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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 40</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 2,8-13 (I)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 2,8-13 (I), 22. Mai 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53042 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53042</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 40: Predigt: Jakobus 2,8-13 (I)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">42</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 2,8-13 (I), 22. Mai 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1483">KBA 1018</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-05-22">22. Mai 1910</date>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>40</idno>
                </head>
              
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-05-22">Sonntag, den
                            22. Mai 1910</date> <date rend="right">(Sonntag Trinitatis)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.8 Jak.2.13">Jakobus 2,8–13</ref>
                            <span>
                                <idno>I</idno>
                            </span>
                    
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Wenn ihr das königliche <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term>
                                    erfüllt nach der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term>: Du sollst
                                    lieben deinen Nächsten wie dich <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">selbst</term>, so tut ihr gut daran.
                                    Wenn ihr aber dabei Ansehung der Person übt, dann tut ihr
                                    Sünde und seid vom Gesetz als Übertreter erwiesen. Denn wer
                                    das ganze Gesetz hält, fehlt aber in einem Stücke, der hat
                                    sich gegen das Ganze verfehlt. Denn der da sprach: Du sollst
                                    nicht ehebrechen, sprach auch: Du sollst nicht töten. Wenn
                                    du nun zwar nicht ehebrichst, tötest aber, so bist du ein
                                    Übertreter des Gesetzes geworden. So redet und so handelt
                                    wie Leute, welche durch das Gesetz der Freiheit gerichtet
                                    werden sollen. Denn das Gericht ist unbarmherzig gegen den,
                                    der nicht Barmherzigkeit tut. Barmherzigkeit aber besteht
                                    freudig vor Gericht.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Was ich euch da vorgelesen habe, das ist auf den ersten Blick eine trockene
                    moralische Abhandlung. Die Worte des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> wollen auch nichts sein als eine Theorie oder allgemeine
                    Regel, die er an den vorher erwähnten besondern Fall aus dem Leben der
                    Christengemeinde anknüpft. Ihr erinnert euch dieses Falls. Es handelte sich
                    dort um den Armen und den Reichen, die in die kirchliche Versammlung kommen,
                    und um die verschiedene Aufnahme, die die Beiden finden.<note xml:id="n01">Siehe oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p425#p425">S. 425-438</ref>.</note> <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> bemerkt dazu: Gute Freunde, hinter <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> der Verschiedenheit eures Redens und Handelns in
                    diesem scheinbar so unbeträchtlichen Fall versteckt sich eine ganz
                    beträchtliche Halbheit eures <term type="Sachen" key="Christentum, Halbheit">Christentums</term>, d. h. aber eures innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>. <hi rend="italic">Ganze</hi> Christen,
                        <hi rend="italic">ganze</hi> Menschen seid ihr nicht, wenn ihr so seid. Nun fährt
                    er fort – und damit kommen wir zu dem Gegenstand, der uns heute
                    beschäftigen soll –: Gottes <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term>, das ihr ja kennt und anerkennt
                    ist ein <hi rend="italic">ganzes</hi> Gesetz; wer es erfüllen will, muss es
                        <hi rend="italic">ganz</hi> erfüllen, und danach fällt Gottes Urteil und <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">Gericht</term> über uns aus, ob
                    wir Halbe gewesen sind und sind <pb xml:id="p455" ed="pga"/> im Gehorsam gegen
                    sein Gesetz oder <hi rend="italic">Ganze</hi>. Vom <term type="Sachen" key="Gesetz">
                            <hi rend="italic">Gesetz</hi></term>, von seiner <term type="Sachen" key="Gesetz, Erfüllung">
                            <hi rend="italic">Erfüllung</hi></term> und vom <term type="Sachen" key="Gericht, göttliches">
                            <hi rend="italic">Gericht</hi></term>
                    haben wir also heute und das nächste Mal zu reden. Das sind zweifellos
                    harte, trockene Worte, ich wiederhole es, aber ich hoffe doch, dass ich mich
                    nicht täusche, wenn ich annehme, ihr habt auch etwas gespürt von dem
                    Unterton ruhiger, verhaltener Freude und Siegesgewissheit, der in den
                    theoretischen, fast theologischen Ausführungen unsres Textes mitklingt. Ein
                        <hi rend="italic">königliches</hi>
                    <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term> wird das
                    Gottesgesetz der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, Gottesgesetz">Nächstenliebe</term> genannt, als ein Gesetz der <term type="Sachen" key="Gesetz, der Freiheit">
                            <hi rend="italic">Freiheit</hi></term> will es
                    verstanden und erfüllt sein, und von dem, der es erfüllt, heißt es, dass er
                        <hi rend="italic">freudig</hi> besteht vor Gericht. Diesen starken, reinen Klang
                    von der <term type="Sachen" key="Freude">Freude</term> des inwendigen
                    Menschen wollen wir recht kräftig mitklingen lassen, wahrlich nicht, um den
                    großen Ernst des Gedankens, mit dem wir’s zu schaffen haben, zu
                    vertuschen und abzuschwächen, sondern weil es der Sache nach nicht anders
                    möglich und recht wäre. Denn bei den großen guten Menschen, die Gott vor
                    Augen und im Herzen tragen, ist der Ernst und die Freude des inwendigen
                    Lebens immer beieinander gewesen. Ja man kann nicht einmal sagen, dass
                    Beides für sie überhaupt zweierlei war. Die ernste <term type="Sachen" key="Freude, ernste">Freude</term> und der freudige <term type="Sachen" key="Ernst, freudiger">Ernst</term> waren die verborgene Grundlage ihres
                    Wesens und Lebens. Das war Jesu Art; das soll unsre Art werden.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Wenn wir das verstehen, dann verstehen wir auch,
                    dass unser Text und Gegenstand so recht in diese <term type="Sachen" key="Frühling">Frühlingszeit</term> passt. Das ist doch die Zeit, wo wir
                    deutlicher als sonst spüren, wie unser Leben und Wesen verwoben und
                    verflochten ist mit dem Leben der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>. Wenn die Wälder und Fluren und Gärten sich mit neuem Grün
                    schmücken, dann erwachen auch die Menschen, die in den Städten zumeist, zu
                    einem neuen Leben der Freude:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,</l>
                            <l>Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,</l>
                            <l>Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,</l>
                            <l>Aus der Straßen quetschender Enge,</l>
                            <l>Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht</l>
                            <l>Sind sie alle ans Licht gebracht.<note xml:id="n02"> <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                    V. 923–928 (Vor dem Tor).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p456" ed="pga"/> Wer hat ihn noch nie empfunden und erlebt, äußerlich und noch
                    mehr innerlich, den Menschenfrühling, den die Dichter verherrlichen, wo es
                    uns voll und weit und frei ums Herz wird, wo wir die Sorgen und alles
                    Kleinliche hinter uns lassen möchten, wo wir die Stuben hinter uns lassen,
                    um über Berg und Tal zu wandern, der aufgehenden Sonne entgegen. Aber da ist
                    auch Keiner, in dem die Majestät der erwachenden <term type="Sachen" key="Natur, Majestät">Natur</term> nicht noch ganz andre Regungen
                    erweckt, der nicht etwas spürt von dem tiefen melancholischen Ernst, der
                    allem Dasein innewohnt, weil alles, was da ist, bestimmt ist, eine kleine
                    Weile sich zu entfalten, dann aber zu vergehen, weil <term type="Sachen" key="Schöpfung, und Untergange">Schöpfung</term> und Untergang sich
                    ablösen müssen in ewigem Wechsel. Das spüren und ahnen wir auch im Anblick
                    der werdenden <term type="Sachen" key="Frühling">Frühlingspracht</term>,
                    auch dann, wenn keine schweren Ereignisse unsres äußern und innern Lebens
                    für uns ihre Schatten werfen in all die Herrlichkeit. Im Doppelgesicht der
                        <term type="Sachen" key="Natur, Zweideutigkeit">Natur</term> erkennen
                    wir wie im Spiegel unser eigenes Doppelgesicht, in unsrer Seele <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/>kämpft, was <hi rend="italic">wird</hi> und
                        <hi rend="italic">war</hi>, ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.<note xml:id="n03">Vgl.<bibl corresp="kbga-bibls-2547"> <persName ref="kbga-actors-1383">C. F. Meyer</persName>, <hi rend="italic">Huttens letzte
                            Tage</hi>, XXXII: <hi rend="italic">Luther</hi>, V. 11f. (ders., Sämtliche
                        Werke in zwei Bänden, München 1968, Bd. 2, S. 408)</bibl>. – Siehe oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p173#p173">S. 173</ref>.</note> Da mag es uns
                    wohl gehen, dass wir vorwärtsblickend aufjauchzen wie <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>, als er im Juni 1775 den
                    <placeName ref="kbga-places-362">Zürcher See</placeName> hinauffuhr:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Und frische Nahrung, neues Blut</l>
                            <l>Saug ich aus freier Welt;</l>
                            <l>Wie ist Natur so hold und gut,</l>
                            <l>Die mich am Busen hält!</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Es ist doch dieselbe holde und gute Natur, die uns im selben
                    Augenblick die andre Seite unsres Wesens zeigt und gegenwärtig hält,
                    wehmütig und schmerzlich:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Aug, mein Aug, was sinkst du nieder?</l>
                            <l>Goldne Träume, kommt ihr wieder?</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und diese Regungen mögen wir dann wohl verscheuchen mit einer
                    heftigen Bewegung:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Weg, du Traum! so gold du bist;</l>
                            <l>Hier auch Lieb und Leben ist.<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2718">Aus
                                    Strophe 1 und Strophe 2 des Gedichts «Auf dem See» von <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (Erstdruck: 1789; Berliner Ausgabe.
                                    Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 55)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p457" ed="pga"/> Es bleibt doch der Stachel, es bleibt doch die unmittelbare
                    Erkenntnis, dass wir nicht sind, was wir sein sollten, dass wir keine
                    Einheit sind, sondern ein <term type="Sachen" key="Mensch, Doppelwesen">Doppelwesen</term>. Darüber hilft uns der <term type="Sachen" key="Frühling">Frühling</term> der Natur nicht hinweg, wenn wir ihn
                    ernsthaft und nicht oberflächlich auf uns wirken lassen. Sondern er bringt
                    uns gerade das schmerzlich zum Bewusstsein, dass wir mit dem Leben und Wesen
                    der <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term> nicht nur verwoben und
                    verflochten, sondern verbunden und verkettet sind, nicht nur mit ihrer
                    Freude, sondern mit ihrem tiefen, tiefen Leid. Und darum nenne ich die
                    Gedanken, die uns heute beschäftigen sollen, eine Botschaft für die
                    Frühlingszeit; denn das ist offenbar, dass sie uns anleiten wollen, aus
                    Doppelwesen eine Einheit zu werden, aus Halben zu Ganzen. Wollen <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> wir Menschen werden, dann muss die Kluft in uns
                    geschlossen und überbrückt werden, die die Pracht der Natur nicht zu
                    schließen vermag, weil die <term type="Sachen" key="Natur, Zweideutigkeit">Natur</term> selbst zweideutig ist. Die Kluft zwischen Vorwärts und
                    Rückwärts, zwischen Sollen und Können, zwischen Aufgabe und Fähigkeit. Es
                    muss Ernst und Freude, Leid und Lust zurücktreten, verschwinden, sich
                    vereinigen zu der verborgenen Einheit eines sich selbst gleichen, guten
                    Bewusstseins, das will aber sagen: es muss Gott die Gewalt bekommen über
                    uns, er, der über der Natur steht mit ihren Wechseln, er, der die Wahrheit
                    ist inmitten des Scheins. Es muss sich das an uns und in uns erfüllen, worum
                    wir ihn am <term type="Sachen" key="Pfingsten">Pfingstfest</term>
                    angerufen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Entdecke Alles und verzehre,</l>
                            <l>Was nicht in deinem Lichte rein,</l>
                            <l>Wenn mir’s gleich noch so schmerzlich wäre:</l>
                            <l>Die Wonne folget nach der Pein.</l>
                            <l>Du kannst mein Herz voll dunkler Falten</l>
                            <l>In Jesu Klarheit umgestalten.<note xml:id="n05">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-97">Strophe 2 des Lied «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens»
                                    von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (GERS 151; RG 510).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Der erste und wichtigste Schritt zu diesem Ziel, den wir
                    heute zu erwägen haben, ist die Erkenntnis, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches G. ist ein Ganzes">Gesetz</term> ein Ganzes ist.
                    Wir verstehen es entweder ganz oder gar nicht. Es ist gut, wenn wir uns das
                    recht deutlich machen, denn es geht uns in unserm Verhältnis zu Gott, d. h.
                    bei der Gestaltung unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> meistens so, <pb xml:id="p458" ed="pga"/> dass wir schon diesen
                    ersten und wichtigsten Schritt verfehlen, dass wir nicht die Aufrichtigkeit
                    und die Kraft finden, ihn wirklich zu tun. Gottes Gesetz ist ein Ganzes,
                    Abgeschlossenes, Vollständiges, sonst wäre es nicht Gottes Gesetz. Man kann
                    von ihm nichts abtrennen und abmarkten, ohne es selbst zu verleugnen und zu
                    übertreten. Vielleicht ist diese Erkenntnis uns Menschen von heute schwerer
                    gemacht als denen früherer Tage, aber vielleicht stehen wir ihr doch in der
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Hauptsache näher als jene. Die früheren Tage,
                    die ich meine, sind die Zeiten des <term type="Sachen" key="Mittelalter">Mittelalters</term>, aber auch noch der <term type="Sachen" key="Reformationszeit">Reformationszeit</term>, und diese Zeiten ragen
                    in mannigfachster Weise auch noch in unsre Zeit hinein. Wenn da gefragt
                    wurde und gefragt wird: «Was ist Gottes Gesetz?», dann wurde und wird darauf
                    die Antwort gegeben: Gottes Gesetz sind die <term type="Sachen" key="Gebote">Gebote</term> und Lehren der <term type="Sachen" key="Lehre, kirchliche">Kirche</term> und der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term>. Da war es dann für ein
                    scharfes und konsequentes Denken selbstverständlich fortzufahren: Gottes
                    Gesetz kann nicht halb, sondern muss <hi rend="italic">ganz</hi>
                    <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches G. muss ganz gelten">gelten</term>. Darum, sagten die großen Kirchenlehrer des katholischen
                        <term type="Sachen" key="Katholizismus">Christentums</term>, darum
                    schuldet der Mensch den Geboten der Kirche ganzen Respekt und Gehorsam bis
                    in die letzten und einzelsten Punkte. Darum, sagten die <term type="Sachen" key="Reformatoren">Reformatoren</term> in ihrer spätern Zeit, darum ist
                    die Bibel bis auf den letzten Buchstaben Autorität im strengsten Sinn.
                    Außerhalb der <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term>, außerhalb der
                        <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> kein
                        Heil.<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-615">
                                <persName ref="kbga-actors-2371">Cyprian</persName>, Ep. 73,21 (CSEL 3/II,
                        S. 795,3f.)</bibl>: «quia salus extra eclesiam non est»; vgl. für die
                        katholische Tradition: <bibl corresp="kbga-bibls-25">DH 792.802.870.1051.1351.1870. 2543.2867.3866.</bibl>
                        – Die reformatorische Auffassung, nach der die Heilige Schrift
                        allein das Heil in Christus bezeuge, bündelt sich in der Formel «sola
                            <term type="Sachen" key="sola scriptura">scriptura»</term>.</note>
                    Denn Gottes Gesetz kann nicht gebrochen werden. Das waren von den Ganzen,
                    die Männer, die diese Auffassung von Gottes Gesetz hatten, ein <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName>, ein <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sind des Zeugen. In
                    der katholischen <term type="Sachen" key="Kirche, katholische">Kirche</term>
                    ist es noch heute die herrschende Auffassung. Ich brauche nicht erst zu
                    sagen, dass es nicht mehr die unsre ist. Calvins Auffassung von der
                    Autorität der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Autorität">Bibel</term><note xml:id="n07">Vgl. besonders <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. I,6f</bibl>.</note>
                    wäre für uns eine Unwahrhaftigkeit, auch wenn wir uns dazu zwingen könnten,
                    sie anzunehmen. <hi rend="italic">Das</hi> war ja schon in der <term type="Sachen" key="Reformationszeit">Reformationszeit</term> allgemein anerkannt,
                    wenigstens in der Praxis, dass <hi rend="italic">die</hi> Gebote der Bibel uns
                        <hi rend="italic">nicht</hi> zum wirklichen Gehorsam verpflichteten, die
                    offenkundig nur für das Volk <term type="Sachen" key="Israel (Volk)">Israel</term>, für die damalige Zeit <pb xml:id="p459" ed="pga"/> und
                    Umstände Geltung hätten. Aber je genauer man es genommen hat mit der
                    Erforschung der heiligen <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Erforschung">Schrift</term>, desto mehr
                    hat man gemerkt, dass deren viel mehr seien, als man gedacht hatte –
                    nicht nur im <term type="Sachen" key="Altes Testament">Alten</term>, sondern
                    auch im Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term>,
                    dass wir unser Leben ebensowenig ohne Weiteres nach den sittlichen Weisungen
                    der <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> als nach denen des <term type="Sachen" key="Moses">Moses</term> und der <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> einrichten können, und ganz folgerichtig hat es dann
                    vor sechs Jahren <persName ref="kbga-actors-706">Friedrich Naumann</persName><note xml:id="n08">
                            <seg type="bio">
                                <persName ref="kbga-actors-706">Friedrich Naumann</persName> (1860–1919), Theologe und Sozialpolitiker, Pfarrer,
                        Mitbegründer des sozialen Liberalismus in Deutschland, 1903–1918
                        Abgeordneter in deutschen Reichstag.</seg>
                        </note> in seinen «Briefen über Religion»
                    auch über die Gebote der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> ausgesprochen: «Das, was Jesus bietet, ist die
                    Kindschaft Gottes in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>
                    … eine Kindschaft Gottes in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName> oder <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName>
                    oder <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> ist nicht genau
                        dasselbe.»<note xml:id="n09">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2719">
                                <persName ref="kbga-actors-706">Fr. Naumann</persName>, <hi rend="italic">Briefe über
                            Religion</hi>, Berlin-Schöneberg 1908<hi rend="sup">4</hi>,
                        S. 53</bibl>.</note> |</p>
                <p>Ihr versteht, was die Entwicklung der Anschauungen, die ich da kurz
                    andeutete, sagen will. Man ist durch Gründe, die zunächst äußerlicher Natur
                    sind, nämlich durch die genauere Beschäftigung mit der Bibel und dann durch
                    die Veränderung der Zeiten und Zustände zu der Erkenntnis gekommen, dass die
                        <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Gebote">Gebote</term>
                    und Vorschriften der Bibel, auch die Jesu, für uns entweder keine oder nur
                    noch beschränkte Gültigkeit haben. Sie haben gegolten in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> vor 2000 Jahren, aber ob und
                    wieweit sie gelten in <placeName ref="kbga-places-52">Paris</placeName>,
                        <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName> und <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> und <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> im Jahr 1910, das ist eben die Frage. Ihr versteht nun,
                    warum ich sagte, es sei für uns Menschen von heute schwer geworden, die
                    Tatsache zu erkennen und anzuerkennen, dass das Gesetz Gottes ein Ganzes
                        <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches G. ist ein Ganzes">ist</term> und bleiben muss. Denn auf den ersten Blick muss es uns
                    scheinen, als ob uns eine solche runde, klare Antwort auf die Frage, was
                    denn Gottes Gesetz sei, wie <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> sie geben konnte, nicht nur schwierig, sondern unmöglich
                    geworden sei. Wo haben wir Gottes <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term>? In den Zehn <term type="Sachen" key="Zehn Gebote">Geboten</term>? Aber die Zehn Gebote enthalten für die
                    Bedürfnisse unsres Lebens teils zu viel: ich erinnere an das Verbot des
                    Bildermachens oder an das Sabbatgebot. Teils auch zu wenig: es fehlt uns in
                    ihnen die Forderung der inwendigen Gerechtigkeit, auf die für uns Christen
                    gerade Alles ankommt. Oder ist für uns die <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> das Gottes-Gesetz geworden, das an
                    Stelle der alttestamentlichen <term type="Sachen" key="Gebote, alttestamentliche">Gebote</term> getreten ist? Jesu Meinung
                    ist das <pb xml:id="p460" ed="pga"/> jedenfalls nicht gewesen, und es bleibt das,
                    was ich eben von <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> zitierte, zurecht bestehen, dass ihre Forderungen nach
                    Form und Inhalt zunächst nach <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> gehören. <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Oder ist der große
                    Apostel und Missionar <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> unser
                    Gesetzgeber? Er würde den schön angefahren haben, der ihn so angeredet
                    hätte, und wir müssten überdies wieder sagen, wenn wir wenigstens aufrichtig
                    sein wollen, dass, was den Korinthern recht war, den Genfern noch nicht
                    notwendig billig sein muss. Oder wollen wir am Ende hingehen, alle diese
                    Fragen in einer erbaulichen Unklarheit lassen, um uns aus den <term type="Sachen" key="Zehn Gebote">Geboten</term> des <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>, der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term>, der <term type="Sachen" key="Apostel">Apostel</term> ein Gesetz zurechtzuschneiden und zurechtzurücken nach
                    eigenem Gutfinden, hier ein bisschen, da ein bisschen, ein bisschen
                    biblisch, ein bisschen modern, und vor dieser Ruine dann sagen: Das ist nun
                    Gottes Gesetz? Viele tun das, nennen sich christlich und evangelisch mit
                    besonderer Nuance, sehen auf die Andern hoch herab, obwohl sie ganz gut
                    wissen, dass sie sich in Tat und Wahrheit auch beim aufrichtigsten Wollen zu
                    den Aufgaben und Fragen des Lebens auch nicht anders stellen als die
                    Aufrichtigen und Willigen unter den Andern. Ich denke, wir wollen auf diesen
                    Weg nicht gehen; es wäre ein Weg der Unklarheit, und weil wir das wissen,
                    wäre er für uns ein Weg der Unwahrheit. So mag es wohl aussehen, als seien
                    uns alle Wege zur <term type="Sachen" key="Erkenntnis, des Gesetzes Gottes">Erkenntnis</term> des Gesetzes Gottes versperrt. Aber nun wiederhole
                    ich das andre: Vielleicht eben darum sind wir tatsächlich dieser Erkenntnis
                    näher, sind wir wieder auf dem Wege zu einer Erkenntnis des Gottesgesetzes
                    als eines ungebrochenen <hi rend="italic">Ganzen</hi>, wie <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> in ihrer Art sie hatten. Ich sage
                    nicht, dass wir sie schon haben, aber wir sind vielleicht auf dem Weg dazu.
                    Denn sowie man begonnen hat und beginnen musste, Abstriche und Abzüge von
                    der alten ungebrochenen Autorität des <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift, Autorität">Bibelworts</term> zu machen,
                    betrat man auch den Weg der Halbheiten, ob nun der übrigbleibende Rest
                    kleiner oder größer war. Schließlich war noch die Autorität der Gebote <term type="Sachen" key="Gebote, Jesu Christi">Jesu</term> übrig, und nun hat
                    man also auch von diesen gesagt, dass sie im Grunde nur vor 2000 Jahren in
                        <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> Gültigkeit gehabt
                    hätten, nicht mehr im <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> modernen <term type="Sachen" key="Europa, modernes">Europa</term> von heutzutage. Wir
                    werden gleich sehen, wie es damit steht. Jedenfalls meine ich, dass es gut
                    ist, dass es so weit gekommen ist. Auch der Weg der Halbheiten ist damit zu
                    Ende gegangen. Eine Autorität, von der man so mit allerlei triftigen und
                    weniger triftigen Gründen streichen und sub<pb xml:id="p461" ed="pga" break="no"/>trahieren
                    kann, ist keine Autorität, am Wenigsten verdiente sie den Namen «Gesetz
                    Gottes».</p>
                <p>Sondern wir müssen zurückkehren zu der tiefen und richtigen Erkenntnis <persName ref="kbga-actors-77">Calvins</persName>, dass Gottes
                    Gesetz ein <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches G. ist ein Ganzes">Ganzes</term> ist, das nicht gebrochen, aus dem nichts
                        <hi rend="italic">heraus</hi>gebrochen und gestrichen werden kann. Es muss das
                    Gerede aufhören, als ob wir <term type="Sachen" key="Christen, heutige">Christen</term> von heute uns von denen früherer Zeiten darin
                    unterschieden, dass wir’s mit Gottes Gesetz nicht mehr so streng
                    nehmen müssten, weil wir freier und aufgeklärter seien als sie, und was
                    dergleichen Torheiten mehr sind. Man kann es mit Gott nicht streng genug
                    nehmen, meine Freunde; zu streichen und abzuziehen gibt es da gar nichts,
                    heute so wenig als zur Zeit Calvins. Wohl aber wollen wir das Gesetz Gottes,
                    das ein Ganzes sein und bleiben muss, an einer tieferliegenden Quelle
                    aufsuchen, bei einer Quelle, wo die Halbheiten und Subtraktionsexempel von
                    selbst ihr Ende haben. Die Sache steht so: Wenn einer fragt nach Recht und
                    Gesetz, die in der Republik <term type="Sachen" key="Genf (Republik)">Genf</term> Geltung haben, dann kann man ihn hinweisen auf die <term type="Sachen" key="Genf (Republik), Verfassung">Verfassung</term>, auf
                    die Zivil- und <term type="Sachen" key="Genf (Republik), Rechtsordnung">Strafgesetze</term>, auf die Polizeiverordnungen. Im Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> ist ein solcher Hinweis
                    nicht möglich. Man kann da einem, der nach den geltenden Gesetzen fragt, nur
                    sagen: Werde du ein williger Bürger dieses Reiches, so wirst du es erfahren.
                    Statuten und Paragraphen gibt es da nicht, denn gleich der erste Artikel der
                    Verfassung hebt alle andern auf; der Prophet <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> hat diesen ersten Artikel einmal so
                    ausgesprochen: Ich will mein Gesetz <hi rend="italic">in ihr Herz</hi> geben und
                        <hi rend="italic">in ihren Sinn</hi> schreiben, und sie sollen mein Volk sein, so
                    will ich ihr Gott sein. Und wird keiner den andern, noch ein Bruder den
                    andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn!, sondern sie sollen mich alle
                    kennen, <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> beide, klein und groß, spricht der Herr
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.33 Jer.31.34">Jer. 31,33f.</ref>]. Das will
                    sagen: Es gibt kein anderes Gottesgesetz als den <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>. In der Hingabe unsres Herzens und unsres
                    Willens an Gott wird Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> und <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term> erkannt; neben dieser einen Erkenntnis sind alle andern
                    nur Schattenbilder,<note xml:id="n10">Anspielung auf das
                        «Höhlengleichnis» <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName>;
                        vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n05">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> aus dieser einen gehen alle andern, die wir für
                    unser Leben brauchen, notwendig hervor.</p>
                <p>Es ist eine ganz erstaunliche Sache zu sehen, wie diese einfache grundlegende
                    Einsicht den Christen immer wieder verlorengegangen ist. <hi rend="italic">Jesus</hi>
                    hat sie mit aller Klarheit ausgesprochen. Er ist recht eigent<pb xml:id="p462" ed="pga" break="no"/>lich darum Gottes <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Offenbarung Gottes">Offenbarung</term> gewesen,
                    weil er es uns gezeigt und vorgemacht hat, dass rechte, gute Menschen die
                    seien, die reines Herzens sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.8">Mt. 5,8</ref>] und die hungert und dürstet nach der
                    Gerechtigkeit [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.6">Mt. 5,6</ref>].
                    Alle seine <term type="Sachen" key="Gebote, Jesu Christi">Gebote</term>
                    zielten nur auf das eine ab, uns zum Gehorsam gegen dies <hi rend="italic">eine</hi>
                    Gebot zu erziehen. Man hat das nicht verstanden, man hat seine Gebote
                    hingenommen, ohne zu überlegen, was er damit wollte, und hat aus der <term type="Sachen" key="Bergpredigt">Bergpredigt</term> doch wieder ein
                    Zivilgesetzbuch gemacht, mit dessen Paragraphen man sich dann durch
                    Halbheiten, später durch immer größere, offene und heimliche Abstriche
                    abzufinden gedachte. Es<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich korrigiert aus:
                            «Dann».</note>
                     ist <persName ref="kbga-actors-313">
                            <hi rend="italic">Paulus</hi></persName>
                    gekommen und hat es mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gesagt, die
                    Zeiten des Gesetzes seien vorbei, kein äußeres Gesetz könne den Menschen
                    gerecht vor Gott und selig machen. So bestehet nun in der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, zu der euch Christus
                    befreit hat! [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.1">Gal. 5,1</ref>] Das
                    haben die Christen nun schon gar nicht verstanden. Über die Erkenntnis des
                    Paulus ist die katholische <term type="Sachen" key="Kirche, katholische">Kirche</term> gewachsen wie eine ungeheure Wucherpflanze. Im 14., dann
                    wieder im 16. Jahrhundert sind tapfere deutsche Männer der Wahrheit aufs
                    Neue auf die Spur gekommen, wie der Prinz im Märchen dem <persName ref="kbga-actors-9255">Dornröschen</persName> im Dornenhag.<note xml:id="n11">Das genannte Märchen findet sich in:
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2666">
                                <hi rend="italic">Kinder- und Hausmärchen</hi>, gesammelt durch die <rs type="person" ref="kbga-actors-2031 kbga-actors-2032">Brüder Grimm</rs>, Große Ausgabe,
                        Bd. 1, Göttingen 1857, S. 251–254</bibl>.</note> Da haben die <term type="Sachen" key="Mystiker">Mystiker</term> des Mittelalters die
                    Christenheit zur Besinnung aufgerufen auf das Eine, was nottut [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], da haben <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> in ihrer
                    Heldenzeit den Kampfruf ergehen lassen von der Freiheit des <term type="Sachen" key="Freiheit, des Christenmenschen">Christenmenschen</term>, der ein freier Herr sei aller Dinge, niemand
                    untertan, keinem Gesetz unterworfen.<note xml:id="n12">Vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1302">
                                <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, <hi rend="italic">Von
                            der Freiheit eines Christenmenschen</hi>, WA 7, 21,1f.</bibl>: «Eyn
                        Christen mensch ist eyn freyer herr über alle ding und niemandt
                        unterthan.»</note> Auch die <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Abschaffung">Zehn Gebote</term> seien
                    abgeschafft, hat <persName ref="kbga-actors-272">Melanchthon</persName> erklärt, Gott verlange vom Menschen nur Eines,
                    nämlich die innere <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, des Glaubens">Gerechtigkeit</term> des Glaubens.<note xml:id="n13">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2808">«Necesse est itaque fateri decalogum etiam antiquatum esse» (<hi rend="italic">Die
                            Loci Communes Philipp Melanchthons in ihrer Urgestalt</hi>, nach
                        G. Plitt, neu hrsg. von Th. Kolde, Leipzig 1900, S. 206</bibl>[Abschnitt: De
                        discrimine veteris ac novi testamenti item de abrogatione legis»]); dt.:
                        «Wir müssen also sagen, auch die zehn Gebote sind aufgehoben.» –
                        Zur Rechtfertigung allein aus Glauben vgl., a.a.O., S. 164 (Abschnitt
                        «De iustificatione et fide»): «Nihil igitur operum nostrorum, quantumvis
                        bona aut videantur aut sint, iustitia sunt, sed sola FIDES de
                        misericordia et gratia dei in Iesu Christo IUSTITIA est» (in Barths
                        Exemplar am Rand kommentiert mit: «Glaube an Christus = Gerechtigkeit»);
                        dt.: «Durchaus kein einziges Werk von uns, wie gut es auch erscheint
                        oder ist, bringt und das Lob der Gerechtigkeit. Vielmehr allein der
                        Glaube an die Barmherzigkeit und Gnade Gottes in Jesus Christus ist die
                        Gerechtigkeit.» Deutsche Übersetzung nach: <bibl corresp="kbga-bibls-2720">
                                <persName ref="kbga-actors-272">Ph. Melanchthon</persName>, <hi rend="italic">Grundbegriffe
                            der Glaubenslehre (Loci Communes) 1521</hi>, ins Deutsche
                        übertragen von Fr. Schad, München 1931, S. 194 bzw. 132</bibl>.</note> Was
                    nicht aus <pb xml:id="p463" ed="pga"/> diesem Glauben komme, notwendig und
                    selbstverständlich, das sei <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.14.23">Röm. 14,23</ref>].</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst,</l>
                            <l>Die Sünde zu vergeben;</l>
                            <l>Es ist doch unser Tun umsonst</l>
                            <l>Auch in dem besten Leben.<note xml:id="n14">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-51">Erste
                                    Hälfte der zweiten Strophe des Liedes «Aus tiefer Not schrei
                                    ich zu dir» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (GERS 214; RG 83; EG
                                    299).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber wer glaubt dieser unsrer Predigt? 
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.1">Jes. 53,1</ref>], hätten alle diese
                    vereinzelten Propheten der Wahrheit schon zu ihren Zeiten ausrufen können.
                    Wer versteht das Wort von der Freiheit des <term type="Sachen" key="Freiheit, des Christenmenschen">Christenmenschen</term>?, das doch
                    unter allen Gedanken der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> das erste und oberste ist? Es wird nicht verstanden, und
                    wo es verstanden wird, wird es missverstanden. Heute wie damals. Heute noch
                    sind 100 und 1000 geschäftige Hände am Werk, die Wahrheit zu verschütten und
                    zu begraben, weil ihnen die wirkliche Meinung Jesu, des <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> als verdächtig, einseitig,
                    gefährlich und unchristlich vorkommt. Das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> scheint ihnen dem Untergang nahe, wenn
                    es keine Polizeiordnung darin geben soll wie in der Republik <term type="Sachen" key="Genf (Republik)">Genf</term>, und sie merken nicht,
                    dass sie selbst mit ihren Gesetzen und Paragraphen die Aufrührer sind gegen
                    das Reich, das nicht von dieser Welt ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.36">Joh. 18,36</ref>]. Und da ist Keiner,
                    der unter sie führe, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>
                    einmal unter ihre Gesinnungsgenossen gefahren ist: O ihr unverständigen
                    Galater, wer hat euch bezaubert, dass ihr der Wahrheit nicht gehorchet?
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.1">Gal. 3,1</ref>]</p>
                <p> Die Wahrheit ist aber, dass uns Gottes <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term> ins Herz und in den Sinn
                    geschrieben ist, wenn wir an Gott glauben, d. h. wenn wir Jesus <pb xml:id="p464" ed="pga"/> in Wahrheit nachfolgen, nicht als seine Nachahmer, sondern
                    als seine Jünger und Freunde. Solange uns der Glaube oder die rechte <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu etwas Fremdes ist,
                    solange ist uns auch Gottes Gesetz fremd und unverständlich, unser Wille ist
                    dann auf dies und das gerichtet, wir gehorchen unsern Wünschen nach <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Glück, wir gehorchen allerlei Paragraphen, aber
                    wir stehen bei all diesem Gehorsam nicht da als solche, die sagen: ich kann
                    nicht anders,<note xml:id="n15">Anspielung auf die Worte, mit
                        denen <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> auf dem
                        Reichstag von Worms 1521 seine Widerrufsverweigerung abgeschlossen haben
                        soll: «Ich kan nicht anderst, hie stehe ich, Got helff mir, Amen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1980">WA 7,
                        838,9</bibl>). Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-99">
                                <persName ref="kbga-actors-287">K. Müller</persName>, <hi rend="italic">Luthers Schlußworte in Worms 1521</hi>,
                        in: A. Harnack u. a. (Hrsg.), <hi rend="italic">­Philothesia. Festschrift für P.
                            Kleinert</hi>, Berlin 1907, S. 269–289</bibl>.</note> sondern wir
                    können sehr wohl auch anders. Das Gesetz und die Regel unsres innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> ist die Halbheit, weil
                    wir deutlich spüren, dass auch die Autoritäten, denen wir gehorchen, nur
                    Halbheiten sind, von denen man streichen und subtrahieren kann, hier viel,
                    dort weniger, ohne ihren Charakter wesentlich zu verändern. Dann kann uns
                    aber das Gesetz unsres Handelns unmöglich eine Kraft zum innern Leben sein,
                    denn Kraft ist nur da, wo <term type="Sachen" key="Autorität">Autorität</term> ist, und zwar ganze Autorität, unter die man sich
                    beugt, und zwar nicht halb, sondern ganz.</p>
                <p> Das Wesen des <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetzes</term> erkennen wir dann recht, wenn wir verstehen, was
                        <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> meint, wenn er es das
                        <hi rend="italic">königliche <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term></hi> nennt. Er will damit sagen: Es ist das Gesetz,
                    das für Könige gilt, dem die Könige unterworfen sind. Das war für die
                    Begriffe des <term type="Sachen" key="Altertum">Altertums</term> ein heller
                    Widerspruch: Gesetz und König, wie es noch heute in den wenigen absoluten
                    Monarchien ein Widerspruch ist. Könige und Kaiser sind doch da gerade die,
                    die keinem Gesetz unterworfen sind. Und doch ist ein Gesetz da auch für sie,
                    meint Jakobus, wenigstens wenn sie wirkliche, rechte Könige und Fürsten
                    sind, die wissen, dass ihr Amt nicht um ihretwillen da ist, sondern sie um
                    des Amtes willen. Und dies Gesetz, das für sie gilt, ist sogar ernsthafter
                    und dringender als alle Gesetze und Paragraphen, denen ihre Untertanen
                    gehorchen müssen. Denn es ist das innere Gesetz, das ihnen sagt, wozu sie da
                    sind, nämlich zum Wohl und Heil der Andern, die ihnen anvertraut sind.
                        <hi rend="italic">Liebe deinen <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächsten</term></hi>
                    <hi rend="italic">wie dich selbst</hi>, das ist das königliche <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term>, das ist das große <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetz</term>, das man in
                    keine Paragraphen fassen kann, weil es unendlich viel mehr fordert als
                    unsern Gehorsam <pb xml:id="p465" ed="pga"/> gegen diese oder jene Bestimmung,
                    weil es uns selbst, unser Herz, unsern Willen, unsre Ge<pb ed="A" rend="hidden" n="13"/>sinnung fordert. Und nun ist dies Gottesgesetz ein Ganzes. Es
                    kann von ihm auch der kleinste Buchstabe nicht vergehen, bevor Himmel und
                    Erde vergeht [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.18">Mt. 5,18</ref>].
                    Denn eben weil ein Christenmensch ein freier König ist, ein freier Herr über
                    alle Dinge und niemand untertan, eben darum weiß und erkennt er, dass er ein
                    dienstbarer Knecht aller Dinge ist und jedermann untertan.<note xml:id="n16">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1302">
                                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>,
                            <hi rend="italic">Freiheit</hi> (Anm. 12), 21,3-4</bibl>: «Eyn Christen mensch ist
                        eyn dienstpar knecht aller ding und yderman unterthan.»</note> Seine
                        <term type="Sachen" key="Freiheit, des Christenmenschen">Freiheit</term>
                    ist die Freiheit der <term type="Sachen" key="Verantwortlichkeit">Verantwortlichkeit</term>, weil er weiß, dass eine Freiheit der
                    Unverantwortlichkeit in Wirklichkeit immer die größte Unfreiheit ist. Dies
                    Geheimnis der Freiheit und des innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> hat Jesus offenbart, in seiner <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Lehre">Lehre</term> und noch mehr in
                    seinem Leben. Er hat es einmal von sich selbst ausgesprochen, was von da an
                    das Gottesgesetz seiner <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> sein
                    sollte: Des Menschen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschensohn">Sohn</term> ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass
                    er diene [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.45">Mk. 10,45</ref> par.],
                    und es gilt von diesen seinen Jüngern wörtlich, was <persName ref="kbga-actors-557">Friedrich der Große</persName> vom rechten
                    König gesagt hat, dass er der oberste Diener des Staates sein müsse.<note xml:id="n17">Zum Gebrauch dieser von <persName ref="kbga-actors-557">Friedrich dem Großen</persName> stets
                        französisch ausgedrückten Maxime («Un prince est le premier serviteur et
                        le premier magistrat de l’Etat») vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann, S. 432</bibl>.</note>
                    </p>
                <p>Das ist das königliche Gottesgesetz, königlich, weil es Wahrheit ist von
                    innen heraus und weil es uns <hi rend="italic">ganz</hi> in Anspruch nimmt, nicht nur
                    einzelne, wenige oder viele unsrer Handlungen und Gedanken, sondern uns
                    selbst. Es sagt uns: Du wirst dann ein Mensch und eine <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>, wenn du rückhaltlos dich
                    selbst als Mittel brauchst, andre zu Menschen und Persönlichkeiten zu
                    machen. Du bist dann ein König und Herr, wenn du ganz ein Diener und Knecht
                    wirst. Es treffen sich in dieser Erkenntnis des Lebens die tiefen und großen
                    Geister der Menschheit über alle Unterschiede hinweg, und wieder beobachten
                    wir an dieser Stelle die feinen roten Linien, die alle großen und wertvollen
                    Menschen verbinden<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Mskr.: «verbindet»; von den Hrsg. geändert.</note>
                     mit dem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> auf
                        <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>, wo die Liebe,
                    die sich selbst hingibt, ihre große Offenbarung <term type="Sachen" key="Kreuz / ^@+ Kreuzestod, Offenbarung der Liebe">gefunden</term> hat.
                    Da ist <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, der es uns zuruft:
                    «Ihr aber, liebe Brüder, seid <pb xml:id="p466" ed="pga"/> zur Freiheit berufen;
                    allein sehet zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet,
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> sondern durch die Liebe diene einer dem
                    andern. Denn alle Gesetze werden in einem Worte erfüllt, in dem: Liebe
                    deinen Nächsten wie dich selbst.» [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.5.13 Gal.5.14">Gal. 5,13f.</ref>] Da sagt es uns wieder <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, dass Gottes <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, von Gott geforderte">Gerechtigkeit</term>, die er von uns fordert, darin besteht, dass seine
                    Güter fließen aus Einem in den Andern und allgemein werden, dass ein
                    Jeglicher sich seines Nächsten also annehme, als wäre er es selbst.<note xml:id="n18">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1302">
                                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>, <hi rend="italic">Freiheit</hi> (Anm. 12), 37,32–34</bibl>:
                        «Sihe also mussen gottis gutter fliessen auß eynem yn den andern und
                        gemeyn werden, das ein yglicher sich seynis nehsten annehm, als were erß
                        selb.»</note> Da ist <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kant</persName>, der es mit einer Deutlichkeit, wie sie vielleicht seit
                    Jesus nicht wieder dagewesen ist, ausgesprochen hat, dass der Weg vom Schein
                    zur Wahrheit nur der Weg der <term type="Sachen" key="Pflicht">Pflicht</term> sein kann, die uns beugt unter das Gesetz des
                    unsichtbaren sittlichen Reiches der <term type="Sachen" key="Gesetz, des sittlichen Reiches der Freiheit">Freiheit</term>, das
                    allen gemeinsam ist und das Alle miteinander verbinden soll.<note xml:id="n19">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-645">
                                <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Kritik der praktischen
                            Vernunft</hi>, Akademie-Ausgabe, Bd. 5, Berlin 1913,
                        S. 1–163, dort S. 82</bibl>: «Das moralische Gesetz ist […] für
                        den Willen jedes endlichen vernünftigen Wesens aber ein Gesetz der
                            <hi rend="italic">Pflicht</hi>, der moralischen Nötigung und der Bestimmung
                        der Handlungen desselben durch <hi rend="italic">Achtung</hi> für dies Gesetz und
                        aus Ehrfurcht für seine Pflicht […]. Wir sind zwar gesetzgebende
                        Glieder eines durch Freiheit möglichen, durch praktische Vernunft uns
                        zur Achtung vorgestellten Reichs der Sitten, aber doch zugleich
                        Unterthanen, nicht das Oberhaupt desselben […].»</note> Und da
                    ist <persName ref="kbga-actors-360">Friedrich Schleiermacher</persName>, der
                    Große, nur von Wenigen recht Verstandene, der die Menschengeister lehren
                    wollte, sich selber suchen und finden nicht in ihren eigenen kleinen und
                    kleinlichen Kreisen, sondern im Universum der Geister, das uns im Spiegel
                    der Vielen den Einen zeigt, welcher <hi rend="italic">der</hi> Geist und
                        <hi rend="italic">die</hi>
                    <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> ist.<note xml:id="n20"> Wohl eine Anspielung auf die im ersten Abschnitt der
                        Monologen ausgeführte Unterscheidung von «gemeiner», «äußerlicher»,
                        «knechtender» und «innerlicher Selbstbetrachtung», die «befreit»
                        (Kolumnentitel in: <bibl corresp="kbga-bibls-495">
                                <hi rend="italic">Friedrich Schleiermacher’s Monologen.
                            Kritische Ausgabe</hi>, hrsg. von Fr. M. Schiele [PhB 84], Leipzig
                        1902, S. 12–15)</bibl>: «Nur für den giebts Freiheit und Unendlichkeit,
                        der weiss was Welt ist und was Mensch, […]. Mir ist der Geist das
                        erste und das einzige: denn was ich als Welt erkenne, ist sein schönstes
                        Werk, sein selbstgeschaffener Spiegel » (<bibl corresp="kbga-bibls-495">a.a.O.</bibl>; vgl. Kritische Gesamtausgabe, Abt. I, <bibl corresp="kbga-bibls-497">Bd. 3:
                            <hi rend="italic">Schriften aus der Berliner Zeit</hi>, hrsg. von G.
                        Meckenstock, Berlin / New York 1988, S. 1–61, dort
                        S. 9).</bibl>, hrsg. von G.
                        Meckenstock, Berlin / New York 1988, S. 1–61, dort
                        S. 9).</note>
                    </p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p467" ed="pga"/> Aber nun fragst du mich: wie geht das zu, dass man so Gottes Gesetz erkenne
                    als das Eine, <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches G. ist ein Ganzes">Ganze</term>, was uns nötig ist? Und du hast recht, wenn du mich so
                    fragst. Denn wir wissen und erfahren das Alle: Damit, dass es uns gesagt
                    wird: Liebe deinen Nächsten als dich <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">selbst</term>!, damit steht dies Gesetz noch nicht als innere Wahrheit
                    vor unsrer Seele. Wie Viele hören es und merken nichts davon, dass es das
                        <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Königsgesetz</term> der
                    freien, starken Menschen ist. Es bedarf dazu eines «Zauberschlages», wie
                        <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName> das einmal genannt hat,<note xml:id="n21">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2723">
                                <persName ref="kbga-actors-360">ders.</persName>,
                            <hi rend="italic">Monologen. Eine Neujahrsgabe, (2.–) 4. Ausgabe</hi>,
                        Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 12, hrsg. von G. Meckenstock,
                        Berlin / New York 1995, S. 323–393, dort S. 378</bibl>: «So ists gewiß
                        auch ihr, wo sie auch sein mag, die so geartet ist, daß sie mich lieben,
                        daß ich ihr genügen könnte; gleiche Sehnsucht, die mehr als leeres
                        Verlangen ist, enthebt auch sie wie mich der öden Wirklichkeit, für die
                        sie nicht gemacht ist, und wenn ein Zauberschlag uns plötzlich
                        zusammenführte, würde Nichts uns fremd sein; […]. So fehlt uns
                        also nicht, auch ohne jenen Zauberschlag, in uns das höhere Dasein; für
                        solches Leben und durch dasselbe sind wir doch gebildet, und nur die
                        äußere Darstellung entgeht uns und der Welt.»</note> durch den es uns
                    deutlich und gegenwärtig wird, dass die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und Wirklichkeit jenseits der kleinen und großen Dinge
                    unsres äußern Daseins liegt, die uns jetzt so unendlich wichtig vorkommen;
                    es bedarf dazu der <term type="Sachen" key="Offenbarung">Offenbarung</term>
                    Gottes, wie man das auch nennen kann, durch die uns gesagt wird, dass der
                    Weg zum Leben wirklich über <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> führt, durch den Verzicht, durch das <term type="Sachen" key="Opfer">Opfer</term> für die <term type="Sachen" key="Stellvertretung">Andern</term>, <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> wie
                    Jesus es dargebracht hat. Es muss uns durch ein Wunder deutlich werden, dass
                    Gottes <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetz</term> nicht dies
                    und das ist, nicht etwas, das in unserm Leben <hi rend="italic">auch</hi> eine Rolle
                    spielt, wie die <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term> und das Gesangbuch auf dem Bücherbrett stehen neben
                    allerlei andern Büchern, sondern die verborgene Macht, die uns so lange
                    unruhig und unglücklich macht, bis sie die alleinherrschende Macht auch
                    unsres Lebens geworden ist.</p>
                <p>Diese Erkenntnis kann ich dir nun nicht einfach mitteilen und verschaffen,
                    lieber Freund, denn ich verfüge weder über den Zauberschlag noch über die
                    Offenbarung noch über das Wunder, das dazu nötig ist, und ich spüre auch
                    selber viel zu deutlich, wie sehr ich diese Dinge nötig habe. Aber ich will
                    dir sagen, wie du selbst zu dieser Erkenntnis kommen kannst, wie die ganzen
                    Menschen und Christen vor uns und um uns dazu gekommen sind und immer wieder
                    dazu <pb xml:id="p468" ed="pga"/> kommen. Ich habe das Wort <persName ref="kbga-actors-706">Naumanns</persName> genannt, dass das, was Jesus
                    seinen Jüngern geboten habe, eine Anweisung gewesen sei für «die Kindschaft
                    Gottes in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>». Er wollte
                    damit sagen, dass das, was wir nötig hätten, etwas sei, das von jenen
                    Anweisungen möglicherweise recht verschieden sei, dass man also auch aus den
                    Worten Jesu nicht ein wörtliches Gottesgesetz machen könne. Allein ich will
                    euch nun auch sagen, wie Naumann dort fortfährt: «Wenn verschiedene Stoffe
                    brennen» – sagt er – «so ist das Brennen selbst immer der
                    gleiche Vorgang, aber die Flamme ist, je nach der Grundlage des
                    Verbrennungsvorgangs, verschieden in Umfang, Leuchtkraft, Farbe und
                    Temperatur. <hi rend="italic">Man zündet aber die Flamme des zweiten Stoffes an der des
                        ersten an</hi>.»<note xml:id="n22">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2719">
                                <persName ref="kbga-actors-706">Naumann</persName> (Anm. 9),
                        S. 53</bibl> (i. Orig. ohne Hervorhebung).</note> So geht’s zu! Es wird
                    von Jesus erzählt: es ging Kraft von ihm aus, die heilte jedermann [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.19">Lk. 6,19</ref>]. Und diese Kraft
                    mag immer in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> vor 2000
                    Jahren gewirkt haben in den Formen, die dem Ort und der Zeit angemessen
                    waren, es wäre doch eine Torheit zu behaupten, dass sie durch die Entfernung
                    geschwächt und vermindert worden sei. Denn die Kraft <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kraft">Jesu</term> ist ja <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> gerade das Persönliche an ihm, das alle Unterschiede der Länder
                    und Zeiten überragt, weil es in sich selbst ewig und allgemeingültig ist.
                    Das ist das starke, große Brennen, von dem unsre kleinen Lichter ihren
                    Schein, ihre Flamme leihen sollen und dürfen. Das ist das lebendig gewordene
                    große, einfache <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gottesgesetz</term>, das königliche <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term> der <term type="Sachen" key="Freiheit, Gesetz der Fr.">Freiheit</term>. Jesus hat sich vor <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> mit Recht einen
                    König nennen können [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.18.37">Joh. 18,37</ref>], denn bei ihm war das, was bei uns erst werden soll,
                    vollendete, gegenwärtige Tatsache: Es floss aus seinem Innern mit
                    kristallheller Klarheit die freie Notwendigkeit, die seinem Leben Richtung
                    und Aufgaben, Wert und Inhalt gab. Sein Leben war etwas Ganzes,
                    Einheitliches, weil er sich ganz und einheitlich unter diese Notwendigkeit
                    stellte. Und weil er so war, konnte er für uns Andere der Herold der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herold der Wahrheit">Wahrheit</term>
                    werden, keinem andern vergleichbar. Denn alle andern Wahrheiten sind nur der
                    Vorhof für die eine große, dass unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> sich sammle und eine aus der
                    Zerstreuung der Selbstsucht zur Ganzheit der Liebe. Wo es zu dieser Ganzheit
                    kommt unter den Menschen und <hi rend="italic">in</hi> den Menschen, da ist Jesus, da
                    ist das königliche <term type="Sachen" key="Gesetz, königliches">Gesetz</term>, das wir nötig haben. Wir müssen noch einmal auf diesen
                    Gegenstand zurückkommen. In <pb xml:id="p469" ed="pga"/> dessen gehe du hin und
                    besinne dich, ob du auch schon etwas davon gesehen hast.</p>
                <p>«Siehe», sagt Luther, «das ist die rechte geistliche, christliche Freiheit,
                    die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle
                    andre Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Diese gebe uns Gott recht
                    zu verstehen und zu behalten!»<note xml:id="n23">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-1302">
                                <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName>,
                            <hi rend="italic">Freiheit</hi> (Anm. 12), 38,12–15 (Schlusswort;
                        modernisierte Fassung)</bibl>.</note>
                    </p>
                    </div>  
                    <div type="closer">
                            <salute>Amen.</salute>
                    </div>   
                    <div type="songs">
                        <head>Lieder:</head>
                            <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-146">Nr. 42: «Die goldne Sonne» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen 1–3
                            (RG 571; EG 449,1–3 [jeweils: «Die güldne Sonne»; EG mit
                            Textabweichung in Strophe 3]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-68">Nr. 241: «Ich will dich lieben, meine Stärke» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName>,
                            Strophen 1–2 und 3–5 (RG 682; EG 400 [jeweils mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.7.1 Mk.7.16">Markus 7,1–16.</ref>
                        </item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
