Predigt Nr. 36 · 25. März 1910

Predigt: 2.Korinther 5,19-21

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2.Korinther 5,19–21
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete, und richtete unter uns auf das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, – ja Gott selbst mahnt durch uns – so bitten wir an Christi statt: Lasset euch versöhnen mit Gott. Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.
Liebe Gemeinde!

Es sind dunkle und trübe Bilder, die Bilder des Tages, zu dessen Gedächtnis wir heute versammelt sind. Dunkel von der ersten Stunde, in der Jesus in der mitternächtlichen Finsternis des Gartens Gethsemane im Gebete vor Gott rang, bereits verraten von einem der Seinigen und bereits innerlich verlassen auch von denen, die bei ihm blieben. Dunkel bis zu der verhängnisvollen Abendstunde, die das Ende brachte, da die Dämmerung über Jerusalem und Golgatha ihre Schleier ausbreitete, die es doch nicht verhüllen und verleugnen konnten, was geschehen war. Ihr wisst, was dort geschehen war: Menschen, Menschen, nicht besser und nicht schlimmer als wir Alle, mühten und ereiferten sich einen ganzen Tag lang, Einen vom Leben zum Tode zu bringen, weil sie es nicht ertragen konnten, dass er so ganz anders war als sie. Er war ein Licht, das schien in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen [Joh. 1,5]. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf [Joh. 1,11]. Er war der Größte von all denen, denen es gegeben war, das Geheimnis des Lebens zu enthüllen für die Andern, aber die Leute hatten dringendere Angelegenheiten als dies Geheimnis und wussten nichts mit ihm anzufangen, als ihn zu töten. Er war die Sonne unter den Gestirnen, aber die Menschen zogen das trübe, unterirdische Licht ihrer Öllampen der Sonne vor, und als sie der blendenden Tageshelle nicht mehr ausweichen konnten, unternahmen sie es im Ärger, die Sonne durch wüsten Rauch und Qualm zu verfinstern, und am Abend des Karfreitags schien es, als ob |395 es ihnen gelungen sei. Den Ruf zum Leben haben sie mit dem Rufe: Kreuzige ihn! [Mk. 15,13 par.] beantwortet. Ein dunkler Tag, weil er wie kein zweiter offenbart, welch ein unheimlicher, tiefer Riss uns Menschen – wahrlich nicht nur jene Juden und Römer – trennt von dem, was wir sein sollten. Es ist an diesem Tage Todesurteil ausgesprochen und Todesgericht geübt worden, nicht an dem merkwürdigen Mann aus Galiläa, dessen Erdenwalten dort sein allzu frühes Ende fand, sondern an denen, die urteilten und richteten, und an denen, die in ihrer Gemeinschaft seit den Tagen Adams das Licht gescheut und darum gehasst haben und noch hassen, weil die Finsternis bequemer ist als das Licht. Denn indem ihr Sinnen und Trachten nach dem Tode des Lichtes geht, sitzt der Tod in ihrem innern Leben, der Tod, von dem es heißt, dass er der Sünde Sold ist [Röm. 6,23].

Aber was rede ich von ihrem innern Leben, als ob wir’s am Karfreitag eben doch vorzugsweise mit der Sünde und dem innern Tod derer von Jerusalem zu tun hätten, die Jesum damals ans Kreuz brachten? In Wirklichkeit war ihr Denken und Tun das unsrige, und es liegt das Dunkel jenes Tages nicht nur über ihnen, sondern über der Menschheit, nicht über der Menschheit im Allgemeinen, sondern über uns Allen. Oder wollen wir uns schaudernd abwenden von jenem Bilde der Marter und des Schmerzes in der Überzeugung, dass so Schreckliches wohl in längst vergangenen Zeiten möglich und wirklich gewesen sein mag, aber nicht inmitten unsres auch dem schwersten Verbrecher gegenüber so viel humaner und feinfühliger gewordenen Geschlechtes? Ach, was jenen Tag zu einem dunkeln macht vor andern Tagen, das waren ja nicht die Dinge, die uns schaudern machen auf den ersten Blick, nicht das hastige, unförmliche Gerichtsverfahren des hohen Rates, das mit einem Justizmord endigt, nicht die falsche, unwürdige Nachgiebigkeit des Statthalters Pilatus, nicht die Rohheit seiner Kriegsknechte und auch nicht die furchtbare Strafe des Kreuzestodes mit ihrer stundenlangen, durch nichts gemilderten Pein. Es hat Menschen gegeben, die sind mit noch weniger Förmlichkeit verurteilt und unter noch schrecklicheren Umständen vom Leben zum Tode gebracht worden als dort Jesus, ihr Schicksal ergreift und empört uns, aber es vermag doch nicht das erschütternde Bewusstsein der Mitschuld und Mitstrafwürdigkeit in uns auszulösen, das ernsthafte und tiefgehende Menschen bei der Erinnerung an das Ereignis des |396 Karfreitags ergreifen muss. Denn das ist das Ereignis des Karfreitags, dass wir Menschen den lebendigen Gott von uns weisen um des toten Gottes willen, der uns besser befriedigt, dass wir die Boten des Lebens verfolgen und töten, um ungestört Hohepriester und Schriftgelehrte des Todes, Statthalter, Kriegsknechte und Volk des Todes bleiben zu können. Dies Ereignis gehört nicht der Vergangenheit an, weil es ein Ereignis zu aller Zeit ist.

Denn wenn die Wahrheit in unserm innern Leben aufleuchtet, wenn uns unmissverständlich deutlich wird das Gesetz der Freiheit [vgl. Jak. 1,25]: Wachet und betet! [Mk. 14,38 par.] Arbeitet und glaubet!, dann ziehen wir es vor, das Deutliche undeutlich zu machen, zu bleiben, wie wir sind; dann ziehen wir es vor, angesichts der drohenden Gefahr einzuschlafen zwei Mal und drei Mal, wie dort die Jünger in Gethsemane [vgl. Mk. 14,40f. par.]. Wenn wir merken, dass der Weg der Freiheit der Weg des Ernstes und der Entsagung ist und nicht der Weg des Glücks oder dessen, was die Menschen so heißen, dann gehen wir hin, lassen den Ernst und die Freiheit und greifen mit beiden Händen nach dem Glück oder nach seinem Schattenbild,1 dann gehen wir hin und verraten unser besseres Selbst um 30 Silberlinge, wie Judas seinen Herrn verraten hat [vgl. Mt. 26,15]. Wenn das Gute nun trotz Allem in reiner, unüberwindlicher Majestät vor unserm innern Auge steht, hoheitsvoll und warnend, dann tun wir auch wohl wie Kaiaphas und die Seinigen, machen den Ankläger in unserm Innern zum Angeklagten, verhören mit scheinheiligem Wesen und bösem Gewissen falsche Zeugen und meinen schließlich, die unerbittliche Wahrheit vom Leben zum Tode bringen zu können, indem wir sie der Lästerung, der Feindschaft gegen das Leben bezichtigen, das wir in Wirklichkeit eben damit von uns stoßen. Und indem wir es von uns gewiesen haben, durch die Wahrheit frei und lebendig und Persönlichkeit zu werden, sinken wir herunter zu der platten, sinnlosen Gewöhnlichkeit des Durchschnittsmenschen, des Haufens, der in blinder Wut danach verlangt, das, was über ihm steht, zu Kreuze gebracht, verschwinden zu sehen, auf dass hinfort Alles gewöhnlich und Durchschnitt sei wie wir selbst. Dann mag uns wohl auf Augen|397blicke Bedenken und Heimweh ergreifen nach dem Großen und Herrlichen, das wir preisgegeben haben und alle Tage preisgeben, aber wir erfahren, was Pilatus erfahren hat, den eine schlimme Vergangenheit damals zwang, den Juden zu Willen zu sein;2 wir erfahren, dass das Böse fortzeugend Böses muss gebären,3 dass Schuld auf uns liegt, die schwere innere Folge alter Sünde, die uns unfrei macht zum Guten, die uns wie ein schweres Gewicht immer tiefer hinunterzieht in den Schlamm der großen, nichtswürdigen Sinnlosigkeit. Und was nun folgt, ist nur der Schlussstein der ganzen, innerlich notwendigen Entwicklung: wir kreuzigen Christum, die letzte Spur von Ewigkeitsgehalt geht unserm Leben mit freiem Willen verloren, wir sind’s zufrieden, wir bleiben auch wohl nach wie vor Hohepriester, Schriftgelehrte und Statthalter, angesehene, respektable Leute, die in Kirche und Staat eine große Rolle spielen, aber indem wir nun beruhigt zu leben meinen, ungestört durch die Wahrheit, die größer ist als wir, ist unser Name aus dem goldnen Buch des Lebens gestrichen [vgl. Apk. 3,5]. Wir selbst haben es getan. Nein, Gott helfe uns, dass wir noch nicht so weit sind.

Das sind die dunklen Bilder des Karfreitags, und ich denke, dass wir sie nicht verleugnen noch verhüllen wollen. Die große und ernste Frage aber, die das unschuldige Leiden des Gerechten durch die Ungerechten an uns richtet, und die Antwort, die wir uns darauf geben |398 wollen, fasse ich zusammen in jenen berühmten beiden Strophen des Paul Gerhardt:

Wer hat dich so geschlagen,
Mein Heil, und dich mit Plagen
So übel zugericht’t?
Du bist ja nicht ein Sünder
Wie wir und unsre Kinder;
Von Übeltaten weißt du nicht.

Ich, ich und meine Sünden,
Die sich wie Körnlein finden
Des Sandes an dem Meer,
Die haben dir erreget
Das Elend, das dich schläget
Und deiner Martern ganzes Heer.4

Diese dunklen Bilder sind der Hintergrund, von dem sich die wichtigen, überzeugten und überzeugenden Sätze des Apostels Paulus abheben, die ich unsrer Betrachtung vorangestellt habe: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete, und richtete unter uns auf das Wort von der Versöhnung. Aber wir haben es nicht mit einem toten Gemälde aus Leinwand und Farben zu tun, sondern mit der bewegten Wirklichkeit des Lebens. Denn wie die Sonne, höher und höher steigend, auch die verborgensten Winkel der vormals in nächtliches Düster gehüllten Täler erleuchten muss, so geht von der in jenen Gedanken verborgenen, überwindenden Wahrheit Helligkeit aus nach dem dunklen Hintergrund, und es vereinen sich die Bilder des Karfreitags zu dem Denkmal des Lichts und des Sieges, das die wechselnden Seiten überragt hat und das auch in dein und mein Leben hineinragt, heute und alle Tage, wenn es uns nur gegeben ist, die Augen zu öffnen, um es zu sehen.

Gottlob, Paulus ist nicht einer von den rosenroten Optimisten gewesen, die die Welt und sich selber ewig hübsch und gut finden, die die |399 verborgenen Abgründe, die sie doch nicht ganz leugnen können, verkleistern mit schönen Gefühlen und Redensarten, die Friede, Friede! rufen, wo kein Friede ist [Jer. 6,14 u. ö.]. Er hat jenen Riss gesehen zwischen Gott und der Welt, zwischen dem Leben und den Menschen, den Riss, der daher kommt, dass wir Menschen aus freien Stücken den Weg des Todes eingeschlagen haben und noch einschlagen. Aber eben weil er kein Optimist war, sondern die Dinge sah, wie sie sind, war er innerlich vorbereitet, der ganzen Herrlichkeit der Tatsache sich bewusst zu werden, dass Gott die Welt mit sich selber versöhnt hat, dass der Freiheit eine Gasse gebrochen ist wie dort unsern Altvordern auf dem Felde bei Sempach.5

Ihr wisst, wer der Held war, dem Paulus solch große Tat zuschrieb. Aber wenn er in der Person Jesu die Brücke der Versöhnung geschlagen sah, die über jenen Riss führt, wenn er einige Verse vorher sagen kann: Ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur [2.Kor. 5,17], so wollen wir ihn doch ja recht verstehen. Er hat nicht einen Gott neben Gott aufstellen wollen. Im Gegenteil: Gott war in Christus. Aber das ist eine schwerwiegende Behauptung. Dürfen und wollen wir sie Paulus nachsagen? Woher hat er sie, wie ist er dazu gekommen? Aus dem Dogma der Kirche? Aus der Bibel? Aus dem Konfirmandenunterricht? Alle diese Dinge gab es damals noch nicht. Nein, dieser schwerwiegende Satz floss bei ihm aus einem Erlebnis. Es ist ihm aufgegangen, dass Gottes Art und Wesen gerade so und nicht anders beschaffen sein müsse wie die Art und das Wesen Jesu von Nazareth; in diesem Jesus hat er Gott erkannt, nein, Gott erfahren, der ihm zuvor bloß ein hoher Name war. Den Satz: Gott war in Christus, kann man also nachsagen, und er und ähnliche sind allzu oft bloß nachgesagt worden. Das Erlebnis kann man nicht nachsagen, sondern bloß machen. Aber wir können und dürfen es machen, wenn aucha |400 uns die innere Art Jesu deutlich wird. Die Art Jesu zeigt sich vor Allem in der einheitlichen Geschlossenheit seines Charakterbildes, wie es uns in den Evangelien gezeichnet ist. Sein ganzes Denken und Tun ist nur durch eines bestimmt, nämlich durch den Gehorsam gegen den innern Ruf, der ihn leben und sterben heißt, nicht wie erb will, sondern wie es seinc soll. Wir stellen unsre Art daneben, unsre Halbheiten und Zerfahrenheiten und Oberflächlichkeiten, und müssen uns ohne Weiteres sagen: so wie das Leben Jesu würde das innere Leben aussehen, wie es sein sollte.6 So ist Gott. Und wenn ein Mensch so gewesen ist, so war Gott in ihm. Andrerseits wird uns Jesu Art darin deutlich, dass jener innere Ruf, dem er ganz gehorcht hat, der Ruf zur Liebe war, der Liebe zu den Andern, die nicht das Ihre sucht [vgl. 1.Kor. 10,24]. Wir erkennen wohl, dass wir nur auf dem Weg der Liebe werden, was wir werden sollen, aber wie halb und eingeschränkt und selbstsüchtig ist das, was wir so nennen und praktizieren. Bei Jesus war das anders. Und wenn Gott die Liebe ist [vgl. 1.Joh 4,8.16], werden wir sagen müssen: Gott war in Christus. –

Aber wenn es uns so deutlich werden kann, dass in Christus Gott selbst unter die Menschen getreten ist, d-fordernd, bittend, einladend-d zu einem Leben der Einheit und der Liebe, dann bleibt uns doch das Andre immer noch unverständlich, dass nämlich in diesem Christus die Welt mit Gott versöhnt, dass in ihm der Riss geschlossen sein soll. Denn wir wissen aus der Karfreitagsgeschichte und aus der Geschichte unsres eigenen innern Menschen, dass die überlegene Einheit des persönlichen Lebens Jesu und das siegreiche Leuchten seiner Liebe unsrer natürlichen Art im Grunde sehr unsympathische Dinge |401 sind. So könnte es wohl den Anschein haben, als sei durch das Ereignis des Karfreitags jener peinliche Riss zwischen Gott und Menschen erst recht unheilbar geworden, indem da der Majestät göttlichen Ernstes und göttlicher Liebe, die sich in Christus kundgetan wie nirgends sonst, die Erbärmlichkeit menschlichen Wesens sich entgegengestellt habe wie ebenfalls nirgends sonst. Diesen verzweifelten Schluss mögen wohl die zersprengten Jünger Jesu am Abend des Karfreitags aus den dunkeln Bildern, die sie schaudernd mitangesehen und schuldbewusst miterlebt hatten, gezogen haben. Es ist nicht lange gegangen, so haben sie diese Bilder anders ansehen lernen. In dem, was in den Ostertagen in und mit ihnen vorgegangen ist, ward ihnen die Klarheit, dass ihnen das Eigentlichste, Intimste, Wichtigste an der persönlichen Art Jesu bis dahin noch verborgen geblieben war. Sie hatten zuvor wohl die innere Größe seiner Einheit und seiner Liebe gesehen, sie hatten in ihm den größten Propheten bewundert, mächtig von Taten und Worten [vgl. Lk. 24,19]. Aber wie nun der Prophet den Ungerechten erlag, da erschien er ihnen wieder fremd und zweifelhaft, seine Sendung hoffnungslos misslungen, die Versöhnung der Menschen unmöglicher als je, weil ihnen schon zu seinen Lebzeiten sein eigentlichstes Wesen fremd, seine Sendung und die Versöhnung, von der er sprach, heimlich unverständlich gewesen waren. Nun gingen ihnen die Augen auf, nun ward es ihnen verständlich, dass Christus sterben musste, damit die Versöhnung in ihm offenbart werde. Nun hatten sie ihn ganz verstanden. Und so wollen wir auch versuchen, ihn ganz zu verstehen.

Jesus ist freiwillig in den Tod gegangen, weil er diesen Gang für die Vollendung und Erfüllung seines Berufes hielt. Sein Beruf war es, Gott zu gehorchen und den Menschen zu dienen. Das konnten die Jünger zur Not verstehen, weil sie es für die Vorbereitung des großen Glückes hielten, das seiner und ihrer in dem baldigst aufzurichtenden Welt-Reich des Messias warte. Aber wie sie es nicht verstanden oder nur halb, als er ihnen sagte, der Größte im Himmelreich sei der, der Aller Diener sei [Mk. 10,43 par.], als er sie aufforderte, sich selbst und ihr Glück zu verleugnen [Mk. 8,34 par.], so verstanden sie es noch weniger, wenn er von sich selbst sagte, dass er leiden und verworfen werden müsse [Mk. 8,31 par.] und sein Leben hingeben zum Lösegeld |402 für Viele [Mk. 10,45 par.]. Aber gerade diesen sonderbaren und unerfreulichen Weg ist nun Christus gegangen.

Einfach weil er es mit seinem Beruf, Gott zu gehorchen und den Menschen zu dienen, ganz ernst nahm. Es hat vor ihm Manchen gegeben bei Juden und Heiden, der von den göttlichen Gesetzen und von der Nächstenliebe schöne und gute Worte geredet hat. Aber es hat Keinen gegeben, der diese Dinge gelebt hat wie er. Denn die Richtung, die ein Menschenleben nimmt, das von den einfachen, jedem Kinde verständlichen Größen des Gehorsams und der Liebe regiert wird, ist die Richtung des Kreuzwegs Jesu. Das will sagen: Wollte Jesus es ernst nehmen mit dem Gehorsam und der Liebe, die wohl auch seinen Jüngern als hohe und ideale Dinge vorkamen, wollte er es ernst nehmen damit, so musste und wollte er sein Leben hingeben, d. h. die Wünsche und Ansprüche auf Glück und Erfolg, die gewiss auch er zu Zeiten an das Leben stellte, vollständig unterordnen dem einen Zwecke seines innern Berufes – vollständig, d. h. er durfte auch dem Tode nicht ausweichen, der ihn in der Ausübung dieses Berufes bedrohte. Wenn Einer stirbt, nicht zufällig, nicht trotz seines Berufs, sondern wegen seines Berufs, dann ist es klar, dass in diesem Beruf e-Glück und Erfolg nicht der Zweck-e sein kann. Er hat seinen Zweck in sich selber, er ist Gehorsam um des Gehorsams, Liebe um der Liebe willen. Diese intimste, eigentlichste Art des persönlichen Lebens Jesu offenbarte sich in seinem Kreuzestod. Gewiss auch in seinem übrigen Leben, in all seinem Reden und Tun. Aber der Inhalt seines Lebens ist zusammengefasst in seinem Tod; was er war, haben wir da handgreiflich, möchte ich sagen.

Diese eigentliche Größe Jesu ist seinen Jüngern aufgegangen in den geheimnisvollen Ereignissen des Ostermorgens. Nicht vorher. Denn vorher hatten sie sich immer noch in Träumen gewiegt von allerlei erfreulichen und nützlichen Folgen des Gehorsams und der Liebe Jesu, von einem Königreich mit zwölf Stühlen [vgl. Mt. 19,28], um deren Besitz sie sich bereits untereinander ereiferten [vgl. Mk. 10,37.41 par.], von Engelheeren und von einer himmlischen Ehrentafel, die Jesu und ihnen in verlockender Nähe winke. Durch all das hat der |403 Karfreitag einen dicken Strich gemacht. Es kam für sie ein Tag der völligen Betäubung, da ihnen der Beruf ihres Meisters verfehlt vorkam, weil es mit Glück und Erfolg sichtlich nichts war. Nun wurde das anders: sie erkannten, dass gerade dar Gekreuzigte der Sieger, der Lebendige sei. Nun verstanden sie das Wesen des Lebens Jesu, das sie bewundernd und doch mit geschlossenen Augen miterlebt hatten. Aber in dieser Erkenntnis wurden sie nun auch erst wirklich seine Jünger, d. h. seine Nachfolger; die dunkeln Worte vom Kreuz, das es gelte auf sich zu nehmen [vgl. Mt. 16,24 par.], wurden ihnen nun wahr und lebendig, und ihr eigenes Leben empfing damit vom Kreuze Jesu den großen und neuen Inhalt.

Das bedeutet aber nichts Andres, als dass sie im Kreuze Jesu Gottes gewahr wurden. Sie hatten wohl auch zuvor schon geahnt, dass Jesu Art Gottes Art sein müsse. Wir hören den Simon Petrus in der begeisterten Stunde von Caesarea Philippi das Bekenntnis tun: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes [Mt. 16,16 par.]. Aber die Ahnung blieb Ahnung, nun wurde sie Gegenwart. Nun trat in ihr inneres Leben leuchtend und siegreich die Erkenntnis und über ihre Lippen freudig und hoffnungsvoll das Bekenntnis: Gott war in Christus; denn nun konnten sie fortfahren, wie Paulus in unserm Textwort fortfährt: Und Gott versöhnte die Welt mit sich selbst. Der Riss zwischen Gott und den Menschen, der am Kreuze Christi deutlich geworden wie nirgends sonst, dieser Riss ist überbrückt, die Gasse der Freiheit ist gebrochen in eben diesem Kreuze Christi. In eben dem Ereignisse, in dem die menschliche Bosheit und damit das innere Elend der menschlichen Art ihren Gipfel erreicht zu haben schien, in eben dem Ereignis triumphiert in Wirklichkeit Gott. Wo der Mensch bekennen muss: Meine Schuld, meine unendliche Schuld!,7 da antwortet Gott: meine Herrlichkeit, meine viel unendlichere Herrlichkeit!

404 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit , die vor Gott gilt. Das will sagen: Die Reinheit und Erhabenheit des innern Lebens Jesu, das das volle Gegenteil der Sünde darstellt, sie mussten sich gerade vollenden und offenbaren in dem äußern Geschick des strafwürdigsten Sünders. Wäre Jesus damals Jerusalem fern geblieben, hätte er im stillen Galiläa als frommer Prophet seine Tage beschlossen oder hätte er gar versucht, ein Königreich aufzurichten mit Ministern und Soldaten, es hätte den Menschen niemals deutlich werden können, auf was es ankomme, um frei und lebendig zu werden. Denn all das Schlimme und Sinnlose und Unfreie unsrer menschlichen Art hätte dann unter der Decke der neuen Religion ruhig weitervegetieren können, Taubenkrämer und Geldwechsler hätten ihren Vorhof erfüllen können so gut wie den der alten [vgl. Mt. 21,12f. par.]. Versöhnung mit Gott, d. h. aber ein wahrhaftiges inneres Leben wäre den Menschen darin nicht geschenkt gewesen. Dass das so ist, sehen wir sonnenklar an dem ratlosen Verhalten der Jünger vor Jesu Tod und bis zum Ostermorgen. Sondern wenn das innere Leben der Menschen Gerechtigkeit werden sollte, die vor Gott gilt, wenn sie von dem alten, halben, unwahrhaftigen Wesen befreit werden sollten zum persönlichen Leben der Freiheit, dann musste es ihnen deutlich werden, wieviel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist, dass der Weg zur Freiheit nur der Weg des ganzen Gehorsams und der ganzen Liebe, d. h. aber der Weg der Selbstverleugnung sein kann. Das wurde f-den Jüngern-f deutlich im Tode Jesu. Alles in ihrem Glaubensleben, was mit dem Gehorsam und der Liebe nichts zu tun hatte, was Träumerei und Spekulation war auf zukünftige Belohnung, was Bewunderung Jesu war, aber nicht Nachfolge Jesu, all das fiel angesichts seines Kreuzes von ihnen ab wie mürber Zunder. Der Sündlose blieb seinem innern Berufe treu, auch wenn ihm seine Treue ein Los bereitete, wie es nur dem schlimmsten Sünder ziemt.

Eben in dieser Treue aber erkennen und erfahren wir Gott. Er war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, d. h. in dieser Treue erkennen und erfahren wir den Anfang und die Vollendung eines innern, persönlichen Lebens, das über die Sinnlosigkeit und Schuldbe|405ladenheit der menschlichen Art, an der auch wir teilnehmen, triumphiert. Darum sagen wir, dass das, was auf Golgatha geschehen ist, für uns geschehen ist. Darum sehen wir in jenem Ereignis die Versöhnungg. Darum reden wir von unsrer Erlösung durch das Blut Christi. Darum erinnern wir uns im Abendmahl dankbar des Sterbens des Anfängers und Vollenders [vgl. Hebr. 12,2] einer neuen Menschheit.

Denn wenn wir in der innern Art Jesu, wie sie uns in seinem Sterben offenbar wird, der Art des lebendigen, wirklichen Gottes uns bewusst werden, dann sind wir neue Menschen, d. h. dann glauben wir, dann ist ein Feuerfunke göttlicher Art in unser Inneres geworfen, der zur Flamme werden muss. Noch haftet uns genug von der Erdenschwere an, die sich am Karfreitag in ihrem ganzen Gewicht kundgetan hat, aber die Erdenschwere ist aufgehoben durch die Kraft aus der Höhe, die uns aufwärts zieht.

Denn das ist die Versöhnung mit Gott, d. h. mit dem wahrhaftigen, wirklichen Leben, dass er uns unsre Übertretungen nicht anrechnet. Wer in der Nachfolge des gekreuzigten Jesus steht, dem soll die Last auch der schlimmsten Vergangenheit abgenommen sein. Das Schuldenbuch soll vernichtet, die Sünde vergeben sein, denn in der Nachfolge und Gemeinschaft Jesu sind unsre Augen nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts gerichtet. Der innere Tod, die Gottverlassenheit, die die schwere Strafe der Sünde ausmachen, sie sind von uns genommen. Denn der Tod ist verschlungen in den Sieg [1.Kor. 15,55], wie der Tod Jesu sich auflöste in Sieg, wie seine scheinbare Gottverlassenheit am Kreuz in Wirklichkeit die größte Gottesnähe war. Dieh Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, i-und durch seine Wunden sind wir heil-i [Jes. 53,5].

Und weil wir im Glauben an den lebendigen Gott, d. h. in der persönlichen Nachfolge des gekreuzigten Jesus frei werden vom Bösen, frei von der Sünde und von der in ihr verborgenen Strafe, frei von der Vergangenheit, eben darum werden wir Zukunftsmenschen, frei zum Guten, das uns nun nicht mehr bloß ein schönes, fernes Ideal ist, |406 sondern gegenwärtige, erlebte Wirklichkeit. Wir spüren es, wie durch das Rätsel des Kreuzes, das doch nichts Anderes ist als ganzer Gehorsam und ganze Liebe, unser Leben einen Inhalt, einen Sinn und Wert bekommt.

Jetzt scheint die Welt dem neuen Sinn
Erst wie ein Vaterland;
Ein neues Leben nimmt man hin
Entzückt aus seiner Hand.8

Was wollen wir nun hiezu sagen? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns Alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht Alles schenken? [Röm. 8,31f.]

So sind wir nun Botschafter an Christi statt – ja Gott selbst mahnt durch uns – so bitten wir an Christi statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!

Liebe Freunde! Ich glaube, die meisten Christen sind Karfreitagschristen. Ich verstehe unter Karfreitagschristen solche, bei denen es innerlich aussieht wie bei den Jüngern Jesu am Karfreitag. Wenn du aufmerksam auf dich selbst bist, zählst du dich vielleicht auch zu den Meisten. Ich gestehe wenigstens offen, dass ich sehr oft dazu gehöre. Wir sind Christen, d. h. wir bewundern den großen Ernst des Gehorsams und der Liebe Jesu, unsre Religion, unser Christentum ist uns etwas wert, denn wir betrachten es als ein wichtiges Mittel, um glücklich und zufrieden zu sein. Aber wir haben bei der Sache den dringenden Wunsch, heimlich oder ausgesprochen, dass sie nur ja nicht zu ernst und zu einseitig genommen werde. Wir wollen uns nur klar machen, dass wir in den Zeiten, wo uns das Christentum eine derartige Harmlosigkeit wird, dass wir, wenn wir überhauptj noch in dieser Stimmung und Anschauung drin sind, Jesus noch nicht recht verstanden haben. Und weil wir Jesus noch nicht verstanden haben, haben wir Gott noch nicht verstanden. Das zeigt sich dann an den |407 Karfreitagen, die uns nicht gefallen, die auch unserm Leben nicht fehlen, an den Tagen, wo es trotz unsres Christentums sich zeigt, dass es mit Glück und Erfolg und Zufriedenheit ein Ende nehmen kann. Wie stehen wir dann zu Gott? Das ist die Frage, und ich brauche nicht erst auszuführen, dass diese Frage die brennende, die entscheidende Frage ist für unser Leben. Denn in den Tagen, wo es darauf ankäme, das große «Dennoch» zu sprechen: dennoch will ich gehorsam sein, dennoch will ich lieben; das «Dennoch bleibe ich stets bei dir» des Psalmisten [Ps. 73,23], in den Tagen und Stunden zeigt es sich, ob wir Gott haben, verstanden, ergriffen, erlebt haben. Bei den Jüngern am Karfreitag hat es sich gezeigt, dass es nochk nicht der Fall war. Und nicht wahr, bei uns zeigt es sich auch oft genug, dass es noch nicht der Fall ist? dass wir noch Karfreitagschristen sind, zwiespältig und unversöhnt? Daher seit 1900 Jahren die Bitte: Lasset euch versöhnen mit Gott! Eine Bitte, kein Gesetz, kein Befehl, kein Dogma. Den lebendigen Gott kann man nicht zwangsweise, nicht künstlich erleben, sondern nur im freien Gehorsam und Vertrauen. Nur das Lebendige vermag den Lebendigen zu ergreifen. Und so ergeht sie heute auch an uns, die Bitte: Lasset euch versöhnen mit Gott! Das Kreuz Christi sagt uns, um was es sich dabei handelt. Es handelt sich darum, Jesus und durch ihn Gott recht zu verstehen.

Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir,
Ist mein nicht wert und meiner Zier.9

Ganzer Gehorsam und ganze Liebe, darum handelt es sich; denn wenn sie ganz sind, so führen sie dich den Weg Jesu, den Weg der Selbstverleugnung. Fang damit an, dass du’s einfach versuchst, einmal Jesus zum Vorbild zu nehmen, ich meine die innere Art Jesu, von der wir gesprochen haben. Versuch’s, die 1000 Dinge deines täglichen Lebens an den 365 Tagen des Jahres zu nehmen, wie er sie genommen hat, geh mit ihm durchs Leben, wie du wohl früher an der Hand eines ältern Bruders durch die Straßen gegangen bist. Die ersten Schritte mögen wohl schwer und unbehilflich sein, aber sieh nur nicht zurück! |408 Denn indem du mit Jesus gehst, lebst du mit ihm; indem du mit ihm, in seiner Art, deine Karfreitage durchzumachen versuchst, erlebst du mit ihm Ostern. Es entsteht dann zwischen dir und ihm ein feines, unsichtbares Gemeinschaftsband, wie es wohl die alten Maler haben darstellen wollen, indem sie von den fünf Wunden des Gekreuzigten feine, dünne, rote Fäden ausgehen ließen nach dem Herzen des vor dem Kreuz knienden Jüngers.10 In diesen Fäden, die sich herüber und hinüber ziehen, ist die Versöhnung. Mit Christus gestorben, mit Christus auferstanden; mit Christus sich selbst verleugnet, mit Christus das Leben gewonnen.

Helft uns nur den Erdgeist binden,
Lernt den Sinn des Todes fassen
Und das Wort des Lebens finden.
Einmal kehrt euch um!11 (Novalis)

Der Sinn des Todes ist das Leben, und darum ist das Wort des Lebens das Kreuz. In diesem Zeichen ist der Erdgeist, der uns Alle bändigt, gebunden.

So danken wir Gott, dass er uns am Karfreitag den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 117: «O Lamm Gottes, unschuldig» von N. Decius (nach dem altkirchlichen «Agnus Dei»), Strophen 1–3 (RG 437 [Strophen 2f. mit anderem Text]; EG 190.1). 🎵
  • Nr. 112: «O Haupt voll Blut und Wunden» von P. Gerhardt, Strophen 1–3 und 8–9 (RG 445,1–3.7–8; EG 85,1.2.4.9.10 [jeweils mit geringen Textabweichungen]). 🎵
Lesungstext:
  • Markus 15,20–39.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. mit Bleistift nachgetragen.↩
b
Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich unterstrichen.↩
c
Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich unterstrichen.↩
d-d
Im Mskr. ursprünglich: «einladend, bittend, fordernd»; nachträglich mit Bleistift korrigiert.↩
e-e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «von Glück und Erfolg nicht die Rede».↩
f-f
Im Mskr. mit Bleistift ergänzt anstelle von: «ihnen».↩
g
Im Mskr. ursprünglich: «Brücke der Versöhnung geschlagen zwischen Gott und uns»; die Streichungen sind nachträglich mit blauem Stift vorgenommen.↩
h
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Unsre».↩
i-i
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
j
Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.↩
k
Im Mskr. ursprünglich: «auch noch»; mit blauem Stift nachträglich korrigiert.↩

Sachfußnoten

1
Zu dieser Anspielung auf Platons «Höhlengleichnis» vgl. oben, S. 155, Anm. 5.↩
2
Vgl. für diese Auffassung etwa G. Warneck, Pontius Pilatus, der Richter Jesu Christ. Ein Gemälde aus der Leidensgeschichte, Gotha 1867 📖, der aus der «politischen Anklage» den Schluss zieht, diese hätte für Pilatus deshalb gefährlich werden können, weil man ihm im Falle einer Lossprechung Jesu dann hätte unterstellen können, er sei weniger kaisertreu als seine jüdischen Untertanen (a.a.O., S. 181), und a.a.O., S. 184, bemerkt: «Dazu kam, daß alte Sünden dem Landpfleger die Hände banden und das böse Gewissen ihn furchtsam machte. Wäre er bisher in seinem Amte gerecht und treu gewesen, so hätte er’s getrost auf die Anklage beim Kaiser können ankommen lassen. Aber es lagen bedenkliche Sachen vor, Erpressungen, Grausamkeiten und dergleichen, die dann leicht hätten zur Sprache gebracht werden können, und um für diese alten Sünden sich Verzeihung, wenigstens Stillschweigen zu erkaufen, muß er sich zu neuen entschließen, mit denen er den Juden einen Gefallen thut.»↩
3
Vgl. Fr. Schiller, Wallenstein. Die Piccolomini, fünfter Aufzug, erster Auftritt 📖:
Das eben ist der Fluch der bösen Tat,
Dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.
↩
4
Strophen 2 und 3 des Liedes «O Welt, sieh hier dein Leben» von P. Gerhardt (GERS 113; RG 441; EG 84). 🎵↩
5
Der Sage nach soll Arnold Winkelried in der Schlacht von Sempach 1386 den Sieg der Schweizer gegen die überlegene Armee des österreichischen Herzogs Leopold III. ermöglicht haben, indem er mit dem Ruf: «Der Freiheit eine Gasse!» auf die Österreicher zustürmte, viele Lanzen auf sich zog und so eine Lücke in die geschlossene Phalanx riss. Vgl. zur weiteren Rezeption Büchmann, S. 184 📖.↩
6
Zur Nähe des hier Ausgeführten zu Gedanken Wilhelm Herrmanns vgl. W. Herrmann, Ethik (Grundriss der Theologischen Wissenschaften, V/2), Tübingen 19094, S. 135 📖: «Sobald uns die sittliche Kraft Jesu, sein messianisches Selbstgefühl und sein Opfer für die ohne seine Treue Verlorenen, also die Erscheinung seines persönlichen Lebens als ein Liebesbeweis des allmächtigen Gottes berührt, werden wir so reich, daß wir uns nun auch anderer annehmen und für die Gemeinschaft leben können.» Vgl. auch oben, S. 376, Anm. 15.↩
7
Vgl. das Schuldbekenntnis «Confiteor […] mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa», das bis zur Liturgiereform des zweiten Vatikanischen Konzils obligatorischer Bestandteil der Hl. Messe war (zur Herkunft vgl. Büchmann, S. 388f. 📖).↩
8
Strophe 3 des Liedes «Ich sag es jedem, dass er lebt» von Fr. von Hardenberg (Novalis) (GERS 135; RG 484). 🎵↩
9
Aus Strophe 6 des Liedes «Mir nach, spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler (Angelus Silesius) (GERS 294; RG 812,5; EG 385,5). 🎵↩
10
Ein Bild, das der Beschreibung Barths ganz entspricht, konnte nicht ermittelt werden. Sehr nahe kommt dem Beschriebenen die Motivik der Stigmatisation des Franziskus von Assisi; die in der Regel fünf Blutfäden auf diesen Bildern bündeln sich allerdings nicht im Herzen, sondern zielen auf die Stellen der Stigmata. Auf weiteren Darstellungen der Blutströme Christi werden diese überwiegend von Engeln oder unter dem Kreuz befindlichen Personen mit (Abendmahls-)Kelchen aufgefangen. Dezidiert evangelische Darstellungen wie z. B. die Bildtafel «Gesetz und Evangelium» von Lucas Cranach d. Ä. (um 1551) oder das Altarbild der der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul von Lucas Cranach d. J. (1555) zeigen nur einen Blutstrahl, der eine (jeweils nicht kniende) Person trifft.↩
11
Aus der 15. Strophe des Gedichts «Lied der Toten» von Fr. von Hardenberg(Novalis, Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, hrsg. von P. Kluckhohn / R. Samuel, Bd. 1: Das dichterische Werk, Stuttgart 19602, S. 361–365; dort S. 364f.). 📖↩