Predigt Nr. 35 · 13. März 1910

Predigt: Jakobus 1,22-25

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Jakobus 1,22–25
Werdet aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget. Denn wenn Einer Hörer des Worts ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Angesicht im Spiegel betrachtet. Er betrachtet sich und geht weg und vergisst sofort, wie er war. Wer aber hineinsieht in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei bleibt, wer nicht ein vergesslicher Hörer wird, sondern ein wirklicher Täter, der wird selig sein in seinem Tun.
Meine Freunde!

Es könnte fast wie Gedankenlosigkeit und Pietätlosigkeit aussehen, dass wir auch in dieser Nähe der Passionswoche fortfahren mit unsrer Betrachtung des Jakobusbriefs. Wären wir eine evangelisch-lutherische Gemeinde, so würden uns die Ordnung des Gottesdienstes und die vorgeschriebenen Predigttexte schon seit vielen Wochen daran erinnert haben, dass die christliche Kirche der Gedächtnisfeier des Todes ihres Anfängers und Meisters entgegengeht. So kam ich vor einem Jahr in eine Gemeinde,1 in der wird der Gottesdienst an allen diesen Sonntagen und außerdem immer noch einmal mitten in der Woche mit dem dreimaligen Gesang jener gewaltigen alten Strophe begonnen:

O Lamm Gottes, unschuldig
Am Kreuzesstamm geschlachtet,
380 Erfunden stets geduldig,
Wiewohl du warst verachtet!
All Sünd’ hast du getragen.
Sonst müssten wir verzagen.
Erbarm dich unser, o Jesu!2

Wenn wir an solche regelmäßigen Feierlichkeiten denken, wie sie dort und noch mehr in der römisch-katholischen Kirche zu dieser Zeit üblich sind, oder an die hohen Gedanken, die die Betrachtung der Leidensgeschichte Jesu dort jetzt in den Predigern und Gemeinden wachrufen mögen, dann möchte uns wohl unser Jakobus vorkommen wie trockenes Hausbrot am Festtag. Und speziell beim Anhören des heutigen Textwortes hat vielleicht der eine oder andre ein wenig verdrießlich gedacht, es würde sich wohl schicken, jetzt ein etwas außerordentlicheres Problem vorzunehmen als die landläufige Wahrheit, dass es gelte Täter des Worts zu sein und nicht Hörer allein. Diese Wahrheit gehöre in die Moral, jetzt aber sei es Zeit, vom Glauben zu reden. Demgegenüber würde ich geltend machen, dass der rechtverstandene Inhalt gerade unsres Textwortes in näherer Beziehung zur Passionsbotschaft steht, als es auf den ersten Blick aussehen mag. Und ich würde weiter sagen, dass die Lebenswahrheit an der Wurzel erfasst immer Glaubenswahrheit ist, wie umgekehrt die Glaubenswahrheit sich immer bewähren und betätigen muss als Lebenswahrheit. Denn wir haben uns schon früher darüber verständigt, dass die christliche Wahrheit überhaupt nicht ein kunstvolles System von allerlei Gedanken, Vorschriften, Lehren, Geschichten und Lebensregeln ist, sondern eine einzige, einfache Beziehung zwischen dem lebendigen Gott und dem aufrichtigen Menschen. Diese einzige, einfache Beziehung liegt in entfalteter Mannigfaltigkeit vor uns in der heiligen Schrift und in den Jahrtausenden der christlichen Erfahrung, an der auch wir in schwächerem oder stärkerem Maße teilnehmen dürfen. Aber es gilt von dieser Mannigfaltigkeit, was Goethe vom Menschenleben sagt, dass sie, wo man sie packt, wieder in die Tiefe der Einfachheit führt, aus der sie |381 entsprungen ist,3 dass wir, wo wir auf ihrer Oberfläche schürfen, auf den Felsgrund stoßen des Einen, was nottut [vgl. Lk. 10,42], wenn wir nur den Spaten ernsthaft ansetzen. Und so sicher dieser Felsgrund in dem persönlichen Leben besteht, wie Jesus es gelebt und wie er es vollendet durch seinen Tod am Kreuz, so sicher dürfen wir der Führung des neutestamentlichen Schriftstellers vertrauen, sein scheinbar abseits liegendes Wort werde uns diesem Grunde einen Schritt näher führen.

Aber wenn wir uns dieser Hoffnung hingeben, dann müssen wir uns vor Allem klar machen, dass die Aufforderung, Täter des Worts zu werden und nicht Hörer allein, keineswegs eine landläufige Wahrheit ist. Die Wahrheit ist niemals landläufig, und wenn sie landläufig wird, so ist sie nicht mehr die Wahrheit. Wir sehen das gerade an der Aufforderung unsres Textwortes. Man kann sagen, dass sie in der christlichen Gemeinde ihre eigene Geschichte hat, und diese Geschichte ist merkwürdig genug. Wir sehen, wie die Kirchen und die Parteien sie sich zu eigen machen, sie ihren Gegnern vorhalten als die schwerste und wirksamste Waffe und wie dann für eine nach der andern die Zeit kommt, da diese Waffe gegen sie selbst gekehrt wird, da andre kommen und ihnen zurufen: ihr seid Hörer des Worts, aber es gilt, Täter zu sein! und wie dann diese andren denselben Kreislauf vollenden. So kann man weiter sagen, dass der Fortschritt in der Geschichte der christlichen Religion geradezu bezeichnet wird durch die verschiedenen Stufen, in denen die wechselnden Geschlechter diese Aufforderung fruchtbar gemacht haben. Wo man anfing, sie als eine Selbstverständlichkeit anzusehen, da war das immer ein Zeichen dafür, dass sie tatsächlich im Begriff war, sich in ihr Gegenteil zu verkehren, dass an Stelle des wirklichen Tuns, von dem als landläufiger Wahrheit die Rede war, ein vergessliches Hören getreten war und dass ein neues Geschlecht von Neuem damit anfangen musste, Täter zu werden und nicht Hörer allein. So wird man z. B. in der kirchlichen und religiösen Geschichte des 19. Jahrhunderts, aus dem wir Alle her|382kommen, die bekannten Streitigkeiten zwischen Orthodoxen und Liberalen, zwischen Pietisten und Weltchristen von diesem Gesichtspunkt aus billiger und gerechter verstehen, als es gewöhnlich von beiden Seiten der Fall ist. Sie sind in ihrem Kern ein gewaltiges Ringen um die beste Weise, Täter des Wortes zu werden, und Recht und Unrecht, Stärke und Schwäche verteilen sich dabei gleichmäßiger, als manche Eiferer zur Rechten und zur Linken sich wohl einbilden mögen.

Aber was von der Geschichte der christlichen Religion und Kirche gilt, das gilt noch viel mehr vom persönlichen Leben des einzelnen Menschen. Sein Fortschritt, sein Stillstand, sein Rückschritt sind bedingt und bezeichnet durch das Maß, in dem er Täter wird und nicht Hörer allein. Der Nachdruck liegt auf dem Wörtchen «wird», wohlverstanden. Es ist schade, dass Luther ungenau übersetzt hat: Seid aber Täter des Worts –, denn es geht dadurch der Ausdruck der notwendigen Vorwärtsbewegung verloren, der in dem «Werdet» des Urtextes liegt und auf den gerade Alles ankommt. Denn das ist das Christentum, nicht dass wir bleiben, was wir sind, sondern dass wir werden, was wir sein sollen. Und so wollen wir einmal versuchen, von diesem «Werden» aus den reichen Inhalt unsres Textwortes zu überblicken.

Werden! Aus einem Hörer ein Täter werden, darum handelt es sich. Das Hören, das gemeint ist, ist das Hören des Wortes, des Evangeliums. Wir haben vor 14 Tagen gesehena, wie solches Hören und solche Empfänglichkeit gelernt sein will in der Übung der Liebe, die nicht das Ihre sucht.4 Nun steigen wir gleichsam eine Stufe höher. Das Hören ist da, es wird als vorhanden vorausgesetzt, aber das Werden hört damit nicht auf, ja wenn das Hören ein rechtes war, so ist es gerade der Anfang neuer Vorwärtsbewegung. Denn wenn das Evangelium die frohe Botschaft ist von der Freundlichkeit, mit der Gott sich unsrer Schwachheit annimmt, so ist es ebenso sehr die Botschaft von dem fernen, hohen Ziel, das wir unermüdlich wandernd anstreben sollen. Das Evangelium hören heißt eintauchen in den Lebensstrom, der vorwärts rauscht. Wer sich abseits von diesem Strom ein Hüttchen baut, |383 um der Ruhe zu pflegen, der hat nicht das Evangelium gehört. Denn das ist das Evangelium, wenn ein unvergänglicher Keim des Werdens in unser inneres Leben gepflanzt wird. Der rechte Hörer wird ein Täter, er kann gar nicht anders. Und wenn unser Textwort von «Hörern des Worts» redet, die nicht Täter werden, so müssen wir uns dies «Hörer» in Anführungszeichen gesetzt denken. Es sind solche, die meinen, gehört zu haben; in Wirklichkeit steht es aber mit ihrer Empfänglichkeit so wie mit der Empfänglichkeit jener verschiedenen Arten von Ackerboden, von denen Jesus einmal geredet hat [vgl. Mk. 4,3–8 par.]. Der gute Same ist wohl auch da hingeworfen, aber da sind die Vögel des Himmels, die ungenügende Tiefe, die Disteln und Dornen; und diese Dinge machen, dass es ist, als wäre der Same nicht geworfen. Es fehlt die rechte Disposition, es fehlt die Empfänglichkeit, es fehlt das Hören. Denn nur da ist das rechte Hören, wo sofort der Keim des Werdens sich bemerkbar macht, des Werdens vom Hören zum Tun. Wir müssen darauf näher eintreten. |

Ich sagte, im Evangelium sei uns ein Ziel gezeigt, ebenso wie uns darin der Weg zu diesem Ziel aufgetan ist. Das Ziel und der Weg ist das persönliche Leben Jesu. Wenn wir es anschauen, wie es gewesen ist und noch ist, so spüren wir, dass Gott in unverdienter Liebe sich unser annehmen will. Denn dieses wunderbare, fleckenlose Menschenbild macht uns den Eindruck, dass wir auch so sein dürfen. Das ist nicht ein zufälliger, vergänglicher, subjektiver Eindruck, sondern es ist die gewisseste Gewissheit, die es auf Erden überhaupt gibt. Und dieser Eindruck ist das herrliche Geschenk, das uns im Evangelium gegeben ist.5 Aber mit dem Geschenk ist wieder unauflöslich verbunden die |384 Aufforderung, mit dem «Du darfst» das «Du sollst». Jesus hat gesagt: «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.» [Mt. 11,28] Aber er hat unmittelbar fortgefahren: «Nehmet auf euch mein Joch!» [Mt. 11,29] Es leidet also keinen Zweifel, dass wir nur dann recht gehört haben, wenn Jesus nicht nur hinter uns steht als der Verheißende und Schenkende, sondern zur selben Zeit vor uns als der Fordernde und Führende. Eben in dieser Doppelgestalt ist das Evangelium der Lebenskeim, von dem ich geredet habe. Jakobus stellt nun den geistigen Vorgang, mit dem wir’s zu tun haben, mit einem treffenden Bild aus dem Alltagsleben dar. Er nennt das Evangelium einen Spiegel. Es zeigt uns in der Person Jesu, die sein Inhalt ist, wie wir sein sollen, gerade umgekehrt nämlich, als wir sind. Es zeigt uns die Einheit, die Feinheit, den Gehorsam, die Liebe, die das persönliche Leben ausmachen, wie es sein sollte. Und wie wir dem umgekehrten Bilde des Spiegels entnehmen, wie wir sind, so erblicken wir uns im Spiegel des Evangeliums in unsrer traurigen kleinen Wirklichkeit, in der Flatterhaftigkeit, der Unreinheit, dem Ungehorsam, der Lieblosigkeit, die tatsäch lich unser inneres Dasein ausmachen. Das ist der Augenblick, auf den es ankommt für die Frage, ob wir aus Hörern Täter werden. Jakobus weiß von solchen, die ihr Angesicht im Spiegel beschauen, dann hinweggehen und den Anblick vergessen. Es ist für sie, als ob erb nicht dagewesen wäre. Ohne Bild: Jakobus kennt Leute, die das Evangelium «hören», denen Gott allsonntäglich, nein alltäglich in Erinnerung ruft, wie sie sein sollten, und die auch wohl daraus entnehmen können, wie sie sind. Aber die Wirkung ist Null, die Sache mit dem Evangelium war ein Spiel, ihr Hören war Schein-Hören. Solche Leute hat es zu allen Zeiten gegeben, vielleicht waren sie sogar zu allen Zeiten die Mehrzahl, und so kann es uns gar nicht wundern, dass sie schon unter den ersten Generationen der Christenheit verbreitet waren. Die Menschen sind eben merkwürdige Geschöpfe. Wenn beim Hören des Evangeliums der Zustand, in dem sie sich befinden, zusammengestellt, konfrontiert wird mit dem, in dem sie sich befinden sollten, so ist das zweifellos eine ernste und harte Sache. Erfreulich sind die Betrachtungen, die sie vor dem Spiegel an|385zustellen genötigt sind, keineswegs. Aber das kommt ihnen zunächst ganz nicht6 zum Bewusstsein. Vielmehr lassen sie sich diese Konfrontierung ruhig gefallen, ohne sich dadurch im Mindesten beunruhigen zu lassen, ja sie empfinden das gewisse Gruseln, das sie dabei ergreift, nur als eine Vermehrung und Erhöhung ihrer Gemütsruhe und Zufriedenheit. Gerade diese Gemütsruhe und Zufriedenheit, die hört und doch nicht hört, ist aber das innere Gegenteil des Christentums, denn ein Christ ist einer, der wird, und nicht einer, der gemütsruhig ist. Sie weist darauf hin, dass es mit den Voraussetzungen des Christentums nicht in Ordnung sein muss, von denen wir das letzte Mal sprachen. |

Aber man sollte es freilich nicht glauben, welch schöne und christliche Formen das hörende Nichthören annehmen kann. Ich will zwei von diesen Formen bei Namen nennen, die gerade in unsrer Zeit ein verlockendes Wesen treiben. Die eine Form ist das sogenannte «religiöse Interesse». Man rühmt es unsrer Zeit nach, dass sie wieder beginne, religiöses Interesse zu zeigen. Es ist richtig: der sogenannte moderne Mensch zeigt neben allerlei andern auch ein ziemlich starkes religiöses Interesse. Beweis: der Zulauf und das Aufsehen, das evangelistische Reiseprediger oder Veranstaltungen wie das bekannte Zelt7 überall erregen, die Nachfrage nach religiöser Aufklärung, die gewaltig anströmende populäre Literatur auf diesem Gebiet, die Beliebtheit religiöser Diskussionen. Wir haben gerade in den letzten Wochen ein Schauspiel erlebt, das von diesem religiösen Interesse redet. Prof. Arthur Drews8 in Karlsruhe hatte ein Buch geschrieben, in dem er nach|386weisen wollte, Jesus habe überhaupt nie gelebt,9 und er hat in Berlin und anderswo Vorträge gleichen Inhalts gehalten.10 Als Antwort darauf veranstalteten eine Anzahl Berliner Pfarrer eine Versammlung, und die Beteiligung war so enorm, wie es selbst in einer Weltstadt ungewöhnlich ist. Der große Zirkus Busch und der Berliner Dom waren nach den Berichten bis auf die letzten Plätze gefüllt, auf der Straße sang die Menge «Ein feste Burg ist unser Gott»11, und ein Pfarrer hätte von einem Stein herunter eine Rede gehalten, wenn ihn nicht die Ordnungsliebe der preußischen Polizei daran verhindert hätte.12 |387 Sollen wir in derartigen Erscheinungen ein besonderes Flügelrauschen göttlichen Geistes hören? Ich gestehe, dass ich nicht den Mut dazu habe. Denn das Reich Gottes kommt nicht mit äußern Gebärden [Lk. 17,20], also auch nicht mit Reisepredigern, christlicher Literatur und Massenversammlungen. Das Evangelium hören und eine Erweckungsrede ist ganz zweierlei. Wohl aber sind das «religiöse Interesse» und seine Gebärden oft genug der Vorwand, sich um die Religion zu drücken, um die christliche Religion nämlich, in der Alles darauf ankommt, dass das Hören nicht eine interessante Annehmlichkeit ist, sondern der fruchtbare Boden, auf dem das Tun wachsen muss. Dann ist es aber überhauptc durchaus nicht Interessantes, sondern nur etwas Ernsthaftes. –

Die andre Form, die das hörende Nichthören annimmt, ist weniger modern, aber gleich sehr verbreitet. Ich meine das Kirchenwesen. Was ich sage, sage ich nicht von den Katholiken und nicht vom finstern Deutschland, sondern von unsren schweizerischen christlichen Gemeinden. Es hat gerade bei uns oft zu sehr den Anschein, als bestehe das Christentum in dem wohlgeordneten Apparat von Kirchenbehörden, Pfarrern, Armenpflegern, stimmfähigen Bürgern und sonntäglichen Predigthörern, und es sei Alles hübsch und gut und befriedigend, wenn dieser Apparat ohne allzu großes Geräusch seinen gewohnten Gang gehe. Man ist eingeschriebenes Mitglied dieser merkwürdigen Körperschaft, man hat nichts Besonderes gegen den lieben Gott einzuwenden, man hält Sitzungen und Festlichkeitend, man hört und hält Reden, die wieder die allgemeine Befriedigung zum Ausdruck bringen, man schreitet das eine Mal oder das andre mit mehr oder weniger christlicher Aufregung zur Wahlurne, und das Ganze heißt eine christliche Kirche. Meine Freunde! Ich weiß, dass |388 man den Inhalt einer Sache nicht nach ihrer Oberfläche beurteilen oder gar verurteilen darf, aber darin werdet ihr mit mir einig sein, dass es für das hörende Nicht-Hören, von dem wir reden, kaum ein praktischeres Kostüm gibt als unser offizielles Kirchenwesen, das mit all seinen Feierlichkeiten und Umständlichkeiten und Redensarten so geeignet ist, allerlei Gegenteile des Christentums unter den schützenden Mantel der Christlichkeit zu nehmen. – |

Es gibt auch andre schöne, interessante und christliche Arten, sich des Christentums zu entledigen, das darin besteht, dass man nicht bleibt, was man ist, sondern etwas wird. Es mag jeder selbst überlegen, wie es mit ihm in dieser Beziehung steht. Aber die Sache, das Prinzip, wie die Gelehrten sagen, bleibt immer dasselbe: der gute Same ist aus[ge]worfen, aber die Disposition ist nicht da, dass er seinen Sinn und Zweck erfülle, und so ist es in Wirklichkeit, als ob er nicht ausgeworfen wäre. Oder noch einmal im Bilde des Jakobus: der Mann geht vom Spiegel weg und vergisst, was er gesehen, als hätte er es nicht gesehen. Der Mensch «hört» das Evangelium, aber es ist ihm dabei keine Aufforderung, keine Aufgabe, kein Vorwärts! in die Seele gedrungen, sondern er begnügt sich, die Sache interessant und feierlich und christlich zu finden und im Übrigen auf sich beruhen zu lassen.

Folge: Er bleibt, wie er ist. Das hat für ihn den großen Vorteil, dass seine Zufriedenheit nicht gestört wird. Aber es hat den einen Nachteil, dass er sich damit selbst betrügt, wie Jakobus das etwas grob, aber richtig bei Namen nennt. Er hat etwas läuten hören von Gott und göttlichen Dingen, und dies Glockengeläute scheint ihm eine gar nicht unangenehme Verschönerung seines befriedigenden Zustandes. In Wirklichkeit ist das, was er gehört, Schall und Rauch gewesen. Ja, es war die Gelegenheit da zu etwas Besserem, aber die Gelegenheit ist eben verpasst. Und da ist es schon im gewöhnlichen Leben eine sonderbare Selbsttäuschung, wenn einer in der Erinnerung an verpasste Gelegenheiten eine besondere Verschönerung seines Daseins finden wollte, obwohl es auch da solche merkwürdigen Käuze gibt. Auf dem Gebiet des innern Lebens befinden wir uns aber Alle mehr oder weniger in dieser Gesellschaft. Wir sind Hörer allein, womit wir uns selbst betrügen, d. h. wir meinen empfangen zu haben und haben doch nichts empfangen. Unser inneres Leben bleibt, wie es war, es kommt nicht zur Sammlung unsres Wesens, unsrer Persönlichkeit, es |389 kommt nicht zur Reinigung, zum Willen, zum Gehorsam und zur Liebe, sondern die Sache bleibt stehen, weil wir zufrieden damit sind. Aber der Stillstand ist auf diesem Gebiet immer nur ein Schein. Wer nicht vorwärts geht, geht zurück. In dem Hören, aus dem kein Tun wird, ist die tiefste Unwahrhaftigkeit verborgen, und die muss früher oder später ihre Früchte tragen. Die Frucht ist die Unfreiheit. Wie denn? Ist’s nicht gerade ein heimlicher Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang, der uns heißt, uns der Forderung des Evangeliums gegenüber zur Ruhe zu setzen und uns mit seiner Verheißung und Tröstung genug sein zu lassen? In der Tat: Der Weg des Hörens und Nicht-Tuns scheint auf den ersten Blick immer der Weg der Freiheit. Aber er scheint es nur; denn die Freiheit, die da gemeint ist, ist die Freiheit des Egoismus. Egoismus aber ist nichts Andres als Steckenbleiben in der eigenen kleinen Natur und ihren Wünschen; Egoismus heißt, die Zügel des Lebens fahren lassen, heißt abhängig, Sklave werden von sich selber, nicht von seinem bessern Ich, sondern vom schlechtern. Wenn man die Erlaubnis zu solchem Tun Freiheit nennen will, so kann man es; in Wirklichkeit handelt es sich dabei um die größtmögliche Unfreiheit, die es gibt. Und zweifellos wird das Elend, in das der Mensch tatsächlich durch solche Unfreiheit versetzt wird, noch verschärft durch die angebliche Verschönerung seines Lebens, die er durch allerlei interessante und feierliche Religiosität zu haben meint. Denn wenn einer sich z. B. für einen Musikkenner hält, merkt aber den Unterschied des Wertes nicht zwischen einer Symphonie von Beethoven und einem Gassenhauer13, so mag das für sein inneres Dasein verhältnismäßig gleichgiltig sein. Wenn sich aber einer für einen Christen hält und merkt nicht, dass es dabei darauf ankommt, von Tag zu Tag eine neue Kreatur zu werden [vgl. 2.Kor. 5,17], so steht die Sache viel ernster. Beide betrügen sich selber, aber der Letztere betrügt sich um sein Leben.

Kehren wir zurück zu dem Kreuzweg, von dem wir ausgegangen sind. Der Kreuzweg ist der wichtige Augenblick, in dem beim Hören des Evangeliums riesengroß vor uns steht, was wir sein sollten. Wir haben gesehen, wohin der eine Weg führt, der von da ausgeht, der Weg des Nicht-Tuns, auf dem die Religion zu einer harmlosen Verschönerungsanlage wird.

390 Wer aber hineinsieht in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei bleibt, wer nicht ein vergesslicher Hörer wird, sondern ein wirklicher Täter , der wird selig sein in seinem Tun. In dem merkwürdigen Wort vom Gesetze der Freiheit fasst sich der ganze Inhalt unsres Textes zusammen, in seiner Einfachheit und in seiner unendlichen Tragweite. Auf den ersten Blick ein unerträglichere Widerspruch: Gesetz und Freiheit. Wird nicht das Gesetz die Freiheit unmöglich machen oder umgekehrt die Freiheit das Gesetz? Aber wir ahnen nun schon, dass es nicht anders sein kann, dass in der Tat das Gesetz der Freiheit der Weg zu Gott ist. Denn da ist der Same des Evangeliums auf guten Boden gefallen, wo ein Mensch es nicht mehr kann bewenden lassen bei dem, was er ist, sondern in der Nachfolge Jesu den Weg der Selbstverleugnung betritt, der vorwärts führt. Denn das vollkommene Gesetz, von dem Jakobus spricht, ist das Gesetz der Selbstverleugnung. Es besteht aus einem einzigen Paragraphen, der lautet so: Wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden [Mt. 10,39 par.]. Denn wenn wir uns vor dem Spiegel des Evangeliums klar werden über die Erbärmlichkeit unsres innern Daseins, mit andern Worten: wenn wir das Evangelium recht gehört haben, dann muss es uns ohne Weiteres einleuchten, dass es, um dieser Erbärmlichkeit abzuhelfen, nicht darauf ankommen kann, dies und das zu tun oder zu «glauben», sondern allein darauf, uns unter die kleine und bescheidene Schar der Jünger Jesu zu stellen, d. h. von Grund aus andre Menschen zu werden. Denn all das Flatterhafte, Unreine, Lieblose in unserm Wesen, das unser Dasein so erbärmlich macht, hat seinen Grund nicht in sich selber, sondern in unserm lieben Ich, das das Seine sucht. Wollen wir aufräumen mit jenem Wesen oder Unwesen, dann geht es nicht anders, als dass wir es an der Wurzel packen, dass wir mit uns selbst aufräumen und Jesus und seine Art an die Stelle treten lassen. Das ist freilich eine harte Sache, aber die Wahrheit und das Gute sind immer hart. Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben, aber das Gesetz gibt die Freiheit. Denn wenn das Gesetz in uns herrscht, dann wachen die Kräfte und Gaben auf, die unter der Herrschaft des alten Ich in uns schliefen wie Dornröschen im Zauberschloss.14 Die entfalten und sammeln und ei|391nigen sich zu einem ganz neuen Gebilde. Indem wir uns unterwerfen, beginnen wir zu siegen; indem wir gehorchen, werden wir frei; indem wir das Ich überwinden, wird die Persönlichkeit. Nur dass dieses wichtigste aller innern Ereignisse sich bei Keinem einmal und auf einen Schlag vollzieht, wie manche Christen sich die Bekehrung vorstellen, sondern in der immer höhern und reinern Entwicklung der Persönlichkeit muss das Hineinsehen ins Gesetz der Freiheit tiefer und umfassender werden, muss der vergessliche Hörer immer neu ein wirklicher Täter werden, muss er hören im Tun und Tun im Hören. Freue dich, im Gesetz der Freiheit wirst du selig sein, und diese Seligkeit ist keine müßige Ruhestatt, sondern Ansporn und Führung auf dem ewigen Weg, auf dem Gott mit dir geht, denn Gott ist die Ewigkeit.

Und nun will ich euch eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Mann, der hatte in seinem Innern Gottes Stimme gehört in ihrem ganzen reinen und vollen Klang, wie vor ihm Keiner. Er hat auch vor der Frage gestanden, ob er den Klang, den er gehört, brauchen wolle zu einer eindrucksvollen Verschönerung des Lebens, aber er hat der Versuchung widerstanden, weil er merkte, dass es dann wäre, als habe er nicht gehört. Er hielt darum nichts auf den «religiös Interessierten», sondern sagte ihnen, sie bauten ein Haus auf den Sand [vgl. Mt. 7,26]. Und hielt nichts auf dem Kirchenwesen, sondern rief denen mit den Gebetsriemen und den langen Gewändern ein siebenfaches Wehe zu [vgl. Mt. 23,13–33]. Dafür ging er nun zu den Armen und zu den Kranken, zu den Sündern und zu den Heiden. Er hat ihnen gesagt, dass Gott sie lieb habe, und hat ihnen geholfen; denn es waren nicht Worte in ihm, sondern Kraft [vgl. 1.Kor. 4,20]. Er hat in keinem Augenblick sich selber gelebt, und so wurde auch sein Leben ein solches, wie es die Welt vor ihm und nach ihm nicht gesehen hat. Er hat Feinde gehabt und solche, denen er gleichgiltig war; aber an der Fleckenlosigkeit seiner Persönlichkeit hat noch keiner zu rühren gewagt. Darum konnte er zu seinen Freunden sagen: Folget mir nach! [Mk. 1,17 par.] ohne Selbstüberhebung, denn bei ihm war das Ich überwunden im Gesetz der Freiheit. Die Stimme Gottes war bei ihm nicht |392 nur Klang, sondern ganz Tat. Und eben darum ist er auch dem Tod nicht ausgewichen, hat es vielmehr von vornherein klar ins Auge gefasst, dass des Menschen Sohn sterben müsse [vgl. Mk. 8,31 par.], um das unvergängliche Leben, das in ihm war, ganz ans Licht zu bringen [vgl. 2.Tim. 1,10]. Er ist gestorben, um es damit restlos zu offenbaren, dass das göttliche Leben, das in ihm war und das er in den Seinen geweckt, in der Überwindung des Ich bestehe, und sie hatten darum wahrlich Recht, wenn sie in seinem Kreuz das Wesen und den Inhalt seines Lebens sahen. Sein Tod sagte ihnen, wozu er gelebt habe, und wieder sagte ihnen die Erinnerung an sein Leben, dass dieser Tod für sie geschehen sei. Denn weil dieser Tod die vollkommene Erfüllung des vollkommenen Gesetzes der Freiheit war, war er die Geburtsstunde eines neuen Lebens in der Menschheit. In seiner Nachfolge hat die um sein Kreuz versammelte Gemeinde es erlebt:

Das Weizenkorn, bevor
Es fruchtbar sprosst zum Licht empor,
Muss sterben in der Erde Schoß,
Zuvor vom eignen Wesen los,
Durch Sterben los.15

Aber im Sterben fanden sie das Leben. Und im Sterben Jesu fanden sie die Kraft für ihre Unvollkommenheit. Ihn wussten sie neben sich in der Siegeskraft seines Kreuzes auf jenem ewigen Weg, der von einer Seligkeit zur andern führt [vgl. 2.Kor. 3,18].

Und nun stellt uns, liebe Freunde, die Passionszeit die Frage, ob wir auch zu der Gemeinde unter dem Kreuz gehören, d. h. ob wir Täter sind und nicht Hörer allein.

Wer mir will nachfolgen, der nehme sein Kreuz auf sich [Mk. 8,34 par.]. Das ist das Tun, das vonnöten ist. Im Kreuz aber ist die Freiheit. Das ist Gottes gnädiges Geschenk. Und die Freiheit ist des Gesetzes Ende [vgl. Röm. 10,4].

Amen.
Lieder:
  • Nr. 294: «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler, Strophen 1–3 und 5–7 (RG 812,1f.4–6; EG 385,1f.4–6 [jeweils ohne Strophe 3 und mit Textabweichungen]). 🎵
  • Nr. 124: «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von Chr. R. von Zinzendorf, Strophen 1.3.4. 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «gehört».↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «das Bild des Spiegels».↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «Banketten».↩
e
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩

Sachfußnoten

1
Die Passionszeit 1909 verbrachte Barth überwiegend in Marburg. Da die Gemeinde Niedergrenzebach, in der er am 21. Februar zum dritten Mal predigte (s. oben, S. 128-138), eine reformierte war, kommen als Ort der hier angesprochenen Gemeinde eigentlich nur Siegen und Eisenach in Frage: Gemeinsam mit seinem Vater hatte Barth vom 6.–9. März in Siegen die «Westdeutsche Christliche Akademikerkonferenz» besucht (vgl. K. Kupisch, Studenten entdecken die Bibel. Die Geschichte der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung [DCSV], Hamburg 1964, S. 80 📖) und war im Anschluss daran (10./11. März) mit ihm in Eisenach und auf der Wartburg gewesen; vgl. für beides Barths Taschenkalender 1909, Einträge vom 6.–11. März.↩
2
Erste Strophe des Liedes «O Lamm Gottes unschuldig» von N. Decius, nach dem altkirchlichen Agnus Dei (GERS 117; RG 312; EG 190.1). 🎵 ↩
3
Vgl. J. W. von Goethe, Faust. Eine Tragödie, V. 167–169 (Vorspiel auf dem Theater) 📖:
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,
Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.
↩
4
Vgl. oben, S. 364-378.↩
5
Zur Nähe der hier von Barth formulierten Gedanken zu solchen seines Lehrers Wilhelm Herrmann vgl. die folgenden, in Barths Exemplar von: W. Herrmann, Der Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther dargestellt, Stuttgart / Berlin 19034, 📖 unterstrichenen Sätze: «Wir werden uns des Verkehrs Gottes mit uns selbst am deutlichsten an dem Ereignis bewusst, dass sich uns die Person Jesu durch die Kraft ihres inneren Lebens offenbart» (S. 65); «Vor allem aber wird uns, wenn uns die sittliche Lebendigkeit Jesu ergriffen hat, etwas anderes an dem überlieferten Bilde Jesu deutlich und gewiss, […]. Als der Messias wollte er Gottes vollkommene Gabe den Menschen bringen, nicht nur eine Aufgabe stellen» (S. 75); «Jesus aber begründet in uns durch die Tatsache seines persönlichen Lebens eine jedem Zweifel überlegene Gewissheit von Gott» (S. 79).↩
6
«Ganz nicht» steht im Oberdeutschen als Verstärkung der Verneinung, und ist hochdeutsch zu lesen als «ganz und gar nicht» oder «gar nicht»; vgl. J. Chr. Adelung, Auszug aus dem grammatisch-kritischen Wörterbuche der Hochdeutschen Mundart, Zweyter Theil, von F–L, Leipzig 1796, Sp. 348 📖.↩
7
Die auf die Erweckungsbewegung zurückgehende Zeltmission beruht auf dem Gedanken, die Menschen in einem ‚neutralen’ Zelt leichter zu erreichen als in einem konventionellen sakralen Raum. Der eigentliche Begründer der mitteleuropäischen Zeltmission, Jakob Vetter (1872–1918), hatte in St. Chrischona bei Basel eine Predigerausbildung absolviert; seit Beginn des 20. Jahrhunderts kam es auch in der Schweiz zu Zeltmissionen. Vgl. 50 Jahre Schweizerische Zeltmission 📖, Basel o. J. [1951]. ↩
8
Arthur Drews (1865–1935), deutscher Philosoph, Vertreter des deutschen Monismus.↩
9
Gemeint ist: A. Drews, Die Christusmythe, Jena 1909 📖. Das Buch löste schnell heftige Kontroversen aus und erschien bereits im folgenden Jahr in dritter Auflage. 1911 veröffentlichte Drews einen zweiten Teil, in dem er diese Kontroversen aufnahm: ders., Die Christusmythe, Teil 2: Die Zeugnisse für die Geschichtlichkeit Jesu. Eine Antwort an die Schriftgelehrten mit besonderer Berücksichtigung der theologischen Methode, Jena 1911 📖. – Die Diskussion spiegelt sich ebenfalls noch in: A. Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen (1913) 19264, S. 489–496 📖.↩
10
Vgl. A. Drews, Hat Jesus gelebt? Reden gehalten auf dem Berliner Religionsgespräch des Deutschen Monistenbundes am 31. Januar und 1. Februar 1910 im Zoologischen Garten über «Die Christusmythe», hrsg. vom Deutschen Monistenbund, Berlin 1910 📖.↩
11
Lied M. Luthers (GERS 157; RG 32; EG 362) 🎵.↩
12
H. F., Art. «Der ‚schwarze’ Sonntag», in: Berliner Tageblatt, 39. Jg., Nr. 93 vom 21.2.1910, S. 3 📖, berichtete über die Proteste: «Die Einladung zu einer religiösen Protestveranstaltung im Zirkus Busch hatte gestern mittag dem wundervollen Frühlingswetter zum Trotz […] wohl zehntausend Menschen mobil gemacht. Bereits eine Stunde vor der als Beginn festgesetzten Zeit war der große Zirkusbau samt der Manege überfüllt […]. Der Vorstand der Positiven kirchlichen Vereinigung […] hatte für das festgesetzte Kampfthema ‚Jesus lebt’, dem nun schon seit Wochen infolge der Angriffe von Drews das besondere Interesse der Christusfreunde und -gegner gilt, nicht weniger als fünf Geistliche gewonnen. Sämtliche Herren sprachen ungewöhnlich gut. […] Zu Beginn und Schluß der Versammlung und auch zwischen den Reden sangen die Tausende unter Begleitung eines Posaunenchors Kirchenlieder. […] Berlin hat jedenfalls seit vielen Jahren nicht eine kirchliche Kundgebung von dieser Geschlossenheit und Größe erlebt. Den vom Zirkus durch die Polizei zurückgedrängten Menschenmassen, so weit sie keinen Einlaß mehr gefunden hatten, war irgendwie gesagt worden, sie sollten sich zum Dom begeben. Schon eine halbe Stunde später war auch die Domkirche bis zum letzten Platz gefüllt, während draußen von der breiten Domtreppe herab ein Geistlicher bereits eine Ansprache hielt.»
Vgl. auch Lp., Art. «Jesus lebt!», in: Der Reichsbote, 38. Jg, 3. Beilage zu Nr. 44 vom 22.2.1910, S. 1f. 📖 Über diesen Bericht schrieb Barth wenig später: «Unerfreulich ist dagegen ein Sonderdruck aus dem ‚Reichsboten’, der seinen Weg in zahlreichen Exemplaren nach Genf gefunden hat» (K. Barth, Ob Jesus gelebt hat? Eine nachträgliche Osterbetrachtung [1910], in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 37–45, dort S. 41, Anm. * 📖).↩
13
Umgangssprachlich für: ein einfach zu singendes, sehr bekanntes Lied.↩
14
Vgl. das Märchen «Dornröschen», in: Kinder- und Hausmärchen, gesammelt durch die Brüder Grimm, Große Ausgabe, Bd. 1, Göttingen 18577 (Ausgabe letzter Hand), S. 251–254 📖.↩
15
Aus Strophe 1 des Liedes «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ» von S. Preiswerk (GERS 170; RG 801) 🎵.↩