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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 43</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 2,14-26</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 2,14-26, 3. Juli 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53045 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 43: Predigt: Jakobus 2,14-26</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">45</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 2,13-26, 3. Juli 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1486">KBA 1021.1</ref>. </bibl>
        <bibl xml:id="B" type="source">B (Weitere Vorlage): Barth, Karl, Predigt: Jak 2,14-26, 3. Juli 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2237">KBA 1021.2</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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        <date type="creation" when="1910-07-03">3. Juli 1910</date>
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                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, den <date when="1910-07-03">3. Juli
                            1910</date> <date rend="right">(6. Sonntag nach Trinitatis)</date> </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                           <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.14 Jak.2.26">Jakobus 2,14<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. irrtümlich: «2,13».</note>–26 </ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="text-recte">Was nützt es, meine Brüder, wenn
                                    jemand sagt, er habe Glauben, aber ohne Werke zu haben?</hi> Kann
                                    etwa der Glaube ihn retten? <hi rend="text-recte"> Wenn da ein Bruder oder eine
                                    Schwester ist, dürftig bekleidet und an der täglichen
                                    Nahrung Mangel leidend, was nützt es, wenn dann jemand von
                                    euch zu ihnen sagt: geht hin in Frieden, wärmt euch und
                                    sättigt euch, ohne ihnen das für den Leib Nötige zu geben?</hi>
                                    So ist auch der Glaube ohne Werke tot an sich selbst. <hi rend="text-recte">Oder
                                    steht es etwa so: Du hast Glauben und ich habe Werke? Zeige
                                    mir deinen Glauben ohne die Werke, dann will ich dir aus
                                    meinen Werken den Glauben zeigen:</hi> Du glaubst, dass ein
                                    einiger Gott ist? Du tust wohl daran, auch die Teufel tun
                                    das – und schaudern. <hi rend="text-recte">Willst du zur Erkenntnis kommen,
                                    du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nichts
                                    nützt? Wie steht es mit unserm Vater Abraham? Wurde er nicht</hi>
                                    nach seinen Werken gerecht gesprochen<hi rend="text-recte">, nachdem er seinen
                                    Sohn Isaak auf dem Altar dargebracht hatte? Du siehst, dass</hi>
                                    der Glaube zusammenwirkte mit seinen Werken, und infolge der
                                    Werke erreichte der Glaube seine Vollendung<hi rend="text-recte">, und das war die
                                    Erfüllung der Schrift, die da sagt: Es glaubte aber Abraham
                                    Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet, und
                                    er wurde Freund Gottes genannt. Ihr seht, dass</hi> aus Werken
                                    der Mensch gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.
                                    <hi rend="text-recte">Und wurde nicht auch in gleicher Weise die Dirne Rahab aus
                                    Werken gerechtfertigt, weil sie nämlich Kundschafter
                                    heimlich aufgenommen hatte und auf einem andern Wege wieder
                                    entließ? Denn</hi> wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch
                                    der Glaube ohne Werke tot.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
              
                    <salute>
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Wir waren bei unsrer bisherigen Auslegung des <term type="Sachen" key="Jakobusbrief">Jakobusbriefes</term> in der einfachen und
                    erfreulichen Lage, dass wir uns bei der Überlegung der Gegenstände, die in
                    den Texten zur Sprache kamen, im Wesent <pb xml:id="p500" ed="pga"/> lichen an die
                    in diesen Texten darüber ausgesprochenen Gedanken halten und anschließen
                    konnten. Ich konnte euch ehrlich sagen: Die Gedanken, die sich <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> von den Dingen gemacht hat,
                    sind auch meine Gedanken. Und umgekehrt hatte ich, ohne dem biblischen
                    Schriftsteller Gewalt anzutun, das Recht anzunehmen, dass er, wenn er hier
                    unter uns getreten wäre, meine Gedanken über seine Texte als seine eigenen
                    anerkannt hätte. Dass er, wenn er die lange Geschichte des Christentums
                        <hi rend="italic">hinter</hi> sich hätte, wie es bei uns der Fall ist, wenn er
                    insbesondere Männer wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName>, <persName ref="kbga-actors-216">Kant</persName>
                    und <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> gekannt hätte, an die ich mich hier öfters
                    angeschlossen habe, teils mit, teils ohne Nennung ihrer Namen, dass er dann
                    seine Texte selbst so oder ungefähr so ausgelegt haben würde, wie ich es
                    hier getan habe. Mit einem Wort: unsre bisher ausgeführten Gedanken über die
                    Texte des Jakobusbriefes standen in aufrichtiger Übereinstimmung mit den
                    Gedanken des Textes selbst. Wir konnten uns mit ruhigem Gewissen sagen, dass
                    wir einfach die Bibel auslegten und anwendeten, wie wir sie heute auslegen
                    und anwenden müssen.</p>
                <p>Bei dem heutigen Text, den ihr zu Hause nachgelesen und soeben noch einmal
                    gehört habt, stehen die Dinge anders. Ebenso aufrichtig und mit ebenso
                    ruhigem Gewissen müssen wir nämlich feststellen, dass wir mit den darin
                    ausgesprochenen Gedanken <hi rend="italic">nicht</hi> übereinstimmen können und dass
                    die richtige, d. h. die fruchtbare Auslegung dieses Abschnitts notwendig in
                    der <hi rend="italic">Kritik</hi> bestehen muss. Ich habe euch früher einmal erzählt,
                    dass der Reformator Luther den Jakobusbrief eine «stroherne Epistel» genannt
                        hat.<note xml:id="n01">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p283#fn_n02">S. 283, mit Anm. 2</ref>.</note> Wenn Luther damit ein
                    Urteil über den <hi rend="italic">ganzen</hi> Brief hat aussprechen wollen, so war das
                    eine eilfertige Übertreibung, die wir bereits abgelehnt haben, und <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> ich hoffe, ihr habt in diesem halben Jahr das
                    Gefühl gewonnen, dass wir sie mit Recht abgelehnt haben: <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> ist nicht
                    nur ein warmherziger, gläubiger Christ gewesen mit offenen<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus:
                            «klaren».</note>
                     Augen für die Bedürfnisse des praktischen Lebens, sondern er war auch
                    ein klar denkender Kopf, der nicht nur über die Dinge redete, sondern der
                    den Dingen auf den Grund ging, der die Lebensfragen bei den Wurzeln packte
                    und der <pb xml:id="p501" ed="pga"/> darum geeignet und legitimiert war, seinen
                    Mitchristen und uns ein Lehrer und Prediger zu sein. Aber auch große und
                    einsichtige Menschen haben ihre schwachen Seiten und ihre schwachen Stunden,
                    das ist eine bekannte Sache, und so stellen wir ruhig fest: den Abschnitt,
                    der uns heute beschäftigt, hat <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> <hi rend="italic">in einer schwachen
                        Stunde</hi> geschrieben, und von ihm könnte man mit Recht sagen, was
                    Luther vom ganzen Brief gemeint hat, sagen zu müssen: es ist ein stroherner
                    Abschnitt. Jakobus hat diesmal <hi rend="italic">nicht recht, sondern
                    unrecht</hi>.</p>
                <p>Darüber braucht nun niemand zu erschrecken. Ich wiederhole damit nur, was
                        <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gesagt hat. Wir
                    treten damit auch dem <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>,
                    von dem wir nun schon so viel gelernt haben, keineswegs zu nahe. Er ist doch
                    ein Mensch gewesen wie wir und konnte daher recht haben und unrecht haben
                    wie wir auch. Und endlich ist damit nicht gesagt, dass wir aus diesem
                    Abschnitt, der nun einmal auch in der Bibel steht, nichts lernen wollen,
                    sondern wieder nach Hause gehen. So gut wir z. B. aus gewissen <term type="Sachen" key="Psalmen, Rachepsalmen">Psalmen</term> des Alten
                    Testaments, in denen in der schrecklichsten Weise um Gottes Rache an den
                    menschlichen Feinden des Sängers gebetet wird, lernen und entnehmen können,
                    was das rechte <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> ist, wenn wir
                    nämlich die Gebete <term type="Sachen" key="Gebet, Jesu Christi">Jesu</term>
                    danebenhalten, so gut kann uns heute die Betrachtung des Abschnitts, in dem
                    Jakobus in so unzureichender Weise über den <term type="Sachen" key="Glaube">
                            <hi rend="italic">Glauben</hi></term> redet, dazu dienen, uns richtige
                    Gedanken über das Wesen des Glaubens zu bilden, wenn wir ihn nämlich
                    vergleichen mit der tiefern und einsichtigeren Auffassung, die <persName ref="kbga-actors-313">
                            <hi rend="italic">Paulus</hi></persName> von diesem
                    Gegenstand gehabt hat.</p>
                <p>Ich habe euch das letzte Mal gebeten, ihr möchtet euch neben unserm <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/>Textabschnitt den Galaterbrief des Apostels
                    Paulus in diesen 14 Tagen ansehen, weil dort seine Auffassung vom Glauben
                    eine besonders lebhafte Darstellung gefunden hat. Ich hätte euch ebenso gut
                    auf die Abschnitte im Römerbrief hinweisen können, die ich nun am Anfang des
                    Gottesdienstes vorgelesen habe.<note xml:id="n02">
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21 Röm.3.28">Röm. 3,21–28</ref>;
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.5">5,1–5</ref>; s. unten, Lesungstexte.</note> Hoffentlich
                    sind euch die Kernsprüche des Paulus an diesen Orten ohnehin bekannt
                    gewesen. Unsre <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term>
                    haben sie einst unablässig gebraucht wie starke Hämmer bei der Grundlegung
                    des zu erneuernden <term type="Sachen" key="Christentum">Christentums</term>, und ihr Inhalt bildet noch heute und für immer die
                    unverrückbare Grenzlinie protestantischer Art und katholischen Wesens. Ich
                    hoffe also <pb xml:id="p502" ed="pga"/> weiter, dass es euch beim Lesen oder jetzt
                    beim Anhören unsres Textabschnittes selbst schon aufgefallen ist, dass da
                    etwas nicht in Ordnung sein muss, mindestens dass diese Gedanken zu denen
                    des Paulus nicht stimmen können. Ich will nur gleich das Gröbste und
                    Auffallendste nennen, was jeder sehen kann, auch wenn er keine <term type="Sachen" key="Theologie">Theologie</term> studiert hat: <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt wörtlich und
                    ausdrücklich: <hi rend="italic">dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke,
                        allein durch den Glauben</hi> [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.28">Röm. 3,28</ref>]. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sagt ebenso wörtlich und ausdrücklich: <hi rend="italic">dass der
                        Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben
                        allein</hi>. Das reime zusammen, wer da kann und mag! Derselbe <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> hat von der Ansicht
                    des Jakobus gesagt: <hi rend="italic">er gehet stracks wider S. Paulum</hi>, und er
                    wolle seinen Doktorhut verspielt haben, wenn es anders sei.<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1720">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Tischrede
                        Nr. 3292b</hi>, WA.TR 3, 253,25–29</bibl>: «Multi valde sudant, ut
                        concordent Iacobum cum Paulo, velut etiam Philippus in Apologia, sed non
                        serio. Pugnantia sunt: Fides iustificat, fides non iustificat. Wer die
                        zusamen reymen kan, dem wil ich mein pirreth auffsetzen und wil mich yhn
                        einen narren lassen schelten.»</note> Gutmütigere Bibelausleger als er
                    haben freilich bis auf die neueste Zeit immer wieder gemeint, es sei nicht
                    schlimm damit, weil sie nicht haben wollten, dass es in der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Widersprüche">Bibel</term>
                    offenkundige Widersprüche gebe. Man pflegt dann wohl zu sagen: Paulus und
                    Jakobus <hi rend="italic">meinten</hi> ja im Grunde doch dasselbe.<note xml:id="n04">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2729">
                                <persName ref="kbga-actors-2292">H. J. Holtzmann</persName>, <hi rend="italic">Lehrbuch der neutestamentlichen
                            Theologie</hi>, Bd. 2, Freiburg i. Br. / Leipzig 1897, S. 330</bibl>,
                        umschreibt diesen Sachverhalt so: «Die Bemühungen, einen so offen zu
                        Tage liegenden Thatbestand zu verdunkeln, bzw. nachzuweisen, dass beide
                        Schriftsteller entweder das Gleiche meinen oder doch wenigstens keinen
                        entgegengesetzten Standpunkt einnehmen, sondern in irgend welcher
                        höheren Einheit sich zusammenfinden, bilden ein keineswegs erfreuliches
                        oder rühmliches Kapitel in der Geschichte der protestantischen
                        Bibelwissenschaft» (Beispiele <bibl corresp="kbga-bibls-2729">a.a.O., S. 330f., Anm. 1 und 2</bibl>). –
                        Vgl. etwa auch <bibl corresp="kbga-bibls-2730">
                                <persName ref="kbga-actors-9286">Fr. Bleek</persName>, <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi>, dritte
                        Auflage, hrsg. von W. Mangold, Berlin 1875, S. 634f.</bibl>: «Doch ist man auch
                        in der Lutherischen Kirche von diesem Urteil [= Luthers über den
                        Jakobus-Brief] wieder zurückgekommen und hat es erkannt, dass Paulus und
                        Jakobus im Wesentlichen übereinstimmen […]; zwischen beiden
                        Lehrern findet eine bedeutende Verschiedenheit der ganzen
                        Gemüthsrichtung statt, aber kein Gegensatz der Lehre» (ausführliche
                        Darstellung der Diskussion durch <bibl corresp="kbga-bibls-2730">W. Mangold a.a.O., S. 635–639,
                        Anm. *</bibl>).</note> Verständigen wir uns auch rasch darüber: Das leidet ja
                    keinen Zweifel, dass alle rechten und erfreulichen Menschen, <pb xml:id="p503" ed="pga"/> zu denen doch Paulus und Jakobus sicher gehörten, immer
                    dasselbe <hi rend="italic">meinen</hi>, sofern sie nichts Anderes <hi rend="italic">wollen</hi>
                    als die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Wenn es anders
                    wäre, wären sie eben keine guten Menschen, von denen etwas zu lernen ist,
                    und ihre Schriften gehörten überall hin, nur nicht in das Neue <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term>. Aber ebenso <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>sicher ist, dass auch rechte und aufrichtige
                    Menschen manchmal verschiedener <hi rend="italic">Ansicht</hi> sein können und dass
                    dann notwendig der Fall eintritt, dass der eine recht hat und der andre
                    unrecht. Solch ein Fall liegt vor bei dem Gegensatz, von dem die Rede ist.
                    Nach meiner Meinung hat Paulus recht und Jakobus unrecht. Aber wir wollen
                    nun vor Allem versuchen, uns an Hand der Gedanken des Letztern klar zu
                    machen, in was ihr Gegensatz besteht, um uns dann mit guten Gründen
                    entscheiden zu können. Ihr werdet gleich sehen, dass es sich dabei
                    keineswegs bloß um eine theoretische Frage der Bibelerklärung handelt,
                    sondern um Fragen und Gegensätze, die auch im Leben der heutigen <term type="Sachen" key="Christentum, heutiges">Christenheit</term> und im
                    Herzen des einzelnen heutigen <term type="Sachen" key="Christen, heutige">Christen</term> immer wieder aktuell und brennend sind. Es ist freilich
                    wahr, dass gerade um diesen Punkt die christlichen <term type="Sachen" key="Theologen">Theologen</term> von Anfang an besonders eifrig
                    gestritten haben. Aber wenn ich euch das sage und wenn ihr es vielleicht
                    auch sonst schon gehört habt, dann soll euch das nicht abschrecken, vielmehr
                    euch aufmerksam machen darauf, dass es ein wichtiger Punkt ist. Wenn die
                        <term type="Sachen" key="Wahrheit, dieselbe für Theologen und andere Christen">Wahrheit</term> einmal aufhören sollte, dieselbe zu sein für die
                    Theologen und die andern Christen, dann wollen wir die Kirche zutun.</p>
                <p rend="margin-top">Auf den ersten Blick hört sich das, was <persName ref="kbga-actors-8959">
                            <hi rend="italic">Jakobus</hi></persName> über den <hi rend="italic">Glauben und die
                            <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">Werke</term></hi>
                    ausführt, ganz sympathisch und einleuchtend an. Seine Meinung darüber ist
                    kurz zusammengefasst die: Der Glaube allein könne den Menschen nicht retten,
                    d. h. nicht ins rechte, normale Verhältnis zu Gott bringen, könne seinem
                    innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> Kraft und
                    Frieden und Wert nicht geben. Ja, der Glaube allein sei tot an sich selbst.
                    Er sei, für sich allein betrachtet, nicht nur eine halbe Sache, sondern
                    vollständig nichtig und wertlos. Auch die <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term> glauben ja, dass es einen Gott gibt, aber dieser Glaube
                    muss sie eigentlich erst recht schaudern machen im Bewusstsein ihrer
                    Verworfenheit. Nun heiße es freilich im Alten <term type="Sachen" key="Altes Testament">Testament</term> von <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>: er glaubte Gott und <hi rend="italic">das</hi> wurde
                    ihm zur Gerechtigkeit angerechnet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.15.6">Gen. 15,6</ref>] und <hi rend="italic">deshalb</hi>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>wurde er Freund Gottes genannt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Chr.20.7">2.Chr. 20,7</ref>]. Aber das müsse man
                    recht <pb xml:id="p504" ed="pga"/> verstehen, meint Jakobus: in Wirklichkeit sei
                    er doch <hi rend="italic">nach seinen Werken gerecht gesprochen</hi>
                    <term type="Sachen" key="Werkgerechtigkeit">worden</term>, nämlich als er im
                    Gehorsam gegen Gott seinen Sohn <persName ref="kbga-actors-2198">Isaak</persName> zum Opfer brachte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.22.1 Gen.22.14">Gen. 22,1–14</ref>]. Und daraus sehe man,
                    fährt Jakobus mit einer leisen, nicht ganz logischen Korrektur des
                    Vorhergehenden fort, dass der Glaube <hi rend="italic">zusammenwirken</hi> müsse mit
                    den <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">Werken</term> und –
                    das ist schon wieder eine solche Verschiebung! – dass der Glaube
                    infolge der Werke seine Vollendung erreiche. Dasselbe sehe man aus einem
                    andern Beispiel aus dem Alten Testament (das uns freilich etwas sonderbar
                    anmutet): Von der Dirne <persName ref="kbga-actors-9285">Rahab</persName> wird
                    im Josuabuch erzählt [<ref type="can" subtype="bible" target="Jos.2.1 Jos.2.24">Jos. 2,1–24</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Jos.6.22 Jos.6.25">6,22–25</ref>], dass sie die
                    israelitischen Kundschafter in <placeName ref="kbga-places-1181">Jericho</placeName> aufnahm und vor ihren Landsleuten versteckte. Für diese
                    Tat wurde sie und ihre Familie später bei der Einnahme Jerichos verschont.
                    Daraus soll ersichtlich sein, dass sie <term type="Sachen" key="Rechtfertigung">gerechtfertigt</term> wurde, dass Gott sich ihrer
                    annahm um ihrer Werke willen und nicht etwa auf Grund ihres Glaubens allein.
                    Um diese seine Behauptung ganz deutlich zu machen, erläutert sie <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> durch zwei Gleichnisse; das
                    eine steht am Anfang des Abschnitts, das andre am Schluss. Wer einem Armen
                    bloß freundliche und fromme Worte gibt, ohne ihm durch die Tat zu helfen,
                    der hilft ihm im Grunde gar nicht. So sei der Glaube ohne Werke unfähig, dem
                    Menschen zu helfen. Und am Schluss wird der Glaube mit dem Leib, die Werke
                    mit dem Geist verglichen, und der Abschnitt schließt triumphierend: wie der
                    Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">Werke</term> tot.</p>
                <p>Ich sagte eben, das Alles töne aufs erste Anhören recht sympathisch, passe
                    scheinbar auch recht gut zu unsrer modernen Auffassung von der <term type="Sachen" key="Religion, moderne Auffassung">Religion</term>, kraft
                    derer man heutzutage an allen Ecken und Enden nach «Leben, <term type="Sachen" key="Leben, Ruf nach L.">Leben!»</term> ruft, d. h. doch
                    offenbar nach dem, was hier die «Werke» genannt ist<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Mskr.: «sind»; von den Hrsg. korrigiert.</note>, und kraft derer man jedenfalls von einem sogenannten «toten» oder
                    äußerlichen <term type="Sachen" key="Glaube, äußerlicher toter">Glauben</term> nichts wissen will. Wenn nur unsre moderne Auffassung
                    nicht manchmal so schrecklich <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> unklar wäre,
                    gerade so unklar wie die heutigen Sprüche des Jakobus, in denen Richtiges
                    und Unrichtiges zu einem fast unentwirrbaren Knäuel zusammengeballt sind.
                    Jakobus sagt nämlich über den Glauben und die Werke nebeneinander und
                    durcheinander dreierlei: zuerst, dass der Mensch nach seinen Werken gerecht
                    gesprochen <pb xml:id="p505" ed="pga"/> werde, dann, dass der Glaube mit den
                    Werken zu diesem Zweck zusammenwirken müsse, endlich, dass der Glaube
                    infolge der Werke seine Vollendung erreiche. Demgegenüber hat die Meinung
                    des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> jedenfalls einmal den
                    Vorzug der Klarheit und Deutlichkeit, denn da heißt es rund und unzweideutig
                    an allen Stellen aller seiner Briefe, dass der Mensch nicht durch die Werke
                    gerecht werde, sondern allein durch den <term type="Sachen" key="sola fide">Glauben</term>.</p>
                <p>Wer hat nun recht von Beiden? Um das auszumachen, müssen wir vorläufig zu
                    Jakobus zurückkehren und uns seine Ausführungen näher ansehen.</p>
                <p>Zuerst: Was ist das, wenn es hier und in der Bibel des Öftern heißt, dass der
                    Mensch von Gott <hi rend="italic">gerecht <term type="Sachen" key="Mensch, gerecht gesprochen von Gott">gesprochen</term></hi>
                    wird? Das ist so ein Ausdruck, der durch jahrhundertelangen Gebrauch
                    abgenutzt ist wie eine alte Münze, man spricht ihn aus, man hört ihn an,
                    ohne sich etwas Bestimmtes und Konkretes dabei zu denken. An diesem Zustand
                    sind erstens die schuld, die ihn gedankenlos oder doch ohne Gedanken zu
                    wecken gebraucht haben und gebrauchen, zweitens die, die ihm ebenso
                    gedankenlos aus dem Weg gehen. Beides muss anders werden. Sehen wir zu, ob
                    uns das möglich ist: Wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    und <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> und die Andern sagen,
                    der Mensch werde von Gott gerecht gesprochen, so meinen sie damit dasselbe:
                    Der Mensch komme ins rechte Verhältnis zu Gott, sein inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> werde in Einklang
                    gesetzt mit der obersten <term type="Sachen" key="Wahrheit, oberste">Wahrheit</term>, mit der obersten ewigen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, ewige">Gerechtigkeit</term>, die die
                        <hi rend="italic">wirkliche</hi> Lebensmacht ist, <hi rend="italic">ohne</hi> die der Mensch
                    unselig, <hi rend="italic">durch</hi> die der Mensch selig, frei, selber lebendig,
                    kurzum ein wirklicher <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, wirklicher">Mensch</term> werde im
                    Unterschied zu dem bloß vegetierenden Naturwesen. Und wie das näher zu
                    verstehen ist, können wir entnehmen aus dem, was vor 14 Tagen über das
                    Gericht <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gottes</term> gesagt
                    wurde, das wir durch das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> erfahren. Wir haben dort
                    gesehen, wie das Gesetz des Guten, das in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gesetz des Guten">Jesus</term> lebendig unter die
                    Menschen gekommen, nicht nur Gebot und Regel sein will für uns, nach der wir
                    uns zu richten haben, sondern wie es notwendig der Maßstab wird, an dem
                    gemessen es in unserm Leben zur Scheidung und <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> kommen muss, nach dem wir also
                    gerichtet werden. Da entscheidet sich die Frage, ob wir zu Gott gehören, ob
                    unser Leben Wert und Bestand hat, ob wir Menschen der Ewigkeit sein sollen.
                    Und wo dann einem Menschen gesagt wird und wo er das Urteil hört in seinem
                    Innern, von dem Jesus <pb xml:id="p506" ed="pga"/> dort geredet: Kommt her, ihr
                    Gesegneten meines Vaters! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.34">Mt. 25,34</ref>], da ist er <term type="Sachen" key="Rechtfertigung">gerechtfertigt</term> oder gerecht gesprochen von <term type="Sachen" key="Mensch, gerecht gesprochen von Gott">Gott</term>, der selbst die
                        <term type="Sachen" key="Gott, Güte">Güte</term> und <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> ist, er darf an seinem
                    Teil teilnehmen an der Seligkeit des ewigen <term type="Sachen" key="Gott, ewig">Gottes</term>, an der Wahrheit und Wirklichkeit und
                    Beständigkeit seines innern Wesens, wie es in jenem Gleichnis vom Gericht
                    heißt: ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.34">Mt. 25,34</ref>]. So
                    ist’s, wenn Gott gerecht spricht, und etwas Anderes, Höheres,
                    Bedeutenderes kann es doch wohl für unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> nicht geben, wenn es anders wahr ist,
                    dass dies innere Leben für Gott und sein <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Reich</term> geschaffen ist und dass es unruhig
                    bleibt, bis dass es ruhe in ihm.<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1312">
                                <persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>,
                            <hi rend="italic">Confessiones</hi> I, 1,1</bibl>; s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p422#fn_n12">S. 422, Anm. 12</ref>.</note>
                    </p>
                <p>Aber nun stehen wir vor der Frage: <hi rend="italic">wie kommt es dazu</hi>, dass ein
                    Mensch gerecht gesprochen werde? <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> antwortet: es kommt dazu durch die <hi rend="italic">Werke</hi>
                    des <term type="Sachen" key="Werkgerechtigkeit">Menschen</term>, d. h.
                    dadurch, dass er gute Handlungen tut wie z. B. <persName ref="kbga-actors-444">Abraham</persName>, der seinen Sohn opfern will, weil Gott es
                    fordert, oder die <persName ref="kbga-actors-9285">Rahab</persName>, die die
                    Kundschafter aufnimmt. Diese Antwort mag nun auf den ersten <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Blick aussehen wie die natürliche und richtige
                    Fortsetzung dessen, was vorher gesagt ist: So redet und so handelt als
                    Leute, die durch das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>
                    <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">gerichtet</term> werden sollen
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.12">Jak. 2,12</ref>], und es mag auf
                    den ersten Blick auch aussehen wie die natürliche und richtige Antwort
                    überhaupt. Ein Mensch wird dadurch vor Gott gerecht, dass er bestimmte Dinge
                    tut und lässt, dass er Werke tut, denn nach den Werken soll er ja von Gott
                    gerichtet werden.</p>
                <p>Aber dagegen erheben sich nun schwere Bedenken, und zwar Bedenken, die gerade
                    dann in uns erwachen müssen, wenn wir das, was Jakobus selbst vorher über
                    das Gesetz der Freiheit gesagt hat, gut erwogen und verstanden haben. Wir
                    sind dort darauf hinausgekommen, dass das Gesetz der Freiheit lautet: dein
                    innerster <hi rend="italic">Wille</hi> muss gut, du selbst musst gut sein, vorher hört
                    das Gesetz nicht auf, uns zu richten und zu verurteilen. Wie soll’s
                    nun zugehen, dass plötzlich doch wieder Alles auf die <hi rend="italic">Werke</hi>,
                    also auf die guten oder bösen Handlungen ankommen soll? Sofort müssen wir
                    uns an die bekannte Tatsache erinnern, dass Menschen gute <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term> tun können, z. B. Werke der
                    christlichen <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächstenliebe</term>,
                    an die Jakobus offenbar besonders <pb xml:id="p507" ed="pga"/> denkt, ohne dass
                    sie selbst gut sind im Sinne des Gesetzes der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>, an die Tatsache, dass auch
                    unsre besten, menschenfreundlichsten, allgemeinnützlichsten Handlungen nur
                    zu oft Motive haben, die mit dem grundguten Willen, der von uns gefordert
                    ist, ohne die geringste Beziehung sind. Und wir könnten weiter hinweisen auf
                    die katholische <term type="Sachen" key="Kirche, katholische">Kirche</term>,
                    wo die «guten Werke» zu einem großen, umständlichen Apparat geworden sind,
                    dessen man sich bedient, um der <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>, die vor Gott gilt, habhaft zu werden, wie man
                    sich an manchen Orten die Staatsbürgerrechte erwirbt durch braves
                    Steuerzahlen: je mehr Steuer, desto mehr Rechte. So grob hat nun <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> die Sache jedenfalls nicht
                    verstanden. Aber ebenso sicher ist, dass jene grobe katholische Lehre sich
                    mit ziemlich gutem Schein auf unsern <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Abschnitt
                    berufen kann. Jakobus ist missverstanden worden, aber er ist nicht ganz
                    unschuldig an dem Missverständnis. Seine Sätze, so wie sie dastehen, sind
                    unrichtig. Der ewige <term type="Sachen" key="Gott, ewiger Richter">Richter</term> hat tiefere und eindringendere Augen, als dass er sich
                    durch die Werke, die wir «gute» zu nennen gewohnt sind, beirren lassen würde
                    in der Frage, ob wir selbst gut und darum würdig seien der <term type="Sachen" key="Mensch, gerecht gesprochen von Gott">Gerechtsprechung</term> und der <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term>.</p>
                <p>Aber dieser Einwand ist nun noch nicht einmal der schwerwiegendste, den wir
                    gegen die Meinung des Jakobus erheben müssen. Er ist nämlich offenbar selbst
                    etwas unsicher gewesen in dieser Sache und drückt sich darum in einem andern
                    der verlesenen Verse etwas vorsichtiger aus, indem er sagt: der Mensch werde
                    gerecht gesprochen, indem der <hi rend="italic">Glaube</hi> mit den <hi rend="italic">Werken <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">zusammenwirke</term></hi>.
                    Aber ich habe schon gesagt: Die Logik dieser vorsichtigen Einschränkung ist
                    etwas zweifelhaft. Man fragt sich unwillkürlich, wozu denn da noch so etwas
                    Besonderes wie der Glaube mitwirken müsse, wenn doch die Werke für sich
                    allein schon genügten, den Menschen vor Gott gerecht zu machen. Es sieht
                    dann so aus, als wäre dieser Glaube ein mehr oder weniger entbehrliches
                    Supplement zu den guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werken</term>,
                    und es hat daraus – wieder nicht ohne einen gewissen Schein von
                    Berechtigung angesichts unsrer Stelle – die volkstümliche Phrase
                    entstehen können: «Tue recht und scheue niemand» sei das wahre <term type="Sachen" key="Christentum, wahres">Christentum</term>,<note xml:id="n06">Sprichwort, das sich bereits im 17. Jahrhundert
                        als eine von 100 «Lebensregeln» findet, «die jeder Christ, der sich des
                        heiligen Nachtmahls würdiglich gebraucht, zu sorgfältiger Fortsetzung
                        seines Glaubens und Lebens stets vor Augen haben muß»: «Fürchte Gott,
                        thue recht, scheue niemand – was kann dir der Staub thun?» (<bibl corresp="kbga-bibls-1672"><persName ref="kbga-actors-9003">J. Rittmeyer</persName>,
                            <hi rend="italic">Himmlisches Freudenmahl. Ein Communionbuch von J. Rittmeyer,
                            P. zu Helmstädt, † 1698</hi>, aufs neue hrsg. von T. Siegmund [=
                        Ph. Räthjen], Leipzig [1860]<hi rend="sup">2</hi>, S. 246.254</bibl>).Vgl. auch
                        <bibl corresp="kbga-bibls-846">Fr. <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName>,
                            <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, dritter Aufzug, erste Szene</bibl>: «Mir soll
                        sein böser Wille nicht viel schaden, / Ich tue recht, und scheue keinen
                        Feind.» – Noch in Genf entstand später: <bibl corresp="kbga-bibls-2731">K. Barth, <hi rend="italic">Tue recht
                            und scheue niemand! (Keine Abhandlung, aber sonst zum
                            Nachdenken)</hi>, in: Gemeinde-Blatt für die Deutsche reformierte
                        Gemeinde Genf, Jg. 7, Nr. 42 (9.3.1911), S. 1–3</bibl> (<bibl corresp="kbga-bibls-1673">V.u.kl.A.
                        1909–1914, <ref type="pub-" target="../volume/22/p288#p288">S. 288–292</ref></bibl>).</note> das Übrige, nämlich der
                        <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> sei für die Frauen und
                    die kleinen Kinder. |</p>
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p508" ed="pga"/>
                 Und ebenso unklar ist es, wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> gleich darauf den Gedanken noch einmal umbiegt und sagt:
                    der Glaube erreiche seine Vollendung infolge der <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">Werke</term>, und das sei nun der Grund zu des
                    Menschen <term type="Sachen" key="Rechtfertigung">Rechtfertigung</term>.
                    Denn das führt ebenso unvermeidlich zu der andern populären Ansicht, die
                        <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> gipfle in den Werken
                    der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächstenliebe</term> und <term type="Sachen" key="Gemeinnützigkeit">Gemeinnützigkeit</term>, und wer
                    solche Werke tue, <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> wer da irgendwie beteiligt
                    sei, habe umgekehrt die Religion nicht mehr nötig, die sei eben für die
                    Kinder, die zum Bravsein und zu guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werken»</term> erst erzogen werden müssen. Meine Freunde, wenn ich
                    diese bekannten Ansichten scharf ablehne, so tue ich es nicht, weil sie
                        <hi rend="italic">volkstümlich</hi>, sondern weil sie <hi rend="italic">falsch</hi> sind.
                    Und sie sind falsch, weil sie auf dem <hi rend="italic">katholischen</hi> Vorurteil
                    beruhen, ein guter Mensch sei schon der, der gute und nützliche Handlungen
                    und Werke tut, während die einfache Überlegung auf die radikale, unendliche
                    Bedeutung des Wortes «<hi rend="italic">gut</hi>» uns sagen müsste, dass da etwas ganz
                    Anderes gemeint sein müsse. Das aber ist gemeint, und das ist das Eine, was
                    nottut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>],
                    dass unser Wille, unser Innerstes gut werde. Wo das der Fall ist,
                        <hi rend="italic">da</hi> spricht Gott uns <term type="Sachen" key="Mensch, gerecht gesprochen von Gott">gerecht</term>, denn so
                    bestimmt er selbst sein <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term> im Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>. Gerade dadurch ist der
                    Protestantismus das Prinzip des <term type="Sachen" key="Protestantismus, Prinzip des Fortschritts">Fortschritts</term>
                    geworden für die <term type="Sachen" key="Völker">Völker</term> und für die
                    einzelnen Menschen,<note xml:id="n07">Vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2732">
                                <persName ref="kbga-actors-34">F. Chr. Baur</persName>,
                            <hi rend="italic">Der Gegensatz des Katholicismus und Protestantismus nach den
                            Principien und Hauptdogmen der beiden Lehrbegriffe. Mit besonderer
                            Rücksicht auf Herrn Dr. Möhler’s Symbolik</hi>, Tübingen
                        1836, S. 574</bibl>: «Von diesem Gesichtspunkt aus stellt sich hier ein
                        Gegensatz zweier Principien dar, zwischen welchen es kein mittleres
                        geben kann, weil jede Vermittlung und Ausgleichung nur auf eine
                        principlose Halbheit führen würde. Man kann sich nur zu dem einen oder
                        andern Princip bekennen, nur entweder zu dem Princip der Bewegung und
                        des Fortschritts, oder dem des Stillstands und Widerstands, […].
                        Was hilft es, das Großartige und Bedeutungsvolle der Reformation zwar
                        nicht verkennen zu wollen, aber doch zugleich zu gestehen, daß man in
                        dieser Anerkennung nur von einem tiefen bittern Schmerz sich verwundet
                        fühle?»</note> dass er dem Christen in seiner Stellung zu Gott eine Auf
                        <pb xml:id="p509" ed="pga"/> gabe angewiesen hat, die notwendig
                        <hi rend="italic">unendlich</hi> ist, dass er ihm gesagt hat, das, was vonnöten
                    ist, um vor Gott <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">gerecht</term> zu sein, das sind nicht deine Werke, sondern das ist
                    dein Wille. Und so ist <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName> Faust zweifellos der
                    echte Protestant, wenn er seinen berühmten Kontrakt mit dem Teufel so
                    abschließt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,</l>
                            <l>So sei es gleich um mich getan…</l>
                            <l>Werd ich zum Augenblicke sagen:</l>
                            <l>Verweile doch! du bist so schön!</l>
                            <l>Dann magst du mich in Fesseln schlagen,</l>
                            <l>Dann will ich gern zugrunde gehn.<note xml:id="n08">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                    V. 1692f.1699–1702 (Studierzimmer).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Denn sowie wir der Meinung sind, uns durch unsre guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term> mit Gott abfinden, die
                    Forderung des Gesetzes matt setzen zu können, sofort ist der Stillstand und
                    Rückschritt unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> da; mit andern Worten: sofort hat der <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term> das Spiel gewonnen.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Und diese fatale Situation wird nun um nichts
                    verbessert, wenn man wie <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    in unserm Text die Konzession macht, der <hi rend="italic">Glaube</hi> sei doch auch
                    eine gute Sache und könne wenigstens <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">mitwirken</term>. Andre werden wie gesagt der
                    Meinung sein, sie könnten dieser Mitwirkung auch entbehren, und ich wüsste
                    nicht, was ich an Stelle des Jakobus darauf antworten sollte. Für ihn ist
                    nämlich der Glaube auch so eine Art Werk, nur eins, das mit dem Gehirn getan
                    wird statt mit den Händen. Er führt selbst ein Beispiel an für das, was er
                    bei dem Wort «Glauben» denkt: <hi rend="italic">Du glaubst, dass ein einiger Gott
                        sei</hi>. Also: Das Dasein eines höchsten Wesens in der Welt annehmen,
                    das sei z. B. <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term>. Das Beispiel
                    passt uns gut: es gibt ja heute viele, deren angeblicher Glaube mit dieser
                    Annahme eines höchsten <term type="Sachen" key="Höchstes Wesen">Wesens</term> anfängt und aufhört. Es ist darauf in der Tat heute wie
                    damals zu antworten: Das <hi rend="italic">glauben die Teufel auch und schaudern</hi>.
                    Mit andern Worten: das verändert unsre Stellung zu Gott nicht im geringsten,
                    ob wir so freundlich sind, sein Dasein anzunehmen oder nicht.
                        <hi rend="italic">Der</hi> Glaube kann uns nicht retten, da hat Jakobus ganz
                    recht. Man muss aber noch weiter <pb xml:id="p510" ed="pga"/> gehen: Ebenso wenig
                    hilft es uns, wenn wir allerlei andre angeblich fromme <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, fromme Ideen">Ideen</term> annehmen, z. B. ein
                    jenseitiges <term type="Sachen" key="Leben, jenseitiges">Leben</term> mit
                    Lohn und Strafe oder was wir uns gern darüber denken, oder wenn wir Ideale
                    annehmen: das Schöne, das Wahre, das Gute,<note xml:id="n09">Zur
                        Verwendung dieser Trias als kultureller Leitidee im 18. und 19.
                        Jahrhundert vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p140#fn_n03">S. 140, Anm. 3</ref>.</note> den Tempel der Menschheit<note xml:id="n10">Die Arbeit am «Tempel der Menschheit» oder
                        «Tempel der Humanität» ist ein zentrales Motiv der <term type="Sachen" key="Freimaurer">Freimaurer</term>, die sich selbst als Bausteine
                        dazu verstehen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2733">
                                <persName ref="kbga-actors-9287">H. Reinalter</persName>, <hi rend="italic">Die Freimaurer</hi>, München 2010<hi rend="sup">6</hi>, S. 41</bibl>.</note> und dergleichen mehr. Und ebenso
                    wenig werden wir gerecht vor <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">Gott</term>, indem wir allerlei Lehren
                    annehmen, die man als christlich im engen Sinn betrachtet, Lehren über
                    Christus und sein Werk oder was immer ihr Inhalt sein mag. Das mag Alles
                    miteinander sehr schön sein, aber es hilft uns deswegen noch nicht, weil die
                    Sache genau die gleiche ist wie vorher bei den guten Werken. Es ist durchaus
                    möglich, dass einer alle diese Dinge annehme, ohne dass dadurch sein
                    innerster Wille verändert wird, auf den es in dem <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term> durch das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> ankommt. Es
                    steht mit beiden, <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> mit den guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werken</term>
                    <hi rend="italic">und</hi> mit den guten <term type="Sachen" key="Lehre, Glaubenslehre">Glaubenslehren</term> so wie mit der
                    bekannten Haartracht früherer Jahrhunderte:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Setz dir <hi rend="italic">Perücken</hi> auf von Millionen Locken</l>
                            <l>Du bleibst doch, der du bist!<note xml:id="n11">Vgl.
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                    V. 1807–1809 (Studierzimmer)</bibl>: 
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, </l>
                                              <l>Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, </l>
                                              <l>Du bleibst doch immer, was du bist.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Gott durchschaut die guten <term type="Sachen" key="Gute Werke">Werke</term>, die wir tun, und die frommen <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, fromme Ideen">Ideen</term>, die wir
                    annehmen, aber er beurteilt uns weder nach dem einen noch dem andern,
                    sondern nach dem, was dahinter und darunter ist.</p>
                <p> So steht es mit unsrer Gerechtigkeit vor <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">Gott</term>; aber wenn es so steht, dann
                    muss es uns schwer auf die Seele fallen, wenn wir aufrichtig sind: Es ist
                    hier kein Unterschied, wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes,
                    den wir vor Gott haben sollten [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref>]. Wo ist der Ausweg, nachdem uns die Wege und Auswege,
                    die <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> empfiehlt, als
                    Illusionswege versperrt sind?</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p511" ed="pga"/> Nun ist es Zeit, uns zu <persName ref="kbga-actors-313">
                            <hi rend="italic">Paulus</hi></persName> zu wenden und zu seiner Meinung, dass
                    der Mensch gerecht werde <hi rend="italic">allein durch den <term type="Sachen" key="sola fide">Glauben</term></hi>. Sofort muss nun die
                    Hauptsache festgestellt werden: Der <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>, von dem Paulus redet, ist von dem Glauben, den Jakobus
                    meint, so verschieden als der Himmel von der Erde. Dass der Mensch nicht
                    gerecht werde durch Annahme frommer Ideen und gläubiger Gedanken, dass das
                    an dem Wert oder Unwert seines innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> nichts zu verändern vermöge, damit
                    wäre Paulus ganz einverstanden gewesen. Aber er hätte das nicht Glauben
                    genannt, und es ist vielleicht die fatalste Seite an jenem Abschnitt des
                    Jakobus, dass darin etwas als Glaube bezeichnet wird, was nach des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> eigener sonstiger
                    Anschauung mit dem rechten Glauben noch gar nichts zu tun hat. Denn auf
                    Grund dieses Abschnitts hat man sich angewöhnt, den Glauben als ein Werk des
                    Gehirns zu betrachten, das dann für klar denkende Leute neben den Werken der
                    Hände notwendig in das Gerücht einer gewissen Überflüssigkeit kam.
                    Merkwürdig, wie tief dieser Irrtum eingewurzelt ist, der Glaube sei ein
                    frommer Gedanke und das sei <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term>, <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> dass man solche Gedanken
                    habe. So habe ich neulich sogar in dem Werk eines der hervorragendsten
                    Philosophen der Gegenwart die schiefe Behauptung gelesen, der Glaube oder
                    die Gesinnung, von der in der christlichen Religion die Rede sei, sei ein
                    bloßer <term type="Sachen" key="Glaube, bloßer Gedanke">Gedanke</term>.<note xml:id="n12">Barth hatte gerade im Juni 1910, so ist es im
                        Buch vermerkt, <persName ref="kbga-actors-81">Hermann Cohens</persName> «Ethik» bekommen. Dort heißt es: «So lässt es sich
                        verstehen, dass man zu allen Zeiten Gott als die sittliche Urmacht
                        gedacht hat; als die Macht und Kraft der Sittlichkeit. […] Besser
                        als die Macht des Guten dürfte der Ausdruck <hi rend="italic">der Sieg des
                            Guten</hi> sein für diese praktische Bedeutung der Gottesidee.
                        […] Sollte man an unserer Sprache Etwas vermissen, wenn wir Gott
                        eine Idee nennen, und zwar das <hi rend="italic">Centrum aller Ideen, die Idee der
                            Wahrheit?</hi> […] Der Satz: <hi rend="italic">Gott ist Geist</hi>
                        hat nur darin einen ethischen Wert, dass er den Gedanken vorbereitet:
                            <hi rend="italic">Gott ist Idee</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-2734"><persName ref="kbga-actors-81">H. Cohen</persName>, <hi rend="italic">Ethik des reinen
                            Willens</hi>, Berlin 1904, S. 427–429</bibl>). Vgl. auch ders., <bibl corresp="kbga-bibls-2735">
                                <hi rend="italic">Religion
                            und Sittlichkeit. Eine Betrachtung zur Grundlegung der
                            Religionsphilosophie</hi>, Berlin 1907,
                        S. 33–36.56f</bibl>.</note> Wenn das des Paulus Meinung gewesen wäre,
                    würde er schwerlich immer wieder gesagt haben, der Mensch werde gerecht
                    allein durch den <term type="Sachen" key="sola fide">Glauben</term>; denn
                    das wusste er auch, dass fromme <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, fromme Gedanken">Gedanken</term> und die
                    Gerechtigkeit, die vor Gott <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit vor Gott">gilt</term>, ganz verschiedene Dinge sind.</p>
                <p> Sondern wenn wir den <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>, den
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> meint, d. h. den
                    rechten christlichen Glauben verstehen wollen, müssen wir uns erinnern, <pb xml:id="p512" ed="pga"/> dass dabei <hi rend="italic">nie</hi> an etwas Anderes gedacht
                    ist als an den <hi rend="italic">Glauben an Jesus <term type="Sachen" key="Glaube, an Jesus Christus">Christus</term></hi>. Was heißt
                    das und wie geht das zu, wenn einer an Christus glaubt? Heißt das, dass er
                    sich entschließt anzunehmen, Christus sei Gottes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sohn Gottes">Sohn</term> gewesen, habe Wunder
                    getan, sei für unsre Sünden gestorben, sei auferstanden, zum Himmel
                    gefahren? Das Alles ist schön und gut, aber es hilft uns noch gar nichts,
                    das anzunehmen. Hunderte und Tausende haben es getan, ohne die Gerechtigkeit
                        <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term> zu haben,
                    die von uns gefordert ist. Das wäre wieder der Jakobusglaube, der uns in der
                    Tat nicht retten kann. In einem alten Büchlein aus dem 17. Jahrhundert lese
                    ich folgende Verse:</p>
            
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren</l>
                            <l>Und nicht <hi rend="italic">in dir</hi>; du bleibst doch ewiglich
                                verloren.</l>
                            <l>Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,</l>
                            <l>Wo es nicht auch <hi rend="italic">in dir</hi> wird aufgericht’t,
                                erlösen.</l>
                            <l>Ich sag, es hilft dir nicht, dass Christus auferstanden.</l>
                            <l>Wo <hi rend="italic">du</hi> noch liegen bleibst in Sünd’ und
                                    Todesbanden.<note xml:id="n13">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1544">
                                        <hi rend="italic">Des <persName ref="kbga-actors-864">Angelus Silesius</persName> Cherubinischer Wandersmann</hi>, nach der Ausgabe letzter
                                    Hand von 1675 vollständig hrsg. und eingeleitet von W.
                                    Bölsche, Jena / Leipzig 1905, S. 9f. (Erstes Buch,
                                    Nr. 61–63)</bibl>; vgl. oben, S. <ref type="pub" target="../volume/53/p485#fn_n03">485f., Anm. 3</ref>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Nun sind wir auf dem Wege, das Eine zu verstehen, auf das es
                    ankommt. Uns ist das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>,
                    die frohe Botschaft verkündigt, dass Einer über diese Erde gegangen ist als
                    ein Mensch wie <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> wir, der das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>, das Gesetz des
                    grundguten Willens nicht nur gekannt hat, sondern erfüllt.
                        <hi rend="italic">Anders</hi>, höher als sein Leben können wir uns ein
                        <hi rend="italic">gutes</hi> Leben <hi rend="italic">nicht</hi> denken. Denn wir sehen in
                    diesem Leben, so wenig uns davon bekannt ist, Alles das vereinigt und
                    beschlossen, was in uns selbst vereinigt und beschlossen sein müsste, wenn
                    wir wären, wie wir sollten. Es ist ein Geheimnis und doch ein offenes
                    Geheimnis. Es liegt für uns dies Leben im Schatten einer fernen
                    Vergangenheit, und doch kann es und will es strahlende Gegenwart werden
                    – <hi rend="italic">in dir</hi>. Denn Christus lebt und er will <hi rend="italic">leben in
                            <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebt und will leben in uns">dir</term></hi>.</p>
                <p>Wenn Christus in uns anfängt zu leben, wenn er Gestalt und Wesen annimmt in
                    uns, das ist der Beginn des christlichen <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Glaubens</term>. Und wenn das mit uns
                    geschieht, dann sind wir gerecht vor Gott, denn dann dürfen wir teilnehmen
                    an dem Wohlgefallen Gottes, das auf <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wohlgefallen Gottes">Jesus</term> ruhte, als er
                    noch unter den Menschen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">wandelte</term>. Und wir wollen
                        <pb xml:id="p513" ed="pga"/> ihn uns recht kindlich und einfach denken, diesen
                    Vorgang, da unsre Herzen aufgehen im Vertrauen und im Gehorsam gegen den
                    allmächtigen Gott, der so gewaltig hoch über uns und unsern Kleinlichkeiten
                    steht und dem es doch nicht zu gering ist, uns menschlich nahe zu treten,
                    damit wir göttlich würden. Wie er zu den Fischern und Zöllnern von
                        <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> getreten ist mit
                    einem schlichten Wort und einer schlichten Gebärde, wie er über den
                    Lebensweg des <persName ref="kbga-actors-313">Saulus</persName> von Tarsus
                    gegangen ist, so kommt er zu uns, die wir andre Wege gehen als die Wege der
                    Gerechtigkeit <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gottes</term>.
                    Und er fragt uns wie jenen: Warum verfolgst du mich? [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.4">Act. 9,4</ref>] und an die Frage schließt
                    sich die Aufforderung: Folge du mir nach! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.22">Joh. 21,22</ref>]</p>
                <p>Wenn wir gelernt haben, die Augen niederzuschlagen bei jener Frage, und wenn
                    wir, wenn auch noch so zaghaft: Ja, Herr, sagen bei jener Aufforderung, das
                    ist der Anfang des christlichen Glaubens. Mehr braucht es nicht. Jesus hat
                    von den Seinigen nicht verlangt, dass sie dies und das tun, dies und das
                    annehmen sollten, sondern <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> dass sie ihm
                    nachfolgten und gesinnt würden wie er war. Allein das. Der Mensch wird
                    gerecht allein durch den <term type="Sachen" key="sola fide">Glauben</term>.
                    Brauche ich noch erst zu sagen, dass zu dem rechten Glauben, der in der
                    vertrauensvollen und gehorsamen <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu besteht, das rechte Leben nicht erst hinzukommen
                    muss als ein zweites, was auch nötig ist? Der rechte Glaube <hi rend="italic">ist</hi>
                    das rechte Leben. Ein <term type="Sachen" key="Glaube, tätig durch die Liebe">Glaube</term>, der nicht durch die
                    Liebe tätig ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.6">Gal. 5,6</ref>], wäre gar nicht Glaube. Denn der Gott, dem wir im Glauben
                    an Jesus angehören, ist der Gott der <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>, und das sind seine Gläubigen, die Liebe weitergeben, weil
                    sie Liebe empfangen haben.</p>
                <p>Aber wenn sie so in Christus die Gerechtigkeit Gottes empfangen und
                    weitergeben dürfen, so ist das nicht ihr Werk, sondern Gottes <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term>. Denn der Friede
                    Gottes ist höher als alle Vernunft [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.7">Phil. 4,7</ref>], und seine <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> ist seine <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term>.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                    </div>
                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                            <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-53">Nr. 40: «Gott des Himmels und der Erden» von <persName ref="kbga-actors-8754">H. Albert</persName>, Strophen
                            1–3 (RG 566; EG 445 [mit geringen Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-220">
                            <pb xml:id="p514" ed="pga" rend="noPipe"/>
                        Nr. 224: «Such, wer da will, ein ander Ziel» von <persName ref="kbga-actors-1415">G. Weissel</persName>,
                            Strophen 1.2.3 und 4 (RG 276; EG 346 [mit geringen
                            Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstexte:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.21 Röm.3.28">Römer 3,21–28</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1 Röm.5.5">5,1–5</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
