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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 42</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 2,8-13 (III)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 2,8-13 (III), 19. Juni 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53044 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53044</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 42: Predigt: Jakobus 2,8-13 (III)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">44</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 2,8-13 (III), 19. Juni 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1485">KBA 1020</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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      <creation>
        <date type="creation" when="1910-06-19">19. Juni 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>42</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-06-19">Sonntag, den
                            19. Juni 1910</date> <date rend="right">(4. nach Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.8 Jak.2.13">Jakobus 2,8–13<note xml:id="n01">Predigttext: s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p454#p454">S. 454</ref>.</note>
                            </ref> <span>
                                <idno>III</idno>
                            </span>
                        </cit>
                    </epigraph>
              
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Die letzten Sätze des Textabschnitts, der uns heute zum dritten Mal vorliegt,
                    enthalten die wichtigsten und ausschlaggebendsten Gedanken über das Gesetz
                    der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>, und
                    unsre Betrachtungen über diesen Gegenstand wären darum lückenhaft und
                    missverständlich, würden wir diesen letzten Sätzen nicht eine besondere und
                    eingehende Überlegung zuteilwerden lassen. Wenn wir das vorletzte Mal von
                    der Art des Gesetzes der Freiheit und das letzte Mal vom Charakter unsres
                        <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsams</term> gegen dies Gesetz
                    geredet haben, so liegt uns heute ob, uns über <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/>
                    das <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term> und Urteil
                    zu besinnen, die <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Gott</term>
                    unsrem Gehorsam oder Ungehorsam diesem Gesetz gegenüber zuteilwerden lässt.
                    Banal gesprochen könnte man sagen, dass es sich heute um die
                        <hi rend="italic">Folgen</hi> des <term type="Sachen" key="Mensch, gutes Wollen">guten</term> oder bösen <term type="Sachen" key="Mensch, böses Wollen">Wollens</term> handelt, nachdem wir uns das letzte Mal über seine
                        <hi rend="italic">Ursachen</hi> klar geworden sind. Aber wir wollen diese
                    Ausdrücke «Ursache» und «Folge» doch lieber bei Seite lassen auf diesem
                    Gebiet, denn wenn wir’s genau nehmen, werden wir sagen müssen, dass
                        <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>Gottes Urteil keineswegs hinter unserm Handeln
                        herkommt<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     wie die Folge hinter der Ursache. Denn Gott ist <term type="Sachen" key="Gott, gegenwärtiger">gegenwärtig</term>,<note xml:id="n02">Titel des im Gottesdienst gesungenen Liedes von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (s.
                        unten, Lieder).</note> und wir können auch nicht das Geringste reden und
                    handeln, wir können auch nicht den kleinsten Bruchteil unsres Lebens
                    zubringen, ohne dass dadurch <hi rend="italic">sofort</hi> unser Verhältnis zu diesem
                    gegenwärtigen und lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> bestimmt und verändert würde im Guten oder im Bösen.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                <l>Es ist kein Vor noch Nach: was morgen soll geschehn,</l>
                <l>Hat Gott von Ewigkeit schon wesentlich gesehn.<note xml:id="n03">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1544">
                                        <hi rend="italic">Des Angelus Silesius Cherubinischer Wandersmann</hi>, nach der Ausgabe letzter Hand von 1675
                        vollständig hrsg. und eingeleitet von W. Bölsche, Jena / Leipzig 1905,
                        S. 65 (Anderes Buch, Nr. 182).</bibl> – Barth erhielt sein Exemplar, in
                        dem dieser Vers am Rand markiert ist, im Mai 1910 «von den Konfirmanden»
                        geschenkt.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p rend="margin-top">
                        <pb rend="noPipe" xml:id="p486" ed="pga"/> So ist auch Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Urteil</term>, das uns gerecht oder schuldig
                    spricht, in jedem Augenblick unsres Redens, Denkens und Handelns bereits da.
                    Wir können es keinen Augenblick aufschieben, dies Urteil in Empfang zu
                    nehmen. Es ist gewaltig und erschütternd <hi rend="italic">vorhanden</hi>, eben weil
                    es das Urteil der <term type="Sachen" key="Ewigkeit">
                            <hi rend="italic">Ewigkeit</hi></term> ist. «Wo soll ich hingehen vor deinem
                    Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen
                    Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Unterwelt, siehe, so bist du
                    auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so
                    würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten»
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.7 Ps.139.10">Ps. 139,7–10</ref>]. Und wenn <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> gesagt hat:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Die <term type="Sachen" key="Geschichte, Weltgeschichte ist Weltgericht">Welt<hi rend="italic">geschichte</hi></term> ist das
                                    Welt<hi rend="italic">gericht</hi>,<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1343">Aus
                                    der vorletzten Strophe des Gedichts «Resignation. Eine
                                    Phantasie» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck
                                    1786; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 130–133, dort S. 132f.)</bibl>:
                                        <q rend="block">
                                            <lg>
                                              <l>Wer dieser Blumen eine brach, begehre </l>
                                              <l>Die andre Schwester nicht. </l>
                                              <l>Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre </l>
                                              <l>Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann,
                                              entbehre. </l>
                                              <l>Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.</l>
                                            </lg>
                                    </q>
                                </note>
                                    </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">so gilt dasselbe vom Leben jedes einzelnen Menschen. Unsre
                        Lebens<hi rend="italic">geschichte</hi> ist unser <term type="Sachen" key="Leben, Lebensgeschichte ist Lebensgericht">Lebens<hi rend="italic">gericht</hi></term>. Da mögen wir wohl <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> angesichts des Ernstes und der Tragweite dieser
                    Gedanken ausrufen wie dort der Psalmsänger: «Solche Erkenntnis ist mir zu
                    wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen» 
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139.6">Ps. 139,6</ref>]. Es entspricht das nur
                    der Sache, um die es sich handelt: Es sind Gedanken, die wir nicht
                        <hi rend="italic">er</hi>kennen, sondern nur <hi rend="italic">aner</hi>kennen können als
                    Erkenntnisse, die uns in der Tat zu hoch sind, weil sie letzte und ewige
                    Wahrheit sind.</p>
                <p> Darum ist aber die Frage nach Gottes Urteil über unser <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Handeln</term> keine andre als die Frage
                    nach dem Ewigen, Wesentlichen, Giltigen in unserm Wollen und Handeln. Je
                    nachdem es beschaffen ist, je nachdem spricht Gott uns gerecht oder
                    schuldig. Wir können aber das <hi rend="italic">Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term></hi>, von dem unser
                    Text handelt, nicht verstehen, wenn wir uns nicht klar sind eben darüber,
                    dass Gottes ewiges und giltiges Urteil über uns und unser Tun vorhanden ist
                    und dass wir <pb xml:id="p487" ed="pga"/> diesem Urteil an keinem Ort und in
                    keinem Augenblick ausweichen oder entgehen können. Allzu leicht schleicht
                    sich nämlich, wenn von der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> die Rede ist, der <term type="Sachen" key="Freiheit, Irrtum menschlicher Beliebigkeit">Irrtum</term> ein, als
                    ob der Mensch mit seinen augenblicklichen Einfällen und <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term> das Maß aller Dinge,<note xml:id="n05">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1825">
                                <persName ref="kbga-actors-322">Platon</persName>, <hi rend="italic">Theaitetos</hi>, 152<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">α</foreign></bibl>: «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">φησὶ γάρ
                            που πάντων χρημάτων μέτρον᾽ ἄνθρωπον εἶναι</foreign>».</note> als ob
                    er sein eigener Richter, als ob das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">gut</term> und erlaubt sei, was ihm gefalle.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-833">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Torquato
                            Tasso</hi>, zweiter Akt, erster Auftritt (Hamburger Ausgabe,
                        Bd. 5, S. 100)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Die goldne Zeit wohin ist sie geflohn? </l>
                                    <l>Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt! </l>
                                    <l>[…] </l>
                                    <l>Wo jeder Vogel in der freien Luft </l>
                                    <l>Und jedes Tier, durch Berg und Täler schweifend </l>
                                    <l>Zum Menschen sprach: Erlaubt ist was gefällt.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> Ich glaube, ich sei bereits in den beiden letzten
                    Predigten deutlich genug gewesen, um diesen Irrtum auszuschalten, aber es
                    muss heute nun auch noch ausdrücklichst die andere Seite der Sache
                    konstatiert sein: <hi rend="italic">Das Gesetz nur</hi> kann uns <term type="Sachen" key="Freiheit, nur das Gesetz kann Fr. geben">Freiheit</term> geben.
                    Denn diese andre Seite erst macht uns aufmerksam auf den tiefen Ernst der
                    Situation, in der wir uns befinden. Da wandern wir unsern Weg in dieser
                    Zeit, einen Schritt nach dem andern. Sieh wohl zu, lieber Freund, wie du
                    deine Schritte setzest, nicht sorglos und nicht willkürlich, denn es gleicht
                    deine Wanderung der des Reiters auf dem vereisten Bodensee.<note xml:id="n07">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1588">«Der Reiter und der Bodensee» ist eine Ballade
                        von <persName ref="kbga-actors-2501">Gustav Schwab</persName>
                        (ders., <hi rend="italic">Gedichte</hi>, Bd. 1, Stuttgart / Tübingen 1826,
                        S. 364–366)</bibl>. Mit «Ritt über den Bodensee» wird aufgrund dieser
                        Ballade eine risikoreiche Handlung bezeichnet, deren Verwegenheit dem
                        Handelnden erst im Nachhinein mit Schrecken bewusst wird; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann, S. 78</bibl>.</note>
                    Das Erdreich, auf dem du wanderst, <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> diese <term type="Sachen" key="Zeit, vergänglich">Zeit</term> mit ihren Bedürfnissen
                    und Angelegenheiten und Stimmungen, sie ist scheinbar und vergänglich.
                    Dahinter, darüber, darunter ist die Ewigkeit verborgen. Die <term type="Sachen" key="Ewigkeit">Ewigkeit</term> aber kann für dich ewiger,
                    wesentlicher, definitiver Gewinn werden oder aber ewiger, wesentlicher,
                    definitiver Verlust, ewige <term type="Sachen" key="Auferstehung">Auferstehung</term> oder ewiger <term type="Sachen" key="Tod, ewiger">Tod</term>, wie die Bibel das nennt und in den glühenden Farben alter
                    Zeiten beschreibt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.10">Apk. 20,10</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.8">21,8</ref>;
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.1 Apk.22.5">22,1–5</ref>]. Ob sie dir das eine oder das andere wird, das hängt
                    ab von deiner Stellung zum Gesetz, zum königlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term> der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>. Darum rede und handle als
                    einer, der durch dies Gesetz <hi rend="italic">gerichtet</hi> wird.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p488" ed="pga"/> Das will aber ein für allemal sagen: Der freie <term type="Sachen" key="Gehorsam, freier">Gehorsam</term> gegen das freie Gesetz, den wir
                    die letzten Male betrachtet haben, ist nie und nimmer so zu verstehen, als
                    sei es unserm Belieben und Gefallen anheimgegeben, zu tun und zu lassen, was
                    allerlei Gefühle und Stimmungen uns anbefehlen, sondern das <term type="Sachen" key="Gesetz, Majestät">Gesetz</term> steht in ganzer
                    Majestät <hi rend="italic">über</hi> uns, <hi rend="italic">über</hi> unsrem subjektiven Wesen,
                    es ragt herein aus dem <term type="Sachen" key="Jenseits">Jenseits</term> in
                    unser kleines <term type="Sachen" key="Diesseits, unser kleines">Diesseits</term>, aus der <term type="Sachen" key="Welt, jenseitige W. der Wahrheit">Welt</term> der Wahrheit in die
                        <term type="Sachen" key="Welt, diesseitige W. des Scheins">Welt</term>
                    des Scheins. Und nicht der Mensch, sondern Gott ist das Maß aller <term type="Sachen" key="Gott, Maß aller Dinge">Dinge</term>, Gott, wie er im
                    Gesetz der Freiheit zum Menschen redet.</p>
                <p>Ich sagte: Diese Seite der Sache ist bestimmt, uns den Ernst unsrer Situation
                    klar zu machen, weil sie uns nachdrücklichst die Brücke zeigt, die von der
                    Zeit in die Ewigkeit führt, zum ewigen <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> oder zum ewigen <term type="Sachen" key="Tod, ewiger">Tode</term>. Ich weiß, dass die Gedanken der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> über das <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term> heutzutage den
                    eindringlichen Klang, den sie in früheren Zeiten hatten, vielfach verloren
                    haben. Allein das spricht durchaus nicht gegen ihre Wahrheit, sondern nur
                    dafür, dass wir in manchem Betracht in einer seichten, untiefen Zeit leben,
                    in einer Welt der Scheinbildung und Oberflächenkultur, die das
                    Unterscheidungsvermögen verloren hat für Zeit und Ewigkeit, für
                    Vergängliches und Unvergängliches.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Eine Hymne ist uns erhalten aus dem Mittelalter,
                    aus einer Zeit, in der gewaltige Katastrophen des äußern Lebens der
                    Menschheit jenes Unterscheidungsvermögen wachhielten. Wer sie einmal etwa in
                    der Komposition von <persName ref="kbga-actors-281">Mozart</persName> oder <persName ref="kbga-actors-9284">Schumann</persName><note xml:id="n08">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2725">
                                <persName ref="kbga-actors-281">W. A. Mozart</persName>,
                            <hi rend="italic">Requiem</hi> (1791), KV 626</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2726">
                                <persName ref="kbga-actors-9284">R. Schumann</persName>, <hi rend="italic">Requiem</hi> (komp.
                        1852, veröffentl. 1864), op. 148</bibl>.</note> gehört hat, wird die Wucht und
                    Wahrheit ihres Inhalts nicht vergessen können. Dies irae, dies illa fängt
                    ihr lateinischer Text an:</p>
                <p>   </p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Tag des Zornes, da die Welt</l>
                            <l>Endet und in Nichts zerfällt,</l>
                            <l>Da Gott schreitet zum Gericht,</l>
                            <l>Da ins Dunkle strahlt das Licht</l>
                            <l>Rachehell dem Bösewicht –</l>
                            <l>Was soll denn ich Sünder sagen,</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p489" ed="pga"/> Welchen Geist um Hilfe fragen,</l>
                            <l>Da Gerechte selbst verzagen?<note xml:id="n09">Barth
                                    übersetzt den Text der mittelalterlichen Hymne, der
                                    traditionell <persName ref="kbga-actors-3737">Thomas von Celano</persName> (um
                                    1190–1260) zugeschrieben wird, in der Form, in der er
                                    in Latein sich bei <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                    V. 3798f.3813–15.3825–3827 (Dom)</bibl>, findet. Die
                                    – vom Faust-Text leicht abweichende –
                                    lateinische Fassung ist im Mskr., mit einer eckigen Klammer
                                    versehen, neben die deutsche Übersetzung geschrieben:
                                    <q rend="block">
                                        <lg>
                                    <l>Dies irae Dies illa / Solvet saeclum in favilla.</l>
                                    <l>Judex ergo cum sedebit, / Quidquid latet apparebit,</l>
                                    <l>Nil inultum remanebit. / Quid tunc miser sum dicturus?</l>
                                    <l>Quem patronum rogaturus? / Cum vix justus sit
                                    securus.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Es verhält sich vielleicht so, wie einsichtige Männer schon
                    gemeint haben, dass die <term type="Sachen" key="Menschheit">Menschheit</term> wieder durch Katastrophen des äußern <term type="Sachen" key="Leben, Katastrophen des äußeren L.">Lebens</term>
                    hindurchgehen muss, um der Tatsache ansichtig zu werden, dass im innern
                        <term type="Sachen" key="Leben, Krisis des inneren L.">Leben</term> eine
                    Krisis, eine Unterscheidung vorhanden ist, dass im königlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term> der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Urteil</term> da ist, durch
                    das er uns gerecht spricht oder schuldig – und würdig zum Leben oder
                    zum Tode.</p>
                <p> Von dieser <term type="Sachen" key="Krisis">Krisis</term> ist nun zu
                    reden.</p>
                <p rend="margin-top">Wenn ein Mensch bei sich selbst einkehrt zu ernster <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstprüfung">
                            <hi rend="italic">Selbstprüfung</hi></term>, sei es, dass er das aus eigenem
                    innern Drang und Einsicht tut, sei es, dass er durch andre oder durch seine
                    Lebensumstände dazu getrieben wird, dann will das heißen, dass in ihm die
                    Frage erwacht: was sind die <hi rend="italic">Gründe</hi> meines <term type="Sachen" key="Handeln, Gründe">Handelns</term> und <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Gründe">Redens</term>, nicht nur die offenen,
                    sondern erst recht die verborgenen. Solche Nachforschung ist seit den Tagen
                    des <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>der königliche Weg zur Wahrheit gewesen, denn so
                    gewiss unsre Handlungen und Worte Offenbarungen sind unsres innern Wesens,
                    so gewiss sind wir auf dem Wege, dieses unser Inneres zu erkennen,<note xml:id="n10">Barth hatte <persName ref="kbga-actors-777">Sokrates</persName> auch in seinem Konfirmandenunterricht
                        als einen «Lehrer der Selbsterkenntnis» vorgestellt
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-1641">Konfirmandenunterricht 1909–1921, S. 123</bibl>).</note> wenn wir
                    begonnen haben, den Gründen unsrer Handlungen und Worte aufrichtig
                    nachzuspüren. Tun wir das, nicht nur einmal, sondern immer wieder, haben wir
                    gemerkt, dass wir uns erst durch solche Nachforschung über die Stufe des
                    besinnungslosen Tieres erheben, dann entrollt sich vor unserm innern Auge
                    ein wunder<pb xml:id="p490" ed="pga" break="no"/>licher und schmerzlicher Vorgang. Da
                    überblicken wir in langer Reihe, mehr oder weniger deutlich unsre Gedanken
                    und Gewohnheiten, unsre Ideen und Gefühle, unsre Triebe und Motive, aus
                    denen sich unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> zusammensetzt. Für andre ist dies wallende, wogende Meer
                    unsres Innern notwendig ein Geheimnis, auch für uns selbst ist es das bis
                    dahin gewesen, aber das hört auf, sobald einmal gleich einem chemischen
                    Scheidemittel die Fragen: Woher? Wohin? hineingeworfen sind. Denn dem
                    verborgenen Chaos unsres <term type="Sachen" key="Mensch, Chaos seines Inneren">Innern</term> stehen unsre <term type="Sachen" key="Handeln">Handlungen</term> und <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Worte</term> gegenüber, mit denen wir täglich
                    und stündlich aus uns heraustreten, durch die wir unser äußeres Leben
                    bestimmen und einrichten, durch die wir auch ins Leben der Andern
                    eingreifen. Diese unsere <term type="Sachen" key="Handeln, unterliegt dem Urteil anderer">Handlungen</term> und <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, unterliegt dem Urteil anderer">Worte</term> unterliegen eben darum auch dem Urteil der
                        <hi rend="italic">Andern</hi>, die Mitmenschen nennen sie gut oder böse und ziehen
                    aus diesem Urteil so oder so Schlüsse auf uns selbst, auf das Ich, auf den
                    Menschen, aus dem sie<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «die
                            Handlungen und Worte».</note>
                     hervorgegangen sind. In dieser Beurteilung, die wir uns von den
                    Andern gefallen lassen müssen, erfahren wir also bereits gewissermaßen ein
                        <term type="Sachen" key="Gericht, Beurteilung durch andere">Gericht</term> über uns selbst, wir fühlen uns bereits gerecht oder
                    schuldig gesprochen. Aber dies Gericht ist noch nicht das Gericht durch das
                    Gesetz der <term type="Sachen" key="Gericht, durch das Gesetz der Freiheit">Freiheit</term>, von dem wir reden wollen. Denn bei dem Urteil, das
                    Andre über uns fällen, behalten wir uns unwillkürlich immer vor, ihnen recht
                    zu geben oder auch nicht. Manchmal müssen wir uns sagen, dass sie mit ihrem
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Urteil über uns den Nagel besser auf den Kopf
                    getroffen haben, als wir’s selbst je gekonnt hätten; sehr oft
                    steht’s aber auch so, dass ihr Urteil über uns vollständig daneben
                    geht und dass es uns ist, als redeten sie über irgend einen Andern, nicht
                    über uns. Manchmal beurteilen sie uns als besser, als wir tatsächlich sind,
                    manchmal wohl auch als schlechter, aber ich meine auf <hi rend="italic">alle</hi>
                    Fälle: wehe dem Menschen, der es bei dem Urteil und Gericht der
                        <hi rend="italic">andern</hi> Menschen bewenden lässt. Denn die andern Menschen
                    können im Guten und im Bösen nur unsre Handlungen und Worte sehen und hören
                    und danach mit kleinerer oder größerer Wahrscheinlichkeit ihr Urteil über
                    uns fällen. Dagegen kann es nur jedes Menschen <hi rend="italic">eigene</hi> Sache
                    sein, den Wurzeln seiner Handlungen und Worte nachzugehen bis auf ihren
                    Ursprung in <pb xml:id="p491" ed="pga"/> jenem Labyrinth des Innenlebens. Die
                    Momente aber, wo es uns gelingt, in irgend einer Richtung schonungslos die
                    Wurzeln unsres <term type="Sachen" key="Mensch, Wurzeln seines Wesens">Wesens</term> aufzudecken, das sind die großen <term type="Sachen" key="Mensch, große Momente der Selbsterkenntnis">Momente</term> unsres
                    Lebens, da wir, abgewandt von allem äußern Schein, der <term type="Sachen" key="Wahrheit, Selbsterkenntnis der inneren W.">Wahrheit</term> auf den
                    Grund kommen. Es sind Momente, die herrlich sind und tiefschmerzlich
                    zugleich. <hi rend="italic">Herrlich</hi>, weil da das ewig verhüllte Bild von Saïs,
                    von dem die Sage des Altertums erzählt,<note xml:id="n11">Gemeint ist eine der Sage nach verhüllte Götterstatue der Isis bzw. der
                        Göttin zu <placeName ref="kbga-places-1138">Saïs</placeName> in Ägypten. Nach
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2727">
                                <persName ref="kbga-actors-4130">Plutarch</persName>, <hi rend="italic">Über
                            Isis und Osiris</hi>, 9</bibl>, trug sie folgende Inschrift: «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ἐγώ εἰμι πᾶν τὸ γεγονὸς καὶ ὂν καὶ ἐσόμενον, καὶ
                            τὸν ἐμὸν πέπλον οὐδείς πω θνητὸς ἀπεκάλυψεν</foreign>» («ich bin das
                        All, das Vergangene Gegenwärtige und Zukünftige, meinen Schleier hat
                        noch kein Sterblicher gelüftet»).</note> unsrem Auge sichtbar wird; und
                    worin dies Ereignis besteht, hat ein Denker vor 100 Jahren zutreffend so
                    beschrieben:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                <l>Einem gelang es, er hob den Schleier der Göttin von Saïs.</l>
                <l>Und was sah er, er sah, Wunder des Wunders, <hi rend="italic">sich selbst</hi>.<note xml:id="n12">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2728">Fragment aus dem Anhang zum Roman «Die
                        Lehrlinge zu Saïs» (<hi rend="italic">Novalis’ ausgewählte Werke in drei
                            Bänden</hi>, hrsg. von W. Bölsche, Bd. 3: <hi rend="italic">Fragmente</hi>,
                        Leipzig [1908], S. 95).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber <hi rend="italic">tiefschmerzlich</hi> sind diese Momente, weil
                    die erkannte Wahrheit, so sie wahrhaftig erkannt ist, uns zur <term type="Sachen" key="Krisis">Krisis</term> wird, weil wir da mit
                    mathematischer Notwendigkeit zu der Einsicht geführt werden, dass wir nicht
                    sind, was wir sein <term type="Sachen" key="Krisis, Widerspruch von Sein und Sollen">sollten</term>. Denn es
                    kann sich bei solcher Erkenntnis, die den Menschen auf den verborgenen Grund
                    seiner selbst führt, nicht mehr um die Frage handeln, ob seine Handlungen
                    und Worte gut oder böse <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> und von den andern
                    Menschen mit einem dieser Stempel versehen sind. Sondern das ist die Frage,
                    wie er selbst, wie sein Wille, wie seine Persönlichkeit beschaffen ist, er
                    selbst, der jene Handlungen getan, jene Worte gesprochen. Das ist die
                    kritische Frage nach den Gründen unsres <term type="Sachen" key="Handeln, Gründe">Handelns</term> und <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Gründe">Redens</term>, und in der Antwort auf
                    diese Frage empfangen wir das Gericht und Urteil – nicht der
                    Menschen, nicht unsrer selbst – sondern das Urteil Gottes über <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">uns</term>, Gottes, der
                        <hi rend="italic">im</hi> Gesetz der <term type="Sachen" key="Gott, spricht zu uns im Gesetz der Freiheit">Freiheit</term> zu uns
                    redet und <hi rend="italic">durch</hi> das Gesetz der Freiheit uns <term type="Sachen" key="Gott, richtet uns durch das Gesetz der Freiheit">richtet</term>.</p>
                <p>Das geht so zu: Wir besinnen uns: warum habe ich das damals getan oder
                    gesagt? <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>oder: warum will ich das jetzt tun oder sagen?<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                     Dann <pb xml:id="p492" ed="pga"/> schnellt aus unserm Innern sofort eine
                    Antwort hervor, ein Motiv oder mehrere, die sich vielleicht als Räsonnement
                    durchaus gut und tüchtig anhören und auch den Nebenmenschen oder doch den
                    Meisten Eindruck machen. Umso vorsichtiger wollen wir sein, wenn es uns um
                    die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> zu tun ist. Ist<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «War».</note>
                     denn auch das Motiv, das wir da so verständig räsonnierend uns selbst
                    und den Andern vorbringen, das letzte, eigentliche Motiv? Oder ist<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «war».</note>
                     noch eins dahinter, das wir lieber nicht vorbringen oder nur
                    verschämt und beiläufig, weil wir den Eindruck haben, dass es eigentlich
                    nicht gelten dürfte? Lieber Freund, damit bist du noch nicht aufrichtig,
                    wenn du für dein Tun einen guten, tüchtigen Grund vorbringst, auch dann
                    nicht, wenn du von seiner Giltigkeit überzeugt bist. Sondern die <term type="Sachen" key="Aufrichtigkeit">Aufrichtigkeit</term>, die allein zur
                    Wahrheit führt, fängt an bei der Erforschung der <term type="Sachen" key="Handeln, Nebengründe">Nebengründe</term>. Denn nicht wahr, das
                    kennen wir alle, wie oft diese scheinbaren Nebengründe tatsächlich das
                    Gewicht sind, die unserm sogenannten <term type="Sachen" key="Handeln, Hauptgrund">Hauptgrund</term> Kraft und Wirksamkeit geben,
                    die es nachher zur Handlung und zum Wort kommen lassen. Gerade diesem
                    eigentlich Wirksamen in uns müssen wir aber nachspüren, die Darlegung unsrer
                    Räsonnements kann uns, auch dann, wenn sie <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> an
                    sich gut und richtig sind, von der Hauptfrage nur ablenken. Denn vor dem
                    Richterstuhl <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gottes</term>
                    sind wir nicht gefragt, ob unsre Gründe gut, sondern ob wir selbst gut, ob
                    das eigentlich Wirksame in uns, ob unser Wille gut ist.</p>
                <p>Und da liegt nun der Tatbestand offen genug vor für den, der sich selber
                    kennt, dass unser Wille im Grunde mit ganz andern Dingen beschäftigt ist als
                    mit dem <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> gegen das Gesetz
                    des <term type="Sachen" key="Gesetz, des Guten">Guten</term>, auch dann,
                    wenn unsre <term type="Sachen" key="Handeln">Handlungen</term> und <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Worte</term> scheinbar zu den
                    guten gehören oder zu den vielen, von denen wir annehmen, dass sie zu den
                    gleichgiltigen zu rechnen seien. Wir haben uns das letzte Mal mit diesem
                    Tatbestand in einem andern Zusammenhang bereits ausführlich beschäftigt. Es
                    bleibt uns nur noch, uns zu besinnen, was denn die Art jenes unsres
                    eigentlichen und wirksamen Willens sei, der in dem verborgenen Untergrund
                    der Seele das Regiment führt und von dem unsre Handlungen und Worte nur
                    Zeugen sind, aber nicht immer unfehlbare <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>und
                        unverdächtige<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift ergänzt.</note>
                     Zeugen. Ich will seine Art mit einem <pb xml:id="p493" ed="pga"/> Wort
                    bezeichnen, das jedem verständlich sein wird, und nenne sie <term type="Sachen" key="Eigennutz, Essenz des den Menschen leitenden Willens">
                            <hi rend="italic">Eigennutz</hi></term>. Darin ist Alles enthalten, was
                    seinen Charakter ausmacht. |</p>
                <p>Erstens nämlich besteht dieser Wille, aus dem jene Nebengründe unsrer
                    Handlungen und Worte hervorwachsen, darin, dass der Mensch <hi rend="italic">an sich
                        selbst</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, denkt instinktiv an sich selbst">denkt</term>. Das ist ein unmittelbarer Instinkt, den wir mit dem Tiere
                    gemein haben. Wir haben darum das unmittelbare Gefühl, dass wir als Menschen
                    uns seiner zu schämen haben, und darum verstecken wir ihn, wenigstens die
                    meisten Menschen. Der Grieche <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName> nannte den <term type="Sachen" key="Mensch, geselliges Wesen">Menschen</term> ein geselliges Wesen<note xml:id="n13">Die Bestimmung des Menschen als «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ζῷον πολιτικόν</foreign>» findet sich in: <bibl corresp="kbga-bibls-825">
                                <persName ref="kbga-actors-11">Aristoteles</persName>,
                            <hi rend="italic">Politica</hi> I, 1253a</bibl>.</note> und wollte damit sagen, seine
                    geistige Anlage weise ihn unmittelbar und notwendig auf die Andern, auf die
                    Gemeinsamkeit hin. Aber eben gegen diese geistige Anlage revoltiert nun
                    jener verborgene Wille in <term type="Sachen" key="Mensch, Eigennutz und Geselligkeit">uns</term>, und die Tatsache,
                    dass wir uns dieser Revolution schämen, beweist nur, dass wir wissen, dass
                    sie tatsächlich die Herrschaft in uns hat, dass wir tatsächlich unsre
                    Befriedigung <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> keineswegs in der Erfüllung jener
                    geistigen Anlage suchen, sondern in der Erfüllung jenes andern natürlichen
                    Triebes, der nichts weiß vom Nebenmenschen, sondern nur vom Ich. |</p>
                <p>Und das andre Merkmal des Willens, der uns eigentlich und wirksam beherrscht,
                    besteht darin, dass er auf den <term type="Sachen" key="Mensch, beherrscht von einem utilitaristischen Willen">
                            <hi rend="italic">Nutzen</hi></term> aus ist. Auch das ist ein tierischer
                    Trieb. Der Nutzen ist notwendig immer etwas Beschränktes. Wir nennen etwas
                    nützlich, wenn wir davon hoffen, dass es uns irgend eine bestimmte
                    Annehmlichkeit verschafft. Wenn wir also etwas wollen, weil es uns nützlich
                    ist, so ist damit gesagt, dass unser Wille und unser Handeln zu Ende ist,
                    sobald wir jene Annehmlichkeit genossen haben. Dagegen werdet ihr mir wieder
                    unmittelbar recht geben können, wenn ich meine, dass wir uns nach unsrer
                    geistigen Anlage nicht damit zufrieden geben können, dass unser Wille sich
                    auf irgend eine Annehmlichkeit richte, um sich, wenn sie erreicht und
                    genossen ist, zur Ruhe zu setzen wie ein Rentier, der nichts mehr zu tun
                    hat. Sondern es wohnt dem rechten geistigen Willen etwas Unendliches und
                    Ewiges inne, das gelten muss, auch wenn von Nutzen oder Annehmlichkeit keine
                    Rede ist. Aber wieder werden wir uns sagen müssen, sofern wir ehrlich sind,
                    dass das instinktive Verlangen <pb xml:id="p494" ed="pga"/> nach Nutzen und
                    Annehmlichkeit in unserm Willen überwiegt und uns tatsächlich beherrscht.
                    |</p>
                <p>Nehmen wir die beiden Triebe, die ich nannte, zusammen, so haben wir eben
                    das, was ich als <hi rend="italic">Eigennutz</hi> bezeichnete, vor uns. Das ist unser
                    Wille, unser eigentlicher <term type="Sachen" key="Eigennutz, Gesetz des den Menschen leitenden Willens">Wille</term>,
                    meine Freunde! Ich weiß wohl, dass er nur bei wenigen Menschen ungescheut
                    und mit Händen greifbar ans Tageslicht tritt, bei den allermeisten ist er
                    verborgen unter allerlei freundlichen und schönen Hüllen. Und wie viele sind
                    nicht einmal vor sich selbst klar geworden über den fatalen Tatbestand ihres
                    innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>. Aber das
                    ändert nichts daran, dass er da ist.</p>
                <p>Und nun ist’s dieser Eigennutz, der sich aus den tierischen Trieben
                    des Menschen zusammensetzt, der gerichtet wird durch das Gesetz der <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                    <term type="Sachen" key="Eigennutz, gerichtet durch das Gesetz der Freiheit">Freiheit</term>, und in diesem Gericht empfangen wir das Urteil <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Gottes</term> über uns. Denn
                    jene geistige Anlage in uns, von der ich redete, die unser Denken und unsern
                    Willen hinweist auf die andern Menschen und die unbedingt und ewig gelten
                    will, sie besteht in unserm Innern als der unerbittliche Ankläger gegen
                    unsern <term type="Sachen" key="Gewissen, Anklage gegen eigenen Egoismus">Egoismus</term> und gegen unsre <term type="Sachen" key="Gewissen, Anklage gegen eigenen Utilitarismus">Nützlichkeitskrämerei</term>, gleichviel ob wir beides im Großen oder
                    im Kleinen, offen oder geheim treiben. In unserm Innern entsteht dann der
                    Widerstreit und Konflikt der Empfindungen und Stimmungen, das Fragen unsres
                    Gewissens und das Antworten unsrer Gründe und Nebengründe, die wir vor uns
                    selbst und den Andern vorbringen. Und das, was da die Anklage und den
                    Widerstreit so peinlich und unerbittlich macht, das ist, dass da zwei Gegner
                    sich messen, die eigentlich bestimmt wären, sich in tiefster Einheit
                    miteinander zu verbinden, nämlich die ewige und giltige göttliche <term type="Sachen" key="Wahrheit, ewig gültige göttliche">Wahrheit</term> im
                    Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term>
                    und die <term type="Sachen" key="Seele">Menschenseele</term>, das Ich, das
                    sich auf die Seite der tierischen Triebe geschlagen hat. Hier die Majestät
                    des allgegenwärtigen <term type="Sachen" key="Gott, Allgegenwart">Gottes</term>, dessen Stimme sich kein Mensch entziehen kann, dort der
                    kleine Mensch, der sich dieser Stimme entziehen möchte trotz Allem. Ihr
                    werdet mir recht geben, wenn ich sage, dass wir in diesem Widerstreit und
                    Widerstand Gottes <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term> an uns erfahren im tiefsten Sinn des Wortes. Denn es
                    handelt sich dabei nicht um eine vergängliche, unangenehme Empfindung, die
                    uns beschwerlich wird, sondern um das unvergängliche Bewusstsein des
                    Getrenntseins von Gott, vom Leben, und dieses Bewusstsein richtet und
                    vernichtet uns. Indem der Eigennutzen unsres Willens Gesetz ist, <pb xml:id="p495" ed="pga"/> verurteilt uns das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Freiheit</term> zur Unfreiheit, zur
                    Beschränktheit. Indem wir das nicht sein wollen, was wir sein sollten, wird
                    uns erschreckend klar, dass das, was wir sind, ewiger Tod bedeutet. Wer
                    dürfte es wagen, sich von diesem Gericht und Urteil selbst
                    freizusprechen?</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Da Gerechte selbst verzagen,</l>
                            <l>Was soll denn ich Sünder sagen?<note xml:id="n14">Vgl. oben, bei <ref type="pub" target="#fn_n09">Anm. 9</ref>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Aber dabei dürfen wir nun nicht stehen bleiben.
                    In diesem Sinn konnten auch die Männer des Alten <term type="Sachen" key="Altes Testament">Testaments</term> und die griechischen <term type="Sachen" key="Philosophie, griechische">Philosophen</term> vom
                    Gericht durch das Gesetz der <term type="Sachen" key="Gericht, durch das Gesetz der Freiheit">Freiheit</term> reden, und
                    sie haben es getan. Damit ist nichts gegen die Richtigkeit der
                    ausgesprochenen Gedanken gesagt, im Gegenteil: das beweist, dass sie
                    innerlich notwendig und allgemeinmenschlich sind. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> selbst hat sie sehr wahrscheinlich von den
                    griechischen Philosophen übernommen und beweist damit, dass er der Ansicht
                    war, die wir auch kräftig unterstreichen wollen, dass die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> eine und dieselbe ist,
                    innerhalb und außerhalb des Neuen Testaments, aber mit dem Unterschied, dass
                    das, was bei den <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und
                        <term type="Sachen" key="Griechen">Griechen</term> Schattenbild<note xml:id="n15">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> «Höhlengleichnis»; vgl. oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n09">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> und
                    Weissagung war, in Jesus Christus wirksame Erfüllung und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Lebenskraft im Gesetz der Freiheit">Lebenskraft</term> geworden ist. Unter diesem Gesichtspunkt muss nun
                    unser Gegenstand noch betrachtet werden. Der Text leitet uns dazu an, indem
                    er fortfährt und schließt: <hi rend="italic">Das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der
                        nicht Barmherzigkeit tut. Barmherzigkeit aber besteht freudig vor
                        Gericht</hi>. Mit diesem Gedanken der <term type="Sachen" key="Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>, den wir nicht in dem
                    oberflächlichen Sinn von «Mitleid» verstehen müssen, sondern in dem tiefern
                    von <hi rend="italic">Liebe</hi>, tritt nun die <term type="Sachen" key="Krisis">Krisis</term>, von der die Rede war, in eine ganz neue Beleuchtung, und
                    es wird eben damit aufs Deutlichste der Ausweg aufgetan, der von der Krisis
                    zum Leben führt. Es ist hier nämlich unzweifelhaft von <hi rend="italic">Jesus</hi>
                    die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Ausweg von der Krisis zum Leben">Rede</term> und
                    von seiner Bedeutung für das Gericht Gottes, unter dem wir stehen. Sein Name
                    wird nicht genannt, wir könnten auch dem Beispiel des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> folgen und ihn ebenfalls nicht nennen; aber
                    ich glaube, wenn uns Jakobus selbst hier seinen Text ausführlicher darlegen
                    würde, so würde er schon um der Deutlichkeit willen den Namen dessen nicht
                    auslassen, der das Gesetz <pb xml:id="p496" ed="pga"/> der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gesetz der Freiheit">Freiheit</term> und die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term> nicht nur gehabt
                    hat mehr oder weniger, sondern der Beides gewesen ist. An der Sache selbst
                    wird dadurch nichts geändert. Er redet so oder so <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> als Jünger Jesu.</p>
                <p> Wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hier die <term type="Sachen" key="Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term> oder die <term type="Sachen" key="LIebe">Liebe</term> aufrichtet als das Zeichen, an dem sich die Geister
                    scheiden zum Guten oder zum Bösen im Urteil <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Gottes</term>, dann sagt er damit genau und
                    mit allen Konsequenzen dasselbe, was <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> so ausdrückt: «Wir müssen alle offenbar werden vor dem
                    Richterstuhl Christi, auf dass ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt
                    hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.» [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.10">2.Kor. 5,10</ref>] Und es ist wieder und
                    noch deutlicher dieselbe Sache, die Jesus selbst in der bekannten
                    Gleichnisrede geschildert hat, in der davon die Rede ist, wie des Menschen
                    Sohn die Völker und Menschen scheidet, wie ein Hirte die Schafe von den
                    Böcken scheidet, die einen zur Rechten, die andern zur Linken, und wie von
                    da die Ungerechten in die ewige Pein gehen, die Gerechten aber in das ewige
                        <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Leben</term> 
                        [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.31 Mt.25.46">Mt. 25,31–46</ref>].
                    Der Richter ist <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Richter">Christus</term>, und das Gesetz, nach dem er richtet, ist die <term type="Sachen" key="Jesus Christus, richtet nach dem Gesetz der Liebe">Liebe</term>, ist sein eigenstes Wesen: Was ihr getan habt Einem unter
                    diesen meinen geringsten Brüdern – im Guten oder im Bösen –
                    das habt ihr mir getan [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.40">Mt. 25,40</ref>]. Das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der nicht
                    Barmherzigkeit tut<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>, Barmherzigkeit aber besteht freudig vor Gericht. Denn die <term type="Sachen" key="Barmherzigkeit, des Gesetzes Erfüllung">Barmherzigkeit</term> oder die <term type="Sachen" key="Liebe, des Gesetzes Erfüllung">Liebe</term> ist des Gesetzes
                    Erfüllung [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.10">Röm. 13,10</ref>].
                    Sie besteht eben darin, dass die geistige Anlage des menschlichen Willens,
                    die Anlage zur Gemeinschaft und zur Gemeinsamkeit Gegenwart und Wahrheit
                    ist, dass der Mensch nicht mehr auf Seiten des <term type="Sachen" key="Eigennutz">Eigennutzes</term>, sondern auf Seiten des
                    majestätischen Gottes steht, dass das Gesetz nicht mehr als ein fremdes Gut
                    in seinem Leben steht, sondern sein persönlichstes <term type="Sachen" key="Mensch, Gesetz wird persönlichstes Eigentum">Eigentum</term> wird,
                    mit einem Wort: dass der Mensch nicht mehr sagen muss: ich
                    <hi rend="italic">soll</hi>, sondern: ich <hi rend="italic">darf</hi>. Das ist die Erfüllung des
                    Gesetzes der Freiheit, so war Jesus im tiefsten Grund seiner einzigartigen
                    Person, und darum fällt Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Urteil über uns">Urteil</term> über uns danach aus, <hi rend="italic">wie
                        wir zu Jesus stehen</hi>, und das heißt höchst schlicht und
                    undogmatisch und gemeinverständlich: ob wir gesinnt sind, wie Jesus Christus
                    auch war [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.5">Phil. 2,5</ref>]. <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> In dieser Erkenntnis treffen sich die
                    verschiedenen Gedanken über das Gericht <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gottes</term>, denen wir im Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> begegnen, <pb xml:id="p497" ed="pga"/> und es wohnt ihnen eben deshalb eine Realität und
                    Greifbarkeit und durchschlagende Kraft inne, wie sie die Gedanken der <term type="Sachen" key="Philosophie">Philosophen</term> und <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> nicht hatten, aus dem
                    einfachen Grund, weil sie Jesus noch nicht gekannt haben. Ihr erinnert euch
                    auch der anschaulichen Bilder aus alter und neuer Zeit, die Christus
                    darstellen als den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Weltenrichter">Weltenrichter</term>, der über den Wolken thronend am Ende der Zeiten
                    den Menschen das Urteil spricht. Es kommt nicht darauf an, dass wir uns
                    diesen Vorgang so vorstellen, wie die Propheten und Dichter und Maler ihn in
                    kühner Phantasie dargestellt haben, aber es kommt sehr viel, Alles darauf
                    an, dass wir die Wahrheit, die sie aussprechen wollten, nicht verwässern mit
                    unsern Unklarheiten und Schwächlichkeiten, die Wahrheit, dass wir durch
                    Christus und in Christus unser <term type="Sachen" key="Mensch, Urteil durch Christus und in Christus">Urteil</term>
                    empfangen.</p>
                <p>Aber wenn diese Wahrheit den Sinn hat, das <hi rend="italic">Gesetz</hi>, dem unser
                    Wille unterworfen sein soll, noch einmal in erdrückender Hoheit vor uns
                    aufzurichten, so dürfen und wollen wir es im Anschluss an unsern Text nicht
                    unterlassen, dem die andre Seite gegenüberzustellen, die uns die Wahrheit,
                    dass Christus unser <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Richter über uns">Richter</term> ist, zeigt als das
                        <term type="Sachen" key="Evangelium">
                            <hi rend="italic">Evangelium</hi></term>, als
                    die frohe Botschaft, die uns nicht zu erdrücken, sondern zu befreien
                    bestimmt ist. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> legt zwar
                    an dieser Stelle und in seinem ganzen Brief den Nachdruck zweifellos auf
                    jene andre Seite, und ihr werdet schon gemerkt haben, dass ich auch geneigt
                    bin, den Ton auf die andre Seite der christlichen <term type="Sachen" key="Wahrheit, christliche">Wahrheiten</term>, auf das Sollen, auf die
                    Aufgaben, die sie uns stellen, zu legen. Aber nur in dem Sinn, dass ich auf
                    dem Gebiet des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>
                    keine Gaben sehen kann, aus denen nicht sofort wieder Aufgaben werden
                    müssen, kein Dürfen, das nicht sofort wieder ein neues Sollen kennt, weil
                    mir das innere Wandern und Werden vor Anderm unentbehrlich und grundlegend
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> scheint für eine gesunde <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, gesunde">Frömmigkeit</term>. Damit soll
                    aber unverkannt sein, und Jakobus wäre gewiss auch der Meinung gewesen, wenn
                    wir mit ihm verhandeln könnten, dass das, was von uns gefordert wird, uns
                    geschenkt ist, nicht nur stückweise, sondern ganz.</p>
                <p>So gilt es auch von der Wahrheit, dass Christus, das lebendig gewordene
                    Gesetz der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebendig gewordenes Gesetz der Freiheit">Freiheit</term>, unser <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Richter über uns">Richter</term> ist: sie ist
                    Gesetz und <term type="Sachen" key="Gesetz und Evangelium">Evangelium</term>
                    miteinander. Denn die große Liebe, die sein innerstes Wesen war, ist wohl
                    unserm Wesen gegenüber ein unerreichbar hohes Ideal, durch das wir uns auf
                    den ersten Blick nur noch schärfer verur<pb xml:id="p498" ed="pga" break="no"/>teilt,
                    tiefer gedemütigt fühlen. Aber nun wird es uns wunderbarer Weise aus seinem
                    ganzen Leben und <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Sterben</term>
                    deutlich, dass es Liebe zu den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, erfüllt von der Liebe zu den Sündern">
                            <hi rend="italic">Sündern</hi></term> war, was ihn erfüllt und bewegt hat.
                    Der Anblick seiner Art lässt es uns tiefer empfinden als je, dass wir nicht
                    sind, was wir sein sollten, aber dann hat er gerade wieder gesagt, dass die
                    Gesunden des Arztes nicht bedürften, sondern die Kranken [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.5.31">Lk. 5,31</ref>]. Und so ist
                        <hi rend="italic">das</hi> wohl das <term type="Sachen" key="Evangelium, im Gesetz der Freiheit">Evangelium</term> im Gesetz der
                    Freiheit, das auch <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    andeutet: Wer sich aufrichtig und demütig unter das Gericht der
                    Barmherzigkeit stellt, dem widerfährt <term type="Sachen" key="Barmherzigkeit">Barmherzigkeit</term>. Das ist der Gedanke des
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, bei dem wir schon am
                    Schluss der letzten Predigt auf anderm Wege angelangt sind, dass der Richter
                    den aufrichtigen Sünder <term type="Sachen" key="Rechtfertigung">rechtfertigt</term>, dass er ihm sagt: du <hi rend="italic">darfst</hi> nun
                    gerecht werden, du <hi rend="italic">darfst</hi> nun ein neues Leben leben trotz der
                    großen, schweren Schuld des <term type="Sachen" key="Eigennutz">Eigennutzes</term>, die bis jetzt auf dir lag. Die soll dir abgenommen
                    sein, du sollst nun ein neuer <term type="Sachen" key="Mensch, neuer">Mensch</term> sein, aber das Sollen ist nun Dürfen geworden.</p>
                <p>Wir wollen mit diesem Ausblick von unserm Gegenstand für diesmal Abschied
                    nehmen. Gottes freundliche Lebensführung aber wolle jedes von uns das <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">Gesetz</term> und das <term type="Sachen" key="Evangelium, der Freiheit">Evangelium</term> der
                    Freiheit erkennen und erleben lassen.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-57">Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von <persName ref="kbga-actors-2060">Chr. Knorr von Rosenroth</persName>,
                            Strophen 1–3 (RG 572; EG 450).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Nr. 174: «Gott ist gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName>, Strophen 1.4.5
                            und 6–8 (RG 162,1.3–7; EG 165,1.4–8 [je mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.139">Psalm 139</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
