Die starken und erfreulichen Menschen, die Menschen, die den Andern
weitergeholfen haben einen großen Schritt oder einen kleinen Schritt, das
waren immer die Einseitigen. Das waren und sind die Menschen, die klar und
bestimmt Eines ins 2 Auge fassen und die nun ihr
Denken und Wollen, ihr Leben dem Einen weihen mit ganzem Herzen und aus
allen ihren Kräften, die z. B. auf dem ungeheuren Felde der Wissenschaft nur
ein Problem, nur eine Frage sehen, deren
Beantwortung nun ihr Suchen und Mühen gilt. Die Menschen, deren sittlicher,
moralischer Ernst mit Gewalt auf eine Aufgabe gerichtet ist, in
der sich gerade ihnen das Gesetz des Guten offenbart hat. Wir
Andern, wir angeblich Vielseitigen haben gut über die Scheuklappen der Einseitigkeit die Nase zu
rümpfen. Wenn es uns geschenkt ist, die Fülle des Lebens, seiner Fragen und Aufgaben zu
übersehen, dann verdanken wir es immer der harten, gewaltsamen Arbeit der
großen |426 Einseitigen, die die Wege zur Rechten, zur
Linken und in der Mitte zu Ende gegangen sind, nicht zu ihrem
Privatvergnügen, sondern für uns. Aber wir wollen uns nicht zu schnell
unsrer Vielseitigkeit
rühmen. Es gilt nicht nur für jene großen Führer der Menschheit, sondern für
jeden Einzelnen von uns, dass aus der Fülle der Gesichte1 und Erscheinungen des innern und äußern Lebens das Eine
hervortreten muss wie der Grundton eines Gemäldes, wie das beherrschende
Motiv eines musikalischen Satzes. Sonst bleibt unser Leben, so reich es
äußerlich sein mag, wertlos; die scheinbare Vielseitigkeit ist dann
Zerfahrenheit, die oberflächlich und unterscheidungslos nascht und
schnuppert an den Früchten und Blüten rechts und links am Weg. Wirkliche
lebendige, wertvolle Vielseitigkeit ist immer entfaltete, angewendete,
fruchtbar gemachte Einseitigkeit. Paulus kann an seine Korinther schreiben: Alles ist euer!, weil
er weiß: ihr aber seid Christi [1.Kor. 3,22f.]. Calvin stellt den modernen Menschen
bewusst und absichtlich in die Vielseitigkeit der äußern irdischen Arbeit
hinein, weil er weiß: der Mensch ist innerlich verankert 3 und gegründet in der ewigen Erwählung des lebendigen Gottes.2 Die verkörperte
Vielseitigkeit tritt uns fruchtbar und schaffend entgegen in den
Persönlichkeiten eines Schleiermacher,
eines Goethe,
weil sie in der Mannigfaltigkeit als in einem Spiegel das Eine sahen und
immer wieder dazu zurückkehrten. Im letzten Grund ist in unser aller Leben
so oder so die Einseitigkeit der fruchtbare Baum, ohne den die Früchte der
Vielseitigkeit nicht möglich sind; es müssten denn Papierfrüchte sein. Denn
vergessen wir nicht: Gott ist der Eine; das schöpferische persönliche Leben, das unserm
Dasein Wert und Inhalt gibt, ist das Eine. Von ihm und durch ihn und zu ihm
sind alle Dinge [Röm. 11,36], und ohne ihn können wir nichts tun [vgl. Joh. 15,5].
427 Auch Jakobus ist einer von den
Einseitigen gewesen. Wenn wir seinen Brief durchgehen, so sehen wir, dass er
es immer nur mit der einen Frage zu tun hat, wie das Christentum seiner
Leser oder Zuhörer sich im Leben zu gestalten habe, im praktischen,
gewöhnlichen Alltagsleben
nämlich. Man kann das Einseitigkeit nennen und man hat es getan, indem man etwas
geringschätzig vom «Jakobuschristentum» geredet hat, das «bloß» in der
Anwendung bestehe.3 Ich gestehe, dass ich mich gefragt
habe, ob es wohlgetan sei, euch noch weiter an Hand unsres Briefes
Jakobuschristentum zu predigen. Vielleicht hat auch der eine oder andre
Zuhörer schon unter einer gewissen Eintönigkeit geseufzt. Allein ich halte
doch dafür, dass wir fortfahren wollen. Denn die Einseitigkeit des Jakobus
hat uns noch mehr zu sagen, als wir bis jetzt gehört haben, und was die
Eintönigkeit betrifft, so bemerke ich, dass die Wahrheit, die innere Wahrheit nämlich, immer eintönig ist. Um diese
Tatsache wollen wir uns nicht drücken, 4 weder in
unserm Privatleben noch hier im Gottesdienst, auch wenn es uns vielleicht
angenehmer wäre.
Wir sind uns klar geworden darüber, dass Frömmigkeit sich entfalten muss zu dem reinen,
guten Willen der Liebe, weil
es Wahrheit nur
gibt in der Liebe. Unsern heutigen Textabschnitt könnte man überschreiben:
Die Halben. Denn von Leuten mit halber Frömmigkeit ist darin die Rede. Wir
verstehen Alle ohne Weiteres, was das sagen will, wir kennen alle solche
Leute, nämlich erstens uns selbst, zweitens noch einmal uns selbst und
drittens zum dritten Mal uns selbst. Halbe Frömmigkeit! Die entsteht durch
den bekannten Vor|428gang, dass wir bei der Betätigung
unsres Glaubens, d. h. unsres innern
Lebens Abstriche machen,
da einen und dort einen; dass wir Ausnahmen konstatieren von der Regel, von der Regel, die wir kennen und anerkennen, Ausnahmen,
die wir dann rechtfertigen eben mit jener schönen und klugen Entschuldigung,
dass man nicht einseitig sein dürfe. Jakobus gibt keine theologische
Definition der halben Frömmigkeit, sondern er weist mit ausgestrecktem
Finger mitten unter seine Zuhörer und sagt ihnen: Da! mitten unter euch! so
sieht sie aus! so kommt sie zum Vorschein, nicht bei
den bösen Heiden und Juden, sondern bei euch, meine Brüder, nicht bloß in
der Verborgenheit eures Privatlebens, sondern in der kirchlichen
Versammlung, im Gottesdienst eurer Gemeinde. Wenn wir erwägen, dass es sich
da um eine Gemeinde der Urchristen handelt, vielleicht 60–70 Jahre nach Jesu
Tod, dann mag uns
der Vorwurf, den Jakobus da
festnagelt, wohl merkwürdig vorkommen. Denn wir sind gewohnt, vom Urchristentum reden zu hören
als von der Zeit der ersten Liebe. 5 Wir erinnern
uns der Erzählung der Apostelgeschichte von der großen Eintracht der ersten
Christen, von der Gemeinschaft der Herzen und der Gemeinsamkeit der Güter,
die unter ihnen walteten [vgl. Act. 2,44–46; 4,32], welch letzterer
Umstand schon Manchem wie eine Prophezeiung auf den Sozialismus
vorgekommen ist. In jener Zeit hätte offenbar so etwas wie die
Geringschätzung der Armen, von der in unserm Text die Rede ist, noch nicht
vorkommen können. Aber es scheint eben, diese Zeit müsse recht kurz gewesen
sein. Das geht schon daraus hervor, dass in der Apostelgeschichte davon
erzählt ist bereits als von einer Merkwürdigkeit der christlichen
Vergangenheit. Aus derselben Zeit, in der jene Erzählung in der
Apostelgeschichte verfasst worden ist, mag unser Brief stammen. Und in
dieser Zeit war es jedenfalls mit der ersten Liebe vorbei
[vgl. Apk. 2,4], in
dieser Zeit gab es auch unter den Urchristen schon Halbe. Das kam z. B. darin
zum Ausdruck, dass damals allerlei Gedanken der griechischen und syrischen Philosophie und
Sagengeschichte in die christliche Lehre eindrangen, die das einfache Evangelium, wenn nicht
verfälschten, so doch zu einer schwierigen, komplizierten, gebildeten Sache
machten.4
Für solche Fragen |429 der Lehre hatte Jakobus kein oder
wenig Interesse. Das war nun einmal nicht seine Art. Wohl aber sehen wir ihn
auf die praktische Halbheit der Christen losgehen, die darin bestand, dass
sie in ihrer Nächstenliebe
böse Unterschiede der Person machten, böse Unterschiede, weil
sie dabei doch wieder mit schlechten Vorurteilen an den Nächsten
herantraten, die durch das wirkliche Christentum gerade ausgerottet sein
sollten. Er beweist ihnen das an einem bestimmten Fall, der offenbar in der
bestimmten Gemeinde, an die er sich richtete, einmal oder mehrfach
vorgekommen ist. Heutzutage muss ein Pfarrer sehr vorsichtig sein, wenn er in dieser 6 Weise einer bestimmten Gemeinde eine Wahrheit
sagen will, die gerade sie angeht. Allgemeine Vorwürfe lässt man sich
gefallen, aber bei den speziellen gibt’s leicht Empfindlichkeit und
Verdruss. Vielleicht sind die Leute damals auch empfindlich und verdrießlich
geworden, als Jakobus ihnen das
vorhielt, aber jedenfalls hat er sich nicht daran gekehrt, sondern hat die
Wahrheit gesagt, und wir hören nichts davon, dass er deshalb weggewählt
worden wäre, wie es letzthin einem Pfarrer im Simmental passiert ist.5
Ihr habt aus dem verlesenen Text bereits gehört, um was es sich bei dem
handelte, was Jakobus seinen Leuten vorzuwerfen hatte. Er beschreibt den
Fall, der sich offenbar wiederholt hat, recht anschaulich. Die Christen sind
zum Gottesdienst versammelt, nicht in einer Kirche natürlich wie wir hier,
sondern etwa in einem abgelegenen Zimmer eines Privathauses, in einem Keller
oder vielleicht auch, wie es in Rom
|430 üblich war, in einem Begräbnisraum über oder unter
der Erde.6 Alle Plätze sind
besetzt, und in andächtiger Stille wird der Bischof oder Älteste erwartet,
der die Feier eröffnen wird mit dem aufmunternden Zuruf: Sursum corda!
Aufwärts die Herzen! und dem dann die Versammlung gläubig und andächtig
antworten wird: Wir haben sie droben beim Herrn.7 Da
geht die Türe auf, und es tritt ein verspäteter Gottesdienstbesucher über
die Schwelle. Das kam offenbar schon damals vor, nur mit dem Unterschied,
dass bei uns auch der Späteste noch reichlich viel leere Plätze findet, was
dort nicht der Fall war. Wir können uns wohl denken, dass er stolz und
unzufrieden um sich gesehen haben wird, denn er war das Stehen nicht
gewöhnt. Es war nämlich ein reicher und angesehener Mann in einem prächtigen
Gewand und mit goldenen Fingerringen, was sich damals noch nicht Jeder 7 geleistet hat. Vielleicht war es ein vornehmer
Heide, der die Sache einmal mitansehen wollte – vornehme Leute haben
manchmal plötzlich solche religiöse Interessen –, vielleicht
war’s ein reicher Christ, deren es vereinzelt wohl auch welche gab.
Kurzum, es war eine Respektsperson, deren Erscheinen gewiss ein erfreutes
Murmeln in der kleinen Gemeinde erregt hat. Und darum musste er nicht lange
stehen, einer in der vordersten Reihe springt beflissen auf, geht zu ihm,
führt ihn zu seinem Stuhl: Nimm bitte diesen guten Platz ein! Alle sind sehr
befriedigt über diese Lösung. Wenn jemand jenen Höflichen gefragt haben
würde: Wozu tust du das? Er würde zweifellos geantwortet haben: aus
christlicher Nächstenliebe, die mir gebietet, mich selbst zu verleugnen und
dem späten Besucher meinen Platz anzubieten. Und Alle, die dort versammelt
waren, hätten diese Antwort gewiss gebilligt. Auch wir können diese
Gesinnung nur loben, denn die christliche Nächstenliebe, die sich selbst
verleugnet, muss sich in der |431 Tat in den kleinen,
scheinbar gleichgiltigen Angelegenheiten des Lebens zeigen, nicht erst in
besondern hervorragenden Handlungen und Heldentaten. Selbstverständlich
hatte auch Jakobus dagegen nichts einzuwenden. |
Aber nun öffnet sich die Türe ein zweites Mal. Es erscheint ein zweiter
Spätling. Aber bei dem ist nun von goldenen Ringen und prächtigem Gewand
keine Rede. Er ist abgerissen und schmutzig gekleidet, er hat vielleicht
einen weiten Weg gemacht und steht nun müde und unansehnlich da, vielleicht
im Übrigen ein braver Mann, dem niemand etwas vorwerfen konnte, aber
jedenfalls keine Respektsperson für die Gemeinde wie der andre, wie der mit
den Ringen. Und darum bleibt selbstverständlich Alles sitzen. Der Fall ist
ein Anderer, denkt jeder still für sich, wenn er überhaupt etwas dabei
denkt. Aber nein, da ist doch wieder einer, der denkt wenigstens halb: Komm!
sagt er zu dem Armen, du kannst dort stehen oder, wenn du sitzen willst,
dann magst du hier vor meinem 8 Schemel Platz
nehmen. Damit ist auch dieser kleine Zwischenfall zur Befriedigung erledigt,
der Gottesdienst kann beginnen: Aufwärts die Herzen! Wir haben sie droben
beim Herrn! –
Halt! fährt Jakobus
dazwischen: Seid ihr damit nicht zwiespältig in euch selbst und urteilt nach
schlechten Vorurteilen? Habt ihr nicht soeben in eurer Nächstenliebe einen
bösen Unterschied gemacht durch eure Handlungsweise und darum auch in der
Tiefe eurer Herzen, von denen ihr soeben sagt, dass ihr sie droben habt beim
Herrn, bei Jesus Christus, unserm
Herrn der Herrlichkeit? Meinet nicht, ruft er ihnen zu, dass der wirkliche
Glaube und solch böses
Unterschied-Machen nebeneinander bestehen kann, eins muss das andre
beseitigen und vertilgen, wählet, welches von beiden ihr wollt. Denn wo
einer wirklich im Glauben an den Herrn Jesus steht, da ist’s mit
jenen Vorurteilen aus, mit den unwillkürlichen und doch so willkürlichen
Vorurteilen des natürlichen Menschen, als ob die Kleider die Leute
machten,8 als ob das Geld der Mann sei, als ob es überhaupt unter
den Menschen einen Unterschied gebe, ernsthaft genug, dass wir seinet|432halben zum einen sagen könnten: mit dir hat die
Liebe, die ich üben soll, weil ich den Glauben habe, nichts zu schaffen,
oder du musst dich doch mit einer mageren Portion begnügen. Das ist ein
schlechtes Vorurteil, weil es ein Urteil ist, das anderswoher fließt denn
aus einem reifen und reinen christlichen Bewusstsein. Das christliche
Bewusstsein wendet in der Frage Armut
und Reichtum andere Maßstäbe an
als der große Haufe der oberflächlichen Menschen. Jakobus hat diese Frage bereits einmal berührt
[vgl. Jak. 1,9–11]. Hier kommt er darauf zurück. Armut und Reichtum
gehören zum äußern Schein des Lebens, das Leben selbst hat damit nichts zu
tun, sein Wert hängt nicht davon ab, vielmehr wird ein reifes und reines 9 Urteil, ein Urteil, das kein Vorurteil ist, nur
zu oft gerade dahin lauten, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die
Letzten sind [vgl. Mk. 10,31 par.]. Der Mensch siehet, was vor Augen ist, Gott aber
siehet das Herz an [1.Sam. 16,7], und je mehr wir wachsen in der Erkenntnis, desto mehr
sollen wir lernen, mit den Augen Gottes in die Welt sehen und danach unser
Denken und Handeln zu richten. Denn an Gott glauben, das heißt ja nicht:
annehmen, dass es einen Gott gibt, sondern das heißt: sich in seinem innern
und äußern Leben mit Gott in Einklang setzen
lassen, wie die Instrumente eines Orchesters gestimmt werden auf den Ton,
den die Orgel ihnen angibt. Wo dieser Glaube da ist, da
ist auch die Nächstenliebe. Eben darum ist aber zu sagen: wo die
Nächstenliebe halb und verkümmert ist, eingeschränkt durch Vorurteile, die
aus der Oberflächlichkeit stammen, da fehlt im Grunde auch der Einklang des
Glaubens, da ist er getrübt durch unreine Nebentöne. |
Wir stehen wieder vor dem Grundgesetz der Frömmigkeit: es ist nichts verborgen, was nicht
offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde [Mt. 10,26 par.]. Jakobus
wendet dies Grundgesetz auf den Fall an, von dem er redet. Haltet nicht
dafür, dass der Glaube an Jesum Christum, unsern
Herrn der Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Es ist vielmehr gerade
die Art dieses Glaubens, dass eine Liebe daraus hervorgeht, die die Unterschiede
ausschließt. Denn das ist die Art Jesu gewesen, er hat sich gerade zu den
Armen und Verachteten gehalten, er hat ihnen gesagt: seid fröhlich und
getrost, es ist jetzt eine Zeit gekommen, da ist es mit den Unterschieden
vorbei [vgl. Lk. 6,20;
Mt. 5,12]. Die arm sind in
dieser Welt, d. h. die von den Menschen, die auf den Schein sehen, als arm
und |433 bedauernswert angesehen sind und vielleicht sich
selbst so ansehen, die sollen von jetzt an reich sein. Denn wenn ein Mensch
den Glauben 10 hat und im Glauben
Gott hat, dann hat er ein Leben mit Wert und Inhalt und kann das, was die
Oberflächlichkeit Reichtum und
Glück nennt, fröhlich entbehren. Und indem er sich von Gott erwählt weiß zu
diesem verborgenen Reichtum des inwendigen Menschen, steht er doch immer in
der Erwartung noch größerer Güter. Denn Christen sind Zukunftsmenschen, die auf ein
Erbe warten, das ihnen sicher verheißen ist [vgl. Hebr. 9,15]. Was denkt ihr euch
dabei, meint Jakobus, wenn ihr
einen solchen Armen geringschätzig behandelt, weil der äußere Schein gegen
ihn ist? Und nun seht euch einmal den an, der in den Augen der Menschen
reich und glücklich heißt. Sind es nicht die Angesehenen, Glücklichen,
Reichen, Vornehmen, die der Sache der Wahrheit und des Rechts
widerstehen, «die euch Gewalt antun und wiederum sie, die euch vor die
Gerichtshöfe ziehen?» Das letztere ist wahrscheinlich eine Anspielung auf
Streitigkeiten über mein und dein innerhalb der Christengemeinde, in denen
die Reichen die Armen durch Prozedieren plagten und schädigten, noch dazu
durch Bloßstellung von Mitchristen vor den heidnischen Gerichtshöfen. Wir
wissen aus einer Stelle bei Paulus, dass dergleichen vorkam [vgl. 1.Kor. 6,1–5], und
es würde dazu gut passen, wenn Jakobus sagt, dass die Reichen den guten
Namen, nach dem die Christen genannt sind, nämlich den Namen Jesu lästern,
gemein machen, kompromittieren. Vielleicht ist die Stelle aber auch als ein
Hinweis auf die Verfolgungen zu verstehen, es wäre dann von heidnischen Reichen
und Angesehenen die Rede, von den großen, offiziellen Leuten der damaligen
Zeit, die den Christennamen und die Christengemeinde hassten, weil sie wohl
spürten, dass es mit dem kapitalfrohen offiziellen Wesen vorbei wäre, wenn
das wirkliche Christentum zur Herrschaft käme.
Jedenfalls will Jakobus sagen: Seht, wo das Ansehen und der 11
Reichtum ist, denen ihr durch eure
parteiische Höflichkeit und angebliche Nächstenliebe die Reverenz macht,
da ist keineswegs die Wahrheit und
das Recht, da ist keineswegs Gott,
vielmehr das Gegenteil davon. Man könnte Jakobus entgegenhalten, dass es
doch auch Reiche und Angesehene gibt, bei denen das anders ist. Er würde
geantwortet haben: Gewiss, so gut es genug Arme gibt, deren inwendiges Leben
alles Andere als Reichtum im Glauben ist. Besinnt euch auf die Regel, von
|434 der früher die Rede war: Der arme Bruder rühme
sich seiner Höhe, der reiche aber seiner Niedrigkeit [Jak. 1,9f.]. Wenn ein Reicher es
verstanden hat in seinem Denken und Tun, dass der Reichtum an Geld und
Gütern ein Schein ist, der vergeht, dass der wirkliche Reichtum nur der Reichtum
in Gott ist [vgl. Lk. 12,21], den er gemein hat mit dem Armen, der zu ebensolcher
Erkenntnis vorgedrungen ist, dann steht die Sache anders. Aber die Art, wie
ihr dem Reichen im Gegensatz zum Armen Respekt bezeugt habt, beweist, dass
euer Respekt nicht dem innern Reichtum in Gott galt, den jener Reiche
vielleicht auch besaß, sondern seinem Geld und seinem Ansehen, seinen goldenen Ringen und seinem
Prachtgewand, also gerade den Dingen, die vor Gott nichts besagen. Ihr habt
Ansehung der Person geübt nach falschem, unchristlichen Maßstab, und darum
ist der Auftritt, den ich getadelt habe, nicht eine bedeutungslose
Formsache, wie ihr vielleicht denkt, sondern es liegt da ein Manko eures
Glaubens vor, denn Glauben heißt gesinnt sein, wie Jesus Christus auch war
[Phil. 2,5], und das ist
bei euch offenbar nicht der Fall.
Meine Freunde! Was sagen wir zu dieser Momentaufnahme aus dem
Gemeindeleben der alten Christenheit und zu der Beleuchtung, die sie von
Jakobus bekommt? Wenn wir 12 uns einfach an den Wortlaut der kleinen
Geschichte halten, könnten wir mit einer gelassenen Handbewegung
konstatieren, dass es eine interessante und erbauliche Geschichte sei, die
uns aber nichts angehe, weil in unsern Gottesdiensten dergleichen nicht
vorkomme. Aber ich weiß doch nicht, ob wir in diesem Punkt ein so ruhiges
Gewissen hätten, wenn unsre Bänke etwas dichter besetzt wären, als es leider
der Fall ist. Die Neigung zum Unterschied-Machen in der Liebe, d. h. zur
Halbheit im Glauben ist
eine allgemein menschliche Neigung, vielleicht fehlt es bei uns an diesem
Ort nur an der Gelegenheit dazu. Gibt es doch Orte, wo diese Neigung
förmlich Ordnung und System geworden ist. So ist es einer meiner
unverlöschlichsten Eindrücke aus Berlin, wie dort in der Domkirche nicht nur einer, sondern sämtliche guten Plätze von
Amtswegen reserviert und abgeschlossen sind für die gewöhnlichen Leute. Sie
tragen Tafeln mit allerlei adligen und andern vornehmen Namen, auf andern
heißt es auch bloß: «Zur Verfügung des Oberhofmarschallamtes».9 Kurzum, die gewöhnlichen Leute müssen ent|435weder stehen oder mit geringeren Plätzen vorlieb nehmen, also
ganz der Vorgang, den wir eben kennengelernt haben. Ich wäre gerne einmal
dabei gewesen, wenn der Oberhofprediger angesichts dieser Tafeln über unsern
heutigen Text gepredigt hätte, aber er hat immer andere Texte gewählt.
Doch wir wollen schleunigst nach Genf
zurückkehren, das trägt mehr ab, denn die Sache ist aktuell genug. Von einer
kirchlichen, religiösen Versammlung ist also im Text die Rede. Nun ja,
da mögen wir also in Bezug auf das, was das reine
christliche Bewusstsein gebietet und verbietet, vorderhand und vielleicht
immer ein ruhiges Gewissen haben. Aber 13 ihr habt
schon gemerkt, dass es sich um eine weitere und tiefere Frage handelt denn
um eine Frage äußerer Schicklichkeit. Denn wenn wir’s genau nehmen,
so werden wir sagen müssen, dass jede Versammlung, jedes
Beisammensein von Christen eine solche religiöse Versammlung
sein soll, d. h. dass da immer die Ehre Gottes, die Förderung der Wahrheit und des Rechts,
die Erhebung und Erbauung des inwendigen Menschen Zweck und Ziel sein muss.
Ob nun |436 die Familie beieinander ist, ob Geschäftsleute zusammen konferieren
über Verlust und Gewinn, ob Freunde und Gesinnungsgenossen sich treffen zur
Beratung der Angelegenheiten des geistigen und vaterländischen Lebens, das
sollen religiöse Versammlungen sein, d. h. Versammlungen von Menschen, denen
es ernst ist mit dem: Aufwärts die Herzen! Im Gegenteil: nach unserm
protestantischen Verständnis des Evangeliums sind
gerade das die «Gottesdienste» im eigentlichen Sinn, wenn denn einmal das
Wort soll gebraucht werden. Du findest, das sei eine Einseitigkeit und eine
Überflüssigkeit? Ja, lieber Freund, das Christentum ist überhaupt eine
Einseitigkeit, da ist nichts zu wollen. Wo es sich um Gott handelt, da kann
man nicht zweiseitig sein. Und wenn du meinst, dass das überflüssig sei,
dann beweist das nur, dass du im Beisammensein mit den Menschen heimlich
gerne Ausnahmen machen würdest, Unterschiede in der Anwendung des Christentums, dass du das Christentum nicht ganz anwenden
willst, sondern nur halb nach eigenmächtig gewählten Maßstäben und
Vorurteilen. Dann ist’s freilich besser, du begehst nicht noch den
zweiten Fehler und nennst dein Zusammensein mit den Menschen christlich und
religiös. Aber dann ist eben auch deine innere Stellung nicht in der
Ordnung, dann hapert’s an keinem geringern Punkt 14 als an deinem Glauben an Gott, so gut wir bei der alten
Christengemeinde, von der wir hörten, sagen mussten, dass das innerste
christliche Bewusstsein nicht in Ordnung war. Denn wenn wir inwendig recht
zu Gott stehen, dann brauchen wir auch auswendig nicht davor zu scheuen,
unser Zusammensein mit den Menschen, welcher Art es immer sein möge, als
religiöse Versammlung im rechten Sinn zu verstehen, wir brauchen dann auch
vor der ernsthaften Seite des Wortes Jesu nicht zurückzuschrecken, dass: wo
zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen
[vgl. Mt. 18,20], wir
könnten dann mit ruhigem Gewissen in Bezug auf unser ganzes Leben, nicht nur
in Bezug auf unsre Gottesdienste, die Forderung und das Verbot des Jakobus hinnehmen. |
Ja, wenn! Wenn unser christliches Bewusstsein in Ordnung, d. h.
wenn es tatsächlich an der Art Jesu, d. h. aber an Gott orientiert, auf Gott
gestimmt wäre. Ihr wisst wohl, dass das nicht so ist, dass wir tatsächlich
halbe Leute sind, halb im Glauben und halb in der Liebe. Das eine ergibt
sich notwendig aus dem andern, und das zeigt sich |437
dann darin, dass wir dem Christentum einen besondern Bezirk anweisen in
unserm Leben, nur um nicht unser ganzes Leben christlich werden lassen zu
müssen. Ich habe das Bild eines italienischen Malers aus dem katholischen
Mittelalter gesehen; da steht der heilige Petrus Martyr vor dem Marien-Bild einer
Ketzergemeinde. Es ist eine richtige Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, wie man sie überall sieht.
Da streckt der Heilige dem Bilde eine geweihte Hostie entgegen, und nun
geschieht ein erstaunliches Wunder: der Maria und dem Kind wachsen nämlich
plötzlich Hörnlein, unwillig und entsetzt blicken sie den Heiligen an, sie sind im
Begriff, sich in den Teufel zu
verwandeln, der ihre Gestalt angenommen hatte.10 Das ist ein katholisches Bild, aber der Gedanke ist
gut. Gerade so geht’s zu: wenn die scheinbare Heiligkeit, wenn der halbe Christ mit dem wirklichen
Heiligen, mit Gott 15 zusammentrifft, dann wachsen
ihm die Hörnlein, dann kommt’s zum Vorschein, dann kommt’s ihm
peinlich zu Bewusstsein, dass er nicht ist, was er sein sollte. Das hat
niemand gern, und daher kommt’s, dass wir mit Gott gerne mit
doppelter Buchführung arbeiten, eine für die Theorie, für die Erbauung, für die Kirche, eine fürs Leben, für
die Praxis, fürs Geschäft, für den
Verkehr mit den Menschen. Aber täuschen wir uns nicht: doppelte Buchführung
ist in diesem Fall falsche Buchführung. Da muss nun ein jeder mit sich
selbst zu Rate gehen, wie weit das bei ihm der Fall ist oder nicht. Es ist
unendlich schwer, das in einem bestimmten Fall zu konstatieren, für einen
Andern nämlich. Aber in einem Fall ist die Sache sehr deutlich, nämlich in
dem Fall, von dem Jakobus
erzählt, und der fasst sehr viele andere in sich: Wenn wir Unterschiede in
der Übung der christlichen Liebe machen, dann
ist’s klipp und klar, dass wir doppelte, d. h. falsche Bücher führen,
denn das sieht jedes Kind ein, dass es bei Gott solche Unterschiede nicht
gibt. Das Vorurteil, das uns in solchem Fall treibt, ist vielleicht nicht
immer das respektvolle Vorurteil für den Reichtum wie dort bei den alten Christen, wenn es auch das allerhäufigste
ist, es gibt Vorurteile für
Ansehen und Titel, Vorurteile des äs|438thetischen
Geschmacks, den wir an den Menschen finden oder nicht finden, Vorurteile der
Partei und Ansicht, die wir mit den Leuten gemein haben oder nicht. Diese
Vorurteile mögen nach allen möglichen Richtungen begründete und berechtigte
Urteile sein, in Bezug auf die christliche Liebe sind es doch nur Vorurteile, und
je mehr die christliche Liebe unser ganzes Leben beherrscht, desto mehr
müssen sie zurücktreten zugunsten der siegreichen Gewalt der Liebe, die wir
empfangen haben und die es ebendarum gilt weiterzugeben.
Ihr kennt alle das schöne dreizehnte Kapitel aus dem Ersten Korinther-Brief,
wo davon die Rede ist. Wenn ihr es recht verstehen wollt, 16 dann schreibt dort unsre heutige Textstelle an
den Rand, sie gibt uns in all ihrer Schlichtheit einen wichtigen Fingerzeig,
wie wir vom Stückwerk zur Vollkommenheit gelangen, von der Halbheit zur Ganzheit.
Denn darauf kommt’s an. Jesus ist ein Ganzer gewesen, und wir sollen
es auch werden. Gott schenke uns in ihm die rechte Einseitigkeit.