Predigt Nr. 46 · 31. Juli 1910

Predigt: Jakobus 3,18

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Jakobus 3,18
Die Frucht der Gerechtigkeit wird im Frieden ausgesät denen, die Frieden halten.
Meine Freunde!

Was wir heute zusammen überlegen wollen, kann als Fortsetzung und Vertiefung unsrer Lektion über die Bildung vom letzten Sonntag verstanden werden. Wir haben dort gesehen, dass der Mensch gebildet wird, wenn sein Horizont sich erweitert, wenn er sein natürliches, vereinzeltes Dasein verlässt, um auf die Höhe des allgemein Giltigen und Wertvollen zu steigen, wenn sein Verstand und Wille die Gedanken und Zwecke der menschlichen Gemeinschaft erfasst, um ihnen Alles das an unserm Wesen und unsern Interessen unterzuordnen, was bloß natürlichen und bloß privaten Charakter trägt. Wenn der Mensch den Menschen sich hingibt, das ist Bildung. Und wenn wir uns eine Menschheit denken, die so gebildet wäre, das wäre das Reich Gottes, das Reich der Solidarität und des gemeinsam aufwärts strebenden Lebens, das wäre die Erfüllung der Botschaft: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen [Lk. 2,14].

Aber wir stoßen bei diesem Gedanken gleich zu Anfang auf einen sehr ernsten Punkt, den wir das letzte Mal schon berührt haben, den wir aber noch einmal in eingehende Erwägung ziehen müssen. Dass der Mensch sich den Menschen hingebe, dass er seine Spezialinteressen unterordne, vielleicht opfere dem Allgemeinen, das sei Bildung, d. h. aber das sei die von Gott gewollte Gestaltung unsres Lebens. So sagten wir.

Aber wer darüber nachgedacht hat, der hat vielleicht nicht nur gefunden, es sei unendlich schwer, dieses Ziel anzustreben, sondern er hat sich vielleicht auch gefragt, ob es denn auch recht sei, ob wir die Aufgabe unsres Lebens nicht in einer ganz andern Richtung zu suchen haben, nicht im Interesse für das, was außer uns ist, sondern im Interesse für unser Inneres, nicht in der Welt, sondern im eigenen Her|550zen, nicht im Allgemeinen und Gemeinsamen, sondern im Speziellen und Speziellsten. Findet nicht der religiöse Mensch, der Christ, die Wahrheit und das Leben in einer Tatsache, die nicht von dieser Welt ist, und besteht diese Tatsache nicht in dem engen und ausschließlichen Verkehr zwischen Gott und der Seele, der Seele und Gott?1 Ihr kennt jene furchtbar ernste Mahnung Jesu: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, und was kann der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse? [Mt. 16,26 par.] Und ihr kennt vielleicht auch Goethes berühmte Verse aus dem west-östlichen Diwan, die denselben Gedanken zum Ausdruck bringen:

Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Jedes Leben sei zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermisst;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bliebe, was man ist.2

Ist da jene Bildung fürs Allgemeine, wie wir sie das letzte Mal geschildert, nicht ein gefährlicher Abweg? Führt sie nicht gerade dazu, dass der Mensch sein Besonderes, seine Seele verliere, dass er dazu komme, sich selbst zu vermissen, dass er nicht bleibe, wie er ist?

Ich habe schon das letzte Mal kurz angedeutet, dass dieser Gegensatz doch nur scheinbar ist, dass er sich auflösen lässt. Der kurze Text aus Jakobus, den ihr gehört habt, zeigt uns, dass er auch dieser Meinung gewesen ist: Die Frucht der Gerechtigkeit wird im Frieden ausgesät denen, die Frieden halten. Also: im rechten Frieden mit den Menschen, gerade in jener Bildung fürs Allgemeine wird und wächst auch der Friede der Seele, findet der Mensch sich selbst, sein Eigenstes |551 und Besonderstes. Und Beides ist nicht zweierlei, sondern die zwei Seiten des einen Friedens mit Gott, der höher ist als alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7]. Dass Beides in uns eins werde, das ist die Frucht der Gerechtigkeit, auf die wir warten und der wir nachgehen, das ist Gottes freundliches Geschenk, und das ist unser ewiges Lebensziel.

Wir wollen dem heute etwas genauer nachgehen und versuchen, die Brücke zu finden zwischen dem Frieden mit der Welt und dem Frieden mit sich selbst, zu verstehen, wie das Allgemeine Suchen und das Besondere Finden zusammengehen und letzten Endes eins und dasselbe sind.

Wir wenden uns zuerst nach innen, zu uns selbst und fragen uns, wie wir unser eigenes Leben als gebildete Menschen einzurichten und zu beurteilen haben. Da wird es sich bereits zeigen müssen, ob der rechte Friede mit der Welt, d. h. die gebildete Richtung unsres Geistes auf das, was außer uns ist, für uns selbst, für die Seele, die Persönlichkeit, Verlust oder Gewinn bedeutet.

Gebildet ist der Mensch, der objektiv wird, sagten wir vor acht Tagen. Das Wort objektiv ist euch Allen bekannt: es bedeutet: überlegen, beherrschend, verständnisvoll, sachgemäß. Und zwar ist das die Objektivität des Gebildeten, dass er sich selbst gegenüber objektiv werde und urteilen lerne, also unabhängig, überlegen, sachgemäß über sich selbst. Es ist Mancher objektiv oder sachgemäß in allerlei Einzelkenntnissen, die allermeisten Menschen sind z. B. erschreckend sachgemäß in Geldsachen. Aber Bildung ist das noch nicht. Denn die Bildung fängt erst da an, wo der Mensch seinem Stoff gegenüber überlegen, d. h. aber unabhängig ist, wo er antworten kann auf die Fragen: woher, wozu, wohin mit den Kenntnissen über dies und das, mit dem Geld, mit alledem, dessen Gebrauch ich verstehen und einzurichten weiß. Darauf weiß aber nur der zu antworten, der sich gebildet hat, will sagen: mit Willen und Bewusstsein eingegliedert in die großen Gemeinschaftsformen des Menschenlebens. Als Glied seiner Familie, seines Berufes und Vaterlandes oder als kleines und kleinstes Atom der wissenschaftlichen oder künstlerischen Welt kommt er zum Bewusstsein seiner selbst, wird er sich seines Ortes im Universum bewusst, an dem er unentbehrlich ist, und damit wird ihm sein eigenes Leben verständlich und übersichtlich. Je mehr er sich empfangend |552 und schaffend einordnet als dienendes Glied in ein Ganzes, desto mehr bekommt er jene Fähigkeit, sein eigenes Dasein, seinen Wert und Unwert richtig abzuschätzen, desto mehr wächst seine Objektivität nicht nur den Dingen, sondern sich selbst gegenüber, und dies Letztere ist erst die Objektivität der wahren Bildung. Der Vorgang ist sehr einfach und leicht verständlich. Wenn ich a-tätig eintrete in einen-a der Arbeitskreise der Menschheit, nicht weil ich muss, sondern weil ich will, dann mache ich ein Erlebnis von fundamentaler Wichtigkeit, nämlich die Erfahrung, dass ich Mitarbeiter habe. Da arbeiten nebeneinander und miteinander Frau und Magd, Meister und Geselle, Lehrer und Schüler je in denselben Kreisen und an denselben Aufgaben. Es kann nicht anders sein, als dass man dabei das Tun der Andern mit Sachkenntnis beobachtet. Und nun muss es sich zeigen, ob wir uns bilden wollen oder ob wir noch nicht gemerkt haben, dass wir noch ungebildet sind. Das Letztere würde man daran erkennen, dass wir von vornherein meinen, wir selbst machten’s natürlich am besten und die Andern seien nur Stümper gegen uns. Der Weg der Bildung ist der andre: wenn wir uns nämlich einen Spürsinn ausbilden, in unserm engern oder weitern Kreis Menschen zu entdecken, die uns überlegen sind. Wenn ich merke: der ist weiter als ich und der und der und der, wenn ich auf die Schranken meines eigenen Könnens und Wissens stoße und sie nicht vertusche, sondern konstatiere: Da ist eine Schranke, darüber bin ich noch nicht hinweg, aber darüber muss ich hinweg, dorthin, wo die Andern sind, die dies besser können und verstehen, damit werde ich objektiv.3 Das will sagen: ich bekomme die Fähigkeit, mich selbst gleichsam mit beiden Händen vor mich hinzuhalten und von allen Seiten zu besehen. Ich kann dann zu mir selbst sagen: Also hier fehlt dir etwas gänzlich, hier bist du rückständig, hier oberflächlich, hier geht es gerade so an, und hier könnte es besser sein. Das ist die Objektivität der Allgemeinbildung, meine Freunde, man bekommt sie nicht auf einmal, auch hat sie keiner ganz, aber es kann |553 sie jeder sich aneignen, wenn er ernst damit macht, in seinem kleinen oder großen Kreis nicht bloß ein Arbeiter zu sein, sondern ein Mitarbeiter.

Ich will euch sogleich ein Merkmal angeben, an dem jeder ohne weiteres wahrnehmen kann, ob er objektiv und also gebildet ist oder nicht, und für die, die denken, es bereits zu sein, mag es ein Gradmesser sein, an dem sie ablesen können, wie weit der Bildungsprozess fortgeschritten ist. Das Merkmal und der Gradmesser, ob und wieweit du gebildet bist, besteht in der Frage, ob du Spaß verstehst.4 Das kommt euch vielleicht merkwürdig vor, aber es ist doch so, ihr könnt euch darauf verlassen. Selbstverständlich meine ich dabei nicht die Fähigkeit, sich irgendwie zu amüsieren, das kann jeder Trottel. Sondern es handelt sich um die Frage, ob und wie du es erträgst, dass sich ein Anderer über dich lustig macht und dass man dich auslacht. Dass man uns offen und im Ernst schilt und angreift, das lässt sich ertragen, aber die schwerere Probe ist dagegen die feinere Waffe des Auslachens, des Spottes. Da gibt’s Menschen, die sind sofort bereit zu rufen: das geht zu weit, da hört der Spaß auf, da lasse ich mir nicht zu nahe treten! – oft sind das gerade die, die am liebsten die Batterien ihres Witzes gegen andere spielen lassen – wieder Andre ziehen sich offen oder heimlich tief gekränkt in sich selbst zurück wie die Schnecke in ihr Haus. Ob sie’s so oder so machen, die sind noch ungebildet, die haben das noch nicht gelernt, sich selbst in beide Hände zu nehmen und kritisch zu betrachten, sonst würden sie in das Lachen oder Lächeln der Andern stillvergnügt einstimmen und bei sich selbst denken: du guter Freund, wenn du mich kenntest, wie ich selbst mich kenne, du würdest viel bessere und zutreffendere Späße über mich machen, als du’s jetzt tust. Dem Gebildeten ist seine werte eigene Person nicht so ein mimosenhaftes Heiligtum, das keine Berührung verträgt, denn in dem, was der Andre da lachend über ihn sagen kann, erkennt er das, was er selbst längst im Ernst zu sich selbst gesagt hat, und wenn er’s noch nicht getan hat, wird es ihm ein Anlass sein, es schleunigst zu tun. |554 So ist Sokrates applaudierend in den vordersten Reihen des Theaters gesessen, als eine Komödie von Aristophanes aufgeführt wurde, in der er selbst in lächerlicher Figur auf der Bühne erschien.5 So hat Friedrich der Große, als er einmal an einer Straßenecke von Berlin ein Spottbild auf sich selbst angeheftet sah, befohlen: Hängt es niedriger, damit es Alle sehen.6 Wer redet heute noch von denen, die den Sokrates und Friedrich der Großen auslachten? Die, die dort ausgelacht wurden, das waren die großen und wertvollen Menschen, die Gebildeten, und dass sie das waren, kam gerade darin zum Vorschein, dass sie sich auslachen ließen, heiter und stillvergnügt. Wer gebildet ist, kann das, ja, er lacht manchmal sich selbst aus, je öfter, je besser. Denn er hat durch die Bildung gelernt, sich selbst überlegen sein. Durch die Arbeit in der Gemeinschaft, durch das Zusammendenken und Zusammenfühlen mit solchen, die besser sind als er, durch den rechten Frieden mit der Welt hat er sich selbst kennen gelernt. Er ist objektiv geworden.

Aber das heißt nunb mitnichten, dass er deshalb im Allgemeinen verschwimmt, dass er sich selbst verliert und aufgibt über dem Größeren und Besseren, das er bei andern sieht, dass er den Frieden mit der Welt erkauft mit dem Frieden der Seele. Das gerade Gegenteil: Im Strom der Welt bildet sich der Charakter; wer sich einordnet in den großen Organismus des gemeinsamen Lebens, sich einlebt in die Ge|555danken und Werke der Andern, der wird ein Besonderer, etwas ganz für sich, der erfüllt eben damit seines eigensten Lebens Bestimmung, der wird eine Seele. Man könnte hier wieder von einem Naturgesetz der Geisteswelt reden, das sich auf allen Gebieten bemerkbar macht. Hinaustreten ins Leben der Andern, das heißt hineintreten ins eigene Leben, sich hingeben heißt sich finden, gegen sich selbst objektiv und überlegen werden, das heißt seine Eigenart begründen und entdecken. Du siehst die rollenden Kieselsteine im Bach. Droben in den Bergen waren sie als Felsblock eine einzige unterschiedslose Masse. Da fiel der Felsen zu Tal, zerbarst in tausend Trümmer, das Wasser aber führt sie talabwärts und gibt seitdem in rastlosem Schieben und Schleifen jedem seine besondere Form und Gestalt, also dass keiner ist wie der andre. Wollen wir mit? Wollen wir auch etwas Eigenes und Besonderes werden? Dann heraus aus den muffigen Gedanken und Wünschen der Selbstsucht, die das Merkmal sind der großen unterschiedslosen Masse, dann hinein in das fleißige Rauschen der Lebensbäche! Fürchte du nicht, dabei deine kostbare Seele zu verlieren, fürchte dich nicht, zu kurz zu kommen in der großen einsamen Angelegenheit, die nur dich angeht und den unendlichen Gott und Geist, der aller Wesen Licht und Leben ist.7 Die Welt ist der Ort, wo man seine Seele findet, die Welt ist der Ort, wo wir Augen und Ohren bekommen für Gottes Werke und Worte.

Habt ihr gesehen, wie der fürs Allgemeine Gebildete schon äußerlich sich verrät als einer, der etwas Besonderes geworden ist? Wie seine Züge etwas annehmen, was so zum zweiten Mal nicht zu finden ist, etwas Bestimmtes, Scharfgeschnittenes? Charakterköpfe nennt man das, weil sie sich schon von Weitem abheben und unterscheiden von den Durchschnittsgesichtern des Marktes. Warum gibt es so wenig Charakterköpfe? Im tätigen Leben und Denken und Handeln werden sie geschnitten und bestimmt. Ist es denn wahr, dass die Mehrheit der Menschen formloses Wachs ist, dass sie dem Strom des Lebens lieber vom Ufer aus zusehen?

556 Aber wenn wir unsre Eigenart entdecken und uns deutlich machen durch die Arbeit an dem, was Allen gemeinsam ist, dann will das mehr sagen, als dass die Gesichtszüge anders werden, nur ein Abbild und Merkmal ist jenes Äußere von dem, was innen vorgeht. Da besinnt sich der gebildete Mensch auf das, was wertvoll ist und dauernd auch an seiner natürlichen geistigen Anlage, an dem, was er von Vätern und Vorvätern ererbt. Nicht mehr in blinder Abhängigkeit steht er den Verhältnissen gegenüber, durch die er geworden, sondern er lernt wählen zwischen dem, was vergänglich ist wie die Zeit, und dem, was innerlich zu ihm gehört und was er mit sich nehmen muss auf den weiten Weg, wenn er er selbst bleiben soll. Frei und selbständig steht er vor den Formen des geistigen Lebens, in denen er aufgewachsen, nicht um sie in barbarischer Gleichgiltigkeit gegen das, was geworden ist, abzuwerfen, sondern um sie in freier Aneignung zu eigenen Lebensgütern zu machen. Im Klang seiner Muttersprache, meine Freunde!, erkennt ein gebildeter Mensch den Ton seines innersten Wesens. Ihn preisgeben hieße für ihn, sich selbst preisgeben. Wir haben die Ehre, die Sprache der Bibel Luthers zu sprechen, die Sprache Schillers und Goethes. Mit tausend Fäden sind wir mit ihrem geistigen Leben verknüpft, wenn wir Gebildete sind. Was soll man aber dazu sagen, wenn man sieht, wie sie in unsrer Gemeinde auf der ganzen Linie preisgegeben wird um der Interessen der Bequemlichkeit willen, wie die Familien den unverschämten Zumutungen mancher Schulbehörden nachgeben und ihre Kinder gänzlich in einer fremden Sprache oder in einem barbarischen Kauderwelsch aufwachsen lassen, wie die Jugend und manche Erwachsene mit ihr sich dessen schämen, was gerade in der Fremde ihr höchster Stolz sein sollte?8 Täuscht euch nicht, meine Freunde, gebildete Deutsche seid ihr nicht mehr, wenn |557 ihr’s macht, wie ihr’s macht, und gebildete Franzosen seid ihr doch noch nicht, ihr nicht und eure Kinder auch nicht. Seine Sprache aufgeben heißt seine Bildung, seine Eigenart aufgeben, heißt seine Familie auf Generationen zu einem unerfreulichen Volk von kulturlosen, innerlich heimatlosen Mischlingen machen. |

Und wie das Gut der Muttersprache, so entdeckt der Gebildete den Eigenwert der Sitte und Gewohnheit, in denen er aufgewachsen. Wäre unser Schweizervolk wahrhaft gebildet, es wäre nicht dazu gekommen, dass wir jetzt an den schönsten Punkten unsres Landes statt der in die Landschaft hineingewachsenen Hütten der Bergbewohner unförmliche Hotelpaläste wahrnehmen müssen, die ebenso gut in Paris oder Berlin stehen könnten, man müsste es nicht mitansehen, wie die alten Trachten des Volkes den städtischen Allerweltskleidern das Feld räumen müssen. Wo Bildung ist, da ist auch Heimatschutz,9 eins ist vom Andern nicht zu trennen. Denn Bildung zeigt sich – nicht in der blöden Konservierung alles Alten – aber in der charaktervollen Behauptung dessen, was uns eigentümlich ist. – |

Und nun lasst mich in diesem ungewohnten Zusammenhang auch ein Wort über die Religion sagen. Ich meine jetzt noch nicht das tief innerliche Leben und Erleben des Menschen, der eine Seele geworden – wir reden nachher davon – sondern ich meine die Religion, sofern sie wie Sprache und Sitte ein Teil unsrer angeborenen, von den Vätern überkommenen Art ist, die Religion als christliche Lehre und christliche Sitte. Die Meisten von uns sind geneigt, diese mehr äußern Elemente als etwas eher Zweifelhaftes zu betrachten, wenn nicht, sie dem Strom der Zeit zu überlassen, dass er sie gänzlich wegschwemme. Aber auch die Konservativsten auf diesem Gebiet sind heute mit oder ohne ihren Willen insofern Kinder des neuen Geistes, als sie das |558 eherne Bollwerk der Gewissheit Gottes anderswo suchen als in unveränderlichen heiligen Lehren und Geboten. Es ist gut so, wir wollen den Weg, den wir gegangen sind, nicht zurückgehen. Und doch muss unsre Stellung zu den Gedanken, in denen unsre Väter den Ausdruck ihres Glaubens gefunden, eine andre werden, wenn wir nicht bloß aufgeklärte, sondern gebildete Christen sein wollen. Wir müssen den Zusammenhang wieder entdecken zwischen dem, was sie dachten, und dem, was wir denken, müssen lernen, die Gedanken der Bibel und der alten Lehre der Kirche liebevoll, von innen heraus zu verstehen und zu begreifen. Was gilt’s, wir werden dabei auf Schritt und Tritt auch in den scheinbar wunderlichsten Formen unsre eigenen Überzeugungen wiederentdecken, und indem wir die Verwandtschaft spüren mit denen, die vor uns gewesen sind, wird unsre eigene Art sich vertiefen und bereichern; wir werden besser wissen, warum wir Christen sind und nicht Muhammedaner oder Buddhisten, und indem wir’s besser wissen, werden wir auch bessere Christen sein. Ein Christentum, das seine geschichtlichen Formen hinter sich werfen will wie eine vertrocknete Schale, wird kulturlos und heimatlos wie der, der seine Sprache und Sitte preisgibt. Erst recht ist es selbstverständlich für einen gebildeten religiösen Menschen einfach unmöglich, seine Konfession mit einer andern zu vertauschen oder auch nur eine Ehe einzugehen mit dem Versprechen, die Kinder in der andern Konfession erziehen zu lassen, wie es hier häufig vorkommt.10 Man kann sein Christentum nicht mit einem andern vertauschen wie man einen Rock wechselt, ohne ein charakterloser Mischling zu werden. Und was hat |559 es für einen Sinn, eine Familie zu begründen, wenn das Beste an meiner Eigenart, meine Religion, in ihr nicht fortbestehen soll? Gerade wir Protestanten sind in diesem Punkt oft so unglaublich oberflächlich und hätten von der Überzeugungstreue von Katholiken und Juden viel zu lernen.

Aber wir wollen diese Linie nicht weiter verfolgen. Wenn Jesus uns davor warnt, durch einen falschen Frieden mit der Welt Schaden an unsrer Seele zu nehmen, und wenn Jakobus in scheinbarem Widerspruch dazu und doch in tiefstem Einklang damit sagt, die Frucht der Gerechtigkeit wachse da, wo die Saat des rechten Friedens mit der Welt ausgesät sei, dann meinen sie offenbar mit der Seele und der Frucht der Gerechtigkeit, die es zu erhalten oder zu gewinnen gelte, noch etwas Tieferes und Größeres als bloß die charaktervolle Behauptung dessen, was wir einmal sind. Das gehört dazu, ja das ist notwendig die eine Seite des Persönlichkeitswertes, des Seelenwertes der wirklichen Bildung.

Aber größer ist das Andre, dass durch die Bildung, durch den rechten Frieden mit der Welt, die Seele, die Persönlichkeit hinauswächst über das, was sie kraft ihrer natürlichen geistigen Anlage ist. Und jenes Erhalten und Pflegen dessen, was wir sind, ist nur dann gut und charaktervoll, wenn es das Zweite ist, wenn vorangegangen ist das c-Größerwerden als wir sind-c, das Anstreben dessen, was wir werden sollen. Und hier nehmen wir den Vorgang der Bildung wahr in seiner reinsten Gestalt.

Von den Soldaten Napoleons I. wurde gesagt, es trage ein jeder von ihnen den Marschallsstab im Tornister.11 Es gilt etwas Ähnliches von jeder Menschenseele. Sie trägt ein Bild in sich von dem Besten, was aus ihr werden kann, was weit über dem steht, was sie in Wirklichkeit ist, und was doch Wahrheit ist in weit höherm Sinn, als der gemeine Schein es Wort haben will.12 Plato hat gesagt, dies Bild des Besten und |560 Größten, was aus der Seele, der Persönlichkeit werden kann, das sei eine selige Erinnerung an die vorzeitliche Zeit, da sie als Reigengenossin eines Gottes durch den Himmel zog.13 Das ist derselbe tiefe und wahre Gedanke, den Jesus einmal so ausdrückte, es habe jeder Mensch, auch der Geringste seinen Engel im Himmel, der allezeit das Angesicht Gottes des Vaters sehe [vgl. Mt. 18,10]. Und das ist Bildung im tiefsten, eigentlichsten Sinn, dass wir diesem Bilde, das in uns ist und doch über uns, ähnlicher werden. Aber das geschieht nicht so, dass wir uns andächtig und grüblerisch mit uns selbst beschäftigen und mit den geheimnisvollen Möglichkeiten, die in uns verborgen sein könnten – das tun allerdings sehr viele Menschen, und im Alter von 16–20 Jahren tun wir es gemeiniglich alle – aber dieser Zustand der Selbstbeschaulichkeit ist doch ein krankhafter, anormaler Zustand, über den wir schleunigst hinausmüssen. Man kann sich die Bildung, die Verwirklichung jenes Bildes, das vor uns steht, nicht aus den Fingern saugen. Man darf nicht meinen, man könne Wissenschaft oder Kunst oder irgendetwas Großes einfach aus sich herauswickeln wie einen Streifen Band. Das, was ich selbst werden soll, kann ich nur verstehen und aus mir entwickeln, wenn ich mich unter die Andern mische, wenn ich mir klar werde darüber, was sie vor mir und neben mir gelebt, gedacht, getan haben, und je umfangender und eindringender ich sie verstehe, sie auf mich wirken lasse, desto tiefgehender und umfassender wird meine eigene Bildung und Lebensgestaltung werden. Ich empfange sie von Andern, und doch ist sie ganz mein Werk und meine Aufgabe. Ein Mensch, ein Buch treten in den Umfang meines Lebenskreises zunächst als Fremdkörper, mit denen ich nichts anzufangen weiß, außer dass sie mir vielleicht vom Hörensagen sympathisch oder unsympathisch sind. Aber nun verändert sich die |561 Situation: ich lerne den Menschen kennen, ich schlage das Buch auf, die Lebensinhalte und -werte des Andern, seine Gedankenmassen strömen hinüber in die meinen, ziehen da weitere und weitere Kreise, wie wenn ein Fluss in den andern mündet. Vielleicht ist die Erweiterung des Gesichtskreises, die Förderung meiner Eigenart, die ich durch dies eindringende fremde Element erfahre, so gering, dass ich selbst es kaum bemerke, es bald wieder vergesse, aber vielleicht gibt dies Eindringende dem Fluss meines innern Lebens einen ganz neuen Charakter, er muss eine neue Richtung einschlagen unter dem übermächtigen Druck der fremden Gewässer, oder er geht zwar in derselben Richtung weiter, aber er wird nun, durch das Wasser des andern verstärkt, ein tieferes und breiteres Bett sich graben als zuvor. Es ist derselbe Fluss, und doch ist’s nicht mehr derselbe. Er hat den andern in sich aufgenommen, und der andre hat sich in seine Stromrichtung und Stromgeschwindigkeit mehr oder weniger fügen müssen, und doch wäre er ohne den andern nicht, was er ist. |

Und nun denkt euch, was ich da als einen einzelnen Fall schildere, tausendfältig vermehrt, so habt ihr eine Anschauung von dem Werdegang menschlicher Bildung. Dein Leben mag immer ein bescheidenes Flüsslein noch sein, es hat doch die Anlage und Bestimmung, ein Rheinstrom zu werden, der die Wasser aus der Nähe und Ferne in sich versammelt und vereinigt, der wächst und zunimmt, bis er sich zum Meerbusen erweitert, und der doch derselbe bleibt, sich selber getreu. Aber wenn du das Große werden willst, was du werden kannst und sollst, dann darfst du dich nicht verlaufen irgendwo abseits und in einer trägen Pfütze dein Dasein beschließen, sondern dann heißt es die Gefährten aufsuchen, die deiner Art sind und doch wieder verschieden in unendlicher Mannigfaltigkeit, dann heißt es zur Linken und Rechten – nicht einfach Einflüsse zu erleiden, wie es auch der Ungebildete tut – sondern sich öffnen in selbständigerd Empfänglichkeit für Alles, was geeignet ist, uns hinauszuführen über die bis jetzt erreichte Stufe, näher jenem Urbild. Alles kommt darauf an, dass du willig e-und selbständig-e jene Erweiterung deines Daseins suchest, dass du bewusst und aus ganzem Herzen dich einordnest in die geistige Ge|562meinschaft der Menschen, dich öffnest dem Universum der Geister. Du selbst musst dabei sein, wenn du selbst vorwärts, höher kommen sollst. Du selbst musst bei den Andern suchen, wenn du selbst bei den Andern finden willst. Der junge Schleiermacher war es, der das tiefsinnige Wort gesagt hat: «Keine Bildung ohne Liebe und ohne eigene Bildung keine Vollendung in der Liebe.»14 Die Bildung, die gereift ist zur Liebe, und die Liebe, die zur Reife geführt ist durch die Bildung, das ist der rechte Friede mit der Welt, und aus der Saat dieses Friedens wächst die Frucht der Gerechtigkeit, wird die Seele von unendlichem Wert. Und so ist das Eine, worauf Alles ankommt, das, dass der Kontakt und Rapport der Liebe hergestellt werde zwischen dir und jenem Universum der Geister, dass du nicht als ein Fremder unter Fremden deinen Weg gehest, sondern als ein Heimatberechtigter im Reiche des Vaters. Und so bedeutet das Eins und Alles, dass Gott deine und meine Bildung übernehme. Unsrer natürlichen Art entspricht das nicht, uns aufzuschließen und durch Geben und Empfangen lebendige Seelen zu werden. Wir möchten immer wieder fliehen auf jene Insel unsrer kleinlichen Selbst-Interessen, wo die Beschränktheit regiert und wo darum das Bild, das vor unsrer Seele steht, ein Ideal ist, das uns traurig macht, weil es uns ewig ferne bleibt. Da muss etwas ganz Neues in unser Dasein hineintreten, wenn das strebende Leben in uns nicht nur erwachen, sondern wirksam werden, wenn die Liebe der Bildung zur Bildung der Liebe reifen, wenn aus dem egoistischen Krieg Aller gegen Alle15 der Friede werden soll, aus dem die Frucht der Gerechtigkeit, ein tatsächliches ewiges Leben der Seele wachsen kannf.

Die Schöpferkraft, die jenes Neue in uns wirkt, ist Gott. Er ist der Herr der Geisterwelt, deren Bürger wir werden sollen. Er kennt aber auch jeden der Seinen [vgl. 2.Tim. 2,19] und führt ihn seinem Reiche zu, früher und besser und vollständiger, als wir es uns ahnen lassen.

563 Wir aber kennen als Glieder der christlichen Gemeinde Jesus Christus als den Menschen, dessen Art es ist wie die keines zweiten, die Liebe in uns zu erwecken, die das Eins und Alles ist zur Bildung. Denn in ihm sehen wir das vereint zu unlöslicher Einheit, was bei uns immer noch auseinanderklafft. Er war eine Seele, eine Persönlichkeit, aber er war es, weil er die Welt der Geister in Liebe in sich aufgenommen, weil nichts Menschliches ihm fremd war.16 In ihm war das Urbild, das als fernes Ziel vor unsern Augen steht, gegenwärtige Wirklichkeit, und es war es, weil er nichts für sich selbst sein wollte. Das war Gottes Art, die in ihm sich kundgetan hat. An ihm teilhaben, sein Jünger sein im Geist und in der Wahrheit, das heißt teilhaben an der Schöpferkraft, die uns vorwärts führt, über uns hinaus und doch in uns hinein, zum Frieden mit der Welt und doch in den Frieden der Seele. Und wir rufen Gott an, wenn wir gläubig betend ihn anrufen:

Lass uns so vereinigt werden,
Wie du mit dem Vater bist,
Bis schon hier auf dieser Erden
Kein getrenntes Glied mehr ist,
Und allein von deinem Brennen
Nehme unser Licht den Schein:
Also wird die Welt erkennen,
Dass wir deine Jünger sein.17
Amen.
Lieder:
  • Nr. 10: «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, Strophen 1–3 (RG 99; EG 303). 🎵
  • Nr. 181: «Jesu, Seelenfreund der Deinen» von M. Hahn, Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt» von Fr. A. Krummacher, Strophen 1.3.6. 🎵
Lesungstext:
  • Epheser 4,1–16.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. mit Blaustift nachträglich korrigiert aus: «mitarbeite in einem».↩
b
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift eingefügt.↩
c-c
Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus: «Hinauswachsen über uns selbst».↩
d
Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus: «williger».↩
e-e
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift ergänzt.↩
f
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus: «soll».↩

Sachfußnoten

1
Vgl. die Definition dessen, was «im allgemeinen» unter dem «persönlichen Christentum» zu verstehen sei, bei W. Herrmann, Der Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther dargestellt, Stuttgart / Berlin 19034, S. 7 📖: «Es ist ein durch Christus vermittelter Verkehr der Seele mit dem lebendigen Gott.»↩
2
Erste Strophe des Gedichts «Suleika» von J. W. von Goethe (ders., West-östlicher Diwan. Buch Suleika, Berliner Ausgabe, Bd. 3, S. 95). 📖 ↩
3
Die Ausführungen zur Objektivität und der Hingabe an das Ganze als Kennzeichen von Bildung berühren sich eng mit R. Rothe, Theologische Ethik, Bd. 4, Wittenberg 18702, S. 145–147 (§ 970) 📖.↩
4
Vgl. auch hier a.a.O., S. 147 📖: «Mit diesem Sinne für die Mannigfaltigkeit der Individualitäten und der individuellen Standpunkte hängt auch das Vermögen zusammen, sich willkürlich in paradoxe Gemüthsstimmungen zu versetzen, und aus ihnen heraus die Dinge um sich her zu betrachten und darzustellen, d. h. die Laune […] und in höherer Potenz der Humor.» ↩
5
Es handelt sich um das Stück «Die Wolken»; die von Barth erwähnte Anekdote wird ähnlich berichtet in L. Seeger, Aristophanes, Bd. 1: Die Acharner / Die Frösche / Die Ritter / Die Wolken, Frankfurt/M. 1845, S. 415f. 📖: «Sokrates […] war im Theater auf einem der besten Plätze, und nicht etwa zufälligerweise da, sondern er wußte, daß er der Gegenstand der Komödie sei. Um nun die Fremden aus ihrer Ungewißheit zu ziehen, stand er auf, und blieb auch, so lange das Schauspiel dauerte, im Angesicht der Zuschauer stehen. So erhaben fühlte sich Sokrates über dem Spott der Komödie […].» Weiter heißt es allerdings a.a.O., S. 416: «An diesem Bericht ist höchstwahrscheinlich kein wahres Wort; er ist eine der vielen Erdichtungen, die auf Kosten oder zur Ehre großer, welthistorischer Männer erfunden werden.»↩
6
Auf diese Anekdote wird die Redensart zurückgeführt, nach der man eine Verleumdung o. ä. «niedriger hängen» solle, um sie damit unschädlich zu machen; vgl. Büchmann, S. 434 📖.↩
7
Wohl eine Anspielung auf den Schluss der ersten Strophe des im Gottesdienst gesungenen Liedes «Jesu, Seelenfreund der Deinen» (s. unten, Lieder): «Gieße deine Geistesflammen, / Gieße Licht und Leben aus / Über dies, dein Gotteshaus.»↩
8
Von der Abkehr der Mitglieder der deutschen Gemeinde in Genf vom Deutschen zeugt auch eine Notiz Adolf Kellers zum neuen, dem sechsten Jahrgang des Gemeindeblattes, in der es u. a. hieß: «Für viele Deutsche in Genf ist es die einzige deutsche Lektüre, die sie noch erreicht, eine liebe Erinnerung an die deutsche Heimat, das deutsche Wesen, dem sie entstammen. Deshalb vertritt das Gemeindeblatt ausser den kirchlichen Fragen auch die allgemeinen Interessen, die das Deutschtum in Genf hat, soweit diese nicht allzu sehr politischer Art sind» (Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte Gemeinde Genf, Jg. 6, Nr. 31, 17.9.1909, [S. 4] 📖).↩
9
Zur Gründung der «Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz» / «Ligue pour la conservation de la Suisse pittoresque» (kurz: «Heimatschutz») war es 1905 gekommen, seit 1908 gab es auch eine Sektion im Kanton Genf. Grund dafür war, ganz im Sinne von Barths obigen Ausführungen, «vor allem die zunehmende Zerstörung der landschaftlichen Schönheit unseres Landes durch Nutzbauten»; Aufgaben des Heimatschutzes sollten u. a. sein: «Schutz der landschaftlichen Naturschönheiten, Pflege der überlieferten ländlichen und bürgerlichen Bauweise, Förderung einer harmonischen Bauentwicklung, Erhaltung der heimischen Gebräuche und Trachten, Mundarten und Volkslieder» (E. Leisi, Art. «Heimatschutz», in: HBLS 4, S. 127f., dort S. 128 📖).↩
10
Erst unter napoleonischer Herrschaft war die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche in der damaligen Republik Genf wieder erlaubt worden, was bei Eintritt Genfs in die Eidgenossenschaft 1815 bestätigt wurde. Schnell war die Zahl von Protestanten und Katholiken im Kanton Genf etwa gleich groß, seit den 1860er Jahren und bis 1910 gab es etwas mehr Katholiken als Protestanten (76 785 bzw. 70 525; vgl. Ökumenische Kirchengeschichte der Schweiz, hrsg. von L. Vischer u. a., Freiburg/CH / Basel 1994, S. 266 📖). Die Zahl konfessionsverschiedener Ehen war hier deshalb und natürlich auch aufgrund des traditionell offeneren Stadtmilieus vergleichsweise hoch. Den Genfer Protestanten galten diese Ehen und besonders die häufiger katholische Kindererziehung in ihnen als Bedrohung der Genfer Identität. Vgl.G. Guisolan, Les enjeux protestants de la prévention des mariages mixtes 1840–1950, in: ZSKG 96 (2002), S. 79–95, dort bes. S. 80–90 📖.↩
11
Die Wendung – im Original: «Tout soldat français porte dans sa giberne le bâton de maréchal de France» – wird zwar Napoleon zugeschrieben, ist aber in ähnlicher Form erstmals belegt für eine Ansprache Ludwigs XVIII. am 8. August 1819; vgl. Büchmann, S. 405f 📖.↩
12
«Etwas Wort haben wollen» steht für: «wollen, dass etwas gesagt wird» (vgl. DWB 30, Sp. 1505 📖).↩
13
Vgl.K. Vorländer, Geschichte der Philosophie, Bd. 1: Altertum, Mittelalter und Übergang zur Neuzeit, Leipzig 19082, S. 95 📖: «Zur Ideenschau wird daher gefordert Abkehr von der Außenwelt, Ruhe und Sammlung der Seele (Phaedo) und ein ‚Nachspüren bei sich selbst’, […]. In diesen Zusammenhang gehört der zuerst im Meno angewandte Mythus von der ‚Wiedererinnerung’ (ἀνάμνησις): wonach die im Schauen begriffene Seele sich an das wieder erinnert, was sie einst vor ihrer irdischen Existenz droben geschaut hat, da sie als Reigengenossin eines Gottes durch den Himmel zog.» Im Exemplar Barths ist der letzte Satz unterstrichen.↩
14
Vgl. Friedrich Schleiermacher’s Monologen. Kritische Ausgabe, hrsg. von Fr. M. Schiele (PhB 84), Leipzig 1902, S. 38 📖; Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 3: Schriften aus der Berliner Zeit, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1988, S. 1–61, dort S. 22 📖.↩
15
Anspielung auf Thomas Hobbes, der mit diesem Ausdruck («bellum omnium contra omnes»; De cive I,12) 📖 den von ihm vermuteten Naturzustand der Menschheit beschrieb.↩
16
Anspielung auf Terenz, Heautontimorumenos I, 1,25 📖, vgl. unten, S. 697, Anm. 4.↩
17
Strophe 7 des Liedes «Herz und Herz vereint zusammen» von von N. L. Graf Zinzendorf (GERS 161; RG 793; EG 251). 🎵 ↩