Predigt Nr. 38 · 24. April 1910

Predigt: Jakobus 2,1-7

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Jakobus 2,1–7
Meine Brüder, haltet nicht dafür, dass der Glaube an Jesum Christum, unsern Herrn der Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Kommt da in eine kirchliche Versammlung ein Mann mit goldenen Fingerringen in prächtigem Gewand und dann kommt ein Armer in schmutzigem Gewand, und ihr seht nach dem, der das prächtige Gewand trägt und sprecht zu ihm: Nimm bitte diesen guten Platz ein!, und zu dem Armen sprecht ihr: Du kannst dort stehen oder setze dich unten an meinen Schemel – seid ihr damit nicht zwiespältig in euch selbst und urteilt nach schlechten Vorurteilen? Höret, meine lieben Brüder! Hat Gott nicht erwählt, die arm sind in dieser Welt, zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches, das er verheißen hat denen, die ihn lieben? Ihr aber habt den Armen verachtet. Sind es nicht die Reichen, die euch Gewalt antun, und wiederum sie, die euch vor die Gerichtshöfe ziehen? Sind sie es nicht, die den guten Namen lästern, nach welchem ihr benannt seid?
Liebe Freunde!

Die starken und erfreulichen Menschen, die Menschen, die den Andern weitergeholfen haben einen großen Schritt oder einen kleinen Schritt, das waren immer die Einseitigen. Das waren und sind die Menschen, die klar und bestimmt Eines ins Auge fassen und die nun ihr Denken und Wollen, ihr Leben dem Einen weihen mit ganzem Herzen und aus allen ihren Kräften, die z. B. auf dem ungeheuren Felde der Wissenschaft nur ein Problem, nur eine Frage sehen, deren Beantwortung nun ihr Suchen und Mühen gilt. Die Menschen, deren sittlicher, moralischer Ernst mit Gewalt auf eine Aufgabe gerichtet ist, in der sich gerade ihnen das Gesetz des Guten offenbart hat. Wir Andern, wir angeblich Vielseitigen haben gut über die Scheuklappen der Einseitigkeit die Nase zu rümpfen. Wenn es uns geschenkt ist, die Fülle des Lebens, seiner Fragen und Aufgaben zu übersehen, dann verdanken wir es immer der harten, gewaltsamen Arbeit der großen |426 Einseitigen, die die Wege zur Rechten, zur Linken und in der Mitte zu Ende gegangen sind, nicht zu ihrem Privatvergnügen, sondern für uns. Aber wir wollen uns nicht zu schnell unsrer Vielseitigkeit rühmen. Es gilt nicht nur für jene großen Führer der Menschheit, sondern für jeden Einzelnen von uns, dass aus der Fülle der Gesichte1 und Erscheinungen des innern und äußern Lebens das Eine hervortreten muss wie der Grundton eines Gemäldes, wie das beherrschende Motiv eines musikalischen Satzes. Sonst bleibt unser Leben, so reich es äußerlich sein mag, wertlos; die scheinbare Vielseitigkeit ist dann Zerfahrenheit, die oberflächlich und unterscheidungslos nascht und schnuppert an den Früchten und Blüten rechts und links am Weg. Wirkliche lebendige, wertvolle Vielseitigkeit ist immer entfaltete, angewendete, fruchtbar gemachte Einseitigkeit. Paulus kann an seine Korinther schreiben: Alles ist euer!, weil er weiß: ihr aber seid Christi [1.Kor. 3,22f.]. Calvin stellt den modernen Menschen bewusst und absichtlich in die Vielseitigkeit der äußern irdischen Arbeit hinein, weil er weiß: der Mensch ist innerlich verankert und gegründet in der ewigen Erwählung des lebendigen Gottes.2 Die verkörperte Vielseitigkeit tritt uns fruchtbar und schaffend entgegen in den Persönlichkeiten eines Schleiermacher, eines Goethe, weil sie in der Mannigfaltigkeit als in einem Spiegel das Eine sahen und immer wieder dazu zurückkehrten. Im letzten Grund ist in unser aller Leben so oder so die Einseitigkeit der fruchtbare Baum, ohne den die Früchte der Vielseitigkeit nicht möglich sind; es müssten denn Papierfrüchte sein. Denn vergessen wir nicht: Gott ist der Eine; das schöpferische persönliche Leben, das unserm Dasein Wert und Inhalt gibt, ist das Eine. Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge [Röm. 11,36], und ohne ihn können wir nichts tun [vgl. Joh. 15,5].

427 Auch Jakobus ist einer von den Einseitigen gewesen. Wenn wir seinen Brief durchgehen, so sehen wir, dass er es immer nur mit der einen Frage zu tun hat, wie das Christentum seiner Leser oder Zuhörer sich im Leben zu gestalten habe, im praktischen, gewöhnlichen Alltagsleben nämlich. Man kann das Einseitigkeit nennen und man hat es getan, indem man etwas geringschätzig vom «Jakobuschristentum» geredet hat, das «bloß» in der Anwendung bestehe.3 Ich gestehe, dass ich mich gefragt habe, ob es wohlgetan sei, euch noch weiter an Hand unsres Briefes Jakobuschristentum zu predigen. Vielleicht hat auch der eine oder andre Zuhörer schon unter einer gewissen Eintönigkeit geseufzt. Allein ich halte doch dafür, dass wir fortfahren wollen. Denn die Einseitigkeit des Jakobus hat uns noch mehr zu sagen, als wir bis jetzt gehört haben, und was die Eintönigkeit betrifft, so bemerke ich, dass die Wahrheit, die innere Wahrheit nämlich, immer eintönig ist. Um diese Tatsache wollen wir uns nicht drücken, weder in unserm Privatleben noch hier im Gottesdienst, auch wenn es uns vielleicht angenehmer wäre.

Wir sind uns klar geworden darüber, dass Frömmigkeit sich entfalten muss zu dem reinen, guten Willen der Liebe, weil es Wahrheit nur gibt in der Liebe. Unsern heutigen Textabschnitt könnte man überschreiben: Die Halben. Denn von Leuten mit halber Frömmigkeit ist darin die Rede. Wir verstehen Alle ohne Weiteres, was das sagen will, wir kennen alle solche Leute, nämlich erstens uns selbst, zweitens noch einmal uns selbst und drittens zum dritten Mal uns selbst. Halbe Frömmigkeit! Die entsteht durch den bekannten Vor|428gang, dass wir bei der Betätigung unsres Glaubens, d. h. unsres innern Lebens Abstriche machen, da einen und dort einen; dass wir Ausnahmen konstatieren von der Regel, von der Regel, die wir kennen und anerkennen, Ausnahmen, die wir dann rechtfertigen eben mit jener schönen und klugen Entschuldigung, dass man nicht einseitig sein dürfe. Jakobus gibt keine theologische Definition der halben Frömmigkeit, sondern er weist mit ausgestrecktem Finger mitten unter seine Zuhörer und sagt ihnen: Da! mitten unter euch! so sieht sie aus! so kommt sie zum Vorschein, nicht bei den bösen Heiden und Juden, sondern bei euch, meine Brüder, nicht bloß in der Verborgenheit eures Privatlebens, sondern in der kirchlichen Versammlung, im Gottesdienst eurer Gemeinde. Wenn wir erwägen, dass es sich da um eine Gemeinde der Urchristen handelt, vielleicht 60–70 Jahre nach Jesu Tod, dann mag uns der Vorwurf, den Jakobus da festnagelt, wohl merkwürdig vorkommen. Denn wir sind gewohnt, vom Urchristentum reden zu hören als von der Zeit der ersten Liebe. Wir erinnern ­uns der Erzählung der Apostelgeschichte von der großen Eintracht der ersten Christen, von der Gemeinschaft der Herzen und der Gemeinsamkeit der Güter, die unter ihnen walteten [vgl. Act. 2,44–46; 4,32], welch letzterer Umstand schon Manchem wie eine Prophezeiung auf den Sozialismus vorgekommen ist. In jener Zeit hätte offenbar so etwas wie die Geringschätzung der Armen, von der in unserm Text die Rede ist, noch nicht vorkommen können. Aber es scheint eben, diese Zeit müsse recht kurz gewesen sein. Das geht schon daraus hervor, dass in der Apostelgeschichte davon erzählt ist bereits als von einer Merkwürdigkeit der christlichen Vergangenheit. Aus derselben Zeit, in der jene Erzählung in der Apostelgeschichte verfasst worden ist, mag unser Brief stammen. Und in dieser Zeit war es jedenfalls mit der ersten Liebe vorbei [vgl. Apk. 2,4], in dieser Zeit gab es auch unter den Urchristen schon Halbe. Das kam z. B. darin zum Ausdruck, dass damals allerlei Gedanken der griechischen und syrischen Philosophie und Sagengeschichte in die christliche Lehre eindrangen, die das einfache Evangelium, wenn nicht verfälschten, so doch zu einer schwierigen, komplizierten, gebildeten Sache machten.4 Für solche Fragen |429 der Lehre hatte Jakobus kein oder wenig Interesse. Das war nun einmal nicht seine Art. Wohl aber sehen wir ihn auf die praktische Halbheit der Christen losgehen, die darin bestand, dass sie in ihrer Nächstenliebe böse Unterschiede der Person machten, böse Unterschiede, weil sie dabei doch wieder mit schlechten Vorurteilen an den Nächsten herantraten, die durch das wirkliche Christentum gerade ausgerottet sein sollten. Er beweist ihnen das an einem bestimmten Fall, der offenbar in der bestimmten Gemeinde, an die er sich richtete, einmal oder mehrfach vorgekommen ist. Heutzutage muss ein Pfarrer sehr vorsichtig sein, wenn er in dieser Weise einer bestimmten Gemeinde eine Wahrheit sagen will, die gerade sie angeht. Allgemeine Vorwürfe lässt man sich gefallen, aber bei den speziellen gibt’s leicht Empfindlichkeit und Verdruss. Vielleicht sind die Leute damals auch empfindlich und verdrießlich geworden, als Jakobus ihnen das vorhielt, aber jedenfalls hat er sich nicht daran gekehrt, sondern hat die Wahrheit gesagt, und wir hören nichts davon, dass er deshalb weggewählt worden wäre, wie es letzthin einem Pfarrer im Simmental passiert ist.5

Ihr habt aus dem verlesenen Text bereits gehört, um was es sich bei dem handelte, was Jakobus seinen Leuten vorzuwerfen hatte. Er beschreibt den Fall, der sich offenbar wiederholt hat, recht anschaulich. Die Christen sind zum Gottesdienst versammelt, nicht in einer Kirche natürlich wie wir hier, sondern etwa in einem abgelegenen Zimmer eines Privathauses, in einem Keller oder vielleicht auch, wie es in Rom |430 üblich war, in einem Begräbnisraum über oder unter der Erde.6 Alle Plätze sind besetzt, und in andächtiger Stille wird der Bischof oder Älteste erwartet, der die Feier eröffnen wird mit dem aufmunternden Zuruf: Sursum corda! Aufwärts die Herzen! und dem dann die Versammlung gläubig und andächtig antworten wird: Wir haben sie droben beim Herrn.7 Da geht die Türe auf, und es tritt ein verspäteter Gottesdienstbesucher über die Schwelle. Das kam offenbar schon damals vor, nur mit dem Unterschied, dass bei uns auch der Späteste noch reichlich viel leere Plätze findet, was dort nicht der Fall war. Wir können uns wohl denken, dass er stolz und unzufrieden um sich gesehen haben wird, denn er war das Stehen nicht gewöhnt. Es war nämlich ein reicher und angesehener Mann in einem prächtigen Gewand und mit goldenen Fingerringen, was sich damals noch nicht Jeder geleistet hat. Vielleicht war es ein vornehmer Heide, der die Sache einmal mitansehen wollte – vornehme Leute haben manchmal plötzlich solche religiöse Interessen –, vielleicht war’s ein reicher Christ, deren es vereinzelt wohl auch welche gab. Kurzum, es war eine Respektsperson, deren Erscheinen gewiss ein erfreutes Murmeln in der kleinen Gemeinde erregt hat. Und darum musste er nicht lange stehen, einer in der vordersten Reihe springt beflissen auf, geht zu ihm, führt ihn zu seinem Stuhl: Nimm bitte diesen guten Platz ein! Alle sind sehr befriedigt über diese Lösung. Wenn jemand jenen Höflichen gefragt haben würde: Wozu tust du das? Er würde zweifellos geantwortet haben: aus christlicher Nächstenliebe, die mir gebietet, mich selbst zu verleugnen und dem späten Besucher meinen Platz anzubieten. Und Alle, die dort versammelt waren, hätten diese Antwort gewiss gebilligt. Auch wir können diese Gesinnung nur loben, denn die christliche Nächstenliebe, die sich selbst verleugnet, muss sich in der |431 Tat in den kleinen, scheinbar gleichgiltigen Angelegenheiten des Lebens zeigen, nicht erst in besondern hervorragenden Handlungen und Heldentaten. Selbstverständlich hatte auch Jakobus dagegen nichts einzuwenden. |

Aber nun öffnet sich die Türe ein zweites Mal. Es erscheint ein zweiter Spätling. Aber bei dem ist nun von goldenen Ringen und prächtigem Gewand keine Rede. Er ist abgerissen und schmutzig gekleidet, er hat vielleicht einen weiten Weg gemacht und steht nun müde und unansehnlich da, vielleicht im Übrigen ein braver Mann, dem niemand etwas vorwerfen konnte, aber jedenfalls keine Respektsperson für die Gemeinde wie der andre, wie der mit den Ringen. Und darum bleibt selbstverständlich Alles sitzen. Der Fall ist ein Anderer, denkt jeder still für sich, wenn er überhaupt etwas dabei denkt. Aber nein, da ist doch wieder einer, der denkt wenigstens halb: Komm! sagt er zu dem Armen, du kannst dort stehen oder, wenn du sitzen willst, dann magst du hier vor meinem Schemel Platz nehmen. Damit ist auch dieser kleine Zwischenfall zur Befriedigung erledigt, der Gottesdienst kann beginnen: Aufwärts die Herzen! Wir haben sie droben beim Herrn! –

Halt! fährt Jakobus dazwischen: Seid ihr damit nicht zwiespältig in euch selbst und urteilt nach schlechten Vorurteilen? Habt ihr nicht soeben in eurer Nächstenliebe einen bösen Unterschied gemacht durch eure Handlungsweise und darum auch in der Tiefe eurer Herzen, von denen ihr soeben sagt, dass ihr sie droben habt beim Herrn, bei Jesus Christus, unserm Herrn der Herrlichkeit? Meinet nicht, ruft er ihnen zu, dass der wirkliche Glaube und solch böses Unterschied-Machen nebeneinander bestehen kann, eins muss das andre beseitigen und vertilgen, wählet, welches von beiden ihr wollt. Denn wo einer wirklich im Glauben an den Herrn Jesus steht, da ist’s mit jenen Vorurteilen aus, mit den unwillkürlichen und doch so willkürlichen Vorurteilen des natürlichen Menschen, als ob die Kleider die Leute machten,8 als ob das Geld der Mann sei, als ob es überhaupt unter den Menschen einen Unterschied gebe, ernsthaft genug, dass wir seinet|432halben zum einen sagen könnten: mit dir hat die Liebe, die ich üben soll, weil ich den Glauben habe, nichts zu schaffen, oder du musst dich doch mit einer mageren Portion begnügen. Das ist ein schlechtes Vorurteil, weil es ein Urteil ist, das anderswoher fließt denn aus einem reifen und reinen christlichen Bewusstsein. Das christliche Bewusstsein wendet in der Frage Armut und Reichtum andere Maßstäbe an als der große Haufe der oberflächlichen Menschen. Jakobus hat diese Frage bereits einmal berührt [vgl. Jak. 1,9–11]. Hier kommt er darauf zurück. Armut und Reichtum gehören zum äußern Schein des Lebens, das Leben selbst hat damit nichts zu tun, sein Wert hängt nicht davon ab, vielmehr wird ein reifes und reines Urteil, ein Urteil, das kein Vorurteil ist, nur zu oft gerade dahin lauten, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sind [vgl. Mk. 10,31 par.]. Der Mensch siehet, was vor Augen ist, Gott aber siehet das Herz an [1.Sam. 16,7], und je mehr wir wachsen in der Erkenntnis, desto mehr sollen wir lernen, mit den Augen Gottes in die Welt sehen und danach unser Denken und Handeln zu richten. Denn an Gott glauben, das heißt ja nicht: annehmen, dass es einen Gott gibt, sondern das heißt: sich in seinem innern und äußern Leben mit Gott in Einklang setzen lassen, wie die Instrumente eines Orchesters gestimmt werden auf den Ton, den die Orgel ihnen angibt. Wo dieser Glaube da ist, da ist auch die Nächstenliebe. Eben darum ist aber zu sagen: wo die Nächstenliebe halb und verkümmert ist, eingeschränkt durch Vorurteile, die aus der Oberflächlichkeit stammen, da fehlt im Grunde auch der Einklang des Glaubens, da ist er getrübt durch unreine Nebentöne. |

Wir stehen wieder vor dem Grundgesetz der Frömmigkeit: es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde [Mt. 10,26 par.]. Jakobus wendet dies Grundgesetz auf den Fall an, von dem er redet. Haltet nicht dafür, dass der Glaube an Jesum Christum, unsern Herrn der Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Es ist vielmehr gerade die Art dieses Glaubens, dass eine Liebe daraus hervorgeht, die die Unterschiede ausschließt. Denn das ist die Art Jesu gewesen, er hat sich gerade zu den Armen und Verachteten gehalten, er hat ihnen gesagt: seid fröhlich und getrost, es ist jetzt eine Zeit gekommen, da ist es mit den Unterschieden vorbei [vgl. Lk. 6,20; Mt. 5,12]. Die arm sind in dieser Welt, d. h. die von den Menschen, die auf den Schein sehen, als arm und |433 ­bedauernswert angesehen sind und vielleicht sich selbst so ansehen, die sollen von jetzt an reich sein. Denn wenn ein Mensch den Glauben hat und im Glauben Gott hat, dann hat er ein Leben mit Wert und Inhalt und kann das, was die Oberflächlichkeit Reichtum und Glück nennt, fröhlich entbehren. Und indem er sich von Gott erwählt weiß zu diesem verborgenen Reichtum des inwendigen Menschen, steht er doch immer in der Erwartung noch größerer Güter. Denn Christen sind Zukunftsmenschen, die auf ein Erbe warten, das ihnen sicher verheißen ist [vgl. Hebr. 9,15]. Was denkt ihr euch dabei, meint Jakobus, wenn ihr einen solchen Armen geringschätzig behandelt, weil der äußere Schein gegen ihn ist? Und nun seht euch einmal den an, der in den Augen der Menschen reich und glücklich heißt. Sind es nicht die Angesehenen, Glücklichen, Reichen, Vornehmen, die der Sache der Wahrheit und des Rechts widerstehen, «die euch Gewalt antun und wiederum sie, die euch vor die Gerichtshöfe ziehen?» Das letztere ist wahrscheinlich eine Anspielung auf Streitigkeiten über mein und dein innerhalb der Christengemeinde, in denen die Reichen die Armen durch Prozedieren plagten und schädigten, noch dazu durch Bloßstellung von Mitchristen vor den heidnischen Gerichtshöfen. Wir wissen aus einer Stelle bei Paulus, dass dergleichen vorkam [vgl. 1.Kor. 6,1–5], und es würde dazu gut passen, wenn Jakobus sagt, dass die Reichen den guten Namen, nach dem die Christen genannt sind, nämlich den Namen Jesu lästern, gemein machen, kompromittieren. Vielleicht ist die Stelle aber auch als ein Hinweis auf die Verfolgungen zu verstehen, es wäre dann von heidnischen Reichen und Angesehenen die Rede, von den großen, offiziellen Leuten der damaligen Zeit, die den Christennamen und die Christengemeinde hassten, weil sie wohl spürten, dass es mit dem kapitalfrohen offiziellen Wesen vorbei wäre, wenn das wirkliche Christentum zur Herrschaft käme.

Jedenfalls will Jakobus sagen: Seht, wo das Ansehen und der Reichtum ist, denen ihr durch eure parteiische Höflichkeit und angebliche Nächstenliebe die Reverenz macht, da ist keineswegs die Wahrheit und das Recht, da ist keineswegs Gott, vielmehr das Gegenteil davon. Man könnte Jakobus entgegenhalten, dass es doch auch Reiche und Angesehene gibt, bei denen das anders ist. Er würde geantwortet haben: Gewiss, so gut es genug Arme gibt, deren inwendiges Leben alles Andere als Reichtum im Glauben ist. Besinnt euch auf die Regel, von |434 der früher die Rede war: Der arme Bruder rühme sich seiner Höhe, der reiche aber seiner Niedrigkeit [Jak. 1,9f.]. Wenn ein Reicher es verstanden hat in seinem Denken und Tun, dass der Reichtum an Geld und Gütern ein Schein ist, der vergeht, dass der wirkliche Reichtum nur der Reichtum in Gott ist [vgl. Lk. 12,21], den er gemein hat mit dem Armen, der zu ebensolcher Erkenntnis vorgedrungen ist, dann steht die Sache anders. Aber die Art, wie ihr dem Reichen im Gegensatz zum Armen Respekt bezeugt habt, beweist, dass euer Respekt nicht dem innern Reichtum in Gott galt, den jener Reiche vielleicht auch besaß, sondern seinem Geld und seinem Ansehen, seinen goldenen Ringen und seinem Prachtgewand, also gerade den Dingen, die vor Gott nichts besagen. Ihr habt Ansehung der Person geübt nach falschem, unchristlichen Maßstab, und darum ist der Auftritt, den ich getadelt habe, nicht eine bedeutungslose Formsache, wie ihr vielleicht denkt, sondern es liegt da ein Manko eures Glaubens vor, denn Glauben heißt gesinnt sein, wie Jesus Christus auch war [Phil. 2,5], und das ist bei euch offenbar nicht der Fall.

Meine Freunde! Was sagen wir zu dieser Momentaufnahme aus dem Gemeindeleben der alten Christenheit und zu der Beleuchtung, die sie von Jakobus bekommt? Wenn wir uns einfach an den Wortlaut der kleinen Geschichte halten, könnten wir mit einer gelassenen Handbewegung konstatieren, dass es eine interessante und erbauliche Geschichte sei, die uns aber nichts angehe, weil in unsern Gottesdiensten dergleichen nicht vorkomme. Aber ich weiß doch nicht, ob wir in diesem Punkt ein so ruhiges Gewissen hätten, wenn unsre Bänke etwas dichter besetzt wären, als es leider der Fall ist. Die Neigung zum Unterschied-Machen in der Liebe, d. h. zur Halbheit im Glauben ist eine allgemein menschliche Neigung, vielleicht fehlt es bei uns an diesem Ort nur an der Gelegenheit dazu. Gibt es doch Orte, wo diese Neigung förmlich Ordnung und System geworden ist. So ist es einer meiner unverlöschlichsten Eindrücke aus Berlin, wie dort in der Domkirche nicht nur einer, sondern sämtliche guten Plätze von Amtswegen reserviert und abgeschlossen sind für die gewöhnlichen Leute. Sie tragen Tafeln mit allerlei adligen und andern vornehmen Namen, auf andern heißt es auch bloß: «Zur Verfügung des Oberhofmarschallamtes».9 Kurzum, die gewöhnlichen Leute müssen ent|435weder stehen oder mit geringeren Plätzen vorlieb nehmen, also ganz der Vorgang, den wir eben kennengelernt haben. Ich wäre gerne einmal dabei gewesen, wenn der Oberhofprediger angesichts dieser Tafeln über unsern heutigen Text gepredigt hätte, aber er hat immer andere Texte gewählt.

Doch wir wollen schleunigst nach Genf zurückkehren, das trägt mehr ab, denn die Sache ist aktuell genug. Von einer kirchlichen, religiösen Versammlung ist also im Text die Rede. Nun ja, da mögen wir also in Bezug auf das, was das reine christliche Bewusstsein gebietet und verbietet, vorderhand und vielleicht immer ein ruhiges Gewissen haben. Aber ihr habt schon gemerkt, dass es sich um eine weitere und tiefere Frage handelt denn um eine Frage äußerer Schicklichkeit. Denn wenn wir’s genau nehmen, so werden wir sagen müssen, dass jede Versammlung, jedes Beisammensein von Christen eine solche religiöse Versammlung sein soll, d. h. dass da immer die Ehre Gottes, die Förderung der Wahrheit und des Rechts, die Erhebung und Erbauung des inwendigen Menschen Zweck und Ziel sein muss. Ob nun |436 die Familie beieinander ist, ob Geschäftsleute zusammen konferieren über Verlust und Gewinn, ob Freunde und Gesinnungsgenossen sich treffen zur Beratung der Angelegenheiten des geistigen und vaterländischen Lebens, das sollen religiöse Versammlungen sein, d. h. Versammlungen von Menschen, denen es ernst ist mit dem: Aufwärts die Herzen! Im Gegenteil: nach unserm protestantischen Verständnis des Evangeliums sind gerade das die «Gottesdienste» im eigentlichen Sinn, wenn denn einmal das Wort soll gebraucht werden. Du findest, das sei eine Einseitigkeit und eine Überflüssigkeit? Ja, lieber Freund, das Christentum ist überhaupt eine Einseitigkeit, da ist nichts zu wollen. Wo es sich um Gott handelt, da kann man nicht zweiseitig sein. Und wenn du meinst, dass das überflüssig sei, dann beweist das nur, dass du im Beisammensein mit den Menschen heimlich gerne Ausnahmen machen würdest, Unterschiede in der Anwendung des Christentums, dass du das Christentum nicht ganz anwenden willst, sondern nur halb nach eigenmächtig gewählten Maßstäben und Vorurteilen. Dann ist’s freilich besser, du begehst nicht noch den zweiten Fehler und nennst dein Zusammensein mit den Menschen christlich und religiös. Aber dann ist eben auch deine innere Stellung nicht in der Ordnung, dann hapert’s an keinem geringern Punkt als an deinem Glauben an Gott, so gut wir bei der alten Christengemeinde, von der wir hörten, sagen mussten, dass das innerste christliche Bewusstsein nicht in Ordnung war. Denn wenn wir inwendig recht zu Gott stehen, dann brauchen wir auch auswendig nicht davor zu scheuen, unser Zusammensein mit den Menschen, welcher Art es immer sein möge, als religiöse Versammlung im rechten Sinn zu verstehen, wir brauchen dann auch vor der ernsthaften Seite des Wortes Jesu nicht zurückzuschrecken, dass: wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen [vgl. Mt. 18,20], wir könnten dann mit ruhigem Gewissen in Bezug auf unser ganzes Leben, nicht nur in Bezug auf unsre Gottesdienste, die Forderung und das Verbot des Jakobus hinnehmen. |

Ja, wenn! Wenn unser christliches Bewusstsein in Ordnung, d. h. wenn es tatsächlich an der Art Jesu, d. h. aber an Gott orientiert, auf Gott gestimmt wäre. Ihr wisst wohl, dass das nicht so ist, dass wir tatsächlich halbe Leute sind, halb im Glauben und halb in der Liebe. Das eine ergibt sich notwendig aus dem andern, und das zeigt sich |437 dann darin, dass wir dem Christentum einen besondern Bezirk anweisen in unserm Leben, nur um nicht unser ganzes Leben christlich werden lassen zu müssen. Ich habe das Bild eines italienischen Malers aus dem katholischen Mittelalter gesehen; da steht der heilige Petrus Martyr vor dem Marien-Bild einer Ketzergemeinde. Es ist eine richtige Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, wie man sie überall sieht. Da streckt der Heilige dem Bilde eine geweihte Hostie entgegen, und nun geschieht ein erstaunliches Wunder: der Maria und dem Kind wachsen nämlich plötzlich Hörnlein, unwillig und entsetzt blicken sie den Heiligen an, sie sind im Begriff, sich in den Teufel zu verwandeln, der ihre Gestalt angenommen hatte.10 Das ist ein katholisches Bild, aber der Gedanke ist gut. Gerade so geht’s zu: wenn die scheinbare Heiligkeit, wenn der halbe Christ mit dem wirklichen Heiligen, mit Gott zusammentrifft, dann wachsen ihm die Hörnlein, dann kommt’s zum Vorschein, dann kommt’s ihm peinlich zu Bewusstsein, dass er nicht ist, was er sein sollte. Das hat niemand gern, und daher kommt’s, dass wir mit Gott gerne mit doppelter Buchführung arbeiten, eine für die Theorie, für die Erbauung, für die Kirche, eine fürs Leben, für die Praxis, fürs Geschäft, für den Verkehr mit den Menschen. Aber täuschen wir uns nicht: doppelte Buchführung ist in diesem Fall falsche Buchführung. Da muss nun ein jeder mit sich selbst zu Rate gehen, wie weit das bei ihm der Fall ist oder nicht. Es ist unendlich schwer, das in einem bestimmten Fall zu konstatieren, für einen Andern nämlich. Aber in einem Fall ist die Sache sehr deutlich, nämlich in dem Fall, von dem Jakobus erzählt, und der fasst sehr viele andere in sich: Wenn wir Unterschiede in der Übung der christlichen Liebe machen, dann ist’s klipp und klar, dass wir doppelte, d. h. falsche Bücher führen, denn das sieht jedes Kind ein, dass es bei Gott solche Unterschiede nicht gibt. Das Vorurteil, das uns in solchem Fall treibt, ist vielleicht nicht immer das respektvolle Vorurteil für den Reichtum wie dort bei den alten Christen, wenn es auch das allerhäufigste ist, es gibt Vorurteile für Ansehen und Titel, Vorurteile des äs|438thetischen Geschmacks, den wir an den Menschen finden oder nicht finden, Vorurteile der Partei und Ansicht, die wir mit den Leuten gemein haben oder nicht. Diese Vorurteile mögen nach allen möglichen Richtungen begründete und berechtigte Urteile sein, in Bezug auf die christliche Liebe sind es doch nur Vorurteile, und je mehr die christliche Liebe unser ganzes Leben beherrscht, desto mehr müssen sie zurücktreten zugunsten der siegreichen Gewalt der Liebe, die wir empfangen haben und die es ebendarum gilt weiterzugeben.

Ihr kennt alle das schöne dreizehnte Kapitel aus dem Ersten Korinther-Brief, wo davon die Rede ist. Wenn ihr es recht verstehen wollt, dann schreibt dort unsre heutige Textstelle an den Rand, sie gibt uns in all ihrer Schlichtheit einen wichtigen Fingerzeig, wie wir vom Stückwerk zur Vollkommenheit gelangen, von der Halbheit zur Ganzheit.

Denn darauf kommt’s an. Jesus ist ein Ganzer gewesen, und wir sollen es auch werden. Gott schenke uns in ihm die rechte Einseitigkeit.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 7: «Wunderbarer König» von J. Neander, Strophen 1–3 (RG 161; EG 327 [mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 161: «Herz und Herz vereint zusammen» von N. L. von Zinzendorf, Chr. Gregor und A. Knapp, Strophen 1.2 und 4.6.7 (RG 793,1.2.4.5.7; EG 251,1.2.4.6.7). 🎵
Lesungstext:
  • 1.Johannes 4,7–21.

Sachfußnoten

1
Gehobener Ausdruck für: eine Vielzahl von Eindrücken. Vgl. J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 519–521 (Nacht) 📖:
Es wird mein schönstes Glück zunichte!
Dass diese Fülle der Gesichte
Der trockne Schleicher stören muss!
↩
2
Vgl. Inst. II,2,13–16 📖 zur Kraft des Verstandes zur Betrachtung des Irdischen und zur Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft sowie zu Kunst und Wissenschaft sowie bes. Inst. III,24,6 zur Gewissheit der Erwählung, die Christus den Seinen schenkt.↩
3
Der Gebrauch der zitierten Begriffe konnte nicht ermittelt werden; eine inhaltlich sehr ähnliche Aussage findet sich z. B. in den einleitenden Sätzen bei H. von Soden, Der Jacobusbrief, in: JPTh 10 (1884), S. 137–192, dort S. 137 📖: «Der Brief, der des Jacobus Namen an der Spitze trägt, hat eine rein praktische Haltung; sein Blick ist nur auf das Leben und dessen Gestaltung seitens der Christen gerichtet; […]. Wir können darum den Brief auch nur mit dem Gedanken an das praktische Leben fragen, was er unter Christentum verstehe und was er von Christen verlange.» – Vgl. auch Fr. Barth, Einleitung in das Neue Testament, Gütersloh 1908, S. 148 📖: «In der Tat ist seine Haltung mehr praktisch-verständig als schwungvoll, und wer die Zeichen der Religion in Ekstasen und Zungenreden sucht, wird bei Jakobus enttäuscht. Aber dafür bietet er etwas Besseres: die tiefe, ruhige Überzeugung von der Anwendbarkeit der Worte Jesu auf das wirkliche Leben und von ihrer Bestätigung durch dasselbe.»↩
4
Barth denkt hier wohl an die platonisch beeinflusste Theologie des Origenes (185–254) und den im 2. Jahrhundert im syrisch-antiochischen Raum entstehenden christlichen Gnostizismus.↩
5
Es handelt sich um Vorgänge, die sich in der Gemeinde Oberwil/Simmental abgespielt hatten: Walter Wyss (1879–1952), seit 1904 Pfarrer im Ort, hatte Missstände in der dortigen Schule, besonders Versäumnisse und den mangelnden Lehrerfolg eines Französischlehrers angeprangert und sich erfolglos beim Schulinspektor und beim Regierungsrat beschwert. Er kam «in den seltenen Fall, die Interessen der Schule gegen Lehrerschaft, Schulinspektor und Kirche geltend zu machen und das kostete ihn schließlich die Stelle», wie der Berner «Bund», Nr. 200, 29./30.4.1910 📖, schrieb. In der Folge kam es nämlich zu einer monatelangen Pressekampagne gegen Wyss: «Konkrete Klagepunkte gegen Pfarrer Wyss waren keine vorhanden. Man legte ihm zur Last, daß er Mißstände aufgedeckt hatte. Auch sein Sexualunterricht in der Unterweisung verursachte allgemeines Ärgernis. In der Folge wurde Pfarrer Wyss von der Kirchgemeindeversammlung gesprengt» (Fr. Schär, Anlage der Dokumentation zur Geschichte des Kantons Bern 1850–1945 und Illustration ihres Gehalts, in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 38 [1976], S. 111–125, dort S. 118 📖). Wyss wechselte daraufhin nach Le Locle NE.↩
6
Die hier angesprochenen römischen sind die bekanntesten und ausgedehntesten christlichen Katakomben; sie entstanden im 2.–4. Jahrhundert. Vgl. E. Schäfer, Art. «Katakomben», in: RGG3 III, Sp. 1171–1174 📖.↩
7
Der Text in der Praefatio der römischen Messe: «Sursum corda. Habemus ad dominum» geht auf die dem Hippolyt von Rom zugeschriebene, ursprünglich griechisch geschriebene, aber nur in Übersetzungen erhaltene «Traditio apostolica» zurück. Eine kritische, mit Einleitung und Übersetzung von W. Geerlings versehene Ausgabe liegt vor in: Didache / Die Zwölfapostellehre. Traditio Apostolica / Apostolische Überlieferung (FC 1), Freiburg/Br. u. a. 1991, S. 141–313; Text dort S. 222f 📖.↩
8
«Kleider machen Leute» ist der Titel einer Novelle von Gottfried Keller (1819–1890), die in den 1860er Jahren entstand und zum ersten Mal gedruckt erschien in: ders., Die Leute von Seldwyla, Stuttgart 18742. 📖 Zu der dahinterstehenden älteren Redensart vgl. Büchmann, S. 219 📖.↩
9
In vorreformatorischer Zeit war das Kirchengestühl überhaupt nur Geistlichen und weltlichen Honoratioren vorbehalten, deren – oft eigens für sie errichtetes – Gestühl in der Regel das einzige in der Kirche war. Aber auch nach der «Gewährung eines allgemeinen Sitzrechtes der Laien» in den Kirchen der Reformation diente das Kirchengestühl «als Medium sozialer Differenzierung». Es war sehr lange nicht nur im Berliner Dom, sondern in vielen evangelischen Kirchen üblich, dass «Kirchenstuhlrechte» an einzelne Gemeindeglieder vergeben wurden, die dann «während des Gottesdienstes bestimmte Plätze ausschließlich nutzen durften»; davon zu unterscheiden sind «Sitzvorrechte von Inhabern bestimmter kirchlicher oder staatlicher Ämter» (H. Böttcher, Art. «Kirchengestühl», in: RGG4 IV, Sp. 1196f. 📖). Solche Rechte wurden oftmals durch in das Gestühl geritzte Wappen oder Zeichen (so z. B. auch im Berner Münster) und später oft durch entsprechende Plaketten kenntlich gemacht. Zwar wurde das Kirchenstuhlrecht bereits im 19. Jahrhundert «zunehmend beseitigt» (a.a.O., Sp. 1197); im 1905 eingeweihten Berliner Dom mit seiner besonderen Funktion auch für das deutsche Kaiserhaus gab es sie jedoch: «Im Westen, wie seit altersher bei Hofkirchen, die Empore des Landesfürsten, nun hier des Kaisers. […] Die Heraushebung dieses fürstlichen Platzes auch in der Kirche verwies mithin auf diese besondere Verpflichtung vor und für alle anderen» (Th. Buske, Der Berliner Dom als okinographisches Gesamtkunstwerk [Hefte des Evangelischen Kirchenbauvereins, 8], Schwerin 2000, S. 11 📖). Vgl. auch: Th. Buske, Das Kirchengestühl. Allein und gemeinsam im gottesdienstlichen Raum (Hefte des Evangelischen Kirchenbauvereins, 5/6), Berlin 1989 📖.↩
10
Es wird sich um das Bild «Der Heilige Petrus Martyr entlarvt die falsche Madonna» (aus dem Zyklus zum Leben des Heiligen Petrus Martyr) handeln, ein Fresko aus dem Jahr 1468 von Vincenzo Foppa (um 1427/30–1515/16), das sich in der Portinari-Kapelle an der Basilika Sant’Eustorgio in Mailand befindet.↩