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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 46</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 3,18</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 3,18, 31. Juli 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53048 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53048</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 46: Predigt: Jakobus 3,18</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">48</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 3,18, 31. Juli 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1489">KBA 1024</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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      <creation>
        <date type="creation" when="1910-07-31">31. Juli 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-07-31">Sonntag, den
                            31. Juli 1910</date> <date rend="right">(10. nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.18">Jakobus 3,18</ref>
                      
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Die Frucht der Gerechtigkeit wird
                                    im Frieden ausgesät denen, die Frieden halten.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Was wir heute zusammen überlegen wollen, kann als Fortsetzung und Vertiefung
                    unsrer Lektion über die <term type="Sachen" key="Bildung"><hi rend="italic">Bildung</hi></term> vom letzten Sonntag verstanden werden.
                    Wir haben dort gesehen, dass der Mensch gebildet wird, wenn sein Horizont
                    sich erweitert, wenn er sein natürliches, vereinzeltes Dasein verlässt, um
                    auf die Höhe des allgemein Giltigen und Wertvollen zu steigen, wenn sein
                    Verstand und Wille die Gedanken und Zwecke der menschlichen Gemeinschaft
                    erfasst, um ihnen Alles das an unserm Wesen und unsern Interessen
                    unterzuordnen, was bloß natürlichen und bloß privaten Charakter trägt. Wenn
                    der Mensch den Menschen sich hingibt, das ist <term type="Sachen" key="Bildung, sich der Menschheit hingeben">Bildung</term>. Und wenn wir
                    uns eine Menschheit denken, die <hi rend="italic">so</hi> gebildet wäre, das wäre das
                    Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes, wahrhaft gebildete Menschheit">Gottes</term>, das Reich der Solidarität und des gemeinsam aufwärts
                    strebenden Lebens, das wäre die Erfüllung der Botschaft: Friede auf Erden
                    und den Menschen ein Wohlgefallen [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.14">Lk. 2,14</ref>].</p>
                <p>Aber wir stoßen bei diesem Gedanken gleich zu Anfang auf <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> einen sehr ernsten Punkt, den wir das letzte Mal schon berührt
                    haben, den wir aber noch einmal in eingehende Erwägung ziehen müssen. Dass
                    der Mensch sich den Menschen hingebe, dass er seine Spezialinteressen
                    unterordne, vielleicht opfere dem Allgemeinen, das sei Bildung, d. h. aber
                    das sei die von Gott gewollte Gestaltung unsres Lebens. So sagten wir.</p>
                <p>Aber wer darüber nachgedacht hat, der hat vielleicht nicht nur gefunden, es
                    sei unendlich <hi rend="italic">schwer</hi>, dieses Ziel anzustreben, sondern er hat
                    sich vielleicht auch gefragt, ob es denn auch <hi rend="italic">recht</hi> sei, ob wir
                    die Aufgabe unsres Lebens nicht in einer ganz andern Richtung zu suchen
                    haben, <hi rend="italic">nicht</hi> im Interesse für das, was außer uns ist, sondern
                    im Interesse für unser Inneres, <hi rend="italic">nicht</hi> in der Welt, sondern im
                    eigenen Her<pb xml:id="p550" ed="pga" break="no"/>zen, <hi rend="italic">nicht</hi> im Allgemeinen
                    und Gemeinsamen, sondern im Speziellen und Speziellsten. Findet nicht der
                    religiöse Mensch, der Christ, die Wahrheit und das Leben in einer Tatsache,
                    die nicht von dieser Welt ist, und besteht diese Tatsache nicht in dem engen
                    und ausschließlichen Verkehr zwischen Gott und der Seele, der Seele und
                        <term type="Sachen" key="Christen, Verkehr zwischen der Seele und Gott">Gott</term>?<note xml:id="n01">Vgl. die Definition dessen,
                        was «im allgemeinen» unter dem «persönlichen Christentum» zu verstehen
                        sei, bei <bibl corresp="kbga-bibls-1793"><persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Der Verkehr des Christen mit Gott. Im
                            Anschluss an Luther dargestellt</hi>, Stuttgart / Berlin 1903<hi rend="sup">4</hi>, S. 7</bibl>: «Es ist ein durch Christus vermittelter
                        Verkehr der Seele mit dem lebendigen Gott.»</note> Ihr kennt jene
                    furchtbar ernste Mahnung Jesu: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze
                    Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, und was kann der Mensch
                    geben, dass er seine Seele wieder löse? [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.26">Mt. 16,26</ref> par.] Und ihr kennt vielleicht auch <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>
                    berühmte Verse aus dem west-östlichen Diwan, die denselben Gedanken zum
                    Ausdruck bringen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Volk und Knecht und Überwinder,</l>
                            <l>Sie gestehn zu jeder Zeit:</l>
                            <l>Höchstes Glück der Erdenkinder</l>
                            <l>Sei nur die Persönlichkeit.</l>
                            <l>Jedes Leben sei zu führen,</l>
                            <l>Wenn man sich nicht selbst vermisst;</l>
                            <l>Alles könne man verlieren,</l>
                            <l>Wenn man bliebe, was man ist.<note xml:id="n02">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2540">Erste
                                    Strophe des Gedichts «Suleika» von J. W. von Goethe (ders.,
                                        <hi rend="italic">West-östlicher Diwan. Buch Suleika</hi>,
                                    Berliner Ausgabe, Bd. 3, S. 95).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Ist da jene Bildung fürs Allgemeine, wie wir sie
                    das letzte Mal geschildert, nicht ein gefährlicher Abweg? Führt sie nicht
                    gerade dazu, dass der Mensch sein Besonderes, seine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> verliere, dass er dazu komme, sich selbst zu
                    vermissen, dass er <hi rend="italic">nicht</hi> bleibe, wie er ist?</p>
                <p>Ich habe schon das letzte Mal kurz angedeutet, dass dieser Gegensatz doch nur
                    scheinbar ist, dass er sich auflösen lässt. Der kurze Text aus Jakobus, den
                    ihr gehört habt, zeigt uns, dass er auch dieser Meinung gewesen ist:
                        <hi rend="italic">Die Frucht der Gerechtigkeit wird im Frieden ausgesät denen, die
                        Frieden halten</hi>. Also: im rechten Frieden mit den Menschen, gerade
                    in jener Bildung fürs Allgemeine wird und wächst auch der Friede der <term type="Sachen" key="Seele, Seelenfrieden">Seele</term>, findet der Mensch
                    sich selbst, sein <term type="Sachen" key="Bildung, im Allgemeinen sein Besonderes finden">Eigenstes</term>
                    <pb xml:id="p551" ed="pga"/> und Besonderstes. Und Beides ist nicht zweierlei,
                    sondern die zwei Seiten des einen <hi rend="italic">Friedens mit Gott</hi>, der höher
                    ist als alle Vernunft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>]. Dass Beides in uns eins werde, das ist die Frucht der
                    Gerechtigkeit, auf die wir warten und der wir nachgehen, das ist Gottes
                    freundliches Geschenk, und das ist unser ewiges Lebensziel.</p>
                <p>Wir wollen dem heute etwas genauer nachgehen und versuchen, die Brücke zu
                    finden zwischen dem Frieden mit der <term type="Sachen" key="Frieden, mit der Welt">Welt</term> und dem Frieden mit sich <term type="Sachen" key="Frieden, mit sich selbst">selbst</term>, zu
                    verstehen, wie das Allgemeine Suchen und das Besondere Finden zusammengehen
                    und letzten Endes eins und dasselbe sind.</p>
                <p rend="margin-top">Wir wenden uns zuerst nach innen, zu uns selbst und fragen
                    uns, wie wir unser eigenes Leben als gebildete Menschen einzurichten und zu
                    beurteilen haben. Da wird es sich bereits zeigen müssen, ob der rechte
                    Friede mit der Welt, d. h. die gebildete Richtung unsres Geistes auf das,
                    was außer uns <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> ist, für uns selbst, für die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, die <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>, Verlust oder Gewinn
                    bedeutet.</p>
                <p>Gebildet ist <hi rend="italic">der</hi> Mensch, der <hi rend="italic">objektiv</hi> wird, sagten
                    wir vor acht Tagen. Das Wort objektiv ist euch Allen bekannt: es bedeutet:
                    überlegen, beherrschend, verständnisvoll, sachgemäß. Und zwar ist das die
                    Objektivität des Gebildeten, dass er <hi rend="italic">sich selbst</hi> gegenüber
                    objektiv <term type="Sachen" key="Bildung, Objektivität sich selbst gegenüber">werde</term> und
                    urteilen lerne, also unabhängig, überlegen, sachgemäß über sich selbst. Es
                    ist Mancher objektiv oder sachgemäß in allerlei Einzelkenntnissen, die
                    allermeisten Menschen sind z. B. erschreckend sachgemäß in Geldsachen. Aber
                    Bildung ist das noch nicht. Denn die Bildung fängt erst da an, wo der Mensch
                    seinem Stoff gegenüber überlegen, d. h. aber unabhängig ist, wo er antworten
                    kann auf die Fragen: woher, wozu, wohin mit den Kenntnissen über dies und
                    das, mit dem Geld, mit alledem, dessen Gebrauch ich verstehen und
                    einzurichten weiß. Darauf weiß aber nur der zu antworten, der sich gebildet
                    hat, will sagen: mit Willen und Bewusstsein eingegliedert in die großen
                    Gemeinschaftsformen des Menschenlebens. Als Glied seiner <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term>, seines <term type="Sachen" key="Beruf">Berufes</term> und <term type="Sachen" key="Vaterland">Vaterlandes</term> oder als kleines und kleinstes Atom der
                    wissenschaftlichen oder künstlerischen Welt kommt er zum Bewusstsein seiner
                    selbst, wird er sich seines Ortes im Universum bewusst, an dem er
                    unentbehrlich ist, und damit wird ihm sein eigenes Leben verständlich und
                    übersichtlich. Je mehr er sich empfangend <pb xml:id="p552" ed="pga"/> und
                    schaffend einordnet als dienendes Glied in ein Ganzes, desto mehr bekommt er
                    jene Fähigkeit, sein eigenes Dasein, seinen Wert und Unwert richtig
                    abzuschätzen, desto mehr wächst seine Objektivität nicht nur den Dingen,
                    sondern sich selbst gegenüber, und dies Letztere ist erst die Objektivität
                    der wahren <term type="Sachen" key="Bildung, Objektivität sich selbst gegenüber">Bildung</term>. Der
                    Vorgang ist sehr einfach und leicht verständlich. Wenn ich <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>tätig eintrete in einen<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. mit Blaustift nachträglich korrigiert aus: «mitarbeite in einem».</note>
                     der Arbeitskreise der <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term>, nicht weil ich muss, sondern weil ich <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> will, dann mache ich ein Erlebnis von
                    fundamentaler Wichtigkeit, nämlich die Erfahrung, dass ich
                        <hi rend="italic">Mitarbeiter</hi> habe. Da arbeiten nebeneinander und miteinander
                    Frau und Magd, Meister und Geselle, Lehrer und Schüler je in denselben
                    Kreisen und an denselben Aufgaben. Es kann nicht anders sein, als dass man
                    dabei das Tun der Andern mit Sachkenntnis beobachtet. Und nun muss es sich
                    zeigen, ob wir uns bilden wollen oder ob wir noch nicht gemerkt haben, dass
                    wir noch ungebildet sind. Das Letztere würde man daran erkennen, dass wir
                    von vornherein meinen, wir selbst machten’s natürlich am besten und
                    die Andern seien nur Stümper gegen uns. Der Weg der <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term> ist der andre: wenn wir uns nämlich einen
                    Spürsinn ausbilden, in unserm engern oder weitern Kreis Menschen zu
                    entdecken, die <hi rend="italic">uns überlegen</hi> sind. Wenn ich merke:
                        <hi rend="italic">der</hi> ist weiter als ich und <hi rend="italic">der</hi> und
                        <hi rend="italic">der</hi> und <hi rend="italic">der</hi>, wenn ich auf die Schranken meines
                    eigenen Könnens und Wissens stoße und sie nicht vertusche, sondern
                    konstatiere: Da ist eine Schranke, darüber <hi rend="italic">bin</hi> ich noch nicht
                    hinweg, aber darüber <hi rend="italic">muss</hi> ich hinweg, dorthin, wo die Andern
                    sind, die dies besser können und verstehen, damit werde ich
                        <hi rend="italic">objektiv</hi>.<note xml:id="n03">Die Ausführungen zur
                        Objektivität und der Hingabe an das Ganze als Kennzeichen von Bildung
                        berühren sich eng mit <bibl corresp="kbga-bibls-2754"><persName ref="kbga-actors-752">R. Rothe</persName>, <hi rend="italic">Theologische Ethik</hi>, Bd. 4,
                        Wittenberg 1870<hi rend="sup">2</hi>, S. 145–147 (§ 970)</bibl>.</note>
                    Das will sagen: ich bekomme die Fähigkeit, mich selbst gleichsam mit beiden
                    Händen vor mich hinzuhalten und von allen Seiten zu besehen. Ich kann dann
                    zu mir selbst sagen: Also hier fehlt dir etwas gänzlich, hier bist du
                    rückständig, hier oberflächlich, hier geht es gerade so an, und hier könnte
                    es besser sein. Das ist die Objektivität der <term type="Sachen" key="Bildung, Objektivität sich selbst gegenüber">Allgemeinbildung</term>, meine Freunde, man bekommt sie nicht auf
                    einmal, auch hat sie keiner ganz, aber es kann <pb xml:id="p553" ed="pga"/> sie
                    jeder sich aneignen, wenn er ernst damit macht, in seinem kleinen oder
                    großen Kreis nicht bloß ein Arbeiter zu sein, sondern ein Mitarbeiter.</p>
                <p>Ich will euch sogleich ein Merkmal angeben, an dem jeder ohne weiteres
                    wahrnehmen kann, ob er objektiv und also gebildet ist oder nicht, und für
                    die, die denken, es bereits zu sein, mag <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> es ein
                    Gradmesser sein, an dem sie ablesen können, wie weit der Bildungsprozess
                    fortgeschritten ist. Das Merkmal und der Gradmesser, ob und wieweit du
                    gebildet bist, besteht in der Frage, ob du <hi rend="italic">Spaß verstehst</hi>.<note xml:id="n04">Vgl. auch hier <bibl corresp="kbga-bibls-2754"><persName ref="kbga-actors-752">a.a.O</persName>., S. 147</bibl>: «Mit diesem Sinne
                        für die Mannigfaltigkeit der Individualitäten und der individuellen
                        Standpunkte hängt auch das Vermögen zusammen, sich willkürlich in
                        paradoxe Gemüthsstimmungen zu versetzen, und aus ihnen heraus die Dinge
                        um sich her zu betrachten und darzustellen, d. h. die <hi rend="italic">Laune</hi>
                        […] und in höherer Potenz der <hi rend="italic">Humor</hi>.»<term type="Sachen" key="Bildung, Spaß auf eigene Kosten verstehen"/>
                        </note> Das kommt euch vielleicht merkwürdig vor, aber es ist doch so,
                    ihr könnt euch darauf verlassen. Selbstverständlich meine ich dabei nicht
                    die Fähigkeit, sich irgendwie zu amüsieren, das kann jeder Trottel. Sondern
                    es handelt sich um die Frage, ob und wie du es erträgst, dass sich ein
                    Anderer <hi rend="italic">über dich</hi> lustig macht und dass man <hi rend="italic">dich</hi>
                    auslacht. Dass man uns offen und im Ernst schilt und angreift, das lässt
                    sich ertragen, aber die schwerere Probe ist dagegen die feinere Waffe des
                    Auslachens, des Spottes. Da gibt’s Menschen, die sind sofort bereit
                    zu rufen: das geht zu weit, da hört der Spaß auf, da lasse ich mir nicht zu
                    nahe treten! – oft sind das gerade die, die am liebsten die Batterien
                    ihres Witzes gegen andere spielen lassen – wieder Andre ziehen sich
                    offen oder heimlich tief gekränkt in sich selbst zurück wie die Schnecke in
                    ihr Haus. Ob sie’s so oder so machen, die sind noch ungebildet, die
                    haben das noch nicht gelernt, sich selbst in beide Hände zu nehmen und
                    kritisch zu betrachten, sonst würden sie in das Lachen oder Lächeln der
                    Andern stillvergnügt einstimmen und bei sich selbst denken: du guter Freund,
                    wenn du mich kenntest, wie ich selbst mich kenne, du würdest viel bessere
                    und zutreffendere Späße über mich machen, als du’s jetzt tust. Dem
                    Gebildeten ist seine werte eigene Person nicht so ein mimosenhaftes <term type="Sachen" key="Bildung, eigene Person kein mimosenhaftes Heiligtum">Heiligtum</term>, das keine Berührung verträgt, denn in dem, was der
                    Andre da lachend über ihn sagen kann, erkennt er das, was er selbst längst
                    im Ernst zu sich selbst gesagt hat, und wenn er’s noch nicht getan
                    hat, wird es ihm ein Anlass sein, es schleunigst zu tun. <pb xml:id="p554" ed="pga"/> So ist <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName>
                    applaudierend in den vordersten Reihen des Theaters gesessen, als eine
                    Komödie von <persName ref="kbga-actors-4555">Aristophanes</persName>
                    aufgeführt wurde, in der er selbst in lächerlicher Figur auf der Bühne
                        erschien.<note xml:id="n05">Es handelt sich um das Stück «Die
                        Wolken»; die von Barth erwähnte Anekdote wird ähnlich berichtet in 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2764"><persName ref="kbga-actors-9295">L. Seeger</persName>,
                            <hi rend="italic">Aristophanes</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Die Acharner / Die
                            Frösche / Die Ritter / Die Wolken</hi>, Frankfurt/M. 1845,
                        S. 415f.</bibl>: «Sokrates […] war im Theater auf einem der besten
                        Plätze, und nicht etwa zufälligerweise da, sondern er wußte, daß er der
                        Gegenstand der Komödie sei. Um nun die Fremden aus ihrer Ungewißheit zu
                        ziehen, stand er auf, und blieb auch, so lange das Schauspiel dauerte,
                        im Angesicht der Zuschauer stehen. So erhaben fühlte sich Sokrates über
                        dem Spott der Komödie […].» Weiter heißt es allerdings a.a.O.,
                        S. 416: «An diesem Bericht ist höchstwahrscheinlich kein wahres Wort; er
                        ist eine der vielen Erdichtungen, die auf Kosten oder zur Ehre großer,
                        welthistorischer Männer erfunden werden.»</note> So hat 
                        <persName ref="kbga-actors-557">Friedrich der Große</persName>, als
                    er einmal an <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> einer Straßenecke von <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> ein Spottbild auf sich selbst
                    angeheftet sah, befohlen: Hängt es niedriger, damit es Alle sehen.<note xml:id="n06">Auf diese Anekdote wird die Redensart
                        zurückgeführt, nach der man eine Verleumdung o. ä. «niedriger hängen»
                        solle, um sie damit unschädlich zu machen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann, S. 434</bibl>.</note> Wer redet
                    heute noch von denen, die den <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> und <persName ref="kbga-actors-557">Friedrich der Großen</persName> auslachten? Die, die dort
                    ausgelacht <hi rend="italic">wurden</hi>, das waren die großen und wertvollen
                    Menschen, die Gebildeten, und dass sie das waren, kam gerade darin zum
                    Vorschein, dass sie sich auslachen <hi rend="italic">ließen</hi>, heiter und
                    stillvergnügt. Wer gebildet ist, kann das, ja, er lacht manchmal sich selbst
                    aus, je öfter, je besser. Denn er hat durch die Bildung gelernt, sich selbst
                    überlegen sein. Durch die Arbeit in der Gemeinschaft, durch das
                    Zusammendenken und Zusammenfühlen mit solchen, die besser sind als er, durch
                    den rechten Frieden mit der Welt hat er sich selbst kennen gelernt. Er ist
                    objektiv geworden.</p>
                <p>Aber das heißt nun<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift eingefügt.</note>
                     mitnichten, dass er deshalb im Allgemeinen verschwimmt, dass er sich
                    selbst verliert und aufgibt über dem Größeren und Besseren, das er bei
                    andern sieht, dass er den Frieden mit der Welt erkauft mit dem Frieden der
                    Seele. Das gerade Gegenteil: Im Strom der Welt bildet sich der <term type="Sachen" key="Charakter"><hi rend="italic">Charakter</hi></term>; wer sich
                    einordnet in den großen Organismus des gemeinsamen Lebens, sich einlebt in
                    die Ge<pb xml:id="p555" ed="pga" break="no"/>danken und Werke der Andern, der wird ein
                    Besonderer, etwas ganz für sich, der erfüllt eben damit seines eigensten
                    Lebens Bestimmung, der wird eine <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>. Man könnte hier wieder von einem Naturgesetz der
                    Geisteswelt reden, das sich auf allen Gebieten bemerkbar macht. Hinaustreten
                    ins Leben der Andern, das heißt hineintreten ins eigene Leben, sich hingeben
                    heißt sich finden, gegen sich selbst objektiv und überlegen werden, das
                    heißt seine Eigenart begründen und entdecken. Du siehst die rollenden
                    Kieselsteine im Bach. Droben in den <term type="Sachen" key="Berge ( Bergwelt">Bergen</term> waren sie als Felsblock eine
                    einzige unterschiedslose Masse. Da fiel der Felsen zu Tal, zerbarst in
                    tausend Trümmer, das Wasser <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> aber führt sie
                    talabwärts und gibt seitdem in rastlosem Schieben und Schleifen jedem seine
                    besondere Form und Gestalt, also dass keiner ist wie der andre. Wollen wir
                    mit? Wollen wir auch etwas Eigenes und Besonderes werden? Dann heraus aus
                    den muffigen Gedanken und Wünschen der Selbstsucht, die das Merkmal sind der
                    großen unterschiedslosen Masse, dann hinein in das fleißige Rauschen der
                    Lebensbäche! Fürchte du nicht, dabei deine kostbare Seele zu verlieren,
                    fürchte dich nicht, zu kurz zu kommen in der großen einsamen Angelegenheit,
                    die nur dich angeht und den unendlichen Gott und Geist, der aller Wesen
                    Licht und Leben ist.<note xml:id="n07">Wohl eine Anspielung auf
                        den Schluss der ersten Strophe des im Gottesdienst gesungenen Liedes
                        «Jesu, Seelenfreund der Deinen» (s. unten, Lieder): «Gieße deine
                        Geistesflammen, / Gieße Licht und Leben aus / Über dies, dein
                        Gotteshaus.»</note> Die Welt ist der Ort, wo man seine Seele findet, die
                    Welt ist der Ort, wo wir Augen und Ohren bekommen für Gottes Werke und
                    Worte.</p>
                <p>Habt ihr gesehen, wie der fürs Allgemeine Gebildete schon
                        <hi rend="italic">äußerlich</hi> sich verrät als einer, der etwas Besonderes
                    geworden ist? Wie seine Züge etwas annehmen, was so zum zweiten Mal nicht zu
                    finden ist, etwas Bestimmtes, Scharfgeschnittenes? <term type="Sachen" key="Charakter, Charakterköpfe">Charakterköpfe</term> nennt man das,
                    weil sie sich schon von Weitem abheben und unterscheiden von den
                    Durchschnittsgesichtern des Marktes. Warum gibt es so wenig Charakterköpfe?
                    Im tätigen Leben und Denken und Handeln werden sie geschnitten und bestimmt.
                    Ist es denn wahr, dass die Mehrheit der Menschen formloses Wachs ist, dass
                    sie dem Strom des Lebens lieber vom Ufer aus zusehen?</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p556" ed="pga"/> Aber wenn wir unsre Eigenart entdecken und uns deutlich machen durch die
                    Arbeit an dem, was Allen gemeinsam ist, dann will das mehr sagen, als dass
                    die Gesichtszüge anders werden, nur ein Abbild und Merkmal ist jenes Äußere
                    von dem, was innen vorgeht. Da besinnt sich der gebildete Mensch auf das,
                    was wertvoll ist und dauernd auch an seiner natürlichen geistigen Anlage, an
                    dem, was er von Vätern und Vorvätern ererbt. <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>
                    Nicht mehr in blinder Abhängigkeit steht er den Verhältnissen gegenüber,
                    durch die er geworden, sondern er lernt wählen zwischen dem, was vergänglich
                    ist wie die Zeit, und dem, was innerlich zu ihm gehört und was er mit sich
                    nehmen muss auf den weiten Weg, wenn er er selbst bleiben soll. Frei und
                    selbständig steht er vor den Formen des geistigen Lebens, in denen er
                    aufgewachsen, nicht um sie in barbarischer Gleichgiltigkeit gegen das, was
                    geworden ist, abzuwerfen, sondern um sie in freier Aneignung zu eigenen
                    Lebensgütern zu machen. Im Klang seiner <term type="Sachen" key="Sprache, Muttersprache"><hi rend="italic">Muttersprache</hi></term>, meine
                    Freunde!, erkennt ein gebildeter Mensch den Ton seines innersten Wesens. Ihn
                    preisgeben hieße für ihn, sich selbst preisgeben. Wir haben die Ehre, die
                    Sprache der <term type="Sachen" key="Lutherbibel">Bibel</term>
                    <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> zu sprechen, die
                    Sprache <persName ref="kbga-actors-764">Schillers</persName> und
                        <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName>.
                    Mit tausend Fäden sind wir mit ihrem geistigen Leben verknüpft, wenn wir
                    Gebildete sind. Was soll man aber dazu sagen, wenn man sieht, wie sie in
                    unsrer <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Gemeinde</term> auf der ganzen Linie preisgegeben wird um der
                    Interessen der Bequemlichkeit willen, wie die Familien den unverschämten
                    Zumutungen mancher Schulbehörden nachgeben und ihre Kinder gänzlich in einer
                    fremden Sprache oder in einem barbarischen Kauderwelsch aufwachsen lassen,
                    wie die Jugend und manche Erwachsene mit ihr sich dessen schämen, was gerade
                    in der Fremde ihr höchster Stolz sein sollte?<note xml:id="n08">Von der Abkehr der Mitglieder der deutschen Gemeinde in <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Genf</term>
                        vom <term type="Sachen" key="Sprache, deutsche">Deutschen</term> zeugt
                        auch eine Notiz <persName ref="kbga-actors-636">Adolf Kellers</persName> zum neuen, dem sechsten Jahrgang des
                        Gemeindeblattes, in der es u. a. hieß: «Für viele Deutsche in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> ist es die einzige deutsche
                        Lektüre, die sie noch erreicht, eine liebe Erinnerung an die deutsche
                        Heimat, das deutsche Wesen, dem sie entstammen. Deshalb vertritt das
                        Gemeindeblatt ausser den kirchlichen Fragen auch die allgemeinen
                        Interessen, die das Deutschtum in Genf hat, soweit diese nicht allzu
                        sehr politischer Art sind» (<bibl corresp="kbga-bibls-2765">Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte
                        Gemeinde Genf, Jg. 6, Nr. 31, 17.9.1909, [S. 4]</bibl>).</note> Täuscht euch
                    nicht, meine Freunde, gebildete Deutsche seid ihr <hi rend="italic">nicht mehr</hi>,
                    wenn <pb xml:id="p557" ed="pga"/> ihr’s macht, <hi rend="italic">wie</hi>
                    ihr’s macht, und gebildete Franzosen seid ihr doch <hi rend="italic">noch
                        nicht</hi>, ihr nicht und eure Kinder auch nicht. Seine <term type="Sachen" key="Sprache, und Bildung">Sprache</term> aufgeben heißt
                    seine Bildung, seine <term type="Sachen" key="Sprache, und Eigenart">Eigenart</term> aufgeben, heißt seine Familie auf Generationen zu einem
                    unerfreulichen Volk von kulturlosen, innerlich heimatlosen Mischlingen
                    machen. |</p>
                <p>Und wie das Gut der Muttersprache, so entdeckt der Gebildete den Eigenwert
                    der <hi rend="italic">Sitte und Gewohnheit</hi>, in denen er aufgewachsen. Wäre <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> unser <term type="Sachen" key="Schweizer / Eidgenossen">Schweizervolk</term> wahrhaft gebildet, es
                    wäre nicht dazu gekommen, dass wir jetzt an den schönsten Punkten unsres
                    Landes statt der in die Landschaft hineingewachsenen Hütten der Bergbewohner
                    unförmliche Hotelpaläste wahrnehmen müssen, die ebenso gut in Paris oder
                    Berlin stehen könnten, man müsste es nicht mitansehen, wie die alten
                    Trachten des Volkes den städtischen Allerweltskleidern das Feld räumen
                    müssen. Wo Bildung ist, da <hi rend="italic">ist</hi> auch <term type="Sachen" key="Schweiz, Heimatschutz">Heimatschutz</term>,<note xml:id="n09">Zur Gründung der «Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz»
                        / «Ligue pour la conservation de la Suisse pittoresque» (kurz: <term type="Sachen" key="Schweiz, Heimatschutz">«Heimatschutz»</term>)
                        war es 1905 gekommen, seit 1908 gab es auch eine Sektion im Kanton Genf.
                        Grund dafür war, ganz im Sinne von Barths obigen Ausführungen, «vor
                        allem die zunehmende Zerstörung der landschaftlichen Schönheit unseres
                        Landes durch Nutzbauten»; Aufgaben des Heimatschutzes sollten u. a.
                        sein: «Schutz der landschaftlichen Naturschönheiten, Pflege der
                        überlieferten ländlichen und bürgerlichen Bauweise, Förderung einer
                        harmonischen Bauentwicklung, Erhaltung der heimischen Gebräuche und
                        Trachten, Mundarten und Volkslieder» (<bibl corresp="kbga-bibls-2766"><persName ref="kbga-actors-4817">E. Leisi</persName>, Art. «Heimatschutz», in: HBLS 4,
                        S. 127f., dort S. 128</bibl>).</note> eins ist vom Andern nicht zu trennen.
                    Denn Bildung zeigt sich – nicht in der blöden Konservierung alles
                    Alten – aber in der charaktervollen Behauptung dessen, was uns
                    eigentümlich ist. – |</p>
                <p>Und nun lasst mich in diesem ungewohnten Zusammenhang auch ein Wort über die <term type="Sachen" key="Religion"><hi rend="italic">Religion</hi></term> sagen.
                    Ich meine jetzt noch nicht das tief innerliche Leben und Erleben des
                    Menschen, der eine Seele geworden – wir reden nachher davon –
                    sondern ich meine die Religion, sofern sie wie Sprache und Sitte ein Teil
                    unsrer angeborenen, von den Vätern überkommenen <term type="Sachen" key="Religion, als Teil der überkommenen Art">Art</term> ist, die
                    Religion als christliche Lehre und christliche <term type="Sachen" key="Religion, als Lehre und Sitte">Sitte</term>. Die Meisten von uns
                    sind geneigt, diese mehr äußern Elemente als etwas eher Zweifelhaftes zu
                    betrachten, wenn nicht, sie dem Strom der Zeit zu überlassen, dass er sie
                    gänzlich wegschwemme. Aber auch die Konservativsten auf diesem Gebiet sind
                    heute mit oder ohne ihren Willen insofern Kinder des neuen Geistes, als sie
                    das <pb xml:id="p558" ed="pga"/> eherne Bollwerk der Gewissheit <term type="Sachen" key="Gewissheit, Gottes">Gottes</term> anderswo suchen als
                    in unveränderlichen heiligen Lehren und Geboten. Es ist gut so, wir wollen
                    den Weg, den wir gegangen sind, nicht zurückgehen. Und doch muss unsre
                    Stellung zu den Gedanken, in denen unsre Väter den Ausdruck ihres <term type="Sachen" key="Glaube, der Väter">Glaubens</term> gefunden, eine
                    andre werden, wenn wir nicht bloß aufgeklärte, sondern gebildete <term type="Sachen" key="Christen, gebildete und aufgeklärte">Christen</term>
                    sein wollen. Wir müssen den Zusammenhang wieder entdecken zwischen dem, was
                    sie dachten, und dem, was wir denken, müssen lernen, die Gedanken der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> und der alten
                        <term type="Sachen" key="Lehre, alte L. der Kirche">Lehre</term> der
                    Kirche liebevoll, von innen heraus zu verstehen und zu begreifen. <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Was gilt’s, wir werden dabei auf Schritt
                    und Tritt auch in den scheinbar wunderlichsten Formen unsre eigenen
                    Überzeugungen wiederentdecken, und indem wir die Verwandtschaft spüren mit
                    denen, die vor uns gewesen sind, wird unsre eigene Art sich vertiefen und
                    bereichern; wir werden besser wissen, warum wir Christen sind und nicht
                    Muhammedaner oder Buddhisten, und indem wir’s besser wissen, werden
                    wir auch bessere Christen <hi rend="italic">sein</hi>. Ein <term type="Sachen" key="Christentum, geschichtsloses Chr. wird kultur- und heimatlos">Christentum</term>, das seine geschichtlichen Formen hinter sich werfen
                    will wie eine vertrocknete Schale, wird kulturlos und heimatlos wie der, der
                    seine Sprache und Sitte preisgibt. Erst recht ist es selbstverständlich für
                    einen gebildeten religiösen Menschen einfach unmöglich, seine <term type="Sachen" key="Konfessionswechsel">Konfession</term> mit einer
                    andern zu vertauschen oder auch nur eine Ehe einzugehen mit dem <term type="Sachen" key="Ehe, konfessionsverschiedene">Versprechen</term>, die
                    Kinder in der andern Konfession erziehen zu lassen, wie es hier häufig
                        vorkommt.<note xml:id="n10">Erst unter napoleonischer
                        Herrschaft war die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche in der
                        damaligen Republik <term type="Sachen" key="Genf (Republik)">Genf</term>
                        wieder erlaubt worden, was bei Eintritt Genfs in die Eidgenossenschaft
                        1815 bestätigt wurde. Schnell war die Zahl von Protestanten und
                        Katholiken im Kanton <term type="Sachen" key="Genf (Kanton), Konfessionen">Genf</term> etwa gleich groß, seit
                        den 1860er Jahren und bis 1910 gab es etwas mehr Katholiken als
                        Protestanten (76 785 bzw. 70 525; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2767"><hi rend="italic">Ökumenische
                            Kirchengeschichte der Schweiz</hi>, hrsg. von L. Vischer u. a.,
                        Freiburg/CH / Basel 1994, S. 266</bibl>). Die Zahl konfessionsverschiedener
                        Ehen war hier deshalb und natürlich auch aufgrund des traditionell
                        offeneren Stadtmilieus vergleichsweise hoch. Den Genfer Protestanten
                        galten diese Ehen und besonders die häufiger katholische Kindererziehung
                        in ihnen als Bedrohung der Genfer Identität. Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2768"> <persName ref="kbga-actors-9296">G. Guisolan</persName>, <hi rend="italic">Les
                            enjeux protestants de la prévention des mariages mixtes
                            1840–1950</hi>, in: ZSKG 96 (2002), S. 79–95, dort
                        bes. S. 80–90</bibl>.</note> Man kann sein Christentum nicht mit einem
                    andern vertauschen wie man einen Rock wechselt, ohne ein charakterloser
                    Mischling zu werden. Und was hat <pb xml:id="p559" ed="pga"/> es für einen Sinn,
                    eine Familie zu begründen, wenn das Beste an meiner Eigenart, meine
                    Religion, in ihr nicht fortbestehen soll? Gerade wir <term type="Sachen" key="Protestantismus, Oberflächlichkeit">Protestanten</term> sind in
                    diesem Punkt oft so unglaublich oberflächlich und hätten von der
                    Überzeugungstreue von Katholiken und Juden viel zu lernen.</p>
                <p>Aber wir wollen diese Linie nicht weiter verfolgen. Wenn Jesus uns davor
                    warnt, durch einen falschen <term type="Sachen" key="Frieden, falscher Fr. mit der Welt">Frieden</term> mit der Welt
                    Schaden an unsrer <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> zu nehmen,
                    und wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in scheinbarem
                    Widerspruch dazu und doch in tiefstem Einklang damit sagt, die Frucht der
                    Gerechtigkeit wachse da, wo die Saat des rechten Friedens mit der Welt
                    ausgesät sei, dann meinen sie offenbar mit der Seele und der Frucht der
                    Gerechtigkeit, die es zu erhalten oder zu gewinnen gelte, noch etwas
                    Tieferes und Größeres als bloß die charaktervolle Behauptung dessen, <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> was wir einmal sind. Das gehört dazu, ja das
                    ist notwendig die eine Seite des Persönlichkeitswertes, des Seelenwertes der
                    wirklichen Bildung.</p>
                <p> Aber größer ist das Andre, dass durch die <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term>, durch den rechten Frieden mit der Welt, die Seele, die
                        <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>
                    hinauswächst über das, was sie kraft ihrer natürlichen geistigen Anlage
                        <hi rend="italic">ist</hi>. Und jenes Erhalten und Pflegen dessen, was wir
                        <hi rend="italic">sind</hi>, ist nur dann gut und charaktervoll, wenn es das
                    Zweite ist, wenn vorangegangen ist das <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>Größerwerden als wir
                        sind<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus:
                            «Hinauswachsen über uns selbst».</note>, das Anstreben dessen, was wir <hi rend="italic">werden</hi> sollen. Und hier
                    nehmen wir den Vorgang der Bildung wahr in seiner reinsten Gestalt.</p>
                <p> Von den Soldaten <persName ref="kbga-actors-292">Napoleons I.</persName> wurde gesagt, es trage ein jeder von ihnen den Marschallsstab
                    im Tornister.<note xml:id="n11">Die Wendung – im
                        Original: «Tout soldat français porte dans sa giberne le bâton de
                        maréchal de France» – wird zwar <persName ref="kbga-actors-292">Napoleon</persName> zugeschrieben, ist aber in
                        ähnlicher Form erstmals belegt für eine Ansprache <persName ref="kbga-actors-9297">Ludwigs XVIII.</persName> am
                        8. August 1819; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 405f</bibl>.</note> Es gilt etwas Ähnliches von jeder
                    Menschenseele. Sie trägt ein <hi rend="italic">Bild</hi> in sich von dem Besten, was
                    aus ihr werden kann, was weit über dem steht, was sie in Wirklichkeit ist,
                    und was doch Wahrheit ist in weit höherm Sinn, als der gemeine Schein es
                    Wort haben will.<note xml:id="n12">«Etwas Wort haben wollen»
                        steht für: «wollen, dass etwas gesagt wird» (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-98">DWB 30,
                        Sp. 1505</bibl>).</note> <persName ref="kbga-actors-322">Plato</persName> hat gesagt, dies Bild des
                    Besten und <pb xml:id="p560" ed="pga"/> Größten, was aus der <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, der <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term> werden kann, das sei eine selige Erinnerung an
                    die vorzeitliche Zeit, da sie als Reigengenossin eines Gottes durch den
                    Himmel zog.<note xml:id="n13">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2769"> <persName ref="kbga-actors-3742">K. Vorländer</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der
                            Philosophie</hi>, Bd. 1: <hi rend="italic">Altertum, Mittelalter und Übergang
                            zur Neuzeit</hi>, Leipzig 1908<hi rend="sup">2</hi>, S. 95</bibl>: «Zur
                        Ideenschau wird daher gefordert Abkehr von der Außenwelt, Ruhe und
                        Sammlung der Seele (Phaedo) und ein ‚Nachspüren bei sich selbst’,
                        […]. In diesen Zusammenhang gehört der zuerst im Meno angewandte
                        Mythus von der ‚<hi rend="italic">Wiedererinnerung</hi>’ (<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἀνάμνησις</foreign>): wonach die im Schauen
                        begriffene Seele sich an das wieder erinnert, was sie einst vor ihrer
                        irdischen Existenz droben geschaut hat, da sie als Reigengenossin eines
                        Gottes durch den Himmel zog.» Im Exemplar Barths ist der letzte Satz
                        unterstrichen.</note> Das ist derselbe tiefe und wahre Gedanke, den
                    Jesus einmal so ausdrückte, es habe jeder Mensch, auch der Geringste seinen
                    Engel im Himmel, der allezeit das Angesicht Gottes des <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term> sehe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.10">Mt. 18,10</ref>]. Und das ist <term type="Sachen" key="Bildung"><hi rend="italic">Bildung</hi></term> im tiefsten, eigentlichsten
                    Sinn, dass wir diesem <hi rend="italic">Bilde</hi>, das in uns ist und doch über <term type="Sachen" key="Seele, Urbild">uns</term>, ähnlicher werden. Aber das
                    geschieht nicht so, dass wir uns andächtig und grüblerisch mit uns selbst
                    beschäftigen und mit den geheimnisvollen Möglichkeiten, die in uns verborgen
                    sein könnten – das tun allerdings sehr viele Menschen, und im Alter
                    von 16–20 <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Jahren tun wir es gemeiniglich
                    alle – aber dieser Zustand der <term type="Sachen" key="Bildung, als Selbstbeschau unmöglich">Selbstbeschaulichkeit</term>
                    ist doch ein krankhafter, anormaler Zustand, über den wir schleunigst
                    hinausmüssen. Man kann sich die Bildung, die Verwirklichung jenes Bildes,
                    das vor uns steht, nicht aus den Fingern saugen. Man darf nicht meinen, man
                    könne <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschaft</term> oder <term type="Sachen" key="Kunst">Kunst</term> oder irgendetwas Großes einfach
                    aus sich herauswickeln wie einen Streifen Band. Das, was ich selbst werden
                    soll, kann ich nur verstehen und aus mir entwickeln, wenn ich mich unter die
                    Andern mische, wenn ich mir klar werde darüber, was sie vor mir und neben
                    mir gelebt, gedacht, getan haben, und je umfangender und eindringender ich
                    sie verstehe, sie auf mich wirken lasse, desto tiefgehender und umfassender
                    wird meine eigene <term type="Sachen" key="Bildung, mit und von anderen">Bildung</term> und Lebensgestaltung werden. Ich empfange sie von
                    Andern, und doch ist sie ganz mein Werk und meine Aufgabe. Ein Mensch, ein
                    Buch treten in den Umfang meines Lebenskreises zunächst als Fremdkörper, mit
                    denen ich nichts anzufangen weiß, außer dass sie mir vielleicht vom
                    Hörensagen sympathisch oder unsympathisch sind. Aber nun verändert sich die
                        <pb xml:id="p561" ed="pga"/> Situation: ich lerne den Menschen kennen, ich
                    schlage das Buch auf, die Lebensinhalte und -werte des Andern, seine
                    Gedankenmassen strömen hinüber in die meinen, ziehen da weitere und weitere
                    Kreise, wie wenn ein Fluss in den andern mündet. Vielleicht ist die
                    Erweiterung des Gesichtskreises, die Förderung meiner Eigenart, die ich
                    durch dies eindringende fremde Element erfahre, so gering, dass ich selbst
                    es kaum bemerke, es bald wieder vergesse, aber vielleicht gibt dies
                    Eindringende dem Fluss meines innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> einen ganz neuen Charakter, er muss
                    eine neue Richtung einschlagen unter dem übermächtigen Druck der fremden
                    Gewässer, oder er geht zwar in derselben Richtung weiter, aber er wird nun,
                    durch das Wasser des andern verstärkt, ein tieferes und breiteres Bett sich
                    graben als zuvor. <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Es ist derselbe Fluss, und
                    doch ist’s nicht mehr derselbe. Er hat den andern in sich
                    aufgenommen, und der andre hat sich in seine Stromrichtung und
                    Stromgeschwindigkeit mehr oder weniger fügen müssen, und doch wäre er ohne
                    den andern nicht, was er ist. |</p>
                <p>Und nun denkt euch, was ich da als einen einzelnen Fall schildere,
                    tausendfältig vermehrt, so habt ihr eine Anschauung von dem Werdegang
                    menschlicher <term type="Sachen" key="Bildung, Werdegang menschlicher B.">Bildung</term>. Dein Leben mag immer ein bescheidenes Flüsslein noch
                    sein, es hat doch die Anlage und Bestimmung, ein <placeName ref="kbga-places-295">Rheinstrom</placeName> zu werden, der die Wasser aus der Nähe und
                    Ferne in sich versammelt und vereinigt, der wächst und zunimmt, bis er sich
                    zum Meerbusen erweitert, und der doch derselbe bleibt, sich selber getreu.
                    Aber wenn du das Große werden willst, was du werden kannst und sollst, dann
                    darfst du dich nicht verlaufen irgendwo abseits und in einer trägen Pfütze
                    dein Dasein beschließen, sondern dann heißt es die Gefährten aufsuchen, die
                    deiner Art sind und doch wieder verschieden in unendlicher Mannigfaltigkeit,
                    dann heißt es zur Linken und Rechten – nicht einfach Einflüsse zu
                    erleiden, wie es auch der Ungebildete tut – sondern sich öffnen in selbständiger<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus: «williger».</note>
                     Empfänglichkeit für Alles, was geeignet ist, uns hinauszuführen über
                    die bis jetzt erreichte Stufe, näher jenem <term type="Sachen" key="Seele, Urbild">Urbild</term>. Alles kommt darauf an, dass du
                        <hi rend="italic">willig</hi>
                    <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>und selbständig<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift ergänzt.</note>
                     jene Erweiterung deines Daseins suchest, dass du bewusst und aus
                    ganzem Herzen dich einordnest in die geistige Ge<pb xml:id="p562" ed="pga" break="no"/>meinschaft der Menschen, dich öffnest dem Universum der Geister. Du selbst
                    musst dabei sein, wenn du selbst vorwärts, höher kommen sollst. Du selbst
                    musst bei den Andern suchen, wenn du selbst bei den Andern finden willst.
                    Der junge <persName ref="kbga-actors-360"><hi rend="italic">Schleiermacher</hi></persName> war es, der das tiefsinnige Wort
                    gesagt hat: «Keine Bildung ohne <hi rend="italic">Liebe</hi> und ohne eigene Bildung
                    keine Vollendung in der Liebe.»<note xml:id="n14">Vgl.
                            <bibl corresp="kbga-bibls-495"><hi rend="italic">Friedrich Schleiermacher’s Monologen. Kritische
                            Ausgabe</hi>, hrsg. von Fr. M.
                        Schiele (PhB 84), Leipzig 1902, S. 38</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-497">Kritische Gesamtausgabe, Abt. I,
                        Bd. 3: Schriften aus der Berliner Zeit, hrsg. von G. Meckenstock,
                        Berlin / New York 1988, S. 1–61, dort S. 22</bibl>.</note> Die Bildung,
                    die gereift ist zur Liebe, und die Liebe, die <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/>
                    zur Reife geführt ist durch die <term type="Sachen" key="Bildung, und Liebe">Bildung</term>, das ist der rechte Friede mit der <term type="Sachen" key="Frieden, mit der Welt">Welt</term>, und aus der Saat dieses
                    Friedens <hi rend="italic">wächst</hi> die Frucht der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, <hi rend="italic">wird</hi> die <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term> von unendlichem Wert. Und so ist
                    das Eine, worauf Alles ankommt, das, dass der Kontakt und Rapport der Liebe
                    hergestellt werde zwischen dir und jenem Universum der Geister, dass du
                    nicht als ein Fremder unter Fremden deinen Weg gehest, sondern als ein
                    Heimatberechtigter im <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reiche</term>
                    des <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vaters</term>. Und so bedeutet das
                    Eins und Alles, dass <hi rend="italic">Gott</hi> deine und meine Bildung übernehme.
                    Unsrer natürlichen Art entspricht das nicht, uns aufzuschließen und durch
                    Geben und Empfangen lebendige Seelen zu werden. Wir möchten immer wieder
                    fliehen auf jene Insel unsrer kleinlichen Selbst-Interessen, wo die
                    Beschränktheit regiert und wo darum das Bild, das vor unsrer Seele steht,
                    ein Ideal ist, das uns traurig macht, weil es uns ewig ferne bleibt. Da muss
                    etwas ganz Neues in unser Dasein hineintreten, wenn das strebende Leben in
                    uns nicht nur erwachen, sondern wirksam werden, wenn die Liebe der Bildung
                    zur Bildung der <term type="Sachen" key="Bildung, und Liebe">Liebe</term>
                    reifen, wenn aus dem <term type="Sachen" key="Egoismus">egoistischen</term>
                    Krieg Aller gegen Alle<note xml:id="n15">Anspielung auf 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-847"><persName ref="kbga-actors-2041">Thomas Hobbes</persName>, der mit
                        diesem Ausdruck («bellum omnium contra omnes»; <hi rend="italic">De cive</hi>
                        I,12)</bibl> den von ihm vermuteten Naturzustand der Menschheit
                        beschrieb.</note> der Friede werden soll, aus dem die Frucht der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, ein
                    tatsächliches ewiges Leben der <term type="Sachen" key="Seele, Ewiges Leben">Seele</term> wachsen kann<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift korrigiert aus:
                            «soll».</note>.</p>
                <p>Die Schöpferkraft, die jenes Neue in uns wirkt, ist Gott. Er ist der Herr der
                    Geisterwelt, deren Bürger wir werden sollen. Er kennt aber auch jeden der
                    Seinen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.2.19">2.Tim. 2,19</ref>]
                    und führt ihn seinem <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reiche</term>
                    zu, früher und besser und vollständiger, als wir es uns ahnen lassen.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p563" ed="pga"/> Wir aber kennen als Glieder der christlichen Gemeinde <hi rend="italic">Jesus
                        Christus</hi> als den Menschen, dessen Art es ist wie die keines
                    zweiten, die Liebe in uns zu erwecken, die das Eins und Alles ist zur <term type="Sachen" key="Bildung, und Liebe">Bildung</term>. Denn in ihm sehen
                    wir das vereint <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> zu unlöslicher Einheit, was bei
                    uns immer noch auseinanderklafft. Er war eine Seele, eine Persönlichkeit,
                    aber er war es, weil er die Welt der Geister in Liebe in sich aufgenommen,
                    weil nichts Menschliches ihm fremd war.<note xml:id="n16">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-2770"><persName ref="kbga-actors-1411">Terenz</persName>, <hi rend="italic">Heautontimorumenos</hi> I, 1,25</bibl>, vgl.
                        unten, <ref type="pub" target="../volume/53/p697#fn_n04">S. 697, Anm. 4</ref>.</note> In ihm war das Urbild, das als
                    fernes Ziel vor unsern Augen steht, gegenwärtige Wirklichkeit, und es war
                    es, weil er nichts für sich selbst sein wollte. Das war Gottes Art, die in
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung Gottes">ihm</term>
                    sich kundgetan hat. An ihm teilhaben, sein <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> sein im Geist und in der Wahrheit, <hi rend="italic">das</hi> heißt
                    teilhaben an der Schöpferkraft, die uns vorwärts führt, über uns hinaus und
                    doch in uns hinein, zum Frieden mit der Welt und doch in den Frieden der
                    Seele. Und wir rufen <hi rend="italic">Gott</hi> an, wenn wir gläubig betend ihn
                    anrufen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Lass uns so vereinigt werden,</l>
                            <l>Wie du mit dem Vater bist,</l>
                            <l>Bis schon hier auf dieser Erden</l>
                            <l>Kein getrenntes Glied mehr ist,</l>
                            <l>Und allein von deinem Brennen</l>
                            <l>Nehme unser Licht den Schein:</l>
                            <l>Also wird die Welt erkennen,</l>
                            <l>Dass wir deine Jünger sein.<note xml:id="n17">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-21">Strophe
                                    7 des Liedes «Herz und Herz vereint zusammen» von 
                                    von <persName ref="kbga-actors-441">N. L. Graf Zinzendorf</persName> (GERS 161; RG 793; EG
                                251).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-62">Nr. 10: «Lobe den Herren, o meine Seele» von <persName ref="kbga-actors-1370">J. D. Herrnschmidt</persName>,
                            Strophen 1–3 (RG 99; EG 303).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-279">Nr. 181: «Jesu, Seelenfreund der Deinen» von <persName ref="kbga-actors-5709">M. Hahn</persName>, Strophen
                            1–3.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-139">Nr. 163: «Eine Herde und ein Hirt» von <persName ref="kbga-actors-1377">Fr. A. Krummacher</persName>, Strophen
                            1.3.6.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.1 Eph.4.16">Epheser 4,1–16</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
