Predigt Nr. 40 · 22. Mai 1910

Predigt: Jakobus 2,8-13 (I)

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Jakobus 2,8–13 (I)
Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, so tut ihr gut daran. Wenn ihr aber dabei Ansehung der Person übt, dann tut ihr Sünde und seid vom Gesetz als Übertreter erwiesen. Denn wer das ganze Gesetz hält, fehlt aber in einem Stücke, der hat sich gegen das Ganze verfehlt. Denn der da sprach: Du sollst nicht ehebrechen, sprach auch: Du sollst nicht töten. Wenn du nun zwar nicht ehebrichst, tötest aber, so bist du ein Übertreter des Gesetzes geworden. So redet und so handelt wie Leute, welche durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der nicht Barmherzigkeit tut. Barmherzigkeit aber besteht freudig vor Gericht.
Meine Freunde!

Was ich euch da vorgelesen habe, das ist auf den ersten Blick eine trockene moralische Abhandlung. Die Worte des Jakobus wollen auch nichts sein als eine Theorie oder allgemeine Regel, die er an den vorher erwähnten besondern Fall aus dem Leben der Christengemeinde anknüpft. Ihr erinnert euch dieses Falls. Es handelte sich dort um den Armen und den Reichen, die in die kirchliche Versammlung kommen, und um die verschiedene Aufnahme, die die Beiden finden.1 Jakobus bemerkt dazu: Gute Freunde, hinter der Verschiedenheit eures Redens und Handelns in diesem scheinbar so unbeträchtlichen Fall versteckt sich eine ganz beträchtliche Halbheit eures Christentums, d. h. aber eures innern Lebens. Ganze Christen, ganze Menschen seid ihr nicht, wenn ihr so seid. Nun fährt er fort – und damit kommen wir zu dem Gegenstand, der uns heute beschäftigen soll –: Gottes Gesetz, das ihr ja kennt und anerkennt ist ein ganzes Gesetz; wer es erfüllen will, muss es ganz erfüllen, und danach fällt Gottes Urteil und Gericht über uns aus, ob wir Halbe gewesen sind und sind |455 im Gehorsam gegen sein Gesetz oder Ganze. Vom Gesetz, von seiner Erfüllung und vom Gericht haben wir also heute und das nächste Mal zu reden. Das sind zweifellos harte, trockene Worte, ich wiederhole es, aber ich hoffe doch, dass ich mich nicht täusche, wenn ich annehme, ihr habt auch etwas gespürt von dem Unterton ruhiger, verhaltener Freude und Siegesgewissheit, der in den theoretischen, fast theologischen Ausführungen unsres Textes mitklingt. Ein königliches Gesetz wird das Gottesgesetz der Nächstenliebe genannt, als ein Gesetz der Freiheit will es verstanden und erfüllt sein, und von dem, der es erfüllt, heißt es, dass er freudig besteht vor Gericht. Diesen starken, reinen Klang von der Freude des inwendigen Menschen wollen wir recht kräftig mitklingen lassen, wahrlich nicht, um den großen Ernst des Gedankens, mit dem wir’s zu schaffen haben, zu vertuschen und abzuschwächen, sondern weil es der Sache nach nicht anders möglich und recht wäre. Denn bei den großen guten Menschen, die Gott vor Augen und im Herzen tragen, ist der Ernst und die Freude des inwendigen Lebens immer beieinander gewesen. Ja man kann nicht einmal sagen, dass Beides für sie überhaupt zweierlei war. Die ernste Freude und der freudige Ernst waren die verborgene Grundlage ihres Wesens und Lebens. Das war Jesu Art; das soll unsre Art werden.

Wenn wir das verstehen, dann verstehen wir auch, dass unser Text und Gegenstand so recht in diese Frühlingszeit passt. Das ist doch die Zeit, wo wir deutlicher als sonst spüren, wie unser Leben und Wesen verwoben und verflochten ist mit dem Leben der Natur. Wenn die Wälder und Fluren und Gärten sich mit neuem Grün schmücken, dann erwachen auch die Menschen, die in den Städten zumeist, zu einem neuen Leben der Freude:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.2

456 Wer hat ihn noch nie empfunden und erlebt, äußerlich und noch mehr innerlich, den Menschenfrühling, den die Dichter verherrlichen, wo es uns voll und weit und frei ums Herz wird, wo wir die Sorgen und alles Kleinliche hinter uns lassen möchten, wo wir die Stuben hinter uns lassen, um über Berg und Tal zu wandern, der aufgehenden Sonne entgegen. Aber da ist auch Keiner, in dem die Majestät der erwachenden Natur nicht noch ganz andre Regungen erweckt, der nicht etwas spürt von dem tiefen melancholischen Ernst, der allem Dasein innewohnt, weil alles, was da ist, bestimmt ist, eine kleine Weile sich zu entfalten, dann aber zu vergehen, weil Schöpfung und Untergang sich ablösen müssen in ewigem Wechsel. Das spüren und ahnen wir auch im Anblick der werdenden Frühlingspracht, auch dann, wenn keine schweren Ereignisse unsres äußern und innern Lebens für uns ihre Schatten werfen in all die Herrlichkeit. Im Doppelgesicht der Natur erkennen wir wie im Spiegel unser eigenes Doppelgesicht, in unsrer Seele kämpft, was wird und war, ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.3 Da mag es uns wohl gehen, dass wir vorwärtsblickend aufjauchzen wie Goethe, als er im Juni 1775 den Zürcher See hinauffuhr:

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!

Es ist doch dieselbe holde und gute Natur, die uns im selben Augenblick die andre Seite unsres Wesens zeigt und gegenwärtig hält, wehmütig und schmerzlich:

Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?

Und diese Regungen mögen wir dann wohl verscheuchen mit einer heftigen Bewegung:

Weg, du Traum! so gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.4

457 Es bleibt doch der Stachel, es bleibt doch die unmittelbare Erkenntnis, dass wir nicht sind, was wir sein sollten, dass wir keine Einheit sind, sondern ein Doppelwesen. Darüber hilft uns der Frühling der Natur nicht hinweg, wenn wir ihn ernsthaft und nicht oberflächlich auf uns wirken lassen. Sondern er bringt uns gerade das schmerzlich zum Bewusstsein, dass wir mit dem Leben und Wesen der Natur nicht nur verwoben und verflochten, sondern verbunden und verkettet sind, nicht nur mit ihrer Freude, sondern mit ihrem tiefen, tiefen Leid. Und darum nenne ich die Gedanken, die uns heute beschäftigen sollen, eine Botschaft für die Frühlingszeit; denn das ist offenbar, dass sie uns anleiten wollen, aus Doppelwesen eine Einheit zu werden, aus Halben zu Ganzen. Wollen wir Menschen werden, dann muss die Kluft in uns geschlossen und überbrückt werden, die die Pracht der Natur nicht zu schließen vermag, weil die Natur selbst zweideutig ist. Die Kluft zwischen Vorwärts und Rückwärts, zwischen Sollen und Können, zwischen Aufgabe und Fähigkeit. Es muss Ernst und Freude, Leid und Lust zurücktreten, verschwinden, sich vereinigen zu der verborgenen Einheit eines sich selbst gleichen, guten Bewusstseins, das will aber sagen: es muss Gott die Gewalt bekommen über uns, er, der über der Natur steht mit ihren Wechseln, er, der die Wahrheit ist inmitten des Scheins. Es muss sich das an uns und in uns erfüllen, worum wir ihn am Pfingstfest angerufen:

Entdecke Alles und verzehre,
Was nicht in deinem Lichte rein,
Wenn mir’s gleich noch so schmerzlich wäre:
Die Wonne folget nach der Pein.
Du kannst mein Herz voll dunkler Falten
In Jesu Klarheit umgestalten.5

Der erste und wichtigste Schritt zu diesem Ziel, den wir heute zu erwägen haben, ist die Erkenntnis, dass Gottes Gesetz ein Ganzes ist. Wir verstehen es entweder ganz oder gar nicht. Es ist gut, wenn wir uns das recht deutlich machen, denn es geht uns in unserm Verhältnis zu Gott, d. h. bei der Gestaltung unsres innern Lebens meistens so, |458 dass wir schon diesen ersten und wichtigsten Schritt verfehlen, dass wir nicht die Aufrichtigkeit und die Kraft finden, ihn wirklich zu tun. Gottes Gesetz ist ein Ganzes, Abgeschlossenes, Vollständiges, sonst wäre es nicht Gottes Gesetz. Man kann von ihm nichts abtrennen und abmarkten, ohne es selbst zu verleugnen und zu übertreten. Vielleicht ist diese Erkenntnis uns Menschen von heute schwerer gemacht als denen früherer Tage, aber vielleicht stehen wir ihr doch in der Hauptsache näher als jene. Die früheren Tage, die ich meine, sind die Zeiten des Mittelalters, aber auch noch der Reformationszeit, und diese Zeiten ragen in mannigfachster Weise auch noch in unsre Zeit hinein. Wenn da gefragt wurde und gefragt wird: «Was ist Gottes Gesetz?», dann wurde und wird darauf die Antwort gegeben: Gottes Gesetz sind die Gebote und Lehren der Kirche und der Bibel. Da war es dann für ein scharfes und konsequentes Denken selbstverständlich fortzufahren: Gottes Gesetz kann nicht halb, sondern muss ganz gelten. Darum, sagten die großen Kirchenlehrer des katholischen Christentums, darum schuldet der Mensch den Geboten der Kirche ganzen Respekt und Gehorsam bis in die letzten und einzelsten Punkte. Darum, sagten die Reformatoren in ihrer spätern Zeit, darum ist die Bibel bis auf den letzten Buchstaben Autorität im strengsten Sinn. Außerhalb der Kirche, außerhalb der Bibel kein Heil.6 Denn Gottes Gesetz kann nicht gebrochen werden. Das waren von den Ganzen, die Männer, die diese Auffassung von Gottes Gesetz hatten, ein Augustin, ein Calvin sind des Zeugen. In der katholischen Kirche ist es noch heute die herrschende Auffassung. Ich brauche nicht erst zu sagen, dass es nicht mehr die unsre ist. Calvins Auffassung von der Autorität der Bibel7 wäre für uns eine Unwahrhaftigkeit, auch wenn wir uns dazu zwingen könnten, sie anzunehmen. Das war ja schon in der Reformationszeit allgemein anerkannt, wenigstens in der Praxis, dass die Gebote der Bibel uns nicht zum wirklichen Gehorsam verpflichteten, die offenkundig nur für das Volk Israel, für die damalige Zeit |459 und Umstände Geltung hätten. Aber je genauer man es genommen hat mit der Erforschung der heiligen Schrift, desto mehr hat man gemerkt, dass deren viel mehr seien, als man gedacht hatte – nicht nur im Alten, sondern auch im Neuen Testament, dass wir unser Leben ebensowenig ohne Weiteres nach den sittlichen Weisungen der Apostel als nach denen des Moses und der Propheten einrichten können, und ganz folgerichtig hat es dann vor sechs Jahren Friedrich Naumann8 in seinen «Briefen über Religion» auch über die Gebote der Bergpredigt ausgesprochen: «Das, was Jesus bietet, ist die Kindschaft Gottes in Galiläa … eine Kindschaft Gottes in Paris oder London oder Berlin ist nicht genau dasselbe.»9 |

Ihr versteht, was die Entwicklung der Anschauungen, die ich da kurz andeutete, sagen will. Man ist durch Gründe, die zunächst äußerlicher Natur sind, nämlich durch die genauere Beschäftigung mit der Bibel und dann durch die Veränderung der Zeiten und Zustände zu der Erkenntnis gekommen, dass die Gebote und Vorschriften der Bibel, auch die Jesu, für uns entweder keine oder nur noch beschränkte Gültigkeit haben. Sie haben gegolten in Jerusalem und Galiläa vor 2000 Jahren, aber ob und wieweit sie gelten in Paris, London und Berlin, in Zürich und Genf im Jahr 1910, das ist eben die Frage. Ihr versteht nun, warum ich sagte, es sei für uns Menschen von heute schwer geworden, die Tatsache zu erkennen und anzuerkennen, dass das Gesetz Gottes ein Ganzes ist und bleiben muss. Denn auf den ersten Blick muss es uns scheinen, als ob uns eine solche runde, klare Antwort auf die Frage, was denn Gottes Gesetz sei, wie Calvin sie geben konnte, nicht nur schwierig, sondern unmöglich geworden sei. Wo haben wir Gottes Gesetz? In den Zehn Geboten? Aber die Zehn Gebote enthalten für die Bedürfnisse unsres Lebens teils zu viel: ich erinnere an das Verbot des Bildermachens oder an das Sabbatgebot. Teils auch zu wenig: es fehlt uns in ihnen die Forderung der inwendigen Gerechtigkeit, auf die für uns Christen gerade Alles ankommt. Oder ist für uns die Bergpredigt das Gottes-Gesetz geworden, das an Stelle der alttestamentlichen Gebote getreten ist? Jesu Meinung ist das |460 jedenfalls nicht gewesen, und es bleibt das, was ich eben von Naumann zitierte, zurecht bestehen, dass ihre Forderungen nach Form und Inhalt zunächst nach Galiläa gehören. Oder ist der große Apostel und Missionar Paulus unser Gesetzgeber? Er würde den schön angefahren haben, der ihn so angeredet hätte, und wir müssten überdies wieder sagen, wenn wir wenigstens aufrichtig sein wollen, dass, was den Korinthern recht war, den Genfern noch nicht notwendig billig sein muss. Oder wollen wir am Ende hingehen, alle diese Fragen in einer erbaulichen Unklarheit lassen, um uns aus den Geboten des Moses, der Bergpredigt, der Apostel ein Gesetz zurechtzuschneiden und zurechtzurücken nach eigenem Gutfinden, hier ein bisschen, da ein bisschen, ein bisschen biblisch, ein bisschen modern, und vor dieser Ruine dann sagen: Das ist nun Gottes Gesetz? Viele tun das, nennen sich christlich und evangelisch mit besonderer Nuance, sehen auf die Andern hoch herab, obwohl sie ganz gut wissen, dass sie sich in Tat und Wahrheit auch beim aufrichtigsten Wollen zu den Aufgaben und Fragen des Lebens auch nicht anders stellen als die Aufrichtigen und Willigen unter den Andern. Ich denke, wir wollen auf diesen Weg nicht gehen; es wäre ein Weg der Unklarheit, und weil wir das wissen, wäre er für uns ein Weg der Unwahrheit. So mag es wohl aussehen, als seien uns alle Wege zur Erkenntnis des Gesetzes Gottes versperrt. Aber nun wiederhole ich das andre: Vielleicht eben darum sind wir tatsächlich dieser Erkenntnis näher, sind wir wieder auf dem Wege zu einer Erkenntnis des Gottesgesetzes als eines ungebrochenen Ganzen, wie Augustin und Calvin in ihrer Art sie hatten. Ich sage nicht, dass wir sie schon haben, aber wir sind vielleicht auf dem Weg dazu. Denn sowie man begonnen hat und beginnen musste, Abstriche und Abzüge von der alten ungebrochenen Autorität des Bibelworts zu machen, betrat man auch den Weg der Halbheiten, ob nun der übrigbleibende Rest kleiner oder größer war. Schließlich war noch die Autorität der Gebote Jesu übrig, und nun hat man also auch von diesen gesagt, dass sie im Grunde nur vor 2000 Jahren in Galiläa Gültigkeit gehabt hätten, nicht mehr im modernen Europa von heutzutage. Wir werden gleich sehen, wie es damit steht. Jedenfalls meine ich, dass es gut ist, dass es so weit gekommen ist. Auch der Weg der Halbheiten ist damit zu Ende gegangen. Eine Autorität, von der man so mit allerlei triftigen und weniger triftigen Gründen streichen und sub|461trahieren kann, ist keine Autorität, am Wenigsten verdiente sie den Namen «Gesetz Gottes».

Sondern wir müssen zurückkehren zu der tiefen und richtigen Erkenntnis Calvins, dass Gottes Gesetz ein Ganzes ist, das nicht gebrochen, aus dem nichts herausgebrochen und gestrichen werden kann. Es muss das Gerede aufhören, als ob wir Christen von heute uns von denen früherer Zeiten darin unterschieden, dass wir’s mit Gottes Gesetz nicht mehr so streng nehmen müssten, weil wir freier und aufgeklärter seien als sie, und was dergleichen Torheiten mehr sind. Man kann es mit Gott nicht streng genug nehmen, meine Freunde; zu streichen und abzuziehen gibt es da gar nichts, heute so wenig als zur Zeit Calvins. Wohl aber wollen wir das Gesetz Gottes, das ein Ganzes sein und bleiben muss, an einer tieferliegenden Quelle aufsuchen, bei einer Quelle, wo die Halbheiten und Subtraktionsexempel von selbst ihr Ende haben. Die Sache steht so: Wenn einer fragt nach Recht und Gesetz, die in der Republik Genf Geltung haben, dann kann man ihn hinweisen auf die Verfassung, auf die Zivil- und Strafgesetze, auf die Polizeiverordnungen. Im Reiche Gottes ist ein solcher Hinweis nicht möglich. Man kann da einem, der nach den geltenden Gesetzen fragt, nur sagen: Werde du ein williger Bürger dieses Reiches, so wirst du es erfahren. Statuten und Paragraphen gibt es da nicht, denn gleich der erste Artikel der Verfassung hebt alle andern auf; der Prophet Jeremia hat diesen ersten Artikel einmal so ausgesprochen: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, so will ich ihr Gott sein. Und wird keiner den andern, noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn!, sondern sie sollen mich alle kennen, beide, klein und groß, spricht der Herr [Jer. 31,33f.]. Das will sagen: Es gibt kein anderes Gottesgesetz als den Glauben. In der Hingabe unsres Herzens und unsres Willens an Gott wird Gottes Wille und Gesetz erkannt; neben dieser einen Erkenntnis sind alle andern nur Schattenbilder,10 aus dieser einen gehen alle andern, die wir für unser Leben brauchen, notwendig hervor.

Es ist eine ganz erstaunliche Sache zu sehen, wie diese einfache grundlegende Einsicht den Christen immer wieder verlorengegangen ist. Jesus hat sie mit aller Klarheit ausgesprochen. Er ist recht eigent|462lich darum Gottes Offenbarung gewesen, weil er es uns gezeigt und vorgemacht hat, dass rechte, gute Menschen die seien, die reines Herzens sind [vgl. Mt. 5,8] und die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit [vgl. Mt. 5,6]. Alle seine Gebote zielten nur auf das eine ab, uns zum Gehorsam gegen dies eine Gebot zu erziehen. Man hat das nicht verstanden, man hat seine Gebote hingenommen, ohne zu überlegen, was er damit wollte, und hat aus der Bergpredigt doch wieder ein Zivilgesetzbuch gemacht, mit dessen Paragraphen man sich dann durch Halbheiten, später durch immer größere, offene und heimliche Abstriche abzufinden gedachte. Esa ist Paulus gekommen und hat es mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gesagt, die Zeiten des Gesetzes seien vorbei, kein äußeres Gesetz könne den Menschen gerecht vor Gott und selig machen. So bestehet nun in der Freiheit, zu der euch Christus befreit hat! [Gal. 5,1] Das haben die Christen nun schon gar nicht verstanden. Über die Erkenntnis des Paulus ist die katholische Kirche gewachsen wie eine ungeheure Wucherpflanze. Im 14., dann wieder im 16. Jahrhundert sind tapfere deutsche Männer der Wahrheit aufs Neue auf die Spur gekommen, wie der Prinz im Märchen dem Dornröschen im Dornenhag.11 Da haben die Mystiker des Mittelalters die Christenheit zur Besinnung aufgerufen auf das Eine, was nottut [vgl. Lk. 10,42], da haben Luther und Melanchthon in ihrer Heldenzeit den Kampfruf ergehen lassen von der Freiheit des Christenmenschen, der ein freier Herr sei aller Dinge, niemand untertan, keinem Gesetz unterworfen.12 Auch die Zehn Gebote seien abgeschafft, hat Melanchthon erklärt, Gott verlange vom Menschen nur Eines, nämlich die innere Gerechtigkeit des Glaubens.13 Was nicht aus |463 diesem Glauben komme, notwendig und selbstverständlich, das sei Sünde [vgl. Röm. 14,23].

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,
Die Sünde zu vergeben;
Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.14

Aber wer glaubt dieser unsrer Predigt? [Jes. 53,1], hätten alle diese vereinzelten Propheten der Wahrheit schon zu ihren Zeiten ausrufen können. Wer versteht das Wort von der Freiheit des Christenmenschen?, das doch unter allen Gedanken der Bibel das erste und oberste ist? Es wird nicht verstanden, und wo es verstanden wird, wird es missverstanden. Heute wie damals. Heute noch sind 100 und 1000 geschäftige Hände am Werk, die Wahrheit zu verschütten und zu begraben, weil ihnen die wirkliche Meinung Jesu, des Paulus, Luthers als verdächtig, einseitig, gefährlich und unchristlich vorkommt. Das Reich Gottes scheint ihnen dem Untergang nahe, wenn es keine Polizeiordnung darin geben soll wie in der Republik Genf, und sie merken nicht, dass sie selbst mit ihren Gesetzen und Paragraphen die Aufrührer sind gegen das Reich, das nicht von dieser Welt ist [vgl. Joh. 18,36]. Und da ist Keiner, der unter sie führe, wie Paulus einmal unter ihre Gesinnungsgenossen gefahren ist: O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, dass ihr der Wahrheit nicht gehorchet? [Gal. 3,1]

Die Wahrheit ist aber, dass uns Gottes Gesetz ins Herz und in den Sinn geschrieben ist, wenn wir an Gott glauben, d. h. wenn wir Jesus |464 in Wahrheit nachfolgen, nicht als seine Nachahmer, sondern als seine Jünger und Freunde. Solange uns der Glaube oder die rechte Nachfolge Jesu etwas Fremdes ist, solange ist uns auch Gottes Gesetz fremd und unverständlich, unser Wille ist dann auf dies und das gerichtet, wir gehorchen unsern Wünschen nach Glück, wir gehorchen allerlei Paragraphen, aber wir stehen bei all diesem Gehorsam nicht da als solche, die sagen: ich kann nicht anders,15 sondern wir können sehr wohl auch anders. Das Gesetz und die Regel unsres innern Lebens ist die Halbheit, weil wir deutlich spüren, dass auch die Autoritäten, denen wir gehorchen, nur Halbheiten sind, von denen man streichen und subtrahieren kann, hier viel, dort weniger, ohne ihren Charakter wesentlich zu verändern. Dann kann uns aber das Gesetz unsres Handelns unmöglich eine Kraft zum innern Leben sein, denn Kraft ist nur da, wo Autorität ist, und zwar ganze Autorität, unter die man sich beugt, und zwar nicht halb, sondern ganz.

Das Wesen des Gottesgesetzes erkennen wir dann recht, wenn wir verstehen, was Jakobus meint, wenn er es das königliche Gesetz nennt. Er will damit sagen: Es ist das Gesetz, das für Könige gilt, dem die Könige unterworfen sind. Das war für die Begriffe des Altertums ein heller Widerspruch: Gesetz und König, wie es noch heute in den wenigen absoluten Monarchien ein Widerspruch ist. Könige und Kaiser sind doch da gerade die, die keinem Gesetz unterworfen sind. Und doch ist ein Gesetz da auch für sie, meint Jakobus, wenigstens wenn sie wirkliche, rechte Könige und Fürsten sind, die wissen, dass ihr Amt nicht um ihretwillen da ist, sondern sie um des Amtes willen. Und dies Gesetz, das für sie gilt, ist sogar ernsthafter und dringender als alle Gesetze und Paragraphen, denen ihre Untertanen gehorchen müssen. Denn es ist das innere Gesetz, das ihnen sagt, wozu sie da sind, nämlich zum Wohl und Heil der Andern, die ihnen anvertraut sind. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist das königliche Gesetz, das ist das große Gottesgesetz, das man in keine Paragraphen fassen kann, weil es unendlich viel mehr fordert als unsern Gehorsam |465 gegen diese oder jene Bestimmung, weil es uns selbst, unser Herz, unsern Willen, unsre Gesinnung fordert. Und nun ist dies Gottesgesetz ein Ganzes. Es kann von ihm auch der kleinste Buchstabe nicht vergehen, bevor Himmel und Erde vergeht [Mt. 5,18]. Denn eben weil ein Christenmensch ein freier König ist, ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan, eben darum weiß und erkennt er, dass er ein dienstbarer Knecht aller Dinge ist und jedermann untertan.16 Seine Freiheit ist die Freiheit der Verantwortlichkeit, weil er weiß, dass eine Freiheit der Unverantwortlichkeit in Wirklichkeit immer die größte Unfreiheit ist. Dies Geheimnis der Freiheit und des innern Lebens hat Jesus offenbart, in seiner Lehre und noch mehr in seinem Leben. Er hat es einmal von sich selbst ausgesprochen, was von da an das Gottesgesetz seiner Jünger sein sollte: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene [Mk. 10,45 par.], und es gilt von diesen seinen Jüngern wörtlich, was Friedrich der Große vom rechten König gesagt hat, dass er der oberste Diener des Staates sein müsse.17

Das ist das königliche Gottesgesetz, königlich, weil es Wahrheit ist von innen heraus und weil es uns ganz in Anspruch nimmt, nicht nur einzelne, wenige oder viele unsrer Handlungen und Gedanken, sondern uns selbst. Es sagt uns: Du wirst dann ein Mensch und eine Persönlichkeit, wenn du rückhaltlos dich selbst als Mittel brauchst, andre zu Menschen und Persönlichkeiten zu machen. Du bist dann ein König und Herr, wenn du ganz ein Diener und Knecht wirst. Es treffen sich in dieser Erkenntnis des Lebens die tiefen und großen Geister der Menschheit über alle Unterschiede hinweg, und wieder beobachten wir an dieser Stelle die feinen roten Linien, die alle großen und wertvollen Menschen verbindenb mit dem Kreuz auf Golgatha, wo die Liebe, die sich selbst hingibt, ihre große Offenbarung gefunden hat. Da ist Paulus, der es uns zuruft: «Ihr aber, liebe Brüder, seid |466 zur Freiheit berufen; allein sehet zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn alle Gesetze werden in einem Worte erfüllt, in dem: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» [Gal. 5,13f.] Da sagt es uns wieder Luther, dass Gottes Gerechtigkeit, die er von uns fordert, darin besteht, dass seine Güter fließen aus Einem in den Andern und allgemein werden, dass ein Jeglicher sich seines Nächsten also annehme, als wäre er es selbst.18 Da ist Immanuel Kant, der es mit einer Deutlichkeit, wie sie vielleicht seit Jesus nicht wieder dagewesen ist, ausgesprochen hat, dass der Weg vom Schein zur Wahrheit nur der Weg der Pflicht sein kann, die uns beugt unter das Gesetz des unsichtbaren sittlichen Reiches der Freiheit, das allen gemeinsam ist und das Alle miteinander verbinden soll.19 Und da ist Friedrich Schleiermacher, der Große, nur von Wenigen recht Verstandene, der die Menschengeister lehren wollte, sich selber suchen und finden nicht in ihren eigenen kleinen und kleinlichen Kreisen, sondern im Universum der Geister, das uns im Spiegel der Vielen den Einen zeigt, welcher der Geist und die Wahrheit ist.20

467 Aber nun fragst du mich: wie geht das zu, dass man so Gottes Gesetz erkenne als das Eine, Ganze, was uns nötig ist? Und du hast recht, wenn du mich so fragst. Denn wir wissen und erfahren das Alle: Damit, dass es uns gesagt wird: Liebe deinen Nächsten als dich selbst!, damit steht dies Gesetz noch nicht als innere Wahrheit vor unsrer Seele. Wie Viele hören es und merken nichts davon, dass es das Königsgesetz der freien, starken Menschen ist. Es bedarf dazu eines «Zauberschlages», wie Schleiermacher das einmal genannt hat,21 durch den es uns deutlich und gegenwärtig wird, dass die Wahrheit und Wirklichkeit jenseits der kleinen und großen Dinge unsres äußern Daseins liegt, die uns jetzt so unendlich wichtig vorkommen; es bedarf dazu der Offenbarung Gottes, wie man das auch nennen kann, durch die uns gesagt wird, dass der Weg zum Leben wirklich über Golgatha führt, durch den Verzicht, durch das Opfer für die Andern, wie Jesus es dargebracht hat. Es muss uns durch ein Wunder deutlich werden, dass Gottes Gesetz nicht dies und das ist, nicht etwas, das in unserm Leben auch eine Rolle spielt, wie die Bibel und das Gesangbuch auf dem Bücherbrett stehen neben allerlei andern Büchern, sondern die verborgene Macht, die uns so lange unruhig und unglücklich macht, bis sie die alleinherrschende Macht auch unsres Lebens geworden ist.

Diese Erkenntnis kann ich dir nun nicht einfach mitteilen und verschaffen, lieber Freund, denn ich verfüge weder über den Zauberschlag noch über die Offenbarung noch über das Wunder, das dazu nötig ist, und ich spüre auch selber viel zu deutlich, wie sehr ich diese Dinge nötig habe. Aber ich will dir sagen, wie du selbst zu dieser Erkenntnis kommen kannst, wie die ganzen Menschen und Christen vor uns und um uns dazu gekommen sind und immer wieder dazu |468 kommen. Ich habe das Wort Naumanns genannt, dass das, was Jesus seinen Jüngern geboten habe, eine Anweisung gewesen sei für «die Kindschaft Gottes in Galiläa». Er wollte damit sagen, dass das, was wir nötig hätten, etwas sei, das von jenen Anweisungen möglicherweise recht verschieden sei, dass man also auch aus den Worten Jesu nicht ein wörtliches Gottesgesetz machen könne. Allein ich will euch nun auch sagen, wie Naumann dort fortfährt: «Wenn verschiedene Stoffe brennen» – sagt er – «so ist das Brennen selbst immer der gleiche Vorgang, aber die Flamme ist, je nach der Grundlage des Verbrennungsvorgangs, verschieden in Umfang, Leuchtkraft, Farbe und Temperatur. Man zündet aber die Flamme des zweiten Stoffes an der des ersten an.»22 So geht’s zu! Es wird von Jesus erzählt: es ging Kraft von ihm aus, die heilte jedermann [Lk. 6,19]. Und diese Kraft mag immer in Galiläa vor 2000 Jahren gewirkt haben in den Formen, die dem Ort und der Zeit angemessen waren, es wäre doch eine Torheit zu behaupten, dass sie durch die Entfernung geschwächt und vermindert worden sei. Denn die Kraft Jesu ist ja gerade das Persönliche an ihm, das alle Unterschiede der Länder und Zeiten überragt, weil es in sich selbst ewig und allgemeingültig ist. Das ist das starke, große Brennen, von dem unsre kleinen Lichter ihren Schein, ihre Flamme leihen sollen und dürfen. Das ist das lebendig gewordene große, einfache Gottesgesetz, das königliche Gesetz der Freiheit. Jesus hat sich vor Pilatus mit Recht einen König nennen können [vgl. Joh. 18,37], denn bei ihm war das, was bei uns erst werden soll, vollendete, gegenwärtige Tatsache: Es floss aus seinem Innern mit kristallheller Klarheit die freie Notwendigkeit, die seinem Leben Richtung und Aufgaben, Wert und Inhalt gab. Sein Leben war etwas Ganzes, Einheitliches, weil er sich ganz und einheitlich unter diese Notwendigkeit stellte. Und weil er so war, konnte er für uns Andere der Herold der Wahrheit werden, keinem andern vergleichbar. Denn alle andern Wahrheiten sind nur der Vorhof für die eine große, dass unser inneres Leben sich sammle und eine aus der Zerstreuung der Selbstsucht zur Ganzheit der Liebe. Wo es zu dieser Ganzheit kommt unter den Menschen und in den Menschen, da ist Jesus, da ist das königliche Gesetz, das wir nötig haben. Wir müssen noch einmal auf diesen Gegenstand zurückkommen. In |469 dessen gehe du hin und besinne dich, ob du auch schon etwas davon gesehen hast.

«Siehe», sagt Luther, «das ist die rechte geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andre Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Diese gebe uns Gott recht zu verstehen und zu behalten!»23

Amen.
Lieder:
  • Nr. 42: «Die goldne Sonne» von P. Gerhardt, Strophen 1–3 (RG 571; EG 449,1–3 [jeweils: «Die güldne Sonne»; EG mit Textabweichung in Strophe 3]). 🎵
  • Nr. 241: «Ich will dich lieben, meine Stärke» von J. Scheffler, Strophen 1–2 und 3–5 (RG 682; EG 400 [jeweils mit Textabweichungen]). 🎵
Lesungstext:
  • Markus 7,1–16.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus: «Dann».↩
b
Mskr.: «verbindet»; von den Hrsg. geändert.↩

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 425-438.↩
2
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 923–928 (Vor dem Tor). 📖 ↩
3
Vgl.C. F. Meyer, Huttens letzte Tage, XXXII: Luther, V. 11f. (ders., Sämtliche Werke in zwei Bänden, München 1968, Bd. 2, S. 408) 📖. – Siehe oben, S. 173.↩
4
Aus Strophe 1 und Strophe 2 des Gedichts «Auf dem See» von J. W. von Goethe (Erstdruck: 1789; Berliner Ausgabe. Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 55) 📖.↩
5
Strophe 2 des Lied «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen (GERS 151; RG 510). 🎵 ↩
6
Vgl. Cyprian, Ep. 73,21 (CSEL 3/II, S. 795,3f.) 📖: «quia salus extra eclesiam non est»; vgl. für die katholische Tradition: DH 792.802.870.1051.1351.1870. 2543.2867.3866. 📖 – Die reformatorische Auffassung, nach der die Heilige Schrift allein das Heil in Christus bezeuge, bündelt sich in der Formel «sola scriptura».↩
7
Vgl. besonders Inst. I,6f 📖.↩
8
Friedrich Naumann (1860–1919), Theologe und Sozialpolitiker, Pfarrer, Mitbegründer des sozialen Liberalismus in Deutschland, 1903–1918 Abgeordneter in deutschen Reichstag. ↩
9
Fr. Naumann, Briefe über Religion, Berlin-Schöneberg 19084, S. 53 📖.↩
10
Anspielung auf das «Höhlengleichnis» Platons; vgl. oben, S. 155, Anm. 5.↩
11
Das genannte Märchen findet sich in: Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, Große Ausgabe, Bd. 1, Göttingen 1857, S. 251–254 📖.↩
12
Vgl. M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, WA 7, 21,1f. 📖: «Eyn Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt unterthan.»↩
13
«Necesse est itaque fateri decalogum etiam antiquatum esse» (Die Loci Communes Philipp Melanchthons in ihrer Urgestalt, nach G. Plitt, neu hrsg. von Th. Kolde, Leipzig 1900, S. 206 📖[Abschnitt: De discrimine veteris ac novi testamenti item de abrogatione legis»]); dt.: «Wir müssen also sagen, auch die zehn Gebote sind aufgehoben.» – Zur Rechtfertigung allein aus Glauben vgl., a.a.O., S. 164 (Abschnitt «De iustificatione et fide»): «Nihil igitur operum nostrorum, quantumvis bona aut videantur aut sint, iustitia sunt, sed sola FIDES de misericordia et gratia dei in Iesu Christo IUSTITIA est» (in Barths Exemplar am Rand kommentiert mit: «Glaube an Christus = Gerechtigkeit»); dt.: «Durchaus kein einziges Werk von uns, wie gut es auch erscheint oder ist, bringt und das Lob der Gerechtigkeit. Vielmehr allein der Glaube an die Barmherzigkeit und Gnade Gottes in Jesus Christus ist die Gerechtigkeit.» Deutsche Übersetzung nach: Ph. Melanchthon, Grundbegriffe der Glaubenslehre (Loci Communes) 1521, ins Deutsche übertragen von Fr. Schad, München 1931, S. 194 bzw. 132 📖.↩
14
Erste Hälfte der zweiten Strophe des Liedes «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther (GERS 214; RG 83; EG 299). 🎵 ↩
15
Anspielung auf die Worte, mit denen Luther auf dem Reichstag von Worms 1521 seine Widerrufsverweigerung abgeschlossen haben soll: «Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Got helff mir, Amen» (WA 7, 838,9 📖). Vgl. dazu K. Müller, Luthers Schlußworte in Worms 1521, in: A. Harnack u. a. (Hrsg.), ­Philothesia. Festschrift für P. Kleinert, Berlin 1907, S. 269–289 📖.↩
16
Luther, Freiheit (Anm. 12), 21,3-4 📖: «Eyn Christen mensch ist eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.»↩
17
Zum Gebrauch dieser von Friedrich dem Großen stets französisch ausgedrückten Maxime («Un prince est le premier serviteur et le premier magistrat de l’Etat») vgl. Büchmann, S. 432 📖.↩
18
Vgl. Luther, Freiheit (Anm. 12), 37,32–34 📖: «Sihe also mussen gottis gutter fliessen auß eynem yn den andern und gemeyn werden, das ein yglicher sich seynis nehsten annehm, als were erß selb.»↩
19
Vgl. I. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin 1913, S. 1–163, dort S. 82 📖: «Das moralische Gesetz ist […] für den Willen jedes endlichen vernünftigen Wesens aber ein Gesetz der Pflicht, der moralischen Nötigung und der Bestimmung der Handlungen desselben durch Achtung für dies Gesetz und aus Ehrfurcht für seine Pflicht […]. Wir sind zwar gesetzgebende Glieder eines durch Freiheit möglichen, durch praktische Vernunft uns zur Achtung vorgestellten Reichs der Sitten, aber doch zugleich Unterthanen, nicht das Oberhaupt desselben […].»↩
20
Wohl eine Anspielung auf die im ersten Abschnitt der Monologen ausgeführte Unterscheidung von «gemeiner», «äußerlicher», «knechtender» und «innerlicher Selbstbetrachtung», die «befreit» (Kolumnentitel in: Friedrich Schleiermacher’s Monologen. Kritische Ausgabe, hrsg. von Fr. M. Schiele [PhB 84], Leipzig 1902, S. 12–15) 📖: «Nur für den giebts Freiheit und Unendlichkeit, der weiss was Welt ist und was Mensch, […]. Mir ist der Geist das erste und das einzige: denn was ich als Welt erkenne, ist sein schönstes Werk, sein selbstgeschaffener Spiegel » (a.a.O.; vgl. Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, Bd. 3: Schriften aus der Berliner Zeit, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1988, S. 1–61, dort S. 9). 📖, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1988, S. 1–61, dort S. 9).↩
21
Vgl. ders., Monologen. Eine Neujahrsgabe, (2.–) 4. Ausgabe, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 12, hrsg. von G. Meckenstock, Berlin / New York 1995, S. 323–393, dort S. 378 📖: «So ists gewiß auch ihr, wo sie auch sein mag, die so geartet ist, daß sie mich lieben, daß ich ihr genügen könnte; gleiche Sehnsucht, die mehr als leeres Verlangen ist, enthebt auch sie wie mich der öden Wirklichkeit, für die sie nicht gemacht ist, und wenn ein Zauberschlag uns plötzlich zusammenführte, würde Nichts uns fremd sein; […]. So fehlt uns also nicht, auch ohne jenen Zauberschlag, in uns das höhere Dasein; für solches Leben und durch dasselbe sind wir doch gebildet, und nur die äußere Darstellung entgeht uns und der Welt.»↩
22
Naumann (Anm. 9), S. 53 📖 (i. Orig. ohne Hervorhebung).↩
23
Luther, Freiheit (Anm. 12), 38,12–15 (Schlusswort; modernisierte Fassung) 📖.↩