Predigt: Jakobus 3,1-12
Der erste der vorgelesenen Verse ist einer der geeignetsten Texte für die
Predigten, die ein
Pfarrer immer wieder sich selbst
halten muss: «Es dränge sich nicht jedermann dazu, Lehrer zu sein. Ihr
sollt wissen, dass wir ein umso strengeres Urteil empfangen
werden.» Es scheint, dass unter den Christen, an die
Aber ich will nicht näher auf diesen ersten Vers eintreten. Was darin gesagt
ist und was ich darin gelesen habe, hat für euch nicht die dringliche
Bedeutung wie für mich. Denn wenn uns da gesagt wird: es dränge sich nicht
jedermann dazu, Lehrer zu sein, so
wäre es heute weitesten Kreisen gegenüber eher nötig, das Gegenteil zu
betonen: Ihr dürft euch nicht der Aufgabe entziehen, mitzuhelfen das Evangelium zu verkündigen. Es ist ja wohl aus den Zeitungen
bekannt, dass die Zahl der Theologiestudierenden gegenwärtig überall hinter dem Bedürfnis
zurückbleibt, besonders auffallend und beängstigend in den protestantischen
Kirchen von Frankreich, aber auch in Deutschland und bei uns
in der Schweiz.2 Ebenso steht es
in der Heidenmission:3
|517 Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige
[
518 Aber die Gedanken unsres Textes führen uns heute in andrer Richtung, und es
soll genügen, dass jene Mahnung des ersten Verses auch im umgekehrten Sinn
wenigstens zum Ausdruck gekommen ist. Nach jenem kurzen Wort an die
Zudringlichen, die alle gerne predigen möchten, entwirft nämlich
Die Zunge ist ein kleines Glied und richtet große Dinge
an! Dies Wort aus unserm Text hat ja beinahe sprichwörtliche
Bedeutung erlangt. Und es ist nicht zu bestreiten: Wenn wir zunächst einmal
ganz absehen von der Frage, wieviel Böses und Gutes durch das Mittel der Rede in der
Welt geschaffen wird – auf alle Fälle ist die Zunge, ist das Reden
die Großmacht im Leben der Menschen. Wenn man
eine Aufzählung der eigentlich wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte machen wollte, so
würde vielleicht eine Geschichte der menschlichen Zunge herauskommen. Denn
auch bei den Vorgängen, wo auf den ersten Blick scheinbar einfach die rohe
Gewalt der Waffen oder heutzutage die feinere Gewalt des Geldes die
Geschichte gelenkt hat, auch da würde ein Ohr, das zu hören vermöchte, was
in den Geschichtsbüchern nicht erzählt ist, im Hintergrunde die
Betriebsamkeit von allerlei Zungen vernehmen, von Männerzungen und besonders
auch Frauenzungen. Das eine Mal mögen’s Ströme von Worten gewesen
sein, die geflossen sind, schäumend und sprudelnd, bis die Dämme gebrochen
waren – man kennt ja das –, das andre Mal bloß ein kleiner,
scharfer, giftiger Pfeil, der wohlgezielt dieselbe Wirkung tut. Das eine Mal
das wohldurchdachte Gebäude edler philosophischer Beredsamkeit, das andre
Mal der gewöhnliche Dorfklatsch, wie ihn die Menschheit von Anfang an
geklatscht hat und wie er im klassischen Athen ebenso wohl zu Hause war wie
im heutigen
Ich weiß schon: all die Zungen, die nun seit den Tagen
Die Zunge ist die große Gestalterin des Menschenlebens. Wenn ihre Arbeit in den großen Geschicken der Welt nur verborgen erscheinen mag, so ist sie jedenfalls offenkundig im Leben des einzelnen Menschen. Durch die Zungen der Mitmenschen werden wir, was wir sind. Ein Kind, das in einem Kreis aufwächst, in dem der Dorfklatsch das Tischgespräch ist, wird mit höchster Wahrscheinlichkeit auch ein |520 Klatscher oder eine Klatscherin werden, wenn nicht das andre Extrem eintritt, dass es gerade durch seine Umgebung in die Einsamkeit und Schweigsamkeit, in die Gedanken getrieben wird. So oder so sind die Zungen der Andern für seine Entwicklung höchst bedeutungsvoll geworden. Ich kam einmal in eine Familie, wo ich schon vor der Türe deutlich hörte, wie Mann und Frau einander die größten Grobheiten an den Kopf warfen. Als ich eintrat, wurde es zuerst ganz still, und dann hub das Ehepaar einmütig an, sich gar kläglich über ihren Knaben zu beschweren, der seinem Bruder immer so rohe Worte gebe.
Und wie die Zungenarbeit unsrer Mitmenschen unser Leben im Allgemeinen formiert, unsern Charakter beeinflusst und bildet, der Begleitungsmusik in einem Konzert vergleichbar, die den Solostimmen ihren Charakter gibt, weil sie ihr Hintergrund ist, so schwellt sie manchmal an, verlässt den Hintergrund, tritt tätig handelnd in unser Leben hinein und gibt ihm vielleicht gerade auf seinen Höhepunkten die entscheidende Richtung. Ein Wort, ein Wort ist so oft der erste Ring in der Kette unsrer Geschicke, ein Wort, das der andre vielleicht absichtslos hingeworfen, vielleicht planvoll überlegt hineingestellt hat in das unentschiedene Schwanken und Wanken unsrer Gefühle und Stimmungen. Da schießen die Kristalle zusammen wie in der Retorte des Chemikers, und unser inneres und äußeres Leben wird ein ganz, ganz anderes Gebilde, als es ohne jenes Wort geworden wäre. Die Zunge ist ein kleines Glied und richtet große Dinge an! – |
Aber die größten Dinge in unserm Leben richten nicht die Zungen der Andern an, sondern das kleine Werkzeug, das wir angeblich selbst in der Gewalta haben, mit dem wir scheinbar nur in das Leben der Andern eingreifen, ohne dass wir selbst dadurch Andre würden. Ich will nicht erst von den zahllosen Fällen reden, wo unsre eigene Zunge bedacht oder unbedacht unserm Leben die Richtung gibt, wo wir |521 Entscheidungen fällen für immer, wo wir uns Andre zu Freunden oder Feinden machen, wo unsre Worte wirken wie die Lawinen im Alpenland, wo sie Gefährten finden und mitreißen, wo sie Ursache sind im Guten oder Bösen, wo sie ein tausendfaches donnerndes Echo wecken, von dem wir selbst nichts ahnten, als wir sie aussprachen. Die Zunge ist das Zünglein an der Waage unsres Lebens, ganz abgesehen von all den Wirkungen auf das äußere Leben unser selbst und der andern. Denn der Klang des Wortes mag wohl im Ohr verhallen, vielleicht von Keinem gehört als von uns selbst, es ist deshalb doch nicht ungesprochen, und wir selbst sind nachher nicht mehr dieselben wie vorher. Schon das Kind, wenn es sich zum ersten Mal ein Wort oder eine Redensart erlaubt, von der es weiß, dass sie verboten sind, tritt damit in einen ganz neuen Zustand ein, es spürt heimlich, dass es mit dem Wort über eine Grenze gegangen ist. Und ist es uns nicht auch schon so gegangen, dass wir uns selbst plötzlich in einem ganz neuen Licht erschienen, wenn wir aus eigenem Mund einen Gedanken, eine Stimmung ausgesprochen hörten, vielleicht oberflächlich und zufällig, aber nachher haben die sich verdichtet zu Überzeugungen oder zu dumpfen, hartnäckigen Gefühlen, von denen wir nicht mehr loskamen, weil wir selbst uns willentlich oder unwillentlich daran gebunden durch unsre Worte?
Ich meine,
522 Und nun geht es weiter, wie wenn sich das von selbst verstünde: Ein winziges Feuer setzt einen großen Wald in Brand. Auch die Zunge ist solch ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge tritt unter unsern Gliedern als die Macht auf, die den ganzen Leib befleckt und die Lebensbahn entzündet. – Waldbrand! Welt voll Ungerechtigkeit! Befleckung! Das Alles sei die Zunge. Das tönt nicht gut. Das muss uns bedenklich machen, nachdem wir gesehen, wie wirkungskräftig und folgenschwer die Arbeit der Zunge im Leben ist.b
Das ist uns ja wohl Allen schon vorgekommen, dass wir in gewissen Lebenslagen hätten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen mögen, wenn wir des Unheils gewahr wurden, das durch die Zunge und nur durch die Zunge unter den Menschen angerichtet war und angerichtet zu werden drohte. Wenn wir dann so leidenderweise vielleicht stundenlang zuhören mussten, wie an der Wahrheit vorbei oder um die Wahrheit herum geredet wurde, ein schreckliches Gemisch von Einsicht und Unverstand, dann war es uns wohl auch schon zu Mute, in den Seufzerc eines Dichters einzustimmen:
Das graugestrickte Netz, von dem da die Rede ist, das sind
eben die Worte, die sich enger und enger zusammenziehen: Schaden anrichtend,
Missverständnisse weckend, Vertrauen und Vernunft zerstörend. Und fast
machtlos stehen wir dann da, wie man eben vor einem Waldbrand steht.
Riesengroß, hoffnungslos ist das Unheil da, und was |523
will es helfen, einzelne Worte zu bekämpfen, zu widerlegen, mit der Wahrheit
dem Irrtum zu begegnen? Es gibt Menschen, vielleicht sind es die
allermeisten Menschen, die eine wahrhafte Fertigkeit und Virtuosität
besitzen, zurückzukommen auf ihr erstes Wort, wenn man Vernunft gesprochen
stundenlang.8 Die unvernünftigen, schädlichen Worte wachsen fortzu nach,
man mag widerlegen, wie man will, wie die Köpfe der lernäischen Schlange
unter dem Schwerte des
Denn man spürt hinter den Worten und Redensarten die dumpfen,
dicken Vorurteile.
Und wenn ein Mensch ein Vorurteil hat, so will das sagen, dass er in
bestimmten Richtungen und Angelegenheiten nicht mehr urteilen, nicht mehr
Wahrheit und Klarheit reden kann, weil sein Urteil schon vorher
da ist, weil er aufgehört hat, die Wahrheit zu suchen, sondern im Wahn lebt, sie
bereits restlos zu besitzen, weil er einmal irgend eine Erkenntnis oder Lebensregel oder Stimmung in sich aufgenommen hat,
die wohl einmal wahr und lebendig gewesen sein mag, die aber sofort hart und
hölzern und unerfreulich wird, sobald der Mensch sich dabei zur Ruhe setzt
und von da aus nun redet |524 und deklamiert, als habe er
nichts mehr zu lernen. Je frecher und üppiger sich in einem Menschen die
Unkrautpflanze des Vorurteils festgewurzelt und ausgebreitet hat, desto
sicherer und bestimmter pflegt er freilich zu urteilen, aber gerade diese
unverschämte Sicherheit macht sein Urteil unbeträchtlich und wertlos. Denn
durch diese Sicherheit des Redens, wie
die meisten Menschen sie haben, entsteht jenes graugestrickte Netz, aus dem
es kein Entrinnen gibt.
Um das recht zu verstehen, müssen wir aber nicht dabei bleiben, auf die
Wirkungen und Ursachen des Redens bei den Andern zu achten. Die über das Geschwätz der Mitmenschen am
bittersten klagen, sind manchmal die, die am schwersten im gleichen Spital
krank sind.d
Und wir bekommen überhaupt in den Fragen des innern Lebens nur dann Antwort, wenn
wir sie an uns selbst richten. Alles, was wir etwa bei Andern wahrzunehmen
meinen, kann uns dazu nur als Vorbereitung dienen. Wenn wir leiden unter dem
Verwirrung stiftenden Reden und Dreinreden der Andern, so
leiden wir ebenso sehr, e-nein noch viel tiefer-e
unter dem, was aus unserm eigenen Munde hervorgeht. Ich sage: wir
leiden. Und ich meine das ausnahmslos, obwohl
ich weiß, dass die meisten Menschen scheinbar nicht daran denken, sich um
die Arbeit ihrer Zunge Sorge zu machen oder gar ein Leiden darin zu
erkennen. Man könnte sogar sagen: Die sind am schlimmsten krank, gerade wie
das zum Teil die schlimmsten leiblichen Krankheiten sind, die der Kranke
jahre- und jahrzehntelang nicht einmal kennt, sondern |525
als harmlosen Bresten12 behandelt. Sie denken dann wohl ab und zu: Heute habe
ich etwas Dummes gesagt, wenn nämlich ihr Wort irgendwie offenkundigen
Schaden angerichtet hat, aber dass ihr Reden überhaupt dumm ist und Schaden
anrichtet vom Morgen bis an den Abend, das merken sie nicht. Das Reden, das
gesprochene Wort ist das eine große Mittel, durch das wir Verkehr mit den
Menschen haben. In unserm Verkehr mit den Menschen aber entscheidet es sich
schlechterdings, was mit uns ist, ob wir Gute oder Böse sind. Ob wir daran
auch schon gedacht haben, welch fundamentale Bedeutung unser Reden also für
uns selbst hat? dass wir uns auf keinen Fall selbst trösten dürfen:
Worte sind Worte, mein Herz bleibt doch gut? Sondern dass
526 Die Ursache dieses widrigen Zustandes, dass die Zunge eine Welt voll Ungerechtigkeit ist, konnten wir, als wir von den Zungen der Andern redeten, in den Vorurteilen finden, die handgreiflich alle Ungerechtigkeit produzieren. Das Wort «Vorurteil» klingt immerhin noch ziemlich harmlos. Wollen wir jetzt uns selbst beurteilen – und das macht einen großen Unterschied aus – dann müssen wir tiefer gehen und derselben Sache eine schärfere und unfreundlichere Bezeichnung geben. Wir werden dann nämlich die Ursache der Ungerechtigkeit und Schädlichkeit unsres Redens kurz und gut in unsrer innern Faulheit zu suchen haben. Wenn wir einen Andern vor uns haben, der uns durchf vorurteilsvolle Sicherheit seines Redens lästig fällt, so werden wir uns wohl zu hüten haben, ihn gleich als geistig faul, d. h. als unbrauchbar und tot zu verurteilen. Wir sind nicht seine Richter, weil wir unvermögend sind, ihn zu durchschauen. Wohl aber durchschauen wir uns selbst. Wenn nämlich unser eigenes Reden uns lästig fällt und Leiden bereitet, dann schauen wir hinter unsern Vorurteilen die große Faulheit, die darin besteht, dass wir uns innerlich nicht zu entscheiden vermögen zwischen der Wahrheit und der Unwahrheit. Wir sind innerlich untätig, rücken nicht von der Stelle und greifen stattdessen geruhsam nach einem Vorurteil, d. h. nach einer Entscheidung, die wir nicht selbst gefunden und getroffen haben, sondern die uns von Andern zugekommen ist und die nun in unserm Innern liegt wie ein Felsblock auf einer Bergwiese. Wir lassen es damit bewenden, dies Vorurteil zu haben und immer wieder auszusprechen, ja, wenn wir genau zusehen, besteht unser ganzes Inneres aus solchen Vorurteilen, und nun kann es uns schon nicht mehr wundern, dass unser Reden nicht das Mittel ist zu einem rechten, fruchtbaren Verkehr unter den Menschen, sondern das Gegenteil, dass es ungerecht ist und ungerecht macht. Und so kommt’s, dass die Faulheit die Ursache ist unsres Leidens, des Leidens an unserm eigenen Reden.
Nun sind wir aber an dem Punkt, wo wir einen Ausdruck unsres
Textes verstehen können, von dem bis jetzt noch nicht die Rede war. Wir
hören da nämlich nicht nur das, dass die Zunge den ganzen Leib befleckt, so
klein sie ist, und unsre Lebensbahn in Brand setzt, wie |527 einer einen Wald anzündet. Sondern
Ich glaube, wir können uns dem nicht entziehen, dass unser Leiden am Reden
nicht ein fatales, aber vorübergehendes Übel ist, das sich leicht kurieren
lässt, sondern dass die Faulheit, die diesem Leiden zugrunde liegt, ein
radikales Böses ist, durch das unser Leben vernichtet wird, wenn nicht eine
ebenso radikale Heilung eintritt. Die großen und kleinen Tiere kann man
zähmen und abrichten, aber die menschliche Zunge kann man nicht abrichten,
die Hölle des radikalen Bösen, die durch sie redet,
nicht mit einigen Eimern Wasser auslöschen. Man kann wohl einen Menschen
dazu zwingen oder erziehen, z. B. das Lügen oder grobe Redeweisen aufzugeben
– das wäre so eine Art Zähmung, aber sie ist nur scheinbar. Das wilde
Tier lebt noch und wird wieder ausbrechen, sobald Zwang und Erziehung ihr
Ende haben. Und die Zunge wird sich ohnehin, wenn nicht in dieser, so doch
in irgend einer andern Richtung als die Welt voll Ungerechtigkeit bewähren,
die sie ist. Wahrheit und Unwahrheit stehen in uns im Zwiespalt. Recht und
Unrecht stehen sich in unserm Innern gegenüber, |528
Schönheit und Freude gegen Hässlichkeit und Unfreude. Unsre Faulheit
aber lässt es dabei bewenden, sie entscheidet sich nicht, wir stehen
innerlich müßig. Und weil es so ist, haben wir
den andern Menschen nichts zu bieten, und das gottgegebene Mittel dazu, die
Rede, wird zum schädlichen Geschwätz. In jenem innern
Zwiespalt aber, dem gewaltigen, unnatürlichen Gegensatz in unserm
Bewusstsein, da ist die Hölle, ist
die Sünde und ist die Strafe. Man
redet von doppelzüngigen
Menschen. Der
Ausdruck ist nicht zutreffend. Das Ungeheuerliche besteht vielmehr darin,
dass es dieselbe Zunge ist, die Wahrheit und Unwahrheit, Recht und Unrecht
zu reden vermag. Mit diesem kleinen Glied preisen wir den Herrn und
Vater, und gleich darauf fluchen wir mit ihm dem Menschen,
der nach seinem Ebenbild geschaffen, der unser Bruder ist.
Aus demselben Munde geht Segen und Fluch hervor. Es sollte nicht
so sein. Indem es aber leider doch so ist, wird uns jenes kleine
Glied zum Barometer unsres innern Lebens.
Unweigerlich müssen wir aus den schädlichen Unklarheiten und Widersprüchen
unsres Redens wahrnehmen, dass wir selbst, wir, die wir reden, bald dem
wunderlichen
Wer beim Reden nicht fehlt, der wäre ein vollkommener Mann. Da
mögen wir wohl fragen, mit Recht fragen: wer ist da vollkommen, wenn
das das Zeichen der Vollkommenheit ist? Wer darf sagen, dass der
Barometer seiner Worte öfter als in einzelnen hohen Augenblicken auf einen
gleichmäßig heitern und edlen innern Zustand hinweist? dass seine Rede ihm
wirklich ein Mittel ist, fruchtbaren Verkehr und Austausch mit den Menschen
zu pflegen, dass das, was über seine Lippen geht, Taten der Liebe und
Gerechtigkeit sind? Ich meine: indem wir merken, wie oft wir im Reden
fehlen, muss es uns aufgehen, wieviel uns fehlt im Innern. Aber nun dürfen
wir eben nicht dabei stehen bleiben, das einzusehen und zu seufzen, dass
also keiner vollkommen sein könne. Sondern wenn wir eben in Selbsterkenntnis ei|529nen Blick
rückwärts getan haben in die Ewigkeit des Bösen, dürfen und wollen wir im
Glauben den Blick nach vorwärts richten in die Ewigkeit des Guten. Denn wir
hören eine Stimme, die sagt uns in tiefster Einheitg
von Ernst und Liebe: Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer
Vater vollkommen ist [
- Nr. 41: «Wach auf, mein Herz, und singe» von
P. Gerhardt , Strophen 1–4 und 6–9 (RG 568; EG 446 [je mit Textabweichungen]). - Nr. 309: «Der du die Wahrheit selber bist» von
C. B. Garve , Strophen 1–4 (RG 211 [Textabweichung in Str. 3]).
-
Matthäus 12,22–37 .