Wir waren bei unsrer bisherigen Auslegung des Jakobusbriefes in der einfachen und
erfreulichen Lage, dass wir uns bei der Überlegung der Gegenstände, die in
den Texten zur Sprache kamen, im Wesent |500 lichen an die
in diesen Texten darüber ausgesprochenen Gedanken halten und anschließen
konnten. Ich konnte euch ehrlich sagen: Die Gedanken, die sich Jakobus von den Dingen gemacht hat,
sind auch meine Gedanken. Und umgekehrt hatte ich, ohne dem biblischen
Schriftsteller Gewalt anzutun, das Recht anzunehmen, dass er, wenn er hier
unter uns getreten wäre, meine Gedanken über seine Texte als seine eigenen
anerkannt hätte. Dass er, wenn er die lange Geschichte des Christentums
hinter sich hätte, wie es bei uns der Fall ist, wenn er
insbesondere Männer wie Luther und Calvin, Kant
und Schleiermacher gekannt hätte, an die ich mich hier öfters
angeschlossen habe, teils mit, teils ohne Nennung ihrer Namen, dass er dann
seine Texte selbst so oder ungefähr so ausgelegt haben würde, wie ich es
hier getan habe. Mit einem Wort: unsre bisher ausgeführten Gedanken über die
Texte des Jakobusbriefes standen in aufrichtiger Übereinstimmung mit den
Gedanken des Textes selbst. Wir konnten uns mit ruhigem Gewissen sagen, dass
wir einfach die Bibel auslegten und anwendeten, wie wir sie heute auslegen
und anwenden müssen.
Bei dem heutigen Text, den ihr zu Hause nachgelesen und soeben noch einmal
gehört habt, stehen die Dinge anders. Ebenso aufrichtig und mit ebenso
ruhigem Gewissen müssen wir nämlich feststellen, dass wir mit den darin
ausgesprochenen Gedanken nicht übereinstimmen können und dass
die richtige, d. h. die fruchtbare Auslegung dieses Abschnitts notwendig in
der Kritik bestehen muss. Ich habe euch früher einmal erzählt,
dass der Reformator Luther den Jakobusbrief eine «stroherne Epistel» genannt
hat.1 Wenn Luther damit ein
Urteil über den ganzen Brief hat aussprechen wollen, so war das
eine eilfertige Übertreibung, die wir bereits abgelehnt haben, und 3 ich hoffe, ihr habt in diesem halben Jahr das
Gefühl gewonnen, dass wir sie mit Recht abgelehnt haben: Jakobus ist nicht
nur ein warmherziger, gläubiger Christ gewesen mit offenenb
Augen für die Bedürfnisse des praktischen Lebens, sondern er war auch
ein klar denkender Kopf, der nicht nur über die Dinge redete, sondern der
den Dingen auf den Grund ging, der die Lebensfragen bei den Wurzeln packte
und der |501 darum geeignet und legitimiert war, seinen
Mitchristen und uns ein Lehrer und Prediger zu sein. Aber auch große und
einsichtige Menschen haben ihre schwachen Seiten und ihre schwachen Stunden,
das ist eine bekannte Sache, und so stellen wir ruhig fest: den Abschnitt,
der uns heute beschäftigt, hat Jakobus in einer schwachen
Stunde geschrieben, und von ihm könnte man mit Recht sagen, was
Luther vom ganzen Brief gemeint hat, sagen zu müssen: es ist ein stroherner
Abschnitt. Jakobus hat diesmal nicht recht, sondern
unrecht.
Darüber braucht nun niemand zu erschrecken. Ich wiederhole damit nur, was
Luther gesagt hat. Wir
treten damit auch dem Jakobus,
von dem wir nun schon so viel gelernt haben, keineswegs zu nahe. Er ist doch
ein Mensch gewesen wie wir und konnte daher recht haben und unrecht haben
wie wir auch. Und endlich ist damit nicht gesagt, dass wir aus diesem
Abschnitt, der nun einmal auch in der Bibel steht, nichts lernen wollen,
sondern wieder nach Hause gehen. So gut wir z. B. aus gewissen Psalmen des Alten
Testaments, in denen in der schrecklichsten Weise um Gottes Rache an den
menschlichen Feinden des Sängers gebetet wird, lernen und entnehmen können,
was das rechte Gebet ist, wenn wir
nämlich die Gebete Jesu
danebenhalten, so gut kann uns heute die Betrachtung des Abschnitts, in dem
Jakobus in so unzureichender Weise über den
Glauben redet, dazu dienen, uns richtige
Gedanken über das Wesen des Glaubens zu bilden, wenn wir ihn nämlich
vergleichen mit der tiefern und einsichtigeren Auffassung, die Paulus von diesem
Gegenstand gehabt hat.
Ich habe euch das letzte Mal gebeten, ihr möchtet euch neben unserm 4Textabschnitt den Galaterbrief des Apostels
Paulus in diesen 14 Tagen ansehen, weil dort seine Auffassung vom Glauben
eine besonders lebhafte Darstellung gefunden hat. Ich hätte euch ebenso gut
auf die Abschnitte im Römerbrief hinweisen können, die ich nun am Anfang des
Gottesdienstes vorgelesen habe.2 Hoffentlich
sind euch die Kernsprüche des Paulus an diesen Orten ohnehin bekannt
gewesen. Unsre Reformatoren
haben sie einst unablässig gebraucht wie starke Hämmer bei der Grundlegung
des zu erneuernden Christentums, und ihr Inhalt bildet noch heute und für immer die
unverrückbare Grenzlinie protestantischer Art und katholischen Wesens. Ich
hoffe also |502 weiter, dass es euch beim Lesen oder jetzt
beim Anhören unsres Textabschnittes selbst schon aufgefallen ist, dass da
etwas nicht in Ordnung sein muss, mindestens dass diese Gedanken zu denen
des Paulus nicht stimmen können. Ich will nur gleich das Gröbste und
Auffallendste nennen, was jeder sehen kann, auch wenn er keine Theologie studiert hat: Paulus sagt wörtlich und
ausdrücklich: dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben [Röm. 3,28]. Jakobus sagt ebenso wörtlich und ausdrücklich: dass der
Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben
allein. Das reime zusammen, wer da kann und mag! Derselbe Luther hat von der Ansicht
des Jakobus gesagt: er gehet stracks wider S. Paulum, und er
wolle seinen Doktorhut verspielt haben, wenn es anders sei.3 Gutmütigere Bibelausleger als er
haben freilich bis auf die neueste Zeit immer wieder gemeint, es sei nicht
schlimm damit, weil sie nicht haben wollten, dass es in der Bibel
offenkundige Widersprüche gebe. Man pflegt dann wohl zu sagen: Paulus und
Jakobus meinten ja im Grunde doch dasselbe.4 Verständigen wir uns auch rasch darüber: Das leidet ja
keinen Zweifel, dass alle rechten und erfreulichen Menschen, |503 zu denen doch Paulus und Jakobus sicher gehörten, immer
dasselbe meinen, sofern sie nichts Anderes wollen
als die Wahrheit. Wenn es anders
wäre, wären sie eben keine guten Menschen, von denen etwas zu lernen ist,
und ihre Schriften gehörten überall hin, nur nicht in das Neue Testament. Aber ebenso 5sicher ist, dass auch rechte und aufrichtige
Menschen manchmal verschiedener Ansicht sein können und dass
dann notwendig der Fall eintritt, dass der eine recht hat und der andre
unrecht. Solch ein Fall liegt vor bei dem Gegensatz, von dem die Rede ist.
Nach meiner Meinung hat Paulus recht und Jakobus unrecht. Aber wir wollen
nun vor Allem versuchen, uns an Hand der Gedanken des Letztern klar zu
machen, in was ihr Gegensatz besteht, um uns dann mit guten Gründen
entscheiden zu können. Ihr werdet gleich sehen, dass es sich dabei
keineswegs bloß um eine theoretische Frage der Bibelerklärung handelt,
sondern um Fragen und Gegensätze, die auch im Leben der heutigen Christenheit und im
Herzen des einzelnen heutigen Christen immer wieder aktuell und brennend sind. Es ist freilich
wahr, dass gerade um diesen Punkt die christlichen Theologen von Anfang an besonders eifrig
gestritten haben. Aber wenn ich euch das sage und wenn ihr es vielleicht
auch sonst schon gehört habt, dann soll euch das nicht abschrecken, vielmehr
euch aufmerksam machen darauf, dass es ein wichtiger Punkt ist. Wenn die
Wahrheit einmal aufhören sollte, dieselbe zu sein für die
Theologen und die andern Christen, dann wollen wir die Kirche zutun.
Auf den ersten Blick hört sich das, was Jakobus über den Glauben und die
Werke
ausführt, ganz sympathisch und einleuchtend an. Seine Meinung darüber ist
kurz zusammengefasst die: Der Glaube allein könne den Menschen nicht retten,
d. h. nicht ins rechte, normale Verhältnis zu Gott bringen, könne seinem
innern Leben Kraft und
Frieden und Wert nicht geben. Ja, der Glaube allein sei tot an sich selbst.
Er sei, für sich allein betrachtet, nicht nur eine halbe Sache, sondern
vollständig nichtig und wertlos. Auch die Teufel glauben ja, dass es einen Gott gibt, aber dieser Glaube
muss sie eigentlich erst recht schaudern machen im Bewusstsein ihrer
Verworfenheit. Nun heiße es freilich im Alten Testament von Abraham: er glaubte Gott und das wurde
ihm zur Gerechtigkeit angerechnet [vgl. Gen. 15,6] und deshalb
6wurde er Freund Gottes genannt [vgl. 2.Chr. 20,7]. Aber das müsse man
recht |504 verstehen, meint Jakobus: in Wirklichkeit sei
er doch nach seinen Werken gerecht gesprochen
worden, nämlich als er im
Gehorsam gegen Gott seinen Sohn Isaak zum Opfer brachte [vgl. Gen. 22,1–14]. Und daraus sehe man,
fährt Jakobus mit einer leisen, nicht ganz logischen Korrektur des
Vorhergehenden fort, dass der Glaube zusammenwirken müsse mit
den Werken und –
das ist schon wieder eine solche Verschiebung! – dass der Glaube
infolge der Werke seine Vollendung erreiche. Dasselbe sehe man aus einem
andern Beispiel aus dem Alten Testament (das uns freilich etwas sonderbar
anmutet): Von der Dirne Rahab wird
im Josuabuch erzählt [Jos. 2,1–24; 6,22–25], dass sie die
israelitischen Kundschafter in Jericho aufnahm und vor ihren Landsleuten versteckte. Für diese
Tat wurde sie und ihre Familie später bei der Einnahme Jerichos verschont.
Daraus soll ersichtlich sein, dass sie gerechtfertigt wurde, dass Gott sich ihrer
annahm um ihrer Werke willen und nicht etwa auf Grund ihres Glaubens allein.
Um diese seine Behauptung ganz deutlich zu machen, erläutert sie Jakobus durch zwei Gleichnisse; das
eine steht am Anfang des Abschnitts, das andre am Schluss. Wer einem Armen
bloß freundliche und fromme Worte gibt, ohne ihm durch die Tat zu helfen,
der hilft ihm im Grunde gar nicht. So sei der Glaube ohne Werke unfähig, dem
Menschen zu helfen. Und am Schluss wird der Glaube mit dem Leib, die Werke
mit dem Geist verglichen, und der Abschnitt schließt triumphierend: wie der
Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.
Ich sagte eben, das Alles töne aufs erste Anhören recht sympathisch, passe
scheinbar auch recht gut zu unsrer modernen Auffassung von der Religion, kraft
derer man heutzutage an allen Ecken und Enden nach «Leben, Leben!» ruft, d. h. doch
offenbar nach dem, was hier die «Werke» genannt istc, und kraft derer man jedenfalls von einem sogenannten «toten» oder
äußerlichen Glauben nichts wissen will. Wenn nur unsre moderne Auffassung
nicht manchmal so schrecklich 7 unklar wäre,
gerade so unklar wie die heutigen Sprüche des Jakobus, in denen Richtiges
und Unrichtiges zu einem fast unentwirrbaren Knäuel zusammengeballt sind.
Jakobus sagt nämlich über den Glauben und die Werke nebeneinander und
durcheinander dreierlei: zuerst, dass der Mensch nach seinen Werken gerecht
gesprochen |505 werde, dann, dass der Glaube mit den
Werken zu diesem Zweck zusammenwirken müsse, endlich, dass der Glaube
infolge der Werke seine Vollendung erreiche. Demgegenüber hat die Meinung
des Paulus jedenfalls einmal den
Vorzug der Klarheit und Deutlichkeit, denn da heißt es rund und unzweideutig
an allen Stellen aller seiner Briefe, dass der Mensch nicht durch die Werke
gerecht werde, sondern allein durch den Glauben.
Wer hat nun recht von Beiden? Um das auszumachen, müssen wir vorläufig zu
Jakobus zurückkehren und uns seine Ausführungen näher ansehen.
Zuerst: Was ist das, wenn es hier und in der Bibel des Öftern heißt, dass der
Mensch von Gott gerecht gesprochen
wird? Das ist so ein Ausdruck, der durch jahrhundertelangen Gebrauch
abgenutzt ist wie eine alte Münze, man spricht ihn aus, man hört ihn an,
ohne sich etwas Bestimmtes und Konkretes dabei zu denken. An diesem Zustand
sind erstens die schuld, die ihn gedankenlos oder doch ohne Gedanken zu
wecken gebraucht haben und gebrauchen, zweitens die, die ihm ebenso
gedankenlos aus dem Weg gehen. Beides muss anders werden. Sehen wir zu, ob
uns das möglich ist: Wenn Jakobus
und Paulus und die Andern sagen,
der Mensch werde von Gott gerecht gesprochen, so meinen sie damit dasselbe:
Der Mensch komme ins rechte Verhältnis zu Gott, sein inneres Leben werde in Einklang
gesetzt mit der obersten Wahrheit, mit der obersten ewigen Gerechtigkeit, die die
wirkliche Lebensmacht ist, ohne die der Mensch
unselig, durch die der Mensch selig, frei, selber lebendig,
kurzum ein wirklicher 8
Mensch werde im
Unterschied zu dem bloß vegetierenden Naturwesen. Und wie das näher zu
verstehen ist, können wir entnehmen aus dem, was vor 14 Tagen über das
Gericht Gottes gesagt
wurde, das wir durch das Gesetz der Freiheit erfahren. Wir haben dort
gesehen, wie das Gesetz des Guten, das in Jesus lebendig unter die
Menschen gekommen, nicht nur Gebot und Regel sein will für uns, nach der wir
uns zu richten haben, sondern wie es notwendig der Maßstab wird, an dem
gemessen es in unserm Leben zur Scheidung und Entscheidung kommen muss, nach dem wir also
gerichtet werden. Da entscheidet sich die Frage, ob wir zu Gott gehören, ob
unser Leben Wert und Bestand hat, ob wir Menschen der Ewigkeit sein sollen.
Und wo dann einem Menschen gesagt wird und wo er das Urteil hört in seinem
Innern, von dem Jesus |506 dort geredet: Kommt her, ihr
Gesegneten meines Vaters! [Mt. 25,34], da ist er gerechtfertigt oder gerecht gesprochen von Gott, der selbst die
Güte und Gerechtigkeit ist, er darf an seinem
Teil teilnehmen an der Seligkeit des ewigen Gottes, an der Wahrheit und Wirklichkeit und
Beständigkeit seines innern Wesens, wie es in jenem Gleichnis vom Gericht
heißt: ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt [Mt. 25,34]. So
ist’s, wenn Gott gerecht spricht, und etwas Anderes, Höheres,
Bedeutenderes kann es doch wohl für unser inneres Leben nicht geben, wenn es anders wahr ist,
dass dies innere Leben für Gott und sein Reich geschaffen ist und dass es unruhig
bleibt, bis dass es ruhe in ihm.5
Aber nun stehen wir vor der Frage: wie kommt es dazu, dass ein
Mensch gerecht gesprochen werde? Jakobus antwortet: es kommt dazu durch die Werke
des Menschen, d. h.
dadurch, dass er gute Handlungen tut wie z. B. Abraham, der seinen Sohn opfern will, weil Gott es
fordert, oder die Rahab, die die
Kundschafter aufnimmt. Diese Antwort mag nun auf den ersten 9 Blick aussehen wie die natürliche und richtige
Fortsetzung dessen, was vorher gesagt ist: So redet und so handelt als
Leute, die durch das Gesetz der Freiheit
gerichtet werden sollen
[Jak. 2,12], und es mag auf
den ersten Blick auch aussehen wie die natürliche und richtige Antwort
überhaupt. Ein Mensch wird dadurch vor Gott gerecht, dass er bestimmte Dinge
tut und lässt, dass er Werke tut, denn nach den Werken soll er ja von Gott
gerichtet werden.
Aber dagegen erheben sich nun schwere Bedenken, und zwar Bedenken, die gerade
dann in uns erwachen müssen, wenn wir das, was Jakobus selbst vorher über
das Gesetz der Freiheit gesagt hat, gut erwogen und verstanden haben. Wir
sind dort darauf hinausgekommen, dass das Gesetz der Freiheit lautet: dein
innerster Wille muss gut, du selbst musst gut sein, vorher hört
das Gesetz nicht auf, uns zu richten und zu verurteilen. Wie soll’s
nun zugehen, dass plötzlich doch wieder Alles auf die Werke,
also auf die guten oder bösen Handlungen ankommen soll? Sofort müssen wir
uns an die bekannte Tatsache erinnern, dass Menschen gute Werke tun können, z. B. Werke der
christlichen Nächstenliebe,
an die Jakobus offenbar besonders |507 denkt, ohne dass
sie selbst gut sind im Sinne des Gesetzes der Freiheit, an die Tatsache, dass auch
unsre besten, menschenfreundlichsten, allgemeinnützlichsten Handlungen nur
zu oft Motive haben, die mit dem grundguten Willen, der von uns gefordert
ist, ohne die geringste Beziehung sind. Und wir könnten weiter hinweisen auf
die katholische Kirche,
wo die «guten Werke» zu einem großen, umständlichen Apparat geworden sind,
dessen man sich bedient, um der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, habhaft zu werden, wie man
sich an manchen Orten die Staatsbürgerrechte erwirbt durch braves
Steuerzahlen: je mehr Steuer, desto mehr Rechte. So grob hat nun Jakobus die Sache jedenfalls nicht
verstanden. Aber ebenso sicher ist, dass jene grobe katholische Lehre sich
mit ziemlich gutem Schein auf unsern 10 Abschnitt
berufen kann. Jakobus ist missverstanden worden, aber er ist nicht ganz
unschuldig an dem Missverständnis. Seine Sätze, so wie sie dastehen, sind
unrichtig. Der ewige Richter hat tiefere und eindringendere Augen, als dass er sich
durch die Werke, die wir «gute» zu nennen gewohnt sind, beirren lassen würde
in der Frage, ob wir selbst gut und darum würdig seien der Gerechtsprechung und der Seligkeit.
Aber dieser Einwand ist nun noch nicht einmal der schwerwiegendste, den wir
gegen die Meinung des Jakobus erheben müssen. Er ist nämlich offenbar selbst
etwas unsicher gewesen in dieser Sache und drückt sich darum in einem andern
der verlesenen Verse etwas vorsichtiger aus, indem er sagt: der Mensch werde
gerecht gesprochen, indem der Glaube mit den Werken zusammenwirke.
Aber ich habe schon gesagt: Die Logik dieser vorsichtigen Einschränkung ist
etwas zweifelhaft. Man fragt sich unwillkürlich, wozu denn da noch so etwas
Besonderes wie der Glaube mitwirken müsse, wenn doch die Werke für sich
allein schon genügten, den Menschen vor Gott gerecht zu machen. Es sieht
dann so aus, als wäre dieser Glaube ein mehr oder weniger entbehrliches
Supplement zu den guten Werken,
und es hat daraus – wieder nicht ohne einen gewissen Schein von
Berechtigung angesichts unsrer Stelle – die volkstümliche Phrase
entstehen können: «Tue recht und scheue niemand» sei das wahre Christentum,6 das Übrige, nämlich der
Glaube sei für die Frauen und
die kleinen Kinder. |
508
Und ebenso unklar ist es, wenn Jakobus gleich darauf den Gedanken noch einmal umbiegt und sagt:
der Glaube erreiche seine Vollendung infolge der Werke, und das sei nun der Grund zu des
Menschen Rechtfertigung.
Denn das führt ebenso unvermeidlich zu der andern populären Ansicht, die
Religion gipfle in den Werken
der Nächstenliebe und Gemeinnützigkeit, und wer
solche Werke tue, 11 wer da irgendwie beteiligt
sei, habe umgekehrt die Religion nicht mehr nötig, die sei eben für die
Kinder, die zum Bravsein und zu guten Werken» erst erzogen werden müssen. Meine Freunde, wenn ich
diese bekannten Ansichten scharf ablehne, so tue ich es nicht, weil sie
volkstümlich, sondern weil sie falsch sind.
Und sie sind falsch, weil sie auf dem katholischen Vorurteil
beruhen, ein guter Mensch sei schon der, der gute und nützliche Handlungen
und Werke tut, während die einfache Überlegung auf die radikale, unendliche
Bedeutung des Wortes «gut» uns sagen müsste, dass da etwas ganz
Anderes gemeint sein müsse. Das aber ist gemeint, und das ist das Eine, was
nottut [vgl. Lk. 10,42],
dass unser Wille, unser Innerstes gut werde. Wo das der Fall ist,
da spricht Gott uns gerecht, denn so
bestimmt er selbst sein Gericht im Gesetz der Freiheit. Gerade dadurch ist der
Protestantismus das Prinzip des Fortschritts
geworden für die Völker und für die
einzelnen Menschen,7 dass er dem Christen in seiner Stellung zu Gott eine Auf
|509 gabe angewiesen hat, die notwendig
unendlich ist, dass er ihm gesagt hat, das, was vonnöten
ist, um vor Gott gerecht zu sein, das sind nicht deine Werke, sondern das ist
dein Wille. Und so ist Goethes Faust zweifellos der
echte Protestant, wenn er seinen berühmten Kontrakt mit dem Teufel so
abschließt:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan…
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn.
8
Denn sowie wir der Meinung sind, uns durch unsre guten Werke mit Gott abfinden, die
Forderung des Gesetzes matt setzen zu können, sofort ist der Stillstand und
Rückschritt unsres innern Lebens da; mit andern Worten: sofort hat der Teufel das Spiel gewonnen.
12 Und diese fatale Situation wird nun um nichts
verbessert, wenn man wie Jakobus
in unserm Text die Konzession macht, der Glaube sei doch auch
eine gute Sache und könne wenigstens mitwirken. Andre werden wie gesagt der
Meinung sein, sie könnten dieser Mitwirkung auch entbehren, und ich wüsste
nicht, was ich an Stelle des Jakobus darauf antworten sollte. Für ihn ist
nämlich der Glaube auch so eine Art Werk, nur eins, das mit dem Gehirn getan
wird statt mit den Händen. Er führt selbst ein Beispiel an für das, was er
bei dem Wort «Glauben» denkt: Du glaubst, dass ein einiger Gott
sei. Also: Das Dasein eines höchsten Wesens in der Welt annehmen,
das sei z. B. Glaube. Das Beispiel
passt uns gut: es gibt ja heute viele, deren angeblicher Glaube mit dieser
Annahme eines höchsten Wesens anfängt und aufhört. Es ist darauf in der Tat heute wie
damals zu antworten: Das glauben die Teufel auch und schaudern.
Mit andern Worten: das verändert unsre Stellung zu Gott nicht im geringsten,
ob wir so freundlich sind, sein Dasein anzunehmen oder nicht.
Der Glaube kann uns nicht retten, da hat Jakobus ganz
recht. Man muss aber noch weiter |510 gehen: Ebenso wenig
hilft es uns, wenn wir allerlei andre angeblich fromme Ideen annehmen, z. B. ein
jenseitiges Leben mit
Lohn und Strafe oder was wir uns gern darüber denken, oder wenn wir Ideale
annehmen: das Schöne, das Wahre, das Gute,9 den Tempel der Menschheit10 und dergleichen mehr. Und ebenso
wenig werden wir gerecht vor Gott, indem wir allerlei Lehren
annehmen, die man als christlich im engen Sinn betrachtet, Lehren über
Christus und sein Werk oder was immer ihr Inhalt sein mag. Das mag Alles
miteinander sehr schön sein, aber es hilft uns deswegen noch nicht, weil die
Sache genau die gleiche ist wie vorher bei den guten Werken. Es ist durchaus
möglich, dass einer alle diese Dinge annehme, ohne dass dadurch sein
innerster Wille verändert wird, auf den es in dem Gericht durch das Gesetz der Freiheit ankommt. Es
steht mit beiden, 13 mit den guten Werken
und mit den guten Glaubenslehren so wie mit der
bekannten Haartracht früherer Jahrhunderte:
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken
Du bleibst doch, der du bist!
11
Gott durchschaut die guten Werke, die wir tun, und die frommen Ideen, die wir
annehmen, aber er beurteilt uns weder nach dem einen noch dem andern,
sondern nach dem, was dahinter und darunter ist.
So steht es mit unsrer Gerechtigkeit vor Gott; aber wenn es so steht, dann
muss es uns schwer auf die Seele fallen, wenn wir aufrichtig sind: Es ist
hier kein Unterschied, wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes,
den wir vor Gott haben sollten [Röm. 3,23]. Wo ist der Ausweg, nachdem uns die Wege und Auswege,
die Jakobus empfiehlt, als
Illusionswege versperrt sind?
511 Nun ist es Zeit, uns zu Paulus zu wenden und zu seiner Meinung, dass
der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben. Sofort muss nun die
Hauptsache festgestellt werden: Der Glauben, von dem Paulus redet, ist von dem Glauben, den Jakobus
meint, so verschieden als der Himmel von der Erde. Dass der Mensch nicht
gerecht werde durch Annahme frommer Ideen und gläubiger Gedanken, dass das
an dem Wert oder Unwert seines innern Lebens nichts zu verändern vermöge, damit
wäre Paulus ganz einverstanden gewesen. Aber er hätte das nicht Glauben
genannt, und es ist vielleicht die fatalste Seite an jenem Abschnitt des
Jakobus, dass darin etwas als Glaube bezeichnet wird, was nach des Jakobus eigener sonstiger
Anschauung mit dem rechten Glauben noch gar nichts zu tun hat. Denn auf
Grund dieses Abschnitts hat man sich angewöhnt, den Glauben als ein Werk des
Gehirns zu betrachten, das dann für klar denkende Leute neben den Werken der
Hände notwendig in das Gerücht einer gewissen Überflüssigkeit kam.
Merkwürdig, wie tief dieser Irrtum eingewurzelt ist, der Glaube sei ein
frommer Gedanke und das sei Religion, 14 dass man solche Gedanken
habe. So habe ich neulich sogar in dem Werk eines der hervorragendsten
Philosophen der Gegenwart die schiefe Behauptung gelesen, der Glaube oder
die Gesinnung, von der in der christlichen Religion die Rede sei, sei ein
bloßer Gedanke.12 Wenn das des Paulus Meinung gewesen wäre,
würde er schwerlich immer wieder gesagt haben, der Mensch werde gerecht
allein durch den Glauben; denn
das wusste er auch, dass fromme Gedanken und die
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ganz verschiedene Dinge sind.
Sondern wenn wir den Glauben, den
Paulus meint, d. h. den
rechten christlichen Glauben verstehen wollen, müssen wir uns erinnern, |512 dass dabei nie an etwas Anderes gedacht
ist als an den Glauben an Jesus Christus. Was heißt
das und wie geht das zu, wenn einer an Christus glaubt? Heißt das, dass er
sich entschließt anzunehmen, Christus sei Gottes Sohn gewesen, habe Wunder
getan, sei für unsre Sünden gestorben, sei auferstanden, zum Himmel
gefahren? Das Alles ist schön und gut, aber es hilft uns noch gar nichts,
das anzunehmen. Hunderte und Tausende haben es getan, ohne die Gerechtigkeit
Gottes zu haben,
die von uns gefordert ist. Das wäre wieder der Jakobusglaube, der uns in der
Tat nicht retten kann. In einem alten Büchlein aus dem 17. Jahrhundert lese
ich folgende Verse:
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in dir; du bleibst doch ewiglich
verloren.
Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’t,
erlösen.
Ich sag, es hilft dir nicht, dass Christus auferstanden.
Wo
du noch liegen bleibst in Sünd’ und
Todesbanden.
13
Nun sind wir auf dem Wege, das Eine zu verstehen, auf das es
ankommt. Uns ist das Evangelium,
die frohe Botschaft verkündigt, dass Einer über diese Erde gegangen ist als
ein Mensch wie 15 wir, der das Gesetz der Freiheit, das Gesetz des
grundguten Willens nicht nur gekannt hat, sondern erfüllt.
Anders, höher als sein Leben können wir uns ein
gutes Leben nicht denken. Denn wir sehen in
diesem Leben, so wenig uns davon bekannt ist, Alles das vereinigt und
beschlossen, was in uns selbst vereinigt und beschlossen sein müsste, wenn
wir wären, wie wir sollten. Es ist ein Geheimnis und doch ein offenes
Geheimnis. Es liegt für uns dies Leben im Schatten einer fernen
Vergangenheit, und doch kann es und will es strahlende Gegenwart werden
– in dir. Denn Christus lebt und er will leben in
dir.
Wenn Christus in uns anfängt zu leben, wenn er Gestalt und Wesen annimmt in
uns, das ist der Beginn des christlichen Glaubens. Und wenn das mit uns
geschieht, dann sind wir gerecht vor Gott, denn dann dürfen wir teilnehmen
an dem Wohlgefallen Gottes, das auf Jesus ruhte, als er
noch unter den Menschen wandelte. Und wir wollen
|513 ihn uns recht kindlich und einfach denken, diesen
Vorgang, da unsre Herzen aufgehen im Vertrauen und im Gehorsam gegen den
allmächtigen Gott, der so gewaltig hoch über uns und unsern Kleinlichkeiten
steht und dem es doch nicht zu gering ist, uns menschlich nahe zu treten,
damit wir göttlich würden. Wie er zu den Fischern und Zöllnern von
Galiläa getreten ist mit
einem schlichten Wort und einer schlichten Gebärde, wie er über den
Lebensweg des Saulus von Tarsus
gegangen ist, so kommt er zu uns, die wir andre Wege gehen als die Wege der
Gerechtigkeit Gottes.
Und er fragt uns wie jenen: Warum verfolgst du mich? [Act. 9,4] und an die Frage schließt
sich die Aufforderung: Folge du mir nach! [Joh. 21,22]
Wenn wir gelernt haben, die Augen niederzuschlagen bei jener Frage, und wenn
wir, wenn auch noch so zaghaft: Ja, Herr, sagen bei jener Aufforderung, das
ist der Anfang des christlichen Glaubens. Mehr braucht es nicht. Jesus hat
von den Seinigen nicht verlangt, dass sie dies und das tun, dies und das
annehmen sollten, sondern 16 dass sie ihm
nachfolgten und gesinnt würden wie er war. Allein das. Der Mensch wird
gerecht allein durch den Glauben.
Brauche ich noch erst zu sagen, dass zu dem rechten Glauben, der in der
vertrauensvollen und gehorsamen Nachfolge Jesu besteht, das rechte Leben nicht erst hinzukommen
muss als ein zweites, was auch nötig ist? Der rechte Glaube ist
das rechte Leben. Ein Glaube, der nicht durch die
Liebe tätig ist [vgl. Gal. 5,6], wäre gar nicht Glaube. Denn der Gott, dem wir im Glauben
an Jesus angehören, ist der Gott der Liebe, und das sind seine Gläubigen, die Liebe weitergeben, weil
sie Liebe empfangen haben.
Aber wenn sie so in Christus die Gerechtigkeit Gottes empfangen und
weitergeben dürfen, so ist das nicht ihr Werk, sondern Gottes Gnade. Denn der Friede
Gottes ist höher als alle Vernunft [Phil. 4,7], und seine Gerechtigkeit ist seine Freundlichkeit.