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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 36</title>
        <title type="content">Predigt: 2.Korinther 5,19-21</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 2.Korinther 5,19-21, 25. März 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53038 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 36: Predigt: 2.Korinther 5,19-21</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">38</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 2 Kor 5,19-21 (Karfreitag), 25. März 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1479">KBA 1014</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-03-25">25. März 1910</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <term type="Sachen" key="Karfreitag">
                            <hi rend="italic">Karfreitag</hi></term>, den
                            <date when="1910-03-25">25. März 1910</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.19 2.Kor.5.21">2.Korinther 5,19–21</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Gott war in Christus und <term type="Sachen" key="Versöhnung">versöhnte</term> die Welt
                                    mit sich selbst, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht
                                    anrechnete, und richtete unter uns auf das Wort von der
                                    Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt,
                                    – ja Gott selbst mahnt durch uns – so bitten
                                    wir an Christi statt: Lasset euch versöhnen mit Gott. Denn
                                    er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> gemacht, auf dass
                                    wir würden in ihm die <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">Gerechtigkeit</term>, die
                                    vor Gott gilt.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
               
                <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Es sind dunkle und trübe Bilder, die Bilder des Tages, zu dessen Gedächtnis
                    wir heute versammelt sind. Dunkel von der ersten Stunde, in der Jesus in der
                    mitternächtlichen Finsternis des Gartens <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> im Gebete vor Gott rang,
                    bereits verraten von einem der Seinigen und bereits innerlich verlassen auch
                    von denen, die bei ihm blieben. Dunkel bis zu der verhängnisvollen
                    Abendstunde, die das Ende brachte, da die Dämmerung über <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> ihre Schleier ausbreitete,
                    die es doch nicht verhüllen und verleugnen konnten, was geschehen war. Ihr
                    wisst, was dort geschehen war: Menschen, Menschen, nicht besser und nicht
                    schlimmer als wir Alle, mühten und ereiferten sich einen ganzen Tag lang,
                    Einen vom Leben zum Tode zu bringen, weil sie es nicht ertragen konnten,
                    dass er so <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> ganz anders war als sie. Er war ein
                    Licht, das schien in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht
                    begriffen [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.5">Joh. 1,5</ref>]. Er kam
                    in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf 
                    [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.1.11">Joh. 1,11</ref>]. Er war der Größte von
                    all denen, denen es gegeben war, das Geheimnis des Lebens zu enthüllen für
                    die Andern, aber die Leute hatten dringendere Angelegenheiten als dies
                    Geheimnis und wussten nichts mit ihm anzufangen, als ihn zu töten. Er war
                    die Sonne unter den Gestirnen, aber die Menschen zogen das trübe,
                    unterirdische Licht ihrer Öllampen der Sonne vor, und als sie der blendenden
                    Tageshelle nicht mehr ausweichen konnten, unternahmen sie es im Ärger, die
                    Sonne durch wüsten Rauch und Qualm zu verfinstern, und am Abend des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term> schien es, als ob <pb xml:id="p395" ed="pga"/> es ihnen gelungen sei. Den Ruf zum Leben haben sie
                    mit dem Rufe: Kreuzige ihn! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.13">Mk. 15,13</ref> par.] beantwortet. Ein dunkler Tag, weil er wie kein
                    zweiter offenbart, welch ein unheimlicher, tiefer Riss uns Menschen –
                    wahrlich nicht nur jene <term type="Sachen" key="Juden / Judentum">Juden</term> und <term type="Sachen" key="Römer">Römer</term> –
                    trennt von dem, was wir sein sollten. Es ist an diesem Tage Todesurteil
                    ausgesprochen und <term type="Sachen" key="Prozess Jesu">Todesgericht</term>
                    geübt worden, nicht an dem merkwürdigen Mann aus <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, dessen Erdenwalten dort sein allzu frühes
                    Ende fand, sondern an denen, die urteilten und richteten, und an denen, die
                    in ihrer Gemeinschaft seit den Tagen Adams das Licht gescheut und darum
                    gehasst haben und noch hassen, weil die Finsternis bequemer ist als das
                    Licht. Denn indem ihr Sinnen und Trachten nach dem Tode des Lichtes geht,
                    sitzt der <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> in ihrem innern Leben,
                        <hi rend="italic">der</hi> Tod, von dem es heißt, dass er der Sünde Sold ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.23">Röm. 6,23</ref>].</p>
                <p>Aber was rede ich von <hi rend="italic">ihrem</hi> innern Leben, als ob wir’s am
                        <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> eben doch
                    vorzugsweise mit der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> und dem
                    innern Tod derer von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> zu tun hätten, die Jesum damals ans <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> brachten? In
                    Wirklichkeit war ihr Denken und Tun das <hi rend="italic">unsrige</hi>, und es liegt
                    das Dunkel jenes Tages nicht nur über ihnen, sondern über der Menschheit,
                    nicht über der Menschheit im Allgemeinen, sondern über uns Allen. Oder
                    wollen wir uns schaudernd abwenden <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> von jenem
                    Bilde der Marter und des Schmerzes in der Überzeugung, dass so Schreckliches
                    wohl in längst vergangenen Zeiten möglich und wirklich gewesen sein mag,
                    aber nicht inmitten unsres auch dem schwersten Verbrecher gegenüber so viel
                    humaner und feinfühliger gewordenen Geschlechtes? Ach, was jenen Tag zu
                    einem dunkeln macht <hi rend="italic">vor</hi> andern Tagen, das waren ja nicht die
                    Dinge, die uns schaudern machen auf den ersten Blick, nicht das hastige,
                    unförmliche <term type="Sachen" key="Prozess Jesu">Gerichtsverfahren</term>
                    des hohen Rates, das mit einem Justizmord endigt, nicht die falsche,
                    unwürdige Nachgiebigkeit des Statthalters <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>, nicht die Rohheit seiner
                    Kriegsknechte und auch nicht die furchtbare Strafe des Kreuzestodes mit
                    ihrer stundenlangen, durch nichts gemilderten Pein. Es hat Menschen gegeben,
                    die sind mit noch weniger Förmlichkeit verurteilt und unter noch
                    schrecklicheren Umständen vom Leben zum Tode gebracht worden als dort Jesus,
                    ihr Schicksal ergreift und empört uns, aber es vermag doch nicht das
                    erschütternde Bewusstsein der <term type="Sachen" key="Mensch, Bewusstsein der Mitschuld am Tod Jesu">
                            <hi rend="italic">Mit</hi>schuld</term> und <hi rend="italic">Mit</hi>strafwürdigkeit in
                    uns auszulösen, das ernsthafte und tiefgehende Menschen bei der Erinnerung
                    an das Ereignis des <pb xml:id="p396" ed="pga"/> Karfreitags ergreifen muss. Denn
                    das ist das Ereignis des Karfreitags, dass wir Menschen den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> von uns weisen um des
                    toten Gottes willen, der uns besser befriedigt, dass wir die Boten des
                    Lebens verfolgen und töten, um ungestört Hohepriester und Schriftgelehrte
                    des Todes, Statthalter, Kriegsknechte und Volk des Todes bleiben zu können.
                    Dies Ereignis gehört nicht der Vergangenheit an, weil es ein Ereignis zu
                    aller Zeit ist.</p>
                <p> Denn wenn die Wahrheit in unserm innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> aufleuchtet, wenn uns
                    unmissverständlich deutlich wird das Gesetz der <term type="Sachen" key="Freiheit, Gesetz der Fr.">Freiheit</term> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.25">Jak. 1,25</ref>]: Wachet und betet! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.38">Mk. 14,38</ref> par.] Arbeitet
                    und glaubet!, dann ziehen wir es vor, das Deutliche undeutlich zu machen, zu
                    bleiben, wie wir sind; dann ziehen wir es vor, angesichts der drohenden
                    Gefahr einzuschlafen zwei Mal und drei Mal, wie dort die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.40 Mk.14.41">Mk. 14,40f.</ref> par.]. Wenn wir
                    merken, dass der Weg der Freiheit der Weg des Ernstes und der Entsagung ist
                    und nicht der Weg des Glücks oder dessen, was die Menschen so heißen, dann
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> gehen wir hin, lassen den Ernst und die
                    Freiheit und greifen mit beiden Händen nach dem Glück oder nach seinem
                        Schattenbild,<note xml:id="n01">Zu dieser Anspielung auf
                            <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> «Höhlengleichnis»
                        vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n05">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> dann gehen wir hin und verraten unser besseres
                    Selbst um 30 Silberlinge, wie <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> seinen Herrn verraten hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.15">Mt. 26,15</ref>]. Wenn das Gute nun
                    trotz Allem in reiner, unüberwindlicher Majestät vor unserm innern Auge
                    steht, hoheitsvoll und warnend, dann tun wir auch wohl wie <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiaphas</persName> und die Seinigen, machen
                    den Ankläger in unserm Innern zum Angeklagten, verhören mit scheinheiligem
                    Wesen und bösem Gewissen falsche Zeugen und meinen schließlich, die
                    unerbittliche <term type="Sachen" key="Wahrheit, unerbittliche">Wahrheit</term> vom Leben zum Tode bringen zu können, indem wir sie der
                    Lästerung, der Feindschaft gegen das Leben bezichtigen, das wir in
                    Wirklichkeit eben damit von uns stoßen. Und indem wir es von uns gewiesen
                    haben, durch die Wahrheit frei und lebendig und Persönlichkeit zu werden,
                    sinken wir herunter zu der platten, sinnlosen Gewöhnlichkeit des <term type="Sachen" key="Mensch, Durchschnittsmensch">Durchschnittsmenschen</term>, des Haufens, der in blinder Wut danach
                    verlangt, das, was über ihm steht, zu Kreuze gebracht, verschwinden zu
                    sehen, auf dass hinfort Alles gewöhnlich und Durchschnitt sei wie wir
                    selbst. Dann mag uns wohl auf Augen<pb xml:id="p397" ed="pga" break="no"/>blicke Bedenken
                    und Heimweh ergreifen nach dem Großen und Herrlichen, das wir preisgegeben
                    haben und alle Tage preisgeben, aber wir erfahren, was 
                    <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> erfahren hat, den eine schlimme
                    Vergangenheit damals zwang, den Juden zu Willen zu sein;<note xml:id="n02">Vgl. für diese Auffassung etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2667">
                                <persName ref="kbga-actors-5023">G. Warneck</persName>, <hi rend="italic">Pontius Pilatus, der
                            Richter Jesu Christ. Ein Gemälde aus der Leidensgeschichte</hi>,
                        Gotha 1867</bibl>, der aus der «politischen Anklage» den Schluss zieht, diese
                        hätte für Pilatus deshalb gefährlich werden können, weil man ihm im
                        Falle einer Lossprechung Jesu dann hätte unterstellen können, er sei
                        weniger kaisertreu als seine jüdischen Untertanen (<bibl corresp="kbga-bibls-2667">a.a.O., S. 181</bibl>), und
                        a.a.O., S. 184, bemerkt: «Dazu kam, daß alte Sünden dem Landpfleger die
                        Hände banden und das böse Gewissen ihn furchtsam machte. Wäre er bisher
                        in seinem Amte gerecht und treu gewesen, so hätte er’s getrost
                        auf die Anklage beim Kaiser können ankommen lassen. Aber es lagen
                        bedenkliche Sachen vor, Erpressungen, Grausamkeiten und dergleichen, die
                        dann leicht hätten zur Sprache gebracht werden können, und um für diese
                        alten Sünden sich Verzeihung, wenigstens Stillschweigen zu erkaufen, muß
                        er sich zu neuen entschließen, mit denen er den Juden einen Gefallen
                        thut.»</note> wir erfahren, dass das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, gebiert nur Böses">Böse</term> fortzeugend Böses
                    muss gebären,<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2780">
                                <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wallenstein. Die
                            Piccolomini</hi>, fünfter Aufzug, erster Auftritt</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Das eben ist der Fluch der bösen Tat, </l>
                                    <l>Dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.</l></lg></q></note> 
                    dass <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term> auf
                    uns liegt, die schwere innere Folge alter Sünde, die uns unfrei macht zum
                        <term type="Sachen" key="Schuld, macht unfrei zum Guten">Guten</term>,
                    die uns wie ein schweres Gewicht immer tiefer hinunterzieht in den Schlamm
                    der großen, nichtswürdigen Sinnlosigkeit. Und was nun folgt, ist nur der
                    Schlussstein der ganzen, innerlich notwendigen Entwicklung: wir kreuzigen
                        <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christum</term>, die letzte
                    Spur von Ewigkeitsgehalt geht unserm Leben mit freiem Willen verloren, wir
                    sind’s zufrieden, wir bleiben auch wohl nach wie vor Hohepriester,
                    Schriftgelehrte und Statthalter, angesehene, respektable Leute, die in
                    Kirche und Staat eine große Rolle spielen, aber indem wir nun beruhigt <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> zu leben meinen, ungestört durch die Wahrheit,
                    die größer ist als wir, ist unser Name aus dem goldnen Buch des <term type="Sachen" key="Buch des Lebens">Lebens</term> gestrichen [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.5">Apk. 3,5</ref>]. Wir selbst haben
                    es getan. Nein, Gott helfe uns, dass wir noch nicht so weit sind.</p>
                <p> Das sind die dunklen Bilder des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term>, und ich denke, dass wir sie nicht verleugnen noch
                    verhüllen wollen. Die große und ernste Frage aber, die das unschuldige <term type="Sachen" key="Leid, unschuldiges L. des Gerechten">Leiden</term>
                    des Gerechten durch die Ungerechten an uns richtet, und die Antwort, die wir
                    uns darauf geben <pb xml:id="p398" ed="pga"/> wollen, fasse ich zusammen in jenen
                    berühmten beiden Strophen des <persName ref="kbga-actors-131">Paul Gerhardt</persName>:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wer hat dich so geschlagen,</l>
                            <l>Mein Heil, und dich mit Plagen</l>
                            <l>So übel zugericht’t?</l>
                            <l>Du bist ja nicht ein Sünder</l>
                            <l>Wie wir und unsre Kinder;</l>
                            <l>Von Übeltaten weißt du nicht.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p/>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ich, ich und meine Sünden,</l>
                            <l>Die sich wie Körnlein finden</l>
                            <l>Des Sandes an dem Meer,</l>
                            <l>Die haben dir erreget</l>
                            <l>Das Elend, das dich schläget</l>
                            <l>Und deiner Martern ganzes Heer.<note xml:id="n04">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-25">Strophen 2 und 3 des Liedes «O Welt, sieh hier dein Leben»
                                    von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (GERS 113; RG 441; EG 84).</bibl></note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                
                <p rend="noindent">Diese dunklen Bilder sind der Hintergrund, von dem sich die
                    wichtigen, überzeugten und überzeugenden Sätze des Apostels <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> abheben, die ich unsrer
                    Betrachtung vorangestellt habe: <hi rend="italic">Gott war in Christus und <term type="Sachen" key="Versöhnung">versöhnte</term></hi>
                    <hi rend="italic">die Welt mit sich selber, indem er ihnen ihre Übertretungen nicht
                        anrechnete, und richtete unter uns auf das Wort von der
                        Versöhnung</hi>. Aber wir haben es nicht mit einem toten Gemälde aus
                    Leinwand und Farben zu tun, sondern mit der bewegten Wirklichkeit des
                    Lebens. Denn wie die Sonne, höher und höher steigend, auch die verborgensten
                    Winkel der vormals in nächtliches Düster gehüllten Täler erleuchten muss, so
                    geht von der in jenen Gedanken verborgenen, überwindenden Wahrheit
                    Helligkeit aus nach dem dunklen Hintergrund, und es <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> vereinen sich die Bilder des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term> zu dem Denkmal des Lichts und des
                    Sieges, das die wechselnden Seiten überragt hat und das auch in dein und
                    mein Leben hineinragt, heute und alle Tage, wenn es uns nur gegeben ist, die
                    Augen zu öffnen, um es zu sehen.</p>
                <p>Gottlob, Paulus ist nicht einer von den rosenroten Optimisten gewesen, die
                    die Welt und sich selber ewig hübsch und gut finden, die die <pb xml:id="p399" ed="pga"/> verborgenen <term type="Sachen" key="Welt, Abgründe">Abgründe</term>, die sie doch nicht ganz leugnen können, verkleistern
                    mit schönen Gefühlen und Redensarten, die Friede, <term type="Sachen" key="Frieden">Friede</term>! rufen, wo kein Friede ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Jer.6.14">Jer. 6,14</ref> u. ö.]. Er hat jenen
                    Riss gesehen zwischen <term type="Sachen" key="Gott, und Welt">Gott</term>
                    und der Welt, zwischen dem Leben und den Menschen, den Riss, der daher
                    kommt, dass wir Menschen aus freien Stücken den Weg des Todes eingeschlagen
                    haben und noch einschlagen. Aber eben weil er kein Optimist war, sondern die
                    Dinge sah, wie sie sind, war er innerlich vorbereitet, der ganzen
                    Herrlichkeit der Tatsache sich bewusst zu werden, dass Gott die Welt mit
                    sich selber <term type="Sachen" key="Versöhnung">versöhnt</term> hat, dass
                    der Freiheit eine Gasse gebrochen ist wie dort unsern Altvordern auf dem
                    Felde bei <placeName ref="kbga-places-740">Sempach</placeName>.<note xml:id="n05">Der Sage nach soll <persName ref="kbga-actors-5866">Arnold Winkelried</persName> in der Schlacht von
                        Sempach <term type="Sachen" key="Sempach (Schlacht 1386)">1386</term>
                        den Sieg der Schweizer gegen die überlegene Armee des österreichischen
                        Herzogs <persName ref="kbga-actors-9187">Leopold III.</persName> ermöglicht haben, indem er mit dem Ruf: «Der Freiheit
                        eine Gasse!» auf die Österreicher zustürmte, viele Lanzen auf sich zog
                        und so eine Lücke in die geschlossene Phalanx riss. Vgl. zur weiteren
                        Rezeption <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann,
                        S. 184</bibl>.</note>
                    </p>
                
                <p rend="margin-top">Ihr wisst, wer der Held war, dem <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> solch große Tat zuschrieb. Aber wenn er in
                    der Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Brücke der Versöhnung">Jesu</term> die Brücke der Versöhnung geschlagen sah, die über jenen
                    Riss führt, wenn er einige Verse vorher sagen kann: Ist jemand in Christo,
                    so ist er eine neue Kreatur [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>], so wollen wir ihn doch ja recht
                    verstehen. Er hat nicht einen Gott neben Gott aufstellen wollen. Im
                    Gegenteil: <hi rend="italic">Gott war in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gott war in J. Chr.">Christus</term></hi>.
                    Aber das ist eine schwerwiegende Behauptung. Dürfen und wollen wir sie
                    Paulus nachsagen? Woher hat er sie, wie ist er dazu gekommen? Aus dem <term type="Sachen" key="Dogma">Dogma</term> der Kirche? Aus der <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Bibel</term>? Aus dem <term type="Sachen" key="Konfirmandenunterricht">Konfirmandenunterricht</term>? Alle diese Dinge gab es damals noch nicht.
                    Nein, dieser schwerwiegende Satz floss bei ihm aus einem Erlebnis. Es ist
                    ihm aufgegangen, dass Gottes Art und Wesen gerade so und nicht anders
                    beschaffen sein müsse wie die Art und das Wesen Jesu von <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Nazareth</term>; in diesem
                    Jesus hat er Gott erkannt, nein, Gott erfahren, der ihm zuvor bloß ein hoher
                    Name war. Den Satz: Gott war in Christus, kann man <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> also nachsagen, und er und ähnliche sind allzu oft bloß nachgesagt
                    worden. Das Erlebnis kann man nicht nachsagen, sondern bloß machen. Aber wir
                    können und dürfen es machen, wenn auch<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. mit Bleistift nachgetragen.</note>
                    <pb xml:id="p400" ed="pga"/> uns die innere Art Jesu deutlich wird. Die Art Jesu
                    zeigt sich vor Allem in der einheitlichen Geschlossenheit seines <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Charakter">Charakterbildes</term>,
                    wie es uns in den Evangelien gezeichnet ist. Sein ganzes Denken und Tun ist
                    nur durch eines bestimmt, nämlich durch den <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsam</term> gegen den innern Ruf, der
                    ihn leben und sterben heißt, nicht wie <hi rend="italic">er</hi><note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich unterstrichen.</note>
                         will, sondern wie es <hi rend="italic">sein</hi><note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. mit blauem Stift nachträglich unterstrichen.</note>
                         soll. Wir stellen unsre Art daneben, unsre Halbheiten und
                    Zerfahrenheiten und Oberflächlichkeiten, und müssen uns ohne Weiteres sagen:
                    so wie das Leben Jesu würde das innere <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> aussehen, wie es sein sollte.<note xml:id="n06">Zur Nähe des hier Ausgeführten zu Gedanken
                        Wilhelm Herrmanns vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1749">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi> (Grundriss der Theologischen
                        Wissenschaften, V/2), Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi>, S. 135</bibl>:
                        «Sobald uns die sittliche Kraft Jesu, sein messianisches Selbstgefühl
                        und sein Opfer für die ohne seine Treue Verlorenen, also die Erscheinung
                        seines persönlichen Lebens als ein Liebesbeweis des allmächtigen Gottes
                        berührt, werden wir so reich, daß wir uns nun auch anderer annehmen und
                        für die Gemeinschaft leben können.» Vgl. auch oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p376#fn_n15">S. 376,
                        Anm. 15</ref>.</note>
                    <hi rend="italic">So</hi> ist Gott. Und wenn ein <hi rend="italic">Mensch</hi> so gewesen ist,
                    so war Gott in ihm. Andrerseits wird uns Jesu Art darin deutlich, dass jener
                    innere Ruf, dem er <hi rend="italic">ganz</hi> gehorcht hat, der Ruf zur Liebe war,
                    der Liebe zu den <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Andern</term>, die
                    nicht das Ihre sucht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.24">1.Kor. 10,24</ref>]. Wir erkennen wohl, dass wir nur auf
                    dem Weg der Liebe werden, was wir werden sollen, aber wie halb und
                    eingeschränkt und selbstsüchtig ist das, was wir so nennen und praktizieren.
                    Bei Jesus war das anders. Und wenn Gott die <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.4.8 1.Joh.4.16">1.Joh 4,8.16</ref>], werden wir sagen müssen: Gott war in
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gott war in J. Chr.">Christus</term>. –</p>
                <p>Aber wenn es uns so deutlich werden kann, dass in Christus Gott selbst unter
                    die Menschen getreten ist, <anchor type="note" xml:id="fn-d"/>fordernd, bittend, einladend<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd" target="fn-d"> Im Mskr. ursprünglich: «einladend, bittend, fordernd»;
                            nachträglich mit Bleistift korrigiert.</note>
                     zu einem Leben der Einheit und der Liebe, dann bleibt uns doch das
                    Andre immer noch unverständlich, dass nämlich in diesem Christus die Welt
                    mit Gott <term type="Sachen" key="Versöhnung">versöhnt</term>, dass in ihm
                    der Riss geschlossen sein soll. Denn wir wissen aus der <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitagsgeschichte</term> und aus der Geschichte
                    unsres eigenen innern Menschen, dass die überlegene Einheit des persönlichen
                    Lebens Jesu und das siegreiche Leuchten seiner Liebe unsrer natürlichen Art
                    im Grunde sehr unsympathische Dinge <pb xml:id="p401" ed="pga"/> sind. So könnte
                    es wohl den Anschein haben, als sei durch das Ereignis des Karfreitags jener
                    peinliche Riss zwischen Gott und Menschen erst recht unheilbar geworden,
                    indem da der Majestät göttlichen <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernstes</term> und göttlicher <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>, die sich in Christus kundgetan wie nirgends sonst, die
                    Erbärmlichkeit menschlichen <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, Erbärmlichkeit">Wesens</term> sich
                    entgegengestellt habe wie ebenfalls nirgends sonst. Diesen verzweifelten
                    Schluss mögen wohl die zersprengten <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu am Abend des <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitags</term> aus den dunkeln Bildern, die sie schaudernd
                    mitangesehen und schuldbewusst miterlebt hatten, gezogen haben. Es ist nicht
                    lange gegangen, so haben sie diese Bilder anders ansehen lernen. In dem, was
                    in den <term type="Sachen" key="Ostern">Ostertagen</term> in und mit ihnen
                    vorgegangen ist, ward ihnen die Klarheit, dass ihnen das Eigentlichste,
                    Intimste, Wichtigste an der persönlichen Art <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Persönlichkeit">Jesu</term> bis dahin noch
                    verborgen geblieben war. Sie hatten zuvor wohl die innere Größe seiner
                    Einheit und seiner Liebe gesehen, sie hatten in ihm den größten Propheten
                    bewundert, mächtig von Taten und Worten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.19">Lk. 24,19</ref>]. Aber wie nun der Prophet den Ungerechten
                    erlag, da erschien er ihnen wieder fremd und zweifelhaft, seine Sendung
                    hoffnungslos misslungen, die <term type="Sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term> der Menschen unmöglicher als je, weil ihnen schon zu
                    seinen Lebzeiten sein eigentlichstes Wesen fremd, seine Sendung und die
                    Versöhnung, von der er sprach, heimlich unverständlich gewesen waren. Nun
                    gingen ihnen die Augen auf, nun ward es ihnen verständlich, dass Christus
                    sterben musste, damit die Versöhnung in ihm offenbart werde. Nun hatten sie
                    ihn ganz verstanden. Und so wollen wir auch versuchen, ihn ganz zu
                    verstehen.</p>
                
                <p rend="margin-top">Jesus ist freiwillig in den <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term> gegangen, weil er diesen Gang für
                    die Vollendung und Erfüllung seines Berufes hielt. Sein Beruf war es, Gott
                    zu gehorchen und den Menschen zu dienen. Das konnten die <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> zur Not verstehen, weil sie es für die
                    Vorbereitung des großen Glückes hielten, das seiner und ihrer in dem
                    baldigst aufzurichtenden Welt-Reich des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Messias">Messias</term> warte. Aber wie sie es
                    nicht verstanden oder nur halb, als er ihnen sagte, der Größte im
                    Himmelreich sei der, der Aller Diener sei [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.43">Mk. 10,43</ref> par.], als er sie aufforderte, sich selbst
                    und ihr Glück zu verleugnen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.34">Mk. 8,34</ref> par.], so verstanden sie es noch weniger, wenn er von sich
                    selbst sagte, dass er leiden und verworfen werden müsse [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.31">Mk. 8,31</ref> par.] und sein Leben
                    hingeben zum <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Lösegeld für Viele">Lösegeld</term>
                    <pb xml:id="p402" ed="pga"/> für Viele [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.45">Mk. 10,45</ref> par.]. Aber gerade diesen <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> sonderbaren und unerfreulichen Weg ist nun
                    Christus gegangen.</p>
                <p> Einfach weil er es mit seinem Beruf, Gott zu <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">gehorchen</term> und den Menschen zu
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Dienst">dienen</term>, ganz
                    ernst nahm. Es hat vor ihm Manchen gegeben bei Juden und Heiden, der von den
                    göttlichen <term type="Sachen" key="Gesetz, göttliches">Gesetzen</term> und
                    von der <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächstenliebe</term> schöne
                    und gute Worte geredet hat. Aber es hat Keinen gegeben, der diese Dinge
                    gelebt hat wie er. Denn die Richtung, die ein Menschenleben nimmt, das von
                    den einfachen, jedem Kinde verständlichen Größen des Gehorsams und der Liebe
                    regiert wird, ist die Richtung des Kreuzwegs <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Kreuzweg">Jesu</term>. Das will sagen: Wollte Jesus
                    es ernst nehmen mit dem Gehorsam und der Liebe, die wohl auch seinen Jüngern
                    als hohe und ideale Dinge vorkamen, wollte er es ernst nehmen damit, so
                    musste und wollte er sein Leben hingeben, d. h. die Wünsche und Ansprüche
                    auf Glück und Erfolg, die gewiss auch er zu Zeiten an das Leben stellte,
                    vollständig unterordnen dem einen Zwecke seines innern Berufes –
                    vollständig, d. h. er durfte auch dem Tode nicht ausweichen, der ihn in der
                    Ausübung dieses <term type="Sachen" key="Berufung">Berufes</term> bedrohte.
                    Wenn Einer stirbt, nicht zufällig, nicht trotz seines Berufs, sondern wegen
                    seines Berufs, dann ist es klar, dass in diesem Beruf <anchor type="note" xml:id="fn-e"/>Glück
                    und Erfolg nicht der Zweck<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne" target="fn-e"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «von Glück
                            und Erfolg nicht die Rede».</note>
                     sein kann. Er hat seinen Zweck in sich selber, er ist Gehorsam um des
                    Gehorsams, Liebe um der Liebe willen. Diese intimste, eigentlichste Art des
                    persönlichen Lebens <term type="Sachen" key="Jesus Christus, persönliches Leben">Jesu</term> offenbarte sich in
                    seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzestod</term>.
                    Gewiss auch in seinem übrigen Leben, in all seinem Reden und Tun. Aber der
                    Inhalt seines Lebens ist zusammengefasst in seinem Tod; was er war, haben
                    wir da handgreiflich, möchte ich sagen.</p>
                <p>Diese eigentliche Größe Jesu ist seinen Jüngern aufgegangen in den
                    geheimnisvollen Ereignissen des <term type="Sachen" key="Ostern">Ostermorgens</term>. Nicht vorher. Denn vorher hatten sie sich immer
                    noch in Träumen gewiegt von allerlei erfreulichen und nützlichen Folgen des
                        <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsams</term> und
                    der Liebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Jesu</term>, von
                    einem Königreich mit zwölf Stühlen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.28">Mt. 19,28</ref>], um deren Besitz sie sich bereits
                    untereinander ereiferten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.37 Mk.10.41">Mk. 10,37.41</ref> par.], von Engelheeren und von einer himmlischen
                    Ehrentafel, die Jesu und ihnen in verlockender Nähe winke. Durch all das hat
                    der <pb xml:id="p403" ed="pga"/>
                    <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> einen dicken Strich
                    gemacht. Es kam für sie ein Tag der völligen <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>
                    Betäubung, da ihnen der Beruf ihres Meisters verfehlt vorkam, weil es mit
                    Glück und Erfolg sichtlich nichts war. Nun wurde das anders: sie erkannten,
                    dass gerade dar <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Gekreuzigte</term> der Sieger, der Lebendige sei. Nun verstanden sie
                    das Wesen des Lebens Jesu, das sie bewundernd und doch mit geschlossenen
                    Augen miterlebt hatten. Aber in dieser Erkenntnis wurden sie nun auch erst
                    wirklich seine <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term>, d. h. seine
                    Nachfolger; die dunkeln Worte vom <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term>, das es gelte auf sich zu nehmen
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.24">Mt. 16,24</ref> par.],
                    wurden ihnen nun wahr und lebendig, und ihr eigenes Leben empfing damit vom
                    Kreuze <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Jesu</term> den großen
                    und neuen Inhalt.</p>
                <p rend="margin-top">Das bedeutet aber nichts Andres, als dass sie im Kreuze Jesu
                    Gottes gewahr wurden. Sie hatten wohl auch zuvor schon geahnt, dass Jesu Art
                    Gottes Art sein müsse. Wir hören den Simon <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> in der begeisterten Stunde von <placeName ref="kbga-places-851">Caesarea
                        Philippi</placeName> das <term type="Sachen" key="Bekenntnisse, Petrus-Bekenntnis">Bekenntnis</term> tun: Du bist
                    Christus, der Sohn des lebendigen Gottes [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.16">Mt. 16,16</ref> par.]. Aber die Ahnung blieb Ahnung, nun
                    wurde sie Gegenwart. Nun trat in ihr inneres Leben leuchtend und siegreich
                    die Erkenntnis und über ihre Lippen freudig und hoffnungsvoll das
                    Bekenntnis: <hi rend="italic">Gott war in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gott war in J. Chr.">Christus</term></hi>;
                    denn nun konnten sie fortfahren, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> in unserm Textwort fortfährt: Und Gott <hi rend="italic">versöhnte
                        die Welt mit sich selbst</hi>. Der Riss zwischen Gott und den
                    Menschen, der am Kreuze Christi deutlich geworden wie nirgends sonst, dieser
                    Riss ist überbrückt, die Gasse der Freiheit ist gebrochen in eben diesem
                    Kreuze Christi. In eben dem Ereignisse, in dem die menschliche <term type="Sachen" key="Mensch, Bosheit">Bosheit</term> und damit das innere
                    Elend der menschlichen <term type="Sachen" key="Mensch, Elend">Art</term>
                    ihren Gipfel erreicht zu haben schien, in eben dem Ereignis triumphiert in
                    Wirklichkeit Gott. Wo der Mensch bekennen muss: Meine <term type="Sachen" key="Schuld">Schuld</term>, meine unendliche Schuld!,<note xml:id="n07">Vgl. das Schuldbekenntnis «Confiteor […]
                        mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa», das bis zur Liturgiereform des
                        zweiten Vatikanischen Konzils obligatorischer Bestandteil der Hl. Messe
                        war (zur Herkunft vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">
                                Büchmann, S. 388f.</bibl>).</note> da antwortet Gott: meine <term type="Sachen" key="Gott, Herrlichkeit">Herrlichkeit</term>, meine viel
                    unendlichere Herrlichkeit!</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p404" ed="pga"/> <hi rend="italic">Denn er hat den, der von keiner <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term></hi>
                    <hi rend="italic">wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die
                            <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit, vor Gott">Gerechtigkeit</term></hi>
                        <hi rend="italic">, die vor Gott gilt</hi>. Das
                    will sagen: Die Reinheit und Erhabenheit des innern Lebens <term type="Sachen" key="Jesus Christus, inneres Leben">Jesu</term>, das das
                    volle Gegenteil der Sünde darstellt, sie <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>
                    mussten sich gerade vollenden und offenbaren in dem äußern Geschick des
                    strafwürdigsten Sünders. Wäre Jesus damals <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> fern geblieben, hätte er im stillen
                        <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> als frommer
                    Prophet seine Tage beschlossen oder hätte er gar versucht, ein Königreich
                    aufzurichten mit Ministern und Soldaten, es hätte den Menschen niemals
                    deutlich werden können, auf was es ankomme, um frei und lebendig zu werden.
                    Denn all das Schlimme und Sinnlose und Unfreie unsrer menschlichen Art hätte
                    dann unter der Decke der neuen Religion ruhig weitervegetieren können,
                    Taubenkrämer und Geldwechsler hätten ihren Vorhof erfüllen können so gut wie
                    den der alten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.21.12 Mt.21.13">Mt. 21,12f.</ref> par.]. <term type="Sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term> mit Gott, d. h. aber ein wahrhaftiges inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> wäre den Menschen darin
                    nicht geschenkt gewesen. Dass das so ist, sehen wir sonnenklar an dem
                    ratlosen Verhalten der Jünger vor Jesu <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Tod</term> und bis zum <term type="Sachen" key="Ostern">Ostermorgen</term>. Sondern wenn das innere Leben der
                    Menschen <term type="Sachen" key="Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> werden
                    sollte, die vor Gott gilt, wenn sie von dem alten, halben, unwahrhaftigen
                    Wesen befreit werden sollten zum persönlichen Leben der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, dann musste es ihnen deutlich werden,
                    wieviel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist, dass der Weg zur
                    Freiheit nur der Weg des ganzen <term type="Sachen" key="Gehorsam">Gehorsams</term> und der ganzen <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, d. h. aber der Weg der Selbstverleugnung sein kann. Das
                    wurde <anchor type="note" xml:id="fn-f"/>den Jüngern<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf" target="fn-f"> Im Mskr. mit Bleistift ergänzt anstelle von: «ihnen».</note>
                     deutlich im Tode Jesu. Alles in ihrem Glaubensleben, was mit dem
                    Gehorsam und der Liebe nichts zu tun hatte, was Träumerei und Spekulation
                    war auf zukünftige Belohnung, was Bewunderung Jesu war, aber nicht <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu, all das fiel
                    angesichts seines Kreuzes von ihnen ab wie mürber Zunder. Der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Sündloser">Sündlose</term> blieb
                    seinem innern Berufe treu, auch wenn ihm seine Treue ein Los bereitete, wie
                    es nur dem schlimmsten Sünder ziemt.</p>
                <p>Eben in dieser Treue aber erkennen und erfahren wir Gott. Er war in <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gott war in J. Chr.">Christus</term>
                    und <term type="Sachen" key="Versöhnung">versöhnte</term> die Welt mit sich
                    selber, d. h. in dieser Treue erkennen und erfahren wir den Anfang und die
                    Vollendung eines innern, persönlichen Lebens, das über die Sinnlosigkeit und
                    Schuldbe<pb xml:id="p405" ed="pga" break="no"/>ladenheit der menschlichen Art, an der auch
                    wir teilnehmen, triumphiert. <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Darum sagen wir,
                    dass das, was auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>
                    geschehen ist, <hi rend="italic">für uns</hi> geschehen ist. Darum sehen wir in jenem
                    Ereignis die Versöhnung<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng"> Im Mskr. ursprünglich: «Brücke der Versöhnung geschlagen zwischen
                            Gott und uns»; die Streichungen sind nachträglich mit blauem Stift
                            vorgenommen.</note>. Darum reden wir von unsrer <term type="Sachen" key="Erlösung">Erlösung</term> durch das Blut Christi. Darum erinnern wir uns im <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> dankbar des Sterbens des
                    Anfängers und Vollenders [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.2">Hebr. 12,2</ref>] einer neuen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Anfänger und Vollender einer neuen Menschheit">Menschheit</term>.</p>
                <p> Denn wenn wir in der innern Art Jesu, wie sie uns in seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Sterben</term> offenbar wird, der
                    Art des lebendigen, wirklichen Gottes uns bewusst werden, dann
                        <hi rend="italic">sind</hi> wir neue Menschen, d. h. dann <hi rend="italic">glauben</hi>
                    wir, dann ist ein Feuerfunke göttlicher Art in unser Inneres geworfen, der
                    zur Flamme werden <hi rend="italic">muss</hi>. Noch haftet uns genug von der
                    Erdenschwere an, die sich am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> in ihrem ganzen Gewicht kundgetan hat, aber die
                    Erdenschwere ist aufgehoben durch die Kraft aus der Höhe, die uns aufwärts
                    zieht.</p>
                <p> Denn das ist die <term type="Sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term> mit
                    Gott, d. h. mit dem wahrhaftigen, wirklichen Leben, dass er uns unsre
                        <hi rend="italic">Übertretungen nicht anrechnet</hi>. Wer in der <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> des gekreuzigten <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gekreuzigter">Jesus</term> steht, dem
                    soll die Last auch der schlimmsten Vergangenheit abgenommen sein. Das
                    Schuldenbuch soll vernichtet, die Sünde vergeben sein, denn in der Nachfolge
                    und Gemeinschaft <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gemeinschaft">Jesu</term> sind unsre Augen nicht mehr rückwärts, sondern vorwärts
                    gerichtet. Der innere Tod, die <term type="Sachen" key="Gottverlassenheit">Gottverlassenheit</term>, die die schwere Strafe der <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> ausmachen, sie sind von uns
                    genommen. Denn der Tod ist verschlungen in den Sieg [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.55">1.Kor. 15,55</ref>], wie der Tod Jesu
                    sich auflöste in Sieg, wie seine scheinbare Gottverlassenheit am <term type="Sachen" key="Jesus Christus, scheinbare Gottverlassenheit am Kreuz">Kreuz</term>
                    in Wirklichkeit die größte Gottesnähe war. Die<note type="textcritical" n="h" xml:id="nh"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                            «Unsre».</note>
                     Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten, <anchor type="note" xml:id="fn-i"/>und
                    durch seine Wunden sind wir heil<note type="textcritical" n="i" xml:id="ni" target="fn-i"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                     [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.53.5">Jes. 53,5</ref>].</p>
                <p> Und weil wir im Glauben an den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, d. h. in der persönlichen <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> des gekreuzigten Jesus
                    frei werden vom <term type="Sachen" key="Böses / ^@+ das Böse">Bösen</term>,
                    frei von der Sünde und von der in ihr verborgenen Strafe, frei von der
                    Vergangenheit, eben darum werden wir <term type="Sachen" key="Menschen, Zukunftsmenschen">Zukunftsmenschen</term>, frei zum <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term>, das uns nun nicht
                    mehr bloß ein schönes, fernes Ideal ist, <pb xml:id="p406" ed="pga"/> sondern
                    gegenwärtige, erlebte Wirklichkeit. Wir <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> spüren
                    es, wie durch das Rätsel des <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuzes</term>, das doch nichts Anderes ist als ganzer Gehorsam und
                    ganze Liebe, unser Leben einen Inhalt, einen Sinn und Wert bekommt.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Jetzt scheint die Welt dem neuen Sinn</l>
                            <l>Erst wie ein Vaterland;</l>
                            <l>Ein neues Leben nimmt man hin</l>
                            <l>Entzückt aus seiner Hand.<note xml:id="n08">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-274">Strophe 3
                                    des Liedes «Ich sag es jedem, dass er lebt» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName> (Novalis) (GERS 135; RG
                                484).</bibl></note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Was wollen wir nun hiezu sagen? Ist Gott für uns, wer mag
                    wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont,
                    sondern hat ihn für uns Alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht
                    Alles schenken? [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31 Röm.8.32">Röm. 8,31f.</ref>]</p>
                
                <p rend="margin-top">
                        <hi rend="italic">So sind wir nun Botschafter an Christi statt –
                        ja Gott selbst mahnt durch uns – so bitten wir an Christi statt:
                        Lasset euch versöhnen mit Gott!</hi>
                    </p>
                <p> Liebe Freunde! Ich glaube, die meisten <term type="Sachen" key="Christen, Karfreitagschristen">Christen</term> sind
                    Karfreitagschristen. Ich verstehe unter Karfreitagschristen solche, bei
                    denen es innerlich aussieht wie bei den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> Jesu am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term>. Wenn du aufmerksam auf dich selbst bist, zählst du
                    dich vielleicht auch zu den Meisten. Ich gestehe wenigstens offen, dass ich
                    sehr oft dazu gehöre. Wir sind Christen, d. h. wir bewundern den großen
                    Ernst des <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Gehorsam">Gehorsams</term> und der Liebe <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Jesu</term>, unsre Religion, unser
                    Christentum ist uns etwas wert, denn wir betrachten es als ein wichtiges
                    Mittel, um glücklich und zufrieden zu sein. Aber wir haben bei der Sache den
                    dringenden Wunsch, heimlich oder ausgesprochen, dass sie nur ja nicht zu
                    ernst und zu einseitig genommen werde. Wir wollen uns nur klar machen, dass
                    wir in den Zeiten, wo uns das <term type="Sachen" key="Christentum, Harmlosigkeit">Christentum</term> eine derartige
                    Harmlosigkeit wird, dass wir, wenn wir <hi rend="italic">überhaupt</hi><note type="textcritical" n="j" xml:id="nj"> Im Mskr. nachträglich mit blauem Stift unterstrichen.</note>
                         noch in dieser Stimmung und Anschauung drin sind, Jesus
                    noch nicht recht verstanden haben. Und weil wir Jesus noch nicht verstanden
                    haben, haben wir Gott noch nicht verstanden. Das zeigt sich dann an den <pb xml:id="p407" ed="pga"/> Karfreitagen, die uns nicht gefallen, die auch unserm
                    Leben nicht fehlen, <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> an den Tagen, wo es trotz
                    unsres Christentums sich zeigt, dass es mit Glück und Erfolg und
                    Zufriedenheit ein Ende nehmen kann. Wie stehen wir dann zu Gott? Das ist die
                    Frage, und ich brauche nicht erst auszuführen, dass diese Frage die
                    brennende, die entscheidende Frage ist für unser Leben. Denn in den Tagen,
                    wo es darauf ankäme, das große «Dennoch» zu sprechen: dennoch will ich
                    gehorsam sein, dennoch will ich lieben; das «Dennoch bleibe ich stets bei
                    dir» des Psalmisten [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73.23">Ps. 73,23</ref>], in den Tagen und Stunden zeigt es sich, ob wir Gott
                        <term type="Sachen" key="Glaube, Gott haben">
                            <hi rend="italic">haben</hi></term>,
                    verstanden, ergriffen, erlebt haben. Bei den <term type="Sachen" key="Jünger">Jüngern</term> am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> hat es sich gezeigt, dass es noch<note type="textcritical" n="k" xml:id="nk"> Im Mskr. ursprünglich: «auch noch»; mit blauem Stift nachträglich
                            korrigiert.</note>
                     nicht der Fall war. Und nicht wahr, bei uns zeigt es sich auch oft
                    genug, dass es noch nicht der Fall ist? dass wir noch <term type="Sachen" key="Christen, Karfreitagschristen">Karfreitagschristen</term> sind,
                    zwiespältig und unversöhnt? Daher seit 1900 Jahren die Bitte: <hi rend="italic">Lasset
                        euch versöhnen mit Gott!</hi> Eine Bitte, kein Gesetz, kein Befehl,
                    kein <term type="Sachen" key="Dogma">Dogma</term>. Den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> kann man nicht
                    zwangsweise, nicht künstlich erleben, sondern nur im freien Gehorsam und
                    Vertrauen. Nur das Lebendige vermag den Lebendigen zu ergreifen. Und so
                    ergeht sie heute auch an uns, die Bitte: <hi rend="italic">Lasset euch versöhnen mit
                        Gott!</hi> Das Kreuz <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Christi</term> sagt uns, um was es sich dabei handelt. Es handelt sich
                    darum, Jesus und durch ihn Gott recht zu verstehen.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir,</l>
                            <l>Ist mein nicht wert und meiner Zier.<note xml:id="n09">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-144">Aus Strophe 6 des Liedes «Mir nach, spricht Christus, unser
                                    Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J. Scheffler</persName> (Angelus Silesius) (GERS 294; RG
                                    812,5; EG 385,5).</bibl></note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Ganzer <term type="Sachen" key="Gehorsam, ganzer">Gehorsam</term> und ganze <term type="Sachen" key="Liebe, ganze">Liebe</term>, darum handelt es sich; denn wenn sie ganz sind, so führen
                    sie dich den Weg Jesu, den Weg der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Weg der Selbstverleugnung">Selbstverleugnung</term>. Fang damit an, dass du’s einfach
                    versuchst, einmal Jesus zum Vorbild zu nehmen, ich meine die innere Art
                    Jesu, von der wir gesprochen haben. Versuch’s, die 1000 Dinge deines
                    täglichen <term type="Sachen" key="Leben, alltägliches">Lebens</term> an den
                    365 Tagen des Jahres zu nehmen, wie er sie genommen hat, geh mit ihm durchs
                    Leben, wie du wohl früher an der Hand eines ältern Bruders durch die Straßen
                    gegangen bist. Die ersten Schritte mögen wohl schwer und unbehilflich sein,
                    aber sieh nur nicht zurück! <pb xml:id="p408" ed="pga"/> Denn indem du mit Jesus
                    gehst, lebst du mit ihm; indem du mit ihm, <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> in
                    seiner Art, deine <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitage</term>
                    durchzumachen versuchst, erlebst du mit ihm <term type="Sachen" key="Ostern">Ostern</term>. Es entsteht dann zwischen dir und ihm ein feines,
                    unsichtbares Gemeinschaftsband, wie es wohl die alten Maler haben darstellen
                    wollen, indem sie von den fünf Wunden des Gekreuzigten feine, dünne, rote
                    Fäden ausgehen ließen nach dem Herzen des vor dem Kreuz knienden
                        Jüngers.<note xml:id="n10">Ein Bild, das der Beschreibung
                        Barths ganz entspricht, konnte nicht ermittelt werden. Sehr nahe kommt
                        dem Beschriebenen die Motivik der Stigmatisation des 
                            <persName ref="kbga-actors-555">Franziskus von Assisi</persName>; die
                        in der Regel fünf Blutfäden auf diesen Bildern bündeln sich allerdings
                        nicht im Herzen, sondern zielen auf die Stellen der Stigmata. Auf
                        weiteren Darstellungen der Blutströme Christi werden diese überwiegend
                        von Engeln oder unter dem Kreuz befindlichen Personen mit
                        (Abendmahls-)Kelchen aufgefangen. Dezidiert evangelische Darstellungen
                        wie z. B. die Bildtafel «Gesetz und Evangelium» von <persName ref="kbga-actors-9256">Lucas Cranach d. Ä.</persName> (um 1551)
                        oder das Altarbild der der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul von
                        <persName ref="kbga-actors-9257">Lucas Cranach d. J.</persName> (1555) zeigen nur einen Blutstrahl, der eine (jeweils
                        nicht kniende) Person trifft.</note> In diesen Fäden, die sich herüber
                    und hinüber ziehen, ist die <term type="Sachen" key="Versöhnung">Versöhnung</term>. Mit Christus gestorben, mit Christus auferstanden;
                    mit Christus sich selbst verleugnet, mit Christus das Leben gewonnen.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Helft uns nur den Erdgeist binden,</l>
                            <l>Lernt den Sinn des Todes fassen</l>
                            <l>Und das Wort des Lebens finden.</l>
                            <l>Einmal kehrt euch um!<note xml:id="n11">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2668">Aus der 15.
                                    Strophe des Gedichts «Lied der Toten» von <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName>(Novalis, <hi rend="italic">Schriften. Die Werke
                                        Friedrich von Hardenbergs</hi>, hrsg. von
                                    P. Kluckhohn / R. Samuel, Bd. 1: <hi rend="italic">Das dichterische
                                        Werk</hi>, Stuttgart 1960<hi rend="sup">2</hi>,
                                    S. 361–365; dort S. 364f.).</bibl></note> (Novalis)</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Der Sinn des Todes ist das Leben, und darum ist das Wort des
                    Lebens das <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Wort des Lebens">Kreuz</term>. In diesem Zeichen ist der Erdgeist, der uns Alle bändigt,
                    gebunden.</p>
                <p> So danken wir Gott, dass er uns am <term type="Sachen" key="Karfreitag">Karfreitag</term> den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum.</p>
            </div>  
            <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-75">Nr. 117: «O Lamm Gottes, unschuldig» von <persName ref="kbga-actors-1349">N. Decius</persName> (nach dem
                            altkirchlichen «Agnus Dei»), Strophen 1–3 (RG 437 [Strophen
                            2f. mit anderem Text]; EG 190.1).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-84">Nr. 112: «O Haupt voll Blut und Wunden» von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName>, Strophen
                            1–3 und 8–9 (RG 445,1–3.7–8; EG
                            85,1.2.4.9.10 [jeweils mit geringen Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.15.20 Mk.15.39">Markus 15,20–39</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
