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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 50</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 4,26-29</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 4,26-29, 9. Oktober 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53052 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53052</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 50: Predigt: Markus 4,26-29</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">52</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 4,26-29, 9. Oktober 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1493">KBA 1028</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-10-09">9. Oktober 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                    <idno>50</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-10-09">Sonntag, den
                            9. Oktober 1910</date> <date rend="right">20. nach Trinitatis</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.26 Mk.4.29">Markus 4,26–29</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Jesus sprach:</hi> So steht es
                                        mit dem Reich Gottes, wie wenn ein Mensch den Samen aufs
                                        Land geworfen hat, und nun schläft er und steht wieder
                                        auf Nacht und Tag, und der Same geht auf und wächst
                                        empor, er weiß nicht, wie es geschieht. Von sich selber
                                        bringt die Erde Frucht, zuerst das Gras, dann die Ähre,
                                        dann den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht
                                        es zulässt, sofort schickt er die Sichel, denn die Ernte
                                        ist da.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Das ist wieder ein prächtiges Gleichnis, für das wir Jesus und dem
                    Evangelisten, der es uns aufbehalten hat, recht dankbar sein müssen. Schon
                    rein vom literarischen Standpunkt aus: Es ist eine Frische und
                    Unmittelbarkeit des Sehens und Empfindens darin, wie sie ähnlich höchstens
                    in gewissen Gedichten <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> zu finden ist. Bei der
                    Art, wie uns Jesus da erzählt, was ein Bauer ganz selbstverständlich alle
                    Jahre erlebt, muss uns ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit ergreifen
                    gegenüber dem Getöse und der Unbeständigkeit, dem Laufen und Reden, der
                    Aufregung und der Langeweile der alltäglichen Welt, die uns umgibt. Da
                    ist’s uns, als ob wir einen Blick täten in eine <hi rend="italic">andre</hi>
                    Welt, etwas von ewigem <term type="Sachen" key="Frieden, ewiger Sonntagsfrieden">Sonntagsfrieden</term> umgibt uns,
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> und wir möchten sagen wie die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> auf dem Berg der Verklärung:
                    hier ist gut sein, lasset uns Hütten bauen, hier wollen wir bleiben [vgl.
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.5">Mk. 9,5</ref> par.].</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wirf ab, mein Herz, was dich kränket,</l>
                            <l>Wirf ab, mein Herz, was dir bange macht.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2793">den Kehrreim des Liedes «Ein geistlich
                                    Abendlied» von <persName ref="kbga-actors-9305">G. Kinkel</persName> (<hi rend="italic">Gedichte
                                        von Gottfried Kinkel</hi>, Bd. 1, Stuttgart 1872,
                                    S. 191f.)</bibl>:
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>Wirf ab Herz, was dich kränket </l>
                                              <l>Und was dir bange macht!</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p609" ed="pga"/> <hi rend="italic">Jenseits</hi> von dem, was uns kränkt und bange
                    macht, ist eine schönere, bessere <term type="Sachen" key="Welt, bessere">Welt</term>, die uns nicht enttäuscht, und wenn wir nicht für immer
                    dorthin gehen und dort bleiben können, so wollen wir doch unsre Blicke
                    dorthin richten wie der Wanderer in der Wüste nach der Oase und uns daran
                    freuen, dass es so etwas gibt und dass wir manchmal dort ausruhen
                    dürfen.</p>
                <p>Aber so hat es doch Jesus nicht gemeint. Wenn er gesagt hat: <hi rend="italic">so</hi>
                    steht es mit dem Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>, dann hat er nicht von einer Oase geredet, nicht von einem
                    freundlichen Schattenplatz in der Sonnenhitze des Lebens, wo man hineilt und
                    alles Andre abwirft, sondern von unserm Leben selbst hat er geredet,
                        <hi rend="italic">mit</hi> all seiner Sonnenhitze, <hi rend="italic">mit</hi> seinem Gepäck
                    und seiner Mühsal, von unserm Leben, das so werden soll wie das Reich
                    Gottes. Ich sagte es schon das letzte Mal: Das ist gerade das Feine und
                    Tiefe an seinen Gleichnissen, dass es da ganz deutlich ist, dass das <term type="Sachen" key="Evangelium, führt ins Leben hinein">Evangelium</term>
                    uns nicht aus dem Leben <hi rend="italic">heraus</hi>führt, sondern ins Leben
                        <hi rend="italic">hinein</hi>.<note xml:id="n02">Vgl. oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p595#p595">S. 595f.</ref>
                        </note> Die Erde,
                    die von sich selber Frucht bringt nach dem ewigen Gesetz der schöpferischen
                        <term type="Sachen" key="Natur, schöpferische">Natur</term>, das ist
                        <hi rend="italic">Welt</hi>, so gut wie die Menschen und Dinge und Ereignisse, die
                    uns verdrießen und ängstigen, und es handelt sich jetzt bloß darum, dass wir
                    verstehen, welche von diesen scheinbar getrennten Welten die
                        <hi rend="italic">wirkliche</hi>
                    <term type="Sachen" key="Welt, wirkliche">Welt</term> ist, die <term type="Sachen" key="Welt, Gotteswelt">
                            <hi rend="italic">Gottes</hi>welt</term>, in
                    der wir atmen und leben und sein wollen. Ein Christ sein heißt, die Welt vom
                    Reiche <term type="Sachen" key="Christen, Weltverständnis vom Reich Gottes aus">Gottes</term> aus
                    verstehen, und darum ist ein Christenmensch ein Mensch, der zu leben weiß in
                    der Welt. Und das ist Christentum, wenn der ewige Sonntagsfriede den <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Montag und die ganze Woche <term type="Sachen" key="Christentum, Sonntagsfriede auch im Alltag">ergreift</term> und
                    erfüllt. Da wird das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, das Andere nur
                    in einzelnen poetischen und religiösen Augenblicken erfüllt, zum Grundton
                    des ganzen Lebens. Da wird das innere Leben der <term type="Sachen" key="Seele, inneres Leben mit Gott">Seele</term> mit Gott, das Mancher
                    nur wie eine leichte Beute meint an sich reißen und genießen zu können, zu
                    einem Besitz, um den es freilich zu kämpfen gilt, aber es ist ein Kampf mit
                    Siegesgewissheit. Die hochgehenden Wogen der Lebensfreude und Gottesfreude
                    werden zum ruhig und breit dahinflutenden Strom der <term type="Sachen" key="Gewissheit, Ewigkeitsgewissheit">Ewigkeitsgewissheit</term>, die
                    Wellenberge der religiösen Begeisterung und die Wellentäler der religiösen
                    Enttäuschung ebnen sich zur schönen, ruhigen Gleichmäßigkeit einer stillen
                    Freude am Herrn. Es ver<pb xml:id="p610" ed="pga" break="no"/>schwindet dann der fatale
                    Widerstreit zwischen Sonntagsgedanken und Werktagsgedanken, zwischen
                    Innenleben und Außenleben, zwischen Gott und <term type="Sachen" key="Gott, und Welt">Welt</term>. Es bekommt dann jeder Augenblick
                    unsres weltlichen Lebens den göttlichen Gehalt, der es verursacht, dass er
                    uns nicht nur erträglich wird, sondern dass wir uns seiner freuen und
                    dankbar sein dürfen, gleichviel ob es ein Augenblick des Schmerzes oder der
                    Freude ist. Das <term type="Sachen" key="Evangelium, führt ins Leben hinein">Evangelium</term> führt uns <hi rend="italic">ins Leben hinein</hi>, sagte ich,
                    und das tut es, weil es uns zeigt, dass Gott – das will sagen: die
                        <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, die
                        <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>, die <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> – die
                        <hi rend="italic">Macht</hi> ist in allem Wirklichen, in der Welt und im Leben,
                    das uns umgibt. Diese Gewissheit bringt die Sicherheit und den Ausgleich,
                    die Freude und die Dankbarkeit in unser Leben, nach denen alle Menschen
                    unbewusst und bewusst Verlangen haben, weil es die Bestimmung jedes Menschen
                    ist, so und nicht anders zu leben. Aber wenn wir Verlangen haben nach dem
                    ewigen Sonntagsfrieden, dann müssen wir uns vom Evangelium dahin führen
                    lassen. Wenn wir sehen wollen, dass Gott die Macht in der <term type="Sachen" key="Gott, Macht in der Welt">
                            <hi rend="italic">Welt</hi></term>
                    ist, dann muss er die Macht <hi rend="italic">in <term type="Sachen" key="Gott, Macht in uns">uns</term></hi> geworden sein. Jesus
                    konnte an der Welt diese selbstverständliche Freude haben, weil seine Freude
                    an Gott es gar nicht anders zuließ. Eins ist vom Andern nicht zu trennen;
                    durch das Eine müssen wir uns zum Andern leiten lassen. Jesu Gleichnis vom
                    selbstwachsenden Samen kann uns diesen <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Dienst
                    tun, weil es ein Widerschein ist von ihm selbst, in dem der Friede und die
                    Sicherheit, davon es redet, Tatsache, Wahrheit war. Wenn wir aber seinen
                    Widerschein sehen, sehen wir ihn selbst, und wenn wir ihn selbst sehen, so
                    ist uns geholfen.</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <hi rend="italic">So steht es mit dem Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term></hi>
                        <hi rend="italic">, wie wenn ein Mensch
                        den Samen aufs Land geworfen hat</hi>. Der Same <hi rend="italic">ist</hi>
                    gesät, damit fängt das Bild an, das ist die selbstverständliche
                    Voraussetzung. Und es gehört doch mit zur Sache. Das Säen ist bereits
                    geschehen, ruhig und gleichmäßig und leer liegen nun die Furchen des Ackers
                    da. Für den Bauern ist es vorläufig erledigt, ein Unkundiger mag daran
                    vorbeigehen und nichts sehen, der Bauer sieht auch nichts mehr von seiner
                    Saat, aber er weiß, dass sie <hi rend="italic">geschehen</hi> ist.</p>
                <p>So steht es mit dem Reiche Gottes, sagt Jesus. <hi rend="italic">Reich Gottes</hi>
                    heißt Herrschaft der Wahrheit und der Liebe in den Menschen und unter den
                    Menschen. Aus verworrenen und ratlosen Kreaturen werden sie <pb xml:id="p611" ed="pga"/> zu Kindern <term type="Sachen" key="Mensch, Kind Gottes">Gottes</term>, die erkennen und die wollen. Aus groben und feinen
                    Egoisten zu Männern und Frauen, denen das Herz und der Kopf weit aufgegangen
                    ist für das Größere, das außer ihnen und über ihnen ist, so weit offen, dass
                    sie in Wahrheit nur noch für dies Größere Gedanken und Willen haben. Nun ist
                    die <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> das, was sie sein
                    soll, nun nimmt sie ihre eigentliche Stellung ein in der Schöpfung, nun ist
                    diese <term type="Sachen" key="Schöpfung">Schöpfung</term>, die Welt, zur
                    Welt Gottes geworden, des Gottes, der im Menschen sein <term type="Sachen" key="Mensch, imago Dei">Ebenbild</term> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>]. Denn die Welt ist ja
                    nicht ein Wesen für sich, sondern ewig ein Spiegel dessen, was im Menschen
                    ist; ist Gott im Menschen, dann kann es auch in der Welt kein Übel, keine
                        <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, keine Ungerechtigkeit mehr
                    geben, die Zeit der Seufzer und Tränen ist nun vorbei. Das war der Gedanke,
                    den Jesus vom Reiche Gottes hatte, und er hat ihn in die Seele seiner <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> gepflanzt als die eigentlichste
                    Botschaft, die sie den Menschen bringen sollten. «Dein Reich komme!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref> par.] sollten sie
                    beten, und wir sehen daraus, dass Jesus sich nicht dem Irrtum hingab, als
                    sei sein Gedanke schon erfüllt. Das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>
                    zukünftig, es ist das, was werden soll. Aber ebenso sicher besteht die
                        <hi rend="italic">Freuden</hi>botschaft, das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, gerade darin, dass es <hi rend="italic">schon da</hi> ist. Es
                        <hi rend="italic">ist</hi> inwendig in euch! konnte Jesus sagen [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.21">Lk. 17,21</ref>]. Noch ist die
                    Vollendung nicht da, aber trotzdem sollt ihr nicht auf Wunder und Machttaten
                    warten, um seiner gewiss zu werden, trotzdem sollt ihr es nicht mehr suchen
                    nach der alten natürlichen Weise, durch den Dienst des Buchstabens [vgl.
                    <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.6">Röm. 7,6</ref>]. Setzt jetzt euer
                    ganzes Vertrauen auf den Gedanken, dass es <hi rend="italic">da</hi> ist, dem
                    Ungläubigen, dem, der nicht sehen und vertrauen <hi rend="italic">will</hi>, freilich
                    unsichtbar, aber das ändert nichts an der Tatsache. Der Same ist aufs Land
                    geworfen.</p>
                <p>Wir müssen in die Seele dessen hineinzublicken versuchen, der so gesprochen,
                    um diese Reichsgottesgewissheit zu verstehen. Ich meine, es ist höchst
                    erstaunlich, dass er das so sagen konnte: das Reich Gottes ist schon da, es
                    braucht jetzt nur noch zu wachsen, um vollendet und offenbar zu werden. Denn
                    wenn er auf seine Umgebung sah, so mussten ihm andre Gedanken viel näher
                    liegen. Da waren die <hi rend="italic">herrschenden Kreise</hi> der israelitischen
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, israelitische">Frömmigkeit</term>
                    – heutzutage würde man sagen: die streng christlich gesinnten Kreise.
                    Man weiß, wie Jesus darüber gedacht hat: Gotteserkenntnis und Menschenliebe,
                        <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> fand er bei ihnen nicht, bei
                    ihnen am allerwenigsten. Und nun <pb xml:id="p612" ed="pga"/> trotzdem: Der Same
                    ist aufs Land geworfen! Da waren die <hi rend="italic">großen Massen</hi>, die ihm
                    nachfolgten und ihn anstaunten. Da sah er freilich in manches leuchtende und
                    dankbare Auge, da spürte er freilich, dass Viele willig waren, ihm das
                    abzunehmen, was er ihnen brachte. Aber er hat sich doch nicht darüber
                    getäuscht, dass das noch kein Anlass und Grund sei, des Reiches Gottes und
                    seiner Zukunft sicher zu sein. Was man heutzutage so oft tut, das Reich
                    Gottes da zu sehen, wo wohlbesetzte Kirchen und Versammlungen<note xml:id="n03">«Versammlungen» meint die neben dem oder im
                        Gegenüber zum Gemeindegottesdienst stattfindenden Versammlungen <term type="Sachen" key="Pietisten">pietistischer</term>
                        Gemeinschaften.</note> sind, das hat Jesus gerade nicht getan, denn er
                    musste an das Samenkorn denken, das freilich zu sprießen beginnt, aber es
                    hat Felsboden unter sich und Dornen über sich, und so ist es ein Beginn ohne
                    Fortsetzung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.5 Mk.4.7">Mk. 4,5–7</ref> par.]. Wer konnte wissen, ob es nicht bei den
                    Meisten, bei Allen der zuhörenden Menschen sich so verhielt? <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Es brauchte eine merkwürdige Zuversicht,
                    trotzdem zu denken und zu sagen: Der Same ist aufs Land geworfen, das Reich
                        <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist da. –
                    |</p>
                <p>Aber da waren doch wenigstens Jesu <term type="Sachen" key="Jünger">
                            <hi rend="italic">Jünger</hi></term>, die Zwölfe und die Andern, die ihm
                    nachfolgten, buchstäblich indem sie sein Leben teilten und das mit
                    unzweifelhafter, treuer Anhänglichkeit. War hier das Reich Gottes, von dem
                    Jesus sagte, dass es da sei? Doch wohl nicht, denn auch dieser engste Kreis
                    um ihn bestand keineswegs aus Gottesmenschen. Auf den Erfolg seines
                    Einflusses bei <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>, bei den
                        <rs type="person" ref="kbga-actors-1073 kbga-actors-2294">Söhnen</rs>
                    des <persName ref="kbga-actors-6559">Zebedäus</persName> hätte Jesus seine
                    Gewissheit Gottes und seines Reiches niemals abstellen<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>
                     können. Denn da musste er nicht bloß bis zuletzt Unarten und
                    Unbesonnenheiten wahrnehmen, sondern ein das Innerste berührendes Manko von
                    Wahrheit und Liebe. Das Reich Gottes in den Jüngern? Sie haben bis zum
                    letzten Lebenstag Jesu gezeigt, dass sie an ein ganz anderes Reich Gottes
                    dachten als er, dass die Verworrenheit und der Egoismus noch immer die
                    herrschende Macht in ihnen war. Wie kommt Jesus trotz Allem zu der ruhigen
                    Gewissheit: Der Same ist gesät, das Reich Gottes ist da?</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p613" ed="pga"/> Ich glaube, wir haben die Erklärung dafür in der Tatsache zu suchen, dass
                    Jesus seine Sicherheit und die Sicherheit der Sache Gottes von vornherein
                    nicht auf das abzustellen gedachte, was <hi rend="italic">er</hi> durch seine Worte
                    und Taten ausrichtete, auf <hi rend="italic">seinen</hi> großen oder kleinen Erfolg
                    bei den Schriftgelehrten, beim Volk, bei seinen Jüngern. Sondern das war
                    seine Sicherheit, dass er <hi rend="italic">dankbar</hi>
                    <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Dankbarkeit">war</term> für das,
                    was <hi rend="italic">Gott</hi> tat, der zunächst in ihm sein Reich, Wahrheit und
                    Liebe, Gerechtigkeit und Freude am Leben hatte <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wirklichkeit der Verheißungen">Wirklichkeit</term>
                    werden lassen. Er sah Gott in sich selber, in seinem Innern. Der Gehorsam,
                    der ihn ganz regierte, ließ eine Unsicherheit in dieser Dankbarkeit nicht
                    zu. Er konnte ohne Übertreibung von sich sagen: Alle Dinge sind mir
                    übergeben von meinem Vater [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.27">Mt. 11,27</ref> par.], denn es konnte wirklich grundsätzlich nichts geben,
                    was zwischen ihn und seine Gewissheit der Gegenwart <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gewissheit der Gegenwart Gottes">Gottes</term>
                    treten konnte. Von diesem Punkt aus, der im Johannesevangelium besonders
                    unterstrichen ist, müssen wir seinen Gedanken vom Reiche Gottes, das
                        <hi rend="italic">da</hi> ist, verstehen. <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Was in ihm,
                    dem Menschen, Wahrheit geworden war, musste auch in den Andern, in den
                    Menschen, <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> werden. Seinen
                    Worten konnten sie widersprechen, ihr Inneres konnte aufs Tiefste verstockt
                    und verdorben sein, das störte doch nicht seine Gewissheit, dass sie ihm vom
                    Vater übergeben seien, dass jetzt das Licht in der Finsternis angezündet
                    sei. Die Dankbarkeit Gott gegenüber siegte in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Dankbarkeit">ihm</term> über den Zweifel den
                    Menschen gegenüber. Er trat zu den Menschen nicht als Vertreter seiner
                    Privatsache, seiner religiösen Ideen, sondern als Vertreter der Sache <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vertreter der Sache Gottes">Gottes</term>, er redete wie einer, der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollmacht">Vollmacht</term> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.29">Mt. 7,29</ref>]. Und darum wusste
                    er’s: <hi rend="italic">ich</hi> wirke, aber das andre ist wichtiger: Gott der
                    Vater wirkt durch mich [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.5.17">Joh. 5,17</ref> u. ö.], und weil es so ist, <hi rend="italic">ist</hi> der Same
                    gesät, das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>
                    <hi rend="italic">ist da</hi>, und wenn kein anderer Mensch etwas davon wissen und
                    betätigen würde.</p>
                <p>Wenn wir verstehen wollen, was das Gleichnis für uns soll, muss die
                    Voraussetzung Jesu die unsrige werden, wir müssen lernen
                        <hi rend="italic">dankbar</hi> sein und in den scheinbar leeren Furchen des Ackers
                    den bereits gesäten Samen <hi rend="italic">sehen</hi>. Denn wenn wir uns umsehen in
                    unserm eigenen Leben und im Leben der <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term>, dann scheinen da freilich lauter leere Furchen uns
                    zu umgeben, wie es dort Jesus hätte gehen müssen, wenn er’s gemacht
                    hätte, wie wir’s gewöhnlich machen. Wir möchten etwas sehen, um des
                    Reiches Gottes gewiss zu sein, Erfolge und Wir<pb xml:id="p614" ed="pga" break="no"/>kungen, die uns überzeugen, dass es Wahrheit ist. Statt dessen sehen wir
                    öfters das Gegenteil, und je genauer wir’s mit uns und den Andern
                    nehmen, desto mächtiger zeigt sich dies Gegenteil. Wir erinnern uns an
                    Stunden und Tage, da das Reich Gottes in uns zu sein schien, wo wir etwas
                    spürten von dem Hochgefühl der reinen Hingabe an Gott, der reinen
                    Gemeinschaft mit ihm. Aber das ging vorbei; es liegt hinter uns, eben als
                    eine Oase, die wir wieder verlassen haben. Es kam uns irgendetwas Plattes,
                    Gewöhnliches dazwischen, wir mussten die reine Höhe wieder verlassen und von
                    ferne zusehen, wie andre dort lebten, ja der quälende Verdacht ist uns wohl
                    gekommen, ob der damals <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> erreichte Höhepunkt
                    unsres Innenlebens am Ende keineswegs ein solcher war, sondern ein Stück
                    unfrommer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, unfromme Extrafrömmigkeit">Extrafrömmigkeit</term> wie die des <term type="Sachen" key="Pharisäer">Pharisäers</term> im Tempel [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.11 Lk.18.12">Lk. 18,11f.</ref>]. Was tun bei solchen Rückfällen, die,
                    gleichviel ob sie schwer oder leicht sind, einen aufrichtigen Menschen zu
                    den peinlichsten Selbstentdeckungen führen müssen? Der Same ist gesät? Das
                    Reich Gottes ist da? Das erscheint uns in solchen Augenblicken und Zeiten
                    doch wohl mehr als eine Ironie, als ein schöner Wunsch denn als eine
                    Tatsache. – |</p>
                <p>Und dann sehen wir nach links und rechts hinaus, in die Welt der Menschen,
                    z. B. in die Stadt Genf, in der wir leben, und fragen: wo bleibt das Reich
                    Gottes? Viel <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term>, viele
                    Kirchen, viel <term type="Sachen" key="Wohltätigkeit">Wohltätigkeit</term>,
                    viel bürgerliche Rechtschaffenheit, wer wollte daran zweifeln. Aber das
                    Reich <hi rend="italic">Gottes?</hi> Das Ende der Verworrenheit in den Köpfen und der
                        <term type="Sachen" key="Selbstsucht">Selbstsucht</term> in den Herzen,
                    der Anfang privater und sozialer <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, soziale">Gerechtigkeit</term>, Reinheit und Liebe in
                    der Gesellschaft, ein Staat Gottes in tieferem Sinn, als <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> ihn gedacht?<note xml:id="n04">Zur Bezeichnung <placeName ref="kbga-places-67">Genfs</placeName> in diesem Sinn vgl. die Eingangsverse des
                        Gedichts, das <persName ref="kbga-actors-9306">Michel Roset</persName> seiner 1562 fertiggestellten Chronik der Stadt Genf
                        beigab (<bibl corresp="kbga-bibls-2794"><persName ref="kbga-actors-9307">M. Monnier</persName>,
                            <hi rend="italic">Genève et ses Poëtes du XVI<hi rend="sup">e</hi> siècle a nos
                            jours</hi>, Paris / Genève 1874, S. 85)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Cité de Dieu, Genève renommée </l>
                                    <l>C’est de sa main que fus jadie fondée, </l>
                                    <l>pour quelquefois de son honneur et gloire </l>
                                    <l>Être aux vivants un miroir de mémoire.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                    Ich meine, es wird Manchem näher liegen, das Umgekehrte zu
                    sagen: Verworrenheit und Selbstsucht nehmen immer mehr zu, <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, Reinheit und
                    Liebe verschwinden mehr und mehr, hier wie in der ganzen Welt.
                        <hi rend="italic">Und</hi> das <pb xml:id="p615" ed="pga"/> Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>? <hi rend="italic">Und</hi> der gesäte Same? Wir
                    zucken mit den Achseln, und es sieht aus, als wäre unsre <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> hier wie in den Enttäuschungen
                    unsres persönlichen Lebens auf einen toten Punkt geraten. Ein frommer Wunsch
                    auf eine bessere Zukunft mit einem Fragezeichen dahinter scheint das Letzte
                    zu sein.</p>
                <p>Aber nun ist es Jesu Voraussetzung, dass es einen solchen toten Punkt nicht
                    geben dürfe, weder bei der Selbstbetrachtung noch bei der Weltbetrachtung.
                    Und sein <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> soll auch
                    uns über diese toten Punkte hinweghelfen. Es sagt uns, wie wir es bei ihm
                    selbst sahen: Lass jetzt einmal alle Erwägungen ruhen über das, was du
                    kannst und nicht kannst, über das, was die Menschen sind und nicht sind,
                    sondern fange mit dem an, was du für das Ende hältst, nämlich mit der <term type="Sachen" key="Dankbarkeit">
                            <hi rend="italic">Dankbarkeit</hi></term>.
                    Zunächst was die Gottesgewissheit deines persönlichen Lebens belangt. Schau
                    einmal an und besinne dich auf Alles das, was dir <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>
                    <hi rend="italic">geschenkt</hi> ist, statt auf das, was du getan oder nicht getan
                    hast. Du bist durch die <term type="Sachen" key="Taufe">Taufe</term> in die
                    christliche <term type="Sachen" key="Gemeinde">Gemeinde</term> aufgenommen
                    worden. Das ist keine leere Zeremonie gewesen, die dich und dein inneres
                    Leben jetzt nichts mehr angeht. Sondern du sollst dich deiner Taufe
                        <hi rend="italic">freuen;</hi> denn da hat Gott dir im Sinnbild erklärt, dass du
                    im Zusammenhang mit <term type="Sachen" key="Taufe, Sinnbild für Gemeinschaft mit Jesus Christus">Jesus</term>
                    stehen darfst, und dein ganzes bisheriges Leben ist eine Bestätigung dieser
                    Erklärung. Du stehst unter den Wirkungen Jesu. Und das hast du nicht
                    gemacht; ohne dein Zutun bist du gerade in diesen Zusammenhang gekommen,
                    bist du ein Glied am lebendigen Leibe Christi geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.5.30">Eph. 5,30</ref> u. ö.]. Und darum bist
                    du jetzt mit deinem Verlangen nach Gott nicht auf dich selbst gestellt, das
                    wäre freilich eine üble Lage, sondern du darfst appellieren auf<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängetlt.</note>
                     dein <term type="Sachen" key="Taufe, Bürgerrecht im Reich Christi">Bürgerrecht</term> im Reiche Christi, d. h. du darfst dich jeden
                    Augenblick vergewissern, dass so etwas wie das Leben und Sterben <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term>, diese Fülle von
                    göttlicher Wirksamkeit möglich war – nicht im Himmel, nicht jenseits
                    deines Lebens, sondern mitten drin, dass da etwas vorhanden und vollbracht
                    ist, was du nicht vollbracht hättest, aber an das du dich nun halten darfst
                    mit trotziger Zuversicht:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Blick’ empor zum Kreuzesstamme:</l>
                            <l>Kehre wieder, fürchte nicht,</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p616" ed="pga"/> Dass der Gnäd’ge dich verdamme,</l>
                            <l>Dem sein Herz voll Liebe bricht.<note xml:id="n05">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-176">Aus
                                    Strophe 3 des Liedes «Kehre wieder» von <persName ref="kbga-actors-1254">K. J. Ph. Spitta</persName> (GERS 222; dort: «Dem sein Herz vor Liebe
                                    bricht»)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Mach’s wie Jesus selbst, sieh auf das, was größer ist
                    als du und sei ihm gehorsam, dann wirst du vorsichtig werden gegenüber den
                    innern Höhepunkten, von denen wir sprachen, und ruhig gegenüber den innern
                    Tiefpunkten und wirst es verstehen: Der Same ist gesät, das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist da. |</p>
                <p>Und mit der Gottesgewissheit bei der Weltbetrachtung steht es nicht anders.
                    Wir haben hier wie dort dieselbe Orientierung. Unsre Augen sehen <term type="Sachen" key="Welt, Gottlosigkeit">Gottlosigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Welt, Dekadenz">Dekadenz</term> um und um. Man hört
                    manchmal Christen über die Verderbnis der Welt reden, und man spürt es ihnen
                    an, dass es ihnen ist, als seien sie wie auf einer Insel mit ihrem Glauben,
                    rings umher aber <term type="Sachen" key="Hölle">Hölle</term> und <term type="Sachen" key="Satan">Satan</term>. Aber unsre <term type="Sachen" key="Gewissheit, Gottesgewissheit">Gottesgewissheit</term> soll nicht
                    solches Inselwesen sein, so wenig wie in unserm persönlichen Leben ein
                    Oasenwesen. Von Jesus aus gesehen sieht die <term type="Sachen" key="Welt, von Jesus Christus aus gesehen">Welt</term> und die <term type="Sachen" key="Menschheit, von Jesus Christus aus gesehen">Menschheit</term> ganz anders aus. <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Da kann
                    in dem verkommenen Gesellen aus der Hintergasse der Großstadt heimlich mehr
                    Reich Gottes sein, obwohl er in Jahr und Tag keine Kirche betritt, als im
                    Pfarrer, der alle Sonntage auf der Kanzel steht, im verdächtigen Weib von
                    der Straße mehr als in der korrekten Dame der guten Gesellschaft. Da gibt es
                        <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term> und Reinheit und <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term> im tiefsten, innerlichsten Sinn
                    an Orten und in Menschen, wovon wir uns nichts träumen lassen. Da gelten
                    ganz andre Maßstäbe, als wir sie anzuwenden pflegen, denn die Furchen sind
                    umgepflügt, und der Same liegt unten. Ja es ist wahr, wir haben es
                    heutzutage im öffentlichen <term type="Sachen" key="Leben, öffentliches">Leben</term> mit einem gewaltigen Kampf gegen Alles, was <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> und Kirche heißt, zu
                    tun, und die <term type="Sachen" key="Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> von Tausenden und Abertausenden ist die
                    schwerste Waffe in diesem Kampf. Aber ich glaube nicht, dass das Grundgefühl
                    des gläubigen Christen bei diesem Anblick der Gedanke sein darf, es handle
                    sich da um einen Kampf gegen Gott und sein Reich. Denn der Christ steht dem
                    Allem nicht gegenüber als Vertreter <hi rend="italic">seiner</hi> Sache,
                        <hi rend="italic">seiner</hi> Ideen und Kirchenlehren, sondern als Vertreter <term type="Sachen" key="Christen, Vertreter Gottes">Gottes</term>. Er sieht
                    die Dinge unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit, von Jesus aus, wie ich eben
                    sagte, und das macht, <pb xml:id="p617" ed="pga"/> dass er auch in denen, die
                    unsre Kirche meiden oder bekämpfen, etwas von dem sieht, was größer ist als
                    sie selbst und als wir. Denn auch da kommen ganz andre Maßstäbe zur Geltung.
                    Auf alle Fälle: Die <term type="Sachen" key="Dankbarkeit">Dankbarkeit</term>
                    ist größer als der <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term>. Was in
                    uns Wahrheit und Leben ist, das Größere, Bessere, das wir nicht gemacht,
                    sondern empfangen haben, das muss sich auch in der Welt durchsetzen. Es kann
                    nicht anders. Denn es ist seine Natur, dass es die Welt beherrscht. Der Same
                    ist gesät. Das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>
                    ist <hi rend="italic">da</hi>, und es muss uns <hi rend="italic">bleiben</hi>.<note xml:id="n06">Vgl. die <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Schlusszeile der vierten Strophe des
                        Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (GERS 157; RG 32; EG 362): «Das
                        Reich muss uns doch bleiben.»</bibl>
                        </note>
                    </p>
                <p rend="margin-top">Ich sagte, das sei die Voraussetzung unsres Gleichnisses.
                    Aber es ist vielleicht seine Eigentümlichkeit, dass in der Voraussetzung
                    schon der ganze Inhalt verborgen ist. Ein Mensch hat den Samen aufs Land
                    geworfen, <hi rend="italic">und nun schläft er und steht wieder auf Nacht und Tag, und
                        der Same geht auf und wächst empor, er weiß nicht, wie es
                        geschieht</hi>. Diese Ergänzung, die so selbstverständlich klingt,
                    kann uns auf die Spur helfen, woran es liegt, dass uns die Gewissheit, die
                    Jesu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gewissheit">Voraussetzung</term> war, so <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> oft abgeht.
                    Wir machen es nicht, wie es bei dem Naturvorgang, den Jesus schildert,
                    selbstverständlich ist. Wir möchten wissen, wie es zugeht, dass der Same
                    wächst. Es liegt eine Fülle von reifer Lebenskenntnis in diesem Sätzchen: er
                    weiß nicht, wie es geschieht. Damit ist vor allem gesagt, dass das Wachsen
                    des Samens ein Geheimnis ist. Ja, der Landmann oder ein Naturkundiger könnte
                    uns eins nach dem andern die Veränderungen erklären, die mit dem Samenkorn
                    in der Erde vorgehen von der Stunde, da es gesät wurde, bis zur Stunde, da
                    es die erste grüne Spitze über die Erde treibt. Und ebenso können uns
                    Seelen- und Menschenkundige aufs Genaueste sagen, wie es zugeht, was in
                    einem Menschen vorgeht, wenn das Gute, wenn Gott die Gewalt in ihm bekommt.
                    Dort ist von Zellen und Keimblättern die Rede und hier von treibenden
                    Motiven und beseitigten Hemmungen. Aber dass hier wie dort hinter den Worten
                    noch weitere Fragezeichen stehen müssten, das kann man sich nicht verbergen.
                    Was ist die Kraft, die da wirkt zwischen Erde und Samen hin und her? Man mag
                    sie beschreiben bis ins Einzelnste, Grund und <pb xml:id="p618" ed="pga"/> Wesen
                    des Vorgangs ist nicht zu beschreiben, wir stehen vor dem Geheimnis der
                    lebendigen <term type="Sachen" key="Natur, Geheimnis">Natur</term>, vor dem
                    Geheimnis der ersten Bewegung.<note xml:id="n07">Der erste
                        Gottesbeweis des <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName> schließt von der Tatsache der
                        bewegten Dinge auf Gott als den ersten Beweger (primum movens); vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1625">
                                <persName ref="kbga-actors-1282">ders.</persName>, S.Th I, qu.2 a.3</bibl>: «Ergo necesse est devenire ad aliquod primum
                        movens, quod a nullo movetur, et hoc omnes intelligunt Deum.»</note> Und
                    was ist das für eine Energie, die in einem Menschen zu wirken beginnt, der
                    innerlich oder äußerlich ein neues Leben anfängt? Man mag Erklärungen dafür
                    haben: er ist unter diesen oder jenen Einfluss gekommen, er hat einen
                    starken Eindruck erlebt, es sind Erinnerungen aus seinem eigenen Leben
                    wieder mächtig geworden in ihm. Und Ähnliches mag man sagen, wenn man sieht,
                    wie ganze <term type="Sachen" key="Familie">Familien</term>, Stände, <term type="Sachen" key="Gesellschaft">Gesellschaftskreise</term>, ganze <term type="Sachen" key="Völker">Völker</term> tiefgehende geistige
                    Veränderungen durchmachen. Aber die Erklärungen, die man da herbeibringt,
                    sind doch wohl in den meisten Fällen mehr weitläufige Beschreibungen. Es
                    steht hinter der Energieentfaltung im geistigen wie im natürlichen <term type="Sachen" key="Natur, und Geist">Leben</term> das absolute Geheimnis
                    des Anfangs, das durch die exakteste mikroskopische und psychologische
                    Forschung nur weiter zurückverlegt, nicht gelöst werden kann.</p>
                <p>Es ist kein Zufall, dass Jesus diese geheimnisvolle Seite des Reiches <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>
                    <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> durch die Herbeiziehung
                    jenes Naturvorgangs unterstrichen hat. Die <term type="Sachen" key="Dankbarkeit">
                            <hi rend="italic">Dankbarkeit</hi></term> gegen das überlegene
                    Wirken <term type="Sachen" key="Gott, überlegenes Wirken">Gottes</term> soll
                    dadurch den Charakter der <term type="Sachen" key="Ehrfurcht">
                            <hi rend="italic">Ehrfurcht</hi></term> bekommen. Wir wissen nicht, wie es
                    geschieht, wenn das Reich Gottes, das da ist, in uns etwas Wirkliches wird,
                    wenn es zur Entfaltung dessen kommt, wozu wir durch die <term type="Sachen" key="Taufe">Taufe</term>, durch unser Bürgerrecht im Reiche <term type="Sachen" key="Taufe, Bürgerrecht im Reich Christi">Christi</term>
                    bestimmt sind, wenn Lebensfreude und ewiger Gehalt in unser Dasein kommt.
                    Denn die Aufrichtigkeit und den Gehorsam, die wir etwa aufgebracht haben,
                    können wir als letzten Grund dafür nicht geltend machen. Das mögen die
                    Keimblätter gewesen sein, die Lebenskraft selbst werden wir ehrlicherweise
                    anderswo suchen müssen. Ehrfurcht kommt nicht uns selbst zu, sondern dem,
                    das uns gemacht zu dem, was wir sind. Wir können die Reihe der Ursachen
                    weiter verfolgen: wir stoßen dann auf unsre Erzieher, auf unsre Eltern, auf
                    unsre Voreltern. Aber das Geheimnis wird mit jedem Schritt dunkler. Wieso
                    stehe gerade <hi rend="italic">ich</hi> gerade unter <hi rend="italic">diesem</hi> Einfluss,
                    wieso hat er sich bei mir geltend gemacht und bei andern, die ihn auch
                    erfuhren, nicht? Was ging vor <pb xml:id="p619" ed="pga"/> zwischen Erde und
                    Samenkorn, nicht einmal, sondern hundert und tausend Mal, bis ich das
                    geworden bin, was ich bin? Ich sage: ich weiß nicht, wie es geschieht, du
                    weißt es auch nicht, keiner weiß es, unser Anfang in Gott ist das
                    Unerforschliche, das wir ruhig zu verehren haben.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2795">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Maximen und
                            Reflexionen</hi> (Hamburger Ausgabe, Bd. 12, München
                            1973<hi rend="sup">7</hi>), S. 467</bibl>: «Das schönste Glück des
                        denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das
                        Unerforschliche ruhig zu verehren.»</note>
                    <term type="Sachen" key="Ehrfurcht">Ehrfurcht</term>, das sei unsre <term type="Sachen" key="Dankbarkeit">Dankbarkeit</term> gegen den, der uns
                    und alle Menschen zu seinem <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reiche</term>, das da ist, berufen hat.</p>
                <p>Und diese Ehrfurcht bedeutet nun, dass wir Gott müssen wirken lassen, ohne
                    ihm mit unsern Einfällen und Nachhilfsversuchen dazwischenzukommen. <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> und <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, Leben und Weben im gegenwärtigen
                    Reiche Gottes, das kann man sich nicht machen, das kann man durch keinen
                    Entschluss und innern Anlauf herbeiführen. Aus manchen Äußerungen Jesu kann
                    man vielmehr schließen, dass der fromm ist, der keine Ahnung davon hat, dass
                    er es ist. «Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das
                    Himmelreich» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], lesen
                    wir am Anfang der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term>.
                    Und es wird wohl so sein; es <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> stimmt auffallend
                    zu dem, was hier steht: er weiß nicht, wie es geschieht. Viel Geschraubtes
                    und Unnatürliches, das die Christen um Christi willen meinten tun zu müssen,
                    wäre unterblieben, wenn man auf diesen Zusammenhang zwischen der Dankbarkeit
                    und der Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes mehr geachtet hätte. Vergangene
                    Woche ist ein Bericht durch die Zeitungen gegangen über die <term type="Sachen" key="Zungenreden">Zungenredner</term> an einer sogenannten
                    Pfingstkonferenz in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>.<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2796">J. M., <hi rend="italic">Die Zungenredner in
                            Zürich</hi>, in: Neue Zürcher Zeitung, 4.10.1910, Jg. 131,
                        Nr. 274, Drittes Morgenblatt, [S. 2]</bibl>: «Da grüßten nun in diesen Tagen
                        Tausende freudig bewundernd das Luftschiff, das als Zeichen unserer
                        hochentwickelten Kultur von Luzern zu uns herüberflog; aber sie haben
                        keine Ahnung von den unerhörten, mittelalterlich anmutenden Szenen,
                        welche die Zungenredner unter dem Deckmantel christlicher Liebe und
                        Barmherzigkeit und unter Mitwirkung ‚des heiligen Geistes’ hier in
                        Zürich aufführten. […] Ein Abgrund von Aberglaube und
                        Borniertheit tat sich in den <hi rend="italic">geschlossenen Sitzungen</hi> vor
                        uns auf. […] Während acht Tagen war man nun dabei […], die
                        Leute für diese geheimen Andachtsstunden zu präparieren. Es war keine
                        Gefahr, daß noch irgendein Funke von Vernunft und Wille in den Menschen
                        lebte […]. Mit gesenktem Haupt, die Augen krankhaft eingedrückt,
                        erwartet man den Geist. […] Das Murmeln, Stöhnen und Seufzen
                        schwillt zu grauenvollem Schreien an, erschütternde Bekenntnisse
                        stammeln die Büßenden. […] Ein grauenvolles Durcheinander von
                        trostlosem Jammern und höchsten Tönen wahnsinniger Freude. Der Geist
                        kämpft furchtbar mit dem Teufel, und endlich stellen sich die ‚Zungen’
                        ein. Junge, blühende Mädchen und baumstarke Männer gebärden sich ebenso
                        sinnlos wie heulende Weiber. Viele verfallen in hysterische Krämpfe.
                        […] Mit ekelhafter Zudringlichkeit bemühen sich die ‚Heiligen’ um
                        eine alte blinde Frau und um einen kranken, lahmen jungen Menschen.
                        Zwischen Furcht und Hoffnung warten diese inbrünstig betend auf das
                        Wunder der Heilung, das nie geschieht. ‚Gott will dich noch prüfen’, so
                        sucht man die Flehenden und angstvoll Blickenden zu beschwichtigen.
                        […] Wie wenig man in kirchlichen Kreisen von dem wahren Gehalt
                        dieser Pfingstlehre unterrichtet ist, geht daraus hervor, daß […]
                        die französische Kirche am Schanzengraben am vergangenen Sonntag den
                        Gesundbetern zur Abhaltung ihres ‚Gottesdienstes’ geöffnet wurde. Nun
                        sollen Ströme des Geistes über Zürich kommen. Halleluja!» Vgl. auch den
                        Bericht: <bibl corresp="kbga-bibls-2797">
                                <hi rend="italic">Die Pfingstbewegung</hi>, in: Der Kirchenfreund, 5
                        (1910), S. 310–313.326–329</bibl>. – Von den
                        Zusammenkünften derselben 14tägigen Konferenz in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> Ende September / Anfang Oktober 1910
                        berichtet sehr ähnlich auch <bibl corresp="kbga-bibls-2798">
                                <persName ref="kbga-actors-9308">E. Buchner</persName>, <hi rend="italic">Die Pfingstleute</hi>, in: ChW 25 (1911),
                        Nr. 2, 12.1.1911, Sp. 29–32.</bibl>
                        </note> Da ha<pb xml:id="p620" ed="pga" break="no"/>ben zahlreiche Menschen jedes Alters und Geschlechts stundenlang und
                    tagelang um den heiligen Geist gebetet, um eine sichtbare, körperlich
                    spürbare Wirksamkeit Jesu auf sie. Dergleichen Dinge kann man sich nun sehr
                    wohl suggerieren, d. h. durch kräftige Einbildung herbeiführen, und so ist
                    es geschehen, dass sich die ganze Versammlung unter wunderlichen Schreien
                    und Körperverrenkungen wirklich vom heiligen Geist heimgesucht glaubte. Es
                    soll aber sehr wüst mitanzusehen und anzuhören gewesen sein, und man hat mit
                    Recht gesagt – mag zur Zeit der ersten Christenheit geschehen sein,
                    was wolle –, dass dergleichen Religionsübungen nicht unsres
                    Jahrhunderts Sache sind. Mit dem <term type="Sachen" key="Glaube, an das Evangelium">Glauben</term> ans Evangelium, das uns
                    lehrt, das Unerforschliche ruhig zu verehren, haben sie jedenfalls nichts zu
                    tun, ja sie können uns geradezu als Beispiel dienen dafür, wie man’s
                        <hi rend="italic">nicht</hi> machen soll. Diese armen Menschen sind einfach der
                    Idee unterlegen, als ob es unsre Sache sein könne, der Wirksamkeit Gottes
                    entgegenzukommen und nachzuhelfen. Sie wollten wissen, wie es geschieht,
                    wenn der Geist auf einen Menschen kommt, was man da anzustellen hat und wie
                    es nachher zugeht. Unter uns ist schwerlich jemand, der zum <term type="Sachen" key="Zungenreden">Zungenreden</term> Neigung verspürt,
                    aber die Idee, als könne man Gottes Wirksamkeit durchschauen und als müsse
                    man ihr nachhelfen, <pb xml:id="p621" ed="pga"/> kennen wir doch Alle. Wir haben
                    immer wieder die Neigung, den Anfang des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> statt in das stille Geheimnis des
                    göttlichen Geistes, der durch die Reihen der Menschen geht und
                        <hi rend="italic">uns</hi> führt, in unsre tiefen oder weniger tiefen religiösen
                    Gefühle zu verlegen, die wir aufzusuchen und zu machen haben. Dann machen
                    wir uns vielleicht nicht so lächerlich vor Andern wie die Leute in
                        <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName>, aber wir bewegen uns
                    in derselben <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>unfruchtbaren Illusion wie sie. Wir
                    erwarten dann den Erfolg unsrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> in bestimmten Erscheinungen unsres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">innern</term> oder äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Lebens</term>, der eine in einer
                    fortgesetzten Reihe hoher innerer <term type="Sachen" key="Gefühle, hohe innere">Gefühle</term> und Gewissheiten, der andre in
                    der Ruhe, Behaglichkeit und Sorglosigkeit seines Daseins, der dritte in noch
                    deutlicheren und erreichbareren Merkmalen der Tatsache, dass er mit Gott in
                    gutem Verhältnis steht. Das Alles hat mit dem Reich Gottes darum nichts zu
                    tun, weil wir da unsre Geister an die Stelle des Geistes Gottes gesetzt
                    haben. <hi rend="italic">Wir</hi><note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit blauem <choice>
                                <sic ed="pga">Stuft</sic>
                                <corr type="misprint">Stift</corr>
                            </choice> unterstrichen.</note>
                         haben unsre Religion gemacht, und <hi rend="italic">wir</hi><note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit blauem <choice>
                                <sic ed="pga">Stuft</sic>
                                <corr type="misprint">Stift</corr>
                            </choice> unterstrichen.</note>
                         haben bestimmt, was der Ertrag der <term type="Sachen" key="Religion, von uns gemachte">Religion</term> sein soll. Seien wir
                    doch froh, dass uns Beides nichts angeht, für unser eigenes Leben nicht und
                    für das der Andern erst recht nicht. Seien wir froh, dass wir es mit einem
                    Gott zu tun haben, der es besser kann als wir, mit einem Gott, dessen
                    Wirksamkeit, dessen Art uns zu finden und zu leiten unerforschlich ist, der
                    aber in Christus und seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuze</term> sein wirksames Reich aufgerichtet hat, damit wir
                    hinschauen und sicher werden dürfen.</p>
                <p rend="margin-top">Sicher werden dürfen! Das ist der Schluss des Gleichnisses,
                    wie es sein Anfang ist. <hi rend="italic">Von sich selber bringt die Erde Frucht, zuerst
                        das Gras, dann die Ähre, dann den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber
                        die Frucht es zulässt, sofort schickt der Bauer die Sichel, denn die
                        Ernte ist da</hi>. Die Sicherheit besteht nicht in der Hoffnung oder
                    dem Gefühl, dass aus uns und der Welt doch noch einmal etwas werden könne,
                    sondern die Sicherheit besteht in der Tatsache, dass die Erde, die Samen
                    empfangen hat, von sich selber Frucht bringt. <hi rend="italic">Von sich selber</hi>
                    wirkt der gesäte Same, das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Darauf müssen und dürfen wir unsre Gottesgewissheit abstellen<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterschlängelt.</note>. Der griechische Ausdruck im <pb xml:id="p622" ed="pga"/> Neuen Testament
                    für dieses «von sich selber» lautet wörtlich: <hi rend="italic">automatisch</hi>, und
                    als Kinder unsrer Zeit verstehen wir, was das sagen will: Weil das Erste
                    geschehen ist, nämlich die Saat, geschieht automatisch, ohne weiteres Zutun
                    von Menschenhand, das Zweite, das <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Wachsen und
                    Fruchttragen. Weil wir in den Zusammenhang des Lebens und Sterbens <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> gesetzt, weil wir
                    als Glieder seines Leibes geboren sind, braucht es nichts, als dass wir uns
                    dieses Zusammenhangs bewusst werden, so kommt automatisch, von sich selber
                    das Reich Gottes in uns zur Erfüllung. Das bedeutet nicht eine
                    übernatürliche <term type="Sachen" key="Geistausgießung">Geistesausgießung</term> mit wunderlichen Extramerkmalen, das bedeutet
                    nicht ein besonderes religiöses Hochgefühl, sondern das bedeutet die
                    Umwandlung unsrer Verworrenheit in die Klarheit des innern Lebens <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Klarheit des inneren Lebens">Jesu</term>, unsres <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term>
                    in seine Offenheit und Willigkeit gegen jedermann, unsrer Ratlosigkeit
                    gegenüber der Welt in die Bestimmtheit seines Willens: Ich wirke, und mein
                    Vater wirket auch [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.5.17">Joh. 5,17</ref>]. Denn wenn wir uns unsres Zusammenhangs mit Jesus bewusst
                    werden, dann hat das mit mysteriösen Gefühlen nichts zu tun – in Gott
                    ist das Mysterium und nicht in uns –, sondern das bedeutet, dass wir
                    hineinversetzt werden in die Gemeinschaft seiner Liebe und Treue, seines
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsma">Gehorsams</term> und
                    seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Selbstverleugnung">Selbstverleugnung</term>, dass wir mit ihm uns selber, dem
                    Vergänglichen sterben, um mit ihm Gott, dem Unvergänglichen, der Ewigkeit zu
                    leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.4.10 2.Kor.4.11">2.Kor. 4,10f.</ref>]. Wir sind seinerzeit bei unsern Betrachtungen des
                        Jakobusbriefs<note xml:id="n10">Vgl. oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p280#p280">S. 280-393</ref>.<ref type="pub" target="../volume/53/p410#p410">410-438</ref>.<ref type="pub" target="../volume/53/p454#p454">454-578</ref>.</note> öfters auf diesen
                    notwendigen innern Zusammenhang zwischen dem rechten Leben und dem rechten
                        <term type="Sachen" key="Glaube, und Leben">Glauben</term> aufmerksam
                    geworden. Eins ist im andern enthalten, sahen wir. Hier haben wir denselben
                    Vorgang von der andern Seite. Des Zusammenhangs mit Christus, in dem wir
                    stehen, des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>,
                    das da ist, bewusst werden, das heißt teilhaben an Christi Liebe und
                    Gehorsam und nichts Anderes. Von sich selber bringt die Erde Frucht. Von
                    sich selber wird die Anschauung des Herrn Freundlichkeit und
                    Pflichterfüllung.</p>
                <p>Und darum darf man den Rückschluss ziehen: wo wirkliche Freundlichkeit und
                    Pflichterfüllung ist, da <hi rend="italic">ist</hi> das Reich Gottes. Und wer an
                    seiner <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> und an
                    Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Wirksamkeit in der Welt">Wirksamkeit</term> in der Welt zweifelt, dem darf man nun den zweiten
                    Rat geben: <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/>
                    <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeiten</term> und <pb xml:id="p623" ed="pga"/>
                    <hi rend="italic">nicht</hi><note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr, nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         verzweifeln!<note xml:id="n11">Mit den Worten:
                        «Work and despair not» beendete <persName ref="kbga-actors-516">Thomas Carlyle</persName> (1795–1881),
                        schottischer Essayist und Historiker, seine Antrittsrede als Rektor an
                        der Universität Edinburgh am 2. April 1866; in der deutschen Übersetzung
                        wurden sie für den Titel einer Sammlung von Carlyles Werken verwendet,
                        die bis 1910 bereits in über 100 000 Exemplare erschienen war: <bibl corresp="kbga-bibls-1798">
                                <persName ref="kbga-actors-516">Th.
                        Carlyle</persName>, <hi rend="italic">Arbeiten und nicht verzweifeln. Auszüge aus seinen
                            Werken</hi>, übers. von M. Kühn / A. Kretschmar, Düsseldorf
                        1902</bibl>.</note> Die Gewissheit der <term type="Sachen" key="Prädestination">Prädestination</term>, des rechten Verhältnisses zu Gott, der
                    Wirksamkeit Gottes, man erfährt sie, wie schon <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> gezeigt hat, indem man gehorsam
                        ist.<note xml:id="n12">Vgl. bes. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst.
                        III,24,3–7</bibl>.</note> Wo die Frucht ist, da braucht man nicht erst
                    zu fragen, ob denn auch sicher der Same dagewesen sei, es versteht sich
                    einfach von selbst. <hi rend="italic">Wie</hi> aber der Same zur Frucht wird, das
                    haben wir gottlob nicht zu kontrollieren und zu lenken. Wir wissen nicht,
                    wie es geschieht, und es ist gut so.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Der Wolken, Luft und Winden</l>
                            <l>Gibt Wege Lauf und Bahn,</l>
                            <l>Der wird auch Wege finden,</l>
                            <l>Da dein Fuß gehen kann.<note xml:id="n13">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Aus Strophe
                                    1 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>
                                    (GERS 266; RG 680; EG 361).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Dazu führt uns das Evangelium, und das <hi rend="italic">ist</hi> das
                        <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>.</p>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                    </div>
                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                            <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-280">Nr. 272: «Mein Gott, wie bist du so verborgen» von <persName ref="kbga-actors-983">S. Franck</persName>,
                            Strophen 1–3 (RG 715,1–3).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-281">Nr. 289: «Nicht menschlicher Rat noch Erdenverstand» von <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>,
                            Strophen 1–3 und 4–6.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.1 Joh.14.24">Johannes 14,1–24</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
