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        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 48</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 4,3-9</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 4,3-9, 11. September 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53050 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53050</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 48: Predigt: Markus 4,3-9</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">50</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 4,3-9, 11. September 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1491">KBA 1026</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-09-11">11. September 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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                    <dateline>Sonntag, den <date when="1910-09-11">11. September 1910</date>
                        <date rend="right">(16. nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.3 Mk.4.9">Markus 4,3–9</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">(Jesus sprach zu dem Volk:) Höret
                                    zu! Siehe,</hi> es ging ein Säemann aus zu säen, <hi rend="text-recte">und
                                    indem er säete, fiel das Eine auf den</hi> Weg<hi rend="text-recte">, und
                                    die Vögel kamen und fraßen es auf. Und Anderes fiel in das</hi> Steinige<hi rend="text-recte">, wo es nicht viel Erde hatte, und
                                    es schoss schnell auf, weil es nicht tiefe Erde hatte. Aber
                                    als die Sonne aufging, da wurde es versengt, und weil es
                                    keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und Anderes fiel in die</hi> Dornen<hi rend="text-recte">, und die Dornen wuchsen auf und
                                    erstickten es, und es gab keine Frucht. Und Anderes fiel auf</hi>
                                    gute Erde <hi rend="text-recte">und brachte Frucht, die ging auf,
                                    mehrte sich und brachte ein je dreißig- und sechzig- und
                                    hundertfältig. Und er sprach:</hi> Wer Ohren hat zu hören,
                                    der höre!
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Der Historiker <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-831">Julius Wellhausen</persName></hi> beginnt den letzten Abschnitt seiner
                    Geschichte Israels, in dem von dem Leben und Wirken Jesu die Rede sein soll,
                    mit dem kurzen, straffen Satz: «Als die Zeit erfüllet war, da <hi rend="italic">ging ein
                        Säemann aus zu säen</hi>.»<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2782">
                                <persName ref="kbga-actors-831">J. Wellhausen</persName>,
                            <hi rend="italic">Israelitische und jüdische Geschichte</hi>, Berlin 1895<hi rend="sup">2</hi>, S. 342</bibl>: «Da ging ein Sämann aus, zu säen seinen
                        Samen; sein Same war das Wort, sein Acker die Zeit.»</note> Er ist
                    offenbar der Meinung gewesen, um Jesu Wesen und Lebensinhalt mit einem Wort
                    zu beschreiben, könne er gar nichts Besseres tun, als das einfache Bild von
                    Säemann und Saat auf den anzuwenden, der es selbst gesehen und gebraucht
                    hat. Diese Einfachheit in der Beschreibung Jesu könnte Manchem als
                        <hi rend="italic">zu</hi> einfach, nämlich als zu wenig fromm erscheinen. Er
                    denkt, Jesus <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> besser zu verstehen und zu
                    würdigen, wenn er ihn von vornherein mit den Worten «Sohn <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Gottes»</term> und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Heiland">«Heiland»</term>
                    bezeichnet. Wir werden auch nicht mit ihm darüber rechten wollen. Es hat
                    seinen guten Grund, dass die innere Erfahrung der Christenheit schon im
                    Zeitalter des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und <persName ref="kbga-actors-2297">Johannes</persName> in jenen
                    gewichtigeren Worten ihren äußern Ausdruck gesucht und gefunden hat. <pb xml:id="p580" ed="pga"/> Aber ich meine, wenn wir wie die Kinder von vorne
                    anfangen wollen, bei Jesus das Leben zu lernen – und dazu haben wir
                    Alle immer wieder Anlass –, dann tun wir gut, uns an die andern, die
                    einfachen Gedanken und Worte zu halten. Es kommt ja überhaupt nicht darauf
                    an, was wir über Jesus zu sagen haben, sondern darauf, was er uns zu sagen
                    hat. Er selbst ist der Letzte gewesen, der von den Menschen große Worte über
                    seine Person verlangt hätte. Wohl aber verlangte er von ihnen Aufmerksamkeit
                    ohne Worte für des ewigen Gottes Wort und Leben, das in ihm war. Diese
                    stille und bescheidene Aufmerksamkeit ist die rechte Stellung zur Person
                    Jesu. Und die haben wir dann, wenn es uns ergeht, wie es von den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> in einer bedeutungsvollen
                    Geschichte des Evangeliums erzählt wird: «Sie sahen niemand denn Jesum
                    allein» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.9.8">Mk. 9,8</ref> par.]. Sie
                    entdeckten in ihm das, was ihrem Leben schließlich allein Wahrheit und
                    Bestand versprach, und sie stellten dies ihr Leben bewusst und freudig,
                    wenngleich mit großer Hilflosigkeit, ein auf die Richtung des Lebens Jesu.
                    Es mag für diese dankbare und willige Aufmerksamkeit Jesus gegenüber
                    stärkere und geistreichere Bezeichnungen geben – etwas Höheres und
                    Christlicheres als die Sache selbst gibt es offenbar nicht, sonst wäre es
                    nicht wahr, was Jesus einmal sagte, dass das, was er war und brachte, den
                    Unmündigen offenbar sein sollte und nicht den Klugen und Komplizierten [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.25">Mt. 11,25</ref> par.].</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Und so kann man in der Tat sagen, dass das Bild
                    von Säemann und Saat das Bild Jesu von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term> ist. Sich
                    selbst hat er gesehen, als er mit offenen Augen für die beziehungsreiche
                    Schönheit des <term type="Sachen" key="Natur, Schönheit">Naturlebens</term>
                    den flüchtigen Moment erfasste und festhielt, da der Bauer mit kräftigem,
                    wohlausgemessenem Schwung den Samen der geackerten Erde übergibt, dass sie
                    ihn als Frucht mit Zinsen wiedergebe. So ist <hi rend="italic">er</hi> als Säemann
                    durch die Mitte der Menschen gegangen, um ihnen das zu geben, was Frucht
                    bringt. Und so wollte er von den Menschen verstanden sein. Ihr seht den
                    Säemann an der Arbeit, wollte er ihnen sagen, ihr seht die Gesetze der Natur
                    in ihrem unaufhaltsamen Vollzug, seht verdorren und wachsen, leben und
                    sterben. Besinnt euch auf das, was der schaffende <term type="Sachen" key="Mensch, schaffender">Mensch</term> und die waltende <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> da ohne Worte reden über das, was
                    jetzt geschieht im Reiche des Lebens. Es ist derselbe allwaltende Gott, der
                    den Samen seinen Boden finden lässt und den Boden seinen Samen nach ewiger
                    Ordnung – derselbe, der <pb xml:id="p581" ed="pga"/> euch jetzt beruft,
                    seine Kinder zu sein. Kein geistreicher Vergleichsgegenstand ist das, was
                    ihr da seht, sondern da <hi rend="italic">ist</hi> Gottes Wirken. Wer Ohren hat zu
                    hören, der höre!</p>
                <p>So hat Jesus auf die einfachste und ungekünsteltste Weise das Reich des
                    Geistes und das Reich der <term type="Sachen" key="Natur, und Geist">Natur</term> zusammen gesehen, eines als das Symbol und die Erfüllung
                    des andern. Und weil es so war, konnte er den Leuten sagen: Tut nur Augen
                    und Ohren auf für das Einfache, Alltägliche, Selbstverständliche, dann
                    versteht ihr mich und das, was ich bringe. Im Säemann und in der Saat könnt
                    ihr Gott und die Welt sehen und verstehen, wenn ihr sehen und verstehen
                        <hi rend="italic">könnt</hi>, und dies Sehen und Verstehen ist dann der Weg zum
                    Leben, zum Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Das
                    war vor 2000 Jahren.</p>
                <p>Und nun wollen wir auch versuchen, uns in dies altbekannte Gleichnis zu
                    vertiefen. Es hat Ewigkeitsgeltung, gerade weil es so <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> schlicht und alltäglich ist. Große Gedanken erkennt man daran,
                    dass sie <hi rend="italic">so</hi> sind. Ich denke, ihr erinnert euch an die
                    Darstellung des Gleichnisses, die <persName ref="kbga-actors-9300">
                            <hi rend="italic">Burnand</hi></persName> uns vor kurzem
                    geschenkt hat.<note xml:id="n02">Gemeint ist die Zeichnung «Der
                        Säemann» des gebürtigen Waadtländers <persName ref="kbga-actors-9300">Eugène Burnand</persName> (1850–1921); s. Abb. 3.
                        Burnand arbeitete von 1900 bis 1906 an insgesamt 100 Zeichnungen zu den
                        «Paraboles» Christi, die erstmals im Mai 1908 in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> ausgestellt wurden. Im selben Jahr erschien
                        auf Französisch eine Buchausgabe: <bibl corresp="kbga-bibls-2783">
                                <hi rend="italic">Les Paraboles. Illustr. par
                            Eugène Burnand</hi>, Avant-propos par E.-M. de Vogüé, Paris 1908</bibl>.
                        Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2784">
                                <hi rend="italic">Die Gleichnisse Jesu. Illustriert von Eugène Burnand</hi>,
                        mit Vorwort und Bilderklärungen von D. Koch, Stuttgart [1911]<hi rend="sup">2</hi>, S. 7 und 16; das Bild, auf das Barth hier Bezug
                        nimmt, findet sich dort S. 49</bibl>.</note> Da sind auch lauter einfache,
                    selbstverständliche Linien und Dinge: die Gestalt des säenden Mannes, die
                    Furchen des Ackers, der sich bis an den fernen Horizont erstreckt, andere
                    Arbeiter, die noch pflügen, <figure n="^#19-3"/> wo erst gesät werden soll,
                    und Gottes unendlicher Himmel, der sich gleich freundlich wölbt über den
                    schaffenden Menschen und über dem fruchtbaren oder unfruchtbaren Boden. Mehr
                    als diese einfachen Linien brauchen wir nicht, für unsre <term type="Sachen" key="Erbauung">Erbauung</term> hier in der Kirche nicht und für die
                    Erbauung eines lebendigen Lebens draußen an unserm Platz in der Welt auch
                    nicht.</p>
                <p rend="margin-top">Siehe, <hi rend="italic">es ging ein Säemann aus zu säen</hi>. Das
                    klingt zukunftsvoll und hoffnungsfreudig. Denn alles Säen ist ein Säen auf
                    Hoffnung, und die 
                    <!-- hier kommt ein Bild rein - der Sähmann -->
                    <figure rendition="simple:display">
                        <head><pb rend="noPipe" xml:id="p582" ed="pga"/></head>
                        <graphic url="../images/53/Abb-3.jpg"/>
                        <figDesc> 
                            <hi rend="italic">Abb. 3: Eugène Burnand, «Der Säemann» (s. Anm. 2).</hi>
                        </figDesc>
                    </figure>

                    Hoffnung ist auf die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> gerichtet. Säen heißt eine
                    fruchtbare Zukunft wollen und zu diesem Wunsche das Seinige tun nach bestem
                    Verstehen und Können. Säen bedeutet gegenwärtiges Denken und Handeln, das
                    doch die ganze Zukunft in sich enthält. Da fällt das Weizenkorn klein und
                    unscheinbar und wertlos im Frühling in die Furche, aber ihm und dem
                    fruchtbaren Boden traut es der Ackersmann zu, dass es nicht so bleiben, dass
                    es im Sommer Gras und Ähre hervorbringen werde mit neuem Korn, eine neue,
                    unabsehbare Zukunft sprossenden Lebens. Und wegen dieses Hinweises auf
                    etwas, was erst werden soll, ist Säemann und Saat seit alters das Symbol des
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Lebens gewesen. Denn das ist Leben und nur
                    das, was eine Zukunft hat. Man kann geradezu sagen, dass das Wertlose und
                        <term type="Sachen" key="Schlechtes / das Schlechte">
                            <hi rend="italic">Schlechte</hi></term> auf allen Gebieten daran zu erkennen
                    ist, dass es nur für den Moment, für die <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term> etwas bedeutet und <term type="Sachen" key="Schlechtes / das Schlechte, Bedeutung nur für den Moment">ist</term>. Das waren immer die unnützen, verhängnisvollen Augenblicke
                    in unserm Leben, da wir zu uns selbst sagten: Ich will die Zukunft Zukunft
                    sein lassen und dem Augenblick leben, er kommt so schön nicht wieder. Es
                    waren die Augenblicke, wo wir aus guten Gründen unser Denken und unsern
                    Willen <pb xml:id="p583" ed="pga"/> gleichsam in Ruhestand versetzten, wo wir zum
                    Augenblicke meinten sagen zu müssen: verweile doch, du bist so schön,<note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der
                            Tragödie erster Teil</hi>, V. 1700 (Studierzimmer)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                <persName ref="kbga-actors-136">ders.</persName>,
                            <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi>, V. 11582 (Großer
                        Vorhof des Palastes)</bibl>.</note> nur um uns nicht weiter ausstrecken zu
                    müssen nach dem, was vorne ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.13">Phil. 3,13</ref>], wie es unsres Lebens Bestimmung wäre. Und
                    da war dann das Lebendige in uns einem Samenkorn gleich, das ungebraucht
                    liegen gelassen, dem Vertrocknen oder Verfaulen ausgesetzt wird. Was dagegen
                    wertvoll und <hi rend="italic">gut</hi> ist, das erkennt man daran, dass es beständig
                    über sich selbst hinausweist, dass es nicht ein geruhsamer Besitz ist, den
                    man genießt, sondern ein angelegtes Kapital, <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>mit dem
                        man<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus:
                            «das».</note>
                     arbeitet. Ich erinnere euch an das, was schließlich allein in der
                    Welt ohne Einschränkung für gut gehalten werden kann, den guten Willen.<note xml:id="n04">Zu dieser Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kant</persName> vgl. oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p361#fn_n14">S. 361, Anm. 14</ref>.</note>
                    Seine Eigenart ist es, dass er keine Grenzen kennen, dass er nicht aufhören
                    darf, wenn es uns wohl ist oder wenn es uns übel geht, sondern dass er in
                    unendlicher Rastlosigkeit vorwärts gerichtet sein muss, neuen Aufgaben und
                    Zielen entgegen. Und wo im geistigen Leben etwas giltig und kostbar ist, da
                        <hi rend="italic">ist</hi> es das, weil es dem <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>
                    Menschen die Richtung auf die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> gibt, weil<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus:
                            «wo».</note>
                     es in ihm in irgend einem Sinn die Energie erweckt, immer wieder die
                    Ahnung Gegenwart werden zu lassen. Das schlichte Bild des Samens, der
                    ausgeworfen wird, auf das uns Jesus aufmerksam macht, ist darum so
                    eindrücklich und unvergänglich, weil es uns zeigt, wie zwischen «lebendig»
                    und «gut» der innigste Zusammenhang besteht, wie Beides schließlich gar
                    nicht zweierlei ist, denn hier wie dort ist jenes Streben in die Zukunft das
                    Grundlegende und Ausschlaggebende.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Es ging ein Säemann aus zu säen</hi>. Saat auf Hoffnung der Zukunft
                    ist alle rechtschaffene <term type="Sachen" key="Arbeit">
                            <hi rend="italic">Arbeit</hi></term> auf Erden. Uns Allen ist gesagt: im Schweiß
                    deines Angesichts sollst du dein Brot essen [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.3.19">Gen. 3,19</ref>]. Allzuleicht denken und erleben wir dabei
                    nur die Last und Mühe, oder aber den Vorteil und Gewinn der <term type="Sachen" key="Gegenwart">Gegenwart</term>, des Augenblicks. Zu
                    jenem neigt der arme, zu diesem der reiche Arbeiter. Aber der Geist Jesu
                    Christi <pb xml:id="p584" ed="pga"/> ist der Geist des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Geist des Zukünftigen">Zukünftigen</term>, er führt
                    uns über das Augenblickliche hinaus, auch wenn wir in der Arbeit stehen. Sie
                    wird in dem Augenblick wertvoll, wo sie uns ein Mittel wird für die Zukunft,
                    wo wir anfangen zu arbeiten mit bestimmten Zielen. Denn nur dies Ziele- und
                    Zwecke-Haben gibt die Garantie, dass die Arbeit wirklich und recht getan
                    wird, nicht nur angerührt und nicht nur abgeleiert, sondern erfüllt. Und
                    dann hat sie etwas Großes, Bedeutungsvolles in sich, auch wenn ihre Ziele
                    scheinbar noch so geringfügig und materiell sind. Sie gibt dem arbeitenden
                    Menschen innern <term type="Sachen" key="Arbeit, gibt dem Menschen inneren Schwung">Schwung</term>, innere
                    Spann<pb ed="A" rend="hidden" n="7"/>kraft, er fängt eben damit an,
                        <hi rend="italic">in</hi> seiner Arbeit zu leben. Und wo diese Spannkraft ist, die
                    den Menschen in seiner Arbeit über die Verrichtungen der Gegenwart
                    hinaustreibt zu dem, was in der Zukunft werden soll, da führt sie auch den
                    Menschen hinaus über sich selbst. Es gibt freilich auch einen arbeitsamen
                    Egoismus, aber rechtschaffene, zukunftskräftige Arbeit ist das nicht, denn
                    sie hört auf, wenn der volle Geldbeutel und die Villa als Ertrag der Arbeit
                    da sind. Rechtschaffene Arbeit dagegen, die ihre Ziele unermüdlich in die
                    Zukunft setzt, führt die Gedanken und den Willen unweigerlich zuerst auf die
                    gemeinsamen Interessen und von da auf die großen verborgenen Gesetze, die
                    den Staat der arbeitenden Menschheit in den Fugen halten. Der Blick in die
                        <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> lenkt die Augen nach
                    links und rechts auf die Mitarbeitenden, der Mensch wird ein soziales <term type="Sachen" key="Mensch, soziales Wesen">Wesen</term>, seine Arbeit
                    wird Arbeit für die Andern und <hi rend="italic">an den <term type="Sachen" key="Arbeit, für die und an den Anderen">Andern</term></hi>. Ein
                    neuer Zusammenhang wird uns da deutlich, der zwischen Leben und
                    Zusammenleben. Im Bild des Säemanns ist Beides ausgedrückt. Er wirft im
                    Frühling seinen Samen mit aller Hoffnung und darum mit aller Sorgfalt und
                    Vollständigkeit. Weiß er denn, ob er im Sommer noch leben und die Früchte
                    seines Fleißes sehen wird? Gleichviel, er weiß, dass die Arbeit getan sein
                    muss; wenn nicht er, so werden andre ernten. Er treibt Arbeit auf <term type="Sachen" key="Hoffnung">Hoffnung</term>, und da fällt seine Person
                    und sein Anteil am Ertrag ganz aus dem Interesse. |</p>
                <p>Wir verstehen nun, in welch tieferm Sinn Jesus im Säemann sich selbst und
                    sein Tun wieder <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> erkannte. Er säte im Frühling,
                    auf Hoffnung und darum mit Sorgfalt, obwohl er von Anfang an wusste, dass er
                    bei den Erntefreuden nicht dabei sein werde, ja er hat <hi rend="italic">diesen</hi><note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         Ge<pb xml:id="p585" ed="pga" break="no"/>danken an die Zukunft, an die
                    Glückseligkeit seiner eigenen Person als eine Verführung von sich gewiesen.
                    Sondern er hat mit Bewusstsein und Willen gesät für die Zukunft <term type="Sachen" key="Zukunft, Gottes">Gottes</term>, d. h. aber für die
                    andern. Und in diesem Sinn wird nun das Bild des Säemanns, wird Jesus, der
                    diesem Bild Inhalt und Wirklichkeit gegeben, das Vorbild und Urbild aller
                        <term type="Sachen" key="Erziehung, Säemann als Vorbild und Urbild">
                            <hi rend="italic">Erziehung</hi></term> im weitesten Sinn des Wortes. Denn
                    wenn Menschen nicht mehr für ihr eigenes kleines Glück, sondern für die
                    Zukunft, d. h. aber auf dem Grund des ewigen Sittengesetzes<note xml:id="n05">Anspielung auf den «kategorischen Imperativ»
                        <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kants</persName>; vgl.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p241#fn_n13">S. 241, Anm. 13</ref>.<term type="Sachen" key="Gesetz, sittliches"/>
                        </note> für die Andern <term type="Sachen" key="Arbeit, für die und an den Anderen">arbeiten</term>
                    wollen, dann heißt das, dass sie helfen wollen zu erziehen. Sie wollen dann,
                    dass die Andern zu ihrem Besten gezogen und erzogen werden sollen, sie
                    glauben an ihre Zukunft und sie wollen selbst ihr Bestes tun, um diese beste
                    Zukunft herbeizuführen. Jeder Mensch ist zum Säemann, zum Lehrer und
                    Erzieher in seinem kleinen oder großen Kreis berufen. Aber er ist es nur
                    dann, wenn er wirklich Arbeit auf <term type="Sachen" key="Hoffnung">Hoffnung</term> der Zukunft tut. Wer die Menschen besser haben möchte,
                    wer in irgend einer Weise daran beteiligt ist, dass es so werde, der muss
                    absehen lernen von seiner eigenen Person und ihrem Anteil am Glück. Denn
                    wenn bei Allem, was wir an Andern und für Andere tun und wollen, schließlich
                    doch immer dieses letztere Verlangen nach persönlicher Genugtuung und Wohl<pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>behagen im Hintergrund steht, dann bedeutet
                    das nichts Anderes, als dass wir noch keine rechte, tapfere, zukunftssichere
                    Säemannsarbeit tun. Wir denken dann an uns selbst, an den Augenblick, nicht
                    ans Säen, an die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, an die
                    Andern, an die <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term>. Richte
                    du den Blick vorwärts, nicht auf das, was mit dir geschehen soll, sondern
                    auf das, was geschehen soll mit dem kostbaren Samen des Lebendigen und dem
                    fruchtbaren Acker der <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term>, der lebendig werden soll.</p>
                <p>Und wenn das überall gilt, wo Menschen nebeneinander und füreinander leben
                    wollen, so gilt es erst recht überall da, wo Erziehung im eigentlichen und
                    engern Sinn geschehen soll. Für Alle die, die in besonderer Weise an der
                        <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> sind zu leiten, zu heben,
                    zu helfen, zu fördern im Reiche des Lebens, für die Mütter und Väter, die
                        <term type="Sachen" key="Lehrer">Lehrer</term> und Lehrerinnen und <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term>, für sie Alle ist der
                    Zukunftssinn des Säemanns das unentbehrlichste Stück Berufsbildung. Ich
                    denke an die <pb xml:id="p586" ed="pga"/> Unmasse Kinder, die in diesen Wochen in
                    unsrer Stadt den ersten Gang zur Schule getan haben, ich denke an unsre
                    jungen Leute, die die <term type="Sachen" key="Konfirmation">Konfirmation</term> hinter sich haben und nun in der schwierigsten und
                    ernsthaftesten Zeit ihres Lebens stehen, ungewiss, ob sie den Weg nach
                    rechts oder links einschlagen wollen, ich denke an all die Erwachsenen, die
                    nun der Arbeit des Winters entgegensehen, bewusst oder unbewusst mit neuem
                    Bedürfnis, sich fördern und stärken zu lassen. Zukunftsland auf allen
                    Seiten! Und durch die endlosen Furchen des Ackers schreitet der Säemann, der
                    große Vater und Lehrer der Lebendigen. Er sät seinen Samen zur Linken und
                    Rechten und wartet der Frucht, die der Same <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>
                    neuer Früchte werden soll. Und wir Alle wollen jeder an seinem Platz mit ihm
                    säen und mit ihm warten auf das, was kommen soll.</p>
            
                <p rend="margin-top">Aber Jesus hat mehr gesehen als den zukunftsgewissen Säemann
                    und den fruchtverheißenden Samen. Er sah die Schädigung und Zerstörung, die
                    zwischen Saat und Ernte eintreten können, und er hat diesen Gedanken an das
                    Schlimme nicht als etwas Störendes beiseite gestellt, sondern mitten hinein
                    in das Bild vom Werke Gottes, durch das er die Menschen zum Leben erwecken
                    wollte. Indem der Säemann säete, <hi rend="italic">fiel das Eine auf den Weg, und
                        Anderes fiel in das Steinige, und Anderes fiel in die Dornen. Anderes
                        fiel auf gute Erde</hi>. So ist Alles beieinander und ineinander
                    gerechnet, das Wachstum und die Verderbnis. Man hat darum mit Recht gesagt,
                    es gehe ein Zug von männlicher Reife durch dies Gleichnis.<note xml:id="n06">Nicht ermittelt. – Eine der hier im
                        weiteren ausgeführten inhaltlich ähnliche Deutung bietet <bibl corresp="kbga-bibls-1520">
                                <persName ref="kbga-actors-418">J. Weiß</persName>, <hi rend="italic">Die drei
                            älteren Evangelien</hi>, in: ders. (Hrsg.) <hi rend="italic">Die Schriften des
                            Neues Testaments neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt</hi>,
                        <choice><sic ed="pga">Bd.</sic><corr>Bd. 1</corr></choice> , Göttingen 1906, S. 28–484, dort S. 99</bibl>: «So zeugt
                        dies Gleichnis statt von resignierter Klage, die man gewöhnlich
                        heraushört, vielmehr von einem ruhigen Vertrauen trotz aller Klarheit
                        über die Grenzendes Erfolges. Kein rosenroter Optimismus, sondern
                        nüchterne, realistische Beobachtung; […]. In dieser Abgeklärtheit
                        und Ruhe, die gleich weit von Niedergeschlagenheit, wie von jugendlichem
                        Enthusiasmus entfernt ist, liegt das Tröstliche des Gleichnisses
                        […].»</note> Jesus war gleich fern von der unwahrhaftigen und
                    unreifen Art der <term type="Sachen" key="Pessimismus">Pessimisten</term>
                    wie der <term type="Sachen" key="Optimismus">Optimisten</term>, die dem
                        <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> gegenüber die
                    Hände im Schoß zusammenlegen als gegenüber etwas, was man
                    schicksalsnotwendig hinnehmen müsse, sondern er hat das <pb xml:id="p587" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> und das Böse
                    gleicherweise gesehen und in Gottes Hand befohlen. Und so hatte er in seiner
                    Säemannsarbeit an Gerechten und Ungerechten nicht bloß ein glaubenstrotziges
                    «Dennoch», sondern ein kindliches «<hi rend="italic">Darum</hi>» zu sagen.</p>
                <p>Und hier stehen wir nun vor dem eigentlichsten Inhalt des Gleichnisses. Es
                    gilt, bei jeder rechtschaffenen Säe<pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>mannsarbeit
                    die notwendig kommenden Enttäuschungen zu sehen und sehen zu wollen und dann
                    unentwegt, nicht verarmt durch die Enttäuschungen, sondern bereichert in die
                    Zukunft zu sehen und für die Zukunft zu handeln. Das ist der Inhalt des
                    Säemannsgleichnisses, von dem Jesus gesagt hat: Wer Ohren hat zu hören, der
                    höre! Das aber gelte es zu hören und zu sehen, war seine Meinung, dass auch
                    das Böse, Törichte, Traurige im Leben und in der Welt miteinbegriffen sei in
                    Gottes Wirken.</p>
                <p>Die Enttäuschungen gehören dazu, meine Freunde. Jesus hat es uns durch jene
                    seine einheitliche Weltbetrachtung, wie sie gerade in diesem Gleichnis sich
                    ausspricht, erleichtert, diesen uns immer wieder so schwer verständlichen
                    Sachverhalt zu durchschauen. Er weist uns hin auf den Haushalt der <term type="Sachen" key="Natur">
                            <hi rend="italic">Natur</hi></term>. Natur ist ihrem
                    Wesen nach <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, Entstehung, <term type="Sachen" key="Schöpfung">Schöpfung</term>, Entwicklung, Werden,
                        <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term>, <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term>. Was in ihrem Reiche ist und
                    besteht, das ist und besteht für immer. Es kann da wohl Auflösungen und
                    Verwandlungen geben, aber kein Vergehen im strengen Sinn.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen.</l>
                            <l>Das Ewige regt sich fort in allen.<note xml:id="n07">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2139">Beginn der ersten Strophe des Gedichts «Vermächtnis» von
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                    (Erstdruck: 1829; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1,
                                    Berlin 1965, S. 541f., dort S. 541).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">So ist die ganze Natur darauf angelegt, Frucht zu bringen,
                    die aufgeht, sich mehrt, einbringt je dreißig- und sechzig- und
                    hundertfältig. Aber ebenso deutlich sehen wir in dem lebenstrahlenden Bilde
                    der Natur jene Flecken, die von Tod und Zerstörung reden. Das Gleichnis vom
                    Säemann muss beim ersten<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus:
                            «oberflächlichen».</note>
                     Anhören den traurigen Eindruck erwecken, als seien die befleckten
                    Stellen viel zahlreicher als die lichten, als sei das Reich des <term type="Sachen" key="Tod">Todes</term> in der Natur viel größer und
                    mächtiger als das Reich des Lebens, als versage somit die Natur bei der
                    Erfüllung ihrer <pb xml:id="p588" ed="pga"/> tiefsten Wesensbestimmung. Und dieser
                    Eindruck, den Jesu <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Rede in uns weckt und wecken
                    will, damit wir wach und damit lebendig werden, er findet seine wunderbare
                    Bestätigung durch das, was die neuere Wissenschaft uns zu erzählen hat von
                    der ununterbrochenen Katastrophe, die sich unter allen Lebewesen vollzieht.
                    Wir hören von den Pflanzensamen, die zu Millionen und Abermillionen
                    untergehen, ohne jemals zum Wachstum zu gelangen, von den höhern und niedern
                    Tiergattungen, die in den Unbilden des Kampfes ums Dasein<note xml:id="n08">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-2501">
                                <persName ref="kbga-actors-2013">Charles Darwins</persName> Hauptwerk (dt.: <hi rend="italic">Über die
                            Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, oder die Erhaltung
                            begünstigter Gattungen im Kampf ums Dasein</hi>, Halle 1891)</bibl>; vgl.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p051#fn_n07">S. 51, Anm. 7</ref>.</note>
                    untergegangen sind und untergehen, wir sehen ganze Menschenrassen
                    verschwinden, als ob sie nie dagewesen wären. Überall scheint es, als ob nur
                    eine Auslese Weniger zum Leben bestimmt sei, als ob <term type="Sachen" key="Natur, und Tod">Tod</term> und Vernichtung das Feld beherrschten.
                    Wer Ohren hat zu hören, der höre!, sagt uns Jesus. Aber was sollen wir dazu
                    sagen? Der Anblick wird uns immer wieder stutzig machen, und er
                        <hi rend="italic">soll</hi> es, wir <hi rend="italic">sollen</hi> an diesem Bild nicht
                    vorübergehen, aber eins darf er nicht, er darf nicht den Gedanken in uns
                    erwecken, als wäre jene Katastrophe des Lebens, die wir mit ansehen, etwas,
                    das nicht mit hinein gehörte in das große, umfassende Bild der lebendigen
                    und lebenschaffenden <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>. Denn je
                    genauer wir die Dinge beobachten und überdenken, desto deutlicher erkennen
                    wir, dass es da auf der ganzen Linie, jenseits von Fäulnis, Ausrottung und
                    Tod neues Leben gibt, neues Leben, wenngleich unter andern Formen. Uns mag
                    der Untergang in der überwältigenden Mehrheit der Fälle das Letzte und
                    Sicherste scheinen, in Wirklichkeit ist da doch kein Atom, das dem
                    Zusammenhang der lebendigen Natur sich entziehen könnte. Kein Wesen kann zu
                    Nichts zerfallen. Das Leben ist das Übergreifende, Umfassende, es schließt
                    auch den <term type="Sachen" key="Natur, und Tod">Tod</term> in sich.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Und nun können wir das Gehörte und Gesehene
                    überlegen nach seiner andern Seite, auf dem Gebiet des geistigen Lebens, des
                    innern Daseins des Menschen. Nur die andre Seite nenne ich es. Denn die
                    Gesetze beider, der Natur- und <term type="Sachen" key="Natur, und Geist">Geisteswelt</term> sind gleicherweise vom Geist des Menschen erkannt
                    und entworfen. Er ist ein <term type="Sachen" key="Mensch, Geisteswesen">Geisteswesen</term>, nicht trotzdem, sondern <hi rend="italic">weil</hi> er weiß,
                    dass er ein <term type="Sachen" key="Mensch, Naturwesen">Naturwesen</term>
                    ist. Und <pb xml:id="p589" ed="pga"/> dieser Zusammenhang, den Jesu klare Augen
                    gesehen haben, gibt jenes Recht, im Naturgleichnis nicht einen matten
                    Vergleich aus einem andern Gebiet, sondern eine unmittelbare Darstellung
                    eines Sachverhalts zu sehen. Das lebendige Schaffen der Natur
                        <hi rend="italic">ist</hi> das lebendige Schaffen <term type="Sachen" key="Natur, Schaffen der N. ist das Schaffen Gottes">Gottes</term>,
                    desselben Gottes, der in unserm Innern sein Werk treibt.</p>
                <p>Wir sehen, wie der Säemann am Säen ist auf Hoffnung, überall wo
                    rechtschaffene Arbeit, wo Dienst an den Andern, wo <term type="Sachen" key="Erziehung">Erziehung</term> geleistet wird. Das ist das
                    Zukunftswerk, durch das die Menschheit gebaut wird zum Tempel Gottes. Da ist
                    die Zukunft <term type="Sachen" key="Zukunft, Gottes">Gottes</term>, wie sie
                    der, der Ohren hat zu hören, wahrnimmt im Werden der Natur. Aber da sind nun
                    auch die großen Enttäuschungen, wenn der lebendige Same auf den Weg, auf das
                    Steinige, unter die Dornen fällt, wenn seinem Wachstum allerlei
                    unvorhergesehene Hindernisse entgegentreten und wenn er oder das bescheidene
                    Pflänzchen, das daraus gewachsen, schließlich endet und verendet, ohne
                    seines Wesens Bestimmung erfüllt zu haben. Das kennen wir ja nun wohl Alle:
                    Wir gingen hoffnungsfreudig der <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term> entgegen, in uns jubelte es: Nun muss sich Alles, Alles
                        wenden,<note xml:id="n09">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2014">Aus der zweiten Strophe des
                        Gedichtes «Frühlingsglaube» («Die linden Lüfte sind erwacht») von 
                            <persName ref="kbga-actors-814">L. Uhland</persName> (Werke,
                        Bd. 1, hrsg. von W. Scheffler, München 1980, S. 31)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Die linden Lüfte sind erwacht, </l>
                                    <l>Sie säuseln und weben Tag und Nacht, </l>
                                    <l>Sie schaffen an allen Enden. </l>
                                    <l>O frischer Duft, o neuer Klang! </l>
                                    <l>Nun, armes Herze, sei nicht bang! </l>
                                    <l>Nun muß sich alles, alles wenden.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                    nun muss mein Leben Inhalt und Bestimmtheit bekommen, nun
                    habe ich eine Seele gefunden, die mich verstehen kann und verstehen will.
                    Aber dann hat es sich plötzlich gezeigt, dass es nichts war. Wie eine unüber
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> steigbare Mauer baute sich etwas auf
                    zwischen unserm Wünschen und Wollen und dem Ziel, zwischen Saat und Ernte.
                    Wir mussten unsern Weg weitergehen wie vorher. Es wär’ zu schön
                    gewesen, es hat nicht sollen sein.<note xml:id="n10">Vgl. den
                        Kehrreim des Liedes «Behüt Dich Gott», dem sog. «Trompeter-Lied»:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>B’hüt dich Gott! es wär’ zu schön gewesen, </l>
                                    <l>Behüt dich Gott! es hat nicht sollen sein! </l>
                                </lg>
                            </q>
                     Der Text beruht auf: <bibl corresp="kbga-bibls-2785">
                                <persName ref="kbga-actors-1209">J. V. von Scheffel</persName>, <hi rend="italic">Der Trompeter
                            von Säckingen, ein Sang vom Oberrhein</hi>, Stuttgart 1877<hi rend="sup">60</hi>, S. 220f. (Lieder jung Werners XII)</bibl>.</note>– |</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p590" ed="pga"/> Wir traten mit einem Gedanken, mit einer guten Absicht unter die Menschen,
                    wir versprachen uns etwas davon für die Andern, für den <term type="Sachen" key="Fortschritt">Fortschritt</term> der guten Sache. Was uns geschenkt
                    war, wollten wir weiterschenken. Aber dann war etwas ganz Banales, Sinnloses
                    da, das verhinderte, dass wir verstanden wurden. Was wir dachten und
                    wollten, drang nicht durch, nicht weil es schlecht war, sondern weil Kraft
                    und Verständnis und Wille fehlten, es aufzunehmen – oder wenn es
                    durchgedrungen schien, dann verlief es sich wieder im Sande, bevor es seine
                    Wirkung getan. – |</p>
                <p>Wir standen in Reih und Glied der Kämpfer und Erzieher, wir spürten uns
                    getragen von der Lebenswelle einer guten Bewegung, wir ahnten in uns etwas
                    von jenem Mut, der früher oder später den Widerstand der stumpfen Welt<note xml:id="n11">Vgl. den <bibl corresp="kbga-bibls-1871">Beginn der siebten Strophe des
                        Gedichts «Epilog zu Schillers Glocke» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName></bibl> (s.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p293#fn_n15">S. 293, Anm. 15</ref>).<term type="Sachen" key="Welt, stumpfe"/>
                        </note> besiegt. Aber dann war
                    diese stumpfe Welt doch größer und stärker, als wir gedacht; wir sahen nach
                    links und rechts und fanden wohl einzelne kühne Streiter und Helden, aber
                    sie waren wie seltene Schwimmer in strudelnden Wassermassen, sonst weit und
                    breit die unbewegliche <term type="Sachen" key="Mensch, Dummheit">Dummheit</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Bosheit">Bosheit</term> der Menschen. Wir verpufften<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. mit Bleistift nachträglich unterschlängelt.</note>
                     unsre Kraft wirkungslos, die Menschen wollten nicht befreit und nicht
                    erzogen sein, sondern bleiben, was sie waren, und das musste uns schwer auf
                    die Seele fallen, gerade wenn wir vorher zielbewusst und freudig an die
                    Arbeit gegangen waren. <hi rend="italic">Und es gab keine Frucht</hi>, sagt das
                    Gleichnis in lakonischer Kürze und Sachlichkeit.</p>
                <p>Das sind die Enttäuschungen, ich brauche nicht weiter auszumalen, wie sie
                    entstehen und in was sie bestehen. Jeder kennt sie und jeder hat sie. Auch
                    Jesus hat sie gekannt und gehabt, <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> aber nun
                    hatte er auch etwas Anderes, was wir meistens nicht oder nur teilweise
                    haben, nämlich den großen <term type="Sachen" key="Frieden, Gottes">Gottesfrieden</term> in sich selbst, der über jede Enttäuschung sofort
                    hinaussieht, der weiß, dass jenseits von Verdorren, Fäulnis und Tod neues
                        <term type="Sachen" key="Leben, neues">Leben</term> ist, weil es da
                    nichts gibt, was Gottes Hand entzogen wäre. Der Tod ist verschlungen in den
                    Sieg [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.55">1.Kor. <pb xml:id="p591" ed="pga"/>
                    15,55</ref>], es kann gar
                    nicht anders sein, wenn Gott am Werke ist. Das waren Jesu Gedanken über sich
                    und seine Säemannsarbeit.</p>
                <p>Was heißt das aber für uns, die wir mit Gott und für Gott und seine <term type="Sachen" key="Zukunft, Gottes">Zukunft</term> säen, die wir Licht
                    und Leben, Recht und Wahrheit schaffen und haben möchten, bei uns selbst und
                    bei den Andern? Das heißt, dass wir nicht <term type="Sachen" key="Optimismus">Optimisten</term> oder <term type="Sachen" key="Pessimismus">Pessimisten</term> sein sollen, die die Welt entweder
                    für sehr gut oder sehr schlecht halten und darum Pflügen, Säen und Ernten
                    auf sich beruhen lassen als etwas, das doch nichts abtrage. Das wäre
                    freilich eine Art, sich scheinbar dem Schmerz der Enttäuschungen zu
                    entziehen, das wäre eine Art Frieden, aber der <term type="Sachen" key="Frieden, Gottes">Gottesfriede</term>, der Lebensgewissheit hat,
                    wäre das nicht. Sondern wir sollen und dürfen Säemannsarbeit des Reiches
                        <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> treiben, und da
                    gehören die Enttäuschungen dazu, wie sie im Haushalt der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> dazugehören. Sie können wohl <hi rend="italic">uns</hi>
                    betrüben, hindern, stören, sie können <hi rend="italic">unsre</hi> guten Zwecke und
                    Gedanken vereiteln, sie können unter Umständen <hi rend="italic">unsre</hi>
                    Lebenshoffnungen, <hi rend="italic">unser</hi> Lebenswerk zu Grunde richten. Das sind
                    die Vögel auf dem Weg, das Steinige, die Dornen, die zwischen Saat und Ernte
                    schädlich sind. Aber in alledem wissen wir, dass Gottes Werk nicht
                    aufzuhalten ist. Die ruhige Zuversicht, die wir gegenüber den Wechselfällen
                    der Naturwelt auf die unzerstörbare Lebenskraft in der <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Natur setzen, sie soll und darf übergreifen und beherrschend
                    werden für unsre Stellung und Aufgabe im Geistesleben, im Verkehr der
                    Menschen untereinander, im werdenden Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term>. Dort sagen wir mit Goethe: «Das Ewige
                    regt sich fort in Allen», und hier dürfen wir mit <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> sagen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Was Gott sich vorgenommen</l>
                            <l>Und was er haben will,</l>
                            <l>Das muss doch endlich kommen</l>
                            <l>Zu seinem Zweck und Ziel.<note xml:id="n12">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-50">Strophe 5
                                    des Liedes «Befiehl du deine Wege» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS
                                    266; RG 680; EG 361).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Die Enttäuschungen sind immer Enttäuschungen des Augenblicks.
                    Wir aber, wenn wir säen, säen für die <term type="Sachen" key="Zukunft">Zukunft</term>, nicht für unsre Zukunft, sondern für die Zukunft <term type="Sachen" key="Zukunft, Gottes">Gottes</term>. An diese kann die
                    Enttäuschung nicht herantreten. Und wenn wir den Blick dorthin richten, sind
                    wir selbst jenseits der Enttäuschungen. <hi rend="italic">Uns</hi> mag es freuen, wenn
                        <pb xml:id="p592" ed="pga"/> unser Same wächst und aufgeht und Frucht bringt,
                    dreißig- und sechzig- und hundertfältig. Es ist recht, wenn es uns
                    freut.</p>
                <p>Und <hi rend="italic">uns</hi> mag es schmerzen, wenn unser Same weggetragen, verdorrt
                    und erstickt wird. Es ist recht, wenn es uns schmerzt.</p>
                <p>Aber <hi rend="italic">unsere</hi> Freude und <hi rend="italic">unser</hi> Schmerz sind
                    aufgehoben in der Kraft des lebendigen, allmächtigen <term type="Sachen" key="Gott, Allmacht">Gottes</term>:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wenn im Unendlichen dasselbe</l>
                            <l>Sich wiederholend ewig fließt,</l>
                            <l>Das tausendfältige Gewölbe</l>
                            <l>Sich kräftig ineinander schließt:</l>
                            <l>Strömt Lebenslust aus <hi rend="italic">allen</hi> Dingen,</l>
                            <l>Dem kleinsten wie dem größten Stern,</l>
                            <l>Und <hi rend="italic">alles</hi> Drängen, <hi rend="italic">alles</hi> Ringen</l>
                            <l>Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.<note xml:id="n13">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2786">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Zahme Xenien VI</hi>, V. 172–179
                                    (Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965,
                                    S. 704–713, dort S. 710</bibl>; i. Orig. keine
                                    Hervorhebungen).</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-107">Nr. 247: «Allgenugsam Wesen» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen
                            1–3 und 4–6 (RG 661,1–5 [mit Textabweichungen;
                            ohne Strophe 5 GERS]).</bibl>
                       <bibl type="song" corresp="kbga-songs-95">Nr. 287: «Harre, meine Seele» von <persName ref="kbga-actors-8802">J. Fr. Raeder</persName>, Strophen
                            1–2 (RG 694,1–2).</bibl>
                        </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.104">Psalm 104</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
