Predigt Nr. 45 · 24. Juli 1910

Predigt: Jakobus 3,13-17

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45
Jakobus 3,13–17
Wer ist weise und einsichtsvoll unter euch? Der zeige an seinem guten Wandel seine Werke in der Sanftmut der Weisheit. Wenn ihr aber bittern Streit und Zank in euren Herzen habt, dann rühmt euch nicht und lügt nicht wider die Wahrheit. Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern die irdische, gewöhnliche, teuflische. Denn wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und eitel böses Ding. Die Weisheit von oben aber ist erstens keusch, sodann friedfertig, folgsam, lässt sich etwas sagen, ist voller Teilnahme und guter Früchte, steht über den Parteien, heuchelt nicht.
Liebe Freunde!

Was ist Bildung? Das ist die Frage, die uns unser Text stellt und über die wir uns heute besinnen wollen. Das Wort Bildung kommt zwar im Text nicht vor. Es ist überhaupt kein altes Wort, sondern ein neues. Aber wir haben doch ein gutes Recht, gerade bei diesem Text von dieser Frage zu reden. Wenn da von der falschen und der rechten Weisheit die Rede ist, von der Weisheit von oben und der Weisheit von unten, wie Jakobus sich anschaulich ausdrückt, so ist dieser Gegensatz doch kein andrer als der zwischen wahrer und falscher Bildung. Denn so können und müssen wir das altertümliche Wort Weisheit in unsrer Sprache ausdrücken. Es hat da offenbar unter den Christen solche gegeben, die glaubten, besonders weise zu sein, mehr zu wissen und darum höher zu stehen als die andern. Aber wenn die einen mehr sein wollen als die andern, dann kommt es gewöhnlich nicht gut, und so war’s auch hier. Jene besonders Klugen glaubten nicht nur über Gott und Christus, über die Welt und die Engel allerlei Spezialkenntnisse zu haben, sondern sie waren zänkisch und unfreundlich mit denen, die sie für weniger klug hielten, und so ist aus der Weisheit Unordnung und eitel böses Ding unter den Christen entstanden. Es ist leider noch oft so gegangen, im Großen und im Kleinen. Es gibt etwas, was sich Weisheit oder Bildung nennt, was die Menschen nicht besser, |532 sondern faul, rechthaberisch und ungenießbar macht. Und darum hatte Jakobus dort guten Grund, seine Leute zu fragen: Sagt einmal, wer ist wirklich weise und einsichtsvoll unter euch? Und wir haben guten Grund, uns zu fragen: Wer ist wirklich gebildet? und: was ist das, Bildung?

Also, das steht gleich einmal fest: es gibt Weisheit und Weisheit, Bildung und Bildung. Die Worte sind vieldeutig, und es gilt, von der Schale zum Kern vorzudringen oder vom Schein zur Wahrheit. Die eine sogenannte Weisheit mache den Menschen zänkisch und unerfreulich für die Andern, heißt es da; sie sei von unten, irdisch, gewöhnlich, ja teuflisch. Verständigen wir uns gleich anfangs darüber, meine Freunde: Das ist das, was man so gewöhnlich und oberflächlich Bildung zu nennen pflegt: Die Kenntnis von alledem, was man auf höheren Schulen und aus Lehrbüchern sich einprägen kann: Mathematik, Sprachen, Literatur und das Andere. Das Alles für sich allein, macht den Menschen nicht nur noch nicht gebildet, sondern unerquicklich und schädlich für seine Umgebung. Man kann das Wichtigste aus allen jenen Gebieten am Schnürchen hersagen können und doch ein herzlich ungebildeter Mensch sein, genau so sehr wie ein Anderer, der jene Schulfächer nicht einmal dem Namen nach kennt. Ja, diese Bildung ist dann direkt ein Übel für den betreffenden Menschen und die, die mit ihm zu tun haben, gerade wie z. B. der Reichtum in den Händen mancher Menschen ein direktes Übel ist. Das eine wie das andre hebt den Menschen ganz ungebührlich und unverdient aus den Reihen der Andern hervor, als ob er etwas Besonderes wäre, während er doch gar nichts Besonderes ist. Es ist ein Wahn, dass alle gleich sein könnten, aber die unverdiente Ungleichheit, die ist’s, die Unordnung und eitel böses Ding unter den Menschen verursacht, und unverdiente Ungleichheit ist es, wenn einer durch größere Intelligenz und Geldmittel etwas mehr weiß als andre. Höhere Schulkenntnisse an und für sich sind nur geeignet, den Menschen eingebildet zu machen den Andern gegenüber, und was noch schlimmer ist: sie geben ihm die Mittel in die Hand, seinen natürlichen Egoismus noch raffinierter zu betätigen als der, der sie nicht hat. Auch die umfangreichsten Kenntnisse sind noch nicht Weisheit oder Bildung. Denn Kenntnisse sind zunächst etwas ganz Lebloses wie das Geld, es kommt sehr darauf an, was man damit macht. Wie man eine Menge Geld besitzen |533 kann, so kann man einen Haufen Kenntnisse im Kopf haben und doch für seine eigene Person unglücklich und für die Andern schädlich sein. Man kann viel wissen und doch ganz wertlos leben. Bildung werden wir ein solches Wissen nicht nennen. Denn die Bildung hat es gerade mit dem Leben zu tun. Wer wertlos lebt, der ist ungebildet, gleichviel ob er viel oder wenig Kenntnisse hat. Und darum nenne ich Bildung die Kunst, wertvoll zu leben. Von dieser Kunst ist jetzt zu reden.

I

Ich habe in der letzten Zeit ein Buch von einer modernen Schriftstellerin gelesen, das war betitelt «Dilettanten des Lebens».1 Den Inhalt des Buches fand ich nicht sehr bemerkenswert, aber dieser Titel hat mir viel zu denken gegeben. Ihr wisst, was man unter einem Dilettanten versteht: einen, der einen Beruf oder eine Kunst betreibt, ohne sie fachmäßig gelernt zu haben, der dabei eine Zeitlang sehr vergnügt sein kann, der aber schließlich mit fast verschwindenden Ausnahmen immer Pfuscharbeit liefern wird. Und nun «Dilettanten des Lebens», das wären also Leute, die sehr sicher und vergnügt leben und ihres Lebens sich freuen, wie der Schmetterling sich der Sonne freut, aber sie leben, ohne dass sie gelernt haben zu leben. Das geht vielleicht ganz lange so. Die Menschen haben Geduld mit ihnen und der liebe Gott auch, wie man wohl mit Dilettanten in der Kunst Geduld hat, wenn sie’s nicht zu arg treiben. Aber wenn dann einmal die Sonne hinter die Wolken tritt, wenn aus dem Lebensspiel Lebensernst wird, dann kommt’s zum Vorschein, dass das, was sie bis jetzt geliefert, Pfuscharbeit, dass das, was sie bis jetzt gedacht, gewollt, empfunden, Dilettantenstücklein waren, dass kein ernsthafter und wirklicher Lebenswert da ist. Dilettanten des Lebens! Ja, meine Freunde, das sind wir Alle, solange wir nicht gebildet sind, und darum müssen wir uns jetzt, wo wir von der Bildung reden wollen, den Dilettanten recht genau ansehen, d. h. den Menschen, der erst gebildet werden soll.

Als ich in die Schule ging, da mussten wir einmal ein Gedicht lernen, dessen Anfangsworte sind mir sehr eindrucksvoll geblieben:

534 Ein Kanadier, der noch Europens
Übertünchte Höflichkeit nicht kannte
Und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben,
Von Kultur noch frei im Busen führte…2

Nehmen wir einmal diesen Kanadier als Beispiel des ungebildeten, dilettantischen Menschen. Denn das ist er offenbar. Ein Mensch ist er, denn er führt ein Herz, wie Gott es ihm gegeben, im Busen, und darunter kann man doch wohl verstehen: er hat Vernunft und Gemüt, Verstand und Willen und Gefühl, kurz Alles, was den Menschen ausmacht, oder wir wollen vorsichtiger sagen: alle Anlagen zu einem Menschen. Aber er ist ungebildet, das Herz, das er im Busen führt, ist von Kultur noch frei, und das will wieder sagen: er hat nie etwas Anderes gehört, als dass das Leben sich zusammensetze aus Essen, Trinken und Schlafen, aus Jagen und Fischfangen und Kriegführen, er weiß nichts von einem geordneten Staatswesen, er lebt allein, und wenn er mit andern zusammenlebt, so ist’s ganz selbstverständlich, dass die Gewalt und nicht das Recht die oberste Macht unter ihnen ist. Auf alle Fälle lebt er schnurstracks vor sich hin als freier Kanadier, der sich in seinem Urwald als Mittelpunkt der Welt fühlt, weil es ihm gar nicht in den Sinn kommt, dass es einen andern Mittelpunkt geben könne als ihn selbst mit seinen Urwaldangelegenheiten. – |

Es hat Menschen gegeben, die dieses Kanadierideal sehr trefflich und nachahmenswert fanden. Unser großer Mitbürger Rousseau3 z. B. hat ganz Europa durch seine Idee verblüfft, der Wilde stehe eigentlich viel höher als der gebildete Europäer, Jener sei doch im Naturzustand, während Staatsleben, Kunst und Wissenschaft und dergleichen bereits Korruption seien.4 Das haben dem Rousseau Viele |535 nachgesagt. Das deutsche Gedicht z. B., von dem ich redete, schließt mit dem stolzen Ausruf des Kanadiers:

«Seht, wir Wilden sind doch bessre Menschen!»
Sprach’s und schlug sich seitwärts in die Büsche.5
Und aus derselben Zeit stammen die ersten Robinsongeschichten,6 durch die die Pädagogen versuchten, auch der Jugend Interesse für jenen Naturzustand des Menschen einzuflößen.

Das ist ja nun Alles recht gut, und es mag damals wahr gewesen sein und mag auch heute noch wahr sein, dass mancher Wilde in wichtigen Beziehungen vor manchem Europäer im Vorsprung ist. Aber dann ist eben der Europäer mit all seiner angeblichen Kultur heimlich ein Wilder und der angebliche Wilde heimlich bereits ein angehend gebildeter Mensch. Auf alle Fälle darf man das nicht sagen, dass das Kanadierleben an sich besser sei und höher als das Kulturleben.

536 Denn das Kanadierleben, wie ich es schilderte, und fügen wir gleich hinzu: das Leben des ungebildeten, dilettantischen Menschen auch in Europa ist gleich dem Zustand eines Tiers, das eben gerade anfängt, Mensch zu werden. Verstand und Wille und Gefühl sind da – daraus kann ein Mensch werden, aber es ist noch keiner. Denn der ungebildete Mensch folgt in seinem Tun und Treiben nicht den Anlagen, durch die er ein Mensch ist, sondern den andern Anlagen, die er mit dem Tier gemein hat.7 Das Menschliche ist freilich auch in ihm – es ist im schwärzesten Neger und im verkommensten Vagabunden – aber es ist bloß ein Anfang, aus dem nichts gemacht wird. Eben in dieser Zurückgebliebenheit zeigt es sich, dass der Ungebildete ein Dilettant des Menschenlebens ist. Das Menschliche ist da, aber das eigentlich Wichtige in ihm sind andre Dinge.

So erkennt man den Ungebildeten vor Allem daran, dass er seinem Temperament unterworfen ist,8 d. h. seiner persönlichen Neigung zur Heftigkeit oder zum Trübsinn, zur Trägheit oder zum Leichtsinn. Eine von diesen Neigungen in irgend einem Stärkegrad gehört zu der besondern Naturanlage jedes Menschen, etwa wie die Tiere Felle von verschiedener Buntheit haben. Aber nun ist’s das Merkmal des Ungebildeten, dass er nicht das Temperament hat, sondern das Temperament hat ihn. «Er lässt sich gehen», pflegt man wohl von solchen zu sagen und meint damit, dass sie jener ihrer persönlichen, natürlichen Neigung freien Lauf lassen. Sie sind jähzornig, polternd und unüberlegt, weil sie ohne Weiteres ihrer Naturanlage folgen, sie sind faul und untätig, weil sie einfach ihrem Blut recht geben, das nun einmal langsamer durch ihre Adern läuft als durch die Andrer. So lässt sich der Kanadier gehen und kann es im Urwald sehr wohl, weil er allein ist oder fast allein, so tut es aber der Ungebildete auch anderswo; aber |537 wenn er eine gewisse Befriedigung dabei findet, so «natürlich» zu sein, so ist diese Befriedigung unbewusst oder, was noch schlimmer ist: bewusst eine Verleugnung seines Menschentums. Der Ungebildete gibt sich weiter an der Art zu erkennen, wie er Freude und Schmerz erträgt:9 fassungslos, nennt man das: er lässt sich übernehmen und treiben von den äußern Eindrücken, die ihn lustig oder traurig machen, er hat den Eindrücken nichts entgegenzustellen, was sein inneres Leben im Gleichgewicht hielte, und so sieht man ihn in der Freude wie im Schmerz deutlich auf die Stufe des Tieres hinuntersteigen, was denn auch äußerlich in seinem Tun und Reden zum Ausdruck zu kommen pflegt.

Aber wir müssen uns gleich in eine höhere Sphäre begeben: Auch der ungebildetste Mensch macht sich Gedanken über die Menschen und Verhältnisse, mit denen er zu tun hat, und er setzt seinem Willen Zwecke, er möchte dies und das erreichen und durchsetzen. Dass er ein ungebildeter Mensch ist, erkennt man hier daran, dass seine Gedanken und Zwecke borniert sind oder naiv, um einen etwas freundlicheren Ausdruck zu gebrauchen. Es sind enge, beschränkte Gedanken, die sich nur gerade mit den nächstliegenden Dingen beschäftigen, Gedanken und Zwecke, die nicht gewohnt noch fähig sind, mit den Gedanken und Zwecken Anderer zusammenzutreffen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und bei solcher Reibung Form und Gestalt anzunehmen. Sondern sie treten selbstbewusst und unbescheiden ans Tageslicht, als wären sie allein auf der Welt. Dabei muss man nicht denken, dass der Ungebildete mit seinen unabgeschliffenen Gedanken und Zwecken tatsächlich ein Original wäre, wenn es auch oft diesen Anschein haben mag. Denn er folgt auch in seinem Denken und in seinem Willen dem dumpfen Trieb, den nicht er hat, sondern der ihn hat. Seine Gedanken sind die naheliegendsten Allerweltsgedanken, seiner natürlichen und menschlichen Umgebung angepasst, wie sich manche Tiere und Pflanzen ihrer Umgebung anpassen. Nur dass beim ungebildeten Menschen die Anpassung unwillkürlich ist, während seine eigentliche Überzeugung die ist, dass er allein da sei.

538 Damit ist nun bereits sein wichtigstes Merkmal ausgesprochen, in dem sich alle andern zusammenfassen: Der Ungebildete lebt heimlich auf einer Insel. Er hat heimlich den Größenwahn, er sei die Sonne und Alles Übrige nur Sternlein, die sich um ihn herum im Kreislauf üben dürfen. So sahen wir’s schon beim Kanadier. So ist’s aber auch bei uns, solange wir ungebildet sind. Da ist im Mittelpunkt unsres Lebens das große liebe Ich mit seinen Urwaldangelegenheiten, mit seinen Wünschen nach Pflege, Heiterkeit und Beachtung, die uns so wohl tun. Da ziehen wir um uns herum einen Kreis wie mit dem Zirkel. Was diesseits des Kreises ist, das geht uns etwas an, darum eifern und streiten wir; was jenseits ist, das kümmert uns nicht. «Die Welt, sie war nicht, eh’ ich sie erschuf.»10 Und ich brauche wohl nicht erst zu sagen, dass solche Vorstellungen, die sich freilich die wenigsten klar machen, immer zum Vorschein kommen in einer entsprechenden Lebenseinrichtung, in gröbern und feinern Formen: als Brutalität, Rücksichtslosigkeit, Eigensinn, Verständnis- und Gemütlosigkeit gegen die andern, als süßliche Empfindelei und Nachgiebigkeit, als Gemütszerflossenheit gegen sich selbst. Und weil eine Lebenseinrichtung mit diesen Merkmalen in allen Klassen vorkommt, gleichviel ob die Menschen das Gymnasium und die höhere Töchterschule besucht haben oder nicht, so müssen wir das zu Anfang Gesagte jetzt noch deutlicher wiederholen: Die Ungebildetheit ist überall möglich und ist auch überall da, nämlich überall, wo des Menschen inneres Leben darin besteht, dass er sich auf dem Absatz um sich selbst dreht. Und darum hat auch jedermann Anlass, sich selbst vorsichtig die Frage des Jakobus vorzulegen: Wer ist weise und einsichtsvoll? Wer ist gebildet?

II

Wenn wir nun davon reden wollen, wie man aus einem ungebildeten Menschen ein gebildeter wird, so müssen wir vor Allem beachten, dass schon das Wort «Bildung» nicht einfach einen Zustand bezeichnet, sondern eine Tätigkeit. Der Mensch wird gebildet, wenn und indem er sich bildet. Wenn man diese Selbstverständlichkeit denken |539 würde, würde man nicht immer wieder schon die höhern Schulkenntnisse als Bildung bezeichnen. Die können ein Mittel sein dazu, aber doch nur eins neben andern.

Wir knüpfen an an das zuletzt über den Ungebildeten Gesagte. Die Bildung fängt an mit der Erkenntnis, dass man nicht allein auf der Welt ist. Ihr denkt: dann ist Bildung eine leichte Sache! Aber diese Erkenntnis ist doch wohl schwerer zu gewinnen, als es aussieht. Denn sie besteht nicht nur in der Einsicht, dass man sich mit den Andern abfinden muss, die auch in der Welt sind – das tun die Ungebildeten ­auch –, sondern in der Einsicht, dass es so recht ist. Nehmen wir den einfachsten Fall eines ungebildeten Menschen: das kleine Kind in der Wiege. Das ist ganz deutlich so ein Wesen, das sich selbst für den Mittelpunkt der Welt hält, und eine Zeitlang wird diese Meinung ja von seiner Umgebung auch begünstigt. Aber dann muss es eines Tages die schmerzliche Erfahrung machen, dass seine Wünsche nicht oder nicht sogleich erfüllt werden, weil seine Eltern oder Wärter sichtlich auch noch mit andern Dingen beschäftigt sind als mit ihm. Es erfährt dann aufs Peinlichste, dass es noch andre Dinge in der Welt gibt. Was wird es tun? Es wird sehr wahrscheinlich anfangen, aufs Unerfreulichste zu lärmen und protestieren. Darin zeigt es sich, dass es noch ein kleiner Ungebildeter ist, und wenn jetzt nicht eine feste, planmäßige Erziehung eintritt, dann wird es ein ungebildeter Mensch werden und bleiben. Die Erziehung wird aber darin bestehen müssen, dass ihm durch Güte oder Gewalt der Gedanke beigebracht wird, es sei kein himmelschreiendes Unrecht, sondern der normale, richtige Zustand, dass die Menschen in der Mehrzahl da sind, und ein normaler Mensch habe sich schlechterdings auf diese normale Weltordnung einzurichten. Also wenn ein Mensch lernt aufzuhören, ein Einzelner zu sein mit allerlei Privatinteressen, und anfängt, nicht aus dumpfer Notwendigkeit, sondern bewusst und mit Willen sich zu fühlen als einer von einer Mehrzahl, das ist der Anfang der Bildung.

Darum ist der Ort, wo der Mensch sich zu bilden hat, vor Allem die Familie.11 Und zwar denke ich dabei gar nicht nur an die Kinder, |540 sondern ebenso sehr an die Eltern und Dienstboten, denen allen das enge, tägliche Zusammenleben vielleicht zum ersten Mal das Gebot ins Gewissen schreibt: Du darfst nicht bloß für dich selbst, an dich selbst denken, es gibt in der Gemeinschaft der Menschen Zwecke zu erfüllen, die wichtiger sind als deine Privatzwecke. Wenn der Wille erwacht im Menschen zu diesen höhern Zwecken der Gemeinschaft, wenn das Kind nicht nur gehorcht, sondern gehorchen will, wenn der Dienstbote nicht nur dient, sondern dienen will, wenn dem Vater und der Mutter die Erziehung ihrer Kinder wichtiger werden als die bloße Ernährung, da entstehen und werden gebildete Menschen, da erwacht der gute Geist häuslicher, familiärer Bildung, der jeden Hereintretenden freundlich und traulich begrüßt, dass er spürt: hier ist gut sein, hier sind nicht bloß essende und trinkende Naturwesen, die friedlich oder borstig miteinander sind je nach Anlage und Temperament, sondern hier sind Menschen, die ihre Naturanlage unterordnen unter die Gebote des Geistes, hier sind Einzelne, die gelernt haben sich fügen in das Allgemeine.

Der nächste Gemeinschaftskreis, an dem und in dem der Mensch seine Bildung erweitern soll, ist sein Stand und Beruf. Da wird ja nun die Schule zur unentbehrlichen Vorbereitung, aber ob der Mensch nachher gebildet ist oder nicht, das hängt doch nicht ab davon, ob er eine höhere oder niedere Schule besucht, ob er einen feinern oder weniger feinen Beruf ergreift, sondern davon, wie er das lernt, was ihm gelehrt wird, und wie er sich nachher innerlich zu seinem Beruf, sei er, welcher er wolle, stellt. Es gibt bei vielen Schülern höherer Schulen, ja auch bei sehr vielen Studenten auf der Universität ein Barbaren- und Banausentum, das sich für das Lernen nur interessiert, weil man ohne Lernen nicht durchs Examen kommt. Einer meiner Lehrer pflegte solchen contre coeur «höher Gebildeten» zuzurufen: Geh doch lieber Steine klopfen! und er hatte ganz recht. Ja, ich habe einmal einem solchen Steineklopfer an der Landstraße zugesehen, der sein unerfreuliches Geschäft mit solch liebevoller Akkuratesse be|541sorgte, dass ich mir sagen musste: lieber ein Steinklopfer, der seinen Kräften entsprechend mit sachgemäßer Teilnahme an seiner Arbeit ist, als ein Arzt oder Pfarrer, der mit Routine, aber ohne dass er mit dem Herzen dabei ist, Rezepte verschreibt und Predigten hält, weil er nun einmal Arzt oder Pfarrer ist. Denn das ist die Berufsbildung, die den gebildeten vom ungebildeten Menschen unterscheidet, dass er von Herzen dabei ist, dass er wieder seine eigene Person den größern Zwecken unterordnet, bewusst und freudig.

Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.12

Aber wer sich bilden will, wird sofort auf weitere Gemeinschaftskreise aufsehen müssen. Es bleibt immerhin möglich, dass sich in der Familien- und Berufsbildung Reste verbergen der ungebildeten egoistischen Neigungen des Urwaldbewohners. Und da verlangt die Kultur, dass der Mensch Staatsbürger nicht nur sei, sondern sein wolle. Im Staat haben wir die höchste und umfassendste menschliche Gemeinschaftsform, und wenn es uns ernst ist damit, unsre privaten Zwecke den allgemeinen unterzuordnen, dann dürfen wir an dieser obersten Form der Allgemeinheit nicht vorübergehen. Uns Republikanern ist es ja besonders leicht gemacht und nahegelegt, tätige und interessierte Glieder des Staates zu sein. Im Stimmzeddel, der dem Bürger in die Hand gegeben ist, hat er das direkte Mittel, einen guten, gebildeten Willen auch in dieser Richtung zu betätigen. Aber die Beteiligung an den Wahlen und Abstimmungen lässt nicht gerade darauf schließen, dass wir jene Staatsbürgergesinnung schon haben, dass unser Volk politisch schon gebildet ist, wie es sein sollte. Und von denen, die zur Urne gehen, wie viele fühlen sich wirklich verantwortlich? Wie viele geben ihre Stimme dem Recht und nicht dem Interesse? Man will neuerdings ja auch den Frauen das Stimmrecht geben13 und hat es |542 bekanntlich in der Genfer Kirche vor einem Vierteljahr getan.14 Man spricht damit aus, dass man auch die Frauen als gebildete Glieder der öffentlichen Gemeinschaft anerkennt, und es ist gut und recht so. Aber nun ist es an den Frauen zu zeigen, dass sie gebildet sein wollen, dass jene Anerkennung keine Illusion war. In unsrer Gemeinde hat sich bis jetzt etwa ein Dutzend Frauen in die Liste eintragen lassen. Es ist beschämend, dass es nicht mehr sind,15 besonders weil es zum Teil aus Gründen nicht geschieht, die zu lächerlich sind, als dass ich sie hier nennen dürfte. Politische Bildung! Vielleicht nirgends so deutlich wie hier zeigt es sich, wie viel bei Männern und Frauen noch zu überwinden ist von dem natürlichen Egoismus der Ungebildetheit.

Aber nun sehe ich jenseits des Staates einen noch weitern Gemeinschaftskreis, und von hier aus erst bekommt das Gebot der Bildung seinen ganzen Ernst und Nachdruck. Der weitere Kreis ist die Menschheit. Es gibt keine Organisation der Menschheit wie die Familie, der Beruf, der Staat sie haben. Vielleicht sind wir auf dem Wege dazu: Die Schiedsgerichte und internationalen Verträge, wie sie immer mehr aufkommen, wären hier zu nennen.16 Das wäre ein Zeichen da|543für, dass der Fortschritt wirklicher Kultur doch nicht ein leerer Wahn ist. Jedenfalls muss echte Bildung Menschheitsbildung werden; wir müssen lernen, uns als Glieder der großen Einheit fühlen, nicht um ein erhabenes Gefühl mehr zu haben, sondern um unsre Gedanken, unsern Willen, unser Leben einzurichten nach der Würde, die einem Menschen zukommt, und um im Andern, gleichviel ob wir in naher oder ferner Gemeinschaft zu ihm stehen, die Menschheit zu ehren, die ihn mit uns verbindet. Wie wir standesgemäß leben sollen und andere standesgemäß behandeln, innerlich nämlich, so soll der Charakter unsres ganzen Lebens menschheitsgemäß werden. Und es umfasst diese höchste Stufe der Bildung alle andern, sie begründet und erhält sie. Menschen werden in der Gemeinschaft und durch und für die Gemeinschaft, das heißt uns Bildung. Zwei große Organisationen haben in der Geschichte diese letzte, höchste Stufe der Bildung angestrebt, mit mehr oder weniger Glück freilich, aber sie sollen darum nicht ungenannt bleiben: die römisch-katholische Kirche, die die Menschheit als christliche Menschheit zu einer Herde unter einem Hirten [vgl. Joh. 10,16] versammeln will, und der Freimaurerorden, der es sich zum Ziel gesetzt hat, den geistigen Tempel der Menschheit,17 den Tempel des Schönen, Wahren und Guten18 zu bauen. Beide bekämpfen einander bekanntlich aufs Bitterste, aber vielleicht nur, weil sie sich zu nahe verwandt sind. Hier und dort ist in der Praxis viel Unwahrheit und Phrase im Spiel, aber das ändert nichts daran, dass das Ziel von Beiden richtig erfasst ist. Von der Isolierung, von dem Inseldasein des natürlichen Menschen zur Einordnung in die Ge|544meinsamkeit des Allgemeinen, das ist der Weg zur Bildung, zur Kultur.

Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken.19

III

Und von diesem Menschen, dem Gebildeten, soll nun noch kurz die Rede sein. Genauer müsste gesagt werden: von dem sich Bildenden, denn die Bildung kann ja niemals fertig sein. Die Gebildetheit, die wahre nämlich, oder die Weisheit beschreibt Jakobus folgendermaßen: Sie ist erstens keusch, sodann friedfertig, folgsam, lässt sich etwas sagen, ist voller Teilnahme und guter Früchte, steht über den Parteien, heuchelt nicht. Wir wollen versuchen, unsrerseits in kurzen Zügen das Wesen des Gebildeten zu zeichnen, wie am Anfang das des Ungebildeten.

Das erste Merkmal der Bildung ist, dass sie den Menschen objektiv macht. Der Gebildete lebt in den Verhältnissen und unter den Menschen, aber er übersieht, durchschaut, versteht sie in ihren notwendigen Bedingungen und Zusammenhängen, und damit ist er ihnen, vielleicht nicht äußerlich, aber innerlich überlegen. Der Ungebildete hängt ab von den zufälligen Eindrücken, die auf ihn einstürmen, und sein Leben bekommt dadurch etwas Zufälliges, Abhängiges; der Gebildete ordnet die Eindrücke, weil er einen Maßstab der Dinge in sich trägt. Der Ungebildete wird gelebt, weil er sich selbst nicht beherrschen kann, geschweige denn das, was von außen auf ihn eindringt, der Gebildete lebt, weil er vor Allem Herrscher seiner selbst geworden ist. Reif sein ist Alles, reif sein ist Bildung. Bildung aber heißt das Leben verstehen. Nachdem wir gesehen, wie Bildung zustande kommt, kann es uns nicht wundern, dass das das Resultat ist. Wer wirklich und bewusst den sauren Weg der Bildung geht, den Weg der Einordnung und Unterordnung unter die Gemeinschaftsformen des Menschenlebens, der entdeckt auf diesem Weg die ungeschriebenen und doch unverbrüchlichen Gesetze, die allem Dasein zu Grunde lie|545gen. Ihm hört die Welt und das Leben auf, eine gestaltlose Masse zu sein, die sich um ihn selbst dreht, ihm fällt Licht ins Chaos, die Nacht weicht langsam aus den Tälern,20 und so wandelt er über die Berge als ein Siegreicher, ein Überlegener.

Und wahrlich, die Überlegenheit des Gebildeten ist etwas ganz Anderes als die weltmüde Blasiertheit des Vielwissers, der Alles zu kennen meint und darum Alles verachtet. Bildung ist nicht die träge Weltkenntnis des reisenden Engländers,21 sondern gebildet ist der, der sagen kann:

Denn ich bin ein Mensch gewesen,
Und ein Mensch heißt Kämpfer sein,22

ist der, der das Leben in Familie, Beruf und Vaterland nicht bloß beobachtet, sondern erlebt hat. Die Überlegenheit dieser Bildung ist das volle Gegenteil von Blasiertheit. Gerade weil sie herausführt aus der Vereinzelung des Naturwesens auf die Höhe des Allgemeinen, der Kultur, gerade darum macht sie den Menschen fähig, sich liebevoll in das Einzelne zu vertiefen, in die besondern Gestaltungen und Bildungen des innern Lebens der Andern. Er vermag sich in die Andern zu versetzen, er beurteilt und verurteilt sie nicht nach groben, hölzernen Maßstäben, nicht nach der Schablone, sondern er versteht sie von innen heraus, er bekommt ein Ahnungsvermögen für das ewig Wertvolle, das Göttliche in jedem Nebenmenschen und vermag ihm dann auch zu helfen, es zu wecken, zu gestalten, nicht mit schwerfälligem Dreinreden und Sprüchemachen, das dem Andern ewig fremd bleibt, sondern mit innerer Sympathie für seine Eigenart, die es schließlich |546 allein versteht, dem Andern das Bild dessen vorzuhalten, was er werden soll. So gestaltet sich das Leben des Gebildeten zu einer Fülle der Gesichte,23 er sieht den Reichtum der Welt, und weil er ihn sieht, kann er ihn mit vollen Händen spenden. Goethe ist ein solcher Mensch gewesen, und das Lied seines Türmers ist der Triumphgesang aller wirklichen Bildung:

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen
Gefällt mir die Welt.
Ich blick’ in die Ferne,
Ich seh’ in der Näh’,
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.
So seh’ ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir’s gefallen,
Gefall’ ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!24

Aber in der Fülle der Gesichte, im Reichtum der Menschheit, in die er kämpfend, leidend und siegend untertaucht, verliert der Gebildete doch sich selbst nicht. Wir haben’s schon gesagt: er wächst mit seinen höhern Zwecken. Ja, er entdeckt sich selbst. Er hört auf, einer von den Vielen zu sein, er verlässt die dumpfe Region der Masseninstinkte, der Schlagworte und Vorurteile, er wird, indem er allgemein wird, etwas Besonderes, ein lebendes Atom in der ungeheuren Welt der Geister. Richard Rothe25 hat sehr fein gesagt, der Wahlspruch des Gebildeten sei jene Zeile aus dem alten Kirchenlied:

547 An mir und meinem Leben
Ist nichts auf dieser Erda…26

Er verliert seine Zeit und Kraft nicht mit müßiger Selbstbeschauung, aber indem er ganz verzichtet auf seine gröbern und feinern Spezialinteressen, indem er ganz aufgeht im Ringen um das, was allgemein ist und allgemein gelten soll, ist der Wert und Inhalt seines eigenen, seines speziellen Lebens plötzlich da wie ein unerwartetes Geschenk. Denn wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, wer aber sein Leben in dieser Welt hasset, der wird es erhalten zum ewigen Leben [Joh. 12,25]. Er erfüllt seines Wesens eigenste Bestimmung, nein, sie wird erfüllt, denn Gott ist da, der ihn gerecht macht.

Er, der die Welt gewollt und dessen Namen
Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,
Er geb’, dass eures Wesens tiefste Quellen
Zum Lichte gehn – und geb’ euch, dass ihr’s wisst!27

Sie gehen zum Lichte! Und wir dürfen es wissen. Dürfen werden, was wir sein sollen. Das ist Bildung.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 57: «Geh aus, mein Herz und suche Freud» von P. Gerhardt, Strophen 1–3 und 5–7 (RG 537,1–3.7–9; EG 503,1–3.7–9 [je mit geringen Textabweichungen]). 🎵
  • 548 Nr. 307: «Alles ist euer! O Worte des ewigen Lebens» von Chr. Fr. D. Schubart, Strophen 1–3 (Evangelisches Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, Dortmund 1905, 354 📖). 🎵
Lesungstext:
  • 1.Korinther 2.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. mit Bleistift nachträglich korrigiert aus: «Welt».↩

Sachfußnoten

1
Cl. Viebig, Dilettanten des Lebens, Berlin 1898. 📖 Bis 1915 erschienen neun weitere Auflagen des Buches.↩
2
Es handelt sich um das Gedicht «Der Wilde» von J. G. Seume (ders., Sämmtliche Werke in acht Bänden, Bd. 7, Leipzig 1839, S. 72–75, dort S. 72) 📖.↩
3
Jean-Jacques Rousseau wurde am 28. Juni 1712 in Genf als Sohn eines Uhrmachermeisters und Genfer Bürgers geboren.↩
4
Vgl. J.-J. Rousseau, Discours si le rétablissement des Sciences et des Arts a contribué à épurer les mœurs (1750), Genève 1782, S. 32f. 📖: «J’ajouterai seulement une réflexion, c’est qu’un habitant de quelques contrées éloignées qui chercheroit à se former une idée des mœurs Européennes sur l’état des Sciences parmi nous, sur la perfection de nos Arts, […]: c’est que cet Etranger, dis-je, devineroit exactement de nos mœurs le contraire de ce qu’elles sont. Où il n’y a nul effet, il n’y a point de cause à chercher : mais ici l’effet est certain, la dépravation réelle; & nos ames se sont corrompues à mesure que nos Sciences et nos Arts se sont avancés à la perfection. Dira-t-on que c’est un malheur particulier à notre âge? Non, Messieurs : les maux causés par notre vaine curiosité sont aussi vieux que le monde. L’élévation & l’abaissement journaliers des eaux de l’Océan n’ont pas été plus régulièrement assujéttis au cours de l’Astre qui nous éclaire durant la nuit, que le sort des mœurs & de la probité au progrès des Sciences & des Arts. On a vu la vertu s’enfuir à mesure que leur lumière s’élevoit sur notre horizon, & le même phénomène s’est observé dans tous les temps & dans tous les lieux. » (dt.: «Wenn ein Einwohner einer entlegenen Gegend sich einen Begriff von den Sitten der Europäer machen wollte aufgrund des Zustandes der Wissenschaften unter uns, aufgrund der Vollkommenheit unserer Künste, […], so würde, sage ich, dieser Fremdling unsere Sitten gerade für das Gegenteil von dem halten, was sie wirklich sind. Wo keine Wirkung ist, da ist auch keine Ursache zu suchen: hier aber ist die Wirkung gewiss und das Verderben augenscheinlich, unsere Seelen sind in dem Maße verdorben, in dem unsere Wissenschaften und unsere Künste vollkommener geworden sind. Soll man dies nur für ein ungünstiges Schicksal unserer Zeiten halten? Nein, meine Herren, das Übel, welches unsere eitle Wissbegierde verursacht hat, ist so alt wie die Welt. Das tägliche Steigen und Fallen des Meeres richtet sich nicht so genau nach dem Lauf des Gestirnes, welches unsere Nächte erleuchtet, als der Zustand der Sitten und der Redlichkeit nach dem Fortschritt der Wissenschaften und Künste. Je mehr ihr Licht über unserem Gesichtskreis aufging, desto mehr entfernte sich die Tugend, und eben diese Erscheinung ist zu allen Zeiten und überall wahrgenommen worden.»).↩
5
Seume (Anm. 2), S. 75. 📖 ↩
6
Vgl. D. Defoe, The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner, London 1719 📖; deutsche Übersetzungen erschienen seit 1720, dazu kamen schnell auch Adaptionen des Stoffes.↩
7
Vgl. W. Herrmann, Ethik, Tübingen 19094, S. 91 📖: «Die innere Selbständigkeit eines wahrhaft menschlichen Lebens erreichen wir also nur, wenn wir unsere gesamte Existenz als einen Ausdruck der sittlichen Ordnung zu gestalten suchen. Sowie dieser Wille in uns nachläßt, überflutet uns das Tierische und beginnt unsere Selbständigkeit aufzulösen.»↩
8
Vgl. R. Rothe, Theologische Ethik, Bd. 4, Wittenberg 18702, S. 142f. 📖: «Da die Individualität ihrer natürlichen Angelegtheit nach wesentlich auf dem Temperamente beruht, so ist die tugendhafte Selbstbildung namentlich auch die tugendhaft sittliche Bearbeitung, das heißt dann aber zugleich Bemeisterung des Temperamentes.»↩
9
Vgl. a.a.O., S. 145 📖: «Die Gebildetheit zeigt sich daher namentlich in der Art und Weise, wie in dem Individuum Lust und Schmerz auftreten.»↩
10
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V. 6794 📖 (Hochgewölbtes, enges gotisches Zimmer).↩
11
Auch in den hier und im folgenden aufgezählten Orten von immer höherer bzw. erweiterter Bildung (Familie, Stand, Staat, Menschheit) spiegelt sich Barths Lektüre von Richard Rothes «Ethik», die an den in seinem Exemplar angebrachten Anstreichungen insbesondere an § 970 ablesbar ist. Vgl. Rothe (Anm. 8), S. 142 📖: «Auf ihrer niedrigsten Stufe ist die Gebildetheit die Familiengebildetheit; schon eine höhere Stufe ist die Standesgebildetheit, eine noch höhere die nationale Gebildetheit, die höchste endlich die allgemein menschliche Gebildetheit.»↩
12
Abschließende Verse der zweiten Strophe des Gedichts «Das Lied von der Glocke» von Fr. Schiller (Erstdruck 1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 429–442, dort S. 430) 📖.↩
13
Aus Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten Stimmrechtsvereinen hatte sich 1909 der «Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht» gebildet, der eine «rege Öffentlichkeitsarbeit» bezüglich auch der politischen Gleichstellung der Frauen in der Schweiz entfaltete. Seit 1904 hatte auch die Sozialdemokratische Partei die Forderung nach dem Frauenstimmrecht in ihr Programm aufgenommen; vgl. Y. Voegeli, Art. «Frauenstimmrecht», in: HLS 4, S. 705f. 📖; Paul Wernle und Eduard Thurneysen. Briefwechsel von 1909 bis 1934, hrsg. von Th. K. Kuhn, Göttingen 2016, S. 24f. 📖 ↩
14
Vgl. C. Stuckert, Art «Schweiz», in: RE3 24 (1913), S. 477–482, dort S. 481 📖: «Von den welschen Freikirchen ausgehend gewinnt auch das Frauenstimmrecht in kirchlichen Dingen eine immer größere Verbreitung. Die neue Kirchenordnung der Waadt bestimmt, daß das kirchliche Stimmrecht den Ausländern und Frauen gegeben wird, die bei ihrem Kirchengemeinderat darum einkommen. In dieser Form wurde auch in der vom Staat getrennten Genfer Nationalkirche das Frauenstimmrecht mit 2152 Ja gegen 1349 Nein angenommen.»↩
15
Vgl. jedoch ebd. 📖 zur Ausübung des Stimmrechts: «Was seine Benutzung betrifft, so haben 1910 von allen männlichen Stimmberechtigten 1/10 ihr Stimmrecht benutzt, d. h. nicht mehr und nicht weniger als früher. Dagegen haben von allen Frauen 1/4 das Stimmrecht erworben, aber 3/4 davon es wirklich benutzt, so daß ihre Stimmen den abgegebenen Männerstimmen sehr nahe kamen.»↩
16
Mit dem sogenannten Alabama-Schiedsgericht, das 1872 in Genf tagte und mit seinem Schiedsspruch einen Konflikt zwischen den USA und Großbritannien friedlich beilegte, hatten die Schweiz und insbesondere Genf begonnen, sich als Ort internationaler Vermittlung zu profilieren; vgl. L. Mysyrowicz, Art. «Alabama-Schiedsgericht», in: HLS 1, S. 161f. 📖 Im Haager Abkommen zur friedlichen Erledigung internationaler Streitfälle vom 18. Oktober 1907 wurde die inzwischen häufiger angerufene Instanz der zwischenstaatlichen Schiedsgerichtsbarkeit wie folgt definiert: «Die internationale Schiedssprechung hat zum Gegenstande die Erledigung von Streitigkeiten zwischen den Staaten durch Richter ihrer Wahl auf Grund der Achtung vor dem Rechte» (Art. 37, Satz 1; zitiert nach: Der Bundesrat. Das Portal der Schweizer Regierung. Systematische Sammlung des Bundesrechts [SR], Nr. 0.193.212 [­ www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19070025/index.html]) 📖.↩
17
Siehe oben, S. 510, Anm. 10.↩
18
Siehe oben, S. 140, Anm. 3.↩
19
Fr. Schiller, Wallenstein. Ein dramatisches Gedicht, Prolog, V. 60 (ders., Sämtliche Werke, Bd. 2, München 19623, S. 271) 📖:
Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.
↩
20
Fr. Schiller, Wilhelm Tell, Zweiter Aufzug, Zweite Szene (ders., Sämtliche Werke, Bd. 2, München 19623, S. 964) 📖.↩
21
Anspielung auf den Engländer aus den «Wahlverwandtschaften», der sich «immerfort als einen Reisenden» betrachtet und von sich sagt: «Ich bin an den Wechsel gewöhnt, ja er wird mir Bedürfnis, wie man in der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet, gerade weil schon so viele dagewesen» (J. W. von Goethe, Wahlverwandtschaften, Hamburger Ausgabe, Bd. 6, S. 432; vgl. S. 429–434 📖).↩
22
Aus der vierten Strophe des Gedichts «Einlaß» von J. W. von Goethe (ders., Westöstlicher Diwan. Buch des Paradieses, Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 3, Berlin 1965, S. 148f., dort S. 149) 📖:
Denn ich bin ein Mensch gewesen,
Und das heißt ein Kämpfer sein.
↩
23
Gehobener Ausdruck für eine Vielzahl von Eindrücken; vgl. oben, S. 426, Anm. 1.↩
24
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, V. 11288–11303 (Tiefe Nacht). 📖 ↩
25
Richard Rothe (1799–1867), evangelischer Theologe, dessen Anliegen die Verbindung von protestantischer Weltfrömmigkeit und Kirchlichkeit war.↩
26
Aus Strophe 3 des Liedes «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt (GERS 225; RG 656; EG 351). 🎵 – Vgl.Rothe (Anm. 8), S. 145 (§ 970) 📖: «Der Gebildete gibt sich an die Objektivität hin, an das Ganze, dem er angehört, und zwar nicht an das Nächste, das ihn unmittelbar trägt, sondern an das ganze Ganze, an die Menschheit überhaupt. […] Nichts ist ungebildeter (ordinärer) als von seinem armseligen lieben Ich nicht los und über dasselbe nicht hinaus kommen zu können. Der Ungebildete sieht in der Welt lauter bloße Individuen, der Gebildete sieht in ihr eine Menschheit […]. Sein Wahlspruch ist: ‚an mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd.’»↩
27
Verse 92–95 des Gedichts «Chidhr» von O. Ernst (ders., Siebzig Gedichte, Leipzig 1907, S. 132–135, dort S. 135). 📖 ↩