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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 37</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,26-27</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,26-27, 3. April 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53039 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53039</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 37: Predigt: Jakobus 1,26-27</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">39</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,26-27, 3. April 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1480">KBA 1015</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-04-03">3. April 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-04-03">Sonntag, den
                            3. April 1910</date> <date rend="right">(Sonntag Quasimodogeniti)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.26 Jak.1.27">Jakobus 1,26–27</ref>
                      
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Wenn einer meint fromm zu sein,
                                    und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern betrügt sein
                                    Herz; dessen <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> ist wertlos. Reine Frömmigkeit,
                                    fleckenlose vor Gott dem Vater ist das: nach den Waisen und
                                    Witwen sehen in ihrer Trübsal, sich selbst aber von der Welt
                                    unbefleckt erhalten.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir haben es heute mit einer sehr dringenden Angelegenheit zu tun, nämlich
                    mit der Frage nach dem rechten <term type="Sachen" key="Gottesdienst, rechter">Gottesdienst</term>. Ich habe das von <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> mit <term type="Sachen" key="Gottesdienst">«Gottesdienst»</term> übersetzte
                    griechische Wort wiedergegeben durch «Frömmigkeit», weil ich glaube, dass
                    wir dadurch dem Verständnis dessen, was <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> meinte, näher kommen. Ihr könnt daraus entnehmen, dass
                    es sich jedenfalls nicht um die sonn- und festtäglichen Versammlungen der
                    christlichen Gemeinde handeln kann, die man bekanntlich auch <term type="Sachen" key="Gottesdienst">«Gottesdienste»</term> zu nennen
                    pflegt. Zwar gäbe es auch da interessante Fragen zu diskutieren<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>, um nur eine zu nennen: die Frage, wie der Kirchen- und <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahlsbesuch</term> zu verbessern sei.
                    Das sind wichtige Dinge, aber dringend für uns sind sie nicht; denn wir
                    müssten uns dabei angelegentlich mit Abwesenden beschäftigen, <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> und deshalb können<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     sie nicht dringend sein, das gilt für private wie öffentliche
                    Gespräche. Wohl aber ist die Frage nach der rechten <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, rechte">Frömmigkeit</term> für uns Alle dringend, weil
                    sie uns Anwesende angeht, und zwar uns Anwesende ohne Ausnahme. Immerhin
                    bitte ich euch, euch bei dem, was wir von der Frömmigkeit zu sagen haben,
                        <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName> Übersetzung
                    «Gottesdienst» gegenwärtig zu halten. Die Sache steht nämlich so:
                    Frömmigkeit, will sagen ein inneres Leben, das seine Wurzeln in der Tiefe
                    hat und das eben darum ein starker Baum ist, der den Winden Trotz bietet,
                    Frömmigkeit ist immer Beides: Got<pb xml:id="p411" ed="pga" break="no"/>tes Ruf und des
                    Menschen Antwort, ist Glaube und <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Glaube und Leben">Leben</term> ineinander und
                    miteinander, ist Gottesgeschenk und <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Gottesgeschenk und Gottesdienst">Gottesdienst</term>.
                    Beten ist Frömmigkeit und Arbeiten ist <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Beten und Arbeiten">Frömmigkeit</term>. Eins nicht
                    ohne das Andre. Aber unsre Textstelle will diesmal unsre Aufmerksamkeit
                    recht ausdrücklich auf die eine Seite der Sache richten, auf den Baum, der
                    aus der Wurzel wachsen soll, auf des Menschen Antwort, auf das Leben, auf
                    die Arbeit, und darum nannte ich die Frage, die uns vorliegt, die Frage nach
                    dem rechten Gottesdienst.</p>
                <p>Frömmigkeit ist ihrem Wesen nach innerliche, verborgene Lebendigkeit, sie ist
                    Berührung mit dem geheimnisvollen Grunde des <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Berührung mit dem Grund des Dasein">Daseins</term>,
                    und diese Berührung kann der Mensch nicht machen, noch erkünsteln, noch
                    erzwingen, sondern sie wird ihm geschenkt. Aber ebenso gewiss ist es, dass
                    das Innerliche äußerlich werden, dass das Geheimnis sich entschleiern muss
                    in den Gedanken und Handlungen des <term type="Sachen" key="Alltag">Alltags</term>, denn der <term type="Sachen" key="Christen, leben in der Welt">Christ</term> lebt nicht in einer
                    Mönchszelle, sondern in der Welt mit ihrem Gram und Glück.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2669">die dritte Strophe des Gedichts
                        «Morgengebet» von <persName ref="kbga-actors-6916">J. von Eichendorff</persName> (Erstdruck: 1834;
                        Werke, Bd. 1: Gedichte, Berlin 1841, S. 65f.)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Die Welt mit ihrem Gram und Glücke </l>
                                    <l>Will ich, ein Pilger, frohbereit </l>
                                    <l>Betreten nur wie eine Brücke </l>
                                    <l>Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.</l></lg></q></note> Jesus hat das Grundgesetz wirklicher Frömmigkeit
                    ausgesprochen, indem er seinen Jüngern gesagt hat: Es ist nichts verborgen,
                    das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht lassen
                    werde. Was ich euch sage in der <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Finsternis, das
                    redet im Licht; und was ihr höret in das Ohr, das predigt auf den Dächern
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.26 Mt.10.27">Mt. 10,26f.</ref> par.]. An
                    das Offenbarwerden des Verborgenen hat Jakobus bei seinen Worten über die
                    Frömmigkeit gedacht, also an den rechten Gottesdienst, und davon haben wir
                    zu reden.</p>
                <p>
                        <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> kennt eine Frömmigkeit,
                    die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, wertlose">wertlos</term> ist. Er
                    kennzeichnet sie, indem er von ihr sagt, der Mensch halte dabei seine Zunge
                    nicht im Zaum und betrüge eben damit sein Herz, d. h. doch wohl sich selber.
                    Was ist das für eine Frömmigkeit? Im Jahr 1832, kurz vor seinem Tode, hat
                        <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> zu
                    seinem Freund <persName ref="kbga-actors-1559">Eckermann</persName> das Wort gesagt: «Auch werden wir alle nach und nach
                    aus einem <term type="Sachen" key="Christentum, des Wortes">Christentum</term> des Wortes und <term type="Sachen" key="Christentum, des Glaubens">Glaubens</term> immer mehr zu einem
                        <term type="Sachen" key="Christentum, der Gesinnung">Christentum</term>
                    der Gesinnung und <term type="Sachen" key="Christentum, der Tat">Tat</term>
                    <pb xml:id="p412" ed="pga"/> kommen.»<note xml:id="n02">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2670">
                                <persName ref="kbga-actors-1559">J. P. Eckermann</persName>,
                            <hi rend="italic">Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines
                            Lebens</hi>, mit einer Einleitung, erläuternden Anmerkungen und
                        Register hrsg. von L. Geiger, drei Teile in einem Band, Leipzig o. J.,
                        S. 622 (Gespräch vom 11. März 1832)</bibl>. – In Barths Exemplar, das er
                        von seinem Bruder <persName ref="kbga-actors-27">Peter</persName>
                        zu seinem Geburtstag 1909 geschenkt bekommen hatte, ist die Passage, in
                        der sich auch dieser Satz findet, am Rand markiert.</note> Was <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> damit
                    gemeint hat und was seither einer der beliebtesten und geläufigsten Gedanken
                    innerhalb der christlichen Welt geworden und geblieben ist, das kann uns aus
                    einer Strophe <persName ref="kbga-actors-1362">Emanuel Geibels</persName><note xml:id="n03">
                            <persName ref="kbga-actors-1362">Emanuel Geibel</persName>
                        (1815–1840), deutscher Lyriker, der besonders in der zweiten
                        Hälfte des 19. Jahrhunderts und in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg
                        große Popularität genoss.</note> deutlich werden, in der der Dichter Gott also anruft:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Aus den dunklen Schriftbuchstaben,</l>
                            <l>Aus der Lehr erstarrter Haft,</l>
                            <l>Drin der heil’ge Geist begraben,</l>
                            <l>Lass ihn auferstehn in Kraft.</l>
                            <l>Lass ihn übers Rund der Erde</l>
                            <l>Wieder fluten, froh und frei,</l>
                            <l>Dass das Glauben Leben werde</l>
                            <l>Und die Tat Bekenntnis sei.<note xml:id="n04">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2671">Vierte
                                    Strophe des Gedichts «Reformation» von <persName ref="kbga-actors-1362">E. Geibel</persName>
                                    (Erstdruck: 1864; Werke, Bd. 2, Leipzig / Wien 1918,
                                    S. 179f.)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Danach wäre das die wertlose <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, wertlose">Frömmigkeit</term>, das wertlose
                    Christentum, das in einem bloßen Annehmen von Bibelsprüchen und <term type="Sachen" key="Dogmen">Dogmen</term> bestünde, das bloß <term type="Sachen" key="Glaube, und Leben">Glauben</term> wäre und nicht
                    Leben, bloß <term type="Sachen" key="Bekenntnis">Bekenntnis</term> und nicht
                    Tat. Hat <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> an Derartiges
                    gedacht, hat er die Meinung aussprechen wollen, gute Religion müsse sich <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> bewähren und betätigen in guten Handlungen,
                        <anchor type="note" xml:id="fn-c"/>eine Meinung, die, wie gesagt, seit 100 Jahren und mehr
                    die Spatzen von den Dächern pfeifen<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc" target="fn-c"> Im Mskr. mit Bleistift in eckige Klammern gesetzt.</note>? Wir müssen in der Tat annehmen, er habe <hi rend="italic">auch</hi> an
                    Derartiges gedacht, denn im zweiten Kapitel lesen wir den berühmten Satz,
                    der ganz jene Meinung wiedergibt, den Satz, dass der Glaube, wenn er nicht
                        <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">Werke</term> habe, tot sei
                    an ihm selber [<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.2.17">Jak. 2,17</ref>].
                    Allein, wir müssen gegen diese Meinung, so populär und einleuchtend sie ist,
                    an einem sehr wichtigen Punkt Ein<pb xml:id="p413" ed="pga" break="no"/>spruch erheben, auf
                    die Gefahr hin, dadurch in Widerspruch zu geraten zu der Lebensweisheit des
                    großen <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>
                    und vielleicht auch zu <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>.
                    Der wichtige Punkt ist der: Ein Christentum, das nicht ein Christentum der
                    Gesinnung und der <term type="Sachen" key="Christentum, der Tat">Tat</term>
                    <hi rend="italic">ist</hi>, wie Goethe es fordert, wenn auch vielleicht erst als ein
                    Anfang dazu, ein solches Christentum ist <hi rend="italic">kein</hi> Christentum. Ein
                    Glaube, der bloß aus einer toten Schale besteht, der nicht wenigstens den
                    Keim des Lebens oder der Werke, wie Jakobus sich ausdrückt, <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">enthält</term>, ein solcher Glaube
                    ist <hi rend="italic">kein</hi> Glaube. Ein christliches <term type="Sachen" key="Bekenntnis, christliches">Bekenntnis</term>, das nicht Tat
                        <hi rend="italic">ist</hi>, ist <hi rend="italic">kein</hi> Bekenntnis. Eine solche <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, wertlose">Frömmigkeit</term> ist nicht
                    nur wertlos, sondern überhaupt keine Frömmigkeit. Denn wieder ist Jesu
                    Meinung in dieser Sache die gewesen, dass es sich bei der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> oder beim Reiche
                        <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> verhalte wie bei
                    dem Samen, der aufs Land geworfen ist und nun aufgeht, ohne dass der Säemann
                    sich dessen annimmt. Denn die Erde bringt <hi rend="italic">von ihr selbst</hi> zum
                    ersten das Gras, danach die Ähren, danach den vollen Weizen in den Ähren
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.26 Mk.4.28">Mk. 4,26–28</ref>]. <hi rend="italic">Von sich selbst</hi> ist und wird der
                    Glaube, der wirkliche <term type="Sachen" key="Glaube, und Leben">Glaube</term> nämlich, Leben, Gesinnung und <term type="Sachen" key="Glaube, und Werke">Tat</term>. Wo diese fehlen, da ist auch kein
                    Glaube. Wo kein lebendiger Baum oder doch der Keim eines solchen ist, da ist
                    auch keine lebendige Wurzel. Es ist also ein Missverständnis, das nur neue
                    Missverständnisse wecken kann, wenn Goethe ein Christentum tadelt, das etwas
                    anderes ist als Gesinnung und Tat, so gut es ein Missverständnis ist, wenn
                    einer von hölzernem Eisen redet. Dem, was er sagen wollte, entnehmen wir
                    eben jene bereits ausgesprochene, richtige Erkenntnis, dass wirkliche
                    Frömmigkeit <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> offenbar werden <hi rend="italic">muss</hi> im
                    Leben, in den Gedanken und Handlungen des Alltags. Und diese Erkenntnis kann
                    zweifellos nicht lebhaft genug ausgesprochen und beherzigt werden.</p>
                <p>Allein ich glaube doch, unser Text führt uns diesmal noch einen andern Weg
                    als den, der zu dieser Erkenntnis führt.</p>
                <p>
                        <hi rend="italic">Wenn einer meint, fromm zu sein, und hält seine Zunge nicht im Zaum,
                        sondern betrügt sein Herz, dessen Frömmigkeit ist wertlos</hi>. Ich
                    wiederhole meine Frage: Was ist das für eine <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>? Denn ich vermute, <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> habe wenigstens an dieser
                    Stelle wirklich nicht an Menschen gedacht, die nur den äußern Schein eines
                    angeblichen «Glaubens» haben, innerlich aber völlig tot und gottlos sind.
                    Solche gibt es vielleicht überhaupt nur ganz selten. Wohl aber gibt es Unzäh<pb xml:id="p414" ed="pga" break="no"/>lige, die zwar etwas erfahren haben von der
                    Herrlichkeit des wirklichen <term type="Sachen" key="Glaube, Herrlichkeit des wirklichen Gl.">Glaubens</term>, die in
                    freiem <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsam</term> und Vertrauen Gott
                    berührt haben, es erwächst auch daraus so etwas wie Leben und Gesinnung,
                    aber das Wachstum bleibt entweder stehen oder es nimmt unschöne,
                    verkrüppelte Formen an. So stehen wir staunend vor einer Frömmigkeit, die
                    zweifellos eine Wurzel hat, die aber aus einem bestimmten Grund eine
                    Zwergpflanze oder Krüppelpflanze geworden ist. Jakobus nennt eine solche
                    Frömmigkeit, einen solchen Gottesdienst wertlos.</p>
                <p>Wir besinnen uns über das Merkmal, das er dafür angibt: der Mensch hält dabei
                    seine Zunge nicht im Zaum. Da kommen wir nun scheinbar auf ein sehr weites
                    Gebiet, auf das immer aktuelle Gebiet der <term type="Sachen" key="Sünde, Zungensünden">Zungensünden</term>. Aber hier handelt es sich
                    offenbar um die besondere Frage nach dem Verhältnis von Frömmigkeit und
                    Reden, das wir bei einem frühern Anlass schon berührt haben.<note xml:id="n05">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p364#p364">S. 364-378</ref>.</note> Wir erinnern uns von dorther: ein jeder
                    Mensch sei schnell zum <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören">Hören</term>, langsam aber zum <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Reden</term>. Denn das Reden über <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> hat die dringende Gefahr
                    der Fabrikation von Wolkenschleiern bei sich, hinter denen sich eine große
                    Null verbirgt. <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Solches Reden entfernt von Gott,
                    weil es unwahrhaftig ist. Auf diese warnende Erkenntnis kommt Jakobus hier
                    zurück. Aber sie wird in dem neuen Zusammenhang noch vertieft und ergänzt.
                    Dort hieß es: nicht reden – hören! hier kommt dazu: nicht reden
                    – tun! Aus dem Hören muss das Handeln wachsen, das ist wirkliche
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Hören und Handeln">Frömmigkeit</term>, der Feind und das Hindernis beider ist das
                    inhaltsleere Reden, weil es einen falschen Schein an Stelle des Wesens
                    setzt. Und wenn wir uns nun erinnern, dass wir damals gesehen haben, wie das
                    inhaltsleere Reden ein Kind des Egoismus ist, weil wir uns damit gegen die
                    Wahrheit verbarrikadieren, die das Gegenteil des Egoismus ist, dann kann es
                    uns heute verständlich werden, dass auch der scheinbare, verkrüppelte <term type="Sachen" key="Gottesdienst, verkrüppelter">Gottesdienst</term>, bei
                    dem wir die Zunge nicht im Zaum halten und uns selbst betrügen, eine Geburt
                    jenes <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term> sein muss.</p>
                <p> Denn es geht so zu bei uns. Wenn wir das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> gehört haben, wenn uns auch nur ein
                    spärlicher Bruchteil seines Lichtes aufgegangen ist, wenn wir Gottes gewahr
                    geworden sind, vielleicht durch die <pb xml:id="p415" ed="pga"/> Führungen unseres
                    Lebens, vielleicht durch ernsthaftes Nachdenken über die Werte und Unwerte
                    des Daseins, vielleicht durch irgend ein Wort, das an einem <term type="Sachen" key="Sonntag">Sonntag</term> oder in einer Festzeit wie
                    der hinter uns liegenden in uns haften geblieben ist, dann will der Same, so
                    klein er sein mag, Wurzel schlagen und aufsprießen. Dann spüren wir es, wie
                    der Bruchteil des Lichtes, das uns aufgegangen ist, die Macht werden will,
                    die unser inneres und äußeres Leben bildet und gestaltet. Wir merken wohl,
                    dass wir bei diesem frühlingsfrohen Sprossen und Treiben des neuen Lebens in
                    uns nichts davon noch dazu tun können, weil es Gott ist, der uns in der
                    Arbeit hat. Aber etwas Anderes können wir tun, und ob und wie wir’s
                    tun, davon hängt es ab, ob unser Gottesdienst ein rechter wird, d. h. ob das
                    Ganze unsrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>,
                    unsres <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Lebens ein Rechtes und Reines wird. Der
                    Gärtner macht den Baum nicht, sondern der Baum wächst, weil er wachsen muss.
                    Wohl aber kann der Gärtner einen Graben um den Baum ziehen, er kann ihm gute
                    Erde und Wasser zuführen, er kann ihn aufrichten und stützen, er kann durch
                    Ausrotten des Unkrauts und der Schlingpflanzen verhindern, dass ihm der
                    beste Saft entzogen wird. Er kann mit einem Wort dafür sorgen, dass er
                    wächst, wie er wachsen soll, und nicht zu einer Krüppelpflanze wird.
                    – |</p>
                <p>Gerade das ist nun unser Anteil an der Gestaltung und Bildung des neuen <term type="Sachen" key="Leben, neues">Lebens</term>, das aus dem <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> in uns wächst und wachsen
                    muss. Der Lebenstrieb in der Naturwelt ist mächtiger als die Hindernisse,
                    die ihm durch das Klima, durch die Art des Bodens, durch das Unkraut
                    bereitet werden. Auch die Felsen unsrer Berge, auch die unwirtlichsten
                    Gegenden des hohen Nordens, auch der 5000 Meter tiefe Boden des indischen
                    Ozeans haben ihre Pflanzen- und Tierwelt. Aber etwas Wertvolles, Kräftiges,
                    Großes kann auf solchem Boden nicht gedeihen, es ist Krüppel- und
                    Zwergvegetation, es sind Karikaturen der Natur, die da entstehen. So hat der
                    lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> sein Licht
                    in großen und kleinen Bruchteilen so oder so vielleicht in allen Menschen
                    einmal aufleuchten lassen. Diese Tatsache darf uns Freude und Hoffnung
                    machen. Aber sie ruft uns auch mit großem Ernst zu: es kommt auf den Boden
                    an, ob etwas Lebenskräftiges und Wertvolles daraus wird. Es gilt, den Boden
                    zu reinigen und empfänglich zu machen. Denn auf dem dürren Boden des <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term> wächst sonst ein
                    Schein-Gottesdienst, mit dem wir unser Herz betrügen. Das liebe Ich <pb xml:id="p416" ed="pga"/> bemächtigt sich des göttlichen Lichtes und braucht es
                    zu seinen angenehmen und nützlichen Zwecken. Die Frömmigkeit wird uns ein
                    vollkommenes Mittel, unsern offenen und verborgenen Wünschen und Ansprüchen
                    Relief und Nachdruck zu geben. So ist aus der guten Wurzel der alten <term type="Sachen" key="Propheten">Propheten</term> Israels <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> die Krüppelpflanze des spätern <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Judentums</term> gewachsen, dessen
                    angeblicher Gottesdienst in Wirklichkeit <hi rend="italic">ein</hi> großer Schacher
                    war um zukünftige <term type="Sachen" key="Juden / Judentum, Lohngedanke">Belohnung</term>. Die angeblichen Gottesdiener dienten sich selber. So
                    hat im römischen <term type="Sachen" key="Katholizismus">Katholizismus</term> das liebe Ich nach dem Lichte Jesu gegriffen, und
                    es ist eine Versicherungsanstalt auf das ewige <term type="Sachen" key="Katholizismus, Christentum als Versichernugsanstalt">Heil</term>
                    daraus geworden,<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2672">
                                <persName ref="kbga-actors-155">A. von Harnack</persName>, <hi rend="italic">Was
                            wir von der römischen Kirche lernen und nicht lernen sollen</hi>
                        (1891), in: <hi rend="italic">Adolf von Harnack als Zeitgenosse. Reden und Schriften
                            aus den Jahren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik</hi>,
                        hrsg. und eingeleitet von K. Nowak, Teil 1: <hi rend="italic">Der Theologe und
                            Historiker</hi>, Berlin / New York 1996, S. 344–360, dort
                        S. 346f.</bibl>, nannte die römisch-katholische Kirche «eine
                        Versicherungsanstalt für die, welche die Güter des Evangeliums wünschen,
                        ohne ergriffen zu sein von der innern Macht des Evangeliums»; es sei ihr
                        «Geheimnis», dass sie «Weltstaat, Schule, sakramentale
                        Versicherungsanstalt und Gemeinschaft des Glaubens zugleich» sei.</note>
                    in der man sich durch allerlei Bräuche und Verrichtungen dem Einen, was
                    nottut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>],
                    entziehen kann. Und die angeblichen Gottesdiener dienen sich selber. So
                    haben wir’s getrieben und treiben’s noch, indem wir den lieben
                    Gott einen guten Mann und die Religion eine gute Sache sein lassen, die
                    unserm Leben die angenehme Zugabe von allerlei harmlosen Wünschen,
                    Sehnsüchten und Träumereien verschafft, ohne zu ahnen, dass der Baum in
                    einer ganz andern Richtung wachsen müsste als dem Erdboden entlang. Brauche
                    ich noch auszuführen, woher es kommt, dass der Mensch, dessen inneres Leben
                    so irgendwie krumm wächst, Neigung hat und haben muss, seine Zunge nicht im
                    Zaum zu halten? Es ist der alte Grund: das Scheinleben des <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term> äußert sich immer in der
                        <term type="Sachen" key="Redseligkeit">Redseligkeit</term>, es tritt
                    dann das französische Sprichwort in Wahrheit: La parole nous est donnée pour
                    déguiser notre pensée.<note xml:id="n07">«Die Sprache ist uns
                        gegeben, um unsere Gedanken zu verbergen.» – In leicht
                        abgewandelter Form wird das Sprichwort dem französischen Staatsmann
                        <persName ref="kbga-actors-9035">Charles-Maurice de Talleyrand</persName>
                        (1754–1838) zugeschrieben; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann, S. 404f</bibl>.</note> Und das wird
                    nicht anders, wenn nun die Frömmigkeit die Formen jenes egoistischen
                    Scheinlebens annimmt. Jene Redselig<pb xml:id="p417" ed="pga" break="no"/>keit wird dann
                    fromme <term type="Sachen" key="Redseligkeit, fromme">Redseligkeit</term>.
                    Wir sprechen von Gott, vom Guten, von der Sittlichkeit, aber im letzten
                    Grunde sind uns alle diese Dinge doch nur Unterstreichungen, Hilfslinien,
                    Verzierungen für das werte Selbst. Von Gott reden wir, uns selbst meinen
                    wir.</p>
                <p> Ich möchte wieder eine Form solchen <term type="Sachen" key="Gottesdienst, Scheingottesdienst">Scheingottesdienstes</term> aus
                    unsrer Zeit bei Namen nennen, vielmehr eine Form, bei der die Gefahr
                    egoistischen Misswuchses vorhanden und dringend ist. Seit etwa 25 Jahren ist
                    der Begriff der <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">«Persönlichkeit»</term> einer der beliebtesten und gebrauchtesten
                    auf dem religiösen Gebiet geworden.<note xml:id="n08">Vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2673">
                                <persName ref="kbga-actors-1935">W. Trillhaas</persName>,
                        Art. «Persönlichkeit», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> V,
                        Sp. 227–230, dort Sp. 230</bibl>: «In der Religiosität des Liberalismus
                        hat der Begriff der P[ersönlichkeit] zeitweise geradezu einen religiösen
                        Wertbegriff bedeutet; religiöses Leben und ‚persönliches Leben’ in
                        Wahrheit und innerer individueller Freiheit waren gleichbedeutend
                        […].»</note>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Man versteht darunter die freie und doch
                    harmonische Gestaltung eines <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, frei und harmonisch gestalteter Mensch">Menschenlebens</term> aus sich selbst heraus. In Menschen wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> und
                        <persName ref="kbga-actors-500">Bismarck</persName>
                    sieht man die Vorbilder für diesen schöpferischen Prozess. Man redet von
                        <term type="Sachen" key="Persönlichkeitskultur">Persönlichkeitskultur</term> und <term type="Sachen" key="Persönlichkeitsreligion">Persönlichkeitsreligion</term>, indem man
                    verlangt, Kultur und Religion müssten sich vollenden in der Bildung
                    selbständiger, vollentwickelter Persönlichkeiten. Wer wollte daran zweifeln,
                    dass das eine gute und förderliche Losung ist, wenn sie deutlich ausgegeben
                    und richtig verstanden wird. Wo das aber nicht der Fall ist, da entsteht die
                    Karikatur, und die Karikatur ist auch hier entstanden. Der feine und
                    nachdenkliche Gedanke von der Persönlichkeit droht ein Schlachtruf und <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, Schlagwort">Schlagwort</term> zu
                    werden, und das ist immer ein verdächtiges Zeichen. In <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName> haben wir unter den Studenten
                    einen «Verein für persönliches Leben» erlebt,<note xml:id="n09">In Marburg existierte seit 1908 eine studentische «Freie Vereinigung
                        für Fragen des persönlichen Lebens», die sich 1912 umbenennen sollte in
                        «Vereinigung für religiöse Fragen an der Universität Marburg»
                        (<bibl type="archival">Universitätsarchiv Marburg, Best. 305a, Nr. 7860</bibl>).</note> in andern
                    Gegenden Deutschlands gibt es förmliche Häuser zur Pflege persönlichen
                        Lebens,<note xml:id="n10">Der evangelische Theologe und
                        Philosoph <persName ref="kbga-actors-286">Johannes Müller</persName> (1864–1949) gab seit 1897 gemeinsam mit dem
                        Schriftsteller <persName ref="kbga-actors-664">Heinrich Lhotzky</persName> (1859–1930) die Zeitschrift «Blätter zur
                        Pflege des persönlichen Lebens» heraus; beide gründeten 1903 auch die
                        «Freistätte» bzw. «Pflegestätte persönlichen Lebens» auf <placeName ref="kbga-places-307">Schloss
                            Mainberg</placeName> (bei Schweinfurt). Müller und seine Ideen waren
                        1908/09 Gegenstand mehrerer Artikel in der «Christlichen Welt»; vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2674">
                                <persName ref="kbga-actors-4793">G. Koch</persName>, <hi rend="italic">Zur
                            Beurteilung der modernen Persönlichkeitskultur</hi>, in: ChW 22
                        (1908), S. 399f.554–562.578–581.602–608</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2675">
                                <persName ref="kbga-actors-286">J. Müller</persName>,
                            <hi rend="italic">Einige Bemerkungen zu dem Aufsatz über
                            Persönlichkeitskultur</hi>, in: a.a.O., Sp. 656–659</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2676">
                                <persName ref="kbga-actors-4793">G.
                        Koch</persName>, <hi rend="italic">Johannes Müllers Pflege persönlichen Lebens und der
                            Idealismus</hi>, in: a.a.O., Sp. 722–728</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-2677">
                                <persName ref="kbga-actors-9258">M. Eger</persName>, <hi rend="italic">Johannes
                            Müller als Problem</hi>, in: ChW 23 (1909),
                        Sp. 74–84</bibl>.</note> in denen Persönlichkeiten gezüch<pb xml:id="p418" ed="pga" break="no"/>tet und kultiviert werden wie köstliche holländische Tulpen
                    in einem Treibhaus. Und daneben wachsen zahlreiche große und kleine
                    Persönlichkeiten wild wie die Spargeln im Frühjahr, eine persönlicher als
                    die andre. Gymnasiasten und Lehrmädchen fühlen sich als Persönlichkeiten,
                    und der Tag ist vielleicht nicht fern, da auch die Säuglinge als
                    Persönlichkeiten behandelt zu werden wünschen. <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>Ich sage
                        ausdrücklich:<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd" target="fn-d"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>
                     Dieser allgemeine Ruf nach persönlichem Leben ist trotz der Schrullen
                    und Absonderlichkeiten, die er zeitigt, etwas vom Erfreulichsten in der
                    geistigen Physiognomie unsrer <term type="Sachen" key="Zeitgeist">Zeit</term>. Nur wird dabei auf weite Strecken <hi rend="italic">eines</hi>
                    übersehen: <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und
                        <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName>
                    und <persName ref="kbga-actors-500">Bismarck</persName>
                    sind nicht einfach Persönlichkeiten gewesen, sie sind nicht als solche
                    geboren und machten auch als 15-­ und 20-Jährige nicht den Anspruch darauf,
                    es zu sein, sondern sie sind es <hi rend="italic">geworden</hi>. Macht man es
                    umgekehrt, vergisst man das Werden und fängt mit dem Sein an, dann wird das
                    persönliche Leben unzweifel<pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>haft ein Krüppel,
                    denn die angebliche Persönlichkeit ist dann nur eine neue Verkleidung für
                    das alte Ich. Eine <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term> sein wird dann so verstanden: man müsse seinen
                    Schrullen und Einfällen durchaus freien Lauf lassen, man müsse seinen Willen
                    beständig und zwar mit mehr oder weniger Gepolter durchsetzen, man müsse um
                    jeden Preis originelle, noch nie dagewesene Ideen und <term type="Sachen" key="Gefühle">Gefühle</term> haben. Und die Pflege des persönlichen
                    Lebens, die man dann sich und Andern angedeihen lässt, pflegt darin zu
                    bestehen, dass man jene feinen Einfälle und Ideen unermüdlich wiederholt,
                    wie <persName ref="kbga-actors-4820">der alte Dessauer</persName>, <persName ref="kbga-actors-557">Friedrichs des Großen</persName> Feldmarschall, nur eine
                    Melodie kannte und sang, nämlich den Dessauermarsch,<note xml:id="n11">Gemeint ist  <persName ref="kbga-actors-4820">Leopold I.</persName>, Fürst von Anhalt-Dessau
                        (1676–1747), genannt «Der Alte Dessauer», schon seit 1712
                        preußischer Generalfeldmarschall und noch unter <persName ref="kbga-actors-557">Friedrich dem Großen</persName>
                        Armeebefehlshaber in den beiden Schlesischen Kriegen 1740–1742
                        und 1744/45. Es heißt, Leopold I. habe nach der im Spanischen
                        Erbfolgekrieg ausgefochtenen Schlacht bei Cassano 1705 die Melodie eines
                        Volksliedes gehört und ständig wieder hören wollen, weil sie ihm so gut
                        gefallen habe. Daraus sei wenig später der nach ihm benannte langsame
                        Marsch «Der Alte Dessauer» entstanden. – In seinen in den 1830er
                        Jahren verfassten Reisenovellen schrieb Heinrich Laube über <placeName ref="kbga-places-155">Anhalt</placeName>: «Zwei geniale Männer hat es
                        hier gegeben: […]. Der zweite aber war der alte Dessauer mit dem
                        Zopfe und den Gamaschen. Seine Genialität bestand darin, dass er alle
                        Lieder, auch die Kirchenlieder, nach der Melodie des Dessauer Marsches
                        sang» (<bibl corresp="kbga-bibls-2678"><persName ref="kbga-actors-9259">H. Laube</persName>,
                            <hi rend="italic">Reise durch das Biedermeier</hi>, Paderborn 2012,
                        S. 66</bibl>).</note> bis man selber und womöglich auch die Andern daran <pb xml:id="p419" ed="pga"/> glauben als an eine Offenbarung. Es ist klar, dass
                    diese angeblichen <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, angebliche">Persönlichkeiten</term> das Gegenteil sind von dem, was sie zu sein
                    behaupten. Denn nur da kann von einer Persönlichkeit die Rede sein, wo die
                    Elemente des Lebens: unser <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, ausgerichteter Wille">Wille</term>, unsre Gedanken,
                    unsere <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, ausgerichtete Gefühle">Gefühle</term> sich richten und ausstrecken nach dem Ziele, nach dem
                    Ich, wie es sein soll. Wo sie sich dagegen in großer Zufriedenheit
                    gruppieren um das <term type="Sachen" key="Persönlichkeit, um das Ich kreisende">Ich</term>, wie es ist, da
                    ist die ganze Persönlichkeitskultur eine Komödie – ich brauche
                    absichtlich dies Wort – denn es handelt sich um ein Theaterspielen,
                    bei dem man sich mit mehr oder weniger Geschick verkleidet und gebärdet als
                    König, als Heldin, kurzum als etwas, was man nicht ist.</p>
                <p>Ich sprach von dieser Bewegung, um euch an einem Beispiel aus dem religiösen
                    Leben der Gegenwart zu zeigen, wie der <term type="Sachen" key="Gottesdienst, Schein-Gottesdienst">Schein-Gottesdienst</term>, die
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, Schein-Frömmigkeit">Schein-Frömmigkeit</term>, von der <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> spricht, entstehen kann. Ihr könntet mir gewiss andre
                    Beispiele nennen, wo derselbe fatale Vorgang wahrzunehmen ist. Aber noch
                    wichtiger ist, dass wir uns selbst als Beispiel nehmen, dass wir uns selbst,
                    jedes für sich, die Frage stellen: was wird <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> bei
                    mir aus dem Samen des ewigen Lebens, den Gott mir in dieser oder jener Weise
                    geschenkt hat, die höchst einfache Frage: welches ist <hi rend="italic">mein</hi>
                    Gottesdienst, d. h. <hi rend="italic">meine</hi>
                    <term type="Sachen" key="Gottesdienst, Bewährung Gottes im Leben">Bewährung</term> und Betätigung <term type="Sachen" key="Gottesdienst, Betätigung Gottes im Leben">Gottes</term> im Leben.
                    Der Same ist da und er wächst, aber wir sind verantwortlich dafür, ob ein
                    aufrechter, gerader Baum daraus wird oder ein Krüppel.</p>
                <p>Nachdem wir uns das gefragt haben, wenden wir uns zu der merkwürdigen
                    Beschreibung, die Jakobus nun von dem Gottesdienst gibt, wie er sein soll.
                    Er sagt nämlich: <hi rend="italic">Reine Frömmigkeit, fleckenlose vor Gott dem Vater ist
                        das: nach den Waisen und Witwen sehen in ihrer Trübsal, sich selbst aber
                        von der Welt unbefleckt erhalten</hi>.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p420" ed="pga"/> Wir notieren vor Allem: das ist die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, die vor Gott gilt, nicht vor irgend einem Gott oder
                    dem Bild eines Gottes, das wir uns selbst gemacht und aufgerichtet haben,
                    sondern vor Gott dem <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>, und
                    das will im Neuen <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term>
                    nichts Anderes sagen als: vor dem lebendigen, wirklichen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der uns in Jesus und seiner Art
                    deutlich und gegenwärtig ist. Dieser Gott hat in unverdienter <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term> den Samen
                    des Lebens in uns gepflanzt, <hi rend="italic">so</hi> sieht nun der Baum aus, der
                    daraus wachsen soll. Verstehst du das?</p>
                <p>Jakobus zieht zwei einfache Linien: nach den Waisen und Witwen sehen und sich
                    von der Welt unbefleckt erhalten, das ist reine <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, reine">Frömmigkeit</term>, reiner <term type="Sachen" key="Gottesdienst, reiner">Gottesdienst</term>. Diese Beschreibung mutet
                    uns ziemlich trocken an, das ist keine Frage. Wenn wir von Frömmigkeit
                    reden, denken wir gern an interessantere und kompliziertere Dinge. Aber wenn
                    du bei der nüchternen Anweisung des Jakobus den Reichtum und die
                    Mannigfaltigkeit des religiösen <term type="Sachen" key="Leben, religiöses">Lebens</term> vermissest, so möchte ich dir doch zu bedenken geben,
                    dass die rechte Mannigfaltigkeit nur die ist, die aus der Einfachheit
                    hervorgeht, wie die Blume sich aus der <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>
                    unscheinbaren Knospe entwickelt, dass von erfreulichem Reichtum hier wie im
                    äußern Leben nur die Rede sein kann, wo ein Mensch von unten herauf
                        <hi rend="italic">ge</hi>dient<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     und sich das Seine im tapfern Kampf mit dem Leben <hi rend="italic">ver</hi>dient<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     hat. Es liegt gerade im Wesen der reinen <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, reine">Frömmigkeit</term>, dass wir diesen und keinen
                    andern Gang gehen. Machen wir’s umgekehrt, begehren wir mit dem
                    Reichtum anzufangen, mit hohen und erhabenen Ideen und Gefühlen, dann ist
                    das, wie wir vorhin gesehen haben, ein Zeichen dafür, dass wir mit unserm
                    Gottesdienst nicht Gott meinen, sondern uns selber.</p>
                <p> Die nüchterne Anweisung des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> charakterisiert sich also gerade dadurch, dass sie uns
                    sehr ernsthaft von uns selbst und unsern Wünschen ablenkt. Wir betrachten
                    sie näher:</p>
                <p>Der erste Paragraph lautet: <hi rend="italic">nach den Waisen und Witwen sehen in ihrer
                        Trübsal</hi>. Dass die allgemeine <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Menschenliebe</term> eine gute Sache sei, das haben
                    auch die <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und <term type="Sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term> schon gewusst oder
                    geahnt, und wir Alle haben das unmittelbare Gefühl, dass das zu rechter
                        <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, rechte">Frömmigkeit</term> gehöre.
                    Auch die, welche von den sogenannten <term type="Sachen" key="Dogmen">Dogmen</term> des <pb xml:id="p421" ed="pga"/> Christentums nichts wissen
                    wollen, erklären sich mit diesem Prinzip sehr einverstanden, und noch
                    befriedigter wären sie, wenn es zu machen wäre, dass die ganze Kirche sich
                    in <hi rend="italic">eine</hi> große Armen-Anstalt verwandelte. Allein es wird doch
                    seinen guten Grund haben, dass <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> diese scheinbar allgemein angenommene
                    Selbstverständlichkeit in dieser Weise an die Spitze stellt. Ich bitte zu
                    beachten, dass nicht von Wohltätigkeit, nicht von Pensionen und
                    Unterstützungsbons die Rede ist, sondern davon, dass man nach den Waisen und
                    Witwen <hi rend="italic">sehen</hi>, d. h. doch wohl, dass man sich persönlich um sie
                    bekümmern solle. Was von uns gefordert wird, ist also nicht unser <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term>, sondern unsre <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, unsre Teilnahme. Wir selbst werden gefordert.
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> Das sieht auf den ersten Blick aus wie die
                    geringere Forderung. In Wirklichkeit ist es die größere. Denn unsrer Art
                    entspricht es, unsre Liebe und Teilnahme, uns selbst nur da einzusetzen, wo
                    wir ein Interesse daran haben, also in unsern eigenen Angelegenheiten. Nun
                    wird uns gesagt: so soll es nicht sein. Es gibt Menschen, die haben es
                    nötig, dass du ihre Angelegenheiten zu deinen eigenen machst; ihrem Leben
                    fehlt etwas, was du hast, gib es ihnen, ohne dass du ein Interesse daran
                    hast, einfach weil es recht ist! Jakobus nennt als Beispiel solcher
                    bedürftiger Menschen Waisen und Witwen. Bei denen ist es offenkundig, dass
                    etwas fehlt, nicht das Geld in den meisten Fällen, aber der gute Rat, aber
                    die Freundlichkeit und Teilnahme, es fehlen die Menschen. Wohlan, sieh nach
                    ihnen in ihrer Trübsal. Du sagst: ich kenne keine solchen! Das ist möglich,
                    aber wir wollen die Worte nicht pressen, so eng ist die Anweisung nicht
                    gemeint. Du kennst gewiss andre, denen etwas fehlt, vielleicht wieder am
                    wenigsten das Geld, wohl aber Mut und Kraft und Freudigkeit und Geschick zum
                    rechten Leben. Ei, so setze einmal dich selbst ein in diese Lücke, versuche
                    es, zu dienen mit deiner Person, so wertlos dir dieser <term type="Sachen" key="Dienst">Dienst</term> vorkommen mag. Es ist in Wirklichkeit nicht
                    so: Persönlicher Dienst, bei dem kein Interesse, auch kein verborgenes, im
                    Hintergrund steht, solcher Dienst ist immer wertvoll. Denn es handelt sich
                    dabei um die Entfaltung des reinen guten <term type="Sachen" key="Wille, reiner guter">Willens</term>, und der ist ja die einzige
                    diamantharte Realität inmitten des scheinhaften Verkehrs der Menschen
                    untereinander. Und so sicher diese Realität wieder nichts Anderes ist als
                    der lebendige <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, so
                    sicher übst du in solcher Entfaltung des reinen guten Willens den rechten
                        <term type="Sachen" key="Gottesdienst, rechter">Gottesdienst</term>, der
                    auch in unserm Schriftwort der <term type="Sachen" key="Gottesdienst, reiner">reine</term> genannt ist.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p422" ed="pga"/>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Und nun ahnen wir vielleicht schon, dass das
                    Andre, was von uns gefordert ist, in Wirklichkeit nicht etwas Anderes ist,
                    sondern dieselbe Sache, von der andern Seite gesehen. Du sollst <hi rend="italic">dich
                        selbst von der Welt unbefleckt erhalten</hi>. Wenn das erste Gebot uns
                    von der <term type="Sachen" key="Liebestätigkeit">Liebestätigkeit</term> auf
                    die Liebe, von der Liebe auf die uninteressierte <term type="Sachen" key="Liebe, uneigennützige">Liebe</term> ­und von da auf den reinen
                    guten <term type="Sachen" key="Wille, reiner guter">Willen</term> geführt
                    hat, so unterstreicht die zweite Forderung einfach den letzten Punkt. Sie
                    sagt uns: Reinigt eure Gedanken und euren Willen von der Welt, d. h. von
                    Allem, was mit dem guten Willen nichts zu tun hat, aus dem ein heimliches
                    Eigeninteresse hervorguckt. Tut das, dann tut ihr den rechten Gottesdienst.
                    Trachtet am ersten nach dem Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> und nach seiner Gerechtigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Mt. 6,33</ref>]. Denn nicht das ist die
                    Befleckung durch die <term type="Sachen" key="Welt">Welt</term>, von der die
                    Rede ist, dass wir unser kärgliches oder reichliches Brot verdienen müssen
                    in der Welt, im Gegenteil, das ist der Beruf, der uns von Gott gegeben ist.
                    Und nicht das ist die Befleckung durch die Welt, dass wir fröhlich sind mit
                    den Fröhlichen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.12.15">Röm. 12,15</ref>], wie es recht ist in dieser Welt, im Gegenteil: Das ist
                    Gottes freundliches Geschenk, wenn wir’s sein dürfen. Aber das ist
                    die Befleckung, wenn wir zu uns selbst sagen: so, nun will ich leben, um
                    Geld zu verdienen und fröhlich zu sein, das soll der Inhalt meines Lebens
                    werden. Es ist nicht wahr: das ist <hi rend="italic">kein</hi> Inhalt, sondern bloß
                    eine Form, dein Inhalt aber sei der gute <term type="Sachen" key="Wille, guter">Wille</term>. Sei keine leere Form, sondern ein Gefäß
                    mit Inhalt.</p>
                <p> Das ist reine <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, reine">Frömmigkeit</term> vor Gott dem <term type="Sachen" key="Gott, Vater">Vater</term>. So vereinfacht sich aber die an uns gestellte Forderung
                    auf das, was <persName ref="kbga-actors-14">Augustin</persName> in dem berühmten Wort am Anfang seiner Bekenntnisse
                    ausgesprochen hat: Herr, zu dir hast du uns geschaffen, und unser Herz ist
                    unruhig, bis dass es ruhe in dir.<note xml:id="n12">Vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-1312">
                                <persName ref="kbga-actors-14">A. Augustinus</persName>,
                            <hi rend="italic">Confessiones</hi> I, 1,1 (CSEL 33/1, S. 1,8f.)</bibl>: «Magnus es,
                        domine, […]. Tu excitas, ut laudare te delectet, quia fecisti nos
                        ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.»</note>
                    Etwas von göttlicher Art hat der Mensch empfangen und empfängt es überall
                    da, wo ewige <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Wahrheit und ewiges Leben sein
                    Dasein berührt. Aber unser <term type="Sachen" key="Herz, unruhiges">Herz</term> bleibt unruhig in uns, solange wir uns selbst betrügen
                    durch eine unreine Frömmigkeit dieser oder jener Art. Es wird ruhig werden,
                    wenn wir ruhen in Gott, d. h., wenn seine Art unsre Art wird. Seine Art ist
                    aber der reine gute <pb xml:id="p423" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Wille, reiner guter">Wille</term>, ist die <term type="Sachen" key="Liebe, uneigennützige">Liebe</term>, die nicht das
                    Ihre sucht. Denn in dieser Art ist er uns in Christus bekannt und deutlich
                    geworden. Alles Andre aber ist nicht von Gott und muss abgehauen und ins
                    Feuer geworfen werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.3.10">Mt. 3,10</ref> par].</p>
                <p> Es ist eine harte Sache um den rechten <term type="Sachen" key="Gottesdienst, rechter">Gottesdienst</term>, das leidet keinen
                    Zweifel; sein Wesen und Grundgesetz ist bälder ausgesprochen und angehört
                    als geübt. Denn das kostet uns nicht nur Mühe, sondern es macht uns
                    unglücklich, wenn wir darangehen, Gottes Art an Stelle unsrer Art zu setzen.
                    Aber wenn wir in diesen Kampf mit uns selbst gehen, sind wir auf dem Weg zu
                    dem Ziel, das uns gesteckt ist. Wir haben am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> davon geredet. Nun blicken wir auf
                        <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term> zurück und fassen den
                    Lebensinhalt der festlichen Botschaft, der kein anderer ist als der
                    Lebensinhalt unsrer heutigen Textworte, zusammen in des Dichters und
                    Kämpfers Osterlied:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Christ ist erstanden!</l>
                            <l>Freude dem Sterblichen,</l>
                            <l>Den die verderblichen,</l>
                            <l>Schleichenden, erblichen</l>
                            <l>Mängel umwanden.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p/>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Christ ist erstanden!</l>
                            <l>Selig der Liebende,</l>
                            <l>Der die betrübende,</l>
                            <l>Heilsam’ und übende</l>
                            <l>Prüfung bestanden.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p/>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Christ ist erstanden</l>
                            <l>Aus der Verwesung Schoß;</l>
                            <l>Reißet von Banden</l>
                            <l>Freudig euch los!</l>
                            <l>Tätig ihn preisenden,</l>
                            <l>Liebe beweisenden,</l>
                            <l>Brüderlich speisenden,</l>
                            <l>Predigend reisenden,</l>
                            <l>Wonne verheißenden,</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p424" ed="pga"/> Euch ist der Meister nah.</l>
                            <l>
                                <hi rend="italic">Euch ist er da!</hi><note xml:id="n13">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster
                                        Teil</hi>,
                                    V. 737–741.757–761.797–807 (Nacht).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-148">Nr. 218: «Wie mächtig spricht in meiner Seele» von <persName ref="kbga-actors-8815">J. Chr. Krüger</persName>,
                            Strophen 1–2 und 3–4.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-274">Nr. 135: «Ich sag es jedem, dass er lebt» von <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName>
                            (Novalis), Strophen 1–3.5 (RG 484).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.25 Lk.10.37">Lukas 10,25–37</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
