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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 45</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 3,13-17</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 3,13-17, 24. Juli 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53047 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 45: Predigt: Jakobus 3,13-17</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">47</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 3,13-17, 24. Juli 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1488">KBA 1023</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-07-24">24. Juli 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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            <div type="sermon"> 
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                    <idno>45</idno>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-07-24">Sonntag, den
                            24. Juli 1910</date> <date rend="right">(9. Sonntag nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.13 Jak.3.17">Jakobus 3,13–17</ref>
                    
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Wer ist weise und einsichtsvoll
                                    unter euch? Der zeige an seinem guten Wandel seine Werke in
                                    der Sanftmut der Weisheit. Wenn ihr aber bittern Streit und
                                    Zank in euren Herzen habt, dann rühmt euch nicht und lügt
                                    nicht wider die Wahrheit. Das ist nicht die Weisheit, die
                                    von oben kommt, sondern die irdische, gewöhnliche,
                                    teuflische. Denn wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und
                                    eitel böses Ding. Die Weisheit von oben aber ist erstens
                                    keusch, sodann friedfertig, folgsam, lässt sich etwas sagen,
                                    ist voller Teilnahme und guter Früchte, steht über den
                                    Parteien, heuchelt nicht.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>
                        <hi rend="italic">Was ist <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term></hi><hi rend="italic">?</hi> Das ist die Frage, die uns unser
                    Text stellt und über die wir uns heute besinnen wollen. Das Wort Bildung
                    kommt zwar im Text nicht vor. Es ist überhaupt kein altes Wort, sondern ein
                    neues. Aber wir haben doch ein gutes Recht, gerade bei diesem Text von
                    dieser Frage zu reden. Wenn da von der falschen und der rechten <term type="Sachen" key="Weisheit">Weisheit</term> die Rede ist, von der
                    Weisheit von oben und der Weisheit von unten, wie <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sich anschaulich ausdrückt, so ist dieser
                    Gegensatz doch kein andrer als der zwischen <term type="Sachen" key="Bildung, wahre">wahrer</term> und falscher <term type="Sachen" key="Bildung, falsche">Bildung</term>. Denn so können und müssen wir das
                    altertümliche Wort Weisheit in unsrer Sprache <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/>
                    ausdrücken. Es hat da offenbar unter den Christen solche gegeben, die
                    glaubten, besonders weise zu sein, mehr zu wissen und darum höher zu stehen
                    als die andern. Aber wenn die einen mehr sein wollen als die andern, dann
                    kommt es gewöhnlich nicht gut, und so war’s auch hier. Jene besonders
                        <term type="Sachen" key="Bildung, und Klugheit">Klugen</term> glaubten
                    nicht nur über Gott und Christus, über die Welt und die Engel allerlei
                    Spezialkenntnisse zu haben, sondern sie waren zänkisch und unfreundlich mit
                    denen, die sie für weniger klug hielten, und so ist aus der Weisheit
                    Unordnung und eitel böses Ding unter den Christen entstanden. Es ist leider
                    noch oft so gegangen, im Großen und im Kleinen. Es gibt etwas, was sich
                    Weisheit oder Bildung nennt, was die Menschen nicht besser, <pb xml:id="p532" ed="pga"/> sondern faul, rechthaberisch und ungenießbar macht. Und darum
                    hatte Jakobus dort guten Grund, seine Leute zu fragen: Sagt einmal, wer ist
                    wirklich weise und einsichtsvoll unter euch? Und wir haben guten Grund, uns
                    zu fragen: Wer ist wirklich gebildet? und: was ist das, <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term>?</p>
                <p>Also, das steht gleich einmal fest: es gibt Weisheit und Weisheit, Bildung
                    und Bildung. Die Worte sind vieldeutig, und es gilt, von der Schale zum Kern
                    vorzudringen oder vom Schein zur Wahrheit. Die eine sogenannte <term type="Sachen" key="Weisheit, sogenannte">Weisheit</term> mache den
                    Menschen zänkisch und unerfreulich für die Andern, heißt es da; sie sei von
                    unten, irdisch, gewöhnlich, ja teuflisch. Verständigen wir uns gleich
                    anfangs darüber, meine Freunde: Das ist das, was man so gewöhnlich und
                    oberflächlich Bildung zu nennen pflegt: Die Kenntnis von alledem, was man
                    auf höheren Schulen und aus Lehrbüchern sich einprägen <term type="Sachen" key="Bildung, und Schulkenntnisse">kann</term>: Mathematik, Sprachen,
                    Literatur und das Andere. Das Alles <hi rend="italic">für sich allein</hi>, macht den
                    Menschen nicht nur noch nicht gebildet, sondern unerquicklich und schädlich
                    für seine Umgebung. Man kann das Wichtigste aus allen jenen Gebieten am
                    Schnürchen hersagen können und doch ein herzlich ungebildeter <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Mensch sein, genau so sehr wie ein Anderer, der
                    jene Schulfächer nicht einmal dem Namen nach kennt. Ja, diese Bildung ist
                    dann direkt ein Übel für den betreffenden Menschen und die, die mit ihm zu
                    tun haben, gerade wie z. B. der <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> in den Händen mancher Menschen ein direktes Übel ist.
                    Das eine wie das andre hebt den Menschen ganz ungebührlich und unverdient
                    aus den Reihen der Andern hervor, als ob er etwas Besonderes wäre, während
                    er doch gar nichts Besonderes ist. Es ist ein Wahn, dass alle gleich sein
                        <term type="Sachen" key="Gleicheit, Wahn, dass alle gleich sein könnten">könnten</term>, aber die unverdiente <term type="Sachen" key="Ungleichheit, unverdiente">Ungleichheit</term>, die ist’s,
                    die Unordnung und eitel böses Ding unter den Menschen verursacht, und
                    unverdiente Ungleichheit ist es, wenn einer durch größere Intelligenz und
                    Geldmittel etwas mehr weiß als andre. Höhere <term type="Sachen" key="Bildung, und Schulkenntnisse">Schulkenntnisse</term> an und für
                    sich sind nur geeignet, den Menschen eingebildet zu machen den Andern
                    gegenüber, und was noch schlimmer ist: sie geben ihm die Mittel in die Hand,
                    seinen natürlichen <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term> noch
                    raffinierter zu betätigen als der, der sie nicht hat. Auch die
                    umfangreichsten Kenntnisse sind noch nicht <term type="Sachen" key="Weisheit, und Wissen">Weisheit</term> oder <term type="Sachen" key="Bildung, und Wissen">Bildung</term>. Denn Kenntnisse sind zunächst
                    etwas ganz Lebloses wie das Geld, es kommt sehr darauf an, was man damit
                    macht. Wie man eine Menge <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term>
                    besitzen <pb xml:id="p533" ed="pga"/> kann, so kann man einen Haufen Kenntnisse im
                    Kopf haben und doch für seine eigene Person unglücklich und für die Andern
                    schädlich sein. Man kann viel wissen und doch ganz wertlos leben. Bildung
                    werden wir ein solches <term type="Sachen" key="Bildung, und Wissen">Wissen</term> nicht nennen. Denn die Bildung hat es gerade mit dem
                        <term type="Sachen" key="Bildung, und Leben">Leben</term> zu tun. Wer
                    wertlos lebt, der ist ungebildet, gleichviel ob er viel oder wenig
                    Kenntnisse hat. Und darum nenne ich Bildung die <hi rend="italic">Kunst, wertvoll zu
                            <term type="Sachen" key="Bildung, Kunst wertvoll zu leben">leben</term></hi>. Von dieser Kunst ist jetzt zu reden.</p>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> I</head>
                    <p rend="noindent">Ich habe in der letzten Zeit ein Buch von einer modernen
                        Schriftstellerin gelesen, das war betitelt «Dilettanten des
                            Lebens».<note xml:id="n01">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2751">
                                    <persName ref="kbga-actors-9291">Cl. Viebig</persName>, <hi rend="italic">Dilettanten des
                                Lebens</hi>, Berlin 1898.</bibl> Bis 1915 erschienen neun weitere
                            Auflagen des Buches.</note> Den Inhalt des Buches fand ich nicht
                        sehr bemerkenswert, aber dieser Titel hat mir viel zu denken gegeben.
                        Ihr wisst, was man unter einem <term type="Sachen" key="Dilettanten">Dilettanten</term> versteht: einen, der einen Beruf oder eine Kunst
                        betreibt, ohne sie fachmäßig gelernt zu haben, der dabei eine Zeitlang
                        sehr vergnügt sein kann, der aber schließlich mit fast verschwindenden
                        Ausnahmen immer Pfuscharbeit liefern wird. Und nun «Dilettanten des
                        Lebens», das wären also Leute, die sehr sicher und vergnügt leben und
                        ihres Lebens sich freuen, wie der Schmetterling sich der Sonne freut,
                        aber sie leben, ohne dass sie gelernt haben zu leben. Das geht
                        vielleicht ganz lange so. Die Menschen haben Geduld mit ihnen und der
                        liebe Gott auch, wie man wohl mit Dilettanten in der Kunst Geduld hat,
                        wenn sie’s nicht zu arg treiben. Aber wenn dann einmal die Sonne
                        hinter die Wolken tritt, wenn aus dem Lebensspiel Lebensernst wird, dann
                        kommt’s zum Vorschein, dass das, was sie bis jetzt geliefert,
                        Pfuscharbeit, dass das, was sie bis jetzt gedacht, gewollt, empfunden,
                        Dilettantenstücklein waren, dass kein ernsthafter und wirklicher
                            Lebens<hi rend="italic">wert</hi> da ist. Dilettanten des <term type="Sachen" key="Dilettanten, des Lebens">Lebens</term>! Ja, meine Freunde, das
                        sind wir Alle, solange wir nicht gebildet sind, und darum müssen wir uns
                        jetzt, wo wir von der <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term>
                        reden wollen, den <term type="Sachen" key="Dilettanten">Dilettanten</term> recht genau ansehen, d. h. den Menschen, der
                        erst gebildet werden soll.</p>
                    <p>Als ich in die Schule ging, da mussten wir einmal ein Gedicht lernen,
                        dessen Anfangsworte sind mir sehr eindrucksvoll geblieben:</p>
                   
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p534" ed="pga"/> Ein Kanadier, der noch Europens</l>
                                <l>Übertünchte Höflichkeit nicht kannte</l>
                                <l>Und ein Herz, wie Gott es ihm gegeben,</l>
                                <l>Von Kultur noch frei im Busen führte…<note xml:id="n02">Es handelt sich um das Gedicht
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2752">«Der Wilde» von <persName ref="kbga-actors-8043">J. G. Seume</persName> (ders.,
                                        Sämmtliche Werke in acht Bänden, Bd. 7, Leipzig 1839,
                                        S. 72–75, dort S. 72)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Nehmen wir einmal diesen Kanadier als Beispiel des un<pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>gebildeten, dilettantischen Menschen. Denn
                        das ist er offenbar. Ein Mensch ist er, denn er führt ein Herz, wie Gott
                        es ihm gegeben, im Busen, und darunter kann man doch wohl verstehen: er
                        hat Vernunft und Gemüt, Verstand und Willen und Gefühl, kurz Alles, was
                        den Menschen ausmacht, oder wir wollen vorsichtiger sagen: alle Anlagen
                        zu einem Menschen. Aber er ist ungebildet, das Herz, das er im Busen
                        führt, ist von <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term> noch frei,
                        und das will wieder sagen: er hat nie etwas Anderes gehört, als dass das
                        Leben sich zusammensetze aus Essen, Trinken und Schlafen, aus Jagen und
                        Fischfangen und Kriegführen, er weiß nichts von einem geordneten
                        Staatswesen, er lebt allein, und wenn er mit andern zusammenlebt, so
                        ist’s ganz selbstverständlich, dass die Gewalt und nicht das
                        Recht die oberste Macht unter ihnen ist. Auf alle Fälle lebt er
                        schnurstracks vor sich hin als freier Kanadier, der sich in seinem
                        Urwald als Mittelpunkt der Welt fühlt, weil es ihm gar nicht in den Sinn
                        kommt, dass es einen andern Mittelpunkt geben könne als ihn selbst mit
                        seinen Urwaldangelegenheiten. – |</p>
                    <p>Es hat Menschen gegeben, die dieses Kanadierideal sehr trefflich und
                        nachahmenswert fanden. Unser großer Mitbürger Rousseau<note xml:id="n03">
                                <persName ref="kbga-actors-1846">Jean-Jacques Rousseau</persName> wurde am 28. Juni
                            1712 in Genf als Sohn eines Uhrmachermeisters und Genfer Bürgers
                                geboren.</note> z. B. hat ganz Europa durch seine Idee verblüfft, der
                            <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand">Wilde</term> stehe
                        eigentlich viel höher als der gebildete Europäer, Jener sei doch im
                        Naturzustand, während Staatsleben, Kunst und Wissenschaft und
                        dergleichen bereits <term type="Sachen" key="Mensch, durch Kultur korrumpiert">Korruption</term> seien.<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2753">
                                    <persName ref="kbga-actors-1846">J.-J. Rousseau</persName>, <hi rend="italic">Discours si
                                le rétablissement des Sciences et des Arts a contribué à épurer
                                les mœurs</hi> (1750), Genève 1782, S. 32f.</bibl>:
                            «J’ajouterai seulement une réflexion, c’est
                            qu’un habitant de quelques contrées éloignées qui chercheroit
                            à se former une idée des mœurs Européennes sur l’état des
                            Sciences parmi nous, sur la perfection de nos Arts, […]:
                            c’est que cet Etranger, dis-je, devineroit exactement de nos
                            mœurs le contraire de ce qu’elles sont. Où il n’y a
                            nul effet, il n’y a point de cause à chercher : mais ici
                            l’effet est certain, la dépravation réelle; &amp; nos ames se
                            sont corrompues à mesure que nos Sciences et nos Arts se sont
                            avancés à la perfection. Dira-t-on que c’est un malheur
                            particulier à notre âge? Non, Messieurs : les maux causés par notre
                            vaine curiosité sont aussi vieux que le monde. L’élévation
                            &amp; l’abaissement journaliers des eaux de l’Océan
                            n’ont pas été plus régulièrement assujéttis au cours de
                            l’Astre qui nous éclaire durant la nuit, que le sort des
                            mœurs &amp; de la probité au progrès des Sciences &amp; des Arts. On
                            a vu la vertu s’enfuir à mesure que leur lumière
                            s’élevoit sur notre horizon, &amp; le même phénomène
                            s’est observé dans tous les temps &amp; dans tous les lieux.
                            » (dt.: «Wenn ein Einwohner einer entlegenen Gegend sich einen
                            Begriff von den Sitten der Europäer machen wollte aufgrund des
                            Zustandes der Wissenschaften unter uns, aufgrund der Vollkommenheit
                            unserer Künste, […], so würde, sage ich, dieser Fremdling
                            unsere Sitten gerade für das Gegenteil von dem halten, was sie
                            wirklich sind. Wo keine Wirkung ist, da ist auch keine Ursache zu
                            suchen: hier aber ist die Wirkung gewiss und das Verderben
                            augenscheinlich, unsere Seelen sind in dem Maße verdorben, in dem
                            unsere Wissenschaften und unsere Künste vollkommener geworden sind.
                            Soll man dies nur für ein ungünstiges Schicksal unserer Zeiten
                            halten? Nein, meine Herren, das Übel, welches unsere eitle
                            Wissbegierde verursacht hat, ist so alt wie die Welt. Das tägliche
                            Steigen und Fallen des Meeres richtet sich nicht so genau nach dem
                            Lauf des Gestirnes, welches unsere Nächte erleuchtet, als der
                            Zustand der Sitten und der Redlichkeit nach dem Fortschritt der
                            Wissenschaften und Künste. Je mehr ihr Licht über unserem
                            Gesichtskreis aufging, desto mehr entfernte sich die Tugend, und
                            eben diese Erscheinung ist zu allen Zeiten und überall wahrgenommen
                            worden.»).</note> Das haben dem Rousseau Viele <pb xml:id="p535" ed="pga"/> nachgesagt. Das deutsche Gedicht z. B., von dem ich redete, schließt
                        mit dem stolzen Ausruf des Kanadiers:
                        <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>«Seht, wir Wilden sind doch bessre Menschen!»</l>
                    <l>Sprach’s und schlug sich seitwärts in die Büsche.<note xml:id="n05">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2752">
                                                <persName ref="kbga-actors-8043">Seume</persName>
                            (Anm. 2), S. 75.</bibl>
                                        </note>
                                    </l>
                                </lg>
                            </q>
                    Und aus derselben Zeit stammen die ersten <persName key="Crusoe, Robinson">Robinsongeschichten</persName>,<note xml:id="n06">Vgl. 
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2617">
                                    <persName ref="kbga-actors-9225">D. Defoe</persName>,
                                <hi rend="italic">The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson
                                Crusoe of York, Mariner</hi>, London 1719</bibl>; deutsche
                            Übersetzungen erschienen seit 1720, dazu kamen schnell auch
                            Adaptionen des Stoffes.</note> durch die die Pädagogen versuchten,
                        auch der Jugend Interesse für jenen Naturzustand des <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand">Menschen</term> einzuflößen.</p>
                    <p>Das ist ja nun Alles recht gut, und es mag damals wahr gewesen sein und
                        mag auch heute noch wahr sein, dass mancher Wilde in wichtigen
                        Beziehungen vor manchem Europäer im Vorsprung <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> ist. Aber dann ist eben der Europäer mit all seiner
                            <hi rend="italic">angeblichen</hi>
                        <term type="Sachen" key="Kultur, angebliche">Kultur</term> heimlich ein
                        Wilder und der angebliche Wilde heimlich bereits ein angehend gebildeter
                        Mensch. Auf alle Fälle darf man <hi rend="italic">das</hi> nicht sagen, dass das
                        Kanadierleben an sich besser sei und höher als das <term type="Sachen" key="Leben, Kulturleben">Kulturleben</term>.</p>
                    
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p536" ed="pga"/> Denn das Kanadierleben, wie ich es schilderte, und fügen wir gleich
                        hinzu: das Leben des ungebildeten, dilettantischen <term type="Sachen" key="Leben, Dilettantenleben">Menschen</term> auch in Europa ist
                        gleich dem Zustand eines Tiers, das eben gerade anfängt, Mensch zu
                        werden. Verstand und Wille und Gefühl sind da – daraus kann ein
                        Mensch werden, aber es ist noch keiner. Denn der ungebildete <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand">Mensch</term> folgt in
                        seinem Tun und Treiben nicht den Anlagen, durch die er ein Mensch ist,
                        sondern den andern Anlagen, die er mit dem Tier gemein hat.<note xml:id="n07">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1749">
                                    <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>,
                            Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi>, S. 91</bibl>: «Die innere
                            Selbständigkeit eines wahrhaft menschlichen Lebens erreichen wir
                            also nur, wenn wir unsere gesamte Existenz als einen Ausdruck der
                            sittlichen Ordnung zu gestalten suchen. Sowie dieser Wille in uns
                            nachläßt, überflutet uns das Tierische und beginnt unsere
                            Selbständigkeit aufzulösen.»</note> Das Menschliche ist freilich
                        auch in ihm – es ist im schwärzesten Neger und im verkommensten
                        Vagabunden – aber es ist bloß ein Anfang, aus dem nichts gemacht
                        wird. Eben in dieser Zurückgebliebenheit zeigt es sich, dass der
                        Ungebildete ein Dilettant des <term type="Sachen" key="Dilettanten, des Lebens">Menschenlebens</term> ist. Das
                        Menschliche ist da, aber das eigentlich Wichtige in ihm sind andre
                        Dinge.</p>
                    <p>So erkennt man den Ungebildeten vor Allem daran, dass er seinem <term type="Sachen" key="Temperament"><hi rend="italic">Temperament</hi></term>
                        unterworfen ist,<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2754">
                                    <persName ref="kbga-actors-752">R. Rothe</persName>,
                                <hi rend="italic">Theologische Ethik</hi>, Bd. 4, Wittenberg 1870<hi rend="sup">2</hi>, S. 142f.</bibl>: «Da die Individualität ihrer
                            natürlichen Angelegtheit nach wesentlich auf dem Temperamente
                            beruht, so ist die tugendhafte Selbstbildung namentlich auch die
                            tugendhaft sittliche Bearbeitung, das heißt dann aber zugleich
                            Bemeisterung des Temperamentes.»</note> d. h. seiner persönlichen
                        Neigung zur Heftigkeit oder zum Trübsinn, zur Trägheit oder zum
                        Leichtsinn. Eine von diesen Neigungen in irgend einem Stärkegrad gehört
                        zu der besondern Naturanlage jedes <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, den Neigungen unterworfen">Menschen</term>, etwa wie die Tiere Felle von verschiedener
                        Buntheit haben. Aber nun ist’s das Merkmal des Ungebildeten, dass
                            <hi rend="italic">er</hi> nicht das Temperament hat, sondern das Temperament
                        hat <hi rend="italic">ihn</hi>. «Er lässt sich gehen», pflegt man wohl von solchen
                        zu sagen und meint damit, dass sie jener ihrer persönlichen, natürlichen
                        Neigung freien Lauf lassen. Sie sind jähzornig, polternd und unüberlegt,
                        weil sie ohne Weiteres ihrer Naturanlage folgen, sie sind faul und
                        untätig, weil sie einfach ihrem Blut recht geben, das nun einmal
                        langsamer durch ihre Adern läuft als durch die Andrer. So lässt sich der
                        Kanadier gehen <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> und kann es im Urwald sehr
                        wohl, weil er allein ist oder fast allein, so tut es aber der
                        Ungebildete auch anderswo; aber <pb xml:id="p537" ed="pga"/> wenn er eine
                        gewisse Befriedigung dabei findet, so «natürlich» zu sein, so ist diese
                        Befriedigung unbewusst oder, was noch schlimmer ist: bewusst eine
                        Verleugnung seines Menschentums. Der Ungebildete gibt sich weiter an der
                        Art zu erkennen, wie er <hi rend="italic">Freude</hi> und <hi rend="italic">Schmerz</hi>
                            erträgt:<note xml:id="n09">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2754">
                                    <persName ref="kbga-actors-752">a.a.O.</persName>, S. 145</bibl>: «Die Gebildetheit
                            zeigt sich daher namentlich in der Art und Weise, wie in dem
                            Individuum Lust und Schmerz auftreten.»</note>
                        <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, Fassungslosigkeit"><hi rend="italic">fassungslos</hi></term>, nennt man das: er lässt sich
                        übernehmen und treiben von den äußern Eindrücken, die ihn lustig oder
                        traurig machen, er hat den Eindrücken nichts entgegenzustellen, was sein
                        inneres Leben im Gleichgewicht hielte, und so sieht man ihn in der
                        Freude wie im Schmerz deutlich auf die Stufe des Tieres hinuntersteigen,
                        was denn auch äußerlich in seinem Tun und Reden zum Ausdruck zu kommen
                        pflegt.</p>
                    <p>Aber wir müssen uns gleich in eine höhere Sphäre begeben: Auch der
                        ungebildetste Mensch macht sich <hi rend="italic">Gedanken</hi> über die Menschen
                        und Verhältnisse, mit denen er zu tun hat, und er setzt seinem Willen
                            <hi rend="italic">Zwecke</hi>, er möchte dies und das erreichen und
                        durchsetzen. Dass er ein ungebildeter Mensch ist, erkennt man hier
                        daran, dass seine Gedanken und Zwecke <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, Borniertheit"><hi rend="italic">borniert</hi></term> sind oder <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, Naivität"><hi rend="italic">naiv</hi></term>, um
                        einen etwas freundlicheren Ausdruck zu gebrauchen. Es sind enge,
                        beschränkte Gedanken, die sich nur gerade mit den nächstliegenden Dingen
                        beschäftigen, Gedanken und Zwecke, die nicht gewohnt noch fähig sind,
                        mit den Gedanken und Zwecken Anderer zusammenzutreffen, sich mit ihnen
                        auseinanderzusetzen und bei solcher Reibung Form und Gestalt anzunehmen.
                        Sondern sie treten selbstbewusst und unbescheiden ans Tageslicht, als
                        wären sie allein auf der Welt. Dabei muss man nicht denken, dass der
                        Ungebildete mit seinen unabgeschliffenen Gedanken und Zwecken
                        tatsächlich ein Original wäre, wenn es auch oft diesen Anschein haben
                        mag. Denn er folgt auch in seinem Denken und in seinem Willen dem
                        dumpfen Trieb, den nicht <hi rend="italic">er</hi> hat, sondern der <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>
                        <hi rend="italic">ihn</hi> hat. Seine Gedanken sind die naheliegendsten <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, angepasste Allerweltsgedanken">Allerweltsgedanken</term>, seiner natürlichen und menschlichen
                        Umgebung angepasst, wie sich manche Tiere und Pflanzen ihrer Umgebung
                        anpassen. Nur dass beim ungebildeten Menschen die Anpassung
                        unwillkürlich ist, während seine eigentliche Überzeugung die ist, dass
                        er allein da sei.</p>
                   
                    <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p538" ed="pga"/> Damit ist nun bereits sein wichtigstes Merkmal ausgesprochen, in dem sich
                        alle andern zusammenfassen: Der Ungebildete lebt heimlich auf einer
                        Insel. Er hat heimlich den Größenwahn, er sei die Sonne und Alles Übrige
                        nur Sternlein, die sich um ihn herum im Kreislauf üben dürfen. So sahen
                        wir’s schon beim Kanadier. So ist’s aber auch bei uns,
                        solange wir ungebildet sind. Da ist im Mittelpunkt unsres Lebens das
                        große liebe <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, kreist um sein Ich">Ich</term> mit
                        seinen Urwaldangelegenheiten, mit seinen Wünschen nach Pflege,
                        Heiterkeit und Beachtung, die uns so wohl tun. Da ziehen wir um uns
                        herum einen Kreis wie mit dem Zirkel. Was diesseits des Kreises ist, das
                        geht uns etwas an, darum eifern und streiten wir; was jenseits ist, das
                        kümmert uns nicht. «Die Welt, sie war nicht, eh’ ich sie
                            erschuf.»<note xml:id="n10">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1624"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi>, V. 6794</bibl>
                            (Hochgewölbtes, enges gotisches Zimmer).</note> Und ich brauche wohl
                        nicht erst zu sagen, dass solche Vorstellungen, die sich freilich die
                        wenigsten klar machen, immer zum Vorschein kommen in einer
                        entsprechenden Lebenseinrichtung, in gröbern und feinern Formen: als
                        Brutalität, Rücksichtslosigkeit, Eigensinn, Verständnis- und
                        Gemütlosigkeit gegen die andern, als süßliche Empfindelei und
                        Nachgiebigkeit, als Gemütszerflossenheit gegen sich selbst. Und weil
                        eine Lebenseinrichtung mit diesen Merkmalen in allen Klassen vorkommt,
                        gleichviel ob die Menschen das Gymnasium und die höhere Töchterschule
                        besucht haben oder nicht, so müssen wir das zu Anfang Gesagte jetzt noch
                        deutlicher wiederholen: Die Ungebildetheit ist überall möglich und ist
                        auch überall da, nämlich überall, wo des Menschen inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> darin besteht, dass
                        er sich auf dem Absatz um sich selbst dreht. Und darum hat auch
                        jedermann Anlass, sich selbst vorsichtig die Frage des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> vorzulegen: Wer ist
                        weise und einsichtsvoll? Wer ist gebildet?</p>
                </div>
                <div>
                    <head>
                            <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> II</head>
                    <p rend="noindent">Wenn wir nun davon reden wollen, wie man aus einem
                        ungebildeten Menschen ein gebildeter wird, so müssen wir vor Allem
                        beachten, dass schon das Wort <term type="Sachen" key="Bildung">«<hi rend="italic">Bildung</hi>»</term> nicht einfach einen <term type="Sachen" key="Bildung, kein Zustand">Zustand</term> bezeichnet,
                        sondern eine <term type="Sachen" key="Bildung, Tätigkeit"><hi rend="italic">Tätigkeit</hi></term>. Der Mensch wird gebildet, wenn
                        und indem er sich bildet. Wenn man diese Selbstverständlichkeit denken
                            <pb xml:id="p539" ed="pga"/> würde, würde man nicht immer wieder schon die
                        höhern Schulkenntnisse als <term type="Sachen" key="Bildung, und Wissen">Bildung</term> bezeichnen. Die können ein Mittel sein dazu, aber
                        doch nur eins neben andern.</p>
                    <p>Wir knüpfen an an das zuletzt über den Ungebildeten Gesagte. Die Bildung
                        fängt an mit der Erkenntnis, dass man nicht allein auf der <term type="Sachen" key="Bildung, Erkenntnis Teil einer Mehrzahl zu sein">Welt</term> ist. Ihr denkt: dann ist Bildung eine leichte Sache!
                        Aber diese Erkenntnis ist doch wohl schwerer zu gewinnen, als es
                        aussieht. Denn sie besteht nicht nur in der Einsicht, dass man sich mit
                        den Andern abfinden muss, die auch in der Welt sind – das tun die
                        Ungebildeten ­auch –, sondern in der Einsicht, dass es so
                        recht ist. Nehmen wir den einfachsten Fall eines ungebildeten Menschen:
                            <hi rend="italic">das kleine Kind</hi> in der Wiege. Das ist ganz deutlich so
                        ein Wesen, das sich selbst für den Mittelpunkt der Welt hält, und eine
                        Zeitlang wird diese Meinung ja von seiner Umgebung auch begünstigt. Aber
                        dann muss es eines Tages die schmerzliche Erfahrung machen, dass seine
                        Wünsche nicht oder nicht sogleich erfüllt werden, weil seine Eltern oder
                        Wärter sichtlich auch noch mit andern Dingen beschäftigt sind als mit
                        ihm. Es erfährt dann aufs Peinlichste, dass es noch andre Dinge in der
                        Welt gibt. Was wird es tun? Es wird sehr wahrscheinlich anfangen, aufs
                        Unerfreulichste zu lärmen und protestieren. Darin zeigt es sich, dass es
                        noch ein kleiner Ungebildeter ist, und wenn jetzt nicht eine feste,
                        planmäßige Erziehung eintritt, dann wird es ein ungebildeter Mensch
                        werden und bleiben. Die Erziehung wird aber darin bestehen müssen, dass
                        ihm durch Güte oder Gewalt der Gedanke beigebracht wird, es sei kein
                        himmelschreiendes Unrecht, sondern der normale, richtige Zustand, dass
                        die Menschen in der Mehrzahl <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> da sind, und
                        ein normaler Mensch habe sich schlechterdings auf diese normale
                        Weltordnung einzurichten. Also wenn ein Mensch lernt aufzuhören, ein
                        Einzelner zu sein mit allerlei Privatinteressen, und anfängt, nicht aus
                        dumpfer Notwendigkeit, sondern bewusst und mit Willen sich zu fühlen als
                        einer von einer <term type="Sachen" key="Bildung, Erkenntnis Teil einer Mehrzahl zu sein">Mehrzahl</term>, das ist der Anfang der Bildung.</p>
                    <p> Darum ist der Ort, wo der Mensch sich zu bilden <term type="Sachen" key="Bildung, in der Familie">hat</term>, vor Allem die <term type="Sachen" key="Familie"><hi rend="italic">Familie</hi></term>.<note xml:id="n11">Auch in den hier und im folgenden
                            aufgezählten Orten von immer höherer bzw. erweiterter Bildung
                            (Familie, Stand, Staat, Menschheit) spiegelt sich Barths Lektüre von
                            Richard Rothes «Ethik», die an den in seinem Exemplar angebrachten
                            Anstreichungen insbesondere an § 970 ablesbar ist. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2754">
                                    <persName ref="kbga-actors-752">Rothe</persName> (Anm. 8),
                            S. 142</bibl>: «Auf ihrer niedrigsten Stufe ist die Gebildetheit die
                            Familiengebildetheit; schon eine höhere Stufe ist die
                            Standesgebildetheit, eine noch höhere die nationale Gebildetheit,
                            die höchste endlich die allgemein menschliche Gebildetheit.»</note>
                        Und zwar denke ich dabei gar nicht nur an die Kinder, <pb xml:id="p540" ed="pga"/> sondern ebenso sehr an die Eltern und Dienstboten, denen
                        allen das enge, tägliche Zusammenleben vielleicht zum ersten Mal das
                        Gebot ins Gewissen schreibt: Du darfst nicht bloß für dich selbst, an
                        dich selbst denken, es gibt in der Gemeinschaft der Menschen Zwecke zu
                        erfüllen, die wichtiger sind als deine Privatzwecke. Wenn der Wille
                        erwacht im Menschen zu diesen höhern Zwecken der <term type="Sachen" key="Bildung, Wille zur Gemeinschaft">Gemeinschaft</term>, wenn das
                        Kind nicht nur gehorcht, sondern gehorchen will, wenn der Dienstbote
                        nicht nur dient, sondern dienen will, wenn dem Vater und der Mutter die
                        Erziehung ihrer Kinder wichtiger werden als die bloße Ernährung, da
                        entstehen und werden gebildete Menschen, da erwacht der gute Geist
                        häuslicher, familiärer Bildung, der jeden Hereintretenden freundlich und
                        traulich begrüßt, dass er spürt: hier ist gut sein, hier sind nicht bloß
                        essende und trinkende Naturwesen, die friedlich oder borstig miteinander
                        sind je nach Anlage und Temperament, sondern hier sind
                            <hi rend="italic">Menschen</hi>, die ihre Naturanlage unterordnen unter die
                        Gebote des Geistes, hier sind Einzelne, die gelernt haben sich fügen in
                        das Allgemeine.</p>
                    <p>Der nächste Gemeinschaftskreis, an dem und in dem der Mensch seine
                        Bildung erweitern <term type="Sachen" key="Bildung, in Beruf und Stand">soll</term>, ist sein <term type="Sachen" key="Stand / Gesellschaftsstand"><hi rend="italic">Stand</hi></term> und <term type="Sachen" key="Beruf">Beruf</term>. Da wird ja nun die Schule
                        zur unentbehrlichen Vorbereitung, aber ob der Mensch nachher gebildet
                        ist oder nicht, das hängt doch nicht ab davon, ob er eine höhere oder
                        niedere Schule besucht, ob er einen feinern oder weniger feinen Beruf
                        ergreift, sondern <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> davon, <hi rend="italic">wie</hi>
                        er das lernt, was ihm gelehrt wird, und wie er sich nachher innerlich zu
                        seinem Beruf, sei er, welcher er wolle, stellt. Es gibt bei vielen
                        Schülern höherer Schulen, ja auch bei sehr vielen Studenten auf der
                        Universität ein Barbaren- und Banausentum, das sich für das <term type="Sachen" key="Bildung, und Lernen">Lernen</term> nur
                        interessiert, weil man ohne Lernen nicht durchs Examen kommt. Einer
                        meiner Lehrer pflegte solchen contre coeur «höher Gebildeten» zuzurufen:
                        Geh doch lieber Steine klopfen! und er hatte ganz recht. Ja, ich habe
                        einmal einem solchen Steineklopfer an der Landstraße zugesehen, der sein
                        unerfreuliches Geschäft mit solch liebevoller 
                        Akkuratesse be<pb xml:id="p541" ed="pga" break="no"/>sorgte, dass ich mir sagen musste: lieber ein
                        Steinklopfer, der seinen Kräften entsprechend mit sachgemäßer Teilnahme
                        an seiner Arbeit ist, als ein Arzt oder Pfarrer, der mit Routine, aber
                        ohne dass er mit dem Herzen dabei ist, Rezepte verschreibt und Predigten
                        hält, weil er nun einmal Arzt oder Pfarrer ist. Denn das ist die <term type="Sachen" key="Bildung, Berufsbildung">Berufsbildung</term>, die
                        den gebildeten vom ungebildeten Menschen unterscheidet, dass er von
                        Herzen dabei ist, dass er wieder seine eigene Person den größern Zwecken
                        unterordnet, bewusst und freudig.</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Das ist’s ja, was den Menschen zieret,</l>
                                <l>Und dazu ward ihm der Verstand,</l>
                                <l>Dass er im innern Herzen spüret,</l>
                                <l>Was er erschafft mit seiner Hand.<note xml:id="n12">Abschließende Verse der zweiten Strophe des
                                        Gedichts <bibl corresp="kbga-bibls-1267">«Das Lied von der Glocke» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck 1799; Sämtliche Werke,
                                        Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>,
                                        S. 429–442, dort S. 430)</bibl>.</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">Aber wer sich bilden will, wird sofort auf weitere
                        Gemeinschaftskreise aufsehen müssen. Es bleibt immerhin möglich, dass
                        sich in der Familien- und Berufsbildung Reste verbergen der ungebildeten
                        egoistischen Neigungen des Urwaldbewohners. Und da verlangt die <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term>, dass der Mensch
                            <hi rend="italic">Staatsbürger</hi> nicht nur <term type="Sachen" key="Bildung, im Staat">sei</term>, sondern sein wolle. Im <term type="Sachen" key="Staat">Staat</term> haben wir die höchste und
                        umfassendste menschliche <term type="Sachen" key="Staat, höchste menschliche Gemeinschaftsform">Gemeinschaftsform</term>, und wenn es uns ernst ist damit, unsre
                        privaten Zwecke den allgemeinen unterzuordnen, dann dürfen wir an dieser
                        obersten Form der Allgemeinheit nicht vorübergehen. Uns Republikanern
                        ist es ja besonders leicht <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> gemacht und
                        nahegelegt, tätige und interessierte Glieder des Staates zu sein. Im
                        Stimmzeddel, der dem Bürger in die Hand gegeben ist, hat er das direkte
                        Mittel, einen guten, gebildeten Willen auch in dieser Richtung zu
                        betätigen. Aber die Beteiligung an den Wahlen und Abstimmungen lässt
                        nicht gerade darauf schließen, dass wir jene Staatsbürgergesinnung schon
                        haben, dass unser Volk politisch schon gebildet ist, wie es sein sollte.
                        Und von denen, die zur Urne gehen, wie viele fühlen sich wirklich
                        verantwortlich? Wie viele geben ihre Stimme dem Recht und nicht dem
                        Interesse? Man will neuerdings ja auch den Frauen das <term type="Sachen" key="Frauenwahlrecht">Stimmrecht</term> geben<note xml:id="n13">Aus Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten
                            Stimmrechtsvereinen hatte sich 1909 der «Schweizerische Verband für
                            Frauenstimmrecht» gebildet, der eine «rege Öffentlichkeitsarbeit»
                            bezüglich auch der politischen Gleichstellung der Frauen in der
                            Schweiz entfaltete. Seit 1904 hatte auch die Sozialdemokratische
                            Partei die Forderung nach dem Frauenstimmrecht in ihr Programm
                            aufgenommen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2755">
                                    <persName ref="kbga-actors-9292">Y. Voegeli</persName>, Art. «Frauenstimmrecht», in: HLS 4, S. 705f.</bibl>;
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2756">
                                    <hi rend="italic">Paul Wernle und Eduard Thurneysen. Briefwechsel von 1909
                                bis 1934</hi>, hrsg. von Th. K. Kuhn, Göttingen 2016,
                            S. 24f.</bibl>
                            </note> und hat es <pb xml:id="p542" ed="pga"/> bekanntlich in der
                        Genfer <term type="Sachen" key="Genf (Kanton), Nationalkirche">Kirche</term> vor einem Vierteljahr getan.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2757">
                                    <persName ref="kbga-actors-2994">C. Stuckert</persName>, Art «Schweiz», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 24
                            (1913), S. 477–482, dort S. 481</bibl>: «Von den welschen
                            Freikirchen ausgehend gewinnt auch das Frauenstimmrecht in
                            kirchlichen Dingen eine immer größere Verbreitung. Die neue
                            Kirchenordnung der Waadt bestimmt, daß das kirchliche Stimmrecht den
                            Ausländern und Frauen gegeben wird, die bei ihrem Kirchengemeinderat
                            darum einkommen. In dieser Form wurde auch in der vom Staat
                            getrennten Genfer Nationalkirche das Frauenstimmrecht mit 2152 Ja
                            gegen 1349 Nein angenommen.»</note> Man spricht damit aus, dass man
                        auch die Frauen als gebildete Glieder der öffentlichen Gemeinschaft
                        anerkennt, und es ist gut und recht so. Aber nun ist es an den Frauen zu
                        zeigen, dass sie gebildet sein wollen, dass jene Anerkennung keine
                        Illusion war. In unsrer Gemeinde hat sich bis jetzt etwa ein Dutzend
                        Frauen in die Liste eintragen lassen. Es ist beschämend, dass es nicht
                        mehr sind,<note xml:id="n15">Vgl. jedoch <bibl corresp="kbga-bibls-2757">
                                    <persName ref="kbga-actors-2994">ebd.</persName></bibl> zur Ausübung
                            des Stimmrechts: «Was seine Benutzung betrifft, so haben 1910 von
                            allen männlichen Stimmberechtigten 1/10 ihr Stimmrecht benutzt,
                            d. h. nicht mehr und nicht weniger als früher. Dagegen haben von
                            allen Frauen 1/4 das Stimmrecht erworben, aber 3/4 davon es wirklich
                            benutzt, so daß ihre Stimmen den abgegebenen Männerstimmen sehr nahe
                            kamen.»</note> besonders weil es zum Teil aus Gründen nicht
                        geschieht, die zu lächerlich sind, als dass ich sie hier nennen dürfte.
                        Politische <term type="Sachen" key="Bildung, Politische Bildung">Bildung</term>! Vielleicht nirgends so deutlich wie hier zeigt es
                        sich, wie viel bei Männern und Frauen noch zu überwinden ist von dem
                        natürlichen <term type="Sachen" key="Egoismus, der Ungebildetheit">Egoismus</term> der Ungebildetheit.</p>
                    <p>Aber nun sehe ich jenseits des Staates einen noch weitern
                        Gemeinschaftskreis, und von hier aus erst bekommt das Gebot der <term type="Sachen" key="Bildung, in der und für die Menschheit">Bildung</term> seinen ganzen Ernst und Nachdruck. Der weitere Kreis
                        ist die <term type="Sachen" key="Menschheit"><hi rend="italic">Menschheit</hi></term>. Es gibt keine Organisation der
                        Menschheit wie die Familie, der Beruf, der Staat sie haben. Vielleicht
                        sind wir auf dem Wege dazu: Die <term type="Sachen" key="Schiedsgerichte">Schiedsgerichte</term> und internationalen
                            <term type="Sachen" key="Internationale Verträge">Verträge</term>,
                        wie sie immer mehr aufkommen, wären hier zu nennen.<note xml:id="n16">Mit dem sogenannten Alabama-Schiedsgericht, das 1872 in
                            Genf tagte und mit seinem Schiedsspruch einen Konflikt zwischen den
                            USA und Großbritannien friedlich beilegte, hatten die Schweiz und
                            insbesondere Genf begonnen, sich als Ort internationaler Vermittlung
                            zu profilieren; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2758">
                                    <persName ref="kbga-actors-9293">L. Mysyrowicz</persName>, Art.
                            «Alabama-Schiedsgericht», in: HLS 1, S. 161f.</bibl> Im Haager Abkommen zur
                            friedlichen Erledigung internationaler Streitfälle vom 18. Oktober
                            1907 wurde die inzwischen häufiger angerufene Instanz der
                            zwischenstaatlichen Schiedsgerichtsbarkeit wie folgt definiert: «Die
                            internationale Schiedssprechung hat zum Gegenstande die Erledigung
                            von Streitigkeiten zwischen den Staaten durch Richter ihrer Wahl auf
                            Grund der Achtung vor dem Rechte» (Art. 37, Satz 1; zitiert nach:
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2759">
                                    <hi rend="italic">Der Bundesrat. Das Portal der Schweizer Regierung.
                                Systematische Sammlung des Bundesrechts [SR]</hi>,
                            Nr. 0.193.212 [­<ref type="url" target="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19070025/index.html">www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19070025/index.html</ref>])</bibl>.</note>
                        Das wäre ein Zeichen da<pb xml:id="p543" ed="pga" break="no"/>für, dass der <term type="Sachen" key="Fortschritt, wirklicher Kultur">Fortschritt</term> wirklicher Kultur doch nicht ein leerer Wahn
                        ist. Jedenfalls muss echte Bildung <term type="Sachen" key="Bildung, Menschheitsbildung">Menschheitsbildung</term> werden;
                        wir müssen lernen, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> uns als Glieder der
                        großen Einheit fühlen, nicht um ein erhabenes Gefühl mehr zu haben,
                        sondern um unsre Gedanken, unsern Willen, unser Leben einzurichten nach
                        der Würde, die einem Menschen zukommt, und um im Andern, gleichviel ob
                        wir in naher oder ferner Gemeinschaft zu ihm stehen, die Menschheit zu
                        ehren, die ihn mit uns verbindet. Wie wir standesgemäß leben sollen und
                        andere standesgemäß behandeln, innerlich nämlich, so soll der Charakter
                        unsres ganzen Lebens menschheitsgemäß werden. Und es umfasst diese
                        höchste Stufe der Bildung alle andern, sie begründet und erhält sie.
                        Menschen werden in der Gemeinschaft und durch und für die Gemeinschaft,
                        das heißt uns <term type="Sachen" key="Bildung, Menschen werden in der und für die Gemeinschaft">Bildung</term>. Zwei große Organisationen haben in der Geschichte
                        diese letzte, höchste Stufe der Bildung angestrebt, mit mehr oder
                        weniger Glück freilich, aber sie sollen darum nicht ungenannt bleiben:
                        die römisch-katholische <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term>, die die Menschheit
                        als christliche Menschheit zu einer Herde unter einem Hirten [vgl. 
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.10.16">Joh. 10,16</ref>] versammeln
                        will, und der <term type="Sachen" key="Freimaurer">Freimaurerorden</term>, der es sich zum Ziel gesetzt hat, den
                        geistigen Tempel der Menschheit,<note xml:id="n17">Siehe
                            oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p510#fn_n10">S. 510, Anm. 10</ref>.</note> den Tempel des Schönen, Wahren und
                            Guten<note xml:id="n18">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p140#fn_n03">S. 140,
                            Anm. 3</ref>.</note> zu bauen. Beide
                        bekämpfen einander bekanntlich aufs Bitterste, aber vielleicht nur, weil
                        sie sich zu nahe verwandt sind. Hier und dort ist in der Praxis viel
                        Unwahrheit und Phrase im Spiel, aber das ändert nichts daran, dass das
                        Ziel von Beiden richtig erfasst ist. Von der Isolierung, von dem
                        Inseldasein des natürlichen <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand">Menschen</term> zur Einordnung in die
                        Ge<pb xml:id="p544" ed="pga" break="no"/>meinsamkeit des Allgemeinen, das ist der Weg
                        zur <term type="Sachen" key="Bildung">Bildung</term>, zur <term type="Sachen" key="Kultur">Kultur</term>.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken.<note xml:id="n19">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-2506">
                                    <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wallenstein. Ein dramatisches
                                Gedicht</hi>, Prolog, V. 60 (ders., Sämtliche Werke, Bd. 2,
                            München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 271)</bibl>:
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </note>
                        </l></lg>
                    </q>
                </div>
                <div>
                    <head>III</head>
                    <p rend="noindent">Und von diesem Menschen, dem Gebildeten, soll nun noch
                        kurz die Rede sein. Genauer müsste gesagt werden: von <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> dem sich Bildenden, denn die <term type="Sachen" key="Bildung, niemals fertig">Bildung</term> kann ja
                        niemals fertig sein. Die Gebildetheit, die wahre nämlich, oder die <term type="Sachen" key="Weisheit, wahre Bildung">Weisheit</term>
                        beschreibt <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                        folgendermaßen: Sie <hi rend="italic">ist erstens keusch, sodann friedfertig,
                            folgsam, lässt sich etwas sagen, ist voller Teilnahme und guter
                            Früchte, steht über den Parteien, heuchelt nicht</hi>. Wir wollen
                        versuchen, unsrerseits in kurzen Zügen das Wesen des Gebildeten zu
                        zeichnen, wie am Anfang das des Ungebildeten.</p>
                    <p>Das erste Merkmal der Bildung ist, dass sie den Menschen
                            <hi rend="italic">objektiv</hi>
                        <term type="Sachen" key="Bildung, Objektivität">macht</term>. Der
                        Gebildete lebt in den Verhältnissen und unter den Menschen, aber er
                        übersieht, durchschaut, versteht sie in ihren notwendigen Bedingungen
                        und Zusammenhängen, und damit ist er ihnen, vielleicht nicht äußerlich,
                        aber innerlich überlegen. Der <hi rend="italic">Un</hi>gebildete hängt ab von den
                        zufälligen Eindrücken, die auf ihn einstürmen, und sein Leben bekommt
                        dadurch etwas Zufälliges, Abhängiges; der Gebildete ordnet die
                        Eindrücke, weil er einen Maßstab der Dinge in sich trägt. Der
                            <hi rend="italic">Un</hi>gebildete wird gelebt, weil er sich selbst nicht
                        beherrschen kann, geschweige denn das, was von außen auf ihn eindringt,
                        der Gebildete lebt, weil er vor Allem Herrscher seiner <term type="Sachen" key="Bildung, Selbstbeherrschung">selbst</term>
                        geworden ist. Reif sein ist Alles, reif sein ist Bildung. Bildung aber
                        heißt das Leben <term type="Sachen" key="Bildung, das Leben verstehen">verstehen</term>. Nachdem wir gesehen, wie Bildung zustande kommt,
                        kann es uns nicht wundern, dass das das Resultat ist. Wer wirklich und
                        bewusst den sauren Weg der Bildung geht, den Weg der Einordnung und
                        Unterordnung unter die Gemeinschaftsformen des Menschenlebens, der
                        entdeckt auf diesem Weg die ungeschriebenen und doch unverbrüchlichen
                        Gesetze, die allem Dasein zu Grunde lie<pb xml:id="p545" ed="pga" break="no"/>gen. Ihm
                        hört die Welt und das Leben auf, eine gestaltlose Masse zu sein, die
                        sich um ihn selbst dreht, ihm fällt Licht ins Chaos, die Nacht
                            <hi rend="italic">weicht</hi> langsam aus den Tälern,<note xml:id="n20">
                                <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                    <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, Zweiter Aufzug,
                            Zweite Szene (ders., Sämtliche Werke, Bd. 2, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 964)</bibl>.</note> und so wandelt er über die
                        Berge als ein Siegreicher, ein Überlegener.</p>
                    <p> Und wahrlich, die Überlegenheit des <term type="Sachen" key="Bildung, Überlegenheit">Gebildeten</term> ist etwas ganz
                        Anderes als die weltmüde Blasiertheit des <term type="Sachen" key="Wissen, weltmüde Blasiertheit des Vielwissers">Vielwissers</term>, der Alles <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> zu kennen
                        meint und darum Alles verachtet. Bildung ist nicht die träge
                        Weltkenntnis des reisenden Engländers,<note xml:id="n21">Anspielung auf den Engländer aus den «Wahlverwandtschaften», der
                            sich «immerfort als einen Reisenden» betrachtet und von sich sagt:
                            «Ich bin an den Wechsel gewöhnt, ja er wird mir Bedürfnis, wie man
                            in der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet, gerade
                            weil schon so viele dagewesen» (<bibl corresp="kbga-bibls-2760"><persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                <hi rend="italic">Wahlverwandtschaften</hi>, Hamburger Ausgabe, Bd. 6,
                            S. 432; vgl. S. 429–434</bibl>).</note> sondern gebildet ist der,
                        der sagen kann:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Denn ich bin ein Mensch gewesen,</l>
                                <l>Und ein Mensch heißt Kämpfer sein,<note xml:id="n22">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2761">Aus der vierten Strophe des Gedichts «Einlaß»
                                        von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                        (ders., <hi rend="italic">Westöstlicher Diwan. Buch des
                                            Paradieses</hi>, Berliner Ausgabe. Poetische
                                        Werke, Bd. 3, Berlin 1965, S. 148f., dort S. 149)</bibl>:
                                            <q rend="block">
                                              <lg>
                                              <l>Denn ich bin ein Mensch gewesen, </l>
                                              <l>Und das heißt ein Kämpfer sein.</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                    </note>
                                        </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p rend="noindent">ist der, der das Leben in <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term>, <term type="Sachen" key="Beruf">Beruf</term> und <term type="Sachen" key="Vaterland">Vaterland</term> nicht bloß beobachtet, sondern erlebt hat. Die
                        Überlegenheit dieser Bildung ist das volle Gegenteil von Blasiertheit.
                        Gerade weil sie herausführt aus der Vereinzelung des <term type="Sachen" key="Mensch im Naturzustand, Vereinzelung">Naturwesens</term> auf
                        die Höhe des Allgemeinen, der <term type="Sachen" key="Kultur, Höhe der Kultur">Kultur</term>, gerade darum macht sie
                        den Menschen fähig, sich liebevoll in das Einzelne zu vertiefen, in die
                        besondern Gestaltungen und Bildungen des innern Lebens der Andern. Er
                        vermag sich in die Andern zu versetzen, er beurteilt und verurteilt sie
                        nicht nach groben, hölzernen Maßstäben, nicht nach der Schablone,
                        sondern er versteht sie von innen heraus, er bekommt ein Ahnungsvermögen
                        für das ewig Wertvolle, das Göttliche in jedem <term type="Sachen" key="Mensch, Göttliches in jedem M.">Nebenmenschen</term> und vermag
                        ihm dann auch zu helfen, es zu wecken, zu gestalten, nicht mit
                        schwerfälligem Dreinreden und Sprüchemachen, das dem Andern ewig fremd
                        bleibt, sondern mit innerer Sympathie für seine Eigenart, die es
                        schließlich <pb xml:id="p546" ed="pga"/> allein versteht, dem Andern das Bild
                        dessen vorzuhalten, was er werden soll. So gestaltet sich das Leben des
                        Gebildeten zu einer Fülle der Gesichte,<note xml:id="n23">Gehobener Ausdruck für eine Vielzahl von Eindrücken; vgl. oben,
                                <ref type="pub" target="../volume/53/p426#fn_n01">S. 426, Anm. 1</ref>.</note>
                        er sieht den Reichtum der <term type="Sachen" key="Welt, Reichtum">Welt</term>, und weil er ihn sieht, kann er ihn mit vollen Händen
                        spenden. <persName ref="kbga-actors-136"><hi rend="italic">Goethe</hi></persName> ist ein solcher Mensch gewesen, und
                        das Lied seines Türmers ist der Triumphgesang aller wirklichen
                        Bildung:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                                <l>Zum Sehen geboren,</l>
                                <l>Zum Schauen bestellt,</l>
                                <l>Dem Turme geschworen</l>
                                <l>Gefällt mir die Welt.</l>
                                <l>Ich blick’ in die Ferne,</l>
                                <l>Ich seh’ in der Näh’,</l>
                                <l>Den Mond und die Sterne,</l>
                                <l>Den Wald und das Reh.</l>
                                <l>So seh’ ich in allen</l>
                                <l>Die ewige Zier,</l>
                                <l>Und wie mir’s gefallen,</l>
                                <l>Gefall’ ich auch mir.</l>
                                <l>Ihr glücklichen Augen,</l>
                                <l>Was je ihr gesehn,</l>
                                <l>Es sei wie es wolle,</l>
                                <l>Es war doch so schön!<note xml:id="n24">
                                            <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                            <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        Faust. <hi rend="italic">Der Tragödie zweiter Teil</hi>,
                                        V. 11288–11303 (Tiefe Nacht).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/>Aber in der Fülle der Gesichte, im Reichtum
                        der <term type="Sachen" key="Menschheit, Reichtum">Menschheit</term>, in
                        die er kämpfend, leidend und siegend untertaucht, verliert der Gebildete
                        doch sich selbst nicht. Wir haben’s schon gesagt: er wächst mit
                        seinen höhern Zwecken. Ja, er entdeckt sich selbst. Er hört auf, einer
                        von den Vielen zu sein, er verlässt die dumpfe Region der
                        Masseninstinkte, der Schlagworte und Vorurteile, er wird, indem er
                        allgemein wird, etwas Besonderes, ein lebendes Atom in der ungeheuren
                        Welt der Geister. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-752">Richard Rothe</persName></hi><note xml:id="n25">Richard Rothe (1799–1867),
                            evangelischer Theologe, dessen Anliegen die Verbindung von
                            protestantischer Weltfrömmigkeit und Kirchlichkeit war.</note> hat
                        sehr fein gesagt, der Wahlspruch des Gebildeten sei jene Zeile aus dem
                        alten Kirchenlied:</p>
                        <q rend="block">
                            <lg>
                    <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p547" ed="pga"/> An mir und meinem Leben</l>
                    <l>Ist nichts auf dieser Erd<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. mit Bleistift nachträglich korrigiert aus:
                                «Welt».</note>…<note xml:id="n26">
                                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-104">Aus Strophe 3 des Liedes
                            «Ist Gott für mich, so trete» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS 225; RG 656; EG 351).</bibl>
                            – Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2754"> <persName ref="kbga-actors-752">Rothe</persName> (Anm. 8), S. 145 (§ 970)</bibl>: «Der Gebildete gibt sich
                            an die Objektivität hin, an das Ganze, dem er angehört, und zwar
                            nicht an das Nächste, das ihn unmittelbar trägt, sondern an das
                                <hi rend="italic">ganze</hi> Ganze, an die Menschheit überhaupt.
                            […] Nichts ist ungebildeter (ordinärer) als von seinem
                            armseligen lieben Ich nicht los und über dasselbe nicht hinaus
                            kommen zu können. Der Ungebildete sieht in der Welt lauter bloße
                            Individuen, der Gebildete sieht in ihr eine Menschheit […].
                            Sein Wahlspruch ist: ‚an mir und meinem Leben ist nichts auf dieser
                            Erd.’»</note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p>Er verliert seine Zeit und Kraft nicht mit müßiger
                    Selbstbeschauung, aber indem er ganz verzichtet auf seine gröbern und
                        feinern Spezialinteressen, indem er ganz aufgeht im Ringen um das, was
                        allgemein ist und allgemein gelten soll, ist der Wert und Inhalt seines
                        eigenen, seines speziellen Lebens plötzlich da wie ein unerwartetes
                        Geschenk. Denn wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren, wer aber
                        sein Leben in dieser Welt hasset, der wird es erhalten zum ewigen Leben
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.25">Joh. 12,25</ref>]. Er
                        erfüllt seines Wesens eigenste Bestimmung, nein, sie <hi rend="italic">wird</hi>
                        erfüllt, denn <hi rend="italic">Gott</hi> ist da, der ihn gerecht macht.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                    <l>Er, der die Welt gewollt und dessen Namen</l>
                    <l>Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,</l>
                    <l>Er geb’, dass eures Wesens tiefste Quellen</l>
                    <l>Zum Lichte gehn – und geb’ euch, dass ihr’s
                            wisst!<note xml:id="n27">
                                        <bibl corresp="kbga-bibls-2762">Verse 92–95 des Gedichts
                            «Chidhr» von <persName ref="kbga-actors-9294">O. Ernst</persName>
                            (ders., <hi rend="italic">Siebzig Gedichte</hi>, Leipzig 1907,
                            S. 132–135, dort S. 135).</bibl>
                                    </note>
                                </l>
                            </lg>
                        </q>
                    <p>Sie gehen zum Lichte! Und wir dürfen es wissen. Dürfen
                        werden, was wir sein sollen. Das ist <term type="Sachen" key="Bildung, Werden was wir sein sollen">Bildung</term>.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                   
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-228">Nr. 57: «Geh aus, mein Herz und suche Freud» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>,
                                Strophen 1–3 und 5–7 (RG
                                537,1–3.7–9; EG 503,1–3.7–9 [je mit
                                geringen Textabweichungen]).</bibl>
                            
                           <bibl type="song" corresp="kbga-songs-278">
                                <pb rend="noPipe" xml:id="p548" ed="pga"/> Nr. 307: «Alles ist euer! O Worte des ewigen Lebens» von
                                Chr. Fr. D. Schubart, Strophen 1–3 (<bibl corresp="kbga-bibls-2750">Evangelisches
                                Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, Dortmund 1905,
                                354</bibl>).</bibl>
                        </listBibl>
                    </div>
                    <div>
                        <head>Lesungstext:</head>
                        <list type="simple">
                            <item> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.2">1.Korinther 2</ref>.</item>
                        </list>
                    </div>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
