Predigt Nr. 43 · 3. Juli 1910

Predigt: Jakobus 2,14-26

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Jakobus 2,14a–26
Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, aber ohne Werke zu haben? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn da ein Bruder oder eine Schwester ist, dürftig bekleidet und an der täglichen Nahrung Mangel leidend, was nützt es, wenn dann jemand von euch zu ihnen sagt: geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch, ohne ihnen das für den Leib Nötige zu geben? So ist auch der Glaube ohne Werke tot an sich selbst. Oder steht es etwa so: Du hast Glauben und ich habe Werke? Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, dann will ich dir aus meinen Werken den Glauben zeigen: Du glaubst, dass ein einiger Gott ist? Du tust wohl daran, auch die Teufel tun das – und schaudern. Willst du zur Erkenntnis kommen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nichts nützt? Wie steht es mit unserm Vater Abraham? Wurde er nicht nach seinen Werken gerecht gesprochen, nachdem er seinen Sohn Isaak auf dem Altar dargebracht hatte? Du siehst, dass der Glaube zusammenwirkte mit seinen Werken, und infolge der Werke erreichte der Glaube seine Vollendung, und das war die Erfüllung der Schrift, die da sagt: Es glaubte aber Abraham Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet, und er wurde Freund Gottes genannt. Ihr seht, dass aus Werken der Mensch gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein. Und wurde nicht auch in gleicher Weise die Dirne Rahab aus Werken gerechtfertigt, weil sie nämlich Kundschafter heimlich aufgenommen hatte und auf einem andern Wege wieder entließ? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.
Meine Freunde!

Wir waren bei unsrer bisherigen Auslegung des Jakobusbriefes in der einfachen und erfreulichen Lage, dass wir uns bei der Überlegung der Gegenstände, die in den Texten zur Sprache kamen, im Wesent |500 lichen an die in diesen Texten darüber ausgesprochenen Gedanken halten und anschließen konnten. Ich konnte euch ehrlich sagen: Die Gedanken, die sich Jakobus von den Dingen gemacht hat, sind auch meine Gedanken. Und umgekehrt hatte ich, ohne dem biblischen Schriftsteller Gewalt anzutun, das Recht anzunehmen, dass er, wenn er hier unter uns getreten wäre, meine Gedanken über seine Texte als seine eigenen anerkannt hätte. Dass er, wenn er die lange Geschichte des Christentums hinter sich hätte, wie es bei uns der Fall ist, wenn er insbesondere Männer wie Luther und Calvin, Kant und Schleiermacher gekannt hätte, an die ich mich hier öfters angeschlossen habe, teils mit, teils ohne Nennung ihrer Namen, dass er dann seine Texte selbst so oder ungefähr so ausgelegt haben würde, wie ich es hier getan habe. Mit einem Wort: unsre bisher ausgeführten Gedanken über die Texte des Jakobusbriefes standen in aufrichtiger Übereinstimmung mit den Gedanken des Textes selbst. Wir konnten uns mit ruhigem Gewissen sagen, dass wir einfach die Bibel auslegten und anwendeten, wie wir sie heute auslegen und anwenden müssen.

Bei dem heutigen Text, den ihr zu Hause nachgelesen und soeben noch einmal gehört habt, stehen die Dinge anders. Ebenso aufrichtig und mit ebenso ruhigem Gewissen müssen wir nämlich feststellen, dass wir mit den darin ausgesprochenen Gedanken nicht übereinstimmen können und dass die richtige, d. h. die fruchtbare Auslegung dieses Abschnitts notwendig in der Kritik bestehen muss. Ich habe euch früher einmal erzählt, dass der Reformator Luther den Jakobusbrief eine «stroherne Epistel» genannt hat.1 Wenn Luther damit ein Urteil über den ganzen Brief hat aussprechen wollen, so war das eine eilfertige Übertreibung, die wir bereits abgelehnt haben, und ich hoffe, ihr habt in diesem halben Jahr das Gefühl gewonnen, dass wir sie mit Recht abgelehnt haben: Jakobus ist nicht nur ein warmherziger, gläubiger Christ gewesen mit offenenb Augen für die Bedürfnisse des praktischen Lebens, sondern er war auch ein klar denkender Kopf, der nicht nur über die Dinge redete, sondern der den Dingen auf den Grund ging, der die Lebensfragen bei den Wurzeln packte und der |501 darum geeignet und legitimiert war, seinen Mitchristen und uns ein Lehrer und Prediger zu sein. Aber auch große und einsichtige Menschen haben ihre schwachen Seiten und ihre schwachen Stunden, das ist eine bekannte Sache, und so stellen wir ruhig fest: den Abschnitt, der uns heute beschäftigt, hat Jakobus in einer schwachen Stunde geschrieben, und von ihm könnte man mit Recht sagen, was Luther vom ganzen Brief gemeint hat, sagen zu müssen: es ist ein stroherner Abschnitt. Jakobus hat diesmal nicht recht, sondern unrecht.

Darüber braucht nun niemand zu erschrecken. Ich wiederhole damit nur, was Luther gesagt hat. Wir treten damit auch dem Jakobus, von dem wir nun schon so viel gelernt haben, keineswegs zu nahe. Er ist doch ein Mensch gewesen wie wir und konnte daher recht haben und unrecht haben wie wir auch. Und endlich ist damit nicht gesagt, dass wir aus diesem Abschnitt, der nun einmal auch in der Bibel steht, nichts lernen wollen, sondern wieder nach Hause gehen. So gut wir z. B. aus gewissen Psalmen des Alten Testaments, in denen in der schrecklichsten Weise um Gottes Rache an den menschlichen Feinden des Sängers gebetet wird, lernen und entnehmen können, was das rechte Gebet ist, wenn wir nämlich die Gebete Jesu danebenhalten, so gut kann uns heute die Betrachtung des Abschnitts, in dem Jakobus in so unzureichender Weise über den Glauben redet, dazu dienen, uns richtige Gedanken über das Wesen des Glaubens zu bilden, wenn wir ihn nämlich vergleichen mit der tiefern und einsichtigeren Auffassung, die Paulus von diesem Gegenstand gehabt hat.

Ich habe euch das letzte Mal gebeten, ihr möchtet euch neben unserm Textabschnitt den Galaterbrief des Apostels Paulus in diesen 14 Tagen ansehen, weil dort seine Auffassung vom Glauben eine besonders lebhafte Darstellung gefunden hat. Ich hätte euch ebenso gut auf die Abschnitte im Römerbrief hinweisen können, die ich nun am Anfang des Gottesdienstes vorgelesen habe.2 Hoffentlich sind euch die Kernsprüche des Paulus an diesen Orten ohnehin bekannt gewesen. Unsre Reformatoren haben sie einst unablässig gebraucht wie starke Hämmer bei der Grundlegung des zu erneuernden Christentums, und ihr Inhalt bildet noch heute und für immer die unverrückbare Grenzlinie protestantischer Art und katholischen Wesens. Ich hoffe also |502 weiter, dass es euch beim Lesen oder jetzt beim Anhören unsres Textabschnittes selbst schon aufgefallen ist, dass da etwas nicht in Ordnung sein muss, mindestens dass diese Gedanken zu denen des Paulus nicht stimmen können. Ich will nur gleich das Gröbste und Auffallendste nennen, was jeder sehen kann, auch wenn er keine Theologie studiert hat: Paulus sagt wörtlich und ausdrücklich: dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben [Röm. 3,28]. Jakobus sagt ebenso wörtlich und ausdrücklich: dass der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein. Das reime zusammen, wer da kann und mag! Derselbe Luther hat von der Ansicht des Jakobus gesagt: er gehet stracks wider S. Paulum, und er wolle seinen Doktorhut verspielt haben, wenn es anders sei.3 Gutmütigere Bibelausleger als er haben freilich bis auf die neueste Zeit immer wieder gemeint, es sei nicht schlimm damit, weil sie nicht haben wollten, dass es in der Bibel offenkundige Widersprüche gebe. Man pflegt dann wohl zu sagen: Paulus und Jakobus meinten ja im Grunde doch dasselbe.4 Verständigen wir uns auch rasch darüber: Das leidet ja keinen Zweifel, dass alle rechten und erfreulichen Menschen, |503 zu denen doch Paulus und Jakobus sicher gehörten, immer dasselbe meinen, sofern sie nichts Anderes wollen als die Wahrheit. Wenn es anders wäre, wären sie eben keine guten Menschen, von denen etwas zu lernen ist, und ihre Schriften gehörten überall hin, nur nicht in das Neue Testament. Aber ebenso sicher ist, dass auch rechte und aufrichtige Menschen manchmal verschiedener Ansicht sein können und dass dann notwendig der Fall eintritt, dass der eine recht hat und der andre unrecht. Solch ein Fall liegt vor bei dem Gegensatz, von dem die Rede ist. Nach meiner Meinung hat Paulus recht und Jakobus unrecht. Aber wir wollen nun vor Allem versuchen, uns an Hand der Gedanken des Letztern klar zu machen, in was ihr Gegensatz besteht, um uns dann mit guten Gründen entscheiden zu können. Ihr werdet gleich sehen, dass es sich dabei keineswegs bloß um eine theoretische Frage der Bibelerklärung handelt, sondern um Fragen und Gegensätze, die auch im Leben der heutigen Christenheit und im Herzen des einzelnen heutigen Christen immer wieder aktuell und brennend sind. Es ist freilich wahr, dass gerade um diesen Punkt die christlichen Theologen von Anfang an besonders eifrig gestritten haben. Aber wenn ich euch das sage und wenn ihr es vielleicht auch sonst schon gehört habt, dann soll euch das nicht abschrecken, vielmehr euch aufmerksam machen darauf, dass es ein wichtiger Punkt ist. Wenn die Wahrheit einmal aufhören sollte, dieselbe zu sein für die Theologen und die andern Christen, dann wollen wir die Kirche zutun.

Auf den ersten Blick hört sich das, was Jakobus über den Glauben und die Werke ausführt, ganz sympathisch und einleuchtend an. Seine Meinung darüber ist kurz zusammengefasst die: Der Glaube allein könne den Menschen nicht retten, d. h. nicht ins rechte, normale Verhältnis zu Gott bringen, könne seinem innern Leben Kraft und Frieden und Wert nicht geben. Ja, der Glaube allein sei tot an sich selbst. Er sei, für sich allein betrachtet, nicht nur eine halbe Sache, sondern vollständig nichtig und wertlos. Auch die Teufel glauben ja, dass es einen Gott gibt, aber dieser Glaube muss sie eigentlich erst recht schaudern machen im Bewusstsein ihrer Verworfenheit. Nun heiße es freilich im Alten Testament von Abraham: er glaubte Gott und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet [vgl. Gen. 15,6] und deshalb wurde er Freund Gottes genannt [vgl. 2.Chr. 20,7]. Aber das müsse man recht |504 verstehen, meint Jakobus: in Wirklichkeit sei er doch nach seinen Werken gerecht gesprochen worden, nämlich als er im Gehorsam gegen Gott seinen Sohn Isaak zum Opfer brachte [vgl. Gen. 22,1–14]. Und daraus sehe man, fährt Jakobus mit einer leisen, nicht ganz logischen Korrektur des Vorhergehenden fort, dass der Glaube zusammenwirken müsse mit den Werken und – das ist schon wieder eine solche Verschiebung! – dass der Glaube infolge der Werke seine Vollendung erreiche. Dasselbe sehe man aus einem andern Beispiel aus dem Alten Testament (das uns freilich etwas sonderbar anmutet): Von der Dirne Rahab wird im Josuabuch erzählt [Jos. 2,1–24; 6,22–25], dass sie die israelitischen Kundschafter in Jericho aufnahm und vor ihren Landsleuten versteckte. Für diese Tat wurde sie und ihre Familie später bei der Einnahme Jerichos verschont. Daraus soll ersichtlich sein, dass sie gerechtfertigt wurde, dass Gott sich ihrer annahm um ihrer Werke willen und nicht etwa auf Grund ihres Glaubens allein. Um diese seine Behauptung ganz deutlich zu machen, erläutert sie Jakobus durch zwei Gleichnisse; das eine steht am Anfang des Abschnitts, das andre am Schluss. Wer einem Armen bloß freundliche und fromme Worte gibt, ohne ihm durch die Tat zu helfen, der hilft ihm im Grunde gar nicht. So sei der Glaube ohne Werke unfähig, dem Menschen zu helfen. Und am Schluss wird der Glaube mit dem Leib, die Werke mit dem Geist verglichen, und der Abschnitt schließt triumphierend: wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Ich sagte eben, das Alles töne aufs erste Anhören recht sympathisch, passe scheinbar auch recht gut zu unsrer modernen Auffassung von der Religion, kraft derer man heutzutage an allen Ecken und Enden nach «Leben, Leben!» ruft, d. h. doch offenbar nach dem, was hier die «Werke» genannt istc, und kraft derer man jedenfalls von einem sogenannten «toten» oder äußerlichen Glauben nichts wissen will. Wenn nur unsre moderne Auffassung nicht manchmal so schrecklich unklar wäre, gerade so unklar wie die heutigen Sprüche des Jakobus, in denen Richtiges und Unrichtiges zu einem fast unentwirrbaren Knäuel zusammengeballt sind. Jakobus sagt nämlich über den Glauben und die Werke nebeneinander und durcheinander dreierlei: zuerst, dass der Mensch nach seinen Werken gerecht gesprochen |505 werde, dann, dass der Glaube mit den Werken zu diesem Zweck zusammenwirken müsse, endlich, dass der Glaube infolge der Werke seine Vollendung erreiche. Demgegenüber hat die Meinung des Paulus jedenfalls einmal den Vorzug der Klarheit und Deutlichkeit, denn da heißt es rund und unzweideutig an allen Stellen aller seiner Briefe, dass der Mensch nicht durch die Werke gerecht werde, sondern allein durch den Glauben.

Wer hat nun recht von Beiden? Um das auszumachen, müssen wir vorläufig zu Jakobus zurückkehren und uns seine Ausführungen näher ansehen.

Zuerst: Was ist das, wenn es hier und in der Bibel des Öftern heißt, dass der Mensch von Gott gerecht gesprochen wird? Das ist so ein Ausdruck, der durch jahrhundertelangen Gebrauch abgenutzt ist wie eine alte Münze, man spricht ihn aus, man hört ihn an, ohne sich etwas Bestimmtes und Konkretes dabei zu denken. An diesem Zustand sind erstens die schuld, die ihn gedankenlos oder doch ohne Gedanken zu wecken gebraucht haben und gebrauchen, zweitens die, die ihm ebenso gedankenlos aus dem Weg gehen. Beides muss anders werden. Sehen wir zu, ob uns das möglich ist: Wenn Jakobus und Paulus und die Andern sagen, der Mensch werde von Gott gerecht gesprochen, so meinen sie damit dasselbe: Der Mensch komme ins rechte Verhältnis zu Gott, sein inneres Leben werde in Einklang gesetzt mit der obersten Wahrheit, mit der obersten ewigen Gerechtigkeit, die die wirkliche Lebensmacht ist, ohne die der Mensch unselig, durch die der Mensch selig, frei, selber lebendig, kurzum ein wirklicher Mensch werde im Unterschied zu dem bloß vegetierenden Naturwesen. Und wie das näher zu verstehen ist, können wir entnehmen aus dem, was vor 14 Tagen über das Gericht Gottes gesagt wurde, das wir durch das Gesetz der Freiheit erfahren. Wir haben dort gesehen, wie das Gesetz des Guten, das in Jesus lebendig unter die Menschen gekommen, nicht nur Gebot und Regel sein will für uns, nach der wir uns zu richten haben, sondern wie es notwendig der Maßstab wird, an dem gemessen es in unserm Leben zur Scheidung und Entscheidung kommen muss, nach dem wir also gerichtet werden. Da entscheidet sich die Frage, ob wir zu Gott gehören, ob unser Leben Wert und Bestand hat, ob wir Menschen der Ewigkeit sein sollen. Und wo dann einem Menschen gesagt wird und wo er das Urteil hört in seinem Innern, von dem Jesus |506 dort geredet: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters! [Mt. 25,34], da ist er gerechtfertigt oder gerecht gesprochen von Gott, der selbst die Güte und Gerechtigkeit ist, er darf an seinem Teil teilnehmen an der Seligkeit des ewigen Gottes, an der Wahrheit und Wirklichkeit und Beständigkeit seines innern Wesens, wie es in jenem Gleichnis vom Gericht heißt: ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt [Mt. 25,34]. So ist’s, wenn Gott gerecht spricht, und etwas Anderes, Höheres, Bedeutenderes kann es doch wohl für unser inneres Leben nicht geben, wenn es anders wahr ist, dass dies innere Leben für Gott und sein Reich geschaffen ist und dass es unruhig bleibt, bis dass es ruhe in ihm.5

Aber nun stehen wir vor der Frage: wie kommt es dazu, dass ein Mensch gerecht gesprochen werde? Jakobus antwortet: es kommt dazu durch die Werke des Menschen, d. h. dadurch, dass er gute Handlungen tut wie z. B. Abraham, der seinen Sohn opfern will, weil Gott es fordert, oder die Rahab, die die Kundschafter aufnimmt. Diese Antwort mag nun auf den ersten Blick aussehen wie die natürliche und richtige Fortsetzung dessen, was vorher gesagt ist: So redet und so handelt als Leute, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen [Jak. 2,12], und es mag auf den ersten Blick auch aussehen wie die natürliche und richtige Antwort überhaupt. Ein Mensch wird dadurch vor Gott gerecht, dass er bestimmte Dinge tut und lässt, dass er Werke tut, denn nach den Werken soll er ja von Gott gerichtet werden.

Aber dagegen erheben sich nun schwere Bedenken, und zwar Bedenken, die gerade dann in uns erwachen müssen, wenn wir das, was Jakobus selbst vorher über das Gesetz der Freiheit gesagt hat, gut erwogen und verstanden haben. Wir sind dort darauf hinausgekommen, dass das Gesetz der Freiheit lautet: dein innerster Wille muss gut, du selbst musst gut sein, vorher hört das Gesetz nicht auf, uns zu richten und zu verurteilen. Wie soll’s nun zugehen, dass plötzlich doch wieder Alles auf die Werke, also auf die guten oder bösen Handlungen ankommen soll? Sofort müssen wir uns an die bekannte Tatsache erinnern, dass Menschen gute Werke tun können, z. B. Werke der christlichen Nächstenliebe, an die Jakobus offenbar besonders |507 denkt, ohne dass sie selbst gut sind im Sinne des Gesetzes der Freiheit, an die Tatsache, dass auch unsre besten, menschenfreundlichsten, allgemeinnützlichsten Handlungen nur zu oft Motive haben, die mit dem grundguten Willen, der von uns gefordert ist, ohne die geringste Beziehung sind. Und wir könnten weiter hinweisen auf die katholische Kirche, wo die «guten Werke» zu einem großen, umständlichen Apparat geworden sind, dessen man sich bedient, um der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, habhaft zu werden, wie man sich an manchen Orten die Staatsbürgerrechte erwirbt durch braves Steuerzahlen: je mehr Steuer, desto mehr Rechte. So grob hat nun Jakobus die Sache jedenfalls nicht verstanden. Aber ebenso sicher ist, dass jene grobe katholische Lehre sich mit ziemlich gutem Schein auf unsern Abschnitt berufen kann. Jakobus ist missverstanden worden, aber er ist nicht ganz unschuldig an dem Missverständnis. Seine Sätze, so wie sie dastehen, sind unrichtig. Der ewige Richter hat tiefere und eindringendere Augen, als dass er sich durch die Werke, die wir «gute» zu nennen gewohnt sind, beirren lassen würde in der Frage, ob wir selbst gut und darum würdig seien der Gerechtsprechung und der Seligkeit.

Aber dieser Einwand ist nun noch nicht einmal der schwerwiegendste, den wir gegen die Meinung des Jakobus erheben müssen. Er ist nämlich offenbar selbst etwas unsicher gewesen in dieser Sache und drückt sich darum in einem andern der verlesenen Verse etwas vorsichtiger aus, indem er sagt: der Mensch werde gerecht gesprochen, indem der Glaube mit den Werken zusammenwirke. Aber ich habe schon gesagt: Die Logik dieser vorsichtigen Einschränkung ist etwas zweifelhaft. Man fragt sich unwillkürlich, wozu denn da noch so etwas Besonderes wie der Glaube mitwirken müsse, wenn doch die Werke für sich allein schon genügten, den Menschen vor Gott gerecht zu machen. Es sieht dann so aus, als wäre dieser Glaube ein mehr oder weniger entbehrliches Supplement zu den guten Werken, und es hat daraus – wieder nicht ohne einen gewissen Schein von Berechtigung angesichts unsrer Stelle – die volkstümliche Phrase entstehen können: «Tue recht und scheue niemand» sei das wahre Christentum,6 das Übrige, nämlich der Glaube sei für die Frauen und die kleinen Kinder. |

508 Und ebenso unklar ist es, wenn Jakobus gleich darauf den Gedanken noch einmal umbiegt und sagt: der Glaube erreiche seine Vollendung infolge der Werke, und das sei nun der Grund zu des Menschen Rechtfertigung. Denn das führt ebenso unvermeidlich zu der andern populären Ansicht, die Religion gipfle in den Werken der Nächstenliebe und Gemeinnützigkeit, und wer solche Werke tue, wer da irgendwie beteiligt sei, habe umgekehrt die Religion nicht mehr nötig, die sei eben für die Kinder, die zum Bravsein und zu guten Werken» erst erzogen werden müssen. Meine Freunde, wenn ich diese bekannten Ansichten scharf ablehne, so tue ich es nicht, weil sie volkstümlich, sondern weil sie falsch sind. Und sie sind falsch, weil sie auf dem katholischen Vorurteil beruhen, ein guter Mensch sei schon der, der gute und nützliche Handlungen und Werke tut, während die einfache Überlegung auf die radikale, unendliche Bedeutung des Wortes «gut» uns sagen müsste, dass da etwas ganz Anderes gemeint sein müsse. Das aber ist gemeint, und das ist das Eine, was nottut [vgl. Lk. 10,42], dass unser Wille, unser Innerstes gut werde. Wo das der Fall ist, da spricht Gott uns gerecht, denn so bestimmt er selbst sein Gericht im Gesetz der Freiheit. Gerade dadurch ist der Protestantismus das Prinzip des Fortschritts geworden für die Völker und für die einzelnen Menschen,7 dass er dem Christen in seiner Stellung zu Gott eine Auf |509 gabe angewiesen hat, die notwendig unendlich ist, dass er ihm gesagt hat, das, was vonnöten ist, um vor Gott gerecht zu sein, das sind nicht deine Werke, sondern das ist dein Wille. Und so ist Goethes Faust zweifellos der echte Protestant, wenn er seinen berühmten Kontrakt mit dem Teufel so abschließt:

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan…
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn.8

Denn sowie wir der Meinung sind, uns durch unsre guten Werke mit Gott abfinden, die Forderung des Gesetzes matt setzen zu können, sofort ist der Stillstand und Rückschritt unsres innern Lebens da; mit andern Worten: sofort hat der Teufel das Spiel gewonnen.

Und diese fatale Situation wird nun um nichts verbessert, wenn man wie Jakobus in unserm Text die Konzession macht, der Glaube sei doch auch eine gute Sache und könne wenigstens mitwirken. Andre werden wie gesagt der Meinung sein, sie könnten dieser Mitwirkung auch entbehren, und ich wüsste nicht, was ich an Stelle des Jakobus darauf antworten sollte. Für ihn ist nämlich der Glaube auch so eine Art Werk, nur eins, das mit dem Gehirn getan wird statt mit den Händen. Er führt selbst ein Beispiel an für das, was er bei dem Wort «Glauben» denkt: Du glaubst, dass ein einiger Gott sei. Also: Das Dasein eines höchsten Wesens in der Welt annehmen, das sei z. B. Glaube. Das Beispiel passt uns gut: es gibt ja heute viele, deren angeblicher Glaube mit dieser Annahme eines höchsten Wesens anfängt und aufhört. Es ist darauf in der Tat heute wie damals zu antworten: Das glauben die Teufel auch und schaudern. Mit andern Worten: das verändert unsre Stellung zu Gott nicht im geringsten, ob wir so freundlich sind, sein Dasein anzunehmen oder nicht. Der Glaube kann uns nicht retten, da hat Jakobus ganz recht. Man muss aber noch weiter |510 gehen: Ebenso wenig hilft es uns, wenn wir allerlei andre angeblich fromme Ideen annehmen, z. B. ein jenseitiges Leben mit Lohn und Strafe oder was wir uns gern darüber denken, oder wenn wir Ideale annehmen: das Schöne, das Wahre, das Gute,9 den Tempel der Menschheit10 und dergleichen mehr. Und ebenso wenig werden wir gerecht vor Gott, indem wir allerlei Lehren annehmen, die man als christlich im engen Sinn betrachtet, Lehren über Christus und sein Werk oder was immer ihr Inhalt sein mag. Das mag Alles miteinander sehr schön sein, aber es hilft uns deswegen noch nicht, weil die Sache genau die gleiche ist wie vorher bei den guten Werken. Es ist durchaus möglich, dass einer alle diese Dinge annehme, ohne dass dadurch sein innerster Wille verändert wird, auf den es in dem Gericht durch das Gesetz der Freiheit ankommt. Es steht mit beiden, mit den guten Werken und mit den guten Glaubenslehren so wie mit der bekannten Haartracht früherer Jahrhunderte:

Setz dir Perücken auf von Millionen Locken
Du bleibst doch, der du bist!11

Gott durchschaut die guten Werke, die wir tun, und die frommen Ideen, die wir annehmen, aber er beurteilt uns weder nach dem einen noch dem andern, sondern nach dem, was dahinter und darunter ist.

So steht es mit unsrer Gerechtigkeit vor Gott; aber wenn es so steht, dann muss es uns schwer auf die Seele fallen, wenn wir aufrichtig sind: Es ist hier kein Unterschied, wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten [Röm. 3,23]. Wo ist der Ausweg, nachdem uns die Wege und Auswege, die Jakobus empfiehlt, als Illusionswege versperrt sind?

511 Nun ist es Zeit, uns zu Paulus zu wenden und zu seiner Meinung, dass der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben. Sofort muss nun die Hauptsache festgestellt werden: Der Glauben, von dem Paulus redet, ist von dem Glauben, den Jakobus meint, so verschieden als der Himmel von der Erde. Dass der Mensch nicht gerecht werde durch Annahme frommer Ideen und gläubiger Gedanken, dass das an dem Wert oder Unwert seines innern Lebens nichts zu verändern vermöge, damit wäre Paulus ganz einverstanden gewesen. Aber er hätte das nicht Glauben genannt, und es ist vielleicht die fatalste Seite an jenem Abschnitt des Jakobus, dass darin etwas als Glaube bezeichnet wird, was nach des Jakobus eigener sonstiger Anschauung mit dem rechten Glauben noch gar nichts zu tun hat. Denn auf Grund dieses Abschnitts hat man sich angewöhnt, den Glauben als ein Werk des Gehirns zu betrachten, das dann für klar denkende Leute neben den Werken der Hände notwendig in das Gerücht einer gewissen Überflüssigkeit kam. Merkwürdig, wie tief dieser Irrtum eingewurzelt ist, der Glaube sei ein frommer Gedanke und das sei Religion, dass man solche Gedanken habe. So habe ich neulich sogar in dem Werk eines der hervorragendsten Philosophen der Gegenwart die schiefe Behauptung gelesen, der Glaube oder die Gesinnung, von der in der christlichen Religion die Rede sei, sei ein bloßer Gedanke.12 Wenn das des Paulus Meinung gewesen wäre, würde er schwerlich immer wieder gesagt haben, der Mensch werde gerecht allein durch den Glauben; denn das wusste er auch, dass fromme Gedanken und die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ganz verschiedene Dinge sind.

Sondern wenn wir den Glauben, den Paulus meint, d. h. den rechten christlichen Glauben verstehen wollen, müssen wir uns erinnern, |512 dass dabei nie an etwas Anderes gedacht ist als an den Glauben an Jesus Christus. Was heißt das und wie geht das zu, wenn einer an Christus glaubt? Heißt das, dass er sich entschließt anzunehmen, Christus sei Gottes Sohn gewesen, habe Wunder getan, sei für unsre Sünden gestorben, sei auferstanden, zum Himmel gefahren? Das Alles ist schön und gut, aber es hilft uns noch gar nichts, das anzunehmen. Hunderte und Tausende haben es getan, ohne die Gerechtigkeit Gottes zu haben, die von uns gefordert ist. Das wäre wieder der Jakobusglaube, der uns in der Tat nicht retten kann. In einem alten Büchlein aus dem 17. Jahrhundert lese ich folgende Verse:

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir; du bleibst doch ewiglich verloren.
Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’t, erlösen.
Ich sag, es hilft dir nicht, dass Christus auferstanden.
Wo du noch liegen bleibst in Sünd’ und Todesbanden.13

Nun sind wir auf dem Wege, das Eine zu verstehen, auf das es ankommt. Uns ist das Evangelium, die frohe Botschaft verkündigt, dass Einer über diese Erde gegangen ist als ein Mensch wie wir, der das Gesetz der Freiheit, das Gesetz des grundguten Willens nicht nur gekannt hat, sondern erfüllt. Anders, höher als sein Leben können wir uns ein gutes Leben nicht denken. Denn wir sehen in diesem Leben, so wenig uns davon bekannt ist, Alles das vereinigt und beschlossen, was in uns selbst vereinigt und beschlossen sein müsste, wenn wir wären, wie wir sollten. Es ist ein Geheimnis und doch ein offenes Geheimnis. Es liegt für uns dies Leben im Schatten einer fernen Vergangenheit, und doch kann es und will es strahlende Gegenwart werden – in dir. Denn Christus lebt und er will leben in dir.

Wenn Christus in uns anfängt zu leben, wenn er Gestalt und Wesen annimmt in uns, das ist der Beginn des christlichen Glaubens. Und wenn das mit uns geschieht, dann sind wir gerecht vor Gott, denn dann dürfen wir teilnehmen an dem Wohlgefallen Gottes, das auf Jesus ruhte, als er noch unter den Menschen wandelte. Und wir wollen |513 ihn uns recht kindlich und einfach denken, diesen Vorgang, da unsre Herzen aufgehen im Vertrauen und im Gehorsam gegen den allmächtigen Gott, der so gewaltig hoch über uns und unsern Kleinlichkeiten steht und dem es doch nicht zu gering ist, uns menschlich nahe zu treten, damit wir göttlich würden. Wie er zu den Fischern und Zöllnern von Galiläa getreten ist mit einem schlichten Wort und einer schlichten Gebärde, wie er über den Lebensweg des Saulus von Tarsus gegangen ist, so kommt er zu uns, die wir andre Wege gehen als die Wege der Gerechtigkeit Gottes. Und er fragt uns wie jenen: Warum verfolgst du mich? [Act. 9,4] und an die Frage schließt sich die Aufforderung: Folge du mir nach! [Joh. 21,22]

Wenn wir gelernt haben, die Augen niederzuschlagen bei jener Frage, und wenn wir, wenn auch noch so zaghaft: Ja, Herr, sagen bei jener Aufforderung, das ist der Anfang des christlichen Glaubens. Mehr braucht es nicht. Jesus hat von den Seinigen nicht verlangt, dass sie dies und das tun, dies und das annehmen sollten, sondern dass sie ihm nachfolgten und gesinnt würden wie er war. Allein das. Der Mensch wird gerecht allein durch den Glauben. Brauche ich noch erst zu sagen, dass zu dem rechten Glauben, der in der vertrauensvollen und gehorsamen Nachfolge Jesu besteht, das rechte Leben nicht erst hinzukommen muss als ein zweites, was auch nötig ist? Der rechte Glaube ist das rechte Leben. Ein Glaube, der nicht durch die Liebe tätig ist [vgl. Gal. 5,6], wäre gar nicht Glaube. Denn der Gott, dem wir im Glauben an Jesus angehören, ist der Gott der Liebe, und das sind seine Gläubigen, die Liebe weitergeben, weil sie Liebe empfangen haben.

Aber wenn sie so in Christus die Gerechtigkeit Gottes empfangen und weitergeben dürfen, so ist das nicht ihr Werk, sondern Gottes Gnade. Denn der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft [Phil. 4,7], und seine Gerechtigkeit ist seine Freundlichkeit.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 40: «Gott des Himmels und der Erden» von H. Albert, Strophen 1–3 (RG 566; EG 445 [mit geringen Textabweichungen]). 🎵
  • 514 Nr. 224: «Such, wer da will, ein ander Ziel» von G. Weissel, Strophen 1.2.3 und 4 (RG 276; EG 346 [mit geringen Textabweichungen]). 🎵
Lesungstexte:
  • Römer 3,21–28; 5,1–5.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. irrtümlich: «2,13».↩
b
Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus: «klaren».↩
c
Mskr.: «sind»; von den Hrsg. korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 283, mit Anm. 2.↩
2
Röm. 3,21–28; 5,1–5; s. unten, Lesungstexte.↩
3
Vgl. M. Luther, Tischrede Nr. 3292b, WA.TR 3, 253,25–29 📖: «Multi valde sudant, ut concordent Iacobum cum Paulo, velut etiam Philippus in Apologia, sed non serio. Pugnantia sunt: Fides iustificat, fides non iustificat. Wer die zusamen reymen kan, dem wil ich mein pirreth auffsetzen und wil mich yhn einen narren lassen schelten.»↩
4
H. J. Holtzmann, Lehrbuch der neutestamentlichen Theologie, Bd. 2, Freiburg i. Br. / Leipzig 1897, S. 330 📖, umschreibt diesen Sachverhalt so: «Die Bemühungen, einen so offen zu Tage liegenden Thatbestand zu verdunkeln, bzw. nachzuweisen, dass beide Schriftsteller entweder das Gleiche meinen oder doch wenigstens keinen entgegengesetzten Standpunkt einnehmen, sondern in irgend welcher höheren Einheit sich zusammenfinden, bilden ein keineswegs erfreuliches oder rühmliches Kapitel in der Geschichte der protestantischen Bibelwissenschaft» (Beispiele a.a.O., S. 330f., Anm. 1 und 2). – Vgl. etwa auch Fr. Bleek, Einleitung in das Neue Testament, dritte Auflage, hrsg. von W. Mangold, Berlin 1875, S. 634f. 📖: «Doch ist man auch in der Lutherischen Kirche von diesem Urteil [= Luthers über den Jakobus-Brief] wieder zurückgekommen und hat es erkannt, dass Paulus und Jakobus im Wesentlichen übereinstimmen […]; zwischen beiden Lehrern findet eine bedeutende Verschiedenheit der ganzen Gemüthsrichtung statt, aber kein Gegensatz der Lehre» (ausführliche Darstellung der Diskussion durch W. Mangold a.a.O., S. 635–639, Anm. *).↩
5
Vgl. A. Augustinus, Confessiones I, 1,1 📖; s. oben, S. 422, Anm. 12.↩
6
Sprichwort, das sich bereits im 17. Jahrhundert als eine von 100 «Lebensregeln» findet, «die jeder Christ, der sich des heiligen Nachtmahls würdiglich gebraucht, zu sorgfältiger Fortsetzung seines Glaubens und Lebens stets vor Augen haben muß»: «Fürchte Gott, thue recht, scheue niemand – was kann dir der Staub thun?» (J. Rittmeyer, Himmlisches Freudenmahl. Ein Communionbuch von J. Rittmeyer, P. zu Helmstädt, † 1698, aufs neue hrsg. von T. Siegmund [= Ph. Räthjen], Leipzig [1860]2, S. 246.254 📖).Vgl. auch Fr. Schiller, Wilhelm Tell, dritter Aufzug, erste Szene 📖: «Mir soll sein böser Wille nicht viel schaden, / Ich tue recht, und scheue keinen Feind.» – Noch in Genf entstand später: K. Barth, Tue recht und scheue niemand! (Keine Abhandlung, aber sonst zum Nachdenken), in: Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte Gemeinde Genf, Jg. 7, Nr. 42 (9.3.1911), S. 1–3 📖 (V.u.kl.A. 1909–1914, S. 288–292 📖).↩
7
Vgl. etwa F. Chr. Baur, Der Gegensatz des Katholicismus und Protestantismus nach den Principien und Hauptdogmen der beiden Lehrbegriffe. Mit besonderer Rücksicht auf Herrn Dr. Möhler’s Symbolik, Tübingen 1836, S. 574 📖: «Von diesem Gesichtspunkt aus stellt sich hier ein Gegensatz zweier Principien dar, zwischen welchen es kein mittleres geben kann, weil jede Vermittlung und Ausgleichung nur auf eine principlose Halbheit führen würde. Man kann sich nur zu dem einen oder andern Princip bekennen, nur entweder zu dem Princip der Bewegung und des Fortschritts, oder dem des Stillstands und Widerstands, […]. Was hilft es, das Großartige und Bedeutungsvolle der Reformation zwar nicht verkennen zu wollen, aber doch zugleich zu gestehen, daß man in dieser Anerkennung nur von einem tiefen bittern Schmerz sich verwundet fühle?»↩
8
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1692f.1699–1702 (Studierzimmer). 📖 ↩
9
Zur Verwendung dieser Trias als kultureller Leitidee im 18. und 19. Jahrhundert vgl. oben, S. 140, Anm. 3.↩
10
Die Arbeit am «Tempel der Menschheit» oder «Tempel der Humanität» ist ein zentrales Motiv der Freimaurer, die sich selbst als Bausteine dazu verstehen; vgl. H. Reinalter, Die Freimaurer, München 20106, S. 41 📖.↩
11
Vgl. J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1807–1809 (Studierzimmer) 📖:
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist.
↩
12
Barth hatte gerade im Juni 1910, so ist es im Buch vermerkt, Hermann Cohens «Ethik» bekommen. Dort heißt es: «So lässt es sich verstehen, dass man zu allen Zeiten Gott als die sittliche Urmacht gedacht hat; als die Macht und Kraft der Sittlichkeit. […] Besser als die Macht des Guten dürfte der Ausdruck der Sieg des Guten sein für diese praktische Bedeutung der Gottesidee. […] Sollte man an unserer Sprache Etwas vermissen, wenn wir Gott eine Idee nennen, und zwar das Centrum aller Ideen, die Idee der Wahrheit? […] Der Satz: Gott ist Geist hat nur darin einen ethischen Wert, dass er den Gedanken vorbereitet: Gott ist Idee» (H. Cohen, Ethik des reinen Willens, Berlin 1904, S. 427–429 📖). Vgl. auch ders., Religion und Sittlichkeit. Eine Betrachtung zur Grundlegung der Religionsphilosophie, Berlin 1907, S. 33–36.56f 📖.↩
13
Des Angelus Silesius Cherubinischer Wandersmann, nach der Ausgabe letzter Hand von 1675 vollständig hrsg. und eingeleitet von W. Bölsche, Jena / Leipzig 1905, S. 9f. (Erstes Buch, Nr. 61–63) 📖; vgl. oben, S. 485f., Anm. 3.↩