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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 44</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 3,1-12</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 3,1-12, 17. Juli 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53046 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53046</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 44: Predigt: Jakobus 3,1-12</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">46</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 3,1-12, 17. Juli 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1487">KBA 1022</ref>. </bibl>
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      <creation>
        <date type="creation" when="1910-07-17">17. Juli 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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            <div type="sermon"> 
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-07-17">Sonntag, den
                            17. Juli 1910</date> <date rend="right">(8. nach Trinitatis)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.3.1 Jak.3.12">Jakobus 3,1–12</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Es</hi> dränge sich nicht
                                        jedermann dazu, Lehrer zu sein, <hi rend="text-recte">meine Brüder. Ihr
                                    sollt wissen, dass wir ein umso strengeres Urteil empfangen
                                    werden. Denn wir fehlen vielfach alle miteinander.</hi> Wer
                                        aber beim Reden nicht fehlt, der ist ein vollkommener
                                        Mann, <hi rend="text-recte">der kann auch den ganzen Leib im Zaume
                                    halten. Seht, den Pferden legen wir das Gebiss an, damit sie
                                    uns gehorchen, und so lenken wir ihren ganzen Körper. Seht
                                    euch auch die Schiffe an; trotz ihrer Größe und trotz
                                    heftiger Winde, die sie treiben, werden sie von einem ganz
                                    kleinen Steuerruder gelenkt, wohin es das Belieben des
                                    Steuermanns will. So</hi> ist auch die Zunge ein kleines
                                        Glied und richtet große Dinge an. <hi rend="text-recte">Gib acht, wie
                                    ein winziges Feuer einen großen Wald in Brand setzt. Auch
                                    die Zunge ist solch ein Feuer,</hi> eine Welt voll
                                        Ungerechtigkeit. <hi rend="text-recte">Die Zunge tritt unter unsern
                                    Gliedern als die Macht auf, die den ganzen Leib befleckt und
                                    die Lebensbahn entzündet, während sie selbst</hi> von der
                                        Hölle entzündet <hi rend="text-recte">ist. Denn jede Art von
                                    Säugetieren und Vögeln, von Schlangen und Seetieren wird
                                    gezähmt und ist gezähmt worden durch die menschliche Natur,</hi>                                        die Zunge hingegen kann kein Mensch zähmen,<hi rend="text-recte">
                                    dies ruhelose Übel voll todbringenden Giftes. Mit ihr
                                    preisen wir den Herrn und Vater und mit ihr fluchen wir den
                                    Menschen, die nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind.</hi>
                                        Aus demselben Munde geht Segen und Fluch
                                        hervor. <hi rend="text-recte">Es sollte nicht so sein, meine Brüder!
                                    Sprudelt etwa die Quelle aus derselben <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Öffnung süßes und bitteres Wasser? Kann etwa,
                                    meine Brüder, der Feigenbaum Oliven hervorbringen oder der
                                    Weinstock Feigen? Und keine Salzquelle kann süßes Wasser
                                    hervorbringen.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Der erste der vorgelesenen Verse ist einer der geeignetsten Texte für die
                    Predigten, die ein <term type="Sachen" key="Pfarrer">
                            <hi rend="italic">Pfarrer</hi></term> immer wieder <hi rend="italic">sich selbst</hi>
                    halten muss: «<hi rend="italic">Es dränge sich nicht jedermann dazu, Lehrer zu sein. Ihr
                        sollt wissen, dass wir ein umso strengeres Urteil empfangen
                        werden</hi>.» Es scheint, dass unter den Christen, an die <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sich richtete, Manche
                    waren, <pb xml:id="p516" ed="pga"/> die sich leichtfertig und eingebildet zum
                    Predigtamt drängten, die sich gerne damit wichtigmachten, der Gemeinde ihre
                    tiefen oder weniger tiefen religiösen Ideen vorzutragen, so dass die <term type="Sachen" key="Verkündigung">Verkündigung</term> des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term> drohte, zu einem
                    gebildeten Religionsgeschwätz zu entarten. Jakobus bemerkt dazu: Achtung!
                    Wer viel und wer nun gar berufsmäßig über Gott <hi rend="italic">redet</hi>, der hat
                    ein umso strengeres <term type="Sachen" key="Pfarrer, strengeres Gericht">Gericht</term> zu erwarten, mit dem wird es umso genauer genommen. Viel
                    lebendiger auch und eindrücklicher als Andre erfährt er an sich das Gericht
                        <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gottes</term>, die
                    Scheidung und Entscheidung über den Wert oder Unwert seines Lebens. Ich
                    sage: Das geht <hi rend="italic">uns</hi> an, und jeder Pfarrer wird es euch aus
                    eigener innerer Erfahrung bezeugen, dass, was Jakobus sagt, ohne Weiteres
                    und unmittelbar wahr ist. Indem wir und je mehr wir über Gott reden, steht
                    die ernste, ja furchtbare Seite im Wesen Gottes dringender und gewaltiger
                    vor uns <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> als vor andern Menschen, dringender und
                    lebendiger sind wir vor die Tatsache gestellt: «Uns bleibt ein Erdenrest, zu
                    tragen peinlich».<note xml:id="n01">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1624">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                            <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie zweiter Teil</hi>, V. 11954f.
                        (Bergschluchten).</bibl>
                        </note> Denn indem wir von der ewigen <term type="Sachen" key="Wahrheit, ewige">Wahrheit</term> reden, werden wir
                    uns der Kluft bewusst, die zwischen menschlicher und göttlicher <term type="Sachen" key="Wahrheit, Kluft zwischen menschlicher und göttlicher">Wahrheit</term> scheinbar unüberbrücklich gesetzt ist, und wir leiden
                    darunter, dass unsre Aufgabe notwendig über unsre Kraft geht. Darin besteht
                    das strengere Gericht, das wir erfahren. Ein <term type="Sachen" key="Theologen">Theologe</term>, der sich jenem <term type="Sachen" key="Pfarrer, strengeres Gericht">Gericht</term> entziehen wollte und
                    jenem innern Konflikt ausweichen, der wäre kein rechter Theologe, heute
                    weniger als je.</p>
                <p>Aber ich will nicht näher auf diesen ersten Vers eintreten. Was darin gesagt
                    ist und was ich darin gelesen habe, hat für euch nicht die dringliche
                    Bedeutung wie für mich. Denn wenn uns da gesagt wird: es dränge sich nicht
                    jedermann dazu, <term type="Sachen" key="Lehrer">Lehrer</term> zu sein, so
                    wäre es heute weitesten Kreisen gegenüber eher nötig, das Gegenteil zu
                    betonen: Ihr dürft euch nicht der Aufgabe entziehen, mitzuhelfen das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> zu <term type="Sachen" key="Verkündigung">verkündigen</term>. Es ist ja wohl aus den Zeitungen
                    bekannt, dass die Zahl der <term type="Sachen" key="Theologiestudierende">Theologiestudierenden</term> gegenwärtig überall hinter dem Bedürfnis
                    zurückbleibt, besonders auffallend und beängstigend in den protestantischen
                    Kirchen von <term type="Sachen" key="Frankreich, protestantische Kirche">Frankreich</term>, aber auch in <term type="Sachen" key="Deutschland, protestantische Kirche">Deutschland</term> und bei uns
                    in der <term type="Sachen" key="Schweiz, protestantische Kirche">Schweiz</term>.<note xml:id="n02">In <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> hatte sich die Zahl
                        der <term type="Sachen" key="Theologiestudierende">Theologiestudierenden</term> gegenüber dem hohen Stand von 1890
                        (4536 im Sommersemester) im Jahr 1905 fast halbiert (2277) und war auch
                        zum Sommersemester 1910 nur leicht wieder gestiegen (2535); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2737">KJ 42
                        (1915), S. 488</bibl>. Die <bibl corresp="kbga-bibls-2739">
                                <hi rend="italic">Schweizerische
                            Hochschulstatistik / Statistique des Ėtudes Supérieures es Suisse
                            1890–1935</hi>, Bern 1935, S. 11</bibl>, konstatierte im Gegenüber
                        zum kontinuierlichen Anstieg der Studentenzahlen aller anderen
                        Fakultäten: «Auffällig ist, daß die schweizerischen Studenten der
                        theologischen Fakultät seit den neunziger Jahren überhaupt keinen
                        Zuwachs aufzuweisen haben, wenn man von der Zunahme seit 1932 absieht.
                        Seit 1891/92 ist sogar ein ständiger Rückgang auf die Hälfte bis 1907/08
                        festzustellen, um erst dann wieder einem langsamen, von erneutem
                        Absinken unterbrochenen Steigen Platz zu machen.»</note> Ebenso steht es
                    in der <term type="Sachen" key="Mission">Heidenmission</term>:<note xml:id="n03">Laut <bibl corresp="kbga-bibls-2740">
                                <persName ref="kbga-actors-4462">J. Richter</persName>, Art. «Mission unter den
                        Heiden, protestantische», in: RE<hi rend="sup">3</hi> 24 (1913),
                        S. 134–170, dort S. 147</bibl>, gab es zum Zeitpunkt der Niederschrift
                        insgesamt «14 000 selbständige Missionsarbeiter, zu denen noch 5400
                        Missionarsfrauen» kamen. Zehn Jahre zuvor war die Rede von einem
                        «Missionspersonal von fast 11 000 Köpfen», unter «Ausschluß der 4350
                        Missionarsfrauen» (<bibl corresp="kbga-bibls-2741"><persName ref="kbga-actors-5023">G. Warneck</persName>, Art. «Mission unter den Heiden, protestantische»,
                        in: RE<hi rend="sup">3</hi> 13 [1903], S. 125–171, dort
                        S. 147</bibl>).</note>
                    <pb xml:id="p517" ed="pga"/> Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.37">Mt. 9,37</ref>]. Wo bleiben da
                    unsre jungen Leute, unsre jungen Männer und Mädchen, und zwar meine ich
                    jetzt, die die Kirche besuchen und an ihrem Christentum überhaupt etwas
                    haben, nicht die andern. Man kann gerade auf diesem Gebiet heutzutage so
                    ziemlich jedermann brauchen, der aufrichtig und guten Willens ist. Aber wo
                    bleiben die jungen Christen? Drängt euch nur wieder etwas mehr dazu, <term type="Sachen" key="Lehrer">Lehrer</term> zu sein! Und ich will bei dem
                    Anlass gleich noch etwas Spezielleres und Aktuelleres sagen, das ihr mir
                    nicht übel nehmen werdet. Im letzten <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Herbst
                    wurde mehrfach der Appell an unsre <term type="Sachen" key="Genf, Deutsche reformierte Gemeinde">Gemeinde</term> gerichtet, es
                    möchte sich jemand als Gruppenleiterin an unsrer Sonntagsschule beteiligen.
                    Da handelte es sich doch noch lange nicht um eine welterschütternde und
                    aufreibende Arbeit für das Reich Gottes, aber es hat sich niemand
                        gefunden,<note xml:id="n04">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2742">Gemeinde-Blatt für die
                        Deutsche reformierte Gemeinde Genf, Jg. 6, Nr. 32, 2.11.1909, [S. 4]</bibl>:
                        «In der Kinderlehre ist eine der Gruppenleitungen z. Z. vakant. Wer
                        hilft? Meldungen an Vikar Barth.»</note> bis wir uns nun auf andre Weise
                    geholfen haben. Dergleichen ist nicht gerade ein Ruhmeszeugnis für das
                    religiöse Leben einer Kirche, und es zeigt eben, dass die Mahnung des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> heute umgekehrt
                    ausgesprochen werden müsste.</p>
               
                 <p>  <pb rend="noPipe" xml:id="p518" ed="pga"/> Aber die Gedanken unsres Textes führen uns heute in andrer Richtung, und es
                    soll genügen, dass jene Mahnung des ersten Verses auch im umgekehrten Sinn
                    wenigstens zum Ausdruck gekommen ist. Nach jenem kurzen Wort an die
                    Zudringlichen, die alle gerne predigen möchten, entwirft nämlich <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> das
                    berühmte Gemälde von der ebenso großen als gefährlichen Wirksamkeit der
                    menschlichen Zunge im Allgemeinen. Habt ihr schon daran gedacht, will er
                    jenen sagen, dass das <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Reden</term> schon an sich und im Privatgebrauch eine gefährliche und
                    zweischneidige Sache ist, und nun wollt ihr gar noch berufsmäßige Redner
                    werden? Und so kommt er dazu, eine Rede über das Reden zu halten, und die
                    geht ja nun wohl Alle an, nicht bloß die <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term>, und sie gilt auch im 20. wie im 1. Jahrhundert, genauso
                    gut und genau in dem gleichen Sinn. Mit dieser Rede über das Reden wollen
                    wir uns heute beschäftigen.</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <hi rend="italic">Die Zunge ist ein kleines Glied und richtet große Dinge
                        an!</hi> Dies Wort aus unserm Text hat ja beinahe sprichwörtliche
                    Bedeutung erlangt. Und es ist nicht zu bestreiten: Wenn wir zunächst einmal
                    ganz absehen von der Frage, wieviel <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böses</term> und <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gutes</term> durch das Mittel der Rede in der
                    Welt geschaffen wird – auf alle Fälle ist die Zunge, ist das <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Großmacht im Leben">Reden</term>
                    die Großmacht im Leben der <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Menschen. Wenn man
                    eine Aufzählung der eigentlich wichtigsten Ereignisse der <term type="Sachen" key="Geschichte">Weltgeschichte</term> machen wollte, so
                    würde vielleicht eine Geschichte der menschlichen Zunge herauskommen. Denn
                    auch bei den Vorgängen, wo auf den ersten Blick scheinbar einfach die rohe
                    Gewalt der Waffen oder heutzutage die feinere Gewalt des Geldes die
                    Geschichte gelenkt hat, auch da würde ein Ohr, das zu hören vermöchte, was
                    in den Geschichtsbüchern nicht erzählt ist, im Hintergrunde die
                    Betriebsamkeit von allerlei Zungen vernehmen, von Männerzungen und besonders
                    auch Frauenzungen. Das eine Mal mögen’s Ströme von Worten gewesen
                    sein, die geflossen sind, schäumend und sprudelnd, bis die Dämme gebrochen
                    waren – man kennt ja das –, das andre Mal bloß ein kleiner,
                    scharfer, giftiger Pfeil, der wohlgezielt dieselbe Wirkung tut. Das eine Mal
                    das wohldurchdachte Gebäude edler philosophischer Beredsamkeit, das andre
                    Mal der gewöhnliche Dorfklatsch, wie ihn die Menschheit von Anfang an
                    geklatscht hat und wie er im klassischen Athen ebenso wohl zu Hause war wie
                    im heutigen <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>. Das eine Mal die
                        <pb xml:id="p519" ed="pga"/> wortkargen Sprüche einsamer Helden und Denker,
                    die in ihrem Innern ihre eigene Welt aufgebaut und deren Zunge dann in das
                    Orchester der Menschheit eingegriffen hat wie silberne Posaunen aus einem
                    fernen Jenseits. Das andre Mal das Geschwätz, das <persName ref="kbga-actors-382">Shakespeare</persName> in einem seiner Stücke als
                    selbständige Person, mit 1000 Zungen bemalt, die Bühne hat betreten lassen
                    und das dort von sich selber sagt, es sei ein Musikinstrument,</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Das Argwohn, Eifersucht, Vermutung bläst</l>
                            <l>Und von so leichtem Griffe, dass sogar</l>
                            <l>Das Ungeheuer mit zahllosen Köpfen,</l>
                            <l>Die immer zänkische, wandelbare Menge</l>
                            <l>Drauf spielen kann.<note xml:id="n05">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2743">
                                        <persName ref="kbga-actors-382">W. Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">König Heinrich IV. Zweiter
                                        Teil</hi>, Prolog (Sämtliche Werke in vier Bänden,
                                    hrsg. von A. Schlösser, Berlin 1975, Bd. 3, S. 281
                                    [Übersetzung von A. W. Schlegel]).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Ich weiß schon: all die Zungen, die nun seit den Tagen <persName ref="kbga-actors-2144">Adams</persName> auf unsrer alten Erde
                    ununterbrochen in Bewegung gewesen <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> sind, Zungen
                    von Chinesen und Ägyptern, Juden und Griechen, Deutschen, Franzosen und
                    Schweizern, das waren Alles die Zungen von Menschen mit Gedanken und
                    Gefühlen, und was sie <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">redeten</term>, war nur der abgeleitete Fluss der verborgenen,
                    unterirdischen Quelle unzähliger menschlicher Innenleben, deren Inhalt uns
                    ein Geheimnis wäre, auch wenn uns ihre Worte irgendwie erhalten wären. Und
                    insofern wäre eine Geschichte der <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Geschichtsrolle">Zunge</term> noch lange keine
                    erschöpfende Weltgeschichte. Aber das ist sicher, dass wir den Gang der
                    Geschichte ganz anders verstehen und überblicken könnten, wenn wir Einsicht
                    hätten in die verborgene Arbeit der Zungen, denn die Zungen sind, wenn nicht
                    die Ursache selbst, so doch immer das erste und naheliegendste
                        <hi rend="italic">Mittel</hi> gewesen, durch das die Menschen ihr Geschick und das
                    der Andern bestimmt und in Bewegung gebracht haben. – |</p>
                <p> Die Zunge ist die große Gestalterin des <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Einfluss auf das Leben">Menschenlebens</term>.
                    Wenn ihre Arbeit in den großen Geschicken der Welt nur verborgen erscheinen
                    mag, so ist sie jedenfalls offenkundig im Leben des einzelnen Menschen.
                    Durch die Zungen der Mitmenschen werden wir, was wir sind. Ein Kind, das in
                    einem Kreis aufwächst, in dem der Dorfklatsch das Tischgespräch ist, wird
                    mit höchster Wahrscheinlichkeit auch ein <pb xml:id="p520" ed="pga"/> Klatscher
                    oder eine Klatscherin werden, wenn nicht das andre Extrem eintritt, dass es
                    gerade durch seine Umgebung in die Einsamkeit und Schweigsamkeit, in die
                    Gedanken getrieben wird. So oder so sind die Zungen der Andern für seine
                    Entwicklung höchst bedeutungsvoll geworden. Ich kam einmal in eine Familie,
                    wo ich schon vor der Türe deutlich hörte, wie Mann und Frau einander die
                    größten Grobheiten an den Kopf warfen. Als ich eintrat, wurde es zuerst ganz
                    still, und dann hub das Ehepaar einmütig an, sich gar kläglich über ihren
                    Knaben zu beschweren, der seinem Bruder immer so rohe Worte gebe.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ein jeder ziehe selbst den Schluss,</l>
                            <l>Was das für Segen bringen muss.<note xml:id="n06">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2744">
                                        <persName ref="kbga-actors-9290">J. M. Sailer</persName>, <hi rend="italic">Friedrich Christians Vermächtnis
                                        an seine lieben Söhne. Deutschen Jünglingen in die Hand
                                        gegeben von einem ihrer Freunde</hi>, zweite,
                                    verbesserte Auflage, Straubin 1825, S. 25</bibl> (auch in: <bibl corresp="kbga-bibls-2745">
                                        <persName ref="kbga-actors-9290">ders</persName>.,
                                    Sämtliche Werke, Abt. 3, Bd. 7, neue, revidierte und
                                    vermehrte Ausgabe, Sulzbach 1831, S. 269</bibl>).</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Und wie die Zungenarbeit unsrer Mitmenschen
                    unser Leben im <term type="Sachen" key="Worte / ^@+ das Reden, Einfluss auf das Leben">Allgemeinen</term>
                    formiert, unsern <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Einfluss auf den Charakter">Charakter</term>
                    beeinflusst und bildet, der Begleitungsmusik in einem Konzert vergleichbar,
                    die den Solostimmen ihren Charakter gibt, weil sie ihr Hintergrund ist, so
                    schwellt sie manchmal an, verlässt den Hintergrund, tritt tätig handelnd in
                    unser Leben hinein und gibt ihm vielleicht gerade auf seinen Höhepunkten die
                    entscheidende Richtung. Ein Wort, ein Wort ist so oft der erste Ring in der
                    Kette unsrer Geschicke, ein Wort, das der andre vielleicht absichtslos
                    hingeworfen, vielleicht planvoll überlegt hineingestellt hat in das
                    unentschiedene Schwanken und Wanken unsrer Gefühle und Stimmungen. Da
                    schießen die Kristalle zusammen wie in der Retorte des Chemikers, und unser
                    inneres und äußeres Leben wird ein ganz, ganz anderes Gebilde, als es ohne
                    jenes Wort geworden wäre. Die Zunge ist ein kleines Glied und richtet große
                    Dinge an! – |</p>
                <p>Aber die größten Dinge in unserm Leben richten nicht die Zungen der Andern
                    an, sondern das kleine Werkzeug, das wir angeblich selbst in der Gewalt<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.</note>
                     haben, mit dem wir scheinbar nur in das Leben der Andern eingreifen,
                    ohne dass wir selbst dadurch Andre würden. Ich will nicht erst von den
                    zahllosen Fällen reden, wo unsre eigene Zunge bedacht oder unbedacht unserm
                    Leben die Richtung gibt, wo wir <pb xml:id="p521" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidungen</term> fällen für
                    immer, wo wir uns Andre zu Freunden oder Feinden machen, wo unsre Worte
                    wirken wie die Lawinen im Alpenland, wo sie Gefährten finden und mitreißen,
                    wo sie Ursache sind im Guten oder Bösen, wo sie ein tausendfaches donnerndes
                    Echo wecken, von dem wir selbst nichts ahnten, als wir sie aussprachen. Die
                    Zunge ist das Zünglein an der Waage unsres <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Einfluss auf das Leben">Lebens</term>, ganz
                    abgesehen von all den Wirkungen auf das äußere Leben unser selbst und der
                    andern. Denn der Klang des Wortes mag wohl im Ohr verhallen, vielleicht von
                    Keinem gehört als von uns selbst, es ist deshalb doch nicht ungesprochen,
                    und wir selbst sind nachher nicht <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> mehr dieselben
                    wie vorher. Schon das Kind, wenn es sich zum ersten Mal ein Wort oder eine
                    Redensart erlaubt, von der es weiß, dass sie verboten sind, tritt damit in
                    einen ganz neuen Zustand ein, es spürt heimlich, dass es mit dem Wort über
                    eine Grenze gegangen ist. Und ist es uns nicht auch schon so gegangen, dass
                    wir uns selbst plötzlich in einem ganz neuen Licht erschienen, wenn wir aus
                    eigenem Mund einen Gedanken, eine Stimmung ausgesprochen hörten, vielleicht
                    oberflächlich und zufällig, aber nachher haben die sich verdichtet zu
                    Überzeugungen oder zu dumpfen, hartnäckigen Gefühlen, von denen wir nicht
                    mehr loskamen, weil wir selbst uns willentlich oder unwillentlich daran
                    gebunden durch unsre <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Einfluss auf das Leben">Worte</term>?</p>
                <p> Ich meine, <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hat die Sache
                    richtig gesehen. Durch ein kleines Instrument, das Gebiss, lenkt der Reiter
                    einen ganzen Gaul, durch eine kleine Einrichtung, das Steuerruder, lenkt der
                    Steuermann ein ganzes großes Schiff gegen Wind und Wellen – durch ein
                    kleines Glied, die Zunge, lenkt und entscheidet man ein ganzes Menschenleben
                    mit all seinen Folgen und Komplikationen. <hi rend="italic">Wer</hi> lenkt?
                        <hi rend="italic">Wer</hi> entscheidet? Ist die Sache hier auch so einfach wie
                    dort? Sind wir der Reiter und der Steuermann unsres Lebens oder führt ein
                    andrer die Zügel und das Steuer, und wir sind das Rösslein, das geritten
                    wird, und das Schiff, das gelenkt wird, wohin Wind und Steuermann es wollen?
                    Den Jakobus scheint diese Frage zunächst gar nicht zu interessieren: er
                    redet von «der Zunge», wie wenn sie eine selbständige dämonische Macht wäre,
                    die den Menschen gar nicht nötig hat, um wirksam zu sein. Und so konstatiert
                    er einfach: die Zunge wirkt, sie ist ein kleines Glied, aber sie richtet
                    große Dinge an.</p>
                
                
                <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p522" ed="pga"/> Und nun geht es weiter, wie wenn sich das von selbst
                    verstünde: <hi rend="italic">Ein winziges Feuer setzt einen großen Wald in Brand. Auch
                        die Zunge ist solch ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge
                        tritt unter unsern Gliedern als die Macht auf, die den ganzen Leib
                        befleckt und die Lebensbahn entzündet.</hi> – Waldbrand! <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Welt voll Ungerechtigkeit! Befleckung! Das Alles
                    sei die Zunge. Das tönt nicht gut. Das muss uns bedenklich machen, nachdem
                    wir gesehen, wie wirkungskräftig und folgenschwer die Arbeit der Zunge im
                        <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Einfluss auf das Leben">Leben</term> ist.<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. notierte Barth zwischen den Absätzen: «[in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>! →]». Es ist unklar, ob
                            sich diese Notiz auf den vorangehenden Absatz bezieht oder ob der
                            Pfeil auf den folgenden Absatz oder sogar auf den Beginn der
                            nächsten Mskr.-Seite hinweisen soll. Die Platzierung und der Kontext
                            einer ähnlichen Notiz weiter unten (s. Anm. d) lassen es als
                            wahrscheinlich erscheinen, dass der folgende Absatz gemeint
                            ist.</note>
                    </p>
                <p>Das ist uns ja wohl Allen schon vorgekommen, dass wir in gewissen Lebenslagen
                    hätten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen mögen, wenn wir des
                        <hi rend="italic">Unheils</hi> gewahr wurden, das durch die Zunge und nur durch
                    die Zunge unter den Menschen <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Unheil stiftende">angerichtet</term> war und
                    angerichtet zu werden drohte. Wenn wir dann so leidenderweise vielleicht
                    stundenlang zuhören mussten, wie an der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> vorbei oder um die Wahrheit herum geredet wurde, ein
                    schreckliches Gemisch von Einsicht und Unverstand, dann war es uns wohl auch
                    schon zu Mute, in den Seufzer<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von:
                            «Angstschrei».</note>
                     eines Dichters einzustimmen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Mich ängstet das Verfängliche</l>
                            <l>Im widrigen Geschwätz</l>
                            <l>Und mich befällt das bängliche,</l>
                            <l>Das graugestrickte Netz.<note xml:id="n07">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2746">Aus dem
                                    Gedicht «Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten XI» von
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>
                                    (Erstdruck: 1829; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 2,
                                    Berlin 1966, S. 108)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Das graugestrickte Netz, von dem da die Rede ist, das sind
                    eben die Worte, die sich enger und enger zusammenziehen: Schaden anrichtend,
                    Missverständnisse weckend, Vertrauen und Vernunft zerstörend. Und fast
                    machtlos stehen wir dann da, wie man eben vor einem Waldbrand steht.
                    Riesengroß, hoffnungslos ist das Unheil da, und was <pb xml:id="p523" ed="pga"/>
                    will es helfen, einzelne Worte zu bekämpfen, zu widerlegen, mit der Wahrheit
                    dem Irrtum zu begegnen? Es gibt Menschen, vielleicht sind es die
                    allermeisten Menschen, die eine wahrhafte Fertigkeit und Virtuosität
                    besitzen, zurückzukommen auf ihr erstes Wort, wenn man Vernunft gesprochen
                        stundenlang.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2689">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wallensteins
                            Tod</hi>, zweiter Aufzug, dritter Auftritt (Sämtliche Werke,
                        Bd. 2, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 440)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständig </l>
                                    <l>Zurück nur kommen auf ihr erstes Wort, </l>
                                    <l>Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> Die unvernünftigen, schädlichen Worte wachsen fortzu nach,
                    man mag widerlegen, wie man will, wie die Köpfe der lernäischen Schlange
                    unter dem Schwerte des <persName ref="kbga-actors-8806">Herkules</persName> nachwuchsen, er mochte ihrer abschlagen, soviel er
                        wollte.<note xml:id="n09">Die Tötung der neunköpfigen Hydra
                        aus dem Sumpf von Lerna war die zweite der zwölf Aufgaben, die <persName ref="kbga-actors-8806">Herakles</persName> (lat.:
                        Hercules) im Dienst des Königs Eurystheus von Argos zu erfüllen hatte;
                        vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2747">
                                <persName ref="kbga-actors-2501">G. Schwab</persName>,
                            <hi rend="italic">Die schönsten Sagen des klassischen Alterthums</hi> (1837),
                        Stuttgart 1854<hi rend="sup">3</hi>, S. 199f. (Neuausgabe Köln 1954,
                        S. 105)</bibl>.</note> Eine Welt voll Ungerechtigkeit wächst aus der
                    nimmermüden Arbeit der <term type="Sachen" key="Worte / ^@+ das Reden, Unheil stiftende">Zungen</term>. Es ist
                    bedenklich, aber es ist nicht zu leugnen, dass es <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> so ist; wer es gelernt hat, den Reden der Mitmenschen zuzuhören,
                    nachdenklich und aufmerksam, der weiß es:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,</l>
                            <l>Viel Redensarten, wenig Klarheit.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Eine Tragödie</hi>, V. 170f. (Vorspiel
                                    auf dem Theater)</bibl>:
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>In bunten Bildern wenig Klarheit, </l>
                                              <l>Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                                        </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Denn man spürt hinter den Worten und Redensarten die dumpfen,
                    dicken <term type="Sachen" key="Vorurteile"><hi rend="italic">Vorurteile</hi></term>.
                    Und wenn ein Mensch ein Vorurteil hat, so will das sagen, dass er in
                    bestimmten Richtungen und Angelegenheiten nicht mehr urteilen, nicht mehr
                    Wahrheit und Klarheit reden <hi rend="italic">kann</hi>, weil sein Urteil schon vorher
                    da ist, weil er aufgehört hat, die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu <hi rend="italic">suchen</hi>, sondern im Wahn lebt, sie
                    bereits restlos zu besitzen, weil er einmal irgend eine <term type="Sachen" key="Erkenntnis">Erkenntnis</term> oder Lebensregel oder <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmung</term> in sich aufgenommen hat,
                    die wohl einmal wahr und lebendig gewesen sein mag, die aber sofort hart und
                    hölzern und unerfreulich wird, sobald der Mensch sich dabei zur Ruhe setzt
                    und von da aus nun redet <pb xml:id="p524" ed="pga"/> und deklamiert, als habe er
                    nichts mehr zu lernen. Je frecher und üppiger sich in einem Menschen die
                    Unkrautpflanze des Vorurteils festgewurzelt und ausgebreitet hat, desto
                    sicherer und bestimmter pflegt er freilich zu urteilen, aber gerade diese
                    unverschämte Sicherheit macht sein Urteil unbeträchtlich und wertlos. Denn
                    durch diese Sicherheit des <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, vorurteilsvolle Sicherheit">Redens</term>, wie
                    die meisten Menschen sie haben, entsteht jenes graugestrickte Netz, aus dem
                    es kein Entrinnen gibt. <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName>
                    ist mit gutem Grund der Meinung gewesen, die <term type="Sachen" key="Weisheit">Weisheit</term> und <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> fange in einem Menschen dann an, wenn er wisse, dass er
                    nichts wisse,<note xml:id="n11">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2558">
                                <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>, <hi rend="italic">Apologie</hi>,
                        21d</bibl>; s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p199#fn_n06">S. 199, Anm. 6</ref>.</note> mit andern Worten: wenn er lerne, auf seine
                        <term type="Sachen" key="Vorurteile">Vorurteile</term> zu verzichten.
                    Vorher ist all unser Reden eine Spiegelfechterei, an die nur wir selbst
                    glauben und die unter denen, die sie anhören müssen, nicht Segen, sondern
                    Verwirrung anstiftet. Vorher ist und bleibt unsre Zunge eine Welt voll
                    Ungerechtigkeit, ein Schadenfeuerlein, das Wälder verwüstet.</p>
                <p>Um das recht zu verstehen, müssen wir aber nicht dabei bleiben, auf die
                    Wirkungen und Ursachen des Redens bei den <term type="Sachen" key="Worte / das Reden"><hi rend="italic">Andern</hi></term> zu achten. <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> Die über das Geschwätz der Mitmenschen am
                    bittersten klagen, sind manchmal die, die am schwersten im gleichen Spital
                    krank sind.<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Hier folgte im Text die Notiz: «[Domi →]», die sich auf die folgenden Sätze bezieht.</note>
                     Und wir bekommen überhaupt in den Fragen des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> nur dann Antwort, wenn
                    wir sie an uns selbst richten. Alles, was wir etwa bei Andern wahrzunehmen
                    meinen, kann uns dazu nur als Vorbereitung dienen. Wenn wir leiden unter dem
                    Verwirrung stiftenden Reden und <hi rend="italic">Drein</hi>reden der Andern, so
                    leiden wir ebenso sehr, <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>nein noch viel tiefer<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «und
                            vielleicht noch tiefer».</note>
                     unter dem, was aus unserm eigenen Munde hervorgeht. Ich sage: wir
                        <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Leiden am eigenen Reden"><hi rend="italic">leiden</hi></term>. Und ich meine das ausnahmslos, obwohl
                    ich weiß, dass die meisten Menschen scheinbar nicht daran denken, sich um
                    die Arbeit ihrer Zunge Sorge zu machen oder gar ein Leiden darin zu
                    erkennen. Man könnte sogar sagen: Die sind am schlimmsten krank, gerade wie
                    das zum Teil die schlimmsten leiblichen Krankheiten sind, die der Kranke
                    jahre- und jahrzehntelang nicht einmal kennt, sondern <pb xml:id="p525" ed="pga"/>
                    als harmlosen Bresten<note xml:id="n12">Veraltet für: Mangel,
                        Gebrechen.</note> behandelt. Sie denken dann wohl ab und zu: Heute habe
                    ich etwas Dummes gesagt, wenn nämlich ihr Wort irgendwie offenkundigen
                    Schaden angerichtet hat, aber dass ihr Reden überhaupt dumm ist und Schaden
                    anrichtet vom Morgen bis an den Abend, das merken sie nicht. Das Reden, das
                    gesprochene Wort ist das eine große Mittel, durch das wir Verkehr mit den
                    Menschen haben. In unserm Verkehr mit den Menschen aber entscheidet es sich
                    schlechterdings, was mit uns ist, ob wir Gute oder Böse sind. Ob wir daran
                    auch schon gedacht haben, welch fundamentale Bedeutung unser Reden also für
                    uns <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Leiden am eigenen Reden">selbst</term> hat? dass wir uns auf keinen Fall selbst trösten dürfen:
                    Worte sind Worte, mein Herz bleibt doch gut? Sondern dass <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> recht hat, wenn er sagt:
                        <hi rend="italic">Wer beim Reden nicht fehlt, der ist ein vollkommener Mann?</hi>
                    Und das heißt doch wohl umgekehrt: Wer im Reden fehlt, sich vergeht und
                    versündigt, der ist solange noch unvollkommen, vor Gott verworfen. All das
                    Unnütze, Kindische, Unlogische, <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> das uns tagaus
                    tagein, jahraus jahrein über die Lippen läuft, das beweist eben doch wohl,
                    dass es in unserm Inwendigen, in der Arche Noah des Herzens, wie der Dichter
                        <persName ref="kbga-actors-781"><hi rend="italic">Spitteler</hi></persName> das einmal nennt,<note xml:id="n13">In der Erzählung «Imago» spricht <persName ref="kbga-actors-781">Carl Spitteler</persName> von einem
                        «Rundgang durch die Arche Noah seiner Seele, vom obersten Stock bis in
                        die Kellergewölbe des Unbewußten» (<bibl corresp="kbga-bibls-2748"><persName ref="kbga-actors-781">C. Spitteler</persName>, <hi rend="italic">Imago</hi>, Jena
                        1907, S. 135f.</bibl>).</note> unnütz, kindisch und unlogisch aussieht. Denn
                    wenn unser Inwendiges, unser Herz es ernst nehmen würde mit der Tatsache,
                    dass in unserm Verkehr mit den Menschen Güte, Liebe und Gerechtigkeit
                    Ursache und Wirkung sein müssen, dann würde doch wohl auch die Arbeit unsrer
                    Zunge, durch die wir mit den Andern verkehren, einen andern Charakter
                    bekommen. Aber das ist eben leider nicht der Fall oder nicht so, wie es der
                    Fall sein sollte. Güte, Liebe und Gerechtigkeit sind nicht die Großmächte
                    unsres Innern, das kommt in der Arbeit unsrer Zunge zum täglichen und
                    stündlichen Ausdruck, und darum sage ich, dass wir an unserm eigenen Reden
                        <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Leiden am eigenen Reden"><hi rend="italic">leiden</hi></term>, viel tiefer als an dem Geschwätz der
                    Andern. Wir leiden daran, gleichviel ob wir’s merken oder nicht. Und
                    das graugestrickte Netz des Geschwätzes, das wir selbst stricken, ist das
                    Schlimmste von Allen.</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p526" ed="pga"/> Die Ursache dieses widrigen Zustandes, dass die Zunge eine Welt voll
                    Ungerechtigkeit ist, konnten wir, als wir von den Zungen der Andern redeten,
                    in den <term type="Sachen" key="Vorurteile"><hi rend="italic">Vorurteilen</hi></term>
                    finden, die handgreiflich alle Ungerechtigkeit <term type="Sachen" key="Vorurteile, produzieren Ungerechtigkeit">produzieren</term>. Das
                    Wort «Vorurteil» klingt immerhin noch ziemlich harmlos. Wollen wir jetzt
                        <hi rend="italic">uns selbst</hi> beurteilen – und das macht einen großen
                    Unterschied aus – dann müssen wir tiefer gehen und
                        der<hi rend="italic">selben</hi> Sache eine schärfere und unfreundlichere
                    Bezeichnung geben. Wir werden dann nämlich die Ursache der Ungerechtigkeit
                    und Schädlichkeit unsres Redens kurz und gut in unsrer innern <term type="Sachen" key="Faulheit"><hi rend="italic">Faulheit</hi></term> zu suchen
                    haben. Wenn wir einen <hi rend="italic">Andern</hi> vor uns haben, der uns durch<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                     vorurteilsvolle Sicherheit seines <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, vorurteilsvolle Sicherheit">Redens</term> lästig
                    fällt, so werden wir uns wohl zu hüten haben, ihn gleich als geistig faul,
                    d. h. als unbrauchbar und tot zu verurteilen. Wir sind nicht seine Richter,
                    weil <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> wir unvermögend sind, ihn zu durchschauen.
                    Wohl aber durchschauen wir <hi rend="italic">uns selbst</hi>. Wenn nämlich unser
                        <hi rend="italic">eigenes</hi> Reden uns lästig fällt und Leiden <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Leiden am eigenen Reden">bereitet</term>, dann schauen wir hinter unsern Vorurteilen die große
                    Faulheit, die darin besteht, dass wir uns innerlich nicht zu entscheiden
                    vermögen zwischen der Wahrheit und der Unwahrheit. Wir sind innerlich
                    untätig, rücken nicht von der Stelle und greifen stattdessen geruhsam nach
                    einem <term type="Sachen" key="Vorurteile">Vorurteil</term>, d. h. nach
                    einer Entscheidung, die wir nicht selbst gefunden und getroffen haben,
                    sondern die uns von Andern zugekommen ist und die nun in unserm Innern liegt
                    wie ein Felsblock auf einer Bergwiese. Wir lassen es damit bewenden, dies
                    Vorurteil zu haben und immer wieder auszusprechen, ja, wenn wir genau
                    zusehen, besteht unser ganzes Inneres aus solchen Vorurteilen, und nun kann
                    es uns schon nicht mehr wundern, dass unser Reden nicht das Mittel ist zu
                    einem rechten, fruchtbaren Verkehr unter den Menschen, sondern das
                    Gegenteil, dass es ungerecht ist und ungerecht macht. Und so kommt’s,
                    dass die <term type="Sachen" key="Faulheit">Faulheit</term> die Ursache ist
                    unsres Leidens, des Leidens an unserm eigenen <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Leiden am eigenen Reden">Reden</term>.</p>
            
                <p rend="margin-top">Nun sind wir aber an dem Punkt, wo wir einen Ausdruck unsres
                    Textes verstehen können, von dem bis jetzt noch nicht die Rede war. Wir
                    hören da nämlich nicht nur das, dass die Zunge den ganzen Leib befleckt, so
                    klein sie ist, und unsre Lebensbahn in Brand setzt, wie <pb xml:id="p527" ed="pga"/> einer einen Wald anzündet. Sondern <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> fährt kurzerhand weiter: Die Zunge <hi rend="italic">selbst aber ist
                        von der Hölle entzündet</hi>. Wenn die Menschen der alten Welt von der
                        <term type="Sachen" key="Hölle"><hi rend="italic">Hölle</hi></term> redeten, so
                    dachten sie sie als den unterirdischen Ort der ewigen Flammen, vom <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term> regiert, Alles in Allem den
                        <hi rend="italic">Ort</hi> der qualvollen <term type="Sachen" key="Hölle, Ort der Strafe">Strafe</term>. Aber nicht nur das: ebenso
                    sehr die gegenwärtige <hi rend="italic">Macht</hi> der <term type="Sachen" key="Hölle, Macht der Verführung">Verführung</term>, des <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term>. Der Teufel wartet
                    nicht erst, bis der Mensch strafwürdig wird und ihm verfällt, sondern er
                    geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> er verschlinge [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Petr.5.8">1.Petr. 5,8</ref>]. So ist es in der alten Lehre von Hölle und Teufel, so
                    wunderlich sie uns vorkommen mag, sinnvoll ausgesprochen, dass das Böse und
                    seine Strafe eins und dasselbe <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, eins mit seiner Strafe">sind</term>. Die Hölle
                    peinigt den Menschen, nachdem sie selbst ihn zum Bösen entzündet. Ihn und
                    besonders seine <hi rend="italic">Zunge</hi>, sagt der Text. Er sieht also in der
                    Sünde der Zunge, die uns oft so geringfügig vorkommt, direkt die Wirkung des
                    absoluten, radikalen <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, radikales">Bösen</term>. Er sieht in der Ungerechtigkeit des Redens die ewige
                    Vernichtung des Menschen. Denn wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> von einer <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>
                    sagte, sie ist von der <term type="Sachen" key="Hölle">Hölle</term>
                    entzündet, dann verstanden seine Leser oder Hörer sofort: Womit der Mensch
                    sündigt, damit wird er auch gestraft. Und so ragt in die scheinbar so
                    äußerliche Angelegenheit des rechten Redens plötzlich die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> hinein mit all ihrem
                    Nachdruck und Ernst.</p>
                <p>Ich glaube, wir können uns dem nicht entziehen, dass unser Leiden am Reden
                    nicht ein fatales, aber vorübergehendes Übel ist, das sich leicht kurieren
                    lässt, sondern dass die Faulheit, die diesem Leiden zugrunde liegt, ein
                    radikales Böses ist, durch das unser Leben vernichtet wird, wenn nicht eine
                    ebenso radikale Heilung eintritt. Die großen und kleinen Tiere kann man
                    zähmen und abrichten, aber die menschliche Zunge kann man nicht abrichten,
                    die Hölle des radikalen <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, radikales">Bösen</term>, die durch sie redet,
                    nicht mit einigen Eimern Wasser auslöschen. Man kann wohl einen Menschen
                    dazu zwingen oder erziehen, z. B. das Lügen oder grobe Redeweisen aufzugeben
                    – das wäre so eine Art Zähmung, aber sie ist nur scheinbar. Das wilde
                    Tier lebt noch und wird wieder ausbrechen, sobald Zwang und Erziehung ihr
                    Ende haben. Und die Zunge wird sich ohnehin, wenn nicht in dieser, so doch
                    in irgend einer andern Richtung als die Welt voll Ungerechtigkeit bewähren,
                    die sie ist. Wahrheit und Unwahrheit stehen in uns im Zwiespalt. Recht und
                    Unrecht stehen sich in unserm Innern gegenüber, <pb xml:id="p528" ed="pga"/>
                    Schönheit und Freude gegen Hässlichkeit und Unfreude. Unsre <term type="Sachen" key="Faulheit, Entscheidungslosigkeit">Faulheit</term>
                    aber lässt es dabei bewenden, sie entscheidet sich nicht, wir stehen
                    innerlich <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> müßig. Und weil es so ist, haben wir
                    den andern Menschen nichts zu bieten, und das gottgegebene Mittel dazu, die
                    Rede, wird zum schädlichen <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Geschwätz">Geschwätz</term>. In jenem innern
                    Zwiespalt aber, dem gewaltigen, unnatürlichen Gegensatz in unserm
                    Bewusstsein, da ist die <term type="Sachen" key="Hölle">Hölle</term>, ist
                    die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und ist die Strafe. Man
                    redet von <hi rend="italic">doppelzüngigen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, Doppelzüngigkeit">Menschen</term>. Der
                    Ausdruck ist nicht zutreffend. Das Ungeheuerliche besteht vielmehr darin,
                    dass es dieselbe Zunge ist, die Wahrheit und Unwahrheit, Recht und Unrecht
                    zu reden vermag. Mit diesem kleinen Glied <hi rend="italic">preisen wir den Herrn und
                        Vater</hi>, und gleich darauf <hi rend="italic">fluchen wir mit ihm dem Menschen,
                        der nach seinem Ebenbild geschaffen</hi>, der unser Bruder ist.
                        <hi rend="italic">Aus demselben Munde geht Segen und Fluch hervor. Es sollte nicht
                        so sein</hi>. Indem es aber leider doch so ist, wird uns jenes kleine
                    Glied zum Barometer unsres innern <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Barometer unseres inneren Lebens">Lebens</term>.
                    Unweigerlich müssen wir aus den schädlichen Unklarheiten und Widersprüchen
                    unsres Redens wahrnehmen, dass wir selbst, wir, die wir reden, bald dem
                    wunderlichen <persName ref="kbga-actors-9288">Proteus</persName> der
                    griechischen Sage gleichen in seinen Verwandlungen in allerlei Tier- und
                        Menschenformen,<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-927">
                                <persName ref="kbga-actors-194">Homer</persName>, <hi rend="italic">Odyssee</hi>, 4. Gesang,
                        V. 349–570, bes. V. 454–460</bibl>.</note> bald dem unerfreulich
                    konfusen und charakterlosen Kometen <term type="Sachen" key="Halleyscher Komet">Halley</term>, wie wir ihn vor 2 Monaten haben
                    über den Himmel wandern sehen.<note xml:id="n15">Siehe oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p352#fn_n04">S. 352, Anm. 4</ref>.</note>
                    <hi rend="italic">Es sollte nicht so sein</hi>. |</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Wer beim Reden nicht fehlt, der wäre ein vollkommener Mann</hi>. Da
                    mögen wir wohl fragen, mit Recht fragen: wer ist da vollkommen, wenn
                        <hi rend="italic">das</hi> das Zeichen der <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> ist? Wer darf sagen, dass der
                    Barometer seiner Worte öfter als in einzelnen hohen Augenblicken auf einen
                    gleichmäßig heitern und edlen innern Zustand hinweist? dass seine Rede ihm
                    wirklich ein Mittel ist, fruchtbaren Verkehr und Austausch mit den Menschen
                    zu pflegen, dass das, was über seine Lippen geht, Taten der Liebe und
                    Gerechtigkeit sind? Ich meine: indem wir merken, wie oft wir im Reden
                    fehlen, muss es uns aufgehen, wieviel uns fehlt im Innern. Aber nun dürfen
                    wir eben nicht dabei stehen bleiben, das einzusehen und zu seufzen, dass
                    also keiner vollkommen sein könne. Sondern wenn wir eben in Selbst<pb ed="A" rend="hidden" n="16" break="no"/>erkenntnis ei<pb xml:id="p529" ed="pga" break="no"/>nen Blick
                    rückwärts getan haben in die Ewigkeit des <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, Ewigkeit">Bösen</term>, dürfen und wollen wir im
                    Glauben den Blick nach vorwärts richten in die Ewigkeit des <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, Ewigkeit">Guten</term>. Denn wir
                    hören eine Stimme, die sagt uns in tiefster Einheit<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. ursprünglich: «Einheit und Mischung»; mit Bleistift
                            nachträglich korrigiert.</note>
                     von Ernst und Liebe: Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer
                    Vater vollkommen ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>]. Und das Wort dieser Stimme ist das Wort der Wahrheit
                    inmitten des unklaren, widerspruchsvollen Getöses der Menschenstimmen. Jesus
                    ist der vollkommene <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Vollkommenheit">Mann</term> gewesen, und das zeigte sich darin, dass er beim Reden
                    nicht fehlte, dass seine Worte Taten waren, unvergängliche Taten der Kraft
                        <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Gottes</term>. Und nun hat er
                    durch seine Worte die Menschen eingeladen, zu ihm zu kommen, sein Joch und
                    seine Last auf sich zu nehmen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28 Mt.11.29">Mt. 11,28f.</ref>], seine Art mit offenen Augen in sich
                    zu empfangen, zu erwachen aus der Trägheit des innern Zwiespaltes und klar
                    und freudig das <hi rend="italic">eine</hi> Lebensziel ins Gesicht zu fassen, Gott,
                    der die <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>
                    und die <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> ist. Gott! Das
                    ist die große, freudige <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term>,
                    die uns der Blick nach vorwärts eröffnet. Und dies geheimnisvolle Wort Gott
                    bedeutet nicht eine fernentlegene, gleichgiltige Sache, sondern das
                    unsterbliche <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term>, in das wir
                    eintreten und untertauchen sollen und dürfen. Ob das eine schöne Illusion
                    ist? Es ist Wahrheit, weil so etwas wie das Leben Jesu Wahrheit sein konnte.
                    Da sollen und dürfen wir heraus aus dem scheinhaften und verfänglichen Wesen
                    aller menschlichen <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, scheinhaftes Wesen">Worte</term>. Da trifft uns
                    ein Lichtstrahl aus dem Innern dessen, der in einem Lichte wohnet, da
                    niemand zu kann [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.16">1.Tim. 6,16</ref>]. Ob wir dessen fähig sind, sie aufzunehmen? Wir sind es,
                    wenn Gottes Geist uns seufzen und bitten lehrt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Jesu, gib gesunde Augen,</l>
                            <l>Die was taugen,</l>
                            <l>Rühre meine Augen an.</l>
                            <l>Denn das ist die größte Plage,</l>
                            <l>Wenn am Tage</l>
                            <l>Man das Licht nicht sehen kann.<note xml:id="n16">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-40">Strophe 9 des Liedes «Hüter, wird die Nacht der Sünden» von
                                    <persName ref="kbga-actors-2243">Chr. Fr. Richter</persName> (GERS
                                    357 [Z. 1–3 und 4–6 vertauscht und Z. 1
                                    dementsprechend abweichend: «Das ist die größte
                                    Plage»]).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
            
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-111">Nr. 41: «Wach auf, mein Herz, und singe» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen
                            1–4 und 6–9 (RG 568; EG 446 [je mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-277">Nr. 309: «Der du die Wahrheit selber bist» von <persName ref="kbga-actors-9289">C. B. Garve</persName>,
                            Strophen 1–4 (RG 211 [Textabweichung in Str. 3]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.22 Mt.12.37">Matthäus 12,22–37</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
