Predigt: Jakobus 1,22-25
Es könnte fast wie Gedankenlosigkeit und Pietätlosigkeit aussehen, dass wir auch in dieser Nähe der Passionswoche fortfahren mit unsrer Betrachtung des Jakobusbriefs. Wären wir eine evangelisch-lutherische Gemeinde, so würden uns die Ordnung des Gottesdienstes und die vorgeschriebenen Predigttexte schon seit vielen Wochen daran erinnert haben, dass die christliche Kirche der Gedächtnisfeier des Todes ihres Anfängers und Meisters entgegengeht. So kam ich vor einem Jahr in eine Gemeinde,1 in der wird der Gottesdienst an allen diesen Sonntagen und außerdem immer noch einmal mitten in der Woche mit dem dreimaligen Gesang jener gewaltigen alten Strophe begonnen:
Wenn wir an solche regelmäßigen Feierlichkeiten denken, wie
sie dort und noch mehr in der römisch-katholischen Kirche zu dieser Zeit üblich
sind, oder an die hohen Gedanken, die die Betrachtung der Leidensgeschichte Jesu dort jetzt in
den Predigern und Gemeinden wachrufen mögen, dann möchte uns wohl unser
Jakobus vorkommen wie
trockenes Hausbrot am Festtag. Und speziell beim Anhören des heutigen
Textwortes hat vielleicht der eine oder andre ein wenig verdrießlich
gedacht, es würde sich wohl schicken, jetzt ein etwas außerordentlicheres
Problem vorzunehmen als die landläufige Wahrheit, dass es gelte Täter des
Worts zu
sein und nicht Hörer allein. Diese Wahrheit gehöre in die Moral, jetzt aber sei es Zeit, vom Glauben zu reden. Demgegenüber würde
ich geltend machen, dass der rechtverstandene Inhalt gerade unsres
Textwortes in näherer Beziehung zur Passionsbotschaft steht, als es auf den
ersten Blick aussehen mag. Und ich würde weiter sagen, dass die
Lebenswahrheit an der Wurzel erfasst immer Glaubenswahrheit ist, wie
umgekehrt die Glaubenswahrheit sich immer bewähren und betätigen muss als
Lebenswahrheit. Denn wir haben uns schon früher darüber verständigt,
dass die christliche Wahrheit überhaupt nicht ein kunstvolles System von allerlei
Gedanken, Vorschriften, Lehren, Geschichten und Lebensregeln ist, sondern
eine einzige, einfache Beziehung zwischen dem lebendigen Gott und dem aufrichtigen Menschen. Diese einzige, einfache Beziehung liegt in
entfalteter Mannigfaltigkeit vor uns in der heiligen Schrift und in den Jahrtausenden
der christlichen Erfahrung, an der auch wir in schwächerem oder stärkerem
Maße teilnehmen dürfen. Aber es gilt von dieser Mannigfaltigkeit, was
Aber wenn wir uns dieser Hoffnung hingeben, dann müssen wir uns vor Allem klar machen, dass die Aufforderung, Täter des Worts zu werden und nicht Hörer allein, keineswegs eine landläufige Wahrheit ist. Die Wahrheit ist niemals landläufig, und wenn sie landläufig wird, so ist sie nicht mehr die Wahrheit. Wir sehen das gerade an der Aufforderung unsres Textwortes. Man kann sagen, dass sie in der christlichen Gemeinde ihre eigene Geschichte hat, und diese Geschichte ist merkwürdig genug. Wir sehen, wie die Kirchen und die Parteien sie sich zu eigen machen, sie ihren Gegnern vorhalten als die schwerste und wirksamste Waffe und wie dann für eine nach der andern die Zeit kommt, da diese Waffe gegen sie selbst gekehrt wird, da andre kommen und ihnen zurufen: ihr seid Hörer des Worts, aber es gilt, Täter zu sein! und wie dann diese andren denselben Kreislauf vollenden. So kann man weiter sagen, dass der Fortschritt in der Geschichte der christlichen Religion geradezu bezeichnet wird durch die verschiedenen Stufen, in denen die wechselnden Geschlechter diese Aufforderung fruchtbar gemacht haben. Wo man anfing, sie als eine Selbstverständlichkeit anzusehen, da war das immer ein Zeichen dafür, dass sie tatsächlich im Begriff war, sich in ihr Gegenteil zu verkehren, dass an Stelle des wirklichen Tuns, von dem als landläufiger Wahrheit die Rede war, ein vergessliches Hören getreten war und dass ein neues Geschlecht von Neuem damit anfangen musste, Täter zu werden und nicht Hörer allein. So wird man z. B. in der kirchlichen und religiösen Geschichte des 19. Jahrhunderts, aus dem wir Alle her|382kommen, die bekannten Streitigkeiten zwischen Orthodoxen und Liberalen, zwischen Pietisten und Weltchristen von diesem Gesichtspunkt aus billiger und gerechter verstehen, als es gewöhnlich von beiden Seiten der Fall ist. Sie sind in ihrem Kern ein gewaltiges Ringen um die beste Weise, Täter des Wortes zu werden, und Recht und Unrecht, Stärke und Schwäche verteilen sich dabei gleichmäßiger, als manche Eiferer zur Rechten und zur Linken sich wohl einbilden mögen.
Aber was von der Geschichte der christlichen Religion und Kirche gilt, das gilt noch viel mehr vom
persönlichen Leben des
einzelnen Menschen. Sein Fortschritt, sein Stillstand, sein Rückschritt sind
bedingt und bezeichnet durch das Maß, in dem er Täter wird und nicht Hörer
allein. Der Nachdruck liegt auf dem Wörtchen «wird»,
wohlverstanden. Es ist schade, dass
Werden! Aus einem Hörer ein Täter werden, darum handelt es
sich. Das Hören, das gemeint ist, ist das Hören des Wortes, des Evangeliums. Wir haben vor 14 Tagen gesehena, wie solches Hören und solche Empfänglichkeit gelernt sein will in
der Übung der Liebe, die nicht das
Ihre sucht.4 Nun steigen wir
gleichsam eine Stufe höher. Das Hören ist da, es wird als vorhanden
vorausgesetzt, aber das Werden hört damit nicht auf, ja wenn das Hören ein
rechtes war, so ist es gerade der Anfang neuer Vorwärtsbewegung. Denn wenn
das Evangelium die frohe Botschaft ist von der Freundlichkeit, mit der Gott sich
unsrer Schwachheit
annimmt, so ist es ebenso sehr die Botschaft von dem fernen, hohen Ziel, das
wir unermüdlich wandernd anstreben sollen. Das Evangelium hören heißt
eintauchen in den Lebensstrom, der vorwärts rauscht. Wer sich abseits von
diesem Strom ein Hüttchen baut, |383 um der Ruhe zu
pflegen, der hat nicht das Evangelium gehört. Denn das ist das Evangelium,
wenn ein unvergänglicher Keim des Werdens in unser inneres Leben gepflanzt wird. Der
rechte Hörer wird ein Täter, er kann gar nicht anders. Und wenn
unser Textwort von «Hörern des Worts» redet, die nicht Täter
werden, so müssen wir uns dies «Hörer» in Anführungszeichen gesetzt denken.
Es sind solche, die meinen, gehört zu haben; in Wirklichkeit steht es aber
mit ihrer Empfänglichkeit so wie mit der Empfänglichkeit jener verschiedenen
Arten von Ackerboden, von denen Jesus einmal geredet hat
[vgl.
Ich sagte, im Evangelium sei uns
ein Ziel gezeigt, ebenso wie uns darin der Weg zu diesem Ziel aufgetan ist.
Das Ziel und der Weg ist das persönliche Leben Jesu. Wenn wir es
anschauen, wie es gewesen ist und noch ist, so spüren wir, dass Gott in
unverdienter Liebe sich unser
annehmen will. Denn dieses wunderbare, fleckenlose Menschenbild
macht uns den Eindruck, dass wir auch so sein dürfen. Das ist nicht ein
zufälliger, vergänglicher, subjektiver Eindruck, sondern es ist die
gewisseste Gewissheit, die es
auf Erden überhaupt gibt. Und dieser Eindruck ist das herrliche Geschenk,
das uns im Evangelium gegeben ist.5 Aber mit
dem Geschenk ist wieder unauflöslich verbunden die |384
Aufforderung, mit dem «Du darfst» das «Du sollst». Jesus hat gesagt: «Kommet
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
erquicken.» [
Aber man sollte es freilich nicht glauben, welch schöne und christliche
Formen das hörende Nichthören annehmen kann. Ich will zwei von diesen Formen bei
Namen nennen, die gerade in unsrer Zeit ein
verlockendes Wesen treiben. Die eine Form ist das sogenannte «religiöse
Interesse». Man rühmt es unsrer Zeit nach, dass sie wieder
beginne, religiöses Interesse zu zeigen. Es ist richtig: der sogenannte
moderne Mensch zeigt neben
allerlei andern auch ein ziemlich starkes religiöses Interesse. Beweis: der
Zulauf und das Aufsehen, das evangelistische Reiseprediger oder Veranstaltungen wie das
bekannte Zelt7 überall erregen,
die Nachfrage nach religiöser Aufklärung, die gewaltig
anströmende populäre Literatur auf diesem Gebiet, die Beliebtheit religiöser
Diskussionen. Wir haben gerade in den letzten Wochen ein Schauspiel erlebt,
das von diesem religiösen Interesse redet. Prof.
Die andre Form, die das hörende Nichthören annimmt, ist weniger modern, aber gleich sehr verbreitet. Ich meine das Kirchenwesen. Was ich sage, sage ich nicht von den Katholiken und nicht vom finstern Deutschland, sondern von unsren schweizerischen christlichen Gemeinden. Es hat gerade bei uns oft zu sehr den Anschein, als bestehe das Christentum in dem wohlgeordneten Apparat von Kirchenbehörden, Pfarrern, Armenpflegern, stimmfähigen Bürgern und sonntäglichen Predigthörern, und es sei Alles hübsch und gut und befriedigend, wenn dieser Apparat ohne allzu großes Geräusch seinen gewohnten Gang gehe. Man ist eingeschriebenes Mitglied dieser merkwürdigen Körperschaft, man hat nichts Besonderes gegen den lieben Gott einzuwenden, man hält Sitzungen und Festlichkeitend, man hört und hält Reden, die wieder die allgemeine Befriedigung zum Ausdruck bringen, man schreitet das eine Mal oder das andre mit mehr oder weniger christlicher Aufregung zur Wahlurne, und das Ganze heißt eine christliche Kirche. Meine Freunde! Ich weiß, dass |388 man den Inhalt einer Sache nicht nach ihrer Oberfläche beurteilen oder gar verurteilen darf, aber darin werdet ihr mit mir einig sein, dass es für das hörende Nicht-Hören, von dem wir reden, kaum ein praktischeres Kostüm gibt als unser offizielles Kirchenwesen, das mit all seinen Feierlichkeiten und Umständlichkeiten und Redensarten so geeignet ist, allerlei Gegenteile des Christentums unter den schützenden Mantel der Christlichkeit zu nehmen. – |
Es gibt auch andre schöne, interessante und christliche Arten, sich des Christentums zu entledigen, das darin besteht, dass man nicht bleibt, was man ist, sondern etwas wird. Es mag jeder selbst überlegen, wie es mit ihm in dieser Beziehung steht. Aber die Sache, das Prinzip, wie die Gelehrten sagen, bleibt immer dasselbe: der gute Same ist aus[ge]worfen, aber die Disposition ist nicht da, dass er seinen Sinn und Zweck erfülle, und so ist es in Wirklichkeit, als ob er nicht ausgeworfen wäre. Oder noch einmal im Bilde des Jakobus: der Mann geht vom Spiegel weg und vergisst, was er gesehen, als hätte er es nicht gesehen. Der Mensch «hört» das Evangelium, aber es ist ihm dabei keine Aufforderung, keine Aufgabe, kein Vorwärts! in die Seele gedrungen, sondern er begnügt sich, die Sache interessant und feierlich und christlich zu finden und im Übrigen auf sich beruhen zu lassen.
Folge: Er bleibt, wie er ist. Das hat für ihn den großen Vorteil, dass seine
Zufriedenheit nicht gestört wird. Aber es hat den einen
Nachteil, dass er sich damit selbst betrügt, wie
Kehren wir zurück zu dem Kreuzweg, von dem wir ausgegangen sind. Der Kreuzweg ist der wichtige Augenblick, in dem beim Hören des Evangeliums riesengroß vor uns steht, was wir sein sollten. Wir haben gesehen, wohin der eine Weg führt, der von da ausgeht, der Weg des Nicht-Tuns, auf dem die Religion zu einer harmlosen Verschönerungsanlage wird.
390 Wer aber hineinsieht in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei
bleibt, wer nicht ein vergesslicher Hörer wird, sondern ein wirklicher
Täter
, der wird selig sein in seinem Tun. In
dem merkwürdigen Wort vom Gesetze der Freiheit fasst sich der ganze
Inhalt unsres Textes zusammen, in seiner Einfachheit und in seiner
unendlichen Tragweite. Auf den ersten Blick ein unerträglichere
Widerspruch: Gesetz und Freiheit. Wird nicht das Gesetz die Freiheit
unmöglich machen oder umgekehrt die Freiheit das Gesetz? Aber wir ahnen nun
schon, dass es nicht anders sein kann, dass in der Tat das Gesetz der
Freiheit der Weg zu Gott ist. Denn da ist der Same des Evangeliums auf guten Boden gefallen, wo ein
Mensch es nicht mehr kann bewenden lassen bei dem, was er ist, sondern in
der Nachfolge Jesu den Weg der
Selbstverleugnung betritt, der vorwärts führt. Denn das vollkommene Gesetz,
von dem
Und nun will ich euch eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Mann, der
hatte in seinem Innern Gottes Stimme gehört in ihrem ganzen reinen und
vollen Klang, wie vor ihm Keiner. Er hat auch vor der Frage gestanden, ob er
den Klang, den er gehört, brauchen wolle zu einer eindrucksvollen
Verschönerung des Lebens, aber er hat der Versuchung widerstanden, weil er
merkte, dass es dann wäre, als habe er nicht gehört. Er hielt darum nichts auf den «religiös Interessierten»,
sondern sagte ihnen, sie bauten ein Haus auf den Sand [vgl.
Aber im Sterben fanden sie das Leben. Und im Sterben Jesu
fanden sie die Kraft für ihre Unvollkommenheit. Ihn wussten sie neben sich
in der Siegeskraft seines Kreuzes auf jenem ewigen Weg, der von einer
Seligkeit zur andern führt [vgl.
Und nun stellt uns, liebe Freunde, die Passionszeit die Frage, ob wir auch zu der Gemeinde unter dem Kreuz gehören, d. h. ob wir Täter sind und nicht Hörer allein.
Wer mir will nachfolgen, der
nehme sein Kreuz auf sich [
- Nr. 294: «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von
J. Scheffler , Strophen 1–3 und 5–7 (RG 812,1f.4–6; EG 385,1f.4–6 [jeweils ohne Strophe 3 und mit Textabweichungen]). - Nr. 124: «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von
Chr. R. von Zinzendorf , Strophen 1.3.4.