Predigt: Jakobus 1,26-27
Wir haben es heute mit einer sehr dringenden Angelegenheit zu tun, nämlich
mit der Frage nach dem rechten Gottesdienst. Ich habe das von
Frömmigkeit ist ihrem Wesen nach innerliche, verborgene Lebendigkeit, sie ist
Berührung mit dem geheimnisvollen Grunde des Daseins,
und diese Berührung kann der Mensch nicht machen, noch erkünsteln, noch
erzwingen, sondern sie wird ihm geschenkt. Aber ebenso gewiss ist es, dass
das Innerliche äußerlich werden, dass das Geheimnis sich entschleiern muss
in den Gedanken und Handlungen des Alltags, denn der Christ lebt nicht in einer
Mönchszelle, sondern in der Welt mit ihrem Gram und Glück.1 Jesus hat das Grundgesetz wirklicher Frömmigkeit
ausgesprochen, indem er seinen Jüngern gesagt hat: Es ist nichts verborgen,
das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht lassen
werde. Was ich euch sage in der Finsternis, das
redet im Licht; und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern
[
Danach wäre das die wertlose Frömmigkeit, das wertlose
Christentum, das in einem bloßen Annehmen von Bibelsprüchen und Dogmen bestünde, das bloß Glauben wäre und nicht
Leben, bloß Bekenntnis und nicht
Tat. Hat
Allein ich glaube doch, unser Text führt uns diesmal noch einen andern Weg als den, der zu dieser Erkenntnis führt.
Wenn einer meint, fromm zu sein, und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern betrügt sein Herz, dessen Frömmigkeit ist wertlos. Ich wiederhole meine Frage: Was ist das für eine Frömmigkeit? Denn ich vermute, Jakobus habe wenigstens an dieser Stelle wirklich nicht an Menschen gedacht, die nur den äußern Schein eines angeblichen «Glaubens» haben, innerlich aber völlig tot und gottlos sind. Solche gibt es vielleicht überhaupt nur ganz selten. Wohl aber gibt es Unzäh|414lige, die zwar etwas erfahren haben von der Herrlichkeit des wirklichen Glaubens, die in freiem Gehorsam und Vertrauen Gott berührt haben, es erwächst auch daraus so etwas wie Leben und Gesinnung, aber das Wachstum bleibt entweder stehen oder es nimmt unschöne, verkrüppelte Formen an. So stehen wir staunend vor einer Frömmigkeit, die zweifellos eine Wurzel hat, die aber aus einem bestimmten Grund eine Zwergpflanze oder Krüppelpflanze geworden ist. Jakobus nennt eine solche Frömmigkeit, einen solchen Gottesdienst wertlos.
Wir besinnen uns über das Merkmal, das er dafür angibt: der Mensch hält dabei seine Zunge nicht im Zaum. Da kommen wir nun scheinbar auf ein sehr weites Gebiet, auf das immer aktuelle Gebiet der Zungensünden. Aber hier handelt es sich offenbar um die besondere Frage nach dem Verhältnis von Frömmigkeit und Reden, das wir bei einem frühern Anlass schon berührt haben.5 Wir erinnern uns von dorther: ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam aber zum Reden. Denn das Reden über Religion hat die dringende Gefahr der Fabrikation von Wolkenschleiern bei sich, hinter denen sich eine große Null verbirgt. Solches Reden entfernt von Gott, weil es unwahrhaftig ist. Auf diese warnende Erkenntnis kommt Jakobus hier zurück. Aber sie wird in dem neuen Zusammenhang noch vertieft und ergänzt. Dort hieß es: nicht reden – hören! hier kommt dazu: nicht reden – tun! Aus dem Hören muss das Handeln wachsen, das ist wirkliche Frömmigkeit, der Feind und das Hindernis beider ist das inhaltsleere Reden, weil es einen falschen Schein an Stelle des Wesens setzt. Und wenn wir uns nun erinnern, dass wir damals gesehen haben, wie das inhaltsleere Reden ein Kind des Egoismus ist, weil wir uns damit gegen die Wahrheit verbarrikadieren, die das Gegenteil des Egoismus ist, dann kann es uns heute verständlich werden, dass auch der scheinbare, verkrüppelte Gottesdienst, bei dem wir die Zunge nicht im Zaum halten und uns selbst betrügen, eine Geburt jenes Egoismus sein muss.
Denn es geht so zu bei uns. Wenn wir das Evangelium gehört haben, wenn uns auch nur ein spärlicher Bruchteil seines Lichtes aufgegangen ist, wenn wir Gottes gewahr geworden sind, vielleicht durch die |415 Führungen unseres Lebens, vielleicht durch ernsthaftes Nachdenken über die Werte und Unwerte des Daseins, vielleicht durch irgend ein Wort, das an einem Sonntag oder in einer Festzeit wie der hinter uns liegenden in uns haften geblieben ist, dann will der Same, so klein er sein mag, Wurzel schlagen und aufsprießen. Dann spüren wir es, wie der Bruchteil des Lichtes, das uns aufgegangen ist, die Macht werden will, die unser inneres und äußeres Leben bildet und gestaltet. Wir merken wohl, dass wir bei diesem frühlingsfrohen Sprossen und Treiben des neuen Lebens in uns nichts davon noch dazu tun können, weil es Gott ist, der uns in der Arbeit hat. Aber etwas Anderes können wir tun, und ob und wie wir’s tun, davon hängt es ab, ob unser Gottesdienst ein rechter wird, d. h. ob das Ganze unsrer Frömmigkeit, unsres Lebens ein Rechtes und Reines wird. Der Gärtner macht den Baum nicht, sondern der Baum wächst, weil er wachsen muss. Wohl aber kann der Gärtner einen Graben um den Baum ziehen, er kann ihm gute Erde und Wasser zuführen, er kann ihn aufrichten und stützen, er kann durch Ausrotten des Unkrauts und der Schlingpflanzen verhindern, dass ihm der beste Saft entzogen wird. Er kann mit einem Wort dafür sorgen, dass er wächst, wie er wachsen soll, und nicht zu einer Krüppelpflanze wird. – |
Gerade das ist nun unser Anteil an der Gestaltung und Bildung des neuen Lebens, das aus dem Glauben in uns wächst und wachsen
muss. Der Lebenstrieb in der Naturwelt ist mächtiger als die Hindernisse,
die ihm durch das Klima, durch die Art des Bodens, durch das Unkraut
bereitet werden. Auch die Felsen unsrer Berge, auch die unwirtlichsten
Gegenden des hohen Nordens, auch der 5000 Meter tiefe Boden des indischen
Ozeans haben ihre Pflanzen- und Tierwelt. Aber etwas Wertvolles, Kräftiges,
Großes kann auf solchem Boden nicht gedeihen, es ist Krüppel- und
Zwergvegetation, es sind Karikaturen der Natur, die da entstehen. So hat der
lebendige Gott sein Licht
in großen und kleinen Bruchteilen so oder so vielleicht in allen Menschen
einmal aufleuchten lassen. Diese Tatsache darf uns Freude und Hoffnung
machen. Aber sie ruft uns auch mit großem Ernst zu: es kommt auf den Boden
an, ob etwas Lebenskräftiges und Wertvolles daraus wird. Es gilt, den Boden
zu reinigen und empfänglich zu machen. Denn auf dem dürren Boden des Egoismus wächst sonst ein
Schein-Gottesdienst, mit dem wir unser Herz betrügen. Das liebe Ich |416 bemächtigt sich des göttlichen Lichtes und braucht es
zu seinen angenehmen und nützlichen Zwecken. Die Frömmigkeit wird uns ein
vollkommenes Mittel, unsern offenen und verborgenen Wünschen und Ansprüchen
Relief und Nachdruck zu geben. So ist aus der guten Wurzel der alten Propheten Israels die Krüppelpflanze des spätern Judentums gewachsen, dessen
angeblicher Gottesdienst in Wirklichkeit ein großer Schacher
war um zukünftige Belohnung. Die angeblichen Gottesdiener dienten sich selber. So
hat im römischen Katholizismus das liebe Ich nach dem Lichte Jesu gegriffen, und
es ist eine Versicherungsanstalt auf das ewige Heil
daraus geworden,6
in der man sich durch allerlei Bräuche und Verrichtungen dem Einen, was
nottut [vgl.
Ich möchte wieder eine Form solchen Scheingottesdienstes aus
unsrer Zeit bei Namen nennen, vielmehr eine Form, bei der die Gefahr
egoistischen Misswuchses vorhanden und dringend ist. Seit etwa 25 Jahren ist
der Begriff der «Persönlichkeit» einer der beliebtesten und gebrauchtesten
auf dem religiösen Gebiet geworden.8
Man versteht darunter die freie und doch
harmonische Gestaltung eines Menschenlebens aus sich selbst heraus. In Menschen wie
Ich sprach von dieser Bewegung, um euch an einem Beispiel aus dem religiösen
Leben der Gegenwart zu zeigen, wie der Schein-Gottesdienst, die
Schein-Frömmigkeit, von der
Nachdem wir uns das gefragt haben, wenden wir uns zu der merkwürdigen Beschreibung, die Jakobus nun von dem Gottesdienst gibt, wie er sein soll. Er sagt nämlich: Reine Frömmigkeit, fleckenlose vor Gott dem Vater ist das: nach den Waisen und Witwen sehen in ihrer Trübsal, sich selbst aber von der Welt unbefleckt erhalten.
420 Wir notieren vor Allem: das ist die Frömmigkeit, die vor Gott gilt, nicht vor irgend einem Gott oder dem Bild eines Gottes, das wir uns selbst gemacht und aufgerichtet haben, sondern vor Gott dem Vater, und das will im Neuen Testament nichts Anderes sagen als: vor dem lebendigen, wirklichen Gott, der uns in Jesus und seiner Art deutlich und gegenwärtig ist. Dieser Gott hat in unverdienter Freundlichkeit den Samen des Lebens in uns gepflanzt, so sieht nun der Baum aus, der daraus wachsen soll. Verstehst du das?
Jakobus zieht zwei einfache Linien: nach den Waisen und Witwen sehen und sich von der Welt unbefleckt erhalten, das ist reine Frömmigkeit, reiner Gottesdienst. Diese Beschreibung mutet uns ziemlich trocken an, das ist keine Frage. Wenn wir von Frömmigkeit reden, denken wir gern an interessantere und kompliziertere Dinge. Aber wenn du bei der nüchternen Anweisung des Jakobus den Reichtum und die Mannigfaltigkeit des religiösen Lebens vermissest, so möchte ich dir doch zu bedenken geben, dass die rechte Mannigfaltigkeit nur die ist, die aus der Einfachheit hervorgeht, wie die Blume sich aus der unscheinbaren Knospe entwickelt, dass von erfreulichem Reichtum hier wie im äußern Leben nur die Rede sein kann, wo ein Mensch von unten herauf gediente und sich das Seine im tapfern Kampf mit dem Leben verdientf hat. Es liegt gerade im Wesen der reinen Frömmigkeit, dass wir diesen und keinen andern Gang gehen. Machen wir’s umgekehrt, begehren wir mit dem Reichtum anzufangen, mit hohen und erhabenen Ideen und Gefühlen, dann ist das, wie wir vorhin gesehen haben, ein Zeichen dafür, dass wir mit unserm Gottesdienst nicht Gott meinen, sondern uns selber.
Die nüchterne Anweisung des
Der erste Paragraph lautet: nach den Waisen und Witwen sehen in ihrer
Trübsal. Dass die allgemeine Menschenliebe eine gute Sache sei, das haben
auch die Juden und Heiden schon gewusst oder
geahnt, und wir Alle haben das unmittelbare Gefühl, dass das zu rechter
Frömmigkeit gehöre.
Auch die, welche von den sogenannten Dogmen des |421 Christentums nichts wissen
wollen, erklären sich mit diesem Prinzip sehr einverstanden, und noch
befriedigter wären sie, wenn es zu machen wäre, dass die ganze Kirche sich
in eine große Armen-Anstalt verwandelte. Allein es wird doch
seinen guten Grund haben, dass
422
Und nun ahnen wir vielleicht schon, dass das
Andre, was von uns gefordert ist, in Wirklichkeit nicht etwas Anderes ist,
sondern dieselbe Sache, von der andern Seite gesehen. Du sollst dich
selbst von der Welt unbefleckt erhalten. Wenn das erste Gebot uns
von der Liebestätigkeit auf
die Liebe, von der Liebe auf die uninteressierte Liebe und von da auf den reinen
guten Willen geführt
hat, so unterstreicht die zweite Forderung einfach den letzten Punkt. Sie
sagt uns: Reinigt eure Gedanken und euren Willen von der Welt, d. h. von
Allem, was mit dem guten Willen nichts zu tun hat, aus dem ein heimliches
Eigeninteresse hervorguckt. Tut das, dann tut ihr den rechten Gottesdienst.
Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit [
Das ist reine Frömmigkeit vor Gott dem Vater. So vereinfacht sich aber die an uns gestellte Forderung
auf das, was
Es ist eine harte Sache um den rechten Gottesdienst, das leidet keinen Zweifel; sein Wesen und Grundgesetz ist bälder ausgesprochen und angehört als geübt. Denn das kostet uns nicht nur Mühe, sondern es macht uns unglücklich, wenn wir darangehen, Gottes Art an Stelle unsrer Art zu setzen. Aber wenn wir in diesen Kampf mit uns selbst gehen, sind wir auf dem Weg zu dem Ziel, das uns gesteckt ist. Wir haben am Karfreitag davon geredet. Nun blicken wir auf Ostern zurück und fassen den Lebensinhalt der festlichen Botschaft, der kein anderer ist als der Lebensinhalt unsrer heutigen Textworte, zusammen in des Dichters und Kämpfers Osterlied:
- Nr. 218: «Wie mächtig spricht in meiner Seele» von
J. Chr. Krüger , Strophen 1–2 und 3–4. - Nr. 135: «Ich sag es jedem, dass er lebt» von
Fr. von Hardenberg (Novalis), Strophen 1–3.5 (RG 484).
-
Lukas 10,25–37 .