Predigt Nr. 47 · 7. August 1910

Predigt: Jakobus 4,7-8

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Jakobus 4,7–8
Widerstehet dem Teufel, so fliehet er vor euch. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch.
Meine Freunde!

Ich habe einmal sagen hören, eine gute Predigt erkenne man daran, dass der Zuhörer nachher die Kirche verlasse mit einer Aufforderung im Herzen. Das will also sagen: dass er nicht bloß allerlei interessante und bemerkenswerte Gedanken in sich aufgenommen habe, sondern dass er da drinnen etwas spüre von einem Geheiß, von einer Forderung, ja von einem strengen Befehl: da und da in deinem Leben muss etwas anders werden; hier muss etwas Altes aufhören, und hier muss etwas Neues anfangen. Je bestimmter diese Aufforderung ist, die wir aus der Kirche mitnehmen und je mehr sie uns nicht bloß auf der Oberfläche, sondern in der Tiefe unsres Wesens trifft, umso besser. Aber damit solche Wirkung stattfinde, bedarf es doch nicht nur einer guten Predigt, sondern und vor Allem guter Zuhörer. Denn jener Ton der Aufforderung, der im Mittelpunkt stehen soll, ist das Merkmal einer guten Predigt, weil er das Merkmal der rechten Erbauung ist. Wie das Wort es sagt, handelt es sich dabei darum, etwas zu errichten, anzustreben, hinzustellen, was noch nicht da ist. Das ist nicht die rechte Erbauung, wo man bloß hohe und schöne Gedanken und Gefühle andächtig und beschaulich in sich hin- und herbewegt, sondern das ist sie, wo es einen Ruck nach vorwärts gibt, wo es heißt: du darfst und du sollst weiter, höher; das ist die Erbauung, wo die Aufforderung ergeht und befolgt wird zum Erbauen und Aufbauen eines tüchtigen und wahrhaftigen innern und äußern Lebens. Damit haben wir aber den Kreis von Predigt und Kirche bereits verlassen, müssen der Sache einen noch weitern Sinn geben und sagen: die Frömmigkeit überhaupt, also die Gesinnung und das Leben eines Gottesmenschen erkennt man daran, dass er beständig eine Aufforderung im Herzen trägt und beständig dieser Aufforderung nachkommt. Denn Fröm|565migkeit selbst ist nicht das in unserm Wesen, was uns zufrieden macht mit dem, was wir sind, sondern Frömmigkeit ist Unterwegssein, und nur wenn wir unterwegs sind, sind wir fromm.

In unsres Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.a1

Menschen, die den Ruf vernommen, das sind die frommen Menschen. Aber gerade dieses Merkmal zeigt, dass fromme Gesinnung und frommes Leben nicht eine Extra- und Nebenbeschäftigung sein kann, die man sich neben seinen übrigen Beschäftigungen erlaubt, wie andre etwa Kunst oder Sport treiben. Es ist das Merkmal des rechten, normalen Lebens, des Menschenlebens, wie es sein soll, überhaupt. Der rechte Mensch ist fromm, in ihm wirkt und schafft jene Forderung, jenes aufwärtssteigende Leben, und wenn er nicht fromm ist in diesem Sinn, so ist er kein rechter Mensch. An jeden Menschen ergeht jener Ruf, sich selber getreu zu werden, nämlich seiner Bestimmung, jenem Urbild des Besten, was aus jedem werden kann. Der Ruf, seinen Anteil in Empfang zu nehmen an der ewigen Wahrheit, am ewigen Leben, um ihn dann wieder fruchtbar zu machen für die Andern, für das Ganze, und so empfangend und gebend ein Bürger des Reiches Gottes zu werden, etwas ganz für sich und doch in Allem ein Spiegel und Widerschein des Universums des Geistes und der Geister. Wo der Ruf gehört wird und wo er Folge findet, da, aber auch nur da ist Leben im eigentlichen Sinn. Das heißt aber: Da ist Gott in seiner ganzen Wirklichkeit, denn wo er ruft und fordert, da ist er selbst da. Sein Wirken, seine Gegenwart ist uns vielleicht in den meisten Menschen verborgen, was wir so Frömmigkeit zu nennen pflegen, das vermag ihn nicht zu fassen, er ist größer und reicher als so. Jesus ist der Meinung gewesen, die Zöllner und Dirnen seien zum Reich Gottes berufen und nicht die Frommen [vgl. Mt. 21,31]. Gottlos aber sind nicht die, die |566 sich Atheisten nennen, sondern die, die es sind, nämlich die, die sich die Ohren verstopfen, wenn die Aufforderung an sie ergeht. Alles hängt für die Menschen davon ab, wie sie sich zu diesem Ruf stellen, alles Gute auf Erden ist nur ein Mittel, ihn fortzupflanzen, und alle Wahrheit und Schönheit ist wahr und schön, weil sie tausendfältig den Ruf wiederholt:

Seele, willst du dieses finden,
Such’s bei keiner Kreatur.
Laß, was irdisch ist, dahinten,
Schwing’ dich über die Natur!2

Und je anhaltender und genauer wir hinhören lernen, nicht nur in der Kirche, sondern draußen im tätigen Leben oder an der Quelle der Literatur oder im Verkehr mit guten Menschen, desto genauer und spezieller wird auch das Fordern und Mahnen der höhern Welt. Es kann nicht bei einem allgemeinen Sehnen und Trachten sein Bewenden haben. Wenn das Streben, von dem jener Vers Goethes redet, wirklich aus unsres Busens Reinheit hervorgeht, dann muss es bestimmte Form und Gestalt annehmen, ob es uns gefällt oder nicht, dann lautet die Forderung des Geistes gegenüber der Beschränktheit der Natur immer deutlicher: Was wahrhaftig ist, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohllautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach. Welches ihr auch gelernet und empfangen und gehört und gesehen habt – das tut, so wird der Gott des Friedens mit euch sein [Phil. 4,8f.], so wird Wahrheit und Bestand in euer Leben kommen inmitten der Wandlungen eures Daseins.

Jene Forderung und diese Verheißung ist die Botschaft Gottes, die Botschaft des Lebens an die Menschen, eine Freudenbotschaft, denn sie offenbart uns den sichern Durchgang und Ausgang aus den Leiden und Rätseln und Verwirrungen unsrer Existenz. Ein Weiser Griechenlands hat gesagt, er wolle die Erde erschüttern und in Bewegung setzen – nur gib mir einen Ort, auf dem ich stehen kann, einen Ort außerhalb, überhalb der Erde, von dem aus ich sie beherrsche und nicht mehr von ihr beherrscht und angezogen bin!3 Gottes Botschaft und Offenbarung zeigt uns einen solchen Punkt:

567 Sogleich nun wende dich nach innen,
Das Zentrum findest du darinnen,
Daran kein Edler zweifeln mag.4

Begib dich ins Zentrum des Lebens, dann beherrschest du das Leben, werde wahr und gerecht und rein, dann hast du Boden unter den Füßen, der nicht zu erschüttern ist. Dann sollst und darfst du ein freier Mann, ein Held und Überwinder sein. Ich sage, das ist eine Freudenbotschaft, sie ergeht an uns Alle, und die Freude, die sie verkündet, ist eine Freude, die allem Volke widerfahren soll [vgl. Lk. 2,10]. |

Und doch kann man sie kaum aussprechen und anhören ohne ein Gefühl leiser Wehmut. Ja, dieser Aufforderung gehorchen, das wäre wohl die Wiederentdeckung des verlorenen Paradieses,5 das wäre das, wonach unser innerstes Wesen seufzt, das wäre das Leben, das diesen Namen verdient. Aber je deutlicher und lebendiger uns die Aufforderung Gottes wird, desto deutlicher und lebendiger wird uns das andre: Uns bleibt ein Erdenrest zu tragen peinlich.6 Und es ist mehr als ein Rest, mehr als eine unerfreuliche Schlacke: es ist ein ganzes Gewicht von Leidenschaften, Wünschen, Sorgen und Kümmernissen, das uns die Flügel lähmt, uns immer wieder unten hält. Und wenn wir dann so seufzen: Wer zerreißt aus eigner Macht der Gelüste Ketten?7, dann liegt es verzweifelt nahe, das andre zu denken und zu sagen: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube:8 es mag wohl wahr sein, was die Stimme Gottes fordert und verheißt, aber mir fehlt die |568 Kraft, die Wahrheit zu erfassen, mir anzueignen, zu gewissem Besitz mir zu gestalten. Und wenn wir dann andre sehen, die das können, was wir nicht können, die ihren Weg auf die Berge so ruhig und sicher gehen, dann ist es uns wohl manchmal zumute wie dem Propheten Elisa in jener inhaltsreichen Erzählung des Alten Testamentes, als er seinen Meister Elia im feurigen Wagen gen Himmel fahren sah. Wir sehen jene größern, bessern, reineren Menschen vor uns verschwinden auf dem Weg, den wir auch so gerne gehen würden, sie lassen uns scheinbar zurück, wenn wir sie am nötigsten hätten, und dann möchten wir sie wohl auch am Mantel fassen und rufen wie jener: Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und seine Reiter! [vgl. 2.Kön. 2,11–14]

Ich habe jüngst in einer großen deutschen Zeitung ein eigenartiges Zeugnis von dieser Wehmut gegenüber Gottes und des Lebens großer Forderung gelesen. Es handelte sich um den Reisebericht eines der Teilnehmer an der letzten Luftschifffahrt des Grafen Zeppelin9. Dieser Mann, offenbar ein Journalist,10 wie sie eben sind, hat da in seine Erzählung folgende Reflexionen eingeflochten. Ich will sie vorlesen:b

«Ein Augenblick der Beklommenheit, dann erfüllte uns das Glück des Fliegens, und jeder fühlte eine Sehnsucht erfüllt, die eine Sehnsucht der Menschheit ist von Anbeginn ihres Seins. Man schaut hinunter und sieht tief unter sich die Welt, das breite blanke Band des Rheins, die Häuserkästen der Großstadt und die rechtwinkligen bunten Felder. Aber es ist nicht das Wohlgefallen an schönen Bildern, was uns so ganz durchdringt, sondern das Gefühl der Freiheit, der Erdentbundenheit. Wir schweben über unserem Leben. Der Staub fällt ab und die Gier des Erwerbens, die Klage verstummt um versäumtes Glück, der Zorn um die Enge unserer Tage verlöscht. Das Köstliche, was uns die Luftreise gibt, ist der Aufschwung der Seelen. Da unten stößt uns das Leben und umklammert uns mit seinen Zangen: Gefühl ist da unten Hindernis, das Sichbesinnen Verbrechen an der Zeit, die |569 wir nutzen sollen, Naturfreude Luxus, Hingabe an ein Herz verdammenswerte Verschwendung, der Traum eine lächerliche Erbschaft aus der Biedermeierzeit. Hier oben dürfen wir fühlen und lieben und träumen, und kein Klingelzeichen der Stunde reißt uns zur Pflicht zurück. Zeit- und raumlos schweben wir dahin – und darum wunschlos, ferne allem, was sonst in uns wühlt. Es ist lächerlich, aber wohl jeder im Schiffe denkt: so rein kannst du sein, wenn deine Füße nicht durch den Staub müssen, und so rein, so reich, so gütig, so mitleidsvoll würdest du innen sein können, wenn das Leben dich nicht zwänge, zu tun, was du nicht tun willst, wenn es dich nicht einschiente und so vieles in dir erdrosselte, weil Brot und Lagerstatt allem andern vorangehen müssen.

Das Luftschiff ist der reinste Ausdruck unserer Zeit. Gebundener als je, wollen wir freier sein als je. Je mehr wir uns zersplittern, desto größer der Wunsch nach Sammlung. Nichts hindert uns hier oben, zu sein, was wir im Tiefsten sind, denn nichts lenkt uns ab, wenn wir durch die Lüfte segeln.»11

Diese resignierten Ausführungen inmitten der Begeisterung über die Fortschritte der Menschheit im Allgemeinen und der Technik im Besondern, die den übrigen Artikel ausfüllt, sind recht bemerkenswert. Mit aller wünschenswerten Deutlichkeit spricht der Mann es aus, dass er nicht im Stande sei, der Forderung dessen, was das Leben schließlich allein wertvoll macht, in der Wirklichkeit nachzukommen. Das Luftschiff hat ihn wie ein Symbol auf das aufmerksam gemacht, was der Mensch sein sollte, aber er zuckt die Achsel: es wäre sehr schön, aber ich kann nicht, es ginge wohl, aber es geht nicht. Und dass er selbst diesen Gedanken, vielleicht den vernünftigsten, weil aufrichtigsten, den er je gedacht, als lächerlich bezeichnet, ist nur umso |570 ­charakteristischer: er verzichtet sogar darauf, das Beste in ihm, seine Sehnsucht, überhaupt ernst zu nehmen. – |

Ich sage das nicht, um diesen Journalisten zu verurteilen. Man kann ihm vielmehr dankbar sein, dass er etwas ausgeplaudert, was zu den innern Erlebnissen von uns Allen gehört, und seine Worte mögen, ohne dass er’s wollte, bei manchem Leser, der sonst keine Predigt hört, als Predigt gewirkt haben. Was der Zeitungsschreiber im Luftschiff empfunden hat, das mögen wir wohl in der Kirche empfinden, oder wenn wir Stunden und Tage mit guten, klugen, überlegenen Menschen verkehren dürfen, wenn wir uns in die Bibel versenken oder überhaupt in ein Buch, in dem etwas zu holen ist. Da spüren wir etwas von dem großen Frieden Gottes, von der Freiheit und Erdentbundenheit, die unser sein sollten. «Wir schweben über unserm Leben». Wir denken bei uns selbst: «so rein kannst du sein, wenn deine Füße nicht durch den Staub müssen». Aber dann brauchen wir nur wieder hinunterzusehen auf die Erde, hinaus ins Leben, da verschiebt sich das Bild: Was da oben schön und gut ist, was auch tatsächlich das Höchste, das einzig Notwendige ist, das ist da drunten Hindernis, das gilt im Leben nicht, denn da müssen «Brot und Lagerstatt allem Andern vorangehen», da ist folglich Egoismus und Beschränktheit das Praktische und Zweckmäßige. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Und es klingt dann in unser Leben hinein jener dumpfe, tragische Unterton, der durch die Jahrtausende hindurch mitklingt, alles menschliche Wissen, Handeln und Fühlen begleitend, der Unterton, dem der Apostel Paulus klassischen Ausdruck gegeben hat: Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht [Röm. 7,18]. Und wo die Freudenbotschaft vom aufstrebenden Leben erklingt, da stellt sich ihr das Klagelied der gefallenen Größe entgegen, hier bewusst als schmerzlich verzichtendes Nicht-mehr-Wollen, dort unbewusst als stumpfes Nicht-mehr-Können.

Es gibt im Leben ein Herzeleid,
Das ist wie die weite Welt so weit
Das ist wie Bergeslasten schwer,
Das ist so tief wie das tiefe Meer.
Das ist das tiefe Herzeleid,
Wenn um die Sünde die Seele schreit.12

571 Da stehen wir dann sehr ernsthaft vor der Frage, ob nicht alle Erhebung der Seele, ob nicht Alles das, was uns in jenen einzelnen Momenten der Höhenluft als groß und wichtig erschienen, Illusion sei, ein schöner, aber wenig nützlicher Traum, der nur geeignet ist, unser Interesse an den Dingen hier unten zu schwächen. Ob es nicht besser sei, jene Aufforderung im Herzen zum Schweigen zu bringen und unser Leben so einzurichten, als ob wirklich Brot und Lagerstatt allem andern vorangingen. Das ist die Frage, ob Gott schließlich nur ein frommer Wunsch der Gläubigen sei, ob wir nicht wie die Kinder in gänzlicher Finsternis einem Irrlicht nachlaufen und besser täten, uns zum Schlafe hinzulegen. Das ist die uralte Menschheitsfrage, die in immer neuen Formen immer wieder da ist. Ob wir den jungen Luther im Kloster ringen und suchen sehen nach der Art, «wie er einen gnädigen Gott kriege»,13 oder ob wir in der Gegenwart zahllose Menschen bis aufs Innerste ihres Wesens erschüttert sehen durch den Zweifel: gibt es überhaupt einen Gott?, es ist dieselbe verzweifelte Situation, wo das Ultimatum: Leben oder Tod! gestellt ist. Ja, was uns heutzutage als Kampf um die christliche Weltanschauung entgegentritt, das ist vielleicht von dem Kampf um Gott nur ein recht unbeträchtliches Stück. Er wird jetzt gekämpft, wie er allezeit gekämpft worden ist, und es kämpft ihn mancher, scheinbar ohne dass dabei der Gedanke an den Gott der Bibel und der Kirche eine Rolle spielt. Er wird gekämpft in den unzähligen Menschenherzen, wo Wahrheit und Unwahrheit, Recht und Unrecht ihren unseligen Krieg führen, wo der Mensch sich erhebt oder erheben möchte zu höherem Leben in reinerem Licht und wo er immer wieder zurücksinkt in das Ewig-Alltägliche des gewöhnlichen natürlichen Daseins. Vorwärts! ruft es von oben. Stillstand! Rückwärts! Abwärts! ruft es von unten. Und dass wir ratlos zwischen beiden Feuern stehen, das ist das tiefe Herzeleid, das ist die Tragödie im Menschenleben.

572Unser Textwort spricht die Antwort aus auf jene Frage, die grundlegend und entscheidend ist, weil sie die Frage nach der Wahrheit ist. Ist die Erhebung der Seele, um die wir uns mühen, ist das höhere Leben, nach dem wir uns sehnen, ist Gott Wahrheit? fragen wir. Ja, all das ist Wahrheit, antwortet uns der Chor der Lebendigen aller Zeiten. Widerstehet dem Teufel, so fliehet er vor euch. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch. Das tönt wie scharfer, tapferer Trompetenton in unsre Ratlosigkeiten hinein. Da ist klar und deutlich gesagt: wir sind nicht dunklen Mächten einfach preisgegeben, entweder Gott oder dem Teufel, sondern es besteht zwischen ihnen und uns ein Rapport und Kontakt natürlichster und verständlichster Art. Da braucht es nichts Zauberhaftes und Magisches, um von der Umklammerung des sinnlosen Alltagslebens uns zu erlösen, um uns göttlicher Art teilhaftig zu machen, sondern da braucht es nichts als einen großen guten Willen. Da braucht es mutigen Widerstand gegen den Teufel, und da braucht es dankbares Aufsuchen Gottes. Nichts Anderes.

Auf den ersten Blick scheint es nun freilich, als ob der Inhalt dieses Jakobuswortes auch nichts Anderes sei als eine Verschärfung und Wiederholung jener Aufforderung zum aufsteigenden Leben, die wir bereits kennen. Widerstehet! Nahet euch! heißt es da aufs Neue, und es kommt uns vielleicht vor, als ob dadurch unsre Situation nicht gerade verbessert sei. Das ist ja klar: Die Aufforderung in uns kann und darf nicht verstummen, auf ein sanftes Ruhekissen darf die Hoffnung auf Erlösung nicht gerichtet sein. Frommer Stillstand des innern Lebens wäre Stillstand so gut wie ein anderer, und Stillstand bedeutet Tod. Also in dieser Richtung ist der Friede Gottes, nach dem wir seufzen, nicht zu suchen. Wohl aber setzt das Wort des Jakobus diese Aufforderung in uns in ein ganz neues Licht.

Vorher, im Lichte jener resignierten Welt- und Selbstbetrachtung war sie ein edles Streben des Menschen, dem aber die Macht der Haltlosigkeit, Beschränktheit und Verworrenheit desselben Menschen aufgelegt ist wie ein schwerer, bleierner Druck. Da hülfe es uns in der Tat wenig, wenn nun bloß noch einmal gesagt würde: Widerstehet! Nahet euch! Das ist ja gerade das, [was] wir nicht können. Aber nun kommt das neue Licht. Nun heißt es: Widerstehet, widerstehet mit aller Macht all dem, was euch herunterziehen will, dem Gewöhnlichen, Egoistischen, Schmutzigen. Aber freuet euch! Ihr seid mitnich|573ten an diese Macht gekettet, ihr seid nicht eingeschient und erdrosselt vom Bösen und Niedrigen, wenn ihr es nicht selbst tut. In dem Grad, als ihr wirklich und nicht nur äußerlich und scheinbar widersteht, in dem Grad muss sich das Andre von euch zurückziehen. Jeder Sieg über jede Versuchung macht die Gewalt des Bösen nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich schwächer. Das ist kein schöner Traum! Das ist keine wohltätige Illusion. Probiert es nur, Nein zu sagen zu dem, von dem ihr ganz gut wisst, dass ihm ein Nein gebührt, und ihr werdet merken, dass das Andre der Traum und die Illusion ist, die Idee nämlich, wir seien verkauft und ausgeliefert an das, was eigentlich nicht sein sollte. Sagt auf der Erde, im Leben: ich will nicht, das ist besser, als im Luftschiff zu seufzen, wie schön es wäre, wenn man nicht müsste. Es ist eine neue Betrachtung des Bösen, die uns da aufgeht. Das Böse ist nicht mehr das, was eben unweigerlich da ist, sondern das Böse ist das, was verschwinden soll. Und es verschwindet, wenn wir wollen, wenn der Wille da ist, nicht unser kleiner, gewöhnlicher guter Wille, sondern der große gute Wille, der Ewigkeitskraft hat und der Wahrheit begründet inmitten der Träumereien, die nur den Sinn haben, sich als Schein zu erweisen vor dem Recht und der Wahrheit, wie die Kindheit verschwinden und weichen muss vor dem Mannesalter. – |

Und das ist so, weil es nun auf der andern Seite nicht mehr bloß heißen soll: Nahet euch zu Gott! Sucht ihn auf, den fernen Herrn der Welt! Glaubet an ihn, dann kommt es gut! Das ist ja gerade das, was uns so schwer fällt. Sondern nun entsteht auch hier eine lebendige Wechselbeziehung. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch. Wie der Widerstand gegen das Böse dessen Macht unkräftig macht, so wächst Gottes Kraft mit jedem Schritt, den wir in der Richtung auf Gott zu zurücklegen. Das Welträtsel löst sich, die Frage nach der Wahrheit findet ihre Antwort, sobald wir wirklich zu Gott hin unterwegs sind. Wir müssen unsre Begriffe über Gott und uns selbst umdenken lernen, wenn wir das verstehen wollen. Wir denken uns so oft einen toten Gott und denken uns unsre Wanderschaft zu ihm in der Art einer katholischen Wallfahrt nach fernen, wundertätigen Heiligengräbern. Was Wunder, wenn wir müde und resigniert werden. Aber ist denn das Gott, unser Gott, von dessen Herrlichkeit alle Lande voll sind? [vgl. Num. 14,21; Ps. 8,2] Oder ist das nicht ein zurechtgemachtes Götterbild, das uns begreiflicherweise trost- und |574 kraftlos lässt? Siehe, Gott ist lebendig, und seine Lebendigkeit erfährt, wer selber lebendig ist. Wo die große Aufforderung in uns erwacht, wo sie aus einem edlen Gefühl zu einem Faktor unsres Lebens wird, da erwacht Gott in uns. Gott suchen und Gott finden ist nicht zweierlei, das eine ist auch nicht erst die Folge des andern. Denn wie dürften wir uns anmaßen, durch unser bisschen höheres Streben, durch unser Glauben, Wollen und Laufen [vgl. Röm. 9,16] Gott gleichsam zuvorzukommen? Sondern indem wir suchen, finden wir. Das Suchen Gottes ist das Finden Gottes. G. E. Lessing hat das berühmte Wort ausgesprochen: «Wenn Gott vor mich träte und hielte in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken das ewige Streben nach Wahrheit und spräche zu mir: Wähle!, ich fiele ihm demütig in die Linke und spräche: Vater, gib mir die Linke, die Rechte ist nur für dich allein.»14 Aber wir können diese Unterscheidung der beiden Hände Gottes doch nicht zugeben. Gott behält die Wahrheit nicht für sich, weil er nicht ferne ist einem jeglichen unter uns [Act. 17,27], sondern er hat alle Wahrheit in das ewige Streben nach Wahrheit gelegt. Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan [Mt. 7,7 par.]. Im Bitten, im Suchen, im Anklopfen, da ist schon Gott. |

Paulus hat dieser Gewissheit im achten Kapitel des Römerbriefs tiefsinnigen Ausdruck gegeben: «Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermal fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! [Röm. 8,14f.] … Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs Beste mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, was Gott gefällt» [Röm. 8,26f.]. Das ist das große neue Licht, das auf jene Aufforderung |575 in unserm Herzen fällt, die uns so oft bloß traurig macht. Warum verzagt sein über uns und unser Können? Gott wirkt in uns, wenn wir wirken, und er kann es besser als wir. Gott sucht in uns sich selber, wenn wir ihn suchen, und ich denke, wir dürfen ihm das Finden ruhig anvertrauen. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch! Nahen wir uns, so naht er selbst sich. Und statt der müden Resignation, statt dem Herzeleid, das seine Aufforderung uns bereitet, wird sie uns dann gerade zur Quelle der Gewissheit, weil wir erkennen, dass sie nicht unser Streben, sondern Gottes ewiges Leben in uns ist. Und dann heißt es für uns, wie Paulus dort fortfährt: «Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind» [Röm. 8,28]. Die Gott nahen, die sind berufene, erwählte Gotteskinder. Und die Gewissheit, die das neue Licht uns schenkt, darf nicht enden mit der bangen Frage: Bin ich denn auch erwählt? Gehöre ich zu den nach dem Vorsatz Berufenen? Bin ich als ein Sonnenkind und Höhenmensch15 geboren? Es ist ein Evangelium, eine Freudenbotschaft an alle Menschen des guten Willens [Lk. 2,1416], dass wir in Gott und durch Gott vorher bestimmt und erkannt sind. Gehe du schnurstracks deinen Weg nach oben, zaudere und besinn dich nicht, du bist prädestiniert zum ewigen Leben, wenn du unterwegs bist; und zum ewigen Tod prädestiniert ist nur der, der selber umkehrt. Widerstehet dem Teufel, so fliehet er vor euch; nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch! In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne,17 und:

576 An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.18 (Hölderlin)

Ihr aber seid göttlicher Art, meine Freunde! |

Wir sind es, weil wir und wenn wir erlöst sind durch Christus. Jakobus konnte jenes tapfere Wort so ruhig und sicher aussprechen, weil er ein Christ war. Die Gewissheit, mit der Paulus vom Geist Gottes reden kann, der uns treibt, besser als wir’s verstehen, ist christliche Gewissheit. Und es war christlicher Glaube, der Glaube Johannes Calvins an Gottes ewige Erwählung,19 deren wir so sicher sind, wie wir unser selbst sicher sind. Wer Gott sucht, den sucht Gott. Wo der Geist in unaussprechlichen Seufzern betet, da wirkt Gottes unendliche Herrlichkeit. Wo die Knechte Gottes sind, wo der Staat Gottes ist, da ist Gottes Gnadenwahl. Das ist die Erlösung vom Bösen und die Erlösung zum Guten, die da ist für Alle, die zu Christi Gemeinde gehören. Denn Christus hat mehr getan, als den Gehorsam gegen den Willen Gottes gelehrt und vorgelebt wie Moses und die Propheten. Ihm war es vorbehalten, in den Menschen, die ihn kannten, das Vertrauen zu erwecken, dass der Gehorsam gegen Gott, den er gefordert hat wie kein andrer, nicht ein Streben in die blaue Luft sei, sondern der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. Joh. 14,6]. Er hat nicht gesagt: Selig, die schon wissen, die schon können, die schon auf der Höhe sind, sondern: Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich [Mt. 5,3], selig sind, die da hungert und dürstet, denn sie sollen satt werden [Mt. 5,6]. Und es ist eine Seligpreisung, die nicht in der Bibel steht und die doch ganz Christi Geist atmet, die Inschrift am Hause Jung-Stillings20 in Marburg: Selig sind, die Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen.21 Christus hat den Seinen die |577 Gewissheit gegeben, dass die Aufforderung in uns, dass das Streben, Suchen und Trachten nach dem, was droben ist [vgl. Kol. 3,2], nach dem Leben, nach Gott Ewigkeitskraft und Ewigkeitswert habe. Und darum hat er von ihnen nicht eine komplizierte und geheimnisvolle Religionsübung verlangt, keinen Glauben an Lehren und Gebote, sondern das eine, was not ist [vgl. Lk. 10,42], ein reines Herz und große Gedanken in den kleinen Sorgen des Lebens.

Und Christus konnte die Gemeinde des einfachen und nahen Gottes gründen, weil sein ganzes eigenes Leben einfacher Gehorsam war und vertrauender Gehorsam zu dem nahen Gott. Er konnte Andern Erlöser werden, weil er selbst erlöst war, weil er, dem Teufel widerstehend, den Teufel in die Flucht schlug, wie die merkwürdige Geschichte am Anfang des Evangeliums uns erzählt [vgl. Mt. 4,1–11 par.], und weil er, Gott suchend, nie von Gott allein gelassen, immer von Gott gefunden wurde. Durch ihn sind wir erlöst, weil sein Leben das Urbild und Vorbild ist eines erlösten Lebens, eines Gehorsams gegen Gott, der im Vertrauen zu Gott seine Ursache und seine Kraft hat. Dies Leben des Gehorsams und des Vertrauens hat unter den Menschen gewirkt als ein Mittelpunkt von wunderbarer Anziehung. Sie haben im Gedanken an den, der sich kreuzigen ließ, um zu zeigen, dass es ihmc ernst sei, die Tatsache gefunden, die ihnen schließlich allein den Mut gab, ihrerseits Gottes Aufforderung ernst zu nehmen und nicht als einen schönen Traum abseits zu stellen. Sie sahen in ihm Gottes nahe Wirklichkeit, und dieses Sehen war ihre Erlösung, denn sie schöpften daraus die Gewissheit, dass auch sie solche Menschen werden durften. Und aus dieser festen Grundlage ihres Eindrucks von Jesu Person und Art wuchs ihr eigenes inneres Leben, ein Leben des Ernstes und der Zuversicht.22

578 Und das ist unsre Christenfreude und Christenhoffnung, meine Freunde, dass wir im Suchen, Bitten und Anklopfen bei dem Gott, den Jesus seinen Vater nannte, die Wahrheit und das Leben finden. Denn Gebet und Erfüllung sind eins, wenn wir ihn anrufen:

Herr, komm in mir wohnen,
Lass mein’ Geist auf Erden
Dir ein Heiligtum noch werden;
Komm, du nahes Wesen,
Dich in mir verkläre,
Dass ich stets dich lieb und ehre.
Wo ich geh, sitz und steh,
Lass mich dich erblicken
Und vor dir mich bücken.23
Amen.
Lieder:
  • Nr. 184: «Treuer Heiland, wir sind hier» von Chr. H. Zeller, Strophen 1.2.5. 🎵
  • Nr. 151: «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen, Strophen 1–3 und 4–7 (RG 510 [mit geringen Textabweichungen]). 🎵
Lesungstext:
  • Markus 10,13–27.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. folgte ursprünglich, nachträglich mit blauem Stift durchgestrichen, der vierte Vers des Gedichts: «Enträtselnd sich den ewig Ungenannten».↩
b
Das Original des Textes des folgenden Zitats ist in das Mskr. eingeklebt.↩
c
Mskr.: «im»; von den Hrsg. korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Beginn der 14. Strophe des Gedichts «Trilogie der Leidenschaft. Elegie» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1827; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 497–502, dort S. 500). 📖 ↩
2
Erste Hälfte der zweiten Strophe des Liedes «Eins ist Not: Ach Herr, dies Eine» von J. H. Schröder (GERS 245; EG 386). 🎵 ↩
3
Laut Plutarch, Vitae parallelae. Vita Marcelli XIV,7 📖, stammt dieser Ausspruch vom griechischen Mathematiker Archimedes (ca. 287–212 v. Chr.), der damit die Macht der Hebelwirkung beschrieb; zu verschiedenen Überlieferungsvarianten vgl. Büchmann, S. 381f 📖.↩
4
Beginn der dritten Strophe des Gedichts «Vermächtnis» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1829; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 541f., dort S. 451). 📖 ↩
5
Wohl eine Anspielung auf: J. Milton, Paradise Lost. A Poem Written in Ten Books, London 1667 📖; von den vielen deutschen Übersetzungen sei genannt: ders., Das verlorene Paradies, übers. von Fr. W. Zacharia (Collection Spemann, 151), Stuttgart 1883 📖.↩
6
J. W. von Goethe , Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V. 11954f. (Bergschluchten) 📖.↩
7
A.a.O., V. 12026f. (Bergschluchten) 📖; dort: «Wer zerreißt aus eigener Kraft […]».↩
8
J. W. von Goethe , Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 765 (Nacht). 📖 ↩
9
Ferdinand Graf von Zeppelin (1838–1917), Entwickler und Begründer des Starrluftschiffbaus.↩
10
Es handelt sich um Rudolf Geck (1868–1936), der seit 1896 Redakteur und von 1907 bis 1924 Feuilletonchef der «Frankfurter Zeitung» war.↩
11
Es handelt sich um einen Ausschnitt aus R. Geck, Mit der «Deutschland» hinauf und hinunter. Bilder von der Zeppelin-Fahrt, in: Frankfurter Zeitung, Abendausgabe, Nr. 178, 30.6.1910, S. 1f. 📖 – Der Artikel beschreibt die Fahrt des Luftschiffs LZ 7 «Deutschland» über das Münsterland am 28. Juni 1910, bei der es in einen schweren Sturm geriet, mit einem Motorschaden bei Bad Iburg im Teutoburger Wald notlanden musste und dabei fast völlig zerstört wurde. Alle an Bord überlebten, es gab lediglich einen Verletzten. Vgl. Trotzdem vorwärts – Erinnerung an die Strandung des Luftschiffes LZ VII Deutschland. Dokumentation der Stadt Bad Iburg, Bad Iburg 1980 📖.↩
12
Aus der ersten Strophe (Textvarianten!) des Liedes «Es gibt auf Erden ein Herzeleid» von E. Quandt (Gemeinschaftsliederbuch, hrsg. im Auftrag des Gnadauer Verbandes, Gießen 19842, Nr. 249). 📖 ↩
13
Im zweiten Teil seiner Predigten «Von der heiligen Taufe» (1534) berichtet Luther im Rückblick auf die Zeit seines Mönchtums, er habe damals immer gedacht: «O wenn wil tu ein mal from werden und gnug thun, das du einen gnädigen Gott kriegest?» (WA 37,661,23f. 📖).↩
14
Vgl. G. E. Lessing, Eine Duplik (Werke, hrsg. von K. Wölfel, Bd. 3, Frankfurt/M. 1967, S. 321f. 📖): «Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: ‚Wähle!’ ich fiel ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ‚Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!’»↩
15
Der Ausdruck fand Verwendung auch in der zeitgenössischen Lebens- / Lebensreformbewegung und dem George-Kreis. Er stand dort für das Herausgehobensein aus der «Herde» oder «Masse» und konnte auch auf Jesus Christus bezogen werden. Vgl. etwa: «Für uns von heute aber liegt das unbegreifliche darin wie ein mensch sich über die herde zu einer solchen höhe erheben konnte: der schritt von dem herdenwesen zu dem höhenwesen ist für uns der unendlich grosse · ein winzig kleiner ist für uns der vom höhenmenschen zum gott. Drum ist es für uns kein opfer und kein zugeständnis wenn wir mit den jüngern ausrufen: du bist gottes sohn · du bist gott» (St. George, Über das Feststehende und die Denkformen [1910], in: Der George-Kreis. Eine Auswahl aus seinen Schriften, hrsg. von G. P. Landmann, Stuttgart 19802, S. 91f., dort S. 92 📖).↩
16
Nach dem Vulgata-Text: «hominibus bonae voluntatis» (vgl. Nestle-Aland, z. St. 📖).↩
17
Fr. Schiller, Die Piccolomini, zweiter Aufzug, sechster Auftritt (Sämtliche Werke, Bd. 2, München 19623, S. 346) 📖.↩
18
Schluss der zweiten Strophe des Gedichts «Menschenbeifall» von Fr. Hölderlin (Erstdruck: 1798; Sämtliche Werke. Kleine Stuttgarter Ausgabe, Bd. 1, Stuttgart 1946, S. 251). 📖 ↩
19
Vgl. bes. Inst. III,21–24 📖.↩
20
Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), Erbauungsschriftsteller, Wegbereiter der Erweckungsbewegung. ↩
21
Jung-Stillings Wohnhaus, das Barth von seiner Marburger Studien- und Assistentenzeit 1908/09 bekannt war, lag an der Hofstatt 11, an dem eine Gedenktafel mit diesem Spruch angebracht ist. Der Satz steht auch am Anfang des Romans: H. Jung-Stilling, Das Heimweh und der Schlüssel zu demselben, fünf Theile in zwei Bänden (Sämmtliche Schriften, Bd. 4 und 5), Stuttgart 1836, Bd. 1, S. 9. 📖 ↩
22
Vgl. W. Herrmann, Der Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther dargestellt, Stuttgart / Berlin 19034, S. 82 📖: «Aber dass diese Erkenntnis nun auch uns zu einem höheren Leben verhilft, oder dass wir zu der seligen Freiheit eines sittlichen Lebens kommen können, dessen würden wir nicht gewiss sein, wenn nicht unser Dasein in der Welt ein sicheres Zeichen davon trüge, dass es dem Guten schliesslich doch nicht fremd ist. Jesus Christus ist dies Zeichen.»↩
23
Achte und letzte Strophe des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (EG 165,8; RG 162,7; GERS 174,8 bietet einen abweichenden Text). 🎵 ↩