Predigt Nr. 42 · 19. Juni 1910

Predigt: Jakobus 2,8-13 (III)

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42
Jakobus 2,8–131 (III)
Meine Freunde!

Die letzten Sätze des Textabschnitts, der uns heute zum dritten Mal vorliegt, enthalten die wichtigsten und ausschlaggebendsten Gedanken über das Gesetz der Freiheit, und unsre Betrachtungen über diesen Gegenstand wären darum lückenhaft und missverständlich, würden wir diesen letzten Sätzen nicht eine besondere und eingehende Überlegung zuteilwerden lassen. Wenn wir das vorletzte Mal von der Art des Gesetzes der Freiheit und das letzte Mal vom Charakter unsres Gehorsams gegen dies Gesetz geredet haben, so liegt uns heute ob, uns über das Gericht und Urteil zu besinnen, die Gott unsrem Gehorsam oder Ungehorsam diesem Gesetz gegenüber zuteilwerden lässt. Banal gesprochen könnte man sagen, dass es sich heute um die Folgen des guten oder bösen Wollens handelt, nachdem wir uns das letzte Mal über seine Ursachen klar geworden sind. Aber wir wollen diese Ausdrücke «Ursache» und «Folge» doch lieber bei Seite lassen auf diesem Gebiet, denn wenn wir’s genau nehmen, werden wir sagen müssen, dass a-Gottes Urteil keineswegs hinter unserm Handeln herkommt-a wie die Folge hinter der Ursache. Denn Gott ist gegenwärtig,2 und wir können auch nicht das Geringste reden und handeln, wir können auch nicht den kleinsten Bruchteil unsres Lebens zubringen, ohne dass dadurch sofort unser Verhältnis zu diesem gegenwärtigen und lebendigen Gott bestimmt und verändert würde im Guten oder im Bösen.

Es ist kein Vor noch Nach: was morgen soll geschehn,
Hat Gott von Ewigkeit schon wesentlich gesehn.3

486 So ist auch Gottes Urteil, das uns gerecht oder schuldig spricht, in jedem Augenblick unsres Redens, Denkens und Handelns bereits da. Wir können es keinen Augenblick aufschieben, dies Urteil in Empfang zu nehmen. Es ist gewaltig und erschütternd vorhanden, eben weil es das Urteil der Ewigkeit ist. «Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Unterwelt, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten» [Ps. 139,7–10]. Und wenn Schiller gesagt hat:

Die Weltgeschichte ist das Weltgericht,4

so gilt dasselbe vom Leben jedes einzelnen Menschen. Unsre Lebensgeschichte ist unser Lebensgericht. Da mögen wir wohl angesichts des Ernstes und der Tragweite dieser Gedanken ausrufen wie dort der Psalmsänger: «Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen» [Ps. 139,6]. Es entspricht das nur der Sache, um die es sich handelt: Es sind Gedanken, die wir nicht erkennen, sondern nur anerkennen können als Erkenntnisse, die uns in der Tat zu hoch sind, weil sie letzte und ewige Wahrheit sind.

Darum ist aber die Frage nach Gottes Urteil über unser Handeln keine andre als die Frage nach dem Ewigen, Wesentlichen, Giltigen in unserm Wollen und Handeln. Je nachdem es beschaffen ist, je nachdem spricht Gott uns gerecht oder schuldig. Wir können aber das Gesetz der Freiheit, von dem unser Text handelt, nicht verstehen, wenn wir uns nicht klar sind eben darüber, dass Gottes ewiges und giltiges Urteil über uns und unser Tun vorhanden ist und dass wir |487 diesem Urteil an keinem Ort und in keinem Augenblick ausweichen oder entgehen können. Allzu leicht schleicht sich nämlich, wenn von der Freiheit die Rede ist, der Irrtum ein, als ob der Mensch mit seinen augenblicklichen Einfällen und Stimmungen das Maß aller Dinge,5 als ob er sein eigener Richter, als ob das gut und erlaubt sei, was ihm gefalle.6 Ich glaube, ich sei bereits in den beiden letzten Predigten deutlich genug gewesen, um diesen Irrtum auszuschalten, aber es muss heute nun auch noch ausdrücklichst die andere Seite der Sache konstatiert sein: Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. Denn diese andre Seite erst macht uns aufmerksam auf den tiefen Ernst der Situation, in der wir uns befinden. Da wandern wir unsern Weg in dieser Zeit, einen Schritt nach dem andern. Sieh wohl zu, lieber Freund, wie du deine Schritte setzest, nicht sorglos und nicht willkürlich, denn es gleicht deine Wanderung der des Reiters auf dem vereisten Bodensee.7 Das Erdreich, auf dem du wanderst, diese Zeit mit ihren Bedürfnissen und Angelegenheiten und Stimmungen, sie ist scheinbar und vergänglich. Dahinter, darüber, darunter ist die Ewigkeit verborgen. Die Ewigkeit aber kann für dich ewiger, wesentlicher, definitiver Gewinn werden oder aber ewiger, wesentlicher, definitiver Verlust, ewige Auferstehung oder ewiger Tod, wie die Bibel das nennt und in den glühenden Farben alter Zeiten beschreibt [vgl. Apk. 20,10; 21,8; 22,1–5]. Ob sie dir das eine oder das andere wird, das hängt ab von deiner Stellung zum Gesetz, zum königlichen Gesetz der Freiheit. Darum rede und handle als einer, der durch dies Gesetz gerichtet wird.

488 Das will aber ein für allemal sagen: Der freie Gehorsam gegen das freie Gesetz, den wir die letzten Male betrachtet haben, ist nie und nimmer so zu verstehen, als sei es unserm Belieben und Gefallen anheimgegeben, zu tun und zu lassen, was allerlei Gefühle und Stimmungen uns anbefehlen, sondern das Gesetz steht in ganzer Majestät über uns, über unsrem subjektiven Wesen, es ragt herein aus dem Jenseits in unser kleines Diesseits, aus der Welt der Wahrheit in die Welt des Scheins. Und nicht der Mensch, sondern Gott ist das Maß aller Dinge, Gott, wie er im Gesetz der Freiheit zum Menschen redet.

Ich sagte: Diese Seite der Sache ist bestimmt, uns den Ernst unsrer Situation klar zu machen, weil sie uns nachdrücklichst die Brücke zeigt, die von der Zeit in die Ewigkeit führt, zum ewigen Leben oder zum ewigen Tode. Ich weiß, dass die Gedanken der Bibel über das Gericht heutzutage den eindringlichen Klang, den sie in früheren Zeiten hatten, vielfach verloren haben. Allein das spricht durchaus nicht gegen ihre Wahrheit, sondern nur dafür, dass wir in manchem Betracht in einer seichten, untiefen Zeit leben, in einer Welt der Scheinbildung und Oberflächenkultur, die das Unterscheidungsvermögen verloren hat für Zeit und Ewigkeit, für Vergängliches und Unvergängliches.

Eine Hymne ist uns erhalten aus dem Mittelalter, aus einer Zeit, in der gewaltige Katastrophen des äußern Lebens der Menschheit jenes Unterscheidungsvermögen wachhielten. Wer sie einmal etwa in der Komposition von Mozart oder Schumann8 gehört hat, wird die Wucht und Wahrheit ihres Inhalts nicht vergessen können. Dies irae, dies illa fängt ihr lateinischer Text an:

   

Tag des Zornes, da die Welt
Endet und in Nichts zerfällt,
Da Gott schreitet zum Gericht,
Da ins Dunkle strahlt das Licht
Rachehell dem Bösewicht –
Was soll denn ich Sünder sagen,
489 Welchen Geist um Hilfe fragen,
Da Gerechte selbst verzagen?9

Es verhält sich vielleicht so, wie einsichtige Männer schon gemeint haben, dass die Menschheit wieder durch Katastrophen des äußern Lebens hindurchgehen muss, um der Tatsache ansichtig zu werden, dass im innern Leben eine Krisis, eine Unterscheidung vorhanden ist, dass im königlichen Gesetz der Freiheit Gottes Urteil da ist, durch das er uns gerecht spricht oder schuldig – und würdig zum Leben oder zum Tode.

Von dieser Krisis ist nun zu reden.

Wenn ein Mensch bei sich selbst einkehrt zu ernster Selbstprüfung, sei es, dass er das aus eigenem innern Drang und Einsicht tut, sei es, dass er durch andre oder durch seine Lebensumstände dazu getrieben wird, dann will das heißen, dass in ihm die Frage erwacht: was sind die Gründe meines Handelns und Redens, nicht nur die offenen, sondern erst recht die verborgenen. Solche Nachforschung ist seit den Tagen des Sokrates der königliche Weg zur Wahrheit gewesen, denn so gewiss unsre Handlungen und Worte Offenbarungen sind unsres innern Wesens, so gewiss sind wir auf dem Wege, dieses unser Inneres zu erkennen,10 wenn wir begonnen haben, den Gründen unsrer Handlungen und Worte aufrichtig nachzuspüren. Tun wir das, nicht nur einmal, sondern immer wieder, haben wir gemerkt, dass wir uns erst durch solche Nachforschung über die Stufe des besinnungslosen Tieres erheben, dann entrollt sich vor unserm innern Auge ein wunder|490licher und schmerzlicher Vorgang. Da überblicken wir in langer Reihe, mehr oder weniger deutlich unsre Gedanken und Gewohnheiten, unsre Ideen und Gefühle, unsre Triebe und Motive, aus denen sich unser inneres Leben zusammensetzt. Für andre ist dies wallende, wogende Meer unsres Innern notwendig ein Geheimnis, auch für uns selbst ist es das bis dahin gewesen, aber das hört auf, sobald einmal gleich einem chemischen Scheidemittel die Fragen: Woher? Wohin? hineingeworfen sind. Denn dem verborgenen Chaos unsres Innern stehen unsre Handlungen und Worte gegenüber, mit denen wir täglich und stündlich aus uns heraustreten, durch die wir unser äußeres Leben bestimmen und einrichten, durch die wir auch ins Leben der Andern eingreifen. Diese unsere Handlungen und Worte unterliegen eben darum auch dem Urteil der Andern, die Mitmenschen nennen sie gut oder böse und ziehen aus diesem Urteil so oder so Schlüsse auf uns selbst, auf das Ich, auf den Menschen, aus dem sieb hervorgegangen sind. In dieser Beurteilung, die wir uns von den Andern gefallen lassen müssen, erfahren wir also bereits gewissermaßen ein Gericht über uns selbst, wir fühlen uns bereits gerecht oder schuldig gesprochen. Aber dies Gericht ist noch nicht das Gericht durch das Gesetz der Freiheit, von dem wir reden wollen. Denn bei dem Urteil, das Andre über uns fällen, behalten wir uns unwillkürlich immer vor, ihnen recht zu geben oder auch nicht. Manchmal müssen wir uns sagen, dass sie mit ihrem Urteil über uns den Nagel besser auf den Kopf getroffen haben, als wir’s selbst je gekonnt hätten; sehr oft steht’s aber auch so, dass ihr Urteil über uns vollständig daneben geht und dass es uns ist, als redeten sie über irgend einen Andern, nicht über uns. Manchmal beurteilen sie uns als besser, als wir tatsächlich sind, manchmal wohl auch als schlechter, aber ich meine auf alle Fälle: wehe dem Menschen, der es bei dem Urteil und Gericht der andern Menschen bewenden lässt. Denn die andern Menschen können im Guten und im Bösen nur unsre Handlungen und Worte sehen und hören und danach mit kleinerer oder größerer Wahrscheinlichkeit ihr Urteil über uns fällen. Dagegen kann es nur jedes Menschen eigene Sache sein, den Wurzeln seiner Handlungen und Worte nachzugehen bis auf ihren Ursprung in |491 jenem Labyrinth des Innenlebens. Die Momente aber, wo es uns gelingt, in irgend einer Richtung schonungslos die Wurzeln unsres Wesens aufzudecken, das sind die großen Momente unsres Lebens, da wir, abgewandt von allem äußern Schein, der Wahrheit auf den Grund kommen. Es sind Momente, die herrlich sind und tiefschmerzlich zugleich. Herrlich, weil da das ewig verhüllte Bild von Saïs, von dem die Sage des Altertums erzählt,11 unsrem Auge sichtbar wird; und worin dies Ereignis besteht, hat ein Denker vor 100 Jahren zutreffend so beschrieben:

Einem gelang es, er hob den Schleier der Göttin von Saïs.
Und was sah er, er sah, Wunder des Wunders, sich selbst.12

Aber tiefschmerzlich sind diese Momente, weil die erkannte Wahrheit, so sie wahrhaftig erkannt ist, uns zur Krisis wird, weil wir da mit mathematischer Notwendigkeit zu der Einsicht geführt werden, dass wir nicht sind, was wir sein sollten. Denn es kann sich bei solcher Erkenntnis, die den Menschen auf den verborgenen Grund seiner selbst führt, nicht mehr um die Frage handeln, ob seine Handlungen und Worte gut oder böse und von den andern Menschen mit einem dieser Stempel versehen sind. Sondern das ist die Frage, wie er selbst, wie sein Wille, wie seine Persönlichkeit beschaffen ist, er selbst, der jene Handlungen getan, jene Worte gesprochen. Das ist die kritische Frage nach den Gründen unsres Handelns und Redens, und in der Antwort auf diese Frage empfangen wir das Gericht und Urteil – nicht der Menschen, nicht unsrer selbst – sondern das Urteil Gottes über uns, Gottes, der im Gesetz der Freiheit zu uns redet und durch das Gesetz der Freiheit uns richtet.

Das geht so zu: Wir besinnen uns: warum habe ich das damals getan oder gesagt? c-oder: warum will ich das jetzt tun oder sagen?-c Dann |492 schnellt aus unserm Innern sofort eine Antwort hervor, ein Motiv oder mehrere, die sich vielleicht als Räsonnement durchaus gut und tüchtig anhören und auch den Nebenmenschen oder doch den Meisten Eindruck machen. Umso vorsichtiger wollen wir sein, wenn es uns um die Wahrheit zu tun ist. Istd denn auch das Motiv, das wir da so verständig räsonnierend uns selbst und den Andern vorbringen, das letzte, eigentliche Motiv? Oder iste noch eins dahinter, das wir lieber nicht vorbringen oder nur verschämt und beiläufig, weil wir den Eindruck haben, dass es eigentlich nicht gelten dürfte? Lieber Freund, damit bist du noch nicht aufrichtig, wenn du für dein Tun einen guten, tüchtigen Grund vorbringst, auch dann nicht, wenn du von seiner Giltigkeit überzeugt bist. Sondern die Aufrichtigkeit, die allein zur Wahrheit führt, fängt an bei der Erforschung der Nebengründe. Denn nicht wahr, das kennen wir alle, wie oft diese scheinbaren Nebengründe tatsächlich das Gewicht sind, die unserm sogenannten Hauptgrund Kraft und Wirksamkeit geben, die es nachher zur Handlung und zum Wort kommen lassen. Gerade diesem eigentlich Wirksamen in uns müssen wir aber nachspüren, die Darlegung unsrer Räsonnements kann uns, auch dann, wenn sie an sich gut und richtig sind, von der Hauptfrage nur ablenken. Denn vor dem Richterstuhl Gottes sind wir nicht gefragt, ob unsre Gründe gut, sondern ob wir selbst gut, ob das eigentlich Wirksame in uns, ob unser Wille gut ist.

Und da liegt nun der Tatbestand offen genug vor für den, der sich selber kennt, dass unser Wille im Grunde mit ganz andern Dingen beschäftigt ist als mit dem Gehorsam gegen das Gesetz des Guten, auch dann, wenn unsre Handlungen und Worte scheinbar zu den guten gehören oder zu den vielen, von denen wir annehmen, dass sie zu den gleichgiltigen zu rechnen seien. Wir haben uns das letzte Mal mit diesem Tatbestand in einem andern Zusammenhang bereits ausführlich beschäftigt. Es bleibt uns nur noch, uns zu besinnen, was denn die Art jenes unsres eigentlichen und wirksamen Willens sei, der in dem verborgenen Untergrund der Seele das Regiment führt und von dem unsre Handlungen und Worte nur Zeugen sind, aber nicht immer unfehlbare f-und unverdächtige-f Zeugen. Ich will seine Art mit einem |493 Wort bezeichnen, das jedem verständlich sein wird, und nenne sie Eigennutz. Darin ist Alles enthalten, was seinen Charakter ausmacht. |

Erstens nämlich besteht dieser Wille, aus dem jene Nebengründe unsrer Handlungen und Worte hervorwachsen, darin, dass der Mensch an sich selbst denkt. Das ist ein unmittelbarer Instinkt, den wir mit dem Tiere gemein haben. Wir haben darum das unmittelbare Gefühl, dass wir als Menschen uns seiner zu schämen haben, und darum verstecken wir ihn, wenigstens die meisten Menschen. Der Grieche Aristoteles nannte den Menschen ein geselliges Wesen13 und wollte damit sagen, seine geistige Anlage weise ihn unmittelbar und notwendig auf die Andern, auf die Gemeinsamkeit hin. Aber eben gegen diese geistige Anlage revoltiert nun jener verborgene Wille in uns, und die Tatsache, dass wir uns dieser Revolution schämen, beweist nur, dass wir wissen, dass sie tatsächlich die Herrschaft in uns hat, dass wir tatsächlich unsre Befriedigung keineswegs in der Erfüllung jener geistigen Anlage suchen, sondern in der Erfüllung jenes andern natürlichen Triebes, der nichts weiß vom Nebenmenschen, sondern nur vom Ich. |

Und das andre Merkmal des Willens, der uns eigentlich und wirksam beherrscht, besteht darin, dass er auf den Nutzen aus ist. Auch das ist ein tierischer Trieb. Der Nutzen ist notwendig immer etwas Beschränktes. Wir nennen etwas nützlich, wenn wir davon hoffen, dass es uns irgend eine bestimmte Annehmlichkeit verschafft. Wenn wir also etwas wollen, weil es uns nützlich ist, so ist damit gesagt, dass unser Wille und unser Handeln zu Ende ist, sobald wir jene Annehmlichkeit genossen haben. Dagegen werdet ihr mir wieder unmittelbar recht geben können, wenn ich meine, dass wir uns nach unsrer geistigen Anlage nicht damit zufrieden geben können, dass unser Wille sich auf irgend eine Annehmlichkeit richte, um sich, wenn sie erreicht und genossen ist, zur Ruhe zu setzen wie ein Rentier, der nichts mehr zu tun hat. Sondern es wohnt dem rechten geistigen Willen etwas Unendliches und Ewiges inne, das gelten muss, auch wenn von Nutzen oder Annehmlichkeit keine Rede ist. Aber wieder werden wir uns sagen müssen, sofern wir ehrlich sind, dass das instinktive Verlangen |494 nach Nutzen und Annehmlichkeit in unserm Willen überwiegt und uns tatsächlich beherrscht. |

Nehmen wir die beiden Triebe, die ich nannte, zusammen, so haben wir eben das, was ich als Eigennutz bezeichnete, vor uns. Das ist unser Wille, unser eigentlicher Wille, meine Freunde! Ich weiß wohl, dass er nur bei wenigen Menschen ungescheut und mit Händen greifbar ans Tageslicht tritt, bei den allermeisten ist er verborgen unter allerlei freundlichen und schönen Hüllen. Und wie viele sind nicht einmal vor sich selbst klar geworden über den fatalen Tatbestand ihres innern Lebens. Aber das ändert nichts daran, dass er da ist.

Und nun ist’s dieser Eigennutz, der sich aus den tierischen Trieben des Menschen zusammensetzt, der gerichtet wird durch das Gesetz der Freiheit, und in diesem Gericht empfangen wir das Urteil Gottes über uns. Denn jene geistige Anlage in uns, von der ich redete, die unser Denken und unsern Willen hinweist auf die andern Menschen und die unbedingt und ewig gelten will, sie besteht in unserm Innern als der unerbittliche Ankläger gegen unsern Egoismus und gegen unsre Nützlichkeitskrämerei, gleichviel ob wir beides im Großen oder im Kleinen, offen oder geheim treiben. In unserm Innern entsteht dann der Widerstreit und Konflikt der Empfindungen und Stimmungen, das Fragen unsres Gewissens und das Antworten unsrer Gründe und Nebengründe, die wir vor uns selbst und den Andern vorbringen. Und das, was da die Anklage und den Widerstreit so peinlich und unerbittlich macht, das ist, dass da zwei Gegner sich messen, die eigentlich bestimmt wären, sich in tiefster Einheit miteinander zu verbinden, nämlich die ewige und giltige göttliche Wahrheit im Gesetz der Freiheit und die Menschenseele, das Ich, das sich auf die Seite der tierischen Triebe geschlagen hat. Hier die Majestät des allgegenwärtigen Gottes, dessen Stimme sich kein Mensch entziehen kann, dort der kleine Mensch, der sich dieser Stimme entziehen möchte trotz Allem. Ihr werdet mir recht geben, wenn ich sage, dass wir in diesem Widerstreit und Widerstand Gottes Gericht an uns erfahren im tiefsten Sinn des Wortes. Denn es handelt sich dabei nicht um eine vergängliche, unangenehme Empfindung, die uns beschwerlich wird, sondern um das unvergängliche Bewusstsein des Getrenntseins von Gott, vom Leben, und dieses Bewusstsein richtet und vernichtet uns. Indem der Eigennutzen unsres Willens Gesetz ist, |495 verurteilt uns das Gesetz der Freiheit zur Unfreiheit, zur Beschränktheit. Indem wir das nicht sein wollen, was wir sein sollten, wird uns erschreckend klar, dass das, was wir sind, ewiger Tod bedeutet. Wer dürfte es wagen, sich von diesem Gericht und Urteil selbst freizusprechen?

Da Gerechte selbst verzagen,
Was soll denn ich Sünder sagen?14

Aber dabei dürfen wir nun nicht stehen bleiben. In diesem Sinn konnten auch die Männer des Alten Testaments und die griechischen Philosophen vom Gericht durch das Gesetz der Freiheit reden, und sie haben es getan. Damit ist nichts gegen die Richtigkeit der ausgesprochenen Gedanken gesagt, im Gegenteil: das beweist, dass sie innerlich notwendig und allgemeinmenschlich sind. Jakobus selbst hat sie sehr wahrscheinlich von den griechischen Philosophen übernommen und beweist damit, dass er der Ansicht war, die wir auch kräftig unterstreichen wollen, dass die Wahrheit eine und dieselbe ist, innerhalb und außerhalb des Neuen Testaments, aber mit dem Unterschied, dass das, was bei den Juden und Griechen Schattenbild15 und Weissagung war, in Jesus Christus wirksame Erfüllung und Lebenskraft geworden ist. Unter diesem Gesichtspunkt muss nun unser Gegenstand noch betrachtet werden. Der Text leitet uns dazu an, indem er fortfährt und schließt: Das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der nicht Barmherzigkeit tut. Barmherzigkeit aber besteht freudig vor Gericht. Mit diesem Gedanken der Barmherzigkeit, den wir nicht in dem oberflächlichen Sinn von «Mitleid» verstehen müssen, sondern in dem tiefern von Liebe, tritt nun die Krisis, von der die Rede war, in eine ganz neue Beleuchtung, und es wird eben damit aufs Deutlichste der Ausweg aufgetan, der von der Krisis zum Leben führt. Es ist hier nämlich unzweifelhaft von Jesus die Rede und von seiner Bedeutung für das Gericht Gottes, unter dem wir stehen. Sein Name wird nicht genannt, wir könnten auch dem Beispiel des Jakobus folgen und ihn ebenfalls nicht nennen; aber ich glaube, wenn uns Jakobus selbst hier seinen Text ausführlicher darlegen würde, so würde er schon um der Deutlichkeit willen den Namen dessen nicht auslassen, der das Gesetz |496 der Freiheit und die Liebe nicht nur gehabt hat mehr oder weniger, sondern der Beides gewesen ist. An der Sache selbst wird dadurch nichts geändert. Er redet so oder so als Jünger Jesu.

Wenn Jakobus hier die Barmherzigkeit oder die Liebe aufrichtet als das Zeichen, an dem sich die Geister scheiden zum Guten oder zum Bösen im Urteil Gottes, dann sagt er damit genau und mit allen Konsequenzen dasselbe, was Paulus so ausdrückt: «Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.» [2.Kor. 5,10] Und es ist wieder und noch deutlicher dieselbe Sache, die Jesus selbst in der bekannten Gleichnisrede geschildert hat, in der davon die Rede ist, wie des Menschen Sohn die Völker und Menschen scheidet, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, die einen zur Rechten, die andern zur Linken, und wie von da die Ungerechten in die ewige Pein gehen, die Gerechten aber in das ewige Leben [vgl. Mt. 25,31–46]. Der Richter ist Christus, und das Gesetz, nach dem er richtet, ist die Liebe, ist sein eigenstes Wesen: Was ihr getan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern – im Guten oder im Bösen – das habt ihr mir getan [Mt. 25,40]. Das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der nicht Barmherzigkeit tutg, Barmherzigkeit aber besteht freudig vor Gericht. Denn die Barmherzigkeit oder die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung [Röm. 13,10]. Sie besteht eben darin, dass die geistige Anlage des menschlichen Willens, die Anlage zur Gemeinschaft und zur Gemeinsamkeit Gegenwart und Wahrheit ist, dass der Mensch nicht mehr auf Seiten des Eigennutzes, sondern auf Seiten des majestätischen Gottes steht, dass das Gesetz nicht mehr als ein fremdes Gut in seinem Leben steht, sondern sein persönlichstes Eigentum wird, mit einem Wort: dass der Mensch nicht mehr sagen muss: ich soll, sondern: ich darf. Das ist die Erfüllung des Gesetzes der Freiheit, so war Jesus im tiefsten Grund seiner einzigartigen Person, und darum fällt Gottes Urteil über uns danach aus, wie wir zu Jesus stehen, und das heißt höchst schlicht und undogmatisch und gemeinverständlich: ob wir gesinnt sind, wie Jesus Christus auch war [Phil. 2,5]. In dieser Erkenntnis treffen sich die verschiedenen Gedanken über das Gericht Gottes, denen wir im Neuen Testament begegnen, |497 und es wohnt ihnen eben deshalb eine Realität und Greifbarkeit und durchschlagende Kraft inne, wie sie die Gedanken der Philosophen und Propheten nicht hatten, aus dem einfachen Grund, weil sie Jesus noch nicht gekannt haben. Ihr erinnert euch auch der anschaulichen Bilder aus alter und neuer Zeit, die Christus darstellen als den Weltenrichter, der über den Wolken thronend am Ende der Zeiten den Menschen das Urteil spricht. Es kommt nicht darauf an, dass wir uns diesen Vorgang so vorstellen, wie die Propheten und Dichter und Maler ihn in kühner Phantasie dargestellt haben, aber es kommt sehr viel, Alles darauf an, dass wir die Wahrheit, die sie aussprechen wollten, nicht verwässern mit unsern Unklarheiten und Schwächlichkeiten, die Wahrheit, dass wir durch Christus und in Christus unser Urteil empfangen.

Aber wenn diese Wahrheit den Sinn hat, das Gesetz, dem unser Wille unterworfen sein soll, noch einmal in erdrückender Hoheit vor uns aufzurichten, so dürfen und wollen wir es im Anschluss an unsern Text nicht unterlassen, dem die andre Seite gegenüberzustellen, die uns die Wahrheit, dass Christus unser Richter ist, zeigt als das Evangelium, als die frohe Botschaft, die uns nicht zu erdrücken, sondern zu befreien bestimmt ist. Jakobus legt zwar an dieser Stelle und in seinem ganzen Brief den Nachdruck zweifellos auf jene andre Seite, und ihr werdet schon gemerkt haben, dass ich auch geneigt bin, den Ton auf die andre Seite der christlichen Wahrheiten, auf das Sollen, auf die Aufgaben, die sie uns stellen, zu legen. Aber nur in dem Sinn, dass ich auf dem Gebiet des innern Lebens keine Gaben sehen kann, aus denen nicht sofort wieder Aufgaben werden müssen, kein Dürfen, das nicht sofort wieder ein neues Sollen kennt, weil mir das innere Wandern und Werden vor Anderm unentbehrlich und grundlegend scheint für eine gesunde Frömmigkeit. Damit soll aber unverkannt sein, und Jakobus wäre gewiss auch der Meinung gewesen, wenn wir mit ihm verhandeln könnten, dass das, was von uns gefordert wird, uns geschenkt ist, nicht nur stückweise, sondern ganz.

So gilt es auch von der Wahrheit, dass Christus, das lebendig gewordene Gesetz der Freiheit, unser Richter ist: sie ist Gesetz und Evangelium miteinander. Denn die große Liebe, die sein innerstes Wesen war, ist wohl unserm Wesen gegenüber ein unerreichbar hohes Ideal, durch das wir uns auf den ersten Blick nur noch schärfer verur|498teilt, tiefer gedemütigt fühlen. Aber nun wird es uns wunderbarer Weise aus seinem ganzen Leben und Sterben deutlich, dass es Liebe zu den Sündern war, was ihn erfüllt und bewegt hat. Der Anblick seiner Art lässt es uns tiefer empfinden als je, dass wir nicht sind, was wir sein sollten, aber dann hat er gerade wieder gesagt, dass die Gesunden des Arztes nicht bedürften, sondern die Kranken [vgl. Lk. 5,31]. Und so ist das wohl das Evangelium im Gesetz der Freiheit, das auch Jakobus andeutet: Wer sich aufrichtig und demütig unter das Gericht der Barmherzigkeit stellt, dem widerfährt Barmherzigkeit. Das ist der Gedanke des Paulus, bei dem wir schon am Schluss der letzten Predigt auf anderm Wege angelangt sind, dass der Richter den aufrichtigen Sünder rechtfertigt, dass er ihm sagt: du darfst nun gerecht werden, du darfst nun ein neues Leben leben trotz der großen, schweren Schuld des Eigennutzes, die bis jetzt auf dir lag. Die soll dir abgenommen sein, du sollst nun ein neuer Mensch sein, aber das Sollen ist nun Dürfen geworden.

Wir wollen mit diesem Ausblick von unserm Gegenstand für diesmal Abschied nehmen. Gottes freundliche Lebensführung aber wolle jedes von uns das Gesetz und das Evangelium der Freiheit erkennen und erleben lassen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von Chr. Knorr von Rosenroth, Strophen 1–3 (RG 572; EG 450). 🎵
  • Nr. 174: «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen, Strophen 1.4.5 und 6–8 (RG 162,1.3–7; EG 165,1.4–8 [je mit Textabweichungen]). 🎵
Lesungstext:
  • Psalm 139.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «die Handlungen und Worte».↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «War».↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «war».↩
f-f
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩
g
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩

Sachfußnoten

1
Predigttext: s. oben, S. 454.↩
2
Titel des im Gottesdienst gesungenen Liedes von G. Tersteegen (s. unten, Lieder).↩
3
Des Angelus Silesius Cherubinischer Wandersmann, nach der Ausgabe letzter Hand von 1675 vollständig hrsg. und eingeleitet von W. Bölsche, Jena / Leipzig 1905, S. 65 (Anderes Buch, Nr. 182). 📖 – Barth erhielt sein Exemplar, in dem dieser Vers am Rand markiert ist, im Mai 1910 «von den Konfirmanden» geschenkt.↩
4
Aus der vorletzten Strophe des Gedichts «Resignation. Eine Phantasie» von Fr. Schiller (Erstdruck 1786; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 130–133, dort S. 132f.) 📖:
Wer dieser Blumen eine brach, begehre
Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre
Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.
↩
5
Vgl. Platon, Theaitetos, 152α 📖: «φησὶ γάρ που πάντων χρημάτων μέτρον᾽ ἄνθρωπον εἶναι».↩
6
Vgl. J. W. von Goethe, Torquato Tasso, zweiter Akt, erster Auftritt (Hamburger Ausgabe, Bd. 5, S. 100) 📖:
Die goldne Zeit wohin ist sie geflohn?
Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt!
[…]
Wo jeder Vogel in der freien Luft
Und jedes Tier, durch Berg und Täler schweifend
Zum Menschen sprach: Erlaubt ist was gefällt.
↩
7
«Der Reiter und der Bodensee» ist eine Ballade von Gustav Schwab (ders., Gedichte, Bd. 1, Stuttgart / Tübingen 1826, S. 364–366) 📖. Mit «Ritt über den Bodensee» wird aufgrund dieser Ballade eine risikoreiche Handlung bezeichnet, deren Verwegenheit dem Handelnden erst im Nachhinein mit Schrecken bewusst wird; vgl. Büchmann, S. 78 📖.↩
8
W. A. Mozart, Requiem (1791), KV 626 📖; R. Schumann, Requiem (komp. 1852, veröffentl. 1864), op. 148 📖.↩
9
Barth übersetzt den Text der mittelalterlichen Hymne, der traditionell Thomas von Celano (um 1190–1260) zugeschrieben wird, in der Form, in der er in Latein sich bei J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 3798f.3813–15.3825–3827 (Dom) 📖, findet. Die – vom Faust-Text leicht abweichende – lateinische Fassung ist im Mskr., mit einer eckigen Klammer versehen, neben die deutsche Übersetzung geschrieben:
Dies irae Dies illa / Solvet saeclum in favilla.
Judex ergo cum sedebit, / Quidquid latet apparebit,
Nil inultum remanebit. / Quid tunc miser sum dicturus?
Quem patronum rogaturus? / Cum vix justus sit securus.
↩
10
Barth hatte Sokrates auch in seinem Konfirmandenunterricht als einen «Lehrer der Selbsterkenntnis» vorgestellt (Konfirmandenunterricht 1909–1921, S. 123 📖).↩
11
Gemeint ist eine der Sage nach verhüllte Götterstatue der Isis bzw. der Göttin zu Saïs in Ägypten. Nach Plutarch, Über Isis und Osiris, 9 📖, trug sie folgende Inschrift: «ἐγώ εἰμι πᾶν τὸ γεγονὸς καὶ ὂν καὶ ἐσόμενον, καὶ τὸν ἐμὸν πέπλον οὐδείς πω θνητὸς ἀπεκάλυψεν» («ich bin das All, das Vergangene Gegenwärtige und Zukünftige, meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet»).↩
12
Fragment aus dem Anhang zum Roman «Die Lehrlinge zu Saïs» (Novalis’ ausgewählte Werke in drei Bänden, hrsg. von W. Bölsche, Bd. 3: Fragmente, Leipzig [1908], S. 95). 📖 ↩
13
Die Bestimmung des Menschen als «ζῷον πολιτικόν» findet sich in: Aristoteles, Politica I, 1253a 📖.↩
14
Vgl. oben, bei Anm. 9.↩
15
Anspielung auf Platons «Höhlengleichnis»; vgl. oben, S. 155, Anm. 5.↩