Es sind dunkle und trübe Bilder, die Bilder des Tages, zu dessen Gedächtnis
wir heute versammelt sind. Dunkel von der ersten Stunde, in der Jesus in der
mitternächtlichen Finsternis des Gartens Gethsemane im Gebete vor Gott rang,
bereits verraten von einem der Seinigen und bereits innerlich verlassen auch
von denen, die bei ihm blieben. Dunkel bis zu der verhängnisvollen
Abendstunde, die das Ende brachte, da die Dämmerung über Jerusalem und Golgatha ihre Schleier ausbreitete,
die es doch nicht verhüllen und verleugnen konnten, was geschehen war. Ihr
wisst, was dort geschehen war: Menschen, Menschen, nicht besser und nicht
schlimmer als wir Alle, mühten und ereiferten sich einen ganzen Tag lang,
Einen vom Leben zum Tode zu bringen, weil sie es nicht ertragen konnten,
dass er so 2 ganz anders war als sie. Er war ein
Licht, das schien in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht
begriffen [Joh. 1,5]. Er kam
in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf
[Joh. 1,11]. Er war der Größte von
all denen, denen es gegeben war, das Geheimnis des Lebens zu enthüllen für
die Andern, aber die Leute hatten dringendere Angelegenheiten als dies
Geheimnis und wussten nichts mit ihm anzufangen, als ihn zu töten. Er war
die Sonne unter den Gestirnen, aber die Menschen zogen das trübe,
unterirdische Licht ihrer Öllampen der Sonne vor, und als sie der blendenden
Tageshelle nicht mehr ausweichen konnten, unternahmen sie es im Ärger, die
Sonne durch wüsten Rauch und Qualm zu verfinstern, und am Abend des Karfreitags schien es, als ob |395 es ihnen gelungen sei. Den Ruf zum Leben haben sie
mit dem Rufe: Kreuzige ihn! [Mk. 15,13 par.] beantwortet. Ein dunkler Tag, weil er wie kein
zweiter offenbart, welch ein unheimlicher, tiefer Riss uns Menschen –
wahrlich nicht nur jene Juden und Römer –
trennt von dem, was wir sein sollten. Es ist an diesem Tage Todesurteil
ausgesprochen und Todesgericht
geübt worden, nicht an dem merkwürdigen Mann aus Galiläa, dessen Erdenwalten dort sein allzu frühes
Ende fand, sondern an denen, die urteilten und richteten, und an denen, die
in ihrer Gemeinschaft seit den Tagen Adams das Licht gescheut und darum
gehasst haben und noch hassen, weil die Finsternis bequemer ist als das
Licht. Denn indem ihr Sinnen und Trachten nach dem Tode des Lichtes geht,
sitzt der Tod in ihrem innern Leben,
der Tod, von dem es heißt, dass er der Sünde Sold ist [Röm. 6,23].
Aber was rede ich von ihrem innern Leben, als ob wir’s am
Karfreitag eben doch
vorzugsweise mit der Sünde und dem
innern Tod derer von Jerusalem zu tun hätten, die Jesum damals ans Kreuz brachten? In
Wirklichkeit war ihr Denken und Tun das unsrige, und es liegt
das Dunkel jenes Tages nicht nur über ihnen, sondern über der Menschheit,
nicht über der Menschheit im Allgemeinen, sondern über uns Allen. Oder
wollen wir uns schaudernd abwenden 3 von jenem
Bilde der Marter und des Schmerzes in der Überzeugung, dass so Schreckliches
wohl in längst vergangenen Zeiten möglich und wirklich gewesen sein mag,
aber nicht inmitten unsres auch dem schwersten Verbrecher gegenüber so viel
humaner und feinfühliger gewordenen Geschlechtes? Ach, was jenen Tag zu
einem dunkeln macht vor andern Tagen, das waren ja nicht die
Dinge, die uns schaudern machen auf den ersten Blick, nicht das hastige,
unförmliche Gerichtsverfahren
des hohen Rates, das mit einem Justizmord endigt, nicht die falsche,
unwürdige Nachgiebigkeit des Statthalters Pilatus, nicht die Rohheit seiner
Kriegsknechte und auch nicht die furchtbare Strafe des Kreuzestodes mit
ihrer stundenlangen, durch nichts gemilderten Pein. Es hat Menschen gegeben,
die sind mit noch weniger Förmlichkeit verurteilt und unter noch
schrecklicheren Umständen vom Leben zum Tode gebracht worden als dort Jesus,
ihr Schicksal ergreift und empört uns, aber es vermag doch nicht das
erschütternde Bewusstsein der
Mitschuld und Mitstrafwürdigkeit in
uns auszulösen, das ernsthafte und tiefgehende Menschen bei der Erinnerung
an das Ereignis des |396 Karfreitags ergreifen muss. Denn
das ist das Ereignis des Karfreitags, dass wir Menschen den lebendigen Gott von uns weisen um des
toten Gottes willen, der uns besser befriedigt, dass wir die Boten des
Lebens verfolgen und töten, um ungestört Hohepriester und Schriftgelehrte
des Todes, Statthalter, Kriegsknechte und Volk des Todes bleiben zu können.
Dies Ereignis gehört nicht der Vergangenheit an, weil es ein Ereignis zu
aller Zeit ist.
Denn wenn die Wahrheit in unserm innern Leben aufleuchtet, wenn uns
unmissverständlich deutlich wird das Gesetz der Freiheit [vgl. Jak. 1,25]: Wachet und betet! [Mk. 14,38 par.] Arbeitet
und glaubet!, dann ziehen wir es vor, das Deutliche undeutlich zu machen, zu
bleiben, wie wir sind; dann ziehen wir es vor, angesichts der drohenden
Gefahr einzuschlafen zwei Mal und drei Mal, wie dort die Jünger in Gethsemane [vgl. Mk. 14,40f. par.]. Wenn wir
merken, dass der Weg der Freiheit der Weg des Ernstes und der Entsagung ist
und nicht der Weg des Glücks oder dessen, was die Menschen so heißen, dann
4 gehen wir hin, lassen den Ernst und die
Freiheit und greifen mit beiden Händen nach dem Glück oder nach seinem
Schattenbild,1 dann gehen wir hin und verraten unser besseres
Selbst um 30 Silberlinge, wie Judas seinen Herrn verraten hat [vgl. Mt. 26,15]. Wenn das Gute nun
trotz Allem in reiner, unüberwindlicher Majestät vor unserm innern Auge
steht, hoheitsvoll und warnend, dann tun wir auch wohl wie Kaiaphas und die Seinigen, machen
den Ankläger in unserm Innern zum Angeklagten, verhören mit scheinheiligem
Wesen und bösem Gewissen falsche Zeugen und meinen schließlich, die
unerbittliche Wahrheit vom Leben zum Tode bringen zu können, indem wir sie der
Lästerung, der Feindschaft gegen das Leben bezichtigen, das wir in
Wirklichkeit eben damit von uns stoßen. Und indem wir es von uns gewiesen
haben, durch die Wahrheit frei und lebendig und Persönlichkeit zu werden,
sinken wir herunter zu der platten, sinnlosen Gewöhnlichkeit des Durchschnittsmenschen, des Haufens, der in blinder Wut danach
verlangt, das, was über ihm steht, zu Kreuze gebracht, verschwinden zu
sehen, auf dass hinfort Alles gewöhnlich und Durchschnitt sei wie wir
selbst. Dann mag uns wohl auf Augen|397blicke Bedenken
und Heimweh ergreifen nach dem Großen und Herrlichen, das wir preisgegeben
haben und alle Tage preisgeben, aber wir erfahren, was
Pilatus erfahren hat, den eine schlimme
Vergangenheit damals zwang, den Juden zu Willen zu sein;2 wir erfahren, dass das Böse fortzeugend Böses
muss gebären,3
dass Schuld auf
uns liegt, die schwere innere Folge alter Sünde, die uns unfrei macht zum
Guten,
die uns wie ein schweres Gewicht immer tiefer hinunterzieht in den Schlamm
der großen, nichtswürdigen Sinnlosigkeit. Und was nun folgt, ist nur der
Schlussstein der ganzen, innerlich notwendigen Entwicklung: wir kreuzigen
Christum, die letzte
Spur von Ewigkeitsgehalt geht unserm Leben mit freiem Willen verloren, wir
sind’s zufrieden, wir bleiben auch wohl nach wie vor Hohepriester,
Schriftgelehrte und Statthalter, angesehene, respektable Leute, die in
Kirche und Staat eine große Rolle spielen, aber indem wir nun beruhigt 5 zu leben meinen, ungestört durch die Wahrheit,
die größer ist als wir, ist unser Name aus dem goldnen Buch des Lebens gestrichen [vgl.
Apk. 3,5]. Wir selbst haben
es getan. Nein, Gott helfe uns, dass wir noch nicht so weit sind.
Das sind die dunklen Bilder des Karfreitags, und ich denke, dass wir sie nicht verleugnen noch
verhüllen wollen. Die große und ernste Frage aber, die das unschuldige Leiden
des Gerechten durch die Ungerechten an uns richtet, und die Antwort, die wir
uns darauf geben |398 wollen, fasse ich zusammen in jenen
berühmten beiden Strophen des Paul Gerhardt:
Wer hat dich so geschlagen,
Mein Heil, und dich mit Plagen
So übel zugericht’t?
Du bist ja nicht ein Sünder
Wie wir und unsre Kinder;
Von Übeltaten weißt du nicht.
Ich, ich und meine Sünden,
Die sich wie Körnlein finden
Des Sandes an dem Meer,
Die haben dir erreget
Das Elend, das dich schläget
Und deiner Martern ganzes Heer.
4
Diese dunklen Bilder sind der Hintergrund, von dem sich die
wichtigen, überzeugten und überzeugenden Sätze des Apostels Paulus abheben, die ich unsrer
Betrachtung vorangestellt habe: Gott war in Christus und versöhnte
die Welt mit sich selber, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht
anrechnete, und richtete unter uns auf das Wort von der
Versöhnung. Aber wir haben es nicht mit einem toten Gemälde aus
Leinwand und Farben zu tun, sondern mit der bewegten Wirklichkeit des
Lebens. Denn wie die Sonne, höher und höher steigend, auch die verborgensten
Winkel der vormals in nächtliches Düster gehüllten Täler erleuchten muss, so
geht von der in jenen Gedanken verborgenen, überwindenden Wahrheit
Helligkeit aus nach dem dunklen Hintergrund, und es 6 vereinen sich die Bilder des Karfreitags zu dem Denkmal des Lichts und des
Sieges, das die wechselnden Seiten überragt hat und das auch in dein und
mein Leben hineinragt, heute und alle Tage, wenn es uns nur gegeben ist, die
Augen zu öffnen, um es zu sehen.
Gottlob, Paulus ist nicht einer von den rosenroten Optimisten gewesen, die
die Welt und sich selber ewig hübsch und gut finden, die die |399 verborgenen Abgründe, die sie doch nicht ganz leugnen können, verkleistern
mit schönen Gefühlen und Redensarten, die Friede, Friede! rufen, wo kein Friede ist [Jer. 6,14 u. ö.]. Er hat jenen
Riss gesehen zwischen Gott
und der Welt, zwischen dem Leben und den Menschen, den Riss, der daher
kommt, dass wir Menschen aus freien Stücken den Weg des Todes eingeschlagen
haben und noch einschlagen. Aber eben weil er kein Optimist war, sondern die
Dinge sah, wie sie sind, war er innerlich vorbereitet, der ganzen
Herrlichkeit der Tatsache sich bewusst zu werden, dass Gott die Welt mit
sich selber versöhnt hat, dass
der Freiheit eine Gasse gebrochen ist wie dort unsern Altvordern auf dem
Felde bei Sempach.5
Ihr wisst, wer der Held war, dem Paulus solch große Tat zuschrieb. Aber wenn er in
der Person Jesu die Brücke der Versöhnung geschlagen sah, die über jenen
Riss führt, wenn er einige Verse vorher sagen kann: Ist jemand in Christo,
so ist er eine neue Kreatur [2.Kor. 5,17], so wollen wir ihn doch ja recht
verstehen. Er hat nicht einen Gott neben Gott aufstellen wollen. Im
Gegenteil: Gott war in Christus.
Aber das ist eine schwerwiegende Behauptung. Dürfen und wollen wir sie
Paulus nachsagen? Woher hat er sie, wie ist er dazu gekommen? Aus dem Dogma der Kirche? Aus der Bibel? Aus dem Konfirmandenunterricht? Alle diese Dinge gab es damals noch nicht.
Nein, dieser schwerwiegende Satz floss bei ihm aus einem Erlebnis. Es ist
ihm aufgegangen, dass Gottes Art und Wesen gerade so und nicht anders
beschaffen sein müsse wie die Art und das Wesen Jesu von Nazareth; in diesem
Jesus hat er Gott erkannt, nein, Gott erfahren, der ihm zuvor bloß ein hoher
Name war. Den Satz: Gott war in Christus, kann man 7 also nachsagen, und er und ähnliche sind allzu oft bloß nachgesagt
worden. Das Erlebnis kann man nicht nachsagen, sondern bloß machen. Aber wir
können und dürfen es machen, wenn aucha
|400 uns die innere Art Jesu deutlich wird. Die Art Jesu
zeigt sich vor Allem in der einheitlichen Geschlossenheit seines Charakterbildes,
wie es uns in den Evangelien gezeichnet ist. Sein ganzes Denken und Tun ist
nur durch eines bestimmt, nämlich durch den Gehorsam gegen den innern Ruf, der
ihn leben und sterben heißt, nicht wie erb
will, sondern wie es seinc
soll. Wir stellen unsre Art daneben, unsre Halbheiten und
Zerfahrenheiten und Oberflächlichkeiten, und müssen uns ohne Weiteres sagen:
so wie das Leben Jesu würde das innere Leben aussehen, wie es sein sollte.6
So ist Gott. Und wenn ein Mensch so gewesen ist,
so war Gott in ihm. Andrerseits wird uns Jesu Art darin deutlich, dass jener
innere Ruf, dem er ganz gehorcht hat, der Ruf zur Liebe war,
der Liebe zu den Andern, die
nicht das Ihre sucht [vgl. 1.Kor. 10,24]. Wir erkennen wohl, dass wir nur auf
dem Weg der Liebe werden, was wir werden sollen, aber wie halb und
eingeschränkt und selbstsüchtig ist das, was wir so nennen und praktizieren.
Bei Jesus war das anders. Und wenn Gott die Liebe ist [vgl. 1.Joh 4,8.16], werden wir sagen müssen: Gott war in
Christus. –
Aber wenn es uns so deutlich werden kann, dass in Christus Gott selbst unter
die Menschen getreten ist, d-fordernd, bittend, einladend-d
zu einem Leben der Einheit und der Liebe, dann bleibt uns doch das
Andre immer noch unverständlich, dass nämlich in diesem Christus die Welt
mit Gott versöhnt, dass in ihm
der Riss geschlossen sein soll. Denn wir wissen aus der Karfreitagsgeschichte und aus der Geschichte
unsres eigenen innern Menschen, dass die überlegene Einheit des persönlichen
Lebens Jesu und das siegreiche Leuchten seiner Liebe unsrer natürlichen Art
im Grunde sehr unsympathische Dinge |401 sind. So könnte
es wohl den Anschein haben, als sei durch das Ereignis des Karfreitags jener
peinliche Riss zwischen Gott und Menschen erst recht unheilbar geworden,
indem da der Majestät göttlichen Ernstes und göttlicher Liebe, die sich in Christus kundgetan wie nirgends sonst, die
Erbärmlichkeit menschlichen 8
Wesens sich
entgegengestellt habe wie ebenfalls nirgends sonst. Diesen verzweifelten
Schluss mögen wohl die zersprengten Jünger Jesu am Abend des Karfreitags aus den dunkeln Bildern, die sie schaudernd
mitangesehen und schuldbewusst miterlebt hatten, gezogen haben. Es ist nicht
lange gegangen, so haben sie diese Bilder anders ansehen lernen. In dem, was
in den Ostertagen in und mit ihnen
vorgegangen ist, ward ihnen die Klarheit, dass ihnen das Eigentlichste,
Intimste, Wichtigste an der persönlichen Art Jesu bis dahin noch
verborgen geblieben war. Sie hatten zuvor wohl die innere Größe seiner
Einheit und seiner Liebe gesehen, sie hatten in ihm den größten Propheten
bewundert, mächtig von Taten und Worten [vgl. Lk. 24,19]. Aber wie nun der Prophet den Ungerechten
erlag, da erschien er ihnen wieder fremd und zweifelhaft, seine Sendung
hoffnungslos misslungen, die Versöhnung der Menschen unmöglicher als je, weil ihnen schon zu
seinen Lebzeiten sein eigentlichstes Wesen fremd, seine Sendung und die
Versöhnung, von der er sprach, heimlich unverständlich gewesen waren. Nun
gingen ihnen die Augen auf, nun ward es ihnen verständlich, dass Christus
sterben musste, damit die Versöhnung in ihm offenbart werde. Nun hatten sie
ihn ganz verstanden. Und so wollen wir auch versuchen, ihn ganz zu
verstehen.
Jesus ist freiwillig in den Tod gegangen, weil er diesen Gang für
die Vollendung und Erfüllung seines Berufes hielt. Sein Beruf war es, Gott
zu gehorchen und den Menschen zu dienen. Das konnten die Jünger zur Not verstehen, weil sie es für die
Vorbereitung des großen Glückes hielten, das seiner und ihrer in dem
baldigst aufzurichtenden Welt-Reich des Messias warte. Aber wie sie es
nicht verstanden oder nur halb, als er ihnen sagte, der Größte im
Himmelreich sei der, der Aller Diener sei [Mk. 10,43 par.], als er sie aufforderte, sich selbst
und ihr Glück zu verleugnen [Mk. 8,34 par.], so verstanden sie es noch weniger, wenn er von sich
selbst sagte, dass er leiden und verworfen werden müsse [Mk. 8,31 par.] und sein Leben
hingeben zum Lösegeld
|402 für Viele [Mk. 10,45 par.]. Aber gerade diesen 9 sonderbaren und unerfreulichen Weg ist nun
Christus gegangen.
Einfach weil er es mit seinem Beruf, Gott zu gehorchen und den Menschen zu
dienen, ganz
ernst nahm. Es hat vor ihm Manchen gegeben bei Juden und Heiden, der von den
göttlichen Gesetzen und
von der Nächstenliebe schöne
und gute Worte geredet hat. Aber es hat Keinen gegeben, der diese Dinge
gelebt hat wie er. Denn die Richtung, die ein Menschenleben nimmt, das von
den einfachen, jedem Kinde verständlichen Größen des Gehorsams und der Liebe
regiert wird, ist die Richtung des Kreuzwegs Jesu. Das will sagen: Wollte Jesus
es ernst nehmen mit dem Gehorsam und der Liebe, die wohl auch seinen Jüngern
als hohe und ideale Dinge vorkamen, wollte er es ernst nehmen damit, so
musste und wollte er sein Leben hingeben, d. h. die Wünsche und Ansprüche
auf Glück und Erfolg, die gewiss auch er zu Zeiten an das Leben stellte,
vollständig unterordnen dem einen Zwecke seines innern Berufes –
vollständig, d. h. er durfte auch dem Tode nicht ausweichen, der ihn in der
Ausübung dieses Berufes bedrohte.
Wenn Einer stirbt, nicht zufällig, nicht trotz seines Berufs, sondern wegen
seines Berufs, dann ist es klar, dass in diesem Beruf e-Glück
und Erfolg nicht der Zweck-e
sein kann. Er hat seinen Zweck in sich selber, er ist Gehorsam um des
Gehorsams, Liebe um der Liebe willen. Diese intimste, eigentlichste Art des
persönlichen Lebens Jesu offenbarte sich in
seinem Kreuzestod.
Gewiss auch in seinem übrigen Leben, in all seinem Reden und Tun. Aber der
Inhalt seines Lebens ist zusammengefasst in seinem Tod; was er war, haben
wir da handgreiflich, möchte ich sagen.
Diese eigentliche Größe Jesu ist seinen Jüngern aufgegangen in den
geheimnisvollen Ereignissen des Ostermorgens. Nicht vorher. Denn vorher hatten sie sich immer
noch in Träumen gewiegt von allerlei erfreulichen und nützlichen Folgen des
Gehorsams und
der Liebe Jesu, von
einem Königreich mit zwölf Stühlen [vgl. Mt. 19,28], um deren Besitz sie sich bereits
untereinander ereiferten [vgl. Mk. 10,37.41 par.], von Engelheeren und von einer himmlischen
Ehrentafel, die Jesu und ihnen in verlockender Nähe winke. Durch all das hat
der |403
Karfreitag einen dicken Strich
gemacht. Es kam für sie ein Tag der völligen 10
Betäubung, da ihnen der Beruf ihres Meisters verfehlt vorkam, weil es mit
Glück und Erfolg sichtlich nichts war. Nun wurde das anders: sie erkannten,
dass gerade dar Gekreuzigte der Sieger, der Lebendige sei. Nun verstanden sie
das Wesen des Lebens Jesu, das sie bewundernd und doch mit geschlossenen
Augen miterlebt hatten. Aber in dieser Erkenntnis wurden sie nun auch erst
wirklich seine Jünger, d. h. seine
Nachfolger; die dunkeln Worte vom Kreuz, das es gelte auf sich zu nehmen
[vgl. Mt. 16,24 par.],
wurden ihnen nun wahr und lebendig, und ihr eigenes Leben empfing damit vom
Kreuze Jesu den großen
und neuen Inhalt.
Das bedeutet aber nichts Andres, als dass sie im Kreuze Jesu
Gottes gewahr wurden. Sie hatten wohl auch zuvor schon geahnt, dass Jesu Art
Gottes Art sein müsse. Wir hören den Simon Petrus in der begeisterten Stunde von Caesarea
Philippi das Bekenntnis tun: Du bist
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes [Mt. 16,16 par.]. Aber die Ahnung blieb Ahnung, nun
wurde sie Gegenwart. Nun trat in ihr inneres Leben leuchtend und siegreich
die Erkenntnis und über ihre Lippen freudig und hoffnungsvoll das
Bekenntnis: Gott war in Christus;
denn nun konnten sie fortfahren, wie Paulus in unserm Textwort fortfährt: Und Gott versöhnte
die Welt mit sich selbst. Der Riss zwischen Gott und den
Menschen, der am Kreuze Christi deutlich geworden wie nirgends sonst, dieser
Riss ist überbrückt, die Gasse der Freiheit ist gebrochen in eben diesem
Kreuze Christi. In eben dem Ereignisse, in dem die menschliche Bosheit und damit das innere
Elend der menschlichen Art
ihren Gipfel erreicht zu haben schien, in eben dem Ereignis triumphiert in
Wirklichkeit Gott. Wo der Mensch bekennen muss: Meine Schuld, meine unendliche Schuld!,7 da antwortet Gott: meine Herrlichkeit, meine viel
unendlichere Herrlichkeit!
404 Denn er hat den, der von keiner Sünde
wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die
Gerechtigkeit
, die vor Gott gilt. Das
will sagen: Die Reinheit und Erhabenheit des innern Lebens Jesu, das das
volle Gegenteil der Sünde darstellt, sie 11
mussten sich gerade vollenden und offenbaren in dem äußern Geschick des
strafwürdigsten Sünders. Wäre Jesus damals Jerusalem fern geblieben, hätte er im stillen
Galiläa als frommer
Prophet seine Tage beschlossen oder hätte er gar versucht, ein Königreich
aufzurichten mit Ministern und Soldaten, es hätte den Menschen niemals
deutlich werden können, auf was es ankomme, um frei und lebendig zu werden.
Denn all das Schlimme und Sinnlose und Unfreie unsrer menschlichen Art hätte
dann unter der Decke der neuen Religion ruhig weitervegetieren können,
Taubenkrämer und Geldwechsler hätten ihren Vorhof erfüllen können so gut wie
den der alten [vgl. Mt. 21,12f. par.]. Versöhnung mit Gott, d. h. aber ein wahrhaftiges inneres Leben wäre den Menschen darin
nicht geschenkt gewesen. Dass das so ist, sehen wir sonnenklar an dem
ratlosen Verhalten der Jünger vor Jesu Tod und bis zum Ostermorgen. Sondern wenn das innere Leben der
Menschen Gerechtigkeit werden
sollte, die vor Gott gilt, wenn sie von dem alten, halben, unwahrhaftigen
Wesen befreit werden sollten zum persönlichen Leben der Freiheit, dann musste es ihnen deutlich werden,
wieviel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist, dass der Weg zur
Freiheit nur der Weg des ganzen Gehorsams und der ganzen Liebe, d. h. aber der Weg der Selbstverleugnung sein kann. Das
wurde f-den Jüngern-f
deutlich im Tode Jesu. Alles in ihrem Glaubensleben, was mit dem
Gehorsam und der Liebe nichts zu tun hatte, was Träumerei und Spekulation
war auf zukünftige Belohnung, was Bewunderung Jesu war, aber nicht Nachfolge Jesu, all das fiel
angesichts seines Kreuzes von ihnen ab wie mürber Zunder. Der Sündlose blieb
seinem innern Berufe treu, auch wenn ihm seine Treue ein Los bereitete, wie
es nur dem schlimmsten Sünder ziemt.
Eben in dieser Treue aber erkennen und erfahren wir Gott. Er war in Christus
und versöhnte die Welt mit sich
selber, d. h. in dieser Treue erkennen und erfahren wir den Anfang und die
Vollendung eines innern, persönlichen Lebens, das über die Sinnlosigkeit und
Schuldbe|405ladenheit der menschlichen Art, an der auch
wir teilnehmen, triumphiert. 12 Darum sagen wir,
dass das, was auf Golgatha
geschehen ist, für uns geschehen ist. Darum sehen wir in jenem
Ereignis die Versöhnungg. Darum reden wir von unsrer Erlösung durch das Blut Christi. Darum erinnern wir uns im Abendmahl dankbar des Sterbens des
Anfängers und Vollenders [vgl. Hebr. 12,2] einer neuen Menschheit.
Denn wenn wir in der innern Art Jesu, wie sie uns in seinem Sterben offenbar wird, der
Art des lebendigen, wirklichen Gottes uns bewusst werden, dann
sind wir neue Menschen, d. h. dann glauben
wir, dann ist ein Feuerfunke göttlicher Art in unser Inneres geworfen, der
zur Flamme werden muss. Noch haftet uns genug von der
Erdenschwere an, die sich am Karfreitag in ihrem ganzen Gewicht kundgetan hat, aber die
Erdenschwere ist aufgehoben durch die Kraft aus der Höhe, die uns aufwärts
zieht.
Denn das ist die Versöhnung mit
Gott, d. h. mit dem wahrhaftigen, wirklichen Leben, dass er uns unsre
Übertretungen nicht anrechnet. Wer in der Nachfolge des gekreuzigten Jesus steht, dem
soll die Last auch der schlimmsten Vergangenheit abgenommen sein. Das
Schuldenbuch soll vernichtet, die Sünde vergeben sein, denn in der Nachfolge
und Gemeinschaft Jesu sind unsre Augen nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts
gerichtet. Der innere Tod, die Gottverlassenheit, die die schwere Strafe der Sünde ausmachen, sie sind von uns
genommen. Denn der Tod ist verschlungen in den Sieg [1.Kor. 15,55], wie der Tod Jesu
sich auflöste in Sieg, wie seine scheinbare Gottverlassenheit am Kreuz
in Wirklichkeit die größte Gottesnähe war. Dieh
Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, i-und
durch seine Wunden sind wir heil-i
[Jes. 53,5].
Und weil wir im Glauben an den lebendigen Gott, d. h. in der persönlichen Nachfolge des gekreuzigten Jesus
frei werden vom Bösen,
frei von der Sünde und von der in ihr verborgenen Strafe, frei von der
Vergangenheit, eben darum werden wir Zukunftsmenschen, frei zum Guten, das uns nun nicht
mehr bloß ein schönes, fernes Ideal ist, |406 sondern
gegenwärtige, erlebte Wirklichkeit. Wir 13 spüren
es, wie durch das Rätsel des Kreuzes, das doch nichts Anderes ist als ganzer Gehorsam und
ganze Liebe, unser Leben einen Inhalt, einen Sinn und Wert bekommt.
Jetzt scheint die Welt dem neuen Sinn
Erst wie ein Vaterland;
Ein neues Leben nimmt man hin
Entzückt aus seiner Hand.
8
Was wollen wir nun hiezu sagen? Ist Gott für uns, wer mag
wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont,
sondern hat ihn für uns Alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht
Alles schenken? [Röm. 8,31f.]
So sind wir nun Botschafter an Christi statt –
ja Gott selbst mahnt durch uns – so bitten wir an Christi statt:
Lasset euch versöhnen mit Gott!
Liebe Freunde! Ich glaube, die meisten Christen sind
Karfreitagschristen. Ich verstehe unter Karfreitagschristen solche, bei
denen es innerlich aussieht wie bei den Jüngern Jesu am Karfreitag. Wenn du aufmerksam auf dich selbst bist, zählst du
dich vielleicht auch zu den Meisten. Ich gestehe wenigstens offen, dass ich
sehr oft dazu gehöre. Wir sind Christen, d. h. wir bewundern den großen
Ernst des Gehorsams und der Liebe Jesu, unsre Religion, unser
Christentum ist uns etwas wert, denn wir betrachten es als ein wichtiges
Mittel, um glücklich und zufrieden zu sein. Aber wir haben bei der Sache den
dringenden Wunsch, heimlich oder ausgesprochen, dass sie nur ja nicht zu
ernst und zu einseitig genommen werde. Wir wollen uns nur klar machen, dass
wir in den Zeiten, wo uns das Christentum eine derartige
Harmlosigkeit wird, dass wir, wenn wir überhauptj
noch in dieser Stimmung und Anschauung drin sind, Jesus
noch nicht recht verstanden haben. Und weil wir Jesus noch nicht verstanden
haben, haben wir Gott noch nicht verstanden. Das zeigt sich dann an den |407 Karfreitagen, die uns nicht gefallen, die auch unserm
Leben nicht fehlen, 14 an den Tagen, wo es trotz
unsres Christentums sich zeigt, dass es mit Glück und Erfolg und
Zufriedenheit ein Ende nehmen kann. Wie stehen wir dann zu Gott? Das ist die
Frage, und ich brauche nicht erst auszuführen, dass diese Frage die
brennende, die entscheidende Frage ist für unser Leben. Denn in den Tagen,
wo es darauf ankäme, das große «Dennoch» zu sprechen: dennoch will ich
gehorsam sein, dennoch will ich lieben; das «Dennoch bleibe ich stets bei
dir» des Psalmisten [Ps. 73,23], in den Tagen und Stunden zeigt es sich, ob wir Gott
haben,
verstanden, ergriffen, erlebt haben. Bei den Jüngern am Karfreitag hat es sich gezeigt, dass es nochk
nicht der Fall war. Und nicht wahr, bei uns zeigt es sich auch oft
genug, dass es noch nicht der Fall ist? dass wir noch Karfreitagschristen sind,
zwiespältig und unversöhnt? Daher seit 1900 Jahren die Bitte: Lasset
euch versöhnen mit Gott! Eine Bitte, kein Gesetz, kein Befehl,
kein Dogma. Den lebendigen Gott kann man nicht
zwangsweise, nicht künstlich erleben, sondern nur im freien Gehorsam und
Vertrauen. Nur das Lebendige vermag den Lebendigen zu ergreifen. Und so
ergeht sie heute auch an uns, die Bitte: Lasset euch versöhnen mit
Gott! Das Kreuz Christi sagt uns, um was es sich dabei handelt. Es handelt sich
darum, Jesus und durch ihn Gott recht zu verstehen.
Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir,
Ist mein nicht wert und meiner Zier.
9
Ganzer Gehorsam und ganze Liebe, darum handelt es sich; denn wenn sie ganz sind, so führen
sie dich den Weg Jesu, den Weg der Selbstverleugnung. Fang damit an, dass du’s einfach
versuchst, einmal Jesus zum Vorbild zu nehmen, ich meine die innere Art
Jesu, von der wir gesprochen haben. Versuch’s, die 1000 Dinge deines
täglichen Lebens an den
365 Tagen des Jahres zu nehmen, wie er sie genommen hat, geh mit ihm durchs
Leben, wie du wohl früher an der Hand eines ältern Bruders durch die Straßen
gegangen bist. Die ersten Schritte mögen wohl schwer und unbehilflich sein,
aber sieh nur nicht zurück! |408 Denn indem du mit Jesus
gehst, lebst du mit ihm; indem du mit ihm, 15 in
seiner Art, deine Karfreitage
durchzumachen versuchst, erlebst du mit ihm Ostern. Es entsteht dann zwischen dir und ihm ein feines,
unsichtbares Gemeinschaftsband, wie es wohl die alten Maler haben darstellen
wollen, indem sie von den fünf Wunden des Gekreuzigten feine, dünne, rote
Fäden ausgehen ließen nach dem Herzen des vor dem Kreuz knienden
Jüngers.10 In diesen Fäden, die sich herüber
und hinüber ziehen, ist die Versöhnung. Mit Christus gestorben, mit Christus auferstanden;
mit Christus sich selbst verleugnet, mit Christus das Leben gewonnen.
Helft uns nur den Erdgeist binden,
Lernt den Sinn des Todes fassen
Und das Wort des Lebens finden.
Einmal kehrt euch um!
11 (Novalis)
Der Sinn des Todes ist das Leben, und darum ist das Wort des
Lebens das Kreuz. In diesem Zeichen ist der Erdgeist, der uns Alle bändigt,
gebunden.
So danken wir Gott, dass er uns am Karfreitag den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum.