt, der fange
                    damit an, Religion zu haben. Es kommt also, wie ich eben sagte, darauf an,
                    ob wir Vernunft und Willen wirklich <hi rend="italic">brauchen</hi>, ob geistige
                    Kultur <hi rend="italic">da ist</hi>, ob wir <hi rend="italic">tatsächlich</hi> nach den ewigen
                    Zielen streben. Man braucht in jenem Goethewort bloß die Worte
                        «<hi rend="italic">besitzt</hi>» zu unterstreichen, dann bekommt es auch für
                    aufrichtige Verehrer menschlicher Kultur, was wir als Christen hoffentlich
                    Alle sind, ein recht nachdenkliches Gesicht. Denn wenn wir unsern Verstand
                    fragen nach dem, was er <hi rend="italic">besitzt</hi>, nach dem, was er begriffen,
                    erkannt, <hi rend="italic">verstanden</hi> hat von <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> der
                    Welt und von uns selbst, dann wird gerade ein scharfer und schneidiger
                    Denker sehr zurückhaltend sein mit der Behauptung, er <hi rend="italic">besitze</hi>
                    <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term>, er wird vielmehr
                    mit <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> die Sache umkehren
                    und sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß,<note xml:id="n11">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2558">
                                <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>, <hi rend="italic">Apologie</hi>,
                        21d</bibl>; s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p199#fn_n06">S. 199, Anm. 6</ref>.</note> und das ist dann gleichbedeutend mit dem
                    Bekenntnis des alten Kirchenliedes:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Das Vernunftlicht kann das Leben</l>
                            <l>Mir nicht geben.<note xml:id="n12">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-40">Beginn der
                                    sechsten Strophe des Liedes «Hüter, wird die Nacht der
                                    Sünden» von <persName ref="kbga-actors-2243">Chr. Fr. Richter</persName> (GERS
                                    357)</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Der Doktor Faust im Studierzimmer bei demselben <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> ist die
                    lebendigste Illustration dafür.<note xml:id="n13">Vgl. etwa dort
                        die berühmten Verse (<bibl corresp="kbga-bibls-647"><hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                        V. 354–359 [Nacht]</bibl>):
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Habe nun, ach! Philosophie, </l>
                                    <l>Juristerei und Medizin </l>
                                    <l>Und leider auch Theologie </l>
                                    <l>Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. </l>
                                    <l>Da steh ich nun, ich armer Tor, </l>
                                    <l>Und bin so klug als wie zuvor!</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                    Und ebenso sind wir dran, wenn wir <pb xml:id="p634" ed="pga"/>
                    auf das sehen, was unser <hi rend="italic">Wille</hi> besitzt, d. h. was wir
                        <hi rend="italic">getan</hi> haben in der Richtung auf das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> hin. Gerade die Menschen, die es mit
                    sich selbst und ihrem Handeln ernst nehmen, werden keineswegs einmal mit
                    sich selbst zufrieden sein, werden immer wieder ihr Streben und Mühen
                    mangelhaft, unvollständig finden. Und so hat Niemand in irgend einer
                    Hinsicht Anlass, es sich im Hinblick auf seinen <hi rend="italic">Besitz</hi> an
                    menschlicher <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> genug sein zu
                    lassen. Denn wenn er sich ernsthaft besinnt darüber, wie es mit diesem
                    Besitzen steht, muss er sich sagen, dass da die Frage, die Lebensfrage, ob
                    wir vom Göttlichen, Ewigen durchdrungen sind, erst anfängt. – |</p>
                <p>Der andre Irrtum, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen, ist von jenem ersten
                    das Gegenteil. Viele sehr ernste Christen meinen nämlich, das Göttliche zum
                    Menschlichen in einen sehr sonderbaren Gegensatz stellen zu müssen. Es tönt
                    von dieser Seite oft so, als ob Verstand und Wille, als ob das Streben nach
                    den ewigen Zielen gleichgiltig, indifferent, unzusammengehörig neben Gott
                    und seiner Offenbarung stünden. Als ob durch die Letztere eine Art
                    abgeschlossener Provinz in unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> gebildet werde gegenüber der bösen
                    Welt, die man zwar nicht ignorieren darf, die aber doch nichts für sich
                    bedeutet und die man im Grunde geringschätzt. Da hört man dann oft Leute,
                    die wahrhaftig keinen Anlass dazu hätten, sehr mitleidig von <persName ref="kbga-actors-244">Lessing</persName>, <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> oder <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> reden,
                    die bei allem Adel ihrer Gesinnung, bei aller Tiefe ihrer Weltanschauung,
                    bei allem Ernst ihres <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> persönlichen Lebens eben
                    doch <hi rend="italic">nur</hi><note type="textcritical" n="r" xml:id="nr"> Im Mskr. doppelt unterstrichen.</note>
                         gute Menschen gewesen seien, während man von jener
                    religiösen Sonderprovinz bei ihnen nicht viel höre. Ja, da muss man denn
                    doch allen Ernstes fragen, ob denn der Sinn der <term type="Sachen" key="Religion, Sinn">Religion</term> ein <hi rend="italic">anderer</hi> ist als
                    der, dass wir gute, brauchbare, innerlich wertvolle Menschen werden, ob es
                    wohlgetan <pb xml:id="p635" ed="pga"/> ist, da ein <hi rend="italic">Nur</hi> davor zu
                    setzen, ob es am Ende besser wäre, das Stück Sauerteig für sich zu essen,
                    statt es in den drei Scheffeln Mehl verschwinden zu lassen, es darin zu
                    verbergen, wie es im griechischen Text des Gleichnisses heißt,<note xml:id="n14">Griechisch: «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐνέκρυψεν</foreign>».</note> und so <hi rend="italic">mit seiner Hilfe</hi>
                    essbares Brot herzustellen?! Die Wirkung, die der Sauerteig im Mehl hat,
                    soll doch das Göttliche im Menschlichen haben: es soll das, wozu wir
                    angelegt sind, in uns zu wirklicher Entfaltung kommen, es soll tatsächlich
                        <hi rend="italic">geschehen</hi>, dass wir strebend und erlebend mit dem Wahren,
                    Guten und Schönen immer mehr eins werden. Das will Gott von uns, und dazu
                    verhilft er uns, indem er uns nicht allein lässt, sondern sich uns
                    offenbart; aber das, was da aus uns werden soll, ist nicht ein Gegensatz zum
                    Menschlichen, sondern seine Erfüllung und Vollendung, wie es bei Jesus auch
                    war. Zum Bilde <term type="Sachen" key="Mensch, imago Dei">Gottes</term>
                    schuf er ihn [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>],
                    und diese Bestimmung wird Wahrheit durch Gottes <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>, wenn sie uns ergreift und
                    verwandelt.</p>
                <p> <persName ref="kbga-actors-1383">C. F. Meyer</persName> hat
                    ein glückliches Bild für diesen Vorgang gefunden. Er schildert in einem
                    seiner Gedichte den Maler <persName ref="kbga-actors-693">Michelangelo</persName>, diesen gewaltigen und trotzigen Geistesmenschen,
                    wie er in der sixtinischen <term type="Sachen" key="Rom, Sixtinische Kapelle">Kapelle</term> zu <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> mit seinen großen Linien fünfmal das Bild Gottes,
                    des <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term> entworfen und nun,
                    selber überwältigt von dem, was er geschaffen, mit dem Gegenstande seiner
                    Kunst Zwiesprache hält; aber nun vertauschen sich die Rollen, sein
                    scheinbares Geschöpf offenbart sich als sein Schöpfer:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Schaff mich – so betet der Künstler –,</l>
                            <l>ich bin ein Knecht der Leidenschaft –,</l>
                            <l>Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!</l>
                            <l>Den ersten Menschen formtest du aus Ton,</l>
                            <l>Ich werde schon von härterm Stoffe sein,</l>
                            <l>Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon,</l>
                            <l>Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.<note xml:id="n15">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2802">Zweite Hälfte der fünften und sechste Strophe des
                                    Gedichts «In der Sistina» von <persName ref="kbga-actors-1383">C. F. Meyer</persName> (Erstdruck:
                                    1865; Sämtliche Werke in zwei Bänden, München 1968, Bd. 2,
                                    S. 195f., dort S. 196)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Ich bin der Stein! Wir Menschen mit unserm
                    starken oder schwachen Denken und Wollen, wir sind der Rohstoff, aus dem
                    Gott etwas machen will, aus jedem etwas Besonderes. Der Marmorblock, wie er
                    aus <pb xml:id="p636" ed="pga"/> dem Steinbruch kommt, ist noch <hi rend="italic">kein
                        Denkmal</hi> – das bewahrt uns vor dem Irrtum, als brauchten
                    wir Gott nicht, um zu werden, was wir sein sollen. Aber <hi rend="italic">aus dem
                        Marmorblock</hi> wird das Denkmal herausgearbeitet – das zeigt
                    uns, dass das Leben in Gott nicht etwas Anderes ist als die wirkliche
                    Gestaltung und Bildung unsres menschlichen Lebens.</p>
                <p>Und dabei geht es nun tatsächlich so zu, dass eine an sich geringfügige
                    Wirkung Anlass wird zu dem unermesslichen Vorgang, dass ein Mensch in ein
                    reines, freies Wesen verwandelt wird. Das ist die wunderbare Wahrheit des
                        <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreichs</term>, die Jesus im
                    Gleichnis schildert. Ein kleines Stück Sauerteig durchsäuert drei Scheffel
                    Mehl. Es ist gut, dass wir das wissen. Inmitten einer kleinen Gruppe
                    unbedeutender Menschen hat Jesus von dem Geheimnis des Himmelreichs, von dem
                    Geheimnis das wirklichen Lebens geredet. Eins ist nötig, hat er ihnen
                    gesagt, dass ihr völliges Vertrauen habt zu dem ewigen <term type="Sachen" key="Gott, Ewigkeit">Gott</term> und dass ihr ihm in völligem <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> euren Willen dienstbar
                    macht. Aber je besser die, die mit ihm waren, aus seinen Worten und Taten
                    verstanden, worauf es ihm ankam, desto schwerer musste es sich auf ihre
                    Seele legen, ob denn solche Lebensgewissheit jemals durchdringen, siegen,
                    sich behaupten werde in den strudelnden Wassern des menschlichen Lebens. Sie
                    mussten ringsum Menschen sehen, die das Vertrauen ihres Herzens und den
                    Gehorsam ihres Willens ganz andern Dingen widmeten als dem ewigen Gott,
                    Menschen genug, die direkt andre, entgegengesetzte Wege einschlugen als
                    Jesus. Und das waren die Mächtigen, die Ausschlaggebenden, die große Masse.
                    Musste es ihnen nicht wie grausamer Hohn erscheinen, wenn Jesus ihnen sagte:
                    Ihr sollt Salz und Licht der Erde sein? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13 Mt.5.14">Mt. 5,13f.</ref>] Und musste nicht auch das Wenige von
                    Hoffnung und Optimismus in ihnen verschwinden in Augenblicken, wo sie
                    erkannten, wie wenig Wirkungskraft in ihnen selbst war, in Augenblicken wie
                    dem, wo es von <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> heißt: er
                    ging hinaus und weinte <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> bitterlich? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.75">Mt. 26,75</ref>] Und versank
                    schließlich nicht Alles in Nacht und Grauen, als Jesus von ihnen ging,
                    inmitten seiner Richter und seiner Henker, einem schmachvollen Tode
                    entgegen? Gegenüber all diesen gewaltigen Hindernissen ist das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term> schließlich doch
                    durchgedrungen. Es hatte jene Männer von <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> erfasst, den einen in dieser, den andern in
                    jener Stunde, als ihm ein Wort, ein Blick, eine Tat Jesu die Herrlichkeit
                    <term type="Sachen" key="Gott, Herrlichkeit">Gottes</term> offen<pb xml:id="p637" ed="pga" break="no"/>barte, und der wirksame Sauerteig, der da in die drei
                    Scheffel Mehl gemengt worden, das Leben, das in ihrem Herzen und Kopf
                    erwacht war, die waren daraus nicht mehr zu entfernen. Jesus konnte sterben,
                    aber seine letzten Stunden wirkten in ihnen zugleich den letzten und
                    überwältigendsten Eindruck von dem Gottesgehorsam, der in ihm <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">war</term>. Und dieser
                    letzte Eindruck war der erste, der nach allen Enttäuschungen wieder wirksam
                    wurde in ihnen. Der Sauerteig drang durch, der gekreuzigte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Meister</term> stand
                    als der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Auferstandener">Auferstandene</term> vor ihrem innern Auge: Ich lebe, und ihr sollt
                    auch leben [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.19">Joh. 14,19</ref>].</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Sein Werk kann niemand hindern,</l>
                            <l>Sein Arbeit darf nicht ruhn,</l>
                            <l>Wenn er, was seinen Kindern</l>
                            <l>Ersprießlich ist, will tun.<note xml:id="n16">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Aus der
                                    vierten Strophe des Liedes «Befiehl du deine Wege» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS 266; RG 680; EG 361)</bibl>; bei
                                    Gerhardt als Gebetsanrede formuliert: «Dein Werk […],
                                    Dein’ Arbeit […], Wenn du
                                […].»</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">
                    <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> konnte verleugnen [vgl.
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.69 Mt.26.75"> Mt. 26,69–75</ref>], <persName ref="kbga-actors-3001">Thomas</persName> konnte zweifeln 
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.24 Joh.20.31">Joh. 20,24–31</ref>], aber der Sauerteig
                    des Himmelreichs ließ sie nicht los. Es schlummerte in ihnen etwas, was
                    größer war als sie selbst; dem konnten sie wohl aus Dummheit oder Bosheit
                    eine Weile widerstehen wie Kinder der führenden Hand des Vaters. Der stille
                    und doch so übermächtige Einfluss des Menschen Jesus, der in seiner tiefsten
                    Erniedrigung gerade zur Riesengröße aufwuchs, er hat sie begleitet, bis sie
                    in die Knie sinken mussten: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich
                    dich liebhabe! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.17">Joh. 21,17</ref>] Mein Herr und mein Gott! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.28">Joh. 20,28</ref>], bis der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der sie so leise angefasst, sie
                    besiegt hatte und bis sie nun in der Kraft dieses lebendigen Gottes selber
                    als Sieger dastanden über ihre eigene Schwachheit und über den Widerstand
                    der stumpfen <term type="Sachen" key="Welt, stumpfe">Welt</term>.<note xml:id="n17">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1871">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethes</persName> Gedicht «Epilog zu
                        Schillers Glocke»</bibl>; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p293#fn_n15">S. 293, Anm. 15</ref>.</note>
                    </p>
                <p> Denn die Welt, die Mächtigen und die Zahlreichen, die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und die <term type="Sachen" key="Römer">Römer</term>, die konnten wohl stumpf und feindselig sein,
                    der <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Sauerteig, der in das Zusammenleben der
                    Menschen hineingekommen war, konnte daraus nicht mehr beseitigt werden. Die
                    Tatsache konnte nicht mehr weggestrichen werden, dass ein Mensch wie Jesus
                    einmal dagewesen war und dass eine Handvoll Menschen von ihm ergriffen <pb xml:id="p638" ed="pga"/> waren und wie <hi rend="italic">er</hi> den Sinn des Lebens
                    darin fanden, Gott zu vertrauen und Gott gehorsam zu sein. Es ist bei der
                    Auslegung der Gleichnisse vom Senfkorn, das zum Baum wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.30 Mk.4.32">Mk. 4,30–32</ref>
                    par.], und vom Sauerteig, der drei Scheffel Mehl durchdringt, oft
                    geschildert worden, wie die Kraft <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gottes</term> im <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>
                    sich entfaltet hat durch die <term type="Sachen" key="Völker">Völker</term>,
                    wie sie das Suchen und Ahnen der Griechen, der Römer, der Germanen zur <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> werden ließ, befreite,
                    reinigte. Es kann dies nur mit Vorsicht der Sieg des <term type="Sachen" key="Christentum, Sieg">
                            <hi rend="italic">Christentums</hi></term> genannt werden;
                    die Christen und das Christentum waren oft genug ferne von der Hoheit
                    Christi, aber es war der Sieg Gottes, der die Christen, wie sie waren, als
                        <term type="Sachen" key="Christen, Werkzeuge Gottes">Werkzeuge</term>
                    brauchte, um das <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> der
                    Gerechtigkeit und Liebe unter den Menschen aufzurichten, um in aller Welt
                    die <term type="Sachen" key="Schöpfung">Schöpfung</term> zu vollenden, die
                        <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und Güte wirklich
                    werden zu lassen, zu der er jedes Wesen bestimmt.</p>
                <p> Was die ersten <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> gesehen und
                    erlebt, das sprang durch ihr Zeugnis wie ein elektrischer Funken auf andre
                    über. Wie er gewirkt hat, sehen wir an Saulus, der ein <persName ref="kbga-actors-313">
                            <hi rend="italic">Paulus</hi></persName> wurde. Ein Eiferer, ein
                    jüdischer Schriftgelehrter, ein energischer, oft gewaltsamer Mensch war er,
                    und er ist es auch als Jünger Jesu geblieben. Nicht ein Zerstörungswerk ist
                    seine geistige Neugeburt gewesen, sondern eine Indienststellung, eine
                    Mobilmachung seines Denkens und Wollens für den heiligen Krieg <term type="Sachen" key="Krieg, heiliger Krieg Gottes">Gottes</term>. Als der
                    er war, konnte und wollte ihn Gott brauchen und hat es getan, indem er ihm
                    an dem Tage von <placeName ref="kbga-places-946">Damaskus</placeName> die
                    neue Zielrichtung, das Vertrauen und den Gehorsam in die Seele senkte [vgl.
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1 Act.9.19">Act. 9,1–19</ref>
                    par.]. Ganz anders scheinbar geht es zu, wenn ein <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName></hi> zum
                    Jünger Jesu, zum lebendigen Menschen wird. Er ist und bleibt der heitere,
                    lebensfreudige Italiener, der mit lautern, naiven Augen die Welt in sich
                    aufnimmt; was verschwindet, ist nicht seine Anlage, sein glücklicher,
                    optimistischer Charakter, wohl aber das, was ihm angehangen hatte, die
                    Gleichgiltigkeit, der Stumpfsinn, die Oberflächlichkeit. Die Welt <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> ist für ihn nun wirklich schön, weil er in der
                        <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu gelernt hat,
                    dass sie die Welt Gottes ist, des <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term>, der uns liebt, so dass wir gar nicht anders können, als
                    wieder lieben. Da ist <persName ref="kbga-actors-77">
                            <hi rend="italic">Calvin</hi></persName>, dieser durch und durch französisch,
                    d. h. individuell lebhaft und sicher, aber kalt-logisch empfindende und
                    denkende Christ und Theologe. Da ist <persName ref="kbga-actors-261">
                            <hi rend="italic">Luther</hi></persName>, der das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> nicht nur auf der <term type="Sachen" key="Wartburg">Wartburg</term>, sondern zuerst und vor
                    allem in seiner eigenen <pb xml:id="p639" ed="pga"/> Person aus etwas fremdartig
                    Äußerlichem in deutsches innerliches<note type="textcritical" n="s" xml:id="ns"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                     Leben und Erleben übersetzt hat. Und da sind so viele Andre, Bekannte
                    und Unbekannte, Große und Kleine, bewusste und unbewusste Christen, die
                    jeder in seiner Weise Gott gefunden, jeder in seiner Weise zu Zeugen des
                    Lebens wurden und doch alle geeinigt und innerlich verbunden durch den</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Geist, den Strom, der uns vom Sohne</l>
                            <l>Eröffnet und kristallen rein</l>
                            <l>Von Gottes und des Lammes Throne</l>
                            <l>In stille Herzen fließt hinein.<note xml:id="n18">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-97">Beginn der sechsten Strophe des Liedes «O Gott, o Geist, o
                                    Licht des Lebens» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 151;
                                    RG 510)</bibl>; bei Tersteegen: «O Geist, du Strom, der uns vom
                                    Sohne» und «Aus Gottes und des Lammes Throne».</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und wo dieser Geist in stille Herzen floss – wer zählt
                    und beschreibt die Rinnsale, die er nehmen kann? –, da begann aus dem
                    Rohstoff des Menschen und seiner Art das Bild hervorzutreten, das darin
                    geschlummert, und Form anzunehmen unter dem Hammer und Meißel des großen
                    Künstlers. Er begann christusmäßig zu werden; in seinem Innern legten sich
                    die Wogen der Wünsche und Befürchtungen, der Aufregungen und Mattheiten, und
                    es wurde klar vor seinen Augen, und er spürte es, dass die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, Sinn des Lebens">Gerechtigkeit</term>
                    und die <term type="Sachen" key="Liebe, Sinn des Lebens">Liebe</term> den
                    Sinn des Lebens ausmacht und sonst gar nichts. Und diese Veränderung spürte
                    man sofort auch draußen in seinem Tun und Leben. Vielleicht ohne dass er
                    apart anfing, anders zu reden und zu handeln, aber jedenfalls wurden Ton und
                    Stimmung und Bedeutung in seinem Verkehr mit den Menschen anders. Wer Liebe
                    erfahren hat, indem Gottes Licht in ihm angezündet ist, der kann nicht
                    lieblos sein; wer innerlich sicher geworden ist, weil er in dem ewigen Grund
                    Anker geworfen, der kann nicht durch sein Verhalten Unsicherheit und
                    Verwirrung unter den Menschen stiften; wer durch die <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/>
                    <term type="Sachen" key="Offenabrung">Offenbarung</term> der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> frei geworden ist, der kann
                    nicht unwahrhaftig und unlauter mit den Menschen sein und dadurch
                    Unfreiheit, Beschränktheit und Gebundenheit um sich verbreiten. Sondern wo
                    der Sauerteig ist, da wirkt er. Wo einer den neuen <term type="Sachen" key="Mensch, neuer">Menschen</term> angezogen hat, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt [<ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.24">Eph. 4,24</ref>], da liegt um ihn her
                    ein unbegrenztes Wirkungsfeld. Das <term type="Sachen" key="Himmelreich">Himmelreich</term>
                    <pb xml:id="p640" ed="pga"/> hat kein Ende, es kann sich nicht erschöpfen in
                    seiner Tätigkeit. Des <term type="Sachen" key="Mensch, Besimmung">Menschen</term> Bestimmung ist es, christusmäßig zu werden, und dies
                    Werden ist nicht eine hoffnungslose Aufgabe, nicht ein schönes, utopisches
                    Ideal, denn Christus ist da, der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, wahrer Mensch">Mensch</term>, der seine Bestimmung
                    erfüllte, ist in der Menschheit dagewesen, er ist in den Kreis unsres Lebens
                    eingetreten und kann nicht mehr daraus verschwinden, sondern erfüllt sein
                    Werk gestern, heute und in Ewigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.8">Hebr. 13,8</ref>]. So kommen wir wieder darauf hinaus, dass
                    Alles, was wir unter dem Worte <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> verstehen, darin besteht, dass wir, wie <persName ref="kbga-actors-797">Tersteegen</persName> sagt,</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>still und froh Gottes Strahlen fassen</l>
                            <l>und ihn wirken lassen.<note xml:id="n19">Vgl. den
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Schluss der sechsten Strophe des Liedes «Gott ist
                                    gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 174;
                                    RG 162,5; EG 165,6)</bibl>:
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>Lass mich so / still und froh </l>
                                              <l>Deine Strahlen fassen / und dich wirken
                                              lassen.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Bildhauer Gott! Schlag zu! Ich bin der Stein. Darauf
                    kommt’s an.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-73">Nr. 148: «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von <persName ref="kbga-actors-8651">H. Held</persName>, Strophen
                            1–3 (RG 509; EG 134 [jeweils ohne Strophe 3]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-65">Nr. 162: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von <persName ref="kbga-actors-2805">K. H. von
                            Bogatzky</persName> und <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Strophen 1–3 und 6–8 (RG
                            797,1.2.7 [ohne Strophen 3.6f., GERS]; EG 241,1–3.7f. [ohne
                            Strophe 6, GERS] [je mit Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstexte:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.20 1.Kor.15.28">1.Korinther 15,20–28</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.1 Apk.21.7">Apokalypse 21,1–7</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
