Predigt: Markus 4,26-29
Das ist wieder ein prächtiges Gleichnis, für das wir Jesus und dem
Evangelisten, der es uns aufbehalten hat, recht dankbar sein müssen. Schon
rein vom literarischen Standpunkt aus: Es ist eine Frische und
Unmittelbarkeit des Sehens und Empfindens darin, wie sie ähnlich höchstens
in gewissen Gedichten
609 Jenseits von dem, was uns kränkt und bange macht, ist eine schönere, bessere Welt, die uns nicht enttäuscht, und wenn wir nicht für immer dorthin gehen und dort bleiben können, so wollen wir doch unsre Blicke dorthin richten wie der Wanderer in der Wüste nach der Oase und uns daran freuen, dass es so etwas gibt und dass wir manchmal dort ausruhen dürfen.
Aber so hat es doch Jesus nicht gemeint. Wenn er gesagt hat: so steht es mit dem Reiche Gottes, dann hat er nicht von einer Oase geredet, nicht von einem freundlichen Schattenplatz in der Sonnenhitze des Lebens, wo man hineilt und alles Andre abwirft, sondern von unserm Leben selbst hat er geredet, mit all seiner Sonnenhitze, mit seinem Gepäck und seiner Mühsal, von unserm Leben, das so werden soll wie das Reich Gottes. Ich sagte es schon das letzte Mal: Das ist gerade das Feine und Tiefe an seinen Gleichnissen, dass es da ganz deutlich ist, dass das Evangelium uns nicht aus dem Leben herausführt, sondern ins Leben hinein.2 Die Erde, die von sich selber Frucht bringt nach dem ewigen Gesetz der schöpferischen Natur, das ist Welt, so gut wie die Menschen und Dinge und Ereignisse, die uns verdrießen und ängstigen, und es handelt sich jetzt bloß darum, dass wir verstehen, welche von diesen scheinbar getrennten Welten die wirkliche Welt ist, die Gotteswelt, in der wir atmen und leben und sein wollen. Ein Christ sein heißt, die Welt vom Reiche Gottes aus verstehen, und darum ist ein Christenmensch ein Mensch, der zu leben weiß in der Welt. Und das ist Christentum, wenn der ewige Sonntagsfriede den Montag und die ganze Woche ergreift und erfüllt. Da wird das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, das Andere nur in einzelnen poetischen und religiösen Augenblicken erfüllt, zum Grundton des ganzen Lebens. Da wird das innere Leben der Seele mit Gott, das Mancher nur wie eine leichte Beute meint an sich reißen und genießen zu können, zu einem Besitz, um den es freilich zu kämpfen gilt, aber es ist ein Kampf mit Siegesgewissheit. Die hochgehenden Wogen der Lebensfreude und Gottesfreude werden zum ruhig und breit dahinflutenden Strom der Ewigkeitsgewissheit, die Wellenberge der religiösen Begeisterung und die Wellentäler der religiösen Enttäuschung ebnen sich zur schönen, ruhigen Gleichmäßigkeit einer stillen Freude am Herrn. Es ver|610schwindet dann der fatale Widerstreit zwischen Sonntagsgedanken und Werktagsgedanken, zwischen Innenleben und Außenleben, zwischen Gott und Welt. Es bekommt dann jeder Augenblick unsres weltlichen Lebens den göttlichen Gehalt, der es verursacht, dass er uns nicht nur erträglich wird, sondern dass wir uns seiner freuen und dankbar sein dürfen, gleichviel ob es ein Augenblick des Schmerzes oder der Freude ist. Das Evangelium führt uns ins Leben hinein, sagte ich, und das tut es, weil es uns zeigt, dass Gott – das will sagen: die Gerechtigkeit, die Liebe, die Güte – die Macht ist in allem Wirklichen, in der Welt und im Leben, das uns umgibt. Diese Gewissheit bringt die Sicherheit und den Ausgleich, die Freude und die Dankbarkeit in unser Leben, nach denen alle Menschen unbewusst und bewusst Verlangen haben, weil es die Bestimmung jedes Menschen ist, so und nicht anders zu leben. Aber wenn wir Verlangen haben nach dem ewigen Sonntagsfrieden, dann müssen wir uns vom Evangelium dahin führen lassen. Wenn wir sehen wollen, dass Gott die Macht in der Welt ist, dann muss er die Macht in uns geworden sein. Jesus konnte an der Welt diese selbstverständliche Freude haben, weil seine Freude an Gott es gar nicht anders zuließ. Eins ist vom Andern nicht zu trennen; durch das Eine müssen wir uns zum Andern leiten lassen. Jesu Gleichnis vom selbstwachsenden Samen kann uns diesen Dienst tun, weil es ein Widerschein ist von ihm selbst, in dem der Friede und die Sicherheit, davon es redet, Tatsache, Wahrheit war. Wenn wir aber seinen Widerschein sehen, sehen wir ihn selbst, und wenn wir ihn selbst sehen, so ist uns geholfen.
So steht es mit dem Reiche Gottes , wie wenn ein Mensch den Samen aufs Land geworfen hat. Der Same ist gesät, damit fängt das Bild an, das ist die selbstverständliche Voraussetzung. Und es gehört doch mit zur Sache. Das Säen ist bereits geschehen, ruhig und gleichmäßig und leer liegen nun die Furchen des Ackers da. Für den Bauern ist es vorläufig erledigt, ein Unkundiger mag daran vorbeigehen und nichts sehen, der Bauer sieht auch nichts mehr von seiner Saat, aber er weiß, dass sie geschehen ist.
So steht es mit dem Reiche Gottes, sagt Jesus. Reich Gottes
heißt Herrschaft der Wahrheit und der Liebe in den Menschen und unter den
Menschen. Aus verworrenen und ratlosen Kreaturen werden sie |611 zu Kindern Gottes, die erkennen und die wollen. Aus groben und feinen
Egoisten zu Männern und Frauen, denen das Herz und der Kopf weit aufgegangen
ist für das Größere, das außer ihnen und über ihnen ist, so weit offen, dass
sie in Wahrheit nur noch für dies Größere Gedanken und Willen haben. Nun ist
die Menschheit das, was sie sein
soll, nun nimmt sie ihre eigentliche Stellung ein in der Schöpfung, nun ist
diese Schöpfung, die Welt, zur
Welt Gottes geworden, des Gottes, der im Menschen sein Ebenbild hat [vgl.
Wir müssen in die Seele dessen hineinzublicken versuchen, der so gesprochen,
um diese Reichsgottesgewissheit zu verstehen. Ich meine, es ist höchst
erstaunlich, dass er das so sagen konnte: das Reich Gottes ist schon da, es
braucht jetzt nur noch zu wachsen, um vollendet und offenbar zu werden. Denn
wenn er auf seine Umgebung sah, so mussten ihm andre Gedanken viel näher
liegen. Da waren die herrschenden Kreise der israelitischen
Frömmigkeit
– heutzutage würde man sagen: die streng christlich gesinnten Kreise.
Man weiß, wie Jesus darüber gedacht hat: Gotteserkenntnis und Menschenliebe,
Wahrheit und Recht fand er bei ihnen nicht, bei
ihnen am allerwenigsten. Und nun |612 trotzdem: Der Same
ist aufs Land geworfen! Da waren die großen Massen, die ihm
nachfolgten und ihn anstaunten. Da sah er freilich in manches leuchtende und
dankbare Auge, da spürte er freilich, dass Viele willig waren, ihm das
abzunehmen, was er ihnen brachte. Aber er hat sich doch nicht darüber
getäuscht, dass das noch kein Anlass und Grund sei, des Reiches Gottes und
seiner Zukunft sicher zu sein. Was man heutzutage so oft tut, das Reich
Gottes da zu sehen, wo wohlbesetzte Kirchen und Versammlungen3 sind, das hat Jesus gerade nicht getan, denn er
musste an das Samenkorn denken, das freilich zu sprießen beginnt, aber es
hat Felsboden unter sich und Dornen über sich, und so ist es ein Beginn ohne
Fortsetzung [vgl.
Aber da waren doch wenigstens Jesu
Jünger, die Zwölfe und die Andern, die ihm
nachfolgten, buchstäblich indem sie sein Leben teilten und das mit
unzweifelhafter, treuer Anhänglichkeit. War hier das Reich Gottes, von dem
Jesus sagte, dass es da sei? Doch wohl nicht, denn auch dieser engste Kreis
um ihn bestand keineswegs aus Gottesmenschen. Auf den Erfolg seines
Einflusses bei
613 Ich glaube, wir haben die Erklärung dafür in der Tatsache zu suchen, dass
Jesus seine Sicherheit und die Sicherheit der Sache Gottes von vornherein
nicht auf das abzustellen gedachte, was er durch seine Worte
und Taten ausrichtete, auf seinen großen oder kleinen Erfolg
bei den Schriftgelehrten, beim Volk, bei seinen Jüngern. Sondern das war
seine Sicherheit, dass er dankbar
war für das,
was Gott tat, der zunächst in ihm sein Reich, Wahrheit und
Liebe, Gerechtigkeit und Freude am Leben hatte Wirklichkeit
werden lassen. Er sah Gott in sich selber, in seinem Innern. Der Gehorsam,
der ihn ganz regierte, ließ eine Unsicherheit in dieser Dankbarkeit nicht
zu. Er konnte ohne Übertreibung von sich sagen: Alle Dinge sind mir
übergeben von meinem Vater [
Wenn wir verstehen wollen, was das Gleichnis für uns soll, muss die
Voraussetzung Jesu die unsrige werden, wir müssen lernen
dankbar sein und in den scheinbar leeren Furchen des Ackers
den bereits gesäten Samen sehen. Denn wenn wir uns umsehen in
unserm eigenen Leben und im Leben der Menschheit, dann scheinen da freilich lauter leere Furchen uns
zu umgeben, wie es dort Jesus hätte gehen müssen, wenn er’s gemacht
hätte, wie wir’s gewöhnlich machen. Wir möchten etwas sehen, um des
Reiches Gottes gewiss zu sein, Erfolge und Wir|614kungen, die uns überzeugen, dass es Wahrheit ist. Statt dessen sehen wir
öfters das Gegenteil, und je genauer wir’s mit uns und den Andern
nehmen, desto mächtiger zeigt sich dies Gegenteil. Wir erinnern uns an
Stunden und Tage, da das Reich Gottes in uns zu sein schien, wo wir etwas
spürten von dem Hochgefühl der reinen Hingabe an Gott, der reinen
Gemeinschaft mit ihm. Aber das ging vorbei; es liegt hinter uns, eben als
eine Oase, die wir wieder verlassen haben. Es kam uns irgendetwas Plattes,
Gewöhnliches dazwischen, wir mussten die reine Höhe wieder verlassen und von
ferne zusehen, wie andre dort lebten, ja der quälende Verdacht ist uns wohl
gekommen, ob der damals erreichte Höhepunkt
unsres Innenlebens am Ende keineswegs ein solcher war, sondern ein Stück
unfrommer Extrafrömmigkeit wie die des Pharisäers im Tempel [vgl.
Und dann sehen wir nach links und rechts hinaus, in die Welt der Menschen,
z. B. in die Stadt Genf, in der wir leben, und fragen: wo bleibt das Reich
Gottes? Viel Gutes, viele
Kirchen, viel Wohltätigkeit,
viel bürgerliche Rechtschaffenheit, wer wollte daran zweifeln. Aber das
Reich Gottes? Das Ende der Verworrenheit in den Köpfen und der
Selbstsucht in den Herzen,
der Anfang privater und sozialer Gerechtigkeit, Reinheit und Liebe in
der Gesellschaft, ein Staat Gottes in tieferem Sinn, als
Aber nun ist es Jesu Voraussetzung, dass es einen solchen toten Punkt nicht
geben dürfe, weder bei der Selbstbetrachtung noch bei der Weltbetrachtung.
Und sein Evangelium soll auch
uns über diese toten Punkte hinweghelfen. Es sagt uns, wie wir es bei ihm
selbst sahen: Lass jetzt einmal alle Erwägungen ruhen über das, was du
kannst und nicht kannst, über das, was die Menschen sind und nicht sind,
sondern fange mit dem an, was du für das Ende hältst, nämlich mit der
Dankbarkeit.
Zunächst was die Gottesgewissheit deines persönlichen Lebens belangt. Schau
einmal an und besinne dich auf Alles das, was dir
geschenkt ist, statt auf das, was du getan oder nicht getan
hast. Du bist durch die Taufe in die
christliche Gemeinde aufgenommen
worden. Das ist keine leere Zeremonie gewesen, die dich und dein inneres
Leben jetzt nichts mehr angeht. Sondern du sollst dich deiner Taufe
freuen; denn da hat Gott dir im Sinnbild erklärt, dass du
im Zusammenhang mit Jesus
stehen darfst, und dein ganzes bisheriges Leben ist eine Bestätigung dieser
Erklärung. Du stehst unter den Wirkungen Jesu. Und das hast du nicht
gemacht; ohne dein Zutun bist du gerade in diesen Zusammenhang gekommen,
bist du ein Glied am lebendigen Leibe Christi geworden [vgl.
Mach’s wie Jesus selbst, sieh auf das, was größer ist als du und sei ihm gehorsam, dann wirst du vorsichtig werden gegenüber den innern Höhepunkten, von denen wir sprachen, und ruhig gegenüber den innern Tiefpunkten und wirst es verstehen: Der Same ist gesät, das Reich Gottes ist da. |
Und mit der Gottesgewissheit bei der Weltbetrachtung steht es nicht anders. Wir haben hier wie dort dieselbe Orientierung. Unsre Augen sehen Gottlosigkeit und Dekadenz um und um. Man hört manchmal Christen über die Verderbnis der Welt reden, und man spürt es ihnen an, dass es ihnen ist, als seien sie wie auf einer Insel mit ihrem Glauben, rings umher aber Hölle und Satan. Aber unsre Gottesgewissheit soll nicht solches Inselwesen sein, so wenig wie in unserm persönlichen Leben ein Oasenwesen. Von Jesus aus gesehen sieht die Welt und die Menschheit ganz anders aus. Da kann in dem verkommenen Gesellen aus der Hintergasse der Großstadt heimlich mehr Reich Gottes sein, obwohl er in Jahr und Tag keine Kirche betritt, als im Pfarrer, der alle Sonntage auf der Kanzel steht, im verdächtigen Weib von der Straße mehr als in der korrekten Dame der guten Gesellschaft. Da gibt es Recht und Reinheit und Liebe im tiefsten, innerlichsten Sinn an Orten und in Menschen, wovon wir uns nichts träumen lassen. Da gelten ganz andre Maßstäbe, als wir sie anzuwenden pflegen, denn die Furchen sind umgepflügt, und der Same liegt unten. Ja es ist wahr, wir haben es heutzutage im öffentlichen Leben mit einem gewaltigen Kampf gegen Alles, was Christentum und Kirche heißt, zu tun, und die Gleichgiltigkeit von Tausenden und Abertausenden ist die schwerste Waffe in diesem Kampf. Aber ich glaube nicht, dass das Grundgefühl des gläubigen Christen bei diesem Anblick der Gedanke sein darf, es handle sich da um einen Kampf gegen Gott und sein Reich. Denn der Christ steht dem Allem nicht gegenüber als Vertreter seiner Sache, seiner Ideen und Kirchenlehren, sondern als Vertreter Gottes. Er sieht die Dinge unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit, von Jesus aus, wie ich eben sagte, und das macht, |617 dass er auch in denen, die unsre Kirche meiden oder bekämpfen, etwas von dem sieht, was größer ist als sie selbst und als wir. Denn auch da kommen ganz andre Maßstäbe zur Geltung. Auf alle Fälle: Die Dankbarkeit ist größer als der Zweifel. Was in uns Wahrheit und Leben ist, das Größere, Bessere, das wir nicht gemacht, sondern empfangen haben, das muss sich auch in der Welt durchsetzen. Es kann nicht anders. Denn es ist seine Natur, dass es die Welt beherrscht. Der Same ist gesät. Das Reich Gottes ist da, und es muss uns bleiben.6
Ich sagte, das sei die Voraussetzung unsres Gleichnisses. Aber es ist vielleicht seine Eigentümlichkeit, dass in der Voraussetzung schon der ganze Inhalt verborgen ist. Ein Mensch hat den Samen aufs Land geworfen, und nun schläft er und steht wieder auf Nacht und Tag, und der Same geht auf und wächst empor, er weiß nicht, wie es geschieht. Diese Ergänzung, die so selbstverständlich klingt, kann uns auf die Spur helfen, woran es liegt, dass uns die Gewissheit, die Jesu Voraussetzung war, so oft abgeht. Wir machen es nicht, wie es bei dem Naturvorgang, den Jesus schildert, selbstverständlich ist. Wir möchten wissen, wie es zugeht, dass der Same wächst. Es liegt eine Fülle von reifer Lebenskenntnis in diesem Sätzchen: er weiß nicht, wie es geschieht. Damit ist vor allem gesagt, dass das Wachsen des Samens ein Geheimnis ist. Ja, der Landmann oder ein Naturkundiger könnte uns eins nach dem andern die Veränderungen erklären, die mit dem Samenkorn in der Erde vorgehen von der Stunde, da es gesät wurde, bis zur Stunde, da es die erste grüne Spitze über die Erde treibt. Und ebenso können uns Seelen- und Menschenkundige aufs Genaueste sagen, wie es zugeht, was in einem Menschen vorgeht, wenn das Gute, wenn Gott die Gewalt in ihm bekommt. Dort ist von Zellen und Keimblättern die Rede und hier von treibenden Motiven und beseitigten Hemmungen. Aber dass hier wie dort hinter den Worten noch weitere Fragezeichen stehen müssten, das kann man sich nicht verbergen. Was ist die Kraft, die da wirkt zwischen Erde und Samen hin und her? Man mag sie beschreiben bis ins Einzelnste, Grund und |618 Wesen des Vorgangs ist nicht zu beschreiben, wir stehen vor dem Geheimnis der lebendigen Natur, vor dem Geheimnis der ersten Bewegung.7 Und was ist das für eine Energie, die in einem Menschen zu wirken beginnt, der innerlich oder äußerlich ein neues Leben anfängt? Man mag Erklärungen dafür haben: er ist unter diesen oder jenen Einfluss gekommen, er hat einen starken Eindruck erlebt, es sind Erinnerungen aus seinem eigenen Leben wieder mächtig geworden in ihm. Und Ähnliches mag man sagen, wenn man sieht, wie ganze Familien, Stände, Gesellschaftskreise, ganze Völker tiefgehende geistige Veränderungen durchmachen. Aber die Erklärungen, die man da herbeibringt, sind doch wohl in den meisten Fällen mehr weitläufige Beschreibungen. Es steht hinter der Energieentfaltung im geistigen wie im natürlichen Leben das absolute Geheimnis des Anfangs, das durch die exakteste mikroskopische und psychologische Forschung nur weiter zurückverlegt, nicht gelöst werden kann.
Es ist kein Zufall, dass Jesus diese geheimnisvolle Seite des Reiches Gottes durch die Herbeiziehung jenes Naturvorgangs unterstrichen hat. Die Dankbarkeit gegen das überlegene Wirken Gottes soll dadurch den Charakter der Ehrfurcht bekommen. Wir wissen nicht, wie es geschieht, wenn das Reich Gottes, das da ist, in uns etwas Wirkliches wird, wenn es zur Entfaltung dessen kommt, wozu wir durch die Taufe, durch unser Bürgerrecht im Reiche Christi bestimmt sind, wenn Lebensfreude und ewiger Gehalt in unser Dasein kommt. Denn die Aufrichtigkeit und den Gehorsam, die wir etwa aufgebracht haben, können wir als letzten Grund dafür nicht geltend machen. Das mögen die Keimblätter gewesen sein, die Lebenskraft selbst werden wir ehrlicherweise anderswo suchen müssen. Ehrfurcht kommt nicht uns selbst zu, sondern dem, das uns gemacht zu dem, was wir sind. Wir können die Reihe der Ursachen weiter verfolgen: wir stoßen dann auf unsre Erzieher, auf unsre Eltern, auf unsre Voreltern. Aber das Geheimnis wird mit jedem Schritt dunkler. Wieso stehe gerade ich gerade unter diesem Einfluss, wieso hat er sich bei mir geltend gemacht und bei andern, die ihn auch erfuhren, nicht? Was ging vor |619 zwischen Erde und Samenkorn, nicht einmal, sondern hundert und tausend Mal, bis ich das geworden bin, was ich bin? Ich sage: ich weiß nicht, wie es geschieht, du weißt es auch nicht, keiner weiß es, unser Anfang in Gott ist das Unerforschliche, das wir ruhig zu verehren haben.8 Ehrfurcht, das sei unsre Dankbarkeit gegen den, der uns und alle Menschen zu seinem Reiche, das da ist, berufen hat.
Und diese Ehrfurcht bedeutet nun, dass wir Gott müssen wirken lassen, ohne
ihm mit unsern Einfällen und Nachhilfsversuchen dazwischenzukommen. Religion und Frömmigkeit, Leben und Weben im gegenwärtigen
Reiche Gottes, das kann man sich nicht machen, das kann man durch keinen
Entschluss und innern Anlauf herbeiführen. Aus manchen Äußerungen Jesu kann
man vielmehr schließen, dass der fromm ist, der keine Ahnung davon hat, dass
er es ist. «Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das
Himmelreich» [
Sicher werden dürfen! Das ist der Schluss des Gleichnisses,
wie es sein Anfang ist. Von sich selber bringt die Erde Frucht, zuerst
das Gras, dann die Ähre, dann den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber
die Frucht es zulässt, sofort schickt der Bauer die Sichel, denn die
Ernte ist da. Die Sicherheit besteht nicht in der Hoffnung oder
dem Gefühl, dass aus uns und der Welt doch noch einmal etwas werden könne,
sondern die Sicherheit besteht in der Tatsache, dass die Erde, die Samen
empfangen hat, von sich selber Frucht bringt. Von sich selber
wirkt der gesäte Same, das Reich Gottes. Darauf müssen und dürfen wir unsre Gottesgewissheit abstellene. Der griechische Ausdruck im |622 Neuen Testament
für dieses «von sich selber» lautet wörtlich: automatisch, und
als Kinder unsrer Zeit verstehen wir, was das sagen will: Weil das Erste
geschehen ist, nämlich die Saat, geschieht automatisch, ohne weiteres Zutun
von Menschenhand, das Zweite, das Wachsen und
Fruchttragen. Weil wir in den Zusammenhang des Lebens und Sterbens Christi gesetzt, weil wir
als Glieder seines Leibes geboren sind, braucht es nichts, als dass wir uns
dieses Zusammenhangs bewusst werden, so kommt automatisch, von sich selber
das Reich Gottes in uns zur Erfüllung. Das bedeutet nicht eine
übernatürliche Geistesausgießung mit wunderlichen Extramerkmalen, das bedeutet
nicht ein besonderes religiöses Hochgefühl, sondern das bedeutet die
Umwandlung unsrer Verworrenheit in die Klarheit des innern Lebens Jesu, unsres Egoismus
in seine Offenheit und Willigkeit gegen jedermann, unsrer Ratlosigkeit
gegenüber der Welt in die Bestimmtheit seines Willens: Ich wirke, und mein
Vater wirket auch [vgl.
Und darum darf man den Rückschluss ziehen: wo wirkliche Freundlichkeit und
Pflichterfüllung ist, da ist das Reich Gottes. Und wer an
seiner Frömmigkeit und an
Gottes Wirksamkeit in der Welt zweifelt, dem darf man nun den zweiten
Rat geben:
Arbeiten und |623
nichtf
verzweifeln!11 Die Gewissheit der Prädestination, des rechten Verhältnisses zu Gott, der
Wirksamkeit Gottes, man erfährt sie, wie schon
Dazu führt uns das Evangelium, und das ist das Evangelium.
- Nr. 272: «Mein Gott, wie bist du so verborgen» von
S. Franck , Strophen 1–3 (RG 715,1–3). - Nr. 289: «Nicht menschlicher Rat noch Erdenverstand» von
A. Knapp , Strophen 1–3 und 4–6.
-
Johannes 14,1–24 .