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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 47</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 4,7-8</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 4,7-8, 7. August 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53049 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53049</idno>
      </publicationStmt>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 47: Predigt: Jakobus 4,7-8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">49</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 4,1-8, 7. August 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1490">KBA 1025</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1910-08-07">7. August 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-08-07">Sonntag, den
                            7. August 1910</date> <date rend="right">(11. nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                            
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.4.7 Jak.4.8">Jakobus 4,7–8</ref>
                      
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Widerstehet dem Teufel, so fliehet
                                    er vor euch. Nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu
                                    euch.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Ich habe einmal sagen hören, eine gute <term type="Sachen" key="Predigt">
                            <hi rend="italic">Predigt</hi></term> erkenne man daran, dass der Zuhörer
                    nachher die Kirche verlasse mit einer <term type="Sachen" key="Predigt, Aufforderung">
                            <hi rend="italic">Aufforderung</hi></term> im Herzen.
                    Das will also sagen: dass er nicht bloß allerlei interessante und
                    bemerkenswerte Gedanken in sich aufgenommen habe, sondern dass er da drinnen
                    etwas spüre von einem Geheiß, von einer Forderung, ja von einem strengen
                    Befehl: da und da in deinem Leben muss etwas anders werden; hier muss etwas
                    Altes aufhören, und hier muss etwas Neues anfangen. Je bestimmter diese
                    Aufforderung ist, die wir aus der Kirche mitnehmen und je mehr sie uns nicht
                    bloß auf der Oberfläche, sondern in der Tiefe unsres Wesens trifft, umso
                    besser. Aber damit solche Wirkung stattfinde, bedarf es doch nicht nur einer
                    guten Predigt, sondern und vor Allem guter Zuhörer. Denn jener Ton der
                    Aufforderung, der im Mittelpunkt stehen soll, ist das Merkmal einer guten
                    Predigt, weil er das Merkmal der rechten <term type="Sachen" key="Erbauung">
                            <hi rend="italic">Erbauung</hi></term> ist. Wie das Wort es sagt, handelt <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> es sich dabei darum, etwas zu errichten,
                    anzustreben, hinzustellen, was noch nicht da ist. Das ist nicht die rechte
                    Erbauung, wo man bloß hohe und schöne Gedanken und Gefühle andächtig und
                    beschaulich in sich hin- und herbewegt, sondern das ist sie, wo es einen
                    Ruck nach vorwärts gibt, wo es heißt: du darfst und du sollst weiter, höher;
                    das ist die <term type="Sachen" key="Erbauung, Aufforderung">Erbauung</term>, wo die Aufforderung ergeht und befolgt wird zum Erbauen
                    und Aufbauen eines tüchtigen und wahrhaftigen <term type="Sachen" key="Leben, inneres">innern</term> und äußern <term type="Sachen" key="Leben, äußeres">Lebens</term>. Damit haben wir aber den Kreis von
                    Predigt und Kirche bereits verlassen, müssen der Sache einen noch weitern
                    Sinn geben und sagen: die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">
                            <hi rend="italic">Frömmigkeit</hi></term> überhaupt, also die Gesinnung und
                    das Leben eines Gottesmenschen erkennt man daran, dass er beständig eine
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Aufforderung">Aufforderung</term>
                    im Herzen trägt und beständig dieser Aufforderung nachkommt. Denn Fröm<pb xml:id="p565" ed="pga" break="no"/>migkeit selbst ist nicht das in unserm Wesen, was uns
                    zufrieden macht mit dem, was wir sind, sondern Frömmigkeit ist <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Unterwegssein">Unterwegssein</term>, und
                    nur wenn wir unterwegs sind, sind wir fromm.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>In unsres Busens Reine wogt ein Streben,</l>
                            <l>Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten</l>
                            <l>Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben.<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. folgte ursprünglich, nachträglich mit blauem
                                        Stift durchgestrichen, der vierte Vers des Gedichts:
                                        «Enträtselnd sich den ewig Ungenannten».</note><note xml:id="n01">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2771">Beginn der 14. Strophe des
                                    Gedichts «Trilogie der Leidenschaft. Elegie» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (Erstdruck: 1827; Berliner Ausgabe.
                                    Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 497–502, dort
                                    S. 500).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Menschen, die den Ruf vernommen, das sind die frommen
                    Menschen. Aber gerade dieses Merkmal zeigt, dass fromme Gesinnung und
                    frommes Leben nicht eine Extra- und Nebenbeschäftigung sein kann, die man
                    sich neben seinen übrigen Beschäftigungen erlaubt, wie andre etwa Kunst oder
                    Sport treiben. Es ist das Merkmal des rechten, normalen Lebens, des
                        <hi rend="italic">Menschenlebens, wie es sein soll</hi>, <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Merkmal rechten Lebens">überhaupt</term>. Der rechte
                    Mensch <hi rend="italic">ist</hi> fromm, in ihm wirkt und schafft jene Forderung,
                    jenes aufwärtssteigende Leben, und wenn er nicht fromm ist in diesem Sinn,
                    so ist er kein rechter Mensch. An jeden <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Menschen
                    ergeht jener Ruf, sich selber getreu zu werden, nämlich seiner Bestimmung,
                    jenem Urbild des Besten, was aus jedem werden kann. Der Ruf, seinen Anteil
                    in Empfang zu nehmen an der ewigen <term type="Sachen" key="Wahrheit, ewige">Wahrheit</term>, am ewigen <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term>, um ihn dann wieder fruchtbar zu machen für die Andern,
                    für das Ganze, und so empfangend und gebend ein Bürger des Reiches <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> zu werden, etwas ganz für
                    sich und doch in Allem ein Spiegel und Widerschein des Universums des
                    Geistes und der Geister. Wo der Ruf gehört wird und wo er Folge findet, da,
                    aber auch nur da ist Leben im eigentlichen Sinn. Das heißt aber: Da ist Gott
                    in seiner ganzen Wirklichkeit, denn wo er ruft und fordert, da ist er selbst
                    da. Sein Wirken, seine Gegenwart ist uns vielleicht in den meisten Menschen
                    verborgen, was wir so Frömmigkeit zu nennen pflegen, das vermag ihn nicht zu
                    fassen, er ist größer und reicher als so. Jesus ist der Meinung gewesen, die
                    Zöllner und Dirnen seien zum Reich Gottes berufen und nicht die Frommen
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.31">Mt. 21,31</ref>]. Gottlos
                    aber sind nicht die, die <pb xml:id="p566" ed="pga"/> sich <term type="Sachen" key="Atheisten">Atheisten</term> nennen, sondern die, die es
                        <hi rend="italic">sind</hi>, nämlich die, die sich die Ohren verstopfen, wenn die
                    Aufforderung an sie ergeht. Alles hängt für die Menschen davon ab, wie sie
                    sich zu diesem Ruf stellen, alles Gute auf Erden ist nur ein Mittel, ihn
                    fortzupflanzen, und alle <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>
                    und <term type="Sachen" key="Schönheit">Schönheit</term> ist wahr und schön,
                    weil sie tausendfältig den Ruf wiederholt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Seele, willst du dieses finden,</l>
                            <l>Such’s bei keiner Kreatur.</l>
                            <l>Laß, was irdisch ist, dahinten,</l>
                            <l>Schwing’ dich über die Natur!<note xml:id="n02">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-267">Erste Hälfte der zweiten Strophe des Liedes «Eins ist Not:
                                    Ach Herr, dies Eine» von <persName ref="kbga-actors-2499">J. H. Schröder</persName> (GERS
                                    245; EG 386).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und je anhaltender und genauer wir hinhören lernen, nicht nur
                    in der Kirche, sondern draußen im tätigen Leben oder an der Quelle der
                    Literatur oder im Verkehr mit guten <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Menschen,
                    desto genauer und spezieller wird auch das Fordern und Mahnen der höhern
                        <term type="Sachen" key="Welt, höhere">Welt</term>. Es kann nicht bei
                    einem allgemeinen Sehnen und Trachten sein Bewenden haben. Wenn das Streben,
                    von dem jener Vers <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> redet, wirklich aus unsres Busens <hi rend="italic">Reinheit</hi>
                    hervorgeht, dann muss es bestimmte Form und Gestalt annehmen, ob es uns
                    gefällt oder nicht, dann lautet die Forderung des Geistes gegenüber der
                    Beschränktheit der Natur immer deutlicher: Was wahrhaftig ist, was gerecht,
                    was keusch, was lieblich, was wohllautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein
                    Lob, <hi rend="italic">dem denket nach</hi>. Welches ihr auch gelernet und empfangen
                    und gehört und gesehen habt – <hi rend="italic">das tut</hi>, so wird der Gott
                    des Friedens mit euch sein [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.8 Phil.4.9">Phil. 4,8f.</ref>], so wird Wahrheit und Bestand in euer
                    Leben kommen inmitten der Wandlungen eures Daseins.</p>
                <p> Jene Forderung und diese <term type="Sachen" key="Verheißung">Verheißung</term> ist die Botschaft Gottes, die Botschaft des Lebens an
                    die Menschen, eine <term type="Sachen" key="Evangelium">
                            <hi rend="italic">Freudenbotschaft</hi></term>, denn sie offenbart uns den
                    sichern Durchgang und Ausgang aus den Leiden und Rätseln und Verwirrungen
                    unsrer Existenz. Ein Weiser Griechenlands hat gesagt, er wolle die <term type="Sachen" key="Erde (Planet)">Erde</term> erschüttern und in
                    Bewegung setzen – nur gib mir einen Ort, auf dem ich stehen kann,
                    einen Ort außerhalb, überhalb der Erde, von dem aus ich sie beherrsche und
                    nicht mehr von ihr beherrscht und angezogen bin!<note xml:id="n03">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2772">Laut <persName ref="kbga-actors-4130">Plutarch</persName>,
                            <hi rend="italic">Vitae parallelae. Vita Marcelli</hi> XIV,7</bibl>, stammt dieser
                        Ausspruch vom griechischen Mathematiker <persName ref="kbga-actors-3751">Archimedes</persName> (ca. 287–212
                        v. Chr.), der damit die Macht der Hebelwirkung beschrieb; zu
                        verschiedenen Überlieferungsvarianten vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann, S. 381f</bibl>.</note>
                    Gottes Botschaft und <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term> zeigt uns einen solchen Punkt:</p>
                
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p567" ed="pga"/> Sogleich nun wende dich nach innen,</l>
                            <l>Das Zentrum findest du darinnen,</l>
                            <l>Daran kein Edler zweifeln mag.<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2139">Beginn der dritten Strophe des Gedichts «Vermächtnis» von
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                    (Erstdruck: 1829; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1,
                                    Berlin 1965, S. 541f., dort S. 451).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Begib dich ins Zentrum des Lebens, dann beherrschest du das
                    Leben, werde wahr und gerecht und rein, dann hast du Boden unter den Füßen,
                    der nicht zu erschüttern ist. Dann sollst und darfst du ein freier Mann, ein
                    Held und <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Überwinder sein. Ich sage, das ist eine
                        <term type="Sachen" key="Evangelium">Freudenbotschaft</term>, sie
                    ergeht an uns Alle, und die Freude, die sie verkündet, ist eine Freude, die
                    allem Volke widerfahren soll [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Lk. 2,10</ref>]. |</p>
                <p>Und doch kann man sie kaum aussprechen und anhören ohne ein Gefühl leiser
                        <term type="Sachen" key="Wehmut">
                            <hi rend="italic">Wehmut</hi></term>. Ja, dieser
                    Aufforderung gehorchen, das wäre wohl die Wiederentdeckung des verlorenen
                        Paradieses,<note xml:id="n05">Wohl eine Anspielung auf: 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2773">
                                <persName ref="kbga-actors-2583">J. Milton</persName>,
                            <hi rend="italic">Paradise Lost. A Poem Written in Ten Books</hi>, London
                        1667</bibl>; von den vielen deutschen Übersetzungen sei genannt: <bibl corresp="kbga-bibls-2774">ders.,
                            <hi rend="italic">Das verlorene Paradies</hi>, übers. von Fr. W. Zacharia
                        (Collection Spemann, 151), Stuttgart 1883</bibl>.</note> das wäre das, wonach
                    unser innerstes Wesen seufzt, das wäre das Leben, das diesen Namen verdient.
                    Aber je deutlicher und lebendiger uns die Aufforderung <term type="Sachen" key="Gott, Aufforderung zum wahren Leben">Gottes</term> wird, desto
                    deutlicher und lebendiger wird uns das andre: Uns bleibt ein Erdenrest zu
                    tragen peinlich.<note xml:id="n06">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe </persName>,
                            <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi>, V. 11954f.
                        (Bergschluchten)</bibl>.</note> Und es ist mehr als ein Rest, mehr als eine
                    unerfreuliche Schlacke: es ist ein ganzes Gewicht von Leidenschaften,
                    Wünschen, Sorgen und Kümmernissen, das uns die Flügel lähmt, uns immer
                    wieder unten hält. Und wenn wir dann so seufzen: Wer zerreißt aus eigner
                    Macht der Gelüste Ketten?<note xml:id="n07">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1624">A.a.O., V. 12026f. (Bergschluchten)</bibl>; dort: «Wer zerreißt aus
                        eigener Kraft […]».</note>, dann liegt es verzweifelt nahe, das
                    andre zu denken und zu sagen: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt
                    der Glaube:<note xml:id="n08">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe </persName>, <hi rend="italic">Faust. Der
                            Tragödie erster Teil</hi>, V. 765 (Nacht).</bibl>
                        </note> es mag wohl wahr
                    sein, was die Stimme Gottes fordert und verheißt, aber mir fehlt die <pb xml:id="p568" ed="pga"/> Kraft, die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu erfassen, mir anzueignen, zu gewissem Besitz mir zu
                    gestalten. Und wenn wir dann andre sehen, die das können, was wir nicht
                    können, die ihren Weg auf die Berge so ruhig und sicher gehen, dann ist es
                    uns wohl manchmal zumute wie dem Propheten <persName ref="kbga-actors-2178">Elisa</persName> in jener inhaltsreichen Erzählung des Alten Testamentes,
                    als er seinen Meister <persName ref="kbga-actors-2281">Elia</persName> im
                    feurigen Wagen gen Himmel fahren sah. Wir sehen jene größern, bessern,
                    reineren Menschen vor uns verschwinden auf dem Weg, den wir auch so gerne
                    gehen würden, sie lassen uns scheinbar zurück, wenn wir sie am nötigsten <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> hätten, und dann möchten wir sie wohl auch am
                    Mantel fassen und rufen wie jener: Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und
                    seine Reiter! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kön.2.11 2.Kön.2.14">2.Kön. 2,11–14</ref>]</p>
                <p>Ich habe jüngst in einer großen deutschen Zeitung ein eigenartiges Zeugnis
                    von dieser Wehmut gegenüber Gottes und des Lebens großer Forderung gelesen.
                    Es handelte sich um den Reisebericht eines der Teilnehmer an der letzten
                        <term type="Sachen" key="Luftschiffe">Luftschifffahrt</term> des Grafen
                        <persName ref="kbga-actors-9154">Zeppelin</persName><note xml:id="n09">
                            <persName ref="kbga-actors-9154">Ferdinand Graf von Zeppelin</persName>
                        (1838–1917), Entwickler und Begründer des
                            Starrluftschiffbaus.</note>. Dieser Mann, offenbar
                    ein Journalist,<note xml:id="n10">Es handelt sich um 
                            <persName ref="kbga-actors-9298">Rudolf Geck</persName>
                        (1868–1936), der seit 1896 Redakteur und von 1907 bis 1924
                        Feuilletonchef der «Frankfurter Zeitung» war.</note> wie sie eben sind,
                    hat da in seine Erzählung folgende Reflexionen eingeflochten. Ich will sie vorlesen:<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Das Original des Textes des folgenden Zitats ist in das Mskr.
                            eingeklebt.</note>
                    </p>
                <p>«Ein Augenblick der Beklommenheit, dann erfüllte uns das <hi rend="italic">Glück</hi>
                    des <hi rend="italic">Fliegens</hi>, und jeder fühlte eine Sehnsucht erfüllt, die eine
                    Sehnsucht der Menschheit ist von Anbeginn ihres Seins. Man schaut hinunter
                    und sieht tief unter sich die Welt, das breite blanke Band des Rheins, die
                    Häuserkästen der Großstadt und die rechtwinkligen bunten Felder. Aber es ist
                    nicht das Wohlgefallen an schönen Bildern, was uns so ganz durchdringt,
                    sondern das Gefühl der <hi rend="italic">Freiheit</hi>, der Erdentbundenheit. Wir
                    schweben über unserem Leben. Der Staub fällt ab und die Gier des Erwerbens,
                    die Klage verstummt um versäumtes Glück, der Zorn um die Enge unserer Tage
                    verlöscht. Das Köstliche, was uns die Luftreise gibt, ist der Aufschwung der
                    Seelen. Da unten stößt uns das Leben und umklammert uns mit seinen Zangen:
                    Gefühl ist da unten Hindernis, das Sichbesinnen Verbrechen an der Zeit, die
                        <pb xml:id="p569" ed="pga"/> wir nutzen sollen, Naturfreude Luxus, Hingabe an
                    ein Herz verdammenswerte Verschwendung, der Traum eine lächerliche Erbschaft
                    aus der Biedermeierzeit. Hier oben dürfen wir fühlen und lieben und träumen,
                    und kein Klingelzeichen der Stunde reißt uns zur Pflicht zurück. Zeit- und
                    raumlos schweben wir dahin – und darum wunschlos, ferne allem, was
                    sonst in uns wühlt. Es ist lächerlich, aber wohl jeder im Schiffe denkt: so
                    rein kannst du sein, wenn deine Füße nicht durch den Staub müssen, und so
                    rein, so reich, so gütig, so mitleidsvoll würdest du <hi rend="italic">innen</hi> sein
                    können, wenn das Leben dich nicht zwänge, zu tun, was du nicht tun willst,
                    wenn es dich nicht einschiente und so vieles in dir erdrosselte, weil Brot
                    und Lagerstatt allem andern vorangehen müssen.</p>
                <p>Das Luftschiff ist der reinste Ausdruck unserer Zeit. Gebundener als je,
                    wollen wir freier sein als je. Je mehr wir uns zersplittern, desto größer
                    der Wunsch nach <hi rend="italic">Sammlung</hi>. Nichts hindert uns hier oben, zu
                    sein, was wir im Tiefsten sind, denn nichts lenkt uns ab, wenn wir durch die
                    Lüfte segeln.»<note xml:id="n11">Es handelt sich um einen
                        Ausschnitt aus <bibl corresp="kbga-bibls-2775">
                                <persName ref="kbga-actors-9298">R. Geck</persName>,
                            <hi rend="italic">Mit der «Deutschland» hinauf und hinunter. Bilder von der
                            Zeppelin-Fahrt</hi>, in: Frankfurter Zeitung, Abendausgabe,
                        Nr. 178, 30.6.1910, S. 1f.</bibl> – Der Artikel beschreibt die Fahrt des
                        Luftschiffs LZ 7 <term type="Sachen" key="Luftschiffe, LZ 7 «Deutschland»">«Deutschland»</term> über
                        das Münsterland am 28. Juni 1910, bei der es in einen schweren Sturm
                        geriet, mit einem Motorschaden bei <placeName ref="kbga-places-1139">Bad Iburg</placeName> im Teutoburger Wald notlanden
                        musste und dabei fast völlig zerstört wurde. Alle an Bord überlebten, es
                        gab lediglich einen Verletzten. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2776">
                                <hi rend="italic">Trotzdem vorwärts –
                            Erinnerung an die Strandung des Luftschiffes LZ VII Deutschland.
                            Dokumentation der Stadt Bad Iburg</hi>, Bad Iburg 1980</bibl>.</note>
                    </p>
                <p>Diese resignierten Ausführungen inmitten der Begeisterung über die
                    Fortschritte der <term type="Sachen" key="Fortschritt, der Menschheit">Menschheit</term> im Allgemeinen und der <term type="Sachen" key="Fortschritt, der Technik">Technik</term> im Besondern, die den
                    übrigen Artikel ausfüllt, sind recht bemerkenswert. Mit aller
                    wünschenswerten Deutlichkeit spricht der Mann es aus, dass er nicht im
                    Stande sei, der Forderung dessen, was <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> das Leben
                    schließlich allein wertvoll macht, in der Wirklichkeit nachzukommen. Das
                        <term type="Sachen" key="Luftschiffe">Luftschiff</term> hat ihn wie ein
                    Symbol auf das aufmerksam gemacht, was der Mensch sein sollte, aber er zuckt
                    die Achsel: es wäre sehr schön, aber ich kann nicht, es ginge wohl, aber es
                    geht nicht. Und dass er selbst diesen Gedanken, vielleicht den
                    vernünftigsten, weil aufrichtigsten, den er je gedacht, als lächerlich
                    bezeichnet, ist nur umso <pb xml:id="p570" ed="pga"/> ­charakteristischer: er
                    verzichtet sogar darauf, das Beste in ihm, seine Sehnsucht, überhaupt ernst
                    zu nehmen. – |</p>
                <p>Ich sage das nicht, um diesen Journalisten zu verurteilen. Man kann ihm
                    vielmehr dankbar sein, dass er etwas ausgeplaudert, was zu den innern
                    Erlebnissen von uns Allen gehört, und seine Worte mögen, ohne dass
                    er’s wollte, bei manchem Leser, der sonst keine Predigt hört, als
                        <term type="Sachen" key="Predigt">Predigt</term> gewirkt haben. Was der
                    Zeitungsschreiber im Luftschiff empfunden hat, das mögen wir wohl in der
                    Kirche empfinden, oder wenn wir Stunden und Tage mit guten, klugen,
                    überlegenen Menschen verkehren dürfen, wenn wir uns in die Bibel versenken
                    oder überhaupt in ein Buch, in dem etwas zu holen ist. Da spüren wir etwas
                    von dem großen Frieden <term type="Sachen" key="Frieden, Gottes">Gottes</term>, von der Freiheit und Erdentbundenheit, die unser sein
                    sollten. «Wir schweben über unserm Leben». Wir denken bei uns selbst:
                        «<hi rend="italic">so</hi> rein kannst du sein, wenn deine Füße nicht durch den
                    Staub müssen». Aber dann brauchen wir nur wieder hinunterzusehen auf die
                    Erde, hinaus ins <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, da verschiebt
                    sich das Bild: Was da oben schön und gut ist, was auch tatsächlich das
                    Höchste, das einzig Notwendige ist, das ist da drunten Hindernis, das gilt
                    im Leben nicht, denn da müssen «Brot und Lagerstatt allem Andern
                    vorangehen», da ist folglich <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term> und Beschränktheit das Praktische und Zweckmäßige. Die
                    Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Und es klingt dann <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> in unser Leben hinein jener dumpfe, tragische
                    Unterton, der durch die Jahrtausende hindurch mitklingt, alles menschliche
                    Wissen, Handeln und Fühlen begleitend, der Unterton, dem der Apostel <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> klassischen Ausdruck gegeben
                    hat: Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht 
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.18">Röm. 7,18</ref>]. Und wo die
                    Freudenbotschaft vom aufstrebenden Leben erklingt, da stellt sich ihr das
                    Klagelied der gefallenen Größe entgegen, hier bewusst als schmerzlich
                    verzichtendes Nicht-mehr-<hi rend="italic">Wollen</hi>, dort unbewusst als stumpfes
                        Nicht-mehr-<hi rend="italic">Können</hi>.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Es gibt im Leben ein Herzeleid,</l>
                            <l>Das ist wie die weite Welt so weit</l>
                            <l>Das ist wie Bergeslasten schwer,</l>
                            <l>Das ist so tief wie das tiefe Meer.</l>
                            <l>Das ist das tiefe Herzeleid,</l>
                            <l>Wenn um die Sünde die Seele schreit.<note xml:id="n12">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2777">Aus der ersten Strophe (Textvarianten!) des Liedes
                                    «Es gibt auf Erden ein Herzeleid» von <persName ref="kbga-actors-9299">E. Quandt</persName>
                                        (<hi rend="italic">Gemeinschaftsliederbuch</hi>, hrsg. im Auftrag
                                    des Gnadauer Verbandes, Gießen 1984<hi rend="sup">2</hi>,
                                    Nr. 249).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p571" ed="pga"/> Da stehen wir dann sehr ernsthaft vor der Frage, ob nicht
                    alle Erhebung der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, ob nicht
                    Alles das, was uns in jenen einzelnen Momenten der Höhenluft als groß und
                    wichtig erschienen, Illusion sei, ein schöner, aber wenig nützlicher Traum,
                    der nur geeignet ist, unser Interesse an den Dingen hier unten zu schwächen.
                    Ob es nicht besser sei, jene Aufforderung im Herzen zum Schweigen zu bringen
                    und unser Leben so einzurichten, als ob wirklich Brot und Lagerstatt allem
                    andern vorangingen. Das ist die Frage, ob Gott schließlich nur ein frommer
                    Wunsch der Gläubigen sei, ob wir nicht wie die Kinder in gänzlicher
                    Finsternis einem Irrlicht nachlaufen und besser täten, uns zum Schlafe
                    hinzulegen. Das ist die uralte Menschheitsfrage, die in immer neuen Formen
                    immer wieder da ist. Ob wir den jungen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> im Kloster ringen und suchen sehen
                    nach der Art, «wie er einen gnädigen Gott kriege»,<note xml:id="n13">Im zweiten Teil seiner Predigten «Von der heiligen Taufe»
                        (1534) berichtet <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> im Rückblick auf die Zeit seines Mönchtums, er habe
                        damals immer gedacht: «O wenn wil tu ein mal from werden und gnug thun,
                        das du einen gnädigen Gott kriegest?» (<bibl corresp="kbga-bibls-1973">WA 37,661,23f.</bibl>).</note>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> oder ob wir in der Gegenwart zahllose Menschen
                    bis aufs Innerste ihres Wesens erschüttert sehen durch den <term type="Sachen" key="Zweifel">Zweifel</term>: gibt es überhaupt einen
                        <term type="Sachen" key="Gott, Frage nach der Existenz Gottes">Gott</term>?, es ist dieselbe verzweifelte Situation, wo das Ultimatum:
                    Leben oder Tod! gestellt ist. Ja, was uns heutzutage als Kampf um die
                    christliche <term type="Sachen" key="Weltanschauung, christliche">Weltanschauung</term> entgegentritt, das ist vielleicht von dem Kampf
                    um Gott nur ein recht unbeträchtliches Stück. Er wird jetzt gekämpft, wie er
                    allezeit gekämpft worden ist, und es kämpft ihn mancher, scheinbar ohne dass
                    dabei der Gedanke an den Gott der Bibel und der Kirche eine Rolle spielt. Er
                    wird gekämpft in den unzähligen Menschenherzen, wo Wahrheit und Unwahrheit,
                    Recht und Unrecht ihren unseligen Krieg führen, wo der Mensch sich erhebt
                    oder erheben möchte zu höherem Leben in reinerem Licht und wo er immer
                    wieder zurücksinkt in das Ewig-Alltägliche des gewöhnlichen natürlichen
                    Daseins. Vorwärts! ruft es von oben. Stillstand! Rückwärts! Abwärts! ruft es
                    von unten. Und dass wir ratlos zwischen beiden Feuern stehen, das ist das
                    tiefe Herzeleid, das ist die Tragödie im Menschenleben.</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p572" ed="pga"/>Unser Textwort spricht die Antwort aus auf jene Frage, die
                    grundlegend und entscheidend ist, weil sie die Frage nach der <term type="Sachen" key="Wahrheit">
                            <hi rend="italic">Wahrheit</hi></term> ist. Ist die
                    Erhebung der <term type="Sachen" key="Seele, Erhebung">Seele</term>, um die
                    wir uns mühen, ist das höhere <term type="Sachen" key="Leben, höheres">Leben</term>, nach dem wir uns sehnen, ist Gott Wahrheit? fragen wir.
                    Ja, all das <hi rend="italic">ist</hi> Wahrheit, antwortet uns der Chor der Lebendigen
                    aller Zeiten. <hi rend="italic">Widerstehet dem Teufel, so fliehet er vor euch. Nahet
                        euch zu Gott, so nahet er sich zu euch</hi>. Das tönt wie scharfer,
                    tapferer Trompetenton in unsre Ratlosigkeiten hinein. Da ist klar und
                    deutlich gesagt: wir sind nicht dunklen Mächten <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>
                    einfach preisgegeben, entweder Gott oder dem <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term>, sondern es besteht zwischen ihnen und uns
                    ein Rapport und Kontakt natürlichster und verständlichster Art. Da braucht
                    es nichts Zauberhaftes und Magisches, um von der Umklammerung des sinnlosen
                    Alltagslebens uns zu erlösen, um uns göttlicher Art teilhaftig zu machen,
                    sondern da braucht es nichts als einen großen guten Willen. Da braucht es
                    mutigen Widerstand gegen den Teufel, und da braucht es dankbares Aufsuchen
                    Gottes. Nichts Anderes.</p>
                <p>Auf den ersten Blick scheint es nun freilich, als ob der Inhalt dieses
                    Jakobuswortes auch nichts Anderes sei als eine Verschärfung und Wiederholung
                    jener Aufforderung zum aufsteigenden Leben, die wir bereits kennen.
                    Widerstehet! Nahet euch! heißt es da aufs Neue, und es kommt uns vielleicht
                    vor, als ob dadurch unsre Situation nicht gerade verbessert sei. Das ist ja
                    klar: Die Aufforderung in uns kann und darf nicht verstummen, auf ein
                    sanftes Ruhekissen darf die Hoffnung auf <term type="Sachen" key="Erlösung">Erlösung</term> nicht gerichtet sein. Frommer Stillstand des innern
                        <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> wäre Stillstand
                    so gut wie ein anderer, und Stillstand bedeutet Tod. Also in dieser Richtung
                    ist der Friede <term type="Sachen" key="Friede, Gottes">Gottes</term>, nach
                    dem wir seufzen, nicht zu suchen. Wohl aber setzt das Wort des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> diese Aufforderung in uns
                    in ein ganz neues Licht.</p>
                <p>Vorher, im Lichte jener resignierten Welt- und Selbstbetrachtung war sie ein
                    edles Streben des Menschen, dem aber die Macht der Haltlosigkeit,
                    Beschränktheit und Verworrenheit des<hi rend="italic">selben</hi> Menschen aufgelegt
                    ist wie ein schwerer, bleierner Druck. Da hülfe es uns in der Tat wenig,
                    wenn nun bloß noch einmal gesagt würde: Widerstehet! Nahet euch! Das ist ja
                    gerade das, [was] wir nicht können. Aber nun kommt das neue Licht. Nun heißt
                    es: Widerstehet, widerstehet mit aller Macht all dem, was euch
                    herunterziehen will, dem Gewöhnlichen, Egoistischen, Schmutzigen. <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Aber freuet euch! Ihr seid mitnich<pb xml:id="p573" ed="pga" break="no"/>ten an diese Macht gekettet, ihr seid nicht eingeschient und
                    erdrosselt vom <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> und
                    Niedrigen, wenn ihr es nicht selbst tut. In dem Grad, als ihr wirklich und
                    nicht nur äußerlich und scheinbar widersteht, in dem Grad muss sich das
                    Andre von euch zurückziehen. Jeder Sieg über jede <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> macht die Gewalt des Bösen nicht nur
                    scheinbar, sondern tatsächlich schwächer. Das ist kein schöner Traum! Das
                    ist keine wohltätige Illusion. Probiert es nur, Nein zu sagen zu dem, von
                    dem ihr ganz gut wisst, dass ihm ein Nein gebührt, und ihr werdet merken,
                    dass das Andre der Traum und die Illusion ist, die Idee nämlich, wir seien
                    verkauft und ausgeliefert an das, was eigentlich nicht sein sollte. Sagt auf
                    der Erde, im Leben: ich will nicht, das ist besser, als im <term type="Sachen" key="Luftschiffe">Luftschiff</term> zu seufzen, wie schön
                    es wäre, wenn man nicht müsste. Es ist eine neue Betrachtung des Bösen, die
                    uns da aufgeht. Das Böse ist nicht mehr das, was eben unweigerlich da ist,
                    sondern das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, soll verschwinden">Böse</term> ist das, was verschwinden soll. Und es verschwindet, wenn
                    wir wollen, wenn der Wille da ist, nicht unser kleiner, gewöhnlicher guter
                    Wille, sondern der große gute <term type="Sachen" key="Wille, guter">Wille</term>, der Ewigkeitskraft hat und der Wahrheit begründet
                    inmitten der Träumereien, die nur den Sinn haben, sich als Schein zu
                    erweisen vor dem Recht und der Wahrheit, wie die Kindheit verschwinden und
                    weichen muss vor dem Mannesalter. – |</p>
                <p>Und das ist so, weil es nun auf der andern Seite nicht mehr bloß heißen soll:
                    Nahet euch zu Gott! Sucht ihn auf, den fernen Herrn der Welt! Glaubet an
                    ihn, dann kommt es gut! Das ist ja gerade das, was uns so schwer fällt.
                    Sondern nun entsteht auch hier eine lebendige Wechselbeziehung. Nahet euch
                    zu Gott, so nahet er sich zu euch. Wie der Widerstand gegen das Böse dessen
                    Macht unkräftig macht, so wächst Gottes <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Kraft</term> mit jedem Schritt, den wir <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> in der Richtung auf Gott zu zurücklegen. Das
                    Welträtsel löst sich, die Frage nach der <term type="Sachen" key="Wahrheitsfrage">Wahrheit</term> findet ihre Antwort, sobald wir
                    wirklich zu Gott hin unterwegs sind. Wir müssen unsre Begriffe über Gott und
                    uns selbst umdenken lernen, wenn wir das verstehen wollen. Wir denken uns so
                    oft einen toten <term type="Sachen" key="Gott, toter">Gott</term> und denken
                    uns unsre Wanderschaft zu ihm in der Art einer katholischen <term type="Sachen" key="Wallfahrten">Wallfahrt</term> nach fernen,
                    wundertätigen Heiligengräbern. Was Wunder, wenn wir müde und resigniert
                    werden. Aber ist denn das Gott, <hi rend="italic">unser</hi> Gott, von dessen
                    Herrlichkeit alle Lande voll sind? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Num.14.21">Num. 14,21</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.2">Ps. 8,2</ref>] Oder ist das nicht ein zurechtgemachtes
                    Götterbild, das uns begreiflicherweise trost- und <pb xml:id="p574" ed="pga"/>
                    kraftlos lässt? Siehe, Gott ist <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">lebendig</term>, und seine Lebendigkeit erfährt, wer selber lebendig
                    ist. Wo die große Aufforderung in uns erwacht, wo sie aus einem edlen Gefühl
                    zu einem Faktor unsres Lebens wird, da erwacht Gott in uns. Gott suchen und
                    Gott finden ist nicht zweierlei, das eine ist auch nicht erst die Folge des
                    andern. Denn wie dürften wir uns anmaßen, durch unser bisschen höheres
                    Streben, durch unser Glauben, Wollen und Laufen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.9.16">Röm. 9,16</ref>] Gott gleichsam
                    zuvorzukommen? Sondern <hi rend="italic">indem</hi> wir suchen, finden wir. Das Suchen
                    Gottes ist das Finden <term type="Sachen" key="Gott, ihn Suchen ist ihn Finden">Gottes</term>. <persName ref="kbga-actors-244">
                            <hi rend="italic">G. E. Lessing</hi></persName> hat das berühmte Wort ausgesprochen: «Wenn
                    Gott vor mich träte und hielte in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner
                    Linken das ewige Streben nach Wahrheit und spräche zu mir: Wähle!, ich fiele
                    ihm demütig in die Linke und spräche: Vater, gib mir die Linke, die Rechte
                    ist nur für dich allein.»<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2778">
                                <persName ref="kbga-actors-244">G. E. Lessing</persName>,
                            <hi rend="italic">Eine Duplik</hi> (Werke, hrsg. von K. Wölfel, Bd. 3,
                        Frankfurt/M. 1967, S. 321f.</bibl>): «Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit
                        und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit,
                        obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen
                        hielte und spräche zu mir: ‚Wähle!’ ich fiel ihm mit Demut in seine
                        Linke und sagte: ‚Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für
                        dich allein!’»</note> Aber wir können diese Unterscheidung der beiden
                    Hände Gottes doch nicht zugeben. Gott behält die <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term> nicht für sich, weil er nicht ferne
                    ist einem jeglichen unter uns [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.27">Act. 17,27</ref>], sondern er hat alle Wahrheit in das
                    ewige Streben nach <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>
                    gelegt. Bittet, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> so wird euch gegeben, suchet,
                    so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.7">Mt. 7,7</ref> par.]. <hi rend="italic">Im</hi>
                    Bitten, <hi rend="italic">im</hi> Suchen, <hi rend="italic">im</hi> Anklopfen, da
                        <hi rend="italic">ist</hi> schon Gott. |</p>
                <p>
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat dieser Gewissheit im
                    achten Kapitel des Römerbriefs tiefsinnigen Ausdruck gegeben: «Welche der
                    Geist Gottes treibt, die <hi rend="italic">sind</hi> Gottes Kinder. Denn ihr habt
                    nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermal fürchten
                    müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen
                    wir rufen: Abba, lieber Vater! [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.14 Röm.8.15">Röm. 8,14f.</ref>] … Der Geist hilft unsrer
                    Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie
                    sich’s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs Beste mit
                    unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforschet, der weiß, was des
                    Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, was Gott gefällt»
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.26 Röm.8.27">Röm. 8,26f.</ref>]. Das ist
                    das große neue Licht, das auf jene Aufforderung <pb xml:id="p575" ed="pga"/> in
                    unserm Herzen fällt, die uns so oft bloß traurig macht. Warum verzagt sein
                    über uns und unser Können? Gott wirkt in uns, wenn wir <term type="Sachen" key="Gott, wirkt unser Wirken">wirken</term>, und er kann es besser als
                    wir. Gott sucht in uns sich selber, wenn wir ihn suchen, und ich denke, wir
                    dürfen ihm das Finden ruhig anvertrauen. Nahet euch zu Gott, so nahet er
                    sich zu euch! Nahen <hi rend="italic">wir</hi> uns, so naht <hi rend="italic">er selbst</hi>
                    sich. Und statt der müden Resignation, statt dem Herzeleid, das seine
                    Aufforderung uns bereitet, wird sie uns dann gerade zur Quelle der
                    Gewissheit, weil wir erkennen, dass sie nicht unser Streben, sondern Gottes
                    ewiges <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> in uns ist. Und
                    dann heißt es für uns, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                    dort fortfährt: «Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten
                    dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind» [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>]. Die Gott nahen, die
                        <hi rend="italic">sind</hi> berufene, erwählte Gotteskinder. Und die <term type="Sachen" key="Gewissheit">Gewissheit</term>, die das neue <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Licht uns schenkt, darf nicht enden mit der
                    bangen Frage: Bin ich denn auch erwählt? Gehöre ich zu den nach dem Vorsatz
                    Berufenen? Bin ich als ein Sonnenkind und Höhenmensch<note xml:id="n15">Der Ausdruck fand Verwendung auch in der zeitgenössischen
                        Lebens- / Lebensreformbewegung und dem George-Kreis. Er stand dort für
                        das Herausgehobensein aus der «Herde» oder «Masse» und konnte auch auf
                        Jesus Christus bezogen werden. Vgl. etwa: «Für uns von heute aber liegt
                        das unbegreifliche darin wie ein mensch sich über die herde zu einer
                        solchen höhe erheben konnte: der schritt von dem herdenwesen zu dem
                        höhenwesen ist für uns der unendlich grosse · ein winzig kleiner ist für
                        uns der vom höhenmenschen zum gott. Drum ist es für uns kein opfer und
                        kein zugeständnis wenn wir mit den jüngern ausrufen: du bist gottes sohn
                        · du bist gott» (<bibl corresp="kbga-bibls-2779"><persName ref="kbga-actors-1003">St. George</persName>, <hi rend="italic">Über das Feststehende und die
                            Denkformen</hi> [1910], in: <hi rend="italic">Der George-Kreis. Eine Auswahl
                            aus seinen Schriften</hi>, hrsg. von G. P. Landmann, Stuttgart
                            1980<hi rend="sup">2</hi>, S. 91f., dort S. 92</bibl>).</note> geboren? Es
                    ist ein <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, eine
                    Freudenbotschaft an alle Menschen des guten Willens [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref><note xml:id="n16">Nach dem Vulgata-Text: «hominibus bonae
                        voluntatis» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2736">Nestle-Aland, z. St.</bibl>).</note>], dass wir in Gott und durch Gott vorher
                    bestimmt und erkannt sind. Gehe du schnurstracks deinen Weg nach oben,
                    zaudere und besinn dich nicht, du <hi rend="italic">bist</hi>
                    <term type="Sachen" key="Prädestination">prädestiniert</term> zum ewigen
                        <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term>, wenn du unterwegs
                    bist; und zum ewigen Tod prädestiniert ist nur der, der selber umkehrt.
                    Widerstehet dem <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term>, so fliehet
                    er vor euch; nahet euch zu Gott, so nahet er sich zu euch! In deiner Brust
                    sind deines Schicksals Sterne,<note xml:id="n17">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2780">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die
                            Piccolomini</hi>, zweiter Aufzug, sechster Auftritt (Sämtliche
                        Werke, Bd. 2, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 346)</bibl>.</note>
                    und:</p>
                
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p576" ed="pga"/> An das Göttliche glauben</l>
                            <l>Die allein, die es selber sind.<note xml:id="n18">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2781">Schluss der zweiten Strophe des Gedichts «Menschenbeifall»
                                    von <persName ref="kbga-actors-3679">Fr. Hölderlin</persName> (Erstdruck: 1798; Sämtliche Werke.
                                    Kleine Stuttgarter Ausgabe, Bd. 1, Stuttgart 1946,
                                    S. 251).</bibl>
                                </note>
                                <persName ref="kbga-actors-3679">(Hölderlin</persName>)</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Ihr aber <hi rend="italic">seid</hi> göttlicher Art, meine Freunde!
                    |</p>
                <p>Wir <hi rend="italic">sind</hi> es, weil wir und wenn wir <term type="Sachen" key="Erlösung">erlöst</term> sind durch Christus. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> konnte jenes tapfere Wort so ruhig und
                    sicher aussprechen, weil er ein Christ war. Die Gewissheit, mit der <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> vom Geist Gottes reden kann,
                    der uns treibt, besser als wir’s verstehen, ist christliche
                    Gewissheit. Und es war christlicher Glaube, der Glaube Johannes <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName> an Gottes ewige
                        <term type="Sachen" key="Prädestination">Erwählung</term>,<note xml:id="n19">Vgl. bes. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. III,21–24</bibl>.</note> deren
                    wir so sicher sind, wie wir unser selbst sicher sind. Wer Gott sucht, den
                    sucht Gott. Wo der Geist in unaussprechlichen Seufzern betet, da wirkt
                    Gottes unendliche <term type="Sachen" key="Gott, Herrlichkeit">Herrlichkeit</term>. Wo die Knechte Gottes sind, wo der Staat Gottes
                    ist, da ist Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gnadenwahl">Gnadenwahl</term>. Das ist die Erlösung vom <term type="Sachen" key="Erlösung, vom Bösen">Bösen</term> und die Erlösung zum <term type="Sachen" key="Erlösung, zum Guten">Guten</term>, die <hi rend="italic">da
                        ist</hi> für Alle, die zu Christi Gemeinde gehören. Denn Christus hat
                    mehr getan, als den Gehorsam gegen den Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term> gelehrt und vorgelebt wie <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und die <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term>. Ihm war es vorbehalten, in den
                    Menschen, die ihn <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> kannten, das
                        <hi rend="italic">Vertrauen</hi> zu erwecken, dass der Gehorsam gegen Gott, den er
                    gefordert hat wie kein andrer, nicht ein Streben in die blaue Luft sei,
                    sondern der Weg, die Wahrheit und das Leben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]. Er hat nicht gesagt:
                    Selig, die schon wissen, die schon können, die schon auf der Höhe sind,
                    sondern: Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.3">Mt. 5,3</ref>], selig sind, die da
                        <hi rend="italic">hungert</hi> und <hi rend="italic">dürstet</hi>, denn sie sollen satt
                    werden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>]. Und es ist
                    eine Seligpreisung, die nicht in der Bibel steht und die doch ganz Christi
                    Geist atmet, die Inschrift am Hause <persName ref="kbga-actors-2212">Jung-Stilling</persName>s<note xml:id="n20">
                            <seg type="bio">
                                <persName ref="kbga-actors-2212">Heinrich Jung-Stilling</persName> (1740–1817),
                        Erbauungsschriftsteller, Wegbereiter der Erweckungsbewegung.</seg>
                        </note> in
                        <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>: Selig sind, die
                        <term type="Sachen" key="Heimweh">
                            <hi rend="italic">Heimweh</hi></term> haben,
                    denn sie sollen nach Hause kommen.<note xml:id="n21">Jung-Stillings Wohnhaus, das Barth von seiner Marburger Studien- und
                        Assistentenzeit 1908/09 bekannt war, lag an der Hofstatt 11, an dem eine
                        Gedenktafel mit diesem Spruch angebracht ist. Der Satz steht auch am
                        Anfang des Romans: <bibl corresp="kbga-bibls-2459">
                                <persName ref="kbga-actors-2212">H. Jung-Stilling</persName>, <hi rend="italic">Das
                            Heimweh und der Schlüssel zu demselben</hi>, fünf Theile in zwei
                        Bänden (Sämmtliche Schriften, Bd. 4 und 5), Stuttgart 1836, Bd. 1,
                        S. 9.</bibl>
                        </note> Christus hat den Seinen die <pb xml:id="p577" ed="pga"/>
                    Gewissheit gegeben, dass die Aufforderung in uns, dass das Streben, Suchen
                    und Trachten nach dem, was droben ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.2">Kol. 3,2</ref>], nach dem Leben, nach Gott Ewigkeitskraft und
                    Ewigkeitswert habe. Und darum hat er von ihnen nicht eine komplizierte und
                    geheimnisvolle Religionsübung verlangt, keinen Glauben an Lehren und Gebote,
                    sondern das eine, was not ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], ein reines Herz und große Gedanken in den
                    kleinen Sorgen des Lebens.</p>
                <p>Und Christus konnte die Gemeinde des einfachen und nahen Gottes gründen, weil
                    sein ganzes eigenes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Leben</term> einfacher Gehorsam
                    war und vertrauender <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term> zu dem nahen Gott. Er konnte Andern <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Erlöser">Erlöser</term> werden, weil er selbst
                    erlöst war, weil er, dem Teufel widerstehend, den Teufel in die Flucht
                    schlug, wie die merkwürdige Geschichte am Anfang des Evangeliums uns erzählt
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.1 Mt.4.11">Mt. 4,1–11</ref> par.], und weil er, Gott suchend, nie von Gott
                    allein gelassen, immer von Gott gefunden wurde. Durch ihn sind wir erlöst,
                    weil sein Leben das Urbild und Vorbild ist eines erlösten <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Ur- und Vorbild erlösten Lebens">Lebens</term>, eines Gehorsams gegen Gott, der im Vertrauen zu Gott
                    seine <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Ursache und seine Kraft hat. Dies Leben
                    des Gehorsams und des Vertrauens hat unter den Menschen gewirkt als ein
                    Mittelpunkt von wunderbarer Anziehung. Sie haben im Gedanken an den, der
                    sich <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">kreuzigen</term> ließ, um
                    zu zeigen, dass es ihm<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Mskr.: «im»; von den Hrsg. korrigiert.</note>
                     ernst sei, die Tatsache gefunden, die ihnen schließlich allein den
                    Mut gab, ihrerseits Gottes Aufforderung ernst zu nehmen und nicht als einen
                    schönen Traum abseits zu stellen. Sie sahen in ihm Gottes nahe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gottes nahe Wirklichkeit">Wirklichkeit</term>, und dieses Sehen war ihre Erlösung, denn sie
                    schöpften daraus die Gewissheit, dass auch sie solche Menschen werden
                    durften. Und aus dieser festen Grundlage ihres Eindrucks von Jesu Person und
                    Art wuchs ihr eigenes inneres Leben, ein Leben des Ernstes und der
                        Zuversicht.<note xml:id="n22">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1793">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Der Verkehr des
                            Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther dargestellt</hi>,
                        Stuttgart / Berlin 1903<hi rend="sup">4</hi>, S. 82</bibl>: «Aber dass diese
                        Erkenntnis nun auch <hi rend="italic">uns</hi> zu einem höheren Leben verhilft,
                        oder dass <hi rend="italic">wir</hi> zu der seligen Freiheit eines sittlichen
                        Lebens kommen können, dessen würden wir nicht gewiss sein, wenn nicht
                        unser Dasein in der Welt ein sicheres Zeichen davon trüge, dass es dem
                        Guten schliesslich doch nicht fremd ist. Jesus Christus ist dies
                        Zeichen.»</note>
                    </p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p578" ed="pga"/> Und das ist <hi rend="italic">unsre</hi>
                    <term type="Sachen" key="Christen, Freude">Christenfreude</term> und <term type="Sachen" key="Christen, Hoffnung">Christenhoffnung</term>, meine
                    Freunde, dass wir im Suchen, Bitten und Anklopfen bei dem Gott, den Jesus
                    seinen <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term> nannte, die
                    Wahrheit und das Leben finden. Denn <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> und Erfüllung sind eins, wenn wir ihn anrufen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Herr, komm in mir wohnen,</l>
                            <l>Lass mein’ Geist auf Erden</l>
                            <l>Dir ein Heiligtum noch werden;</l>
                            <l>Komm, du nahes Wesen,</l>
                            <l>Dich in mir verkläre,</l>
                            <l>Dass ich stets dich lieb und ehre.</l>
                            <l>Wo ich geh, sitz und steh,</l>
                            <l>Lass mich dich erblicken</l>
                            <l>Und vor dir mich bücken.<note xml:id="n23">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Achte und
                                    letzte Strophe des Liedes «Gott ist gegenwärtig» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (EG 165,8; RG 162,7; GERS 174,8
                                    bietet einen abweichenden Text).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-159">Nr. 184: «Treuer Heiland, wir sind hier» von <persName ref="kbga-actors-5042">Chr. H. Zeller</persName>,
                            Strophen 1.2.5.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-97">Nr. 151: «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>,
                            Strophen 1–3 und 4–7 (RG 510 [mit geringen
                            Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.13 Mk.10.27">Markus 10,13–27</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
