<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53040">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 38</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 2,1-7</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 2,1-7, 24. April 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53040 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53040</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 38: Predigt: Jakobus 2,1-7</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">40</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 2,1-7, 24. April 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1481">KBA 1016</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1910-04-24">24. April 1910</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon"> 
                <pb xml:id="p425" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>38</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-04-24">Sonntag, den
                            24. April 1910</date> <date rend="right">(Sonntag Cantate)</date> </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.1 Jak.2.7">Jakobus 2,1–7</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Meine Brüder, haltet nicht dafür,
                                    dass der Glaube an Jesum Christum, unsern Herrn der
                                    Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Kommt da in eine
                                    kirchliche Versammlung ein Mann mit goldenen Fingerringen in
                                    prächtigem Gewand und dann kommt ein Armer in schmutzigem
                                    Gewand, und ihr seht nach dem, der das prächtige Gewand
                                    trägt und sprecht zu ihm: Nimm bitte diesen guten Platz
                                    ein!, und zu dem Armen sprecht ihr: Du kannst dort stehen
                                    oder setze dich unten an meinen Schemel – seid ihr
                                    damit nicht zwiespältig in euch selbst und urteilt nach
                                    schlechten Vorurteilen? Höret, meine lieben Brüder! Hat Gott
                                    nicht erwählt, die arm sind in dieser Welt, zu Reichen im
                                    Glauben und Erben des Reiches, das er verheißen hat denen,
                                    die ihn lieben? Ihr aber habt den Armen verachtet. Sind es
                                    nicht die Reichen, die euch Gewalt antun, und wiederum sie,
                                    die euch vor die Gerichtshöfe ziehen? Sind sie es nicht, die
                                    den guten Namen lästern, nach welchem ihr benannt
                                    seid?</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Die starken und erfreulichen Menschen, die Menschen, die den Andern
                    weitergeholfen haben einen großen Schritt oder einen kleinen Schritt, das
                    waren immer die Einseitigen. Das waren und sind die Menschen, die klar und
                    bestimmt Eines ins <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Auge fassen und die nun ihr
                    Denken und Wollen, ihr Leben dem Einen weihen mit ganzem Herzen und aus
                    allen ihren Kräften, die z. B. auf dem ungeheuren Felde der Wissenschaft nur
                        <hi rend="italic">ein</hi> Problem, nur <hi rend="italic">eine</hi> Frage sehen, deren
                    Beantwortung nun ihr Suchen und Mühen gilt. Die Menschen, deren sittlicher,
                    moralischer Ernst mit Gewalt auf <hi rend="italic">eine</hi> Aufgabe gerichtet ist, in
                    der sich gerade <hi rend="italic">ihnen</hi> das Gesetz des Guten offenbart hat. Wir
                    Andern, wir angeblich Vielseitigen haben gut über die Scheuklappen der <term type="Sachen" key="Einseitigkeit">Einseitigkeit</term> die Nase zu
                    rümpfen. Wenn es uns geschenkt ist, die Fülle des <term type="Sachen" key="Leben, Fülle">Lebens</term>, seiner Fragen und Aufgaben zu
                    übersehen, dann verdanken wir es immer der harten, gewaltsamen Arbeit der
                    großen <pb xml:id="p426" ed="pga"/> Einseitigen, die die Wege zur Rechten, zur
                    Linken und in der Mitte zu Ende gegangen sind, nicht zu ihrem
                    Privatvergnügen, sondern für uns. Aber wir wollen uns nicht zu schnell
                    unsrer <term type="Sachen" key="Vielseitigkeit">Vielseitigkeit</term>
                    rühmen. Es gilt nicht nur für jene großen Führer der Menschheit, sondern für
                    jeden Einzelnen von uns, dass aus der Fülle der Gesichte<note xml:id="n01">Gehobener Ausdruck für: eine Vielzahl von Eindrücken. Vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                        V. 519–521 (Nacht)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Es wird mein schönstes Glück zunichte! </l>
                                    <l>Dass diese Fülle der Gesichte </l>
                                    <l>Der trockne Schleicher stören muss!</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> und Erscheinungen des innern und äußern Lebens das Eine
                    hervortreten muss wie der Grundton eines Gemäldes, wie das beherrschende
                    Motiv eines musikalischen Satzes. Sonst bleibt unser Leben, so reich es
                    äußerlich sein mag, wertlos; die scheinbare <term type="Sachen" key="Vielseitigkeit, Zerfahrenheit">Vielseitigkeit</term> ist dann
                    Zerfahrenheit, die oberflächlich und unterscheidungslos nascht und
                    schnuppert an den Früchten und Blüten rechts und links am Weg. Wirkliche
                    lebendige, wertvolle Vielseitigkeit ist immer entfaltete, angewendete,
                    fruchtbar gemachte Einseitigkeit. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> kann an seine Korinther schreiben: Alles ist euer!, weil
                    er weiß: ihr aber seid Christi [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.22 1.Kor.3.23">1.Kor. 3,22f.</ref>]. <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> stellt den modernen Menschen
                    bewusst und absichtlich in die Vielseitigkeit der äußern irdischen Arbeit
                    hinein, weil er weiß: der Mensch ist innerlich verankert <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> und gegründet in der ewigen <term type="Sachen" key="Erwählung">Erwählung</term> des lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gottes</term>.<note xml:id="n02">Vgl.
                        <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. II,2,13–16</bibl> zur Kraft des Verstandes zur Betrachtung des
                        Irdischen und zur Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft sowie zu
                        Kunst und Wissenschaft sowie bes. <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. III,24,6</bibl> zur Gewissheit der
                        Erwählung, die Christus den Seinen schenkt.</note> Die verkörperte
                    Vielseitigkeit tritt uns fruchtbar und schaffend entgegen in den
                    Persönlichkeiten eines <persName ref="kbga-actors-360">Schleiermacher</persName>,
                    eines <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>,
                    weil sie in der Mannigfaltigkeit als in einem Spiegel das Eine sahen und
                    immer wieder dazu zurückkehrten. Im letzten Grund ist in unser aller Leben
                    so oder so die Einseitigkeit der fruchtbare Baum, ohne den die Früchte der
                    Vielseitigkeit nicht möglich sind; es müssten denn Papierfrüchte sein. Denn
                    vergessen wir nicht: Gott ist der Eine; das schöpferische persönliche <term type="Sachen" key="Leben, schöpferisches">Leben</term>, das unserm
                    Dasein Wert und Inhalt gibt, ist das Eine. Von ihm und durch ihn und zu ihm
                    sind alle Dinge [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">Röm. 11,36</ref>], und ohne ihn können wir nichts tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.15.5">Joh. 15,5</ref>].</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p427" ed="pga"/> Auch <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> ist einer von den
                    Einseitigen gewesen. Wenn wir seinen Brief durchgehen, so sehen wir, dass er
                    es immer nur mit der einen Frage zu tun hat, wie das Christentum seiner
                    Leser oder Zuhörer sich im Leben zu gestalten habe, im praktischen,
                    gewöhnlichen <term type="Sachen" key="Christentum, Gestaltung im Alltagsleben">Alltagsleben</term>
                    nämlich. Man kann das <term type="Sachen" key="Einseitigkeit">Einseitigkeit</term> nennen und man hat es getan, indem man etwas
                    geringschätzig vom «Jakobuschristentum» geredet hat, das «bloß» in der
                    Anwendung bestehe.<note xml:id="n03">Der Gebrauch der zitierten
                        Begriffe konnte nicht ermittelt werden; eine inhaltlich sehr ähnliche
                        Aussage findet sich z. B. in den einleitenden Sätzen bei <bibl corresp="kbga-bibls-2679">
                                <persName ref="kbga-actors-388">H. von Soden</persName>, <hi rend="italic">Der
                            Jacobusbrief</hi>, in: JPTh 10 (1884), S. 137–192, dort
                        S. 137</bibl>: «Der Brief, der des Jacobus Namen an der Spitze trägt, hat eine
                        rein praktische Haltung; sein Blick ist nur auf das Leben und dessen
                        Gestaltung seitens der Christen gerichtet; […]. Wir können darum
                        den Brief auch nur mit dem Gedanken an das praktische Leben fragen, was
                        er unter Christentum verstehe und was er von Christen verlange.»
                        – Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2680">
                                <persName ref="kbga-actors-21">Fr. Barth</persName>, <hi rend="italic">Einleitung in das Neue Testament</hi>,
                        Gütersloh 1908, S. 148</bibl>: «In der Tat ist seine Haltung mehr
                        praktisch-verständig als schwungvoll, und wer die Zeichen der Religion
                        in Ekstasen und Zungenreden sucht, wird bei Jakobus enttäuscht. Aber
                        dafür bietet er etwas Besseres: die tiefe, ruhige Überzeugung von der
                        Anwendbarkeit der Worte Jesu auf das wirkliche Leben und von ihrer
                        Bestätigung durch dasselbe.»</note> Ich gestehe, dass ich mich gefragt
                    habe, ob es wohlgetan sei, euch noch weiter an Hand unsres Briefes
                    Jakobuschristentum zu predigen. Vielleicht hat auch der eine oder andre
                    Zuhörer schon unter einer gewissen Eintönigkeit geseufzt. Allein ich halte
                    doch dafür, dass wir fortfahren wollen. Denn die Einseitigkeit des Jakobus
                    hat uns noch mehr zu sagen, als wir bis jetzt gehört haben, und was die
                    Eintönigkeit betrifft, so bemerke ich, dass die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, die innere Wahrheit nämlich, immer <term type="Sachen" key="Wahrheit, eintönig">eintönig</term> ist. Um diese
                    Tatsache wollen wir uns nicht drücken, <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> weder in
                    unserm Privatleben noch hier im Gottesdienst, auch wenn es uns vielleicht
                    angenehmer wäre.</p>
                <p> Wir sind uns klar geworden darüber, dass <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> sich entfalten muss zu dem reinen,
                    guten <term type="Sachen" key="Wille, guter">Willen</term> der Liebe, weil
                    es <term type="Sachen" key="Wahrheit, nur in der Liebe">Wahrheit</term> nur
                    gibt in der Liebe. Unsern heutigen Textabschnitt könnte man überschreiben:
                    Die Halben. Denn von Leuten mit halber <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, halbe">Frömmigkeit</term> ist darin die Rede. Wir
                    verstehen Alle ohne Weiteres, was das sagen will, wir kennen alle solche
                    Leute, nämlich erstens uns selbst, zweitens noch einmal uns selbst und
                    drittens zum dritten Mal uns selbst. Halbe Frömmigkeit! Die entsteht durch
                    den bekannten Vor<pb xml:id="p428" ed="pga" break="no"/>gang, dass wir bei der Betätigung
                    unsres <term type="Sachen" key="Glaube">Glaubens</term>, d. h. unsres innern
                        <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> Abstriche machen,
                    da einen und dort einen; dass wir Ausnahmen konstatieren von der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, halbe Fr. macht Ausnahmen von der Regel">Regel</term>, von der Regel, die wir kennen und anerkennen, Ausnahmen,
                    die wir dann rechtfertigen eben mit jener schönen und klugen Entschuldigung,
                    dass man nicht einseitig sein dürfe. Jakobus gibt keine theologische
                    Definition der halben Frömmigkeit, sondern er weist mit ausgestrecktem
                    Finger mitten unter seine Zuhörer und sagt ihnen: Da! mitten unter euch! so
                    sieht sie aus! so kommt sie zum <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, halbe Fr. bei Christen">Vorschein</term>, nicht bei
                    den bösen Heiden und Juden, sondern bei euch, meine Brüder, nicht bloß in
                    der Verborgenheit eures Privatlebens, sondern in der kirchlichen
                    Versammlung, im Gottesdienst eurer Gemeinde. Wenn wir erwägen, dass es sich
                    da um eine Gemeinde der <term type="Sachen" key="Christen, frühe">Urchristen</term> handelt, vielleicht 60–70 Jahre nach Jesu
                        <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term>, dann mag uns
                    der Vorwurf, den <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> da
                    festnagelt, wohl merkwürdig vorkommen. Denn wir sind gewohnt, vom <term type="Sachen" key="Urchristentum">Urchristentum</term> reden zu hören
                    als von der Zeit der ersten Liebe. <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Wir erinnern
                    ­uns der Erzählung der Apostelgeschichte von der großen Eintracht der ersten
                    Christen, von der Gemeinschaft der Herzen und der Gemeinsamkeit der <term type="Sachen" key="Urchristentum, Gemeinsamkeit der Güter">Güter</term>,
                    die unter ihnen walteten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.2.44 Act.2.46">Act. 2,44–46</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Act.4.32">4,32</ref>], welch letzterer
                    Umstand schon Manchem wie eine Prophezeiung auf den <term type="Sachen" key="Urchristentum, Prophezeiung auf den Sozialismus">Sozialismus</term>
                    vorgekommen ist. In jener Zeit hätte offenbar so etwas wie die
                    Geringschätzung der Armen, von der in unserm Text die Rede ist, noch nicht
                    vorkommen können. Aber es scheint eben, diese Zeit müsse recht kurz gewesen
                    sein. Das geht schon daraus hervor, dass in der Apostelgeschichte davon
                    erzählt ist bereits als von einer Merkwürdigkeit der christlichen
                    Vergangenheit. Aus derselben Zeit, in der jene Erzählung in der
                    Apostelgeschichte verfasst worden ist, mag unser Brief stammen. Und in
                        <hi rend="italic">dieser</hi> Zeit war es jedenfalls mit der ersten Liebe vorbei
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.2.4">Apk. 2,4</ref>], in
                        <hi rend="italic">dieser</hi> Zeit gab es auch unter den Urchristen schon <term type="Sachen" key="Christen, halbe">Halbe</term>. Das kam z. B. darin
                    zum Ausdruck, dass damals allerlei Gedanken der <term type="Sachen" key="Philosophie, griechische">griechischen</term> und syrischen <term type="Sachen" key="Philosophie, syrische">Philosophie</term> und
                    Sagengeschichte in die christliche <term type="Sachen" key="Lehre, christliche">Lehre</term> eindrangen, die das einfache <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>, wenn nicht
                    verfälschten, so doch zu einer schwierigen, komplizierten, gebildeten Sache
                        machten.<note xml:id="n04">Barth denkt hier wohl an die
                        platonisch beeinflusste Theologie des <persName ref="kbga-actors-308">Origenes</persName> (185–254) und den im 2.
                        Jahrhundert im syrisch-antiochischen Raum entstehenden christlichen
                            <term type="Sachen" key="Gnostizismus">Gnostizismus</term>.</note>
                    Für solche Fragen <pb xml:id="p429" ed="pga"/> der Lehre hatte Jakobus kein oder
                    wenig Interesse. Das war nun einmal nicht seine Art. Wohl aber sehen wir ihn
                    auf die praktische Halbheit der Christen losgehen, die darin bestand, dass
                    sie in ihrer <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächstenliebe</term>
                    böse Unterschiede der Person machten, <hi rend="italic">böse</hi> Unterschiede, weil
                    sie dabei doch wieder mit schlechten <term type="Sachen" key="Christen, Vorurteile">Vorurteilen</term> an den Nächsten
                    herantraten, die durch das wirkliche Christentum gerade ausgerottet sein
                    sollten. Er beweist ihnen das an einem bestimmten Fall, der offenbar in der
                    bestimmten Gemeinde, an die er sich richtete, einmal oder mehrfach
                    vorgekommen ist. Heutzutage muss ein <term type="Sachen" key="Pfarrer">Pfarrer</term> sehr vorsichtig sein, wenn er in dieser <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Weise einer bestimmten Gemeinde eine Wahrheit
                    sagen will, die gerade sie angeht. Allgemeine Vorwürfe lässt man sich
                    gefallen, aber bei den speziellen gibt’s leicht Empfindlichkeit und
                    Verdruss. Vielleicht sind die Leute damals auch empfindlich und verdrießlich
                    geworden, als <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> ihnen das
                    vorhielt, aber jedenfalls hat er sich nicht daran gekehrt, sondern hat die
                    Wahrheit gesagt, und wir hören nichts davon, dass er deshalb weggewählt
                    worden wäre, wie es letzthin einem Pfarrer im <placeName ref="kbga-places-1136">Simmental</placeName> passiert ist.<note xml:id="n05">Es handelt sich um Vorgänge, die sich in der Gemeinde
                            Oberwil/Simmental abgespielt hatten: <persName ref="kbga-actors-5039">Walter Wyss</persName> (1879–1952),
                        seit 1904 Pfarrer im Ort, hatte Missstände in der dortigen Schule,
                        besonders Versäumnisse und den mangelnden Lehrerfolg eines
                        Französischlehrers angeprangert und sich erfolglos beim Schulinspektor
                        und beim Regierungsrat beschwert. Er kam «in den seltenen Fall, die
                        Interessen der Schule gegen Lehrerschaft, Schulinspektor und Kirche
                        geltend zu machen und das kostete ihn schließlich die Stelle», wie der
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2681">Berner «Bund», Nr. 200, 29./30.4.1910</bibl>, schrieb. In der Folge kam es
                        nämlich zu einer monatelangen Pressekampagne gegen Wyss: «Konkrete
                        Klagepunkte gegen Pfarrer Wyss waren keine vorhanden. Man legte ihm zur
                        Last, daß er Mißstände aufgedeckt hatte. Auch sein Sexualunterricht in
                        der Unterweisung verursachte allgemeines Ärgernis. In der Folge wurde
                        Pfarrer Wyss von der Kirchgemeindeversammlung gesprengt» (<bibl corresp="kbga-bibls-2682"><persName ref="kbga-actors-9260">Fr. Schär</persName>, <hi rend="italic">Anlage der
                            Dokumentation zur Geschichte des Kantons Bern 1850–1945 und
                            Illustration ihres Gehalts</hi>, in: Berner Zeitschrift für
                        Geschichte und Heimatkunde 38 [1976], S. 111–125, dort S. 118</bibl>).
                        Wyss wechselte daraufhin nach <placeName ref="kbga-places-1137">Le Locle NE</placeName>.</note>
                    </p>
                <p>Ihr habt aus dem verlesenen Text bereits gehört, um was es sich bei dem
                    handelte, was Jakobus seinen Leuten vorzuwerfen hatte. Er beschreibt den
                    Fall, der sich offenbar wiederholt hat, recht anschaulich. Die Christen sind
                    zum Gottesdienst versammelt, nicht in einer Kirche natürlich wie wir hier,
                    sondern etwa in einem abgelegenen Zimmer eines Privathauses, in einem Keller
                    oder vielleicht auch, wie es in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName>
                    <pb xml:id="p430" ed="pga"/> üblich war, in einem Begräbnisraum über oder unter
                    der Erde.<note xml:id="n06">Die hier angesprochenen römischen
                        sind die bekanntesten und ausgedehntesten christlichen Katakomben; sie
                        entstanden im 2.–4. Jahrhundert. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2683">
                                <persName ref="kbga-actors-9261">E. Schäfer</persName>, Art. «Katakomben», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> III, Sp. 1171–1174</bibl>.</note> Alle Plätze sind
                    besetzt, und in andächtiger Stille wird der Bischof oder Älteste erwartet,
                    der die Feier eröffnen wird mit dem aufmunternden Zuruf: Sursum corda!
                    Aufwärts die Herzen! und dem dann die Versammlung gläubig und andächtig
                    antworten wird: Wir haben sie droben beim Herrn.<note xml:id="n07">Der Text in der Praefatio der römischen Messe: «Sursum corda.
                        Habemus ad dominum» geht auf die dem <persName ref="kbga-actors-9262">Hippolyt von Rom</persName> zugeschriebene, ursprünglich
                        griechisch geschriebene, aber nur in Übersetzungen erhaltene «Traditio
                        apostolica» zurück. Eine kritische, mit <bibl corresp="kbga-bibls-2684">Einleitung und Übersetzung von
                        W. Geerlings
                        versehene Ausgabe liegt vor in: <hi rend="italic">Didache / Die Zwölfapostellehre.
                            Traditio Apostolica / Apostolische Überlieferung</hi> (FC 1),
                        Freiburg/Br. u. a. 1991, S. 141–313; Text dort S. 222f</bibl>.</note> Da
                    geht die Türe auf, und es tritt ein verspäteter Gottesdienstbesucher über
                    die Schwelle. Das kam offenbar schon damals vor, nur mit dem Unterschied,
                    dass bei uns auch der Späteste noch reichlich viel leere Plätze findet, was
                    dort nicht der Fall war. Wir können uns wohl denken, dass er stolz und
                    unzufrieden um sich gesehen haben wird, denn er war das Stehen nicht
                    gewöhnt. Es war nämlich ein reicher und angesehener Mann in einem prächtigen
                    Gewand und mit goldenen Fingerringen, was sich damals noch nicht Jeder <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> geleistet hat. Vielleicht war es ein vornehmer
                    Heide, der die Sache einmal mitansehen wollte – vornehme Leute haben
                    manchmal plötzlich solche religiöse Interessen –, vielleicht
                    war’s ein reicher Christ, deren es vereinzelt wohl auch welche gab.
                    Kurzum, es war eine Respektsperson, deren Erscheinen gewiss ein erfreutes
                    Murmeln in der kleinen Gemeinde erregt hat. Und darum musste er nicht lange
                    stehen, einer in der vordersten Reihe springt beflissen auf, geht zu ihm,
                    führt ihn zu seinem Stuhl: Nimm bitte diesen guten Platz ein! Alle sind sehr
                    befriedigt über diese Lösung. Wenn jemand jenen Höflichen gefragt haben
                    würde: Wozu tust du das? Er würde zweifellos geantwortet haben: aus
                    christlicher Nächstenliebe, die mir gebietet, mich selbst zu verleugnen und
                    dem späten Besucher meinen Platz anzubieten. Und Alle, die dort versammelt
                    waren, hätten diese Antwort gewiss gebilligt. Auch wir können diese
                    Gesinnung nur loben, denn die christliche Nächstenliebe, die sich selbst
                    verleugnet, muss sich in der <pb xml:id="p431" ed="pga"/> Tat in den kleinen,
                    scheinbar gleichgiltigen Angelegenheiten des Lebens zeigen, nicht erst in
                    besondern hervorragenden Handlungen und Heldentaten. Selbstverständlich
                    hatte auch Jakobus dagegen nichts einzuwenden. |</p>
                <p>Aber nun öffnet sich die Türe ein zweites Mal. Es erscheint ein zweiter
                    Spätling. Aber bei dem ist nun von goldenen Ringen und prächtigem Gewand
                    keine Rede. Er ist abgerissen und schmutzig gekleidet, er hat vielleicht
                    einen weiten Weg gemacht und steht nun müde und unansehnlich da, vielleicht
                    im Übrigen ein braver Mann, dem niemand etwas vorwerfen konnte, aber
                    jedenfalls keine Respektsperson für die Gemeinde wie der andre, wie der mit
                    den Ringen. Und darum bleibt selbstverständlich Alles sitzen. Der Fall ist
                    ein Anderer, denkt jeder still für sich, wenn er überhaupt etwas dabei
                    denkt. Aber nein, da ist doch wieder einer, der denkt wenigstens halb: Komm!
                    sagt er zu dem Armen, du kannst dort stehen oder, wenn du sitzen willst,
                    dann magst du hier vor meinem <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Schemel Platz
                    nehmen. Damit ist auch dieser kleine Zwischenfall zur Befriedigung erledigt,
                    der Gottesdienst kann beginnen: Aufwärts die Herzen! Wir haben sie droben
                    beim Herrn! –</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Halt!</hi> fährt <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    dazwischen: Seid ihr damit nicht zwiespältig in euch selbst und urteilt nach
                    schlechten Vorurteilen? Habt ihr nicht soeben in eurer <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, mit Ansehen der Person">Nächstenliebe</term> einen
                    bösen Unterschied gemacht durch eure Handlungsweise und darum auch in der
                    Tiefe eurer Herzen, von denen ihr soeben sagt, dass ihr sie droben habt beim
                    Herrn, bei Jesus <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herr der Herrlichkeit">Christus</term>, unserm
                    Herrn der Herrlichkeit? Meinet nicht, ruft er ihnen zu, dass der wirkliche
                        <term type="Sachen" key="Glaube">Glaube</term> und solch böses
                    Unterschied-Machen nebeneinander bestehen kann, eins muss das andre
                    beseitigen und vertilgen, wählet, welches von beiden ihr wollt. Denn wo
                    einer wirklich im Glauben an den Herrn Jesus steht, da ist’s mit
                    jenen Vorurteilen aus, mit den unwillkürlichen und doch so willkürlichen
                    Vorurteilen des natürlichen Menschen, als ob die Kleider die Leute
                        machten,<note xml:id="n08">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2685">«Kleider machen Leute» ist der
                        Titel einer Novelle von <persName ref="kbga-actors-637">Gottfried Keller</persName> (1819–1890), die in den
                        1860er Jahren entstand und zum ersten Mal gedruckt erschien in: ders.,
                            <hi rend="italic">Die Leute von Seldwyla</hi>, Stuttgart 1874<hi rend="sup">2</hi>.</bibl> Zu der dahinterstehenden älteren Redensart vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann,
                        S. 219</bibl>.</note> als ob das Geld der Mann sei, als ob es überhaupt unter
                    den Menschen einen Unterschied gebe, ernsthaft genug, dass wir seinet<pb xml:id="p432" ed="pga" break="no"/>halben zum einen sagen könnten: mit dir hat die
                    Liebe, die ich üben soll, weil ich den Glauben habe, nichts zu schaffen,
                    oder du musst dich doch mit einer mageren Portion begnügen. Das ist ein
                    schlechtes Vorurteil, weil es ein Urteil ist, das anderswoher fließt denn
                    aus einem reifen und reinen christlichen Bewusstsein. Das christliche
                    Bewusstsein wendet in der Frage <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term>
                    und <term type="Sachen" key="Reichtumg">Reichtum</term> andere Maßstäbe an
                    als der große Haufe der oberflächlichen Menschen. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hat diese Frage bereits einmal berührt
                    [vgl. Jak. 1,9–11]. Hier kommt er darauf zurück. Armut und Reichtum
                    gehören zum äußern Schein des Lebens, das Leben selbst hat damit nichts zu
                    tun, sein Wert hängt nicht davon ab, vielmehr wird ein reifes und reines <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Urteil, ein Urteil, das kein Vorurteil ist, nur
                    zu oft gerade dahin lauten, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die
                    Letzten sind [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.31">Mk. 10,31</ref> par.]. Der Mensch siehet, was vor Augen ist, Gott aber
                    siehet das Herz an [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Sam.16.7">1.Sam. 16,7</ref>], und je mehr wir wachsen in der Erkenntnis, desto mehr
                    sollen wir lernen, mit den Augen Gottes in die Welt sehen und danach unser
                    Denken und Handeln zu richten. Denn an Gott glauben, das heißt ja nicht:
                    annehmen, dass es einen Gott gibt, sondern das heißt: sich in seinem innern
                    und äußern Leben mit Gott in Einklang <term type="Sachen" key="Glauben, sich in Einklang mit Gott setzen lassen">setzen</term>
                    lassen, wie die Instrumente eines Orchesters gestimmt werden auf den Ton,
                    den die Orgel ihnen angibt. Wo dieser Glaube <hi rend="italic">da</hi> ist, da
                        <hi rend="italic">ist</hi> auch die <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächstenliebe</term>. Eben darum ist aber zu sagen: wo die
                    Nächstenliebe halb und verkümmert ist, eingeschränkt durch Vorurteile, die
                    aus der Oberflächlichkeit stammen, da fehlt im Grunde auch der Einklang des
                    Glaubens, da ist er getrübt durch unreine Nebentöne. |</p>
                <p> Wir stehen wieder vor dem Grundgesetz der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>: es ist nichts verborgen, was nicht
                    offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.26">Mt. 10,26</ref> par.]. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    wendet dies Grundgesetz auf den Fall an, von dem er redet. Haltet nicht
                    dafür, dass der Glaube an Jesum <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Herr der Herrlichkeit">Christum</term>, unsern
                    Herrn der Herrlichkeit, Ansehung der Person leide. Es ist vielmehr gerade
                    die Art dieses <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher Gl. schließt Unterschiede aus">Glaubens</term>, dass eine Liebe daraus hervorgeht, die die Unterschiede
                    ausschließt. Denn das ist die Art Jesu gewesen, er hat sich gerade zu den
                    Armen und Verachteten gehalten, er hat ihnen gesagt: seid fröhlich und
                    getrost, es ist jetzt eine Zeit gekommen, da ist es mit den Unterschieden
                    vorbei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.6.20">Lk. 6,20</ref>; 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.12">Mt. 5,12</ref>]. Die arm sind in
                    dieser Welt, d. h. die von den Menschen, die auf den Schein sehen, als arm
                    und <pb xml:id="p433" ed="pga"/> ­bedauernswert angesehen sind und vielleicht sich
                    selbst so ansehen, die sollen von jetzt an reich sein. Denn wenn ein Mensch
                    den Glauben <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> hat und <hi rend="italic">im</hi> Glauben
                    Gott hat, dann hat er ein Leben mit Wert und Inhalt und kann das, was die
                    Oberflächlichkeit <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> und
                    Glück nennt, fröhlich entbehren. Und indem er sich von Gott erwählt weiß zu
                    diesem verborgenen Reichtum des inwendigen Menschen, steht er doch immer in
                    der Erwartung noch größerer Güter. Denn Christen sind <term type="Sachen" key="Christen, Zukunftsmenschen">Zukunftsmenschen</term>, die auf ein
                    Erbe warten, das ihnen sicher verheißen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.9.15">Hebr. 9,15</ref>]. Was denkt ihr euch
                    dabei, meint <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, wenn ihr
                    einen solchen Armen geringschätzig behandelt, weil der äußere Schein gegen
                    ihn ist? Und nun seht euch einmal den an, der in den Augen der Menschen
                    reich und glücklich heißt. Sind es nicht die Angesehenen, Glücklichen,
                    Reichen, Vornehmen, die der Sache der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und des <term type="Sachen" key="Recht">Rechts</term>
                    widerstehen, «die euch Gewalt antun und wiederum sie, die euch vor die
                    Gerichtshöfe ziehen?» Das letztere ist wahrscheinlich eine Anspielung auf
                    Streitigkeiten über mein und dein innerhalb der Christengemeinde, in denen
                    die Reichen die Armen durch Prozedieren plagten und schädigten, noch dazu
                    durch Bloßstellung von Mitchristen vor den heidnischen Gerichtshöfen. Wir
                    wissen aus einer Stelle bei <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName>, dass dergleichen vorkam [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.6.1 1.Kor.6.5">1.Kor. 6,1–5</ref>], und
                    es würde dazu gut passen, wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sagt, dass die Reichen den guten
                    Namen, nach dem die Christen genannt sind, nämlich den Namen Jesu lästern,
                    gemein machen, kompromittieren. Vielleicht ist die Stelle aber auch als ein
                    Hinweis auf die <term type="Sachen" key="Christenverfolgungen">Verfolgungen</term> zu verstehen, es wäre dann von heidnischen Reichen
                    und Angesehenen die Rede, von den großen, offiziellen Leuten der damaligen
                    Zeit, die den Christennamen und die Christengemeinde hassten, weil sie wohl
                    spürten, dass es mit dem kapitalfrohen offiziellen Wesen vorbei wäre, wenn
                    das wirkliche Christentum zur Herrschaft käme.</p>
                <p>Jedenfalls will <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sagen: Seht, wo das Ansehen und der <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                    <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> ist, denen ihr durch eure
                    parteiische Höflichkeit und angebliche <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, angebliche">Nächstenliebe</term> die Reverenz macht,
                    da ist keineswegs die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und
                    das <term type="Sachen" key="Recht">Recht</term>, da ist keineswegs Gott,
                    vielmehr das Gegenteil davon. Man könnte <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> entgegenhalten, dass es
                    doch auch Reiche und Angesehene gibt, bei denen das anders ist. Er würde
                    geantwortet haben: Gewiss, so gut es genug Arme gibt, deren inwendiges Leben
                    alles Andere als Reichtum im Glauben ist. Besinnt euch auf die Regel, von
                        <pb xml:id="p434" ed="pga"/> der früher die Rede war: Der arme Bruder rühme
                    sich seiner Höhe, der reiche aber seiner Niedrigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.9 Jak.1.10">Jak. 1,9f.</ref>]. Wenn ein Reicher es
                    verstanden hat in seinem Denken und Tun, dass der Reichtum an Geld und
                    Gütern ein Schein ist, der vergeht, dass der wirkliche <term type="Sachen" key="Reichtum, wirklicher R. in Gott">Reichtum</term> nur der Reichtum
                    in Gott ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.12.21">Lk. 12,21</ref>], den er gemein hat mit dem Armen, der zu ebensolcher
                    Erkenntnis vorgedrungen ist, dann steht die Sache anders. Aber die Art, wie
                    ihr dem Reichen im Gegensatz zum Armen Respekt bezeugt habt, beweist, dass
                    euer Respekt nicht dem innern Reichtum in Gott galt, den jener Reiche
                    vielleicht auch besaß, sondern seinem <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term> und seinem Ansehen, seinen goldenen Ringen und seinem
                    Prachtgewand, also gerade den Dingen, die vor Gott nichts besagen. Ihr habt
                    Ansehung der Person geübt nach falschem, unchristlichen Maßstab, und darum
                    ist der Auftritt, den ich getadelt habe, nicht eine bedeutungslose
                    Formsache, wie ihr vielleicht denkt, sondern es liegt da ein Manko eures
                    Glaubens vor, denn Glauben heißt gesinnt sein, wie Jesus Christus auch war
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Phil.2.5">Phil. 2,5</ref>], und das ist
                    bei euch offenbar nicht der Fall.</p>
                <p>Meine Freunde! Was sagen <hi rend="italic">wir</hi> zu dieser Momentaufnahme aus dem
                    Gemeindeleben der alten Christenheit und zu der Beleuchtung, die sie von
                        <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> bekommt? Wenn wir <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> uns einfach an den Wortlaut der kleinen
                    Geschichte halten, könnten wir mit einer gelassenen Handbewegung
                    konstatieren, dass es eine interessante und erbauliche Geschichte sei, die
                    uns aber nichts angehe, weil in unsern Gottesdiensten dergleichen nicht
                    vorkomme. Aber ich weiß doch nicht, ob wir in diesem Punkt ein so ruhiges
                    Gewissen hätten, wenn unsre Bänke etwas dichter besetzt wären, als es leider
                    der Fall ist. Die Neigung zum Unterschied-Machen in der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, mit Ansehen der Person">Liebe</term>, d. h. zur
                    Halbheit im <term type="Sachen" key="Glaube, Halbheit">Glauben</term> ist
                    eine allgemein menschliche Neigung, vielleicht fehlt es bei uns an diesem
                    Ort nur an der Gelegenheit dazu. Gibt es doch Orte, wo diese Neigung
                    förmlich Ordnung und System geworden ist. So ist es einer meiner
                    unverlöschlichsten Eindrücke aus <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName>, wie dort in der <term type="Sachen" key="Berlin, Dom">Domkirche</term> nicht nur einer, sondern sämtliche guten Plätze von
                    Amtswegen reserviert und abgeschlossen sind für die gewöhnlichen Leute. Sie
                    tragen Tafeln mit allerlei adligen und andern vornehmen Namen, auf andern
                    heißt es auch bloß: «Zur Verfügung des Oberhofmarschallamtes».<note xml:id="n09">In vorreformatorischer Zeit war das
                        Kirchengestühl überhaupt nur Geistlichen und weltlichen Honoratioren
                        vorbehalten, deren – oft eigens für sie errichtetes –
                        Gestühl in der Regel das einzige in der Kirche war. Aber auch nach der
                        «Gewährung eines allgemeinen Sitzrechtes der Laien» in den Kirchen der
                        Reformation diente das <term type="Sachen" key="Kirchengestühl">Kirchengestühl</term> «als Medium sozialer Differenzierung». Es war
                        sehr lange nicht nur im Berliner Dom, sondern in vielen evangelischen
                        Kirchen üblich, dass «Kirchenstuhlrechte» an einzelne Gemeindeglieder
                        vergeben wurden, die dann «während des Gottesdienstes bestimmte Plätze
                        ausschließlich nutzen durften»; davon zu unterscheiden sind
                        «Sitzvorrechte von Inhabern bestimmter kirchlicher oder staatlicher
                        Ämter» (<bibl corresp="kbga-bibls-2686">H. Böttcher, Art. «Kirchengestühl», in: RGG<hi rend="sup">4</hi>
                        IV, Sp. 1196f.</bibl>). Solche Rechte wurden oftmals durch in das Gestühl
                        geritzte Wappen oder Zeichen (so z. B. auch im Berner Münster) und
                        später oft durch entsprechende Plaketten kenntlich gemacht. Zwar wurde
                        das Kirchenstuhlrecht bereits im 19. Jahrhundert «zunehmend beseitigt»
                        (<bibl corresp="kbga-bibls-2686">a.a.O., Sp. 1197</bibl>); im 1905 eingeweihten Berliner Dom mit seiner
                        besonderen Funktion auch für das deutsche Kaiserhaus gab es sie jedoch:
                        «Im Westen, wie seit altersher bei Hofkirchen, die Empore des
                        Landesfürsten, nun hier des Kaisers. […] Die Heraushebung dieses
                        fürstlichen Platzes auch in der Kirche verwies mithin auf diese
                        besondere Verpflichtung vor und für alle anderen» (<bibl corresp="kbga-bibls-2687"><persName ref="kbga-actors-9265">Th. Buske</persName>, <hi rend="italic">Der Berliner
                            Dom als okinographisches Gesamtkunstwerk</hi> [Hefte des
                        Evangelischen Kirchenbauvereins, 8], Schwerin 2000, S. 11</bibl>). Vgl.
                        auch: <bibl corresp="kbga-bibls-2688">
                                <persName ref="kbga-actors-9265">Th. Buske</persName>,
                            <hi rend="italic">Das Kirchengestühl. Allein und gemeinsam im gottesdienstlichen
                            Raum</hi> (Hefte des Evangelischen Kirchenbauvereins, 5/6), Berlin
                        1989</bibl>.</note> Kurzum, die gewöhnlichen Leute müssen ent<pb xml:id="p435" ed="pga" break="no"/>weder stehen oder mit geringeren Plätzen vorlieb nehmen, also
                    ganz der Vorgang, den wir eben kennengelernt haben. Ich wäre gerne einmal
                    dabei gewesen, wenn der Oberhofprediger angesichts dieser Tafeln über unsern
                    heutigen Text gepredigt hätte, aber er hat immer andere Texte gewählt.</p>
                <p> Doch wir wollen schleunigst nach <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>
                    zurückkehren, das trägt mehr ab, denn die Sache ist aktuell genug. Von einer
                    kirchlichen, religiösen Versammlung ist also im Text die Rede. Nun ja,
                        <hi rend="italic">da</hi> mögen wir also in Bezug auf das, was das reine
                    christliche Bewusstsein gebietet und verbietet, vorderhand und vielleicht
                    immer ein ruhiges Gewissen haben. Aber <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> ihr habt
                    schon gemerkt, dass es sich um eine weitere und tiefere Frage handelt denn
                    um eine Frage äußerer Schicklichkeit. Denn wenn wir’s genau nehmen,
                    so werden wir sagen müssen, dass <hi rend="italic">jede</hi> Versammlung, jedes
                    Beisammensein von Christen eine solche <hi rend="italic">religiöse</hi> Versammlung
                    sein soll, d. h. dass da immer die Ehre <term type="Sachen" key="Gott, Ehre">Gottes</term>, die Förderung der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und des <term type="Sachen" key="Recht">Rechts</term>,
                    die Erhebung und Erbauung des inwendigen Menschen Zweck und Ziel sein muss.
                    Ob nun <pb xml:id="p436" ed="pga"/> die <term type="Sachen" key="Familie">Familie</term> beieinander ist, ob Geschäftsleute zusammen konferieren
                    über Verlust und Gewinn, ob Freunde und Gesinnungsgenossen sich treffen zur
                    Beratung der Angelegenheiten des geistigen und vaterländischen Lebens, das
                    sollen religiöse Versammlungen sein, d. h. Versammlungen von Menschen, denen
                    es ernst ist mit dem: Aufwärts die Herzen! Im Gegenteil: nach unserm
                    protestantischen Verständnis des <term type="Sachen" key="Evangelium, protestantisches Verständnis">Evangeliums</term> sind
                    gerade das die <term type="Sachen" key="Gottesdienst, im Alltag">«Gottesdienste»</term> im eigentlichen Sinn, wenn denn einmal das
                    Wort soll gebraucht werden. Du findest, das sei eine Einseitigkeit und eine
                    Überflüssigkeit? Ja, lieber Freund, das <term type="Sachen" key="Christentum, Einseitigkeit">Christentum</term> ist überhaupt eine
                    Einseitigkeit, da ist nichts zu wollen. Wo es sich um Gott handelt, da kann
                    man nicht zweiseitig sein. Und wenn du meinst, dass das überflüssig sei,
                    dann beweist das nur, dass du im Beisammensein mit den Menschen heimlich
                    gerne Ausnahmen machen würdest, Unterschiede in der Anwendung des <term type="Sachen" key="Christentum, Unterschiede in der Anwendung">Christentums</term>, dass du das Christentum nicht ganz anwenden
                    willst, sondern nur halb nach eigenmächtig gewählten Maßstäben und
                    Vorurteilen. Dann ist’s freilich besser, du begehst nicht noch den
                    zweiten Fehler und nennst dein Zusammensein mit den Menschen christlich und
                    religiös. Aber dann ist eben auch deine innere Stellung nicht in der
                    Ordnung, dann hapert’s an keinem geringern Punkt <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> als an deinem Glauben an Gott, so gut wir bei der alten
                    Christengemeinde, von der wir hörten, sagen mussten, dass das innerste
                    christliche <term type="Sachen" key="Bewusstsein, christliches">Bewusstsein</term> nicht in Ordnung war. Denn wenn wir inwendig recht
                    zu Gott stehen, dann brauchen wir auch auswendig nicht davor zu scheuen,
                    unser Zusammensein mit den Menschen, welcher Art es immer sein möge, als
                    religiöse Versammlung im rechten Sinn zu verstehen, wir brauchen dann auch
                    vor der ernsthaften Seite des Wortes Jesu nicht zurückzuschrecken, dass: wo
                    zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter ihnen
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.20">Mt. 18,20</ref>], wir
                    könnten dann mit ruhigem Gewissen in Bezug auf unser ganzes Leben, nicht nur
                    in Bezug auf unsre Gottesdienste, die Forderung und das Verbot des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> hinnehmen. |</p>
                <p>Ja, <hi rend="italic">wenn!</hi> Wenn unser christliches <term type="Sachen" key="Bewusstsein, christliches">Bewusstsein</term> in Ordnung, d. h.
                    wenn es tatsächlich an der Art Jesu, d. h. aber an Gott orientiert, auf Gott
                    gestimmt wäre. Ihr wisst wohl, dass das nicht so ist, dass wir tatsächlich
                    halbe Leute sind, halb im Glauben und halb in der Liebe. Das eine ergibt
                    sich notwendig aus dem andern, und das zeigt sich <pb xml:id="p437" ed="pga"/>
                    dann darin, dass wir dem Christentum einen besondern Bezirk anweisen in
                    unserm Leben, nur um nicht unser ganzes Leben christlich werden lassen zu
                    müssen. Ich habe das Bild eines italienischen Malers aus dem katholischen
                    Mittelalter gesehen; da steht der heilige <persName ref="kbga-actors-3009">Petrus Martyr</persName> vor dem Marien-Bild einer
                    Ketzergemeinde. Es ist eine richtige <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> mit dem Jesuskind auf dem Arm, wie man sie überall sieht.
                    Da streckt der Heilige dem Bilde eine geweihte Hostie entgegen, und nun
                    geschieht ein erstaunliches Wunder: der Maria und dem Kind wachsen nämlich
                    plötzlich Hörnlein, unwillig und entsetzt blicken sie den <rs type="person" ref="kbga-actors-3009">Heiligen</rs> an, sie sind im
                    Begriff, sich in den <term type="Sachen" key="Teufel">Teufel</term> zu
                    verwandeln, der ihre Gestalt angenommen hatte.<note xml:id="n10">Es wird sich um das Bild «Der Heilige <persName ref="kbga-actors-3009">Petrus Martyr</persName> entlarvt die
                        falsche Madonna» (aus dem Zyklus zum Leben des Heiligen Petrus Martyr)
                        handeln, ein Fresko aus dem Jahr 1468 von <persName ref="kbga-actors-9266">Vincenzo Foppa</persName> (um 1427/30–1515/16), das
                        sich in der Portinari-Kapelle an der Basilika Sant’Eustorgio in
                            <placeName ref="kbga-places-103">Mailand</placeName>
                        befindet.</note> Das ist ein katholisches Bild, aber der Gedanke ist
                    gut. Gerade so geht’s zu: wenn die scheinbare <term type="Sachen" key="Heiligkeit, scheinbare">Heiligkeit</term>, wenn der halbe <term type="Sachen" key="Christen, halbe">Christ</term> mit dem wirklichen
                    Heiligen, mit Gott <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> zusammentrifft, dann wachsen
                    ihm die Hörnlein, dann kommt’s zum Vorschein, dann kommt’s ihm
                    peinlich zu Bewusstsein, dass er nicht ist, was er sein sollte. Das hat
                    niemand gern, und daher kommt’s, dass wir mit Gott gerne mit
                    doppelter <term type="Sachen" key="Mensch, doppelte Buchführung mit Gott">Buchführung</term> arbeiten, eine für die <term type="Sachen" key="Theorie">Theorie</term>, für die <term type="Sachen" key="Erbauung">Erbauung</term>, für die <term type="Sachen" key="Kirche">Kirche</term>, eine fürs <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>, für
                    die <term type="Sachen" key="Praxis">Praxis</term>, fürs Geschäft, für den
                    Verkehr mit den Menschen. Aber täuschen wir uns nicht: doppelte Buchführung
                    ist in diesem Fall falsche Buchführung. Da muss nun ein jeder mit sich
                    selbst zu Rate gehen, wie weit das bei ihm der Fall ist oder nicht. Es ist
                    unendlich schwer, das in einem bestimmten Fall zu konstatieren, für einen
                    Andern nämlich. Aber in einem Fall ist die Sache sehr deutlich, nämlich in
                    dem Fall, von dem <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    erzählt, und der fasst sehr viele andere in sich: Wenn wir Unterschiede in
                    der Übung der christlichen <term type="Sachen" key="Nächstenliebe, mit Ansehen der Person">Liebe</term> machen, dann
                    ist’s klipp und klar, dass wir doppelte, d. h. falsche Bücher führen,
                    denn das sieht jedes Kind ein, dass es bei Gott solche Unterschiede nicht
                    gibt. Das Vorurteil, das uns in solchem Fall treibt, ist vielleicht nicht
                    immer das respektvolle Vorurteil für den <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> wie dort bei den alten <term type="Sachen" key="Christen, frühe">Christen</term>, wenn es auch das allerhäufigste
                    ist, es gibt <term type="Sachen" key="Vorurteile">Vorurteile</term> für
                    Ansehen und Titel, Vorurteile des äs<pb xml:id="p438" ed="pga" break="no"/>thetischen
                    Geschmacks, den wir an den Menschen finden oder nicht finden, Vorurteile der
                    Partei und Ansicht, die wir mit den Leuten gemein haben oder nicht. Diese
                    Vorurteile mögen nach allen möglichen Richtungen begründete und berechtigte
                    Urteile sein, in Bezug auf die christliche <term type="Sachen" key="Liebe, christliche">Liebe</term> sind es doch nur Vorurteile, und
                    je mehr die christliche Liebe unser ganzes Leben beherrscht, desto mehr
                    müssen sie zurücktreten zugunsten der siegreichen Gewalt der Liebe, die wir
                    empfangen haben und die es ebendarum gilt weiterzugeben.</p>
                <p>Ihr kennt alle das schöne dreizehnte Kapitel aus dem Ersten Korinther-Brief,
                    wo davon die Rede ist. Wenn ihr es recht verstehen wollt, <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> dann schreibt dort unsre heutige Textstelle an
                    den Rand, sie gibt uns in all ihrer Schlichtheit einen wichtigen Fingerzeig,
                    wie wir vom Stückwerk zur <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> gelangen, von der Halbheit zur Ganzheit.</p>
                <p>Denn darauf kommt’s an. Jesus ist ein Ganzer gewesen, und wir sollen
                    es auch werden. Gott schenke uns in ihm die rechte <term type="Sachen" key="Einseitigkeit">Einseitigkeit</term>.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-275">Nr. 7: «Wunderbarer König» von <persName ref="kbga-actors-2670">J. Neander</persName>, Strophen 1–3 (RG
                            161; EG 327 [mit Textabweichungen]).</bibl>
                       <bibl type="song" corresp="kbga-songs-21">Nr. 161: «Herz und Herz vereint zusammen» von <persName ref="kbga-actors-441">N. L. von
                            Zinzendorf</persName>, <persName ref="kbga-actors-579">Chr. Gregor</persName> und <persName ref="kbga-actors-643">A. Knapp</persName>, Strophen 1.2 und 4.6.7 (RG
                            793,1.2.4.5.7; EG 251,1.2.4.6.7).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.7 1.Joh.4.21">1.Johannes 4,7–21</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
