Was ich euch da vorgelesen habe, das ist auf den ersten Blick eine trockene
moralische Abhandlung. Die Worte des Jakobus wollen auch nichts sein als eine Theorie oder allgemeine
Regel, die er an den vorher erwähnten besondern Fall aus dem Leben der
Christengemeinde anknüpft. Ihr erinnert euch dieses Falls. Es handelte sich
dort um den Armen und den Reichen, die in die kirchliche Versammlung kommen,
und um die verschiedene Aufnahme, die die Beiden finden.1 Jakobus bemerkt dazu: Gute Freunde, hinter 2 der Verschiedenheit eures Redens und Handelns in
diesem scheinbar so unbeträchtlichen Fall versteckt sich eine ganz
beträchtliche Halbheit eures Christentums, d. h. aber eures innern Lebens. Ganze Christen,
ganze Menschen seid ihr nicht, wenn ihr so seid. Nun fährt
er fort – und damit kommen wir zu dem Gegenstand, der uns heute
beschäftigen soll –: Gottes Gesetz, das ihr ja kennt und anerkennt
ist ein ganzes Gesetz; wer es erfüllen will, muss es
ganz erfüllen, und danach fällt Gottes Urteil und Gericht über uns aus, ob
wir Halbe gewesen sind und sind |455 im Gehorsam gegen
sein Gesetz oder Ganze. Vom
Gesetz, von seiner
Erfüllung und vom
Gericht
haben wir also heute und das nächste Mal zu reden. Das sind zweifellos
harte, trockene Worte, ich wiederhole es, aber ich hoffe doch, dass ich mich
nicht täusche, wenn ich annehme, ihr habt auch etwas gespürt von dem
Unterton ruhiger, verhaltener Freude und Siegesgewissheit, der in den
theoretischen, fast theologischen Ausführungen unsres Textes mitklingt. Ein
königliches
Gesetz wird das
Gottesgesetz der Nächstenliebe genannt, als ein Gesetz der
Freiheit will es
verstanden und erfüllt sein, und von dem, der es erfüllt, heißt es, dass er
freudig besteht vor Gericht. Diesen starken, reinen Klang
von der Freude des inwendigen
Menschen wollen wir recht kräftig mitklingen lassen, wahrlich nicht, um den
großen Ernst des Gedankens, mit dem wir’s zu schaffen haben, zu
vertuschen und abzuschwächen, sondern weil es der Sache nach nicht anders
möglich und recht wäre. Denn bei den großen guten Menschen, die Gott vor
Augen und im Herzen tragen, ist der Ernst und die Freude des inwendigen
Lebens immer beieinander gewesen. Ja man kann nicht einmal sagen, dass
Beides für sie überhaupt zweierlei war. Die ernste Freude und der freudige Ernst waren die verborgene Grundlage ihres
Wesens und Lebens. Das war Jesu Art; das soll unsre Art werden.
3 Wenn wir das verstehen, dann verstehen wir auch,
dass unser Text und Gegenstand so recht in diese Frühlingszeit passt. Das ist doch die Zeit, wo wir
deutlicher als sonst spüren, wie unser Leben und Wesen verwoben und
verflochten ist mit dem Leben der Natur. Wenn die Wälder und Fluren und Gärten sich mit neuem Grün
schmücken, dann erwachen auch die Menschen, die in den Städten zumeist, zu
einem neuen Leben der Freude:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
2
456 Wer hat ihn noch nie empfunden und erlebt, äußerlich und noch
mehr innerlich, den Menschenfrühling, den die Dichter verherrlichen, wo es
uns voll und weit und frei ums Herz wird, wo wir die Sorgen und alles
Kleinliche hinter uns lassen möchten, wo wir die Stuben hinter uns lassen,
um über Berg und Tal zu wandern, der aufgehenden Sonne entgegen. Aber da ist
auch Keiner, in dem die Majestät der erwachenden Natur nicht noch ganz andre Regungen
erweckt, der nicht etwas spürt von dem tiefen melancholischen Ernst, der
allem Dasein innewohnt, weil alles, was da ist, bestimmt ist, eine kleine
Weile sich zu entfalten, dann aber zu vergehen, weil Schöpfung und Untergang sich
ablösen müssen in ewigem Wechsel. Das spüren und ahnen wir auch im Anblick
der werdenden Frühlingspracht,
auch dann, wenn keine schweren Ereignisse unsres äußern und innern Lebens
für uns ihre Schatten werfen in all die Herrlichkeit. Im Doppelgesicht der
Natur erkennen
wir wie im Spiegel unser eigenes Doppelgesicht, in unsrer Seele 4kämpft, was wird und
war, ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.3 Da mag es uns
wohl gehen, dass wir vorwärtsblickend aufjauchzen wie Goethe, als er im Juni 1775 den
Zürcher See hinauffuhr:
Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!
Es ist doch dieselbe holde und gute Natur, die uns im selben
Augenblick die andre Seite unsres Wesens zeigt und gegenwärtig hält,
wehmütig und schmerzlich:
Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Und diese Regungen mögen wir dann wohl verscheuchen mit einer
heftigen Bewegung:
Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.
4
457 Es bleibt doch der Stachel, es bleibt doch die unmittelbare
Erkenntnis, dass wir nicht sind, was wir sein sollten, dass wir keine
Einheit sind, sondern ein Doppelwesen. Darüber hilft uns der Frühling der Natur nicht hinweg, wenn wir ihn
ernsthaft und nicht oberflächlich auf uns wirken lassen. Sondern er bringt
uns gerade das schmerzlich zum Bewusstsein, dass wir mit dem Leben und Wesen
der Natur nicht nur verwoben und
verflochten, sondern verbunden und verkettet sind, nicht nur mit ihrer
Freude, sondern mit ihrem tiefen, tiefen Leid. Und darum nenne ich die
Gedanken, die uns heute beschäftigen sollen, eine Botschaft für die
Frühlingszeit; denn das ist offenbar, dass sie uns anleiten wollen, aus
Doppelwesen eine Einheit zu werden, aus Halben zu Ganzen. Wollen 5 wir Menschen werden, dann muss die Kluft in uns
geschlossen und überbrückt werden, die die Pracht der Natur nicht zu
schließen vermag, weil die Natur selbst zweideutig ist. Die Kluft zwischen Vorwärts und
Rückwärts, zwischen Sollen und Können, zwischen Aufgabe und Fähigkeit. Es
muss Ernst und Freude, Leid und Lust zurücktreten, verschwinden, sich
vereinigen zu der verborgenen Einheit eines sich selbst gleichen, guten
Bewusstseins, das will aber sagen: es muss Gott die Gewalt bekommen über
uns, er, der über der Natur steht mit ihren Wechseln, er, der die Wahrheit
ist inmitten des Scheins. Es muss sich das an uns und in uns erfüllen, worum
wir ihn am Pfingstfest
angerufen:
Entdecke Alles und verzehre,
Was nicht in deinem Lichte rein,
Wenn mir’s gleich noch so schmerzlich wäre:
Die Wonne folget nach der Pein.
Du kannst mein Herz voll dunkler Falten
In Jesu Klarheit umgestalten.
5
Der erste und wichtigste Schritt zu diesem Ziel, den wir
heute zu erwägen haben, ist die Erkenntnis, dass Gottes Gesetz ein Ganzes ist.
Wir verstehen es entweder ganz oder gar nicht. Es ist gut, wenn wir uns das
recht deutlich machen, denn es geht uns in unserm Verhältnis zu Gott, d. h.
bei der Gestaltung unsres innern Lebens meistens so, |458 dass wir schon diesen
ersten und wichtigsten Schritt verfehlen, dass wir nicht die Aufrichtigkeit
und die Kraft finden, ihn wirklich zu tun. Gottes Gesetz ist ein Ganzes,
Abgeschlossenes, Vollständiges, sonst wäre es nicht Gottes Gesetz. Man kann
von ihm nichts abtrennen und abmarkten, ohne es selbst zu verleugnen und zu
übertreten. Vielleicht ist diese Erkenntnis uns Menschen von heute schwerer
gemacht als denen früherer Tage, aber vielleicht stehen wir ihr doch in der
6 Hauptsache näher als jene. Die früheren Tage,
die ich meine, sind die Zeiten des Mittelalters, aber auch noch der Reformationszeit, und diese Zeiten ragen
in mannigfachster Weise auch noch in unsre Zeit hinein. Wenn da gefragt
wurde und gefragt wird: «Was ist Gottes Gesetz?», dann wurde und wird darauf
die Antwort gegeben: Gottes Gesetz sind die Gebote und Lehren der Kirche und der Bibel. Da war es dann für ein
scharfes und konsequentes Denken selbstverständlich fortzufahren: Gottes
Gesetz kann nicht halb, sondern muss ganz
gelten. Darum, sagten die großen Kirchenlehrer des katholischen
Christentums, darum
schuldet der Mensch den Geboten der Kirche ganzen Respekt und Gehorsam bis
in die letzten und einzelsten Punkte. Darum, sagten die Reformatoren in ihrer spätern Zeit, darum ist
die Bibel bis auf den letzten Buchstaben Autorität im strengsten Sinn.
Außerhalb der Kirche, außerhalb der
Bibel kein
Heil.6
Denn Gottes Gesetz kann nicht gebrochen werden. Das waren von den Ganzen,
die Männer, die diese Auffassung von Gottes Gesetz hatten, ein Augustin, ein Calvin sind des Zeugen. In
der katholischen Kirche
ist es noch heute die herrschende Auffassung. Ich brauche nicht erst zu
sagen, dass es nicht mehr die unsre ist. Calvins Auffassung von der
Autorität der Bibel7
wäre für uns eine Unwahrhaftigkeit, auch wenn wir uns dazu zwingen könnten,
sie anzunehmen. Das war ja schon in der Reformationszeit allgemein anerkannt,
wenigstens in der Praxis, dass die Gebote der Bibel uns
nicht zum wirklichen Gehorsam verpflichteten, die
offenkundig nur für das Volk Israel, für die damalige Zeit |459 und
Umstände Geltung hätten. Aber je genauer man es genommen hat mit der
Erforschung der heiligen Schrift, desto mehr
hat man gemerkt, dass deren viel mehr seien, als man gedacht hatte –
nicht nur im Alten, sondern
auch im Neuen Testament,
dass wir unser Leben ebensowenig ohne Weiteres nach den sittlichen Weisungen
der Apostel
7 als nach denen des Moses und der Propheten einrichten können, und ganz folgerichtig hat es dann
vor sechs Jahren Friedrich Naumann8 in seinen «Briefen über Religion»
auch über die Gebote der Bergpredigt ausgesprochen: «Das, was Jesus bietet, ist die
Kindschaft Gottes in Galiläa
… eine Kindschaft Gottes in Paris oder London
oder Berlin ist nicht genau
dasselbe.»9 |
Ihr versteht, was die Entwicklung der Anschauungen, die ich da kurz
andeutete, sagen will. Man ist durch Gründe, die zunächst äußerlicher Natur
sind, nämlich durch die genauere Beschäftigung mit der Bibel und dann durch
die Veränderung der Zeiten und Zustände zu der Erkenntnis gekommen, dass die
Gebote
und Vorschriften der Bibel, auch die Jesu, für uns entweder keine oder nur
noch beschränkte Gültigkeit haben. Sie haben gegolten in Jerusalem und Galiläa vor 2000 Jahren, aber ob und
wieweit sie gelten in Paris,
London und Berlin, in Zürich und Genf im Jahr 1910, das ist eben die Frage. Ihr versteht nun,
warum ich sagte, es sei für uns Menschen von heute schwer geworden, die
Tatsache zu erkennen und anzuerkennen, dass das Gesetz Gottes ein Ganzes
ist und bleiben muss. Denn auf den ersten Blick muss es uns
scheinen, als ob uns eine solche runde, klare Antwort auf die Frage, was
denn Gottes Gesetz sei, wie Calvin sie geben konnte, nicht nur schwierig, sondern unmöglich
geworden sei. Wo haben wir Gottes Gesetz? In den Zehn Geboten? Aber die Zehn Gebote enthalten für die
Bedürfnisse unsres Lebens teils zu viel: ich erinnere an das Verbot des
Bildermachens oder an das Sabbatgebot. Teils auch zu wenig: es fehlt uns in
ihnen die Forderung der inwendigen Gerechtigkeit, auf die für uns Christen
gerade Alles ankommt. Oder ist für uns die Bergpredigt das Gottes-Gesetz geworden, das an
Stelle der alttestamentlichen Gebote getreten ist? Jesu Meinung
ist das |460 jedenfalls nicht gewesen, und es bleibt das,
was ich eben von Naumann zitierte, zurecht bestehen, dass ihre Forderungen nach
Form und Inhalt zunächst nach Galiläa gehören. 8 Oder ist der große
Apostel und Missionar Paulus unser
Gesetzgeber? Er würde den schön angefahren haben, der ihn so angeredet
hätte, und wir müssten überdies wieder sagen, wenn wir wenigstens aufrichtig
sein wollen, dass, was den Korinthern recht war, den Genfern noch nicht
notwendig billig sein muss. Oder wollen wir am Ende hingehen, alle diese
Fragen in einer erbaulichen Unklarheit lassen, um uns aus den Geboten des Moses, der Bergpredigt, der Apostel ein Gesetz zurechtzuschneiden und zurechtzurücken nach
eigenem Gutfinden, hier ein bisschen, da ein bisschen, ein bisschen
biblisch, ein bisschen modern, und vor dieser Ruine dann sagen: Das ist nun
Gottes Gesetz? Viele tun das, nennen sich christlich und evangelisch mit
besonderer Nuance, sehen auf die Andern hoch herab, obwohl sie ganz gut
wissen, dass sie sich in Tat und Wahrheit auch beim aufrichtigsten Wollen zu
den Aufgaben und Fragen des Lebens auch nicht anders stellen als die
Aufrichtigen und Willigen unter den Andern. Ich denke, wir wollen auf diesen
Weg nicht gehen; es wäre ein Weg der Unklarheit, und weil wir das wissen,
wäre er für uns ein Weg der Unwahrheit. So mag es wohl aussehen, als seien
uns alle Wege zur Erkenntnis des Gesetzes Gottes versperrt. Aber nun wiederhole
ich das andre: Vielleicht eben darum sind wir tatsächlich dieser Erkenntnis
näher, sind wir wieder auf dem Wege zu einer Erkenntnis des Gottesgesetzes
als eines ungebrochenen Ganzen, wie Augustin und Calvin in ihrer Art sie hatten. Ich sage
nicht, dass wir sie schon haben, aber wir sind vielleicht auf dem Weg dazu.
Denn sowie man begonnen hat und beginnen musste, Abstriche und Abzüge von
der alten ungebrochenen Autorität des Bibelworts zu machen,
betrat man auch den Weg der Halbheiten, ob nun der übrigbleibende Rest
kleiner oder größer war. Schließlich war noch die Autorität der Gebote Jesu übrig, und nun hat
man also auch von diesen gesagt, dass sie im Grunde nur vor 2000 Jahren in
Galiläa Gültigkeit gehabt
hätten, nicht mehr im 9 modernen Europa von heutzutage. Wir
werden gleich sehen, wie es damit steht. Jedenfalls meine ich, dass es gut
ist, dass es so weit gekommen ist. Auch der Weg der Halbheiten ist damit zu
Ende gegangen. Eine Autorität, von der man so mit allerlei triftigen und
weniger triftigen Gründen streichen und sub|461trahieren
kann, ist keine Autorität, am Wenigsten verdiente sie den Namen «Gesetz
Gottes».
Sondern wir müssen zurückkehren zu der tiefen und richtigen Erkenntnis Calvins, dass Gottes
Gesetz ein Ganzes ist, das nicht gebrochen, aus dem nichts
herausgebrochen und gestrichen werden kann. Es muss das
Gerede aufhören, als ob wir Christen von heute uns von denen früherer Zeiten darin
unterschieden, dass wir’s mit Gottes Gesetz nicht mehr so streng
nehmen müssten, weil wir freier und aufgeklärter seien als sie, und was
dergleichen Torheiten mehr sind. Man kann es mit Gott nicht streng genug
nehmen, meine Freunde; zu streichen und abzuziehen gibt es da gar nichts,
heute so wenig als zur Zeit Calvins. Wohl aber wollen wir das Gesetz Gottes,
das ein Ganzes sein und bleiben muss, an einer tieferliegenden Quelle
aufsuchen, bei einer Quelle, wo die Halbheiten und Subtraktionsexempel von
selbst ihr Ende haben. Die Sache steht so: Wenn einer fragt nach Recht und
Gesetz, die in der Republik Genf Geltung haben, dann kann man ihn hinweisen auf die Verfassung, auf
die Zivil- und Strafgesetze, auf die Polizeiverordnungen. Im Reiche Gottes ist ein solcher Hinweis
nicht möglich. Man kann da einem, der nach den geltenden Gesetzen fragt, nur
sagen: Werde du ein williger Bürger dieses Reiches, so wirst du es erfahren.
Statuten und Paragraphen gibt es da nicht, denn gleich der erste Artikel der
Verfassung hebt alle andern auf; der Prophet Jeremia hat diesen ersten Artikel einmal so
ausgesprochen: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und
in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, so
will ich ihr Gott sein. Und wird keiner den andern, noch ein Bruder den
andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn!, sondern sie sollen mich alle
kennen, 10 beide, klein und groß, spricht der Herr
[Jer. 31,33f.]. Das will
sagen: Es gibt kein anderes Gottesgesetz als den Glauben. In der Hingabe unsres Herzens und unsres
Willens an Gott wird Gottes Wille und Gesetz erkannt; neben dieser einen Erkenntnis sind alle andern
nur Schattenbilder,10 aus dieser einen gehen alle andern, die wir für
unser Leben brauchen, notwendig hervor.
Es ist eine ganz erstaunliche Sache zu sehen, wie diese einfache grundlegende
Einsicht den Christen immer wieder verlorengegangen ist. Jesus
hat sie mit aller Klarheit ausgesprochen. Er ist recht eigent|462lich darum Gottes Offenbarung gewesen,
weil er es uns gezeigt und vorgemacht hat, dass rechte, gute Menschen die
seien, die reines Herzens sind [vgl. Mt. 5,8] und die hungert und dürstet nach der
Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6].
Alle seine Gebote
zielten nur auf das eine ab, uns zum Gehorsam gegen dies eine
Gebot zu erziehen. Man hat das nicht verstanden, man hat seine Gebote
hingenommen, ohne zu überlegen, was er damit wollte, und hat aus der Bergpredigt doch wieder ein
Zivilgesetzbuch gemacht, mit dessen Paragraphen man sich dann durch
Halbheiten, später durch immer größere, offene und heimliche Abstriche
abzufinden gedachte. Esa
ist Paulus
gekommen und hat es mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gesagt, die
Zeiten des Gesetzes seien vorbei, kein äußeres Gesetz könne den Menschen
gerecht vor Gott und selig machen. So bestehet nun in der Freiheit, zu der euch Christus
befreit hat! [Gal. 5,1] Das
haben die Christen nun schon gar nicht verstanden. Über die Erkenntnis des
Paulus ist die katholische Kirche gewachsen wie eine ungeheure Wucherpflanze. Im 14., dann
wieder im 16. Jahrhundert sind tapfere deutsche Männer der Wahrheit aufs
Neue auf die Spur gekommen, wie der Prinz im Märchen dem Dornröschen im Dornenhag.11 Da haben die Mystiker des Mittelalters die
Christenheit zur Besinnung aufgerufen auf das Eine, was nottut [vgl.
Lk. 10,42], da haben Luther und Melanchthon in ihrer
Heldenzeit den Kampfruf ergehen lassen von der Freiheit des Christenmenschen, der ein freier Herr sei aller Dinge, niemand
untertan, keinem Gesetz unterworfen.12 Auch die 11 Zehn Gebote seien
abgeschafft, hat Melanchthon erklärt, Gott verlange vom Menschen nur Eines,
nämlich die innere Gerechtigkeit des Glaubens.13 Was
nicht aus |463 diesem Glauben komme, notwendig und
selbstverständlich, das sei Sünde
[vgl. Röm. 14,23].
Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
Die Sünde zu vergeben;
Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.
14
Aber wer glaubt dieser unsrer Predigt?
[Jes. 53,1], hätten alle diese
vereinzelten Propheten der Wahrheit schon zu ihren Zeiten ausrufen können.
Wer versteht das Wort von der Freiheit des Christenmenschen?, das doch
unter allen Gedanken der Bibel das erste und oberste ist? Es wird nicht verstanden, und
wo es verstanden wird, wird es missverstanden. Heute wie damals. Heute noch
sind 100 und 1000 geschäftige Hände am Werk, die Wahrheit zu verschütten und
zu begraben, weil ihnen die wirkliche Meinung Jesu, des Paulus, Luthers als verdächtig, einseitig,
gefährlich und unchristlich vorkommt. Das Reich Gottes scheint ihnen dem Untergang nahe, wenn
es keine Polizeiordnung darin geben soll wie in der Republik Genf, und sie merken nicht,
dass sie selbst mit ihren Gesetzen und Paragraphen die Aufrührer sind gegen
das Reich, das nicht von dieser Welt ist [vgl. Joh. 18,36]. Und da ist Keiner,
der unter sie führe, wie Paulus
einmal unter ihre Gesinnungsgenossen gefahren ist: O ihr unverständigen
Galater, wer hat euch bezaubert, dass ihr der Wahrheit nicht gehorchet?
[Gal. 3,1]
Die Wahrheit ist aber, dass uns Gottes Gesetz ins Herz und in den Sinn
geschrieben ist, wenn wir an Gott glauben, d. h. wenn wir Jesus |464 in Wahrheit nachfolgen, nicht als seine Nachahmer, sondern
als seine Jünger und Freunde. Solange uns der Glaube oder die rechte Nachfolge Jesu etwas Fremdes ist,
solange ist uns auch Gottes Gesetz fremd und unverständlich, unser Wille ist
dann auf dies und das gerichtet, wir gehorchen unsern Wünschen nach 12 Glück, wir gehorchen allerlei Paragraphen, aber
wir stehen bei all diesem Gehorsam nicht da als solche, die sagen: ich kann
nicht anders,15 sondern wir
können sehr wohl auch anders. Das Gesetz und die Regel unsres innern Lebens ist die Halbheit, weil
wir deutlich spüren, dass auch die Autoritäten, denen wir gehorchen, nur
Halbheiten sind, von denen man streichen und subtrahieren kann, hier viel,
dort weniger, ohne ihren Charakter wesentlich zu verändern. Dann kann uns
aber das Gesetz unsres Handelns unmöglich eine Kraft zum innern Leben sein,
denn Kraft ist nur da, wo Autorität ist, und zwar ganze Autorität, unter die man sich
beugt, und zwar nicht halb, sondern ganz.
Das Wesen des Gottesgesetzes erkennen wir dann recht, wenn wir verstehen, was
Jakobus meint, wenn er es das
königliche Gesetz nennt. Er will damit sagen: Es ist das Gesetz,
das für Könige gilt, dem die Könige unterworfen sind. Das war für die
Begriffe des Altertums ein heller
Widerspruch: Gesetz und König, wie es noch heute in den wenigen absoluten
Monarchien ein Widerspruch ist. Könige und Kaiser sind doch da gerade die,
die keinem Gesetz unterworfen sind. Und doch ist ein Gesetz da auch für sie,
meint Jakobus, wenigstens wenn sie wirkliche, rechte Könige und Fürsten
sind, die wissen, dass ihr Amt nicht um ihretwillen da ist, sondern sie um
des Amtes willen. Und dies Gesetz, das für sie gilt, ist sogar ernsthafter
und dringender als alle Gesetze und Paragraphen, denen ihre Untertanen
gehorchen müssen. Denn es ist das innere Gesetz, das ihnen sagt, wozu sie da
sind, nämlich zum Wohl und Heil der Andern, die ihnen anvertraut sind.
Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst, das ist das königliche Gesetz, das ist das große Gottesgesetz, das man in
keine Paragraphen fassen kann, weil es unendlich viel mehr fordert als
unsern Gehorsam |465 gegen diese oder jene Bestimmung,
weil es uns selbst, unser Herz, unsern Willen, unsre Ge13sinnung fordert. Und nun ist dies Gottesgesetz ein Ganzes. Es
kann von ihm auch der kleinste Buchstabe nicht vergehen, bevor Himmel und
Erde vergeht [Mt. 5,18].
Denn eben weil ein Christenmensch ein freier König ist, ein freier Herr über
alle Dinge und niemand untertan, eben darum weiß und erkennt er, dass er ein
dienstbarer Knecht aller Dinge ist und jedermann untertan.16 Seine
Freiheit
ist die Freiheit der Verantwortlichkeit, weil er weiß, dass eine Freiheit der
Unverantwortlichkeit in Wirklichkeit immer die größte Unfreiheit ist. Dies
Geheimnis der Freiheit und des innern Lebens hat Jesus offenbart, in seiner Lehre und noch mehr in
seinem Leben. Er hat es einmal von sich selbst ausgesprochen, was von da an
das Gottesgesetz seiner Jünger sein
sollte: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass
er diene [Mk. 10,45 par.],
und es gilt von diesen seinen Jüngern wörtlich, was Friedrich der Große vom rechten
König gesagt hat, dass er der oberste Diener des Staates sein müsse.17
Das ist das königliche Gottesgesetz, königlich, weil es Wahrheit ist von
innen heraus und weil es uns ganz in Anspruch nimmt, nicht nur
einzelne, wenige oder viele unsrer Handlungen und Gedanken, sondern uns
selbst. Es sagt uns: Du wirst dann ein Mensch und eine Persönlichkeit, wenn du rückhaltlos dich
selbst als Mittel brauchst, andre zu Menschen und Persönlichkeiten zu
machen. Du bist dann ein König und Herr, wenn du ganz ein Diener und Knecht
wirst. Es treffen sich in dieser Erkenntnis des Lebens die tiefen und großen
Geister der Menschheit über alle Unterschiede hinweg, und wieder beobachten
wir an dieser Stelle die feinen roten Linien, die alle großen und wertvollen
Menschen verbindenb
mit dem Kreuz auf
Golgatha, wo die Liebe,
die sich selbst hingibt, ihre große Offenbarung gefunden hat.
Da ist Paulus, der es uns zuruft:
«Ihr aber, liebe Brüder, seid |466 zur Freiheit berufen;
allein sehet zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet,
14 sondern durch die Liebe diene einer dem
andern. Denn alle Gesetze werden in einem Worte erfüllt, in dem: Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst.» [Gal. 5,13f.] Da sagt es uns wieder Luther, dass Gottes Gerechtigkeit, die er von uns fordert, darin besteht, dass seine
Güter fließen aus Einem in den Andern und allgemein werden, dass ein
Jeglicher sich seines Nächsten also annehme, als wäre er es selbst.18 Da ist Immanuel Kant, der es mit einer Deutlichkeit, wie sie vielleicht seit
Jesus nicht wieder dagewesen ist, ausgesprochen hat, dass der Weg vom Schein
zur Wahrheit nur der Weg der Pflicht sein kann, die uns beugt unter das Gesetz des
unsichtbaren sittlichen Reiches der Freiheit, das
allen gemeinsam ist und das Alle miteinander verbinden soll.19 Und da
ist Friedrich Schleiermacher, der
Große, nur von Wenigen recht Verstandene, der die Menschengeister lehren
wollte, sich selber suchen und finden nicht in ihren eigenen kleinen und
kleinlichen Kreisen, sondern im Universum der Geister, das uns im Spiegel
der Vielen den Einen zeigt, welcher der Geist und
die
Wahrheit ist.20
467 Aber nun fragst du mich: wie geht das zu, dass man so Gottes Gesetz erkenne
als das Eine, Ganze, was uns nötig ist? Und du hast recht, wenn du mich so
fragst. Denn wir wissen und erfahren das Alle: Damit, dass es uns gesagt
wird: Liebe deinen Nächsten als dich selbst!, damit steht dies Gesetz noch nicht als innere Wahrheit
vor unsrer Seele. Wie Viele hören es und merken nichts davon, dass es das
Königsgesetz der
freien, starken Menschen ist. Es bedarf dazu eines «Zauberschlages», wie
Schleiermacher das einmal genannt hat,21 durch den es uns
deutlich und gegenwärtig wird, dass die Wahrheit und Wirklichkeit jenseits der kleinen und großen Dinge
unsres äußern Daseins liegt, die uns jetzt so unendlich wichtig vorkommen;
es bedarf dazu der Offenbarung
Gottes, wie man das auch nennen kann, durch die uns gesagt wird, dass der
Weg zum Leben wirklich über Golgatha führt, durch den Verzicht, durch das Opfer für die Andern, 15 wie
Jesus es dargebracht hat. Es muss uns durch ein Wunder deutlich werden, dass
Gottes Gesetz nicht dies
und das ist, nicht etwas, das in unserm Leben auch eine Rolle
spielt, wie die Bibel und das Gesangbuch auf dem Bücherbrett stehen neben
allerlei andern Büchern, sondern die verborgene Macht, die uns so lange
unruhig und unglücklich macht, bis sie die alleinherrschende Macht auch
unsres Lebens geworden ist.
Diese Erkenntnis kann ich dir nun nicht einfach mitteilen und verschaffen,
lieber Freund, denn ich verfüge weder über den Zauberschlag noch über die
Offenbarung noch über das Wunder, das dazu nötig ist, und ich spüre auch
selber viel zu deutlich, wie sehr ich diese Dinge nötig habe. Aber ich will
dir sagen, wie du selbst zu dieser Erkenntnis kommen kannst, wie die ganzen
Menschen und Christen vor uns und um uns dazu gekommen sind und immer wieder
dazu |468 kommen. Ich habe das Wort Naumanns genannt, dass das, was Jesus
seinen Jüngern geboten habe, eine Anweisung gewesen sei für «die Kindschaft
Gottes in Galiläa». Er wollte
damit sagen, dass das, was wir nötig hätten, etwas sei, das von jenen
Anweisungen möglicherweise recht verschieden sei, dass man also auch aus den
Worten Jesu nicht ein wörtliches Gottesgesetz machen könne. Allein ich will
euch nun auch sagen, wie Naumann dort fortfährt: «Wenn verschiedene Stoffe
brennen» – sagt er – «so ist das Brennen selbst immer der
gleiche Vorgang, aber die Flamme ist, je nach der Grundlage des
Verbrennungsvorgangs, verschieden in Umfang, Leuchtkraft, Farbe und
Temperatur. Man zündet aber die Flamme des zweiten Stoffes an der des
ersten an.»22 So geht’s zu! Es wird
von Jesus erzählt: es ging Kraft von ihm aus, die heilte jedermann [Lk. 6,19]. Und diese Kraft
mag immer in Galiläa vor 2000
Jahren gewirkt haben in den Formen, die dem Ort und der Zeit angemessen
waren, es wäre doch eine Torheit zu behaupten, dass sie durch die Entfernung
geschwächt und vermindert worden sei. Denn die Kraft Jesu ist ja 16 gerade das Persönliche an ihm, das alle Unterschiede der Länder
und Zeiten überragt, weil es in sich selbst ewig und allgemeingültig ist.
Das ist das starke, große Brennen, von dem unsre kleinen Lichter ihren
Schein, ihre Flamme leihen sollen und dürfen. Das ist das lebendig gewordene
große, einfache Gottesgesetz, das königliche Gesetz der Freiheit. Jesus hat sich vor Pilatus mit Recht einen
König nennen können [vgl. Joh. 18,37], denn bei ihm war das, was bei uns erst werden soll,
vollendete, gegenwärtige Tatsache: Es floss aus seinem Innern mit
kristallheller Klarheit die freie Notwendigkeit, die seinem Leben Richtung
und Aufgaben, Wert und Inhalt gab. Sein Leben war etwas Ganzes,
Einheitliches, weil er sich ganz und einheitlich unter diese Notwendigkeit
stellte. Und weil er so war, konnte er für uns Andere der Herold der Wahrheit
werden, keinem andern vergleichbar. Denn alle andern Wahrheiten sind nur der
Vorhof für die eine große, dass unser inneres Leben sich sammle und eine aus der
Zerstreuung der Selbstsucht zur Ganzheit der Liebe. Wo es zu dieser Ganzheit
kommt unter den Menschen und in den Menschen, da ist Jesus, da
ist das königliche Gesetz, das wir nötig haben. Wir müssen noch einmal auf diesen
Gegenstand zurückkommen. In |469 dessen gehe du hin und
besinne dich, ob du auch schon etwas davon gesehen hast.
«Siehe», sagt Luther, «das ist die rechte geistliche, christliche Freiheit,
die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle
andre Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Diese gebe uns Gott recht
zu verstehen und zu behalten!»23