Predigt Nr. 48 · 11. September 1910

Predigt: Markus 4,3-9

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Markus 4,3–9
(Jesus sprach zu dem Volk:) Höret zu! Siehe, es ging ein Säemann aus zu säen, und indem er säete, fiel das Eine auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf. Und Anderes fiel in das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte, und es schoss schnell auf, weil es nicht tiefe Erde hatte. Aber als die Sonne aufging, da wurde es versengt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und Anderes fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen auf und erstickten es, und es gab keine Frucht. Und Anderes fiel auf gute Erde und brachte Frucht, die ging auf, mehrte sich und brachte ein je dreißig- und sechzig- und hundertfältig. Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Meine Freunde!

Der Historiker Julius Wellhausen beginnt den letzten Abschnitt seiner Geschichte Israels, in dem von dem Leben und Wirken Jesu die Rede sein soll, mit dem kurzen, straffen Satz: «Als die Zeit erfüllet war, da ging ein Säemann aus zu säen.»1 Er ist offenbar der Meinung gewesen, um Jesu Wesen und Lebensinhalt mit einem Wort zu beschreiben, könne er gar nichts Besseres tun, als das einfache Bild von Säemann und Saat auf den anzuwenden, der es selbst gesehen und gebraucht hat. Diese Einfachheit in der Beschreibung Jesu könnte Manchem als zu einfach, nämlich als zu wenig fromm erscheinen. Er denkt, Jesus besser zu verstehen und zu würdigen, wenn er ihn von vornherein mit den Worten «Sohn Gottes» und «Heiland» bezeichnet. Wir werden auch nicht mit ihm darüber rechten wollen. Es hat seinen guten Grund, dass die innere Erfahrung der Christenheit schon im Zeitalter des Paulus und Johannes in jenen gewichtigeren Worten ihren äußern Ausdruck gesucht und gefunden hat. |580 Aber ich meine, wenn wir wie die Kinder von vorne anfangen wollen, bei Jesus das Leben zu lernen – und dazu haben wir Alle immer wieder Anlass –, dann tun wir gut, uns an die andern, die einfachen Gedanken und Worte zu halten. Es kommt ja überhaupt nicht darauf an, was wir über Jesus zu sagen haben, sondern darauf, was er uns zu sagen hat. Er selbst ist der Letzte gewesen, der von den Menschen große Worte über seine Person verlangt hätte. Wohl aber verlangte er von ihnen Aufmerksamkeit ohne Worte für des ewigen Gottes Wort und Leben, das in ihm war. Diese stille und bescheidene Aufmerksamkeit ist die rechte Stellung zur Person Jesu. Und die haben wir dann, wenn es uns ergeht, wie es von den Jüngern in einer bedeutungsvollen Geschichte des Evangeliums erzählt wird: «Sie sahen niemand denn Jesum allein» [Mk. 9,8 par.]. Sie entdeckten in ihm das, was ihrem Leben schließlich allein Wahrheit und Bestand versprach, und sie stellten dies ihr Leben bewusst und freudig, wenngleich mit großer Hilflosigkeit, ein auf die Richtung des Lebens Jesu. Es mag für diese dankbare und willige Aufmerksamkeit Jesus gegenüber stärkere und geistreichere Bezeichnungen geben – etwas Höheres und Christlicheres als die Sache selbst gibt es offenbar nicht, sonst wäre es nicht wahr, was Jesus einmal sagte, dass das, was er war und brachte, den Unmündigen offenbar sein sollte und nicht den Klugen und Komplizierten [Mt. 11,25 par.].

Und so kann man in der Tat sagen, dass das Bild von Säemann und Saat das Bild Jesu von Nazareth ist. Sich selbst hat er gesehen, als er mit offenen Augen für die beziehungsreiche Schönheit des Naturlebens den flüchtigen Moment erfasste und festhielt, da der Bauer mit kräftigem, wohlausgemessenem Schwung den Samen der geackerten Erde übergibt, dass sie ihn als Frucht mit Zinsen wiedergebe. So ist er als Säemann durch die Mitte der Menschen gegangen, um ihnen das zu geben, was Frucht bringt. Und so wollte er von den Menschen verstanden sein. Ihr seht den Säemann an der Arbeit, wollte er ihnen sagen, ihr seht die Gesetze der Natur in ihrem unaufhaltsamen Vollzug, seht verdorren und wachsen, leben und sterben. Besinnt euch auf das, was der schaffende Mensch und die waltende Natur da ohne Worte reden über das, was jetzt geschieht im Reiche des Lebens. Es ist derselbe allwaltende Gott, der den Samen seinen Boden finden lässt und den Boden seinen Samen nach ewiger Ordnung – derselbe, der |581 euch jetzt beruft, seine Kinder zu sein. Kein geistreicher Vergleichsgegenstand ist das, was ihr da seht, sondern da ist Gottes Wirken. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

So hat Jesus auf die einfachste und ungekünsteltste Weise das Reich des Geistes und das Reich der Natur zusammen gesehen, eines als das Symbol und die Erfüllung des andern. Und weil es so war, konnte er den Leuten sagen: Tut nur Augen und Ohren auf für das Einfache, Alltägliche, Selbstverständliche, dann versteht ihr mich und das, was ich bringe. Im Säemann und in der Saat könnt ihr Gott und die Welt sehen und verstehen, wenn ihr sehen und verstehen könnt, und dies Sehen und Verstehen ist dann der Weg zum Leben, zum Reiche Gottes. Das war vor 2000 Jahren.

Und nun wollen wir auch versuchen, uns in dies altbekannte Gleichnis zu vertiefen. Es hat Ewigkeitsgeltung, gerade weil es so schlicht und alltäglich ist. Große Gedanken erkennt man daran, dass sie so sind. Ich denke, ihr erinnert euch an die Darstellung des Gleichnisses, die Burnand uns vor kurzem geschenkt hat.2 Da sind auch lauter einfache, selbstverständliche Linien und Dinge: die Gestalt des säenden Mannes, die Furchen des Ackers, der sich bis an den fernen Horizont erstreckt, andere Arbeiter, die noch pflügen, wo erst gesät werden soll, und Gottes unendlicher Himmel, der sich gleich freundlich wölbt über den schaffenden Menschen und über dem fruchtbaren oder unfruchtbaren Boden. Mehr als diese einfachen Linien brauchen wir nicht, für unsre Erbauung hier in der Kirche nicht und für die Erbauung eines lebendigen Lebens draußen an unserm Platz in der Welt auch nicht.

Siehe, es ging ein Säemann aus zu säen. Das klingt zukunftsvoll und hoffnungsfreudig. Denn alles Säen ist ein Säen auf Hoffnung, und die

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Abb. 3: Eugène Burnand, «Der Säemann» (s. Anm. 2).
Hoffnung ist auf die Zukunft gerichtet. Säen heißt eine fruchtbare Zukunft wollen und zu diesem Wunsche das Seinige tun nach bestem Verstehen und Können. Säen bedeutet gegenwärtiges Denken und Handeln, das doch die ganze Zukunft in sich enthält. Da fällt das Weizenkorn klein und unscheinbar und wertlos im Frühling in die Furche, aber ihm und dem fruchtbaren Boden traut es der Ackersmann zu, dass es nicht so bleiben, dass es im Sommer Gras und Ähre hervorbringen werde mit neuem Korn, eine neue, unabsehbare Zukunft sprossenden Lebens. Und wegen dieses Hinweises auf etwas, was erst werden soll, ist Säemann und Saat seit alters das Symbol des Lebens gewesen. Denn das ist Leben und nur das, was eine Zukunft hat. Man kann geradezu sagen, dass das Wertlose und Schlechte auf allen Gebieten daran zu erkennen ist, dass es nur für den Moment, für die Gegenwart etwas bedeutet und ist. Das waren immer die unnützen, verhängnisvollen Augenblicke in unserm Leben, da wir zu uns selbst sagten: Ich will die Zukunft Zukunft sein lassen und dem Augenblick leben, er kommt so schön nicht wieder. Es waren die Augenblicke, wo wir aus guten Gründen unser Denken und unsern Willen |583 gleichsam in Ruhestand versetzten, wo wir zum Augenblicke meinten sagen zu müssen: verweile doch, du bist so schön,3 nur um uns nicht weiter ausstrecken zu müssen nach dem, was vorne ist [vgl. Phil. 3,13], wie es unsres Lebens Bestimmung wäre. Und da war dann das Lebendige in uns einem Samenkorn gleich, das ungebraucht liegen gelassen, dem Vertrocknen oder Verfaulen ausgesetzt wird. Was dagegen wertvoll und gut ist, das erkennt man daran, dass es beständig über sich selbst hinausweist, dass es nicht ein geruhsamer Besitz ist, den man genießt, sondern ein angelegtes Kapital, a-mit dem man-a arbeitet. Ich erinnere euch an das, was schließlich allein in der Welt ohne Einschränkung für gut gehalten werden kann, den guten Willen.4 Seine Eigenart ist es, dass er keine Grenzen kennen, dass er nicht aufhören darf, wenn es uns wohl ist oder wenn es uns übel geht, sondern dass er in unendlicher Rastlosigkeit vorwärts gerichtet sein muss, neuen Aufgaben und Zielen entgegen. Und wo im geistigen Leben etwas giltig und kostbar ist, da ist es das, weil es dem Menschen die Richtung auf die Zukunft gibt, weilb es in ihm in irgend einem Sinn die Energie erweckt, immer wieder die Ahnung Gegenwart werden zu lassen. Das schlichte Bild des Samens, der ausgeworfen wird, auf das uns Jesus aufmerksam macht, ist darum so eindrücklich und unvergänglich, weil es uns zeigt, wie zwischen «lebendig» und «gut» der innigste Zusammenhang besteht, wie Beides schließlich gar nicht zweierlei ist, denn hier wie dort ist jenes Streben in die Zukunft das Grundlegende und Ausschlaggebende.

Es ging ein Säemann aus zu säen. Saat auf Hoffnung der Zukunft ist alle rechtschaffene Arbeit auf Erden. Uns Allen ist gesagt: im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen [Gen. 3,19]. Allzuleicht denken und erleben wir dabei nur die Last und Mühe, oder aber den Vorteil und Gewinn der Gegenwart, des Augenblicks. Zu jenem neigt der arme, zu diesem der reiche Arbeiter. Aber der Geist Jesu Christi |584 ist der Geist des Zukünftigen, er führt uns über das Augenblickliche hinaus, auch wenn wir in der Arbeit stehen. Sie wird in dem Augenblick wertvoll, wo sie uns ein Mittel wird für die Zukunft, wo wir anfangen zu arbeiten mit bestimmten Zielen. Denn nur dies Ziele- und Zwecke-Haben gibt die Garantie, dass die Arbeit wirklich und recht getan wird, nicht nur angerührt und nicht nur abgeleiert, sondern erfüllt. Und dann hat sie etwas Großes, Bedeutungsvolles in sich, auch wenn ihre Ziele scheinbar noch so geringfügig und materiell sind. Sie gibt dem arbeitenden Menschen innern Schwung, innere Spannkraft, er fängt eben damit an, in seiner Arbeit zu leben. Und wo diese Spannkraft ist, die den Menschen in seiner Arbeit über die Verrichtungen der Gegenwart hinaustreibt zu dem, was in der Zukunft werden soll, da führt sie auch den Menschen hinaus über sich selbst. Es gibt freilich auch einen arbeitsamen Egoismus, aber rechtschaffene, zukunftskräftige Arbeit ist das nicht, denn sie hört auf, wenn der volle Geldbeutel und die Villa als Ertrag der Arbeit da sind. Rechtschaffene Arbeit dagegen, die ihre Ziele unermüdlich in die Zukunft setzt, führt die Gedanken und den Willen unweigerlich zuerst auf die gemeinsamen Interessen und von da auf die großen verborgenen Gesetze, die den Staat der arbeitenden Menschheit in den Fugen halten. Der Blick in die Zukunft lenkt die Augen nach links und rechts auf die Mitarbeitenden, der Mensch wird ein soziales Wesen, seine Arbeit wird Arbeit für die Andern und an den Andern. Ein neuer Zusammenhang wird uns da deutlich, der zwischen Leben und Zusammenleben. Im Bild des Säemanns ist Beides ausgedrückt. Er wirft im Frühling seinen Samen mit aller Hoffnung und darum mit aller Sorgfalt und Vollständigkeit. Weiß er denn, ob er im Sommer noch leben und die Früchte seines Fleißes sehen wird? Gleichviel, er weiß, dass die Arbeit getan sein muss; wenn nicht er, so werden andre ernten. Er treibt Arbeit auf Hoffnung, und da fällt seine Person und sein Anteil am Ertrag ganz aus dem Interesse. |

Wir verstehen nun, in welch tieferm Sinn Jesus im Säemann sich selbst und sein Tun wieder erkannte. Er säte im Frühling, auf Hoffnung und darum mit Sorgfalt, obwohl er von Anfang an wusste, dass er bei den Erntefreuden nicht dabei sein werde, ja er hat diesenc Ge|585danken an die Zukunft, an die Glückseligkeit seiner eigenen Person als eine Verführung von sich gewiesen. Sondern er hat mit Bewusstsein und Willen gesät für die Zukunft Gottes, d. h. aber für die andern. Und in diesem Sinn wird nun das Bild des Säemanns, wird Jesus, der diesem Bild Inhalt und Wirklichkeit gegeben, das Vorbild und Urbild aller Erziehung im weitesten Sinn des Wortes. Denn wenn Menschen nicht mehr für ihr eigenes kleines Glück, sondern für die Zukunft, d. h. aber auf dem Grund des ewigen Sittengesetzes5 für die Andern arbeiten wollen, dann heißt das, dass sie helfen wollen zu erziehen. Sie wollen dann, dass die Andern zu ihrem Besten gezogen und erzogen werden sollen, sie glauben an ihre Zukunft und sie wollen selbst ihr Bestes tun, um diese beste Zukunft herbeizuführen. Jeder Mensch ist zum Säemann, zum Lehrer und Erzieher in seinem kleinen oder großen Kreis berufen. Aber er ist es nur dann, wenn er wirklich Arbeit auf Hoffnung der Zukunft tut. Wer die Menschen besser haben möchte, wer in irgend einer Weise daran beteiligt ist, dass es so werde, der muss absehen lernen von seiner eigenen Person und ihrem Anteil am Glück. Denn wenn bei Allem, was wir an Andern und für Andere tun und wollen, schließlich doch immer dieses letztere Verlangen nach persönlicher Genugtuung und Wohlbehagen im Hintergrund steht, dann bedeutet das nichts Anderes, als dass wir noch keine rechte, tapfere, zukunftssichere Säemannsarbeit tun. Wir denken dann an uns selbst, an den Augenblick, nicht ans Säen, an die Zukunft, an die Andern, an die Erziehung. Richte du den Blick vorwärts, nicht auf das, was mit dir geschehen soll, sondern auf das, was geschehen soll mit dem kostbaren Samen des Lebendigen und dem fruchtbaren Acker der Menschheit, der lebendig werden soll.

Und wenn das überall gilt, wo Menschen nebeneinander und füreinander leben wollen, so gilt es erst recht überall da, wo Erziehung im eigentlichen und engern Sinn geschehen soll. Für Alle die, die in besonderer Weise an der Arbeit sind zu leiten, zu heben, zu helfen, zu fördern im Reiche des Lebens, für die Mütter und Väter, die Lehrer und Lehrerinnen und Pfarrer, für sie Alle ist der Zukunftssinn des Säemanns das unentbehrlichste Stück Berufsbildung. Ich denke an die |586 Unmasse Kinder, die in diesen Wochen in unsrer Stadt den ersten Gang zur Schule getan haben, ich denke an unsre jungen Leute, die die Konfirmation hinter sich haben und nun in der schwierigsten und ernsthaftesten Zeit ihres Lebens stehen, ungewiss, ob sie den Weg nach rechts oder links einschlagen wollen, ich denke an all die Erwachsenen, die nun der Arbeit des Winters entgegensehen, bewusst oder unbewusst mit neuem Bedürfnis, sich fördern und stärken zu lassen. Zukunftsland auf allen Seiten! Und durch die endlosen Furchen des Ackers schreitet der Säemann, der große Vater und Lehrer der Lebendigen. Er sät seinen Samen zur Linken und Rechten und wartet der Frucht, die der Same neuer Früchte werden soll. Und wir Alle wollen jeder an seinem Platz mit ihm säen und mit ihm warten auf das, was kommen soll.

Aber Jesus hat mehr gesehen als den zukunftsgewissen Säemann und den fruchtverheißenden Samen. Er sah die Schädigung und Zerstörung, die zwischen Saat und Ernte eintreten können, und er hat diesen Gedanken an das Schlimme nicht als etwas Störendes beiseite gestellt, sondern mitten hinein in das Bild vom Werke Gottes, durch das er die Menschen zum Leben erwecken wollte. Indem der Säemann säete, fiel das Eine auf den Weg, und Anderes fiel in das Steinige, und Anderes fiel in die Dornen. Anderes fiel auf gute Erde. So ist Alles beieinander und ineinander gerechnet, das Wachstum und die Verderbnis. Man hat darum mit Recht gesagt, es gehe ein Zug von männlicher Reife durch dies Gleichnis.6 Jesus war gleich fern von der unwahrhaftigen und unreifen Art der Pessimisten wie der Optimisten, die dem Bösen gegenüber die Hände im Schoß zusammenlegen als gegenüber etwas, was man schicksalsnotwendig hinnehmen müsse, sondern er hat das |587 Gute und das Böse gleicherweise gesehen und in Gottes Hand befohlen. Und so hatte er in seiner Säemannsarbeit an Gerechten und Ungerechten nicht bloß ein glaubenstrotziges «Dennoch», sondern ein kindliches «Darum» zu sagen.

Und hier stehen wir nun vor dem eigentlichsten Inhalt des Gleichnisses. Es gilt, bei jeder rechtschaffenen Säemannsarbeit die notwendig kommenden Enttäuschungen zu sehen und sehen zu wollen und dann unentwegt, nicht verarmt durch die Enttäuschungen, sondern bereichert in die Zukunft zu sehen und für die Zukunft zu handeln. Das ist der Inhalt des Säemannsgleichnisses, von dem Jesus gesagt hat: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Das aber gelte es zu hören und zu sehen, war seine Meinung, dass auch das Böse, Törichte, Traurige im Leben und in der Welt miteinbegriffen sei in Gottes Wirken.

Die Enttäuschungen gehören dazu, meine Freunde. Jesus hat es uns durch jene seine einheitliche Weltbetrachtung, wie sie gerade in diesem Gleichnis sich ausspricht, erleichtert, diesen uns immer wieder so schwer verständlichen Sachverhalt zu durchschauen. Er weist uns hin auf den Haushalt der Natur. Natur ist ihrem Wesen nach Leben, Entstehung, Schöpfung, Entwicklung, Werden, Fortschritt, Freude. Was in ihrem Reiche ist und besteht, das ist und besteht für immer. Es kann da wohl Auflösungen und Verwandlungen geben, aber kein Vergehen im strengen Sinn.

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen.
Das Ewige regt sich fort in allen.7

So ist die ganze Natur darauf angelegt, Frucht zu bringen, die aufgeht, sich mehrt, einbringt je dreißig- und sechzig- und hundertfältig. Aber ebenso deutlich sehen wir in dem lebenstrahlenden Bilde der Natur jene Flecken, die von Tod und Zerstörung reden. Das Gleichnis vom Säemann muss beim erstend Anhören den traurigen Eindruck erwecken, als seien die befleckten Stellen viel zahlreicher als die lichten, als sei das Reich des Todes in der Natur viel größer und mächtiger als das Reich des Lebens, als versage somit die Natur bei der Erfüllung ihrer |588 tiefsten Wesensbestimmung. Und dieser Eindruck, den Jesu Rede in uns weckt und wecken will, damit wir wach und damit lebendig werden, er findet seine wunderbare Bestätigung durch das, was die neuere Wissenschaft uns zu erzählen hat von der ununterbrochenen Katastrophe, die sich unter allen Lebewesen vollzieht. Wir hören von den Pflanzensamen, die zu Millionen und Abermillionen untergehen, ohne jemals zum Wachstum zu gelangen, von den höhern und niedern Tiergattungen, die in den Unbilden des Kampfes ums Dasein8 untergegangen sind und untergehen, wir sehen ganze Menschenrassen verschwinden, als ob sie nie dagewesen wären. Überall scheint es, als ob nur eine Auslese Weniger zum Leben bestimmt sei, als ob Tod und Vernichtung das Feld beherrschten. Wer Ohren hat zu hören, der höre!, sagt uns Jesus. Aber was sollen wir dazu sagen? Der Anblick wird uns immer wieder stutzig machen, und er soll es, wir sollen an diesem Bild nicht vorübergehen, aber eins darf er nicht, er darf nicht den Gedanken in uns erwecken, als wäre jene Katastrophe des Lebens, die wir mit ansehen, etwas, das nicht mit hinein gehörte in das große, umfassende Bild der lebendigen und lebenschaffenden Natur. Denn je genauer wir die Dinge beobachten und überdenken, desto deutlicher erkennen wir, dass es da auf der ganzen Linie, jenseits von Fäulnis, Ausrottung und Tod neues Leben gibt, neues Leben, wenngleich unter andern Formen. Uns mag der Untergang in der überwältigenden Mehrheit der Fälle das Letzte und Sicherste scheinen, in Wirklichkeit ist da doch kein Atom, das dem Zusammenhang der lebendigen Natur sich entziehen könnte. Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen. Das Leben ist das Übergreifende, Umfassende, es schließt auch den Tod in sich.

Und nun können wir das Gehörte und Gesehene überlegen nach seiner andern Seite, auf dem Gebiet des geistigen Lebens, des innern Daseins des Menschen. Nur die andre Seite nenne ich es. Denn die Gesetze beider, der Natur- und Geisteswelt sind gleicherweise vom Geist des Menschen erkannt und entworfen. Er ist ein Geisteswesen, nicht trotzdem, sondern weil er weiß, dass er ein Naturwesen ist. Und |589 dieser Zusammenhang, den Jesu klare Augen gesehen haben, gibt jenes Recht, im Naturgleichnis nicht einen matten Vergleich aus einem andern Gebiet, sondern eine unmittelbare Darstellung eines Sachverhalts zu sehen. Das lebendige Schaffen der Natur ist das lebendige Schaffen Gottes, desselben Gottes, der in unserm Innern sein Werk treibt.

Wir sehen, wie der Säemann am Säen ist auf Hoffnung, überall wo rechtschaffene Arbeit, wo Dienst an den Andern, wo Erziehung geleistet wird. Das ist das Zukunftswerk, durch das die Menschheit gebaut wird zum Tempel Gottes. Da ist die Zukunft Gottes, wie sie der, der Ohren hat zu hören, wahrnimmt im Werden der Natur. Aber da sind nun auch die großen Enttäuschungen, wenn der lebendige Same auf den Weg, auf das Steinige, unter die Dornen fällt, wenn seinem Wachstum allerlei unvorhergesehene Hindernisse entgegentreten und wenn er oder das bescheidene Pflänzchen, das daraus gewachsen, schließlich endet und verendet, ohne seines Wesens Bestimmung erfüllt zu haben. Das kennen wir ja nun wohl Alle: Wir gingen hoffnungsfreudig der Zukunft entgegen, in uns jubelte es: Nun muss sich Alles, Alles wenden,9 nun muss mein Leben Inhalt und Bestimmtheit bekommen, nun habe ich eine Seele gefunden, die mich verstehen kann und verstehen will. Aber dann hat es sich plötzlich gezeigt, dass es nichts war. Wie eine unüber steigbare Mauer baute sich etwas auf zwischen unserm Wünschen und Wollen und dem Ziel, zwischen Saat und Ernte. Wir mussten unsern Weg weitergehen wie vorher. Es wär’ zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein.10– |

590 Wir traten mit einem Gedanken, mit einer guten Absicht unter die Menschen, wir versprachen uns etwas davon für die Andern, für den Fortschritt der guten Sache. Was uns geschenkt war, wollten wir weiterschenken. Aber dann war etwas ganz Banales, Sinnloses da, das verhinderte, dass wir verstanden wurden. Was wir dachten und wollten, drang nicht durch, nicht weil es schlecht war, sondern weil Kraft und Verständnis und Wille fehlten, es aufzunehmen – oder wenn es durchgedrungen schien, dann verlief es sich wieder im Sande, bevor es seine Wirkung getan. – |

Wir standen in Reih und Glied der Kämpfer und Erzieher, wir spürten uns getragen von der Lebenswelle einer guten Bewegung, wir ahnten in uns etwas von jenem Mut, der früher oder später den Widerstand der stumpfen Welt11 besiegt. Aber dann war diese stumpfe Welt doch größer und stärker, als wir gedacht; wir sahen nach links und rechts und fanden wohl einzelne kühne Streiter und Helden, aber sie waren wie seltene Schwimmer in strudelnden Wassermassen, sonst weit und breit die unbewegliche Dummheit und Bosheit der Menschen. Wir verpufftene unsre Kraft wirkungslos, die Menschen wollten nicht befreit und nicht erzogen sein, sondern bleiben, was sie waren, und das musste uns schwer auf die Seele fallen, gerade wenn wir vorher zielbewusst und freudig an die Arbeit gegangen waren. Und es gab keine Frucht, sagt das Gleichnis in lakonischer Kürze und Sachlichkeit.

Das sind die Enttäuschungen, ich brauche nicht weiter auszumalen, wie sie entstehen und in was sie bestehen. Jeder kennt sie und jeder hat sie. Auch Jesus hat sie gekannt und gehabt, aber nun hatte er auch etwas Anderes, was wir meistens nicht oder nur teilweise haben, nämlich den großen Gottesfrieden in sich selbst, der über jede Enttäuschung sofort hinaussieht, der weiß, dass jenseits von Verdorren, Fäulnis und Tod neues Leben ist, weil es da nichts gibt, was Gottes Hand entzogen wäre. Der Tod ist verschlungen in den Sieg [1.Kor. |591 15,55], es kann gar nicht anders sein, wenn Gott am Werke ist. Das waren Jesu Gedanken über sich und seine Säemannsarbeit.

Was heißt das aber für uns, die wir mit Gott und für Gott und seine Zukunft säen, die wir Licht und Leben, Recht und Wahrheit schaffen und haben möchten, bei uns selbst und bei den Andern? Das heißt, dass wir nicht Optimisten oder Pessimisten sein sollen, die die Welt entweder für sehr gut oder sehr schlecht halten und darum Pflügen, Säen und Ernten auf sich beruhen lassen als etwas, das doch nichts abtrage. Das wäre freilich eine Art, sich scheinbar dem Schmerz der Enttäuschungen zu entziehen, das wäre eine Art Frieden, aber der Gottesfriede, der Lebensgewissheit hat, wäre das nicht. Sondern wir sollen und dürfen Säemannsarbeit des Reiches Gottes treiben, und da gehören die Enttäuschungen dazu, wie sie im Haushalt der Natur dazugehören. Sie können wohl uns betrüben, hindern, stören, sie können unsre guten Zwecke und Gedanken vereiteln, sie können unter Umständen unsre Lebenshoffnungen, unser Lebenswerk zu Grunde richten. Das sind die Vögel auf dem Weg, das Steinige, die Dornen, die zwischen Saat und Ernte schädlich sind. Aber in alledem wissen wir, dass Gottes Werk nicht aufzuhalten ist. Die ruhige Zuversicht, die wir gegenüber den Wechselfällen der Naturwelt auf die unzerstörbare Lebenskraft in der Natur setzen, sie soll und darf übergreifen und beherrschend werden für unsre Stellung und Aufgabe im Geistesleben, im Verkehr der Menschen untereinander, im werdenden Reiche Gottes. Dort sagen wir mit Goethe: «Das Ewige regt sich fort in Allen», und hier dürfen wir mit P. Gerhardt sagen:

Was Gott sich vorgenommen
Und was er haben will,
Das muss doch endlich kommen
Zu seinem Zweck und Ziel.12

Die Enttäuschungen sind immer Enttäuschungen des Augenblicks. Wir aber, wenn wir säen, säen für die Zukunft, nicht für unsre Zukunft, sondern für die Zukunft Gottes. An diese kann die Enttäuschung nicht herantreten. Und wenn wir den Blick dorthin richten, sind wir selbst jenseits der Enttäuschungen. Uns mag es freuen, wenn |592 unser Same wächst und aufgeht und Frucht bringt, dreißig- und sechzig- und hundertfältig. Es ist recht, wenn es uns freut.

Und uns mag es schmerzen, wenn unser Same weggetragen, verdorrt und erstickt wird. Es ist recht, wenn es uns schmerzt.

Aber unsere Freude und unser Schmerz sind aufgehoben in der Kraft des lebendigen, allmächtigen Gottes:

Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig ineinander schließt:
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.13
Amen.
Lieder:
  • Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von G. Tersteegen, Strophen 1–3 und 4–6 (RG 661,1–5 [mit Textabweichungen; ohne Strophe 5 GERS]). 🎵
  • Nr. 287: «Harre, meine Seele» von J. Fr. Raeder, Strophen 1–2 (RG 694,1–2). 🎵
Lesungstext:
  • Psalm 104.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus: «das».↩
b
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus: «wo».↩
c
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus: «oberflächlichen».↩
e
Im Mskr. mit Bleistift nachträglich unterschlängelt.↩

Sachfußnoten

1
J. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte, Berlin 18952, S. 342 📖: «Da ging ein Sämann aus, zu säen seinen Samen; sein Same war das Wort, sein Acker die Zeit.»↩
2
Gemeint ist die Zeichnung «Der Säemann» des gebürtigen Waadtländers Eugène Burnand (1850–1921); s. Abb. 3. Burnand arbeitete von 1900 bis 1906 an insgesamt 100 Zeichnungen zu den «Paraboles» Christi, die erstmals im Mai 1908 in Paris ausgestellt wurden. Im selben Jahr erschien auf Französisch eine Buchausgabe: Les Paraboles. Illustr. par Eugène Burnand, Avant-propos par E.-M. de Vogüé, Paris 1908 📖. Vgl. Die Gleichnisse Jesu. Illustriert von Eugène Burnand, mit Vorwort und Bilderklärungen von D. Koch, Stuttgart [1911]2, S. 7 und 16; das Bild, auf das Barth hier Bezug nimmt, findet sich dort S. 49 📖.↩
3
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1700 (Studierzimmer) 📖; ders., Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V. 11582 (Großer Vorhof des Palastes) 📖.↩
4
Zu dieser Anspielung auf Immanuel Kant vgl. oben, S. 361, Anm. 14.↩
5
Anspielung auf den «kategorischen Imperativ» Immanuel Kants; vgl. oben, S. 241, Anm. 13. ↩
6
Nicht ermittelt. – Eine der hier im weiteren ausgeführten inhaltlich ähnliche Deutung bietet J. Weiß, Die drei älteren Evangelien, in: ders. (Hrsg.) Die Schriften des Neues Testaments neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt, Bd. 1 , Göttingen 1906, S. 28–484, dort S. 99 📖: «So zeugt dies Gleichnis statt von resignierter Klage, die man gewöhnlich heraushört, vielmehr von einem ruhigen Vertrauen trotz aller Klarheit über die Grenzendes Erfolges. Kein rosenroter Optimismus, sondern nüchterne, realistische Beobachtung; […]. In dieser Abgeklärtheit und Ruhe, die gleich weit von Niedergeschlagenheit, wie von jugendlichem Enthusiasmus entfernt ist, liegt das Tröstliche des Gleichnisses […].»↩
7
Beginn der ersten Strophe des Gedichts «Vermächtnis» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1829; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 541f., dort S. 541). 📖 ↩
8
Anspielung auf Charles Darwins Hauptwerk (dt.: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, oder die Erhaltung begünstigter Gattungen im Kampf ums Dasein, Halle 1891) 📖; vgl. oben, S. 51, Anm. 7.↩
9
Aus der zweiten Strophe des Gedichtes «Frühlingsglaube» («Die linden Lüfte sind erwacht») von L. Uhland (Werke, Bd. 1, hrsg. von W. Scheffler, München 1980, S. 31) 📖:
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.
↩
10
Vgl. den Kehrreim des Liedes «Behüt Dich Gott», dem sog. «Trompeter-Lied»:
B’hüt dich Gott! es wär’ zu schön gewesen,
Behüt dich Gott! es hat nicht sollen sein!
Der Text beruht auf: J. V. von Scheffel, Der Trompeter von Säckingen, ein Sang vom Oberrhein, Stuttgart 187760, S. 220f. (Lieder jung Werners XII) 📖.↩
11
Vgl. den Beginn der siebten Strophe des Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von J. W. von Goethe 📖 (s. oben, S. 293, Anm. 15). ↩
12
Strophe 5 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (GERS 266; RG 680; EG 361). 🎵 ↩
13
J. W. von Goethe, Zahme Xenien VI, V. 172–179 (Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 704–713, dort S. 710 📖; i. Orig. keine Hervorhebungen).↩