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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 35</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,22-25</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,22-25, 13. März 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53037 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53037</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 35: Predigt: Jakobus 1,22-25</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">37</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,22-25, 13. März 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1478">KBA 1013</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
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      <creation>
        <date type="creation" when="1910-03-13">13. März 1910</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <div type="sermon"> 
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                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>35</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>,
                            <date when="1910-03-13">Sonntag, den 13. März 1910</date> <date rend="right">(Sonntag Judica)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.22 Jak.1.25">Jakobus 1,22–25</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Werdet aber Täter des <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Worts</term> und nicht <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> allein,
                                    womit ihr euch selbst betrüget. Denn wenn Einer Hörer des
                                    Worts ist und nicht Täter, der gleicht einem Mann, der sein
                                    natürliches Angesicht im Spiegel betrachtet. Er betrachtet
                                    sich und geht weg und vergisst sofort, wie er war. Wer aber
                                    hineinsieht in das vollkommene Gesetz der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> und dabei
                                    bleibt, wer nicht ein vergesslicher Hörer wird, sondern ein
                                    wirklicher Täter, der wird selig sein in seinem Tun.</hi>
                            </quote>
                        </cit> 
                    </epigraph>

                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Es könnte fast wie Gedankenlosigkeit und Pietätlosigkeit aussehen, dass wir
                    auch in dieser Nähe der <term type="Sachen" key="Passionswoche">Passionswoche</term> fortfahren mit unsrer Betrachtung des <term type="Sachen" key="Jakobusbrief">Jakobusbriefs</term>. Wären wir eine
                    evangelisch-lutherische Gemeinde, so würden uns die Ordnung des
                    Gottesdienstes und die vorgeschriebenen Predigttexte schon seit vielen
                    Wochen daran erinnert haben, dass die christliche <term type="Sachen" key="Kirche, christliche">Kirche</term> der <term type="Sachen" key="Karfreitag">Gedächtnisfeier</term> des <term type="Sachen" key="Kreuz / ^@+ Kreuzestod">Todes</term> ihres Anfängers und <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Anfänger und Meister der Kirche">Meisters</term> entgegengeht. So kam ich vor einem Jahr in eine
                        Gemeinde,<note xml:id="n01">Die Passionszeit 1909 verbrachte
                        Barth überwiegend in <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>. Da die Gemeinde <placeName ref="kbga-places-1066">Niedergrenzebach</placeName>, in der er am
                        21. Februar zum dritten Mal predigte (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p128#p128">S. 128-138</ref>), eine
                        reformierte war, kommen als Ort der hier angesprochenen Gemeinde
                        eigentlich nur <placeName ref="kbga-places-883">Siegen</placeName> und
                            <placeName ref="kbga-places-195">Eisenach</placeName> in Frage:
                        Gemeinsam mit seinem <rs type="person" ref="kbga-actors-21">Vater</rs> hatte Barth vom 6.–9. März in Siegen die
                        «Westdeutsche Christliche Akademikerkonferenz» besucht (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2657">
                                K. Kupisch, <hi rend="italic">Studenten
                            entdecken die Bibel. Die Geschichte der Deutschen Christlichen
                            Studenten-Vereinigung [DCSV]</hi>, Hamburg 1964, S. 80</bibl>) und war im
                        Anschluss daran (10./11. März) mit ihm in Eisenach und auf der
                            <placeName ref="kbga-places-352">Wartburg</placeName> gewesen;
                        vgl. für beides Barths <ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref> 1909, Einträge vom
                        6.–11. März.</note> in der wird
                    der <term type="Sachen" key="Gottesdienst">Gottesdienst</term> an allen
                    diesen Sonntagen und außerdem immer noch einmal mitten in der Woche <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> mit dem dreimaligen Gesang jener gewaltigen
                    alten Strophe begonnen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>O Lamm Gottes, unschuldig</l>
                            <l>Am Kreuzesstamm geschlachtet,</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p380" ed="pga"/> Erfunden stets geduldig,</l>
                            <l>Wiewohl du warst verachtet!</l>
                            <l>All Sünd’ hast du getragen.</l>
                            <l>Sonst müssten wir verzagen.</l>
                            <l>Erbarm dich unser, o Jesu!<note xml:id="n02">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-75">Erste
                                    Strophe des Liedes «O Lamm Gottes unschuldig» von <persName ref="kbga-actors-1349">N. Decius</persName>,
                                    nach dem altkirchlichen Agnus Dei (GERS 117; RG 312; EG
                                    190.1).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Wenn wir an solche regelmäßigen Feierlichkeiten denken, wie
                    sie dort und noch mehr in der römisch-katholischen <term type="Sachen" key="Kirche, römisch-katholische">Kirche</term> zu dieser Zeit üblich
                    sind, oder an die hohen Gedanken, die die Betrachtung der <term type="Sachen" key="Passion">Leidensgeschichte</term> Jesu dort jetzt in
                    den Predigern und Gemeinden wachrufen mögen, dann möchte uns wohl unser
                        <term type="Sachen" key="Jakobusbrief">Jakobus</term> vorkommen wie
                    trockenes Hausbrot am Festtag. Und speziell beim Anhören des heutigen
                    Textwortes hat vielleicht der eine oder andre ein wenig verdrießlich
                    gedacht, es würde sich wohl schicken, jetzt ein etwas außerordentlicheres
                    Problem vorzunehmen als die landläufige Wahrheit, dass es gelte Täter des
                        <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Worts</term> zu
                    sein und nicht <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> allein. Diese Wahrheit gehöre in die <term type="Sachen" key="Moral">Moral</term>, jetzt aber sei es Zeit, vom <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term> zu reden. Demgegenüber würde
                    ich geltend machen, dass der rechtverstandene Inhalt gerade unsres
                    Textwortes in näherer Beziehung zur <term type="Sachen" key="Passionsbotschaft">Passionsbotschaft</term> steht, als es auf den
                    ersten Blick aussehen mag. Und ich würde weiter sagen, dass die
                    Lebenswahrheit an der Wurzel erfasst immer <term type="Sachen" key="Wahrheit, Glaubenswahrheit">Glaubenswahrheit</term> ist, wie
                    umgekehrt die Glaubenswahrheit sich immer bewähren und betätigen muss als
                        <term type="Sachen" key="Wahrheit, Lebenswahrheit">Lebenswahrheit</term>. Denn wir haben uns schon früher darüber verständigt,
                    dass die christliche <term type="Sachen" key="Wahrheit, christliche">Wahrheit</term> überhaupt nicht ein kunstvolles System von allerlei
                    Gedanken, Vorschriften, Lehren, Geschichten und Lebensregeln ist, sondern
                    eine einzige, einfache Beziehung zwischen dem lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> und dem aufrichtigen Menschen. <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> Diese einzige, einfache Beziehung liegt in
                    entfalteter Mannigfaltigkeit vor uns in der heiligen <term type="Sachen" key="Bibel / Heilige Schrift">Schrift</term> und in den Jahrtausenden
                    der christlichen Erfahrung, an der auch wir in schwächerem oder stärkerem
                    Maße teilnehmen dürfen. Aber es gilt von dieser Mannigfaltigkeit, was <persName ref="kbga-actors-136">Goethe</persName> vom
                    Menschenleben sagt, dass sie, wo man sie packt, wieder in die Tiefe der
                    Einfachheit führt, aus der sie <pb xml:id="p381" ed="pga"/> entsprungen ist,<note xml:id="n03">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Eine
                            Tragödie</hi>, V. 167–169 (Vorspiel auf dem Theater)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Greift nur hinein ins volle Menschenleben! </l>
                                    <l>Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s
                                        bekannt, </l>
                                    <l>Und wo ihr’s packt, da ist’s
                                        interessant.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> dass wir, wo wir auf ihrer Oberfläche schürfen, auf den
                    Felsgrund stoßen des Einen, was nottut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.10.42">Lk. 10,42</ref>], wenn wir nur den Spaten ernsthaft
                    ansetzen. Und so sicher dieser Felsgrund in dem persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term> besteht, wie Jesus
                    es gelebt und wie er es vollendet durch seinen Tod am <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term>, so sicher dürfen wir der Führung
                    des neutestamentlichen Schriftstellers vertrauen, sein scheinbar abseits
                    liegendes Wort werde uns diesem Grunde einen Schritt näher führen.</p>
                <p>Aber wenn wir uns dieser Hoffnung hingeben, dann müssen wir uns vor Allem
                    klar machen, dass die Aufforderung, Täter des <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Worts</term> zu werden und nicht <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> allein,
                    keineswegs eine landläufige Wahrheit ist. Die Wahrheit ist niemals
                    landläufig, und <hi rend="italic">wenn</hi> sie landläufig wird, so ist sie nicht mehr
                    die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Wir sehen das gerade
                    an der Aufforderung unsres Textwortes. Man kann sagen, dass sie in der
                    christlichen Gemeinde ihre eigene Geschichte hat, und diese Geschichte ist
                    merkwürdig genug. Wir sehen, wie die Kirchen und die Parteien sie sich zu
                    eigen machen, sie ihren Gegnern vorhalten als die schwerste und wirksamste
                    Waffe und wie dann für eine nach der andern die Zeit kommt, da diese Waffe
                    gegen sie selbst gekehrt wird, da andre kommen und ihnen zurufen: ihr seid
                    Hörer des Worts, aber es gilt, Täter zu sein! und wie dann diese andren
                    denselben Kreislauf vollenden. So kann man weiter sagen, dass der <term type="Sachen" key="Fortschritt, religiöser">Fortschritt</term> in der
                    Geschichte der christlichen <term type="Sachen" key="Christentum, Geschichte">Religion</term> geradezu bezeichnet wird
                    durch die verschiedenen Stufen, in denen die wechselnden Geschlechter diese
                    Aufforderung fruchtbar gemacht haben. Wo man anfing, <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> sie als eine Selbstverständlichkeit anzusehen, da war das immer
                    ein Zeichen dafür, dass sie tatsächlich im Begriff war, sich in ihr
                    Gegenteil zu verkehren, dass an Stelle des wirklichen Tuns, von dem als
                    landläufiger Wahrheit die Rede war, ein vergessliches Hören getreten war und
                    dass ein neues Geschlecht von Neuem damit anfangen musste, Täter zu
                        <hi rend="italic">werden</hi> und nicht Hörer allein. So wird man z. B. in der
                    kirchlichen und religiösen Geschichte des 19. Jahrhunderts, aus dem wir Alle
                    her<pb xml:id="p382" ed="pga" break="no"/>kommen, die bekannten Streitigkeiten zwischen
                        <term type="Sachen" key="Christen, orthodoxe (prot.)">Orthodoxen</term>
                    und <term type="Sachen" key="Christen, liberale">Liberalen</term>, zwischen
                        <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> und <term type="Sachen" key="Christen, Weltchristen">Weltchristen</term> von
                    diesem Gesichtspunkt aus billiger und gerechter verstehen, als es gewöhnlich
                    von beiden Seiten der Fall ist. Sie sind in ihrem Kern <hi rend="italic">ein</hi>
                    gewaltiges Ringen um die beste Weise, Täter des <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Wortes</term> zu werden, und Recht und
                    Unrecht, Stärke und Schwäche verteilen sich dabei gleichmäßiger, als manche
                    Eiferer zur Rechten und zur Linken sich wohl einbilden mögen.</p>
                <p> Aber was von der Geschichte der christlichen <term type="Sachen" key="Christentum, Geschichte">Religion</term> und <term type="Sachen" key="Kirchengeschichte">Kirche</term> gilt, das gilt noch viel mehr vom
                    persönlichen <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term> des
                    einzelnen Menschen. Sein Fortschritt, sein Stillstand, sein Rückschritt sind
                    bedingt und bezeichnet durch das Maß, in dem er Täter wird und nicht Hörer
                    allein. Der Nachdruck liegt auf dem Wörtchen «<hi rend="italic">wird</hi>»,
                    wohlverstanden. Es ist schade, dass <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> ungenau übersetzt hat:
                        <hi rend="italic">Seid</hi> aber Täter des Worts –, denn es geht dadurch
                    der Ausdruck der notwendigen Vorwärtsbewegung verloren, der in dem
                        «<hi rend="italic">Werdet</hi>» des Urtextes liegt und auf den gerade Alles
                    ankommt. Denn das ist das <term type="Sachen" key="Christentum, Werden was wir sein sollen">Christentum</term>, nicht
                    dass wir bleiben, was wir sind, sondern dass wir werden, was wir sein
                    sollen. Und so wollen wir einmal versuchen, von diesem «<hi rend="italic">Werden</hi>»
                    aus den reichen Inhalt unsres Textwortes zu überblicken.</p>
                <p> <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> Werden! Aus einem <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> ein <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Täter</term> werden, darum handelt es
                    sich. Das Hören, das gemeint ist, ist das Hören des <term type="Sachen" key="Wort Gottes">Wortes</term>, des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term>. Wir haben vor 14 Tagen gesehen<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                            «gehört».</note>, wie solches Hören und solche Empfänglichkeit gelernt sein will in
                    der Übung der <term type="Sachen" key="Liebe">Liebe</term>, die nicht das
                    Ihre sucht.<note xml:id="n04">Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p364#p364">S. 364-378</ref>.</note> Nun steigen wir
                    gleichsam eine Stufe höher. Das Hören ist da, es wird als vorhanden
                    vorausgesetzt, aber das Werden hört damit nicht auf, ja wenn das Hören ein
                    rechtes war, so ist es gerade der Anfang neuer Vorwärtsbewegung. Denn wenn
                    das Evangelium die frohe Botschaft ist von der <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term>, mit der Gott sich
                    unsrer <term type="Sachen" key="Mensch, Schwachheit">Schwachheit</term>
                    annimmt, so ist es ebenso sehr die Botschaft von dem fernen, hohen Ziel, das
                    wir unermüdlich wandernd anstreben sollen. Das Evangelium hören heißt
                    eintauchen in den Lebensstrom, der vorwärts rauscht. Wer sich abseits von
                    diesem Strom ein Hüttchen baut, <pb xml:id="p383" ed="pga"/> um der Ruhe zu
                    pflegen, der hat nicht das Evangelium gehört. Denn das ist das Evangelium,
                    wenn ein unvergänglicher Keim des Werdens in unser inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> gepflanzt wird. Der
                    rechte Hörer <hi rend="italic">wird</hi> ein Täter, er kann gar nicht anders. Und wenn
                    unser Textwort von «Hörern des Worts» redet, die <hi rend="italic">nicht</hi> Täter
                    werden, so müssen wir uns dies «Hörer» in Anführungszeichen gesetzt denken.
                    Es sind solche, die meinen, gehört zu haben; in Wirklichkeit steht es aber
                    mit ihrer Empfänglichkeit so wie mit der Empfänglichkeit jener verschiedenen
                    Arten von Ackerboden, von denen Jesus einmal geredet hat 
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.3 Mk.4.8">Mk. 4,3–8</ref> par.].
                    Der gute Same ist wohl auch da hingeworfen, aber da sind die Vögel des
                    Himmels, die ungenügende Tiefe, die Disteln und Dornen; und diese Dinge
                    machen, dass es ist, als wäre der Same nicht geworfen. Es fehlt die rechte
                    Disposition, es fehlt die Empfänglichkeit, es fehlt das Hören. Denn nur da
                    ist das rechte Hören, wo sofort der Keim des Werdens sich bemerkbar macht,
                    des Werdens vom <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/>
                    <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hören</term> zum <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Tun</term>. Wir müssen
                    darauf näher eintreten. |</p>
                <p> Ich sagte, im <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> sei uns
                    ein Ziel gezeigt, ebenso wie uns darin der Weg zu diesem Ziel aufgetan ist.
                    Das Ziel und der Weg ist das persönliche Leben <term type="Sachen" key="Jesus Christus, persönliches Leben">Jesu</term>. Wenn wir es
                    anschauen, wie es gewesen ist und noch ist, so spüren wir, dass Gott in
                    unverdienter <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> sich unser
                    annehmen will. Denn dieses wunderbare, fleckenlose <term type="Sachen" key="Jesus Christus, fleckenloses Menschenbild">Menschenbild</term>
                    macht uns den Eindruck, dass wir auch so sein dürfen. Das ist nicht ein
                    zufälliger, vergänglicher, subjektiver Eindruck, sondern es ist die
                    gewisseste <term type="Sachen" key="Gewissheit">Gewissheit</term>, die es
                    auf Erden überhaupt gibt. Und dieser Eindruck ist das herrliche Geschenk,
                    das uns im Evangelium gegeben ist.<note xml:id="n05">Zur Nähe der
                        hier von Barth formulierten Gedanken zu solchen seines Lehrers Wilhelm
                        Herrmann vgl. die folgenden, in Barths Exemplar von: <bibl corresp="kbga-bibls-1793">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Der
                            Verkehr des Christen mit Gott. Im Anschluss an Luther
                            dargestellt</hi>, Stuttgart / Berlin 1903<hi rend="sup">4</hi>,</bibl>
                        unterstrichenen Sätze: «Wir werden uns des Verkehrs Gottes mit uns
                        selbst am deutlichsten an dem Ereignis bewusst, dass sich uns die Person
                        Jesu durch die Kraft ihres inneren Lebens offenbart» (S. 65); «Vor allem
                        aber wird uns, wenn uns die sittliche Lebendigkeit Jesu ergriffen hat,
                        etwas anderes an dem überlieferten Bilde Jesu deutlich und gewiss,
                        […]. Als der Messias wollte er Gottes vollkommene Gabe den
                        Menschen bringen, nicht nur eine Aufgabe stellen» (S. 75); «Jesus aber
                        begründet in uns durch die Tatsache seines persönlichen Lebens eine
                        jedem Zweifel überlegene Gewissheit von Gott» (S. 79).</note> Aber mit
                    dem Geschenk ist wieder unauflöslich verbunden die <pb xml:id="p384" ed="pga"/>
                    Aufforderung, mit dem «Du darfst» das «Du sollst». Jesus hat gesagt: «Kommet
                    her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch
                    erquicken.» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>]
                    Aber er hat unmittelbar fortgefahren: «Nehmet auf euch mein Joch!» [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.29">Mt. 11,29</ref>] Es leidet also
                    keinen Zweifel, dass wir nur dann recht gehört haben, wenn Jesus nicht nur
                    hinter uns steht als der Verheißende und Schenkende, sondern zur selben Zeit
                    vor uns als der Fordernde und Führende. Eben in dieser Doppelgestalt ist das
                        <term type="Sachen" key="Evangelium, Verheißung und Forderung">Evangelium</term> der Lebenskeim, von dem ich geredet habe. <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> stellt nun den geistigen
                    Vorgang, mit dem wir’s zu tun haben, mit einem treffenden Bild aus
                    dem Alltagsleben dar. Er nennt das Evangelium einen Spiegel. Es zeigt uns in
                    der Person <term type="Sachen" key="Jesus Christus">Jesu</term>, die sein
                    Inhalt ist, wie wir sein sollen, gerade umgekehrt nämlich, als wir sind. Es
                    zeigt uns die Einheit, die Feinheit, den Gehorsam, die Liebe, die das
                    persönliche <term type="Sachen" key="Leben, persönliches">Leben</term>
                    ausmachen, wie es sein sollte. Und wie wir dem umgekehrten Bilde des
                    Spiegels entnehmen, wie wir sind, so erblicken wir uns im Spiegel des
                    Evangeliums in unsrer traurigen kleinen Wirklichkeit, in der
                    Flatterhaftigkeit, der Unreinheit, dem <term type="Sachen" key="Christen, Ungehorsam">Ungehorsam</term>, der <term type="Sachen" key="Christen, Lieblosigkeit">Lieblosigkeit</term>, die tatsäch <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> lich unser inneres Dasein ausmachen. Das ist der
                    Augenblick, auf den es ankommt für die Frage, ob wir aus Hörern Täter
                    werden. Jakobus weiß von solchen, die ihr Angesicht im Spiegel beschauen,
                    dann hinweggehen und den Anblick vergessen. Es ist für sie, als ob er<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «das Bild des
                            Spiegels».</note>
                     nicht dagewesen wäre. Ohne Bild: Jakobus kennt Leute, die das
                    Evangelium <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">«hören»</term>, denen Gott allsonntäglich, nein alltäglich in
                    Erinnerung ruft, wie sie sein sollten, und die auch wohl daraus entnehmen
                    können, wie sie sind. Aber die Wirkung ist Null, die Sache mit dem
                    Evangelium war ein Spiel, ihr Hören war Schein-Hören. Solche Leute hat es zu
                    allen Zeiten gegeben, vielleicht waren sie sogar zu allen Zeiten die
                    Mehrzahl, und so kann es uns gar nicht wundern, dass sie schon unter den
                    ersten Generationen der <term type="Sachen" key="Christen, frühe">Christenheit</term> verbreitet waren. Die Menschen sind eben
                    merkwürdige Geschöpfe. Wenn beim Hören des Evangeliums der Zustand, in dem
                    sie sich befinden, zusammengestellt, konfrontiert wird mit dem, in dem sie
                    sich befinden sollten, so ist das zweifellos eine ernste und harte Sache.
                    Erfreulich sind die Betrachtungen, die sie vor dem Spiegel an<pb xml:id="p385" ed="pga" break="no"/>zustellen genötigt sind, keineswegs. Aber das kommt ihnen
                    zunächst ganz nicht<note xml:id="n06">«Ganz nicht» steht im
                        Oberdeutschen als Verstärkung der Verneinung, und ist hochdeutsch zu
                        lesen als «ganz und gar nicht» oder «gar nicht»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2658">
                                <persName ref="kbga-actors-6743">J. Chr. Adelung</persName>,
                            <hi rend="italic">Auszug aus dem grammatisch-kritischen Wörterbuche der
                            Hochdeutschen Mundart</hi>, Zweyter Theil, von F–L, Leipzig
                        1796, Sp. 348</bibl>.</note> zum Bewusstsein. Vielmehr lassen sie sich diese
                    Konfrontierung ruhig gefallen, ohne sich dadurch im Mindesten beunruhigen zu
                    lassen, ja sie empfinden das gewisse Gruseln, das sie dabei ergreift, nur
                    als eine Vermehrung und Erhöhung ihrer Gemütsruhe und Zufriedenheit. Gerade
                    diese Gemütsruhe und Zufriedenheit, die hört und doch nicht hört, ist aber
                    das innere Gegenteil des Christentums, denn ein <term type="Sachen" key="Christen, Sein im Werden">Christ</term> ist einer, der
                        <hi rend="italic">wird</hi>, und nicht einer, der gemütsruhig ist. Sie weist
                    darauf hin, dass es mit den Voraussetzungen des Christentums nicht in
                    Ordnung sein muss, von denen wir das letzte Mal sprachen. |</p>
                <p>Aber man sollte es freilich nicht glauben, welch schöne und christliche
                    Formen das hörende <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Nichthören</term> annehmen kann. Ich will zwei von diesen Formen bei
                    Namen nennen, <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> die gerade in unsrer Zeit ein
                    verlockendes Wesen treiben. Die eine Form ist das sogenannte «religiöse
                        <term type="Sachen" key="Religion, religiöses Interesse">Interesse»</term>. Man rühmt es unsrer Zeit nach, dass sie wieder
                    beginne, religiöses Interesse zu zeigen. Es ist richtig: der sogenannte
                    moderne <term type="Sachen" key="Mensch, moderner">Mensch</term> zeigt neben
                    allerlei andern auch ein ziemlich starkes religiöses Interesse. Beweis: der
                    Zulauf und das Aufsehen, das <term type="Sachen" key="Evangelisten">evangelistische</term> Reiseprediger oder Veranstaltungen wie das
                    bekannte Zelt<note xml:id="n07">Die auf die Erweckungsbewegung
                        zurückgehende Zeltmission beruht auf dem Gedanken, die Menschen in einem
                        ‚neutralen’ Zelt leichter zu erreichen als in einem konventionellen
                        sakralen Raum. Der eigentliche Begründer der mitteleuropäischen
                        Zeltmission, <persName ref="kbga-actors-3943">Jakob Vetter</persName> (1872–1918), hatte in St. Chrischona bei Basel
                        eine Predigerausbildung absolviert; seit Beginn des 20. Jahrhunderts kam
                        es auch in der Schweiz zu Zeltmissionen. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2659">
                                <hi rend="italic">50 Jahre
                            Schweizerische Zeltmission</hi></bibl>, Basel o. J. [1951].<term type="Sachen" key="Mission, Zeltmission"/>
                        </note> überall erregen,
                    die Nachfrage nach religiöser <term type="Sachen" key="Religion, religiöse Aufklärung">Aufklärung</term>, die gewaltig
                    anströmende populäre Literatur auf diesem Gebiet, die Beliebtheit religiöser
                    Diskussionen. Wir haben gerade in den letzten Wochen ein Schauspiel erlebt,
                    das von diesem religiösen Interesse redet. Prof. <persName ref="kbga-actors-99">Arthur Drews</persName><note xml:id="n08">
                            <persName ref="kbga-actors-99">Arthur Drews</persName> (1865–1935), deutscher
                        Philosoph, Vertreter des deutschen Monismus.</note> in <placeName ref="kbga-places-138">Karlsruhe</placeName> hatte ein Buch geschrieben, in dem er
                    nach<pb xml:id="p386" ed="pga" break="no"/>weisen wollte, Jesus habe überhaupt nie
                        gelebt,<note xml:id="n09">Gemeint ist: <bibl corresp="kbga-bibls-1391">
                                <persName ref="kbga-actors-99">A. Drews</persName>, <hi rend="italic">Die
                            Christusmythe</hi>, Jena 1909</bibl>. Das Buch löste schnell heftige
                        Kontroversen aus und erschien bereits im folgenden Jahr in dritter
                        Auflage. 1911 veröffentlichte Drews einen zweiten Teil, in dem er diese
                        Kontroversen aufnahm: <bibl corresp="kbga-bibls-2660">
                                <persName ref="kbga-actors-99">ders.</persName>, <hi rend="italic">Die Christusmythe</hi>, Teil 2:
                            <hi rend="italic">Die Zeugnisse für die Geschichtlichkeit Jesu. Eine Antwort an
                            die Schriftgelehrten mit besonderer Berücksichtigung der
                            theologischen Methode</hi>, Jena 1911</bibl>. – Die Diskussion
                        spiegelt sich ebenfalls noch in: <bibl corresp="kbga-bibls-2661">
                                <persName ref="kbga-actors-1243">A. Schweitzer</persName>, <hi rend="italic">Geschichte der
                            Leben-Jesu-Forschung</hi>, Tübingen (1913) 1926<hi rend="sup">4</hi>, S. 489–496</bibl>.</note> und er hat in <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> und anderswo Vorträge gleichen
                    Inhalts gehalten.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2662">
                                <persName ref="kbga-actors-99">A. Drews</persName>, <hi rend="italic">Hat Jesus
                            gelebt? Reden gehalten auf dem Berliner Religionsgespräch des
                            Deutschen Monistenbundes am 31. Januar und 1. Februar 1910 im
                            Zoologischen Garten über «Die Christusmythe»</hi>, hrsg. vom
                        Deutschen Monistenbund, Berlin 1910</bibl>.</note> Als Antwort darauf
                    veranstalteten eine Anzahl Berliner Pfarrer eine Versammlung, und die
                    Beteiligung war so enorm, wie es selbst in einer Weltstadt ungewöhnlich ist.
                    Der große Zirkus <term type="Sachen" key="Berlin, Zirkus Busch">Busch</term>
                    und der Berliner <term type="Sachen" key="Berlin, Dom">Dom</term> waren nach
                    den Berichten bis auf die letzten Plätze gefüllt, auf der Straße sang die
                    Menge «Ein feste Burg ist unser Gott»<note xml:id="n11">
                            <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">Lied
                            <persName ref="kbga-actors-261">M. Luthers</persName> (GERS 157;
                        RG 32; EG 362)</bibl>.</note>, und ein Pfarrer hätte von einem Stein herunter
                    eine Rede gehalten, wenn ihn nicht die Ordnungsliebe der preußischen Polizei
                    daran verhindert hätte.<note xml:id="n12">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2663">H. F., Art. «Der
                        ‚schwarze’ Sonntag», in: Berliner Tageblatt, 39. Jg., Nr. 93 vom
                        21.2.1910, S. 3</bibl>, berichtete über die Proteste: «Die Einladung zu einer
                            <hi rend="italic">religiösen Protestveranstaltung</hi> im <hi rend="italic">Zirkus
                            Busch</hi> hatte gestern mittag dem wundervollen Frühlingswetter
                        zum Trotz […] wohl zehntausend Menschen mobil gemacht. Bereits
                        eine Stunde vor der als Beginn festgesetzten Zeit war der große
                        Zirkusbau samt der Manege überfüllt […]. Der Vorstand der
                            <hi rend="italic">Positiven kirchlichen Vereinigung</hi> […] hatte für
                        das festgesetzte Kampfthema ‚<hi rend="italic">Jesus lebt</hi>’, dem nun schon
                        seit Wochen infolge der Angriffe von Drews das besondere Interesse der
                        Christusfreunde und -gegner gilt, nicht weniger als fünf Geistliche
                        gewonnen. Sämtliche Herren sprachen ungewöhnlich gut. […] Zu
                        Beginn und Schluß der Versammlung und auch zwischen den Reden sangen die
                        Tausende unter Begleitung eines Posaunenchors Kirchenlieder. […]
                        Berlin hat jedenfalls seit vielen Jahren nicht eine kirchliche
                        Kundgebung von dieser Geschlossenheit und Größe erlebt. Den vom Zirkus
                        durch die Polizei zurückgedrängten Menschenmassen, so weit sie keinen
                        Einlaß mehr gefunden hatten, war irgendwie gesagt worden, sie sollten
                        sich zum Dom begeben. Schon eine halbe Stunde später war auch die
                        Domkirche bis zum letzten Platz gefüllt, während draußen von der breiten
                        Domtreppe herab ein Geistlicher bereits eine Ansprache hielt.»<lb/> Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-2664">Lp., Art. «Jesus lebt!», in: Der Reichsbote, 38. Jg,
                        3. Beilage zu Nr. 44 vom 22.2.1910, S. 1f.</bibl> Über diesen Bericht schrieb
                        Barth wenig später: «Unerfreulich ist dagegen ein Sonderdruck aus dem
                        ‚Reichsboten’, der seinen Weg in zahlreichen Exemplaren nach Genf
                        gefunden hat» (<bibl corresp="kbga-bibls-2665"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Ob Jesus gelebt hat? Eine nachträgliche
                            Osterbetrachtung</hi> [1910], in: V.u.kl.A. 1909–1914,
                        S. 37–45, dort <ref type="pub-" target="../volume/22/p041#fn_n*">S. 41, Anm. *</ref></bibl>).</note>
                    <pb xml:id="p387" ed="pga"/> Sollen wir in derartigen Erscheinungen ein besonderes
                    Flügelrauschen göttlichen Geistes hören? Ich gestehe, dass ich nicht den Mut
                    dazu habe. Denn das Reich <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> kommt nicht mit äußern Gebärden [Lk. 17,20], also auch
                    nicht mit <term type="Sachen" key="Evangelisten">Reisepredigern</term>,
                    christlicher Literatur und Massenversammlungen. Das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> hören und eine Erweckungsrede ist
                    ganz zweierlei. Wohl aber sind das «religiöse <term type="Sachen" key="Religion, religiöses Interesse">Interesse»</term> und seine
                    Gebärden oft genug der Vorwand, sich um die Religion zu drücken, um die
                    christliche <term type="Sachen" key="Religion, christliche">Religion</term>
                    nämlich, in der Alles darauf ankommt, dass das <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hören</term> nicht eine interessante
                    Annehmlichkeit ist, sondern der fruchtbare Boden, <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> auf dem das <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Tun</term> wachsen muss. Dann ist es aber überhaupt<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift eingefügt.</note>
                     durchaus nicht Interessantes, sondern nur etwas Ernsthaftes.
                    –</p>
                <p>Die andre Form, die das hörende Nichthören annimmt, ist weniger modern, aber
                    gleich sehr verbreitet. Ich meine das <term type="Sachen" key="Kirchenwesen">Kirchenwesen</term>. Was ich sage, sage ich nicht von den Katholiken
                    und nicht vom finstern <term type="Sachen" key="Deutschland, finsteres">Deutschland</term>, sondern von unsren schweizerischen christlichen
                        <term type="Sachen" key="Kirchenwesen, schweizerisches">Gemeinden</term>. Es hat gerade bei uns oft zu sehr den Anschein, als
                    bestehe das Christentum in dem wohlgeordneten Apparat von Kirchenbehörden,
                    Pfarrern, Armenpflegern, stimmfähigen Bürgern und sonntäglichen
                    Predigthörern, und es sei Alles hübsch und gut und befriedigend, wenn dieser
                    Apparat ohne allzu großes Geräusch seinen gewohnten Gang gehe. Man ist
                    eingeschriebenes Mitglied dieser merkwürdigen Körperschaft, man hat nichts
                    Besonderes gegen den lieben Gott einzuwenden, man hält Sitzungen und Festlichkeiten<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift korrigiert aus:
                            «Banketten».</note>, man hört und hält Reden, die wieder die allgemeine Befriedigung zum
                    Ausdruck bringen, man schreitet das eine Mal oder das andre mit mehr oder
                    weniger christlicher Aufregung zur Wahlurne, und das Ganze heißt eine
                    christliche Kirche. Meine Freunde! Ich weiß, dass <pb xml:id="p388" ed="pga"/> man
                    den Inhalt einer Sache nicht nach ihrer Oberfläche beurteilen oder gar
                    verurteilen darf, aber darin werdet ihr mit mir einig sein, dass es für das
                    hörende <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Nicht-Hören</term>, von dem wir reden, kaum ein praktischeres Kostüm
                    gibt als unser offizielles <term type="Sachen" key="Kirchenwesen, schweizerisches">Kirchenwesen</term>, das mit all
                    seinen Feierlichkeiten und Umständlichkeiten und Redensarten so geeignet
                    ist, allerlei Gegenteile des Christentums unter den schützenden Mantel der
                    Christlichkeit zu nehmen. – |</p>
                <p>Es gibt auch andre schöne, interessante und christliche Arten, sich des
                    Christentums zu entledigen, das darin besteht, dass man nicht bleibt, was
                    man ist, sondern etwas <term type="Sachen" key="Christen, Sein im Werden">
                            <hi rend="italic">wird</hi></term>. Es mag jeder selbst überlegen, wie es mit
                    ihm in dieser Beziehung steht. Aber die Sache, das Prinzip, wie die
                    Gelehrten <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> sagen, bleibt immer dasselbe: der
                    gute Same ist aus[ge]worfen, aber die Disposition ist nicht da, dass er
                    seinen Sinn und Zweck erfülle, und so ist es in Wirklichkeit, als ob er
                    nicht ausgeworfen wäre. Oder noch einmal im Bilde des Jakobus: der Mann geht
                    vom Spiegel weg und vergisst, was er gesehen, als hätte er es nicht gesehen.
                    Der Mensch «hört» das <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Evangelium</term>, aber es ist ihm dabei keine Aufforderung, keine
                    Aufgabe, kein Vorwärts! in die Seele gedrungen, sondern er begnügt sich, die
                    Sache interessant und feierlich und christlich zu finden und im Übrigen auf
                    sich beruhen zu lassen.</p>
                <p>Folge: Er bleibt, wie er ist. Das hat für ihn den großen Vorteil, dass seine
                        <term type="Sachen" key="Zufriedenheit, Selbstbetrug">Zufriedenheit</term> nicht gestört wird. Aber es hat den einen
                    Nachteil, dass er sich damit selbst betrügt, wie <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> das etwas grob, aber richtig bei Namen
                    nennt. Er hat etwas läuten hören von Gott und göttlichen Dingen, und dies
                    Glockengeläute scheint ihm eine gar nicht unangenehme Verschönerung seines
                    befriedigenden Zustandes. In Wirklichkeit ist das, was er gehört, Schall und
                    Rauch gewesen. Ja, es war die Gelegenheit da zu etwas Besserem, aber die
                    Gelegenheit ist eben verpasst. Und da ist es schon im gewöhnlichen Leben
                    eine sonderbare Selbsttäuschung, wenn einer in der Erinnerung an verpasste
                    Gelegenheiten eine besondere Verschönerung seines Daseins finden wollte,
                    obwohl es auch da solche merkwürdigen Käuze gibt. Auf dem Gebiet des innern
                        <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term> befinden wir uns
                    aber Alle mehr oder weniger in dieser Gesellschaft. Wir sind <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> allein,
                    womit wir uns selbst betrügen, d. h. wir meinen empfangen zu haben und haben
                    doch nichts empfangen. Unser inneres Leben bleibt, wie es war, es kommt
                    nicht zur Sammlung unsres Wesens, unsrer <term type="Sachen" key="Mensch, Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>, es <pb xml:id="p389" ed="pga"/> kommt nicht zur Reinigung, zum Willen, zum <term type="Sachen" key="Mensch, Gehorsam">Gehorsam</term> und zur <term type="Sachen" key="Mensch, Liebe">Liebe</term>, sondern die Sache bleibt
                    stehen, weil wir zufrieden damit sind. Aber der Still<pb ed="A" rend="hidden" n="11"/>stand ist auf diesem Gebiet immer nur ein Schein. Wer nicht
                    vorwärts geht, geht zurück. In dem Hören, aus dem kein Tun wird, ist die
                    tiefste Unwahrhaftigkeit verborgen, und die muss früher oder später ihre
                    Früchte tragen. Die Frucht ist die Unfreiheit. Wie denn? Ist’s nicht
                    gerade ein heimlicher Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang, der uns heißt,
                    uns der Forderung des <term type="Sachen" key="Evangelium, Forderung">Evangeliums</term> gegenüber zur Ruhe zu setzen und uns mit seiner
                        <term type="Sachen" key="Evangelium, Verheißung">Verheißung</term> und
                    Tröstung genug sein zu lassen? In der Tat: Der Weg des Hörens und Nicht-Tuns
                    scheint auf den ersten Blick immer der Weg der Freiheit. Aber er scheint es
                    nur; denn die Freiheit, die da gemeint ist, ist die Freiheit des <term type="Sachen" key="Freiheit, des Egoismus">Egoismus</term>. Egoismus
                    aber ist nichts Andres als Steckenbleiben in der eigenen kleinen Natur und
                    ihren Wünschen; Egoismus heißt, die Zügel des Lebens fahren lassen, heißt
                    abhängig, Sklave werden von sich selber, nicht von seinem bessern Ich,
                    sondern vom schlechtern. Wenn man die Erlaubnis zu solchem Tun Freiheit
                    nennen will, so kann man es; in Wirklichkeit handelt es sich dabei um die
                    größtmögliche Unfreiheit, die es gibt. Und zweifellos wird das Elend, in das
                    der <term type="Sachen" key="Mensch, Elend">Mensch</term> tatsächlich durch
                    solche Unfreiheit versetzt wird, noch verschärft durch die angebliche
                    Verschönerung seines Lebens, die er durch allerlei interessante und
                    feierliche <term type="Sachen" key="Mensch, Religiosität">Religiosität</term> zu haben meint. Denn wenn einer sich z. B. für
                    einen Musikkenner hält, merkt aber den Unterschied des Wertes nicht zwischen
                    einer Symphonie von <persName ref="kbga-actors-488">Beethoven</persName> und einem Gassenhauer<note xml:id="n13">Umgangssprachlich für: ein einfach zu singendes, sehr bekanntes
                        Lied.</note>, so mag das für sein inneres Dasein verhältnismäßig
                    gleichgiltig sein. Wenn sich aber einer für einen Christen hält und merkt
                    nicht, dass es dabei darauf ankommt, von Tag zu Tag eine neue Kreatur zu
                    werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>], so steht die Sache viel ernster. Beide betrügen sich selber,
                    aber der Letztere betrügt sich um sein Leben.</p>
                <p>Kehren wir zurück zu dem Kreuzweg, von dem wir ausgegangen sind. Der Kreuzweg
                    ist der wichtige Augenblick, in dem beim <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/>
                    <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hören</term> des
                    Evangeliums riesengroß vor uns steht, was wir sein sollten. Wir haben
                    gesehen, wohin der eine Weg führt, der von da ausgeht, der Weg des
                    Nicht-Tuns, auf dem die Religion zu einer harmlosen <term type="Sachen" key="Religion, harmlose Verschönerungsanlage">Verschönerungsanlage</term> wird.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p390" ed="pga"/> <hi rend="italic">Wer aber hineinsieht in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei
                        bleibt, wer nicht ein vergesslicher Hörer wird, sondern ein wirklicher
                            <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Täter</term></hi>
                        <hi rend="italic">, der wird selig sein in seinem Tun</hi>. In
                    dem merkwürdigen Wort vom Gesetze der <term type="Sachen" key="Freiheit, Gesetz der Fr.">Freiheit</term> fasst sich der ganze
                    Inhalt unsres Textes zusammen, in seiner Einfachheit und in seiner
                    unendlichen Tragweite. Auf den ersten Blick ein unerträglicher<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                     Widerspruch: Gesetz und Freiheit. Wird nicht das Gesetz die Freiheit
                    unmöglich machen oder umgekehrt die Freiheit das Gesetz? Aber wir ahnen nun
                    schon, dass es nicht anders sein kann, dass in der Tat das Gesetz der
                    Freiheit der Weg zu Gott ist. Denn da ist der Same des <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangeliums</term> auf guten Boden gefallen, wo ein
                    Mensch es nicht mehr kann bewenden lassen bei dem, was er ist, sondern in
                    der <term type="Sachen" key="Nachfolge">Nachfolge</term> Jesu den Weg der
                    Selbstverleugnung betritt, der vorwärts führt. Denn das vollkommene Gesetz,
                    von dem <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> spricht, ist das
                    Gesetz der Selbstverleugnung. Es besteht aus einem einzigen Paragraphen, der
                    lautet so: Wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren, und wer sein
                    Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.39">Mt. 10,39</ref> par.]. Denn wenn wir
                    uns vor dem Spiegel des Evangeliums klar werden über die Erbärmlichkeit
                    unsres innern Daseins, mit andern Worten: wenn wir das Evangelium recht
                    gehört haben, dann muss es uns ohne Weiteres einleuchten, dass es, um dieser
                    Erbärmlichkeit abzuhelfen, nicht darauf ankommen kann, dies und das zu tun
                    oder zu «glauben», sondern allein darauf, uns unter die kleine und
                    bescheidene Schar der <term type="Sachen" key="Jünger">Jünger</term> Jesu zu
                    stellen, d. h. von Grund aus andre Menschen zu werden. Denn all das
                    Flatterhafte, Unreine, Lieblose in unserm Wesen, das unser Dasein so
                    erbärmlich macht, hat seinen Grund <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> nicht in
                    sich selber, sondern in unserm lieben Ich, das das Seine sucht. Wollen wir
                    aufräumen mit jenem Wesen oder Unwesen, dann geht es nicht anders, als dass
                    wir es an der Wurzel packen, dass wir mit uns selbst aufräumen und Jesus und
                    seine Art an die Stelle treten lassen. Das ist freilich eine harte Sache,
                    aber die <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term> und das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> sind immer hart. Das
                    Gesetz nur kann uns Freiheit geben, aber das Gesetz <hi rend="italic">gibt</hi> die
                        <term type="Sachen" key="Gesetz, gibt die Freiheit">Freiheit</term>.
                    Denn wenn das Gesetz in uns herrscht, dann wachen die Kräfte und Gaben auf,
                    die unter der Herrschaft des alten Ich in uns schliefen wie <persName ref="kbga-actors-9255">Dornröschen</persName> im
                        Zauberschloss.<note xml:id="n14">Vgl. das Märchen
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2666">«Dornröschen», in: <hi rend="italic">Kinder- und Hausmärchen</hi>, gesammelt durch
                            die <rs type="person" ref="kbga-actors-2032 kbga-actors-2031">Brüder Grimm</rs>, Große Ausgabe,
                        Bd. 1, Göttingen 1857<hi rend="sup">7</hi> (Ausgabe letzter
                        Hand), S. 251–254</bibl>.</note> Die entfalten und sammeln und ei<pb xml:id="p391" ed="pga" break="no"/>nigen sich zu einem ganz neuen Gebilde. Indem wir uns
                    unterwerfen, beginnen wir zu siegen; indem wir gehorchen, werden wir frei;
                    indem wir das Ich überwinden, wird die <term type="Sachen" key="Persönlichkeit">Persönlichkeit</term>. Nur dass dieses wichtigste
                    aller innern Ereignisse sich bei Keinem einmal und auf einen Schlag
                    vollzieht, wie manche Christen sich die <term type="Sachen" key="Bekehrung">Bekehrung</term> vorstellen, sondern in der immer höhern und reinern
                    Entwicklung der Persönlichkeit muss das Hineinsehen ins Gesetz der <term type="Sachen" key="Freiheit, Gesetz der Fr.">Freiheit</term> tiefer und
                    umfassender werden, muss der vergessliche <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> immer neu ein wirklicher
                        <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Täter</term>
                    werden, muss er hören im Tun und Tun im Hören. Freue dich, im Gesetz der
                    Freiheit wirst du selig sein, und diese <term type="Sachen" key="Seligkeit">Seligkeit</term> ist keine müßige Ruhestatt, sondern Ansporn und
                    Führung auf dem ewigen Weg, auf dem Gott mit dir geht, denn <term type="Sachen" key="Gott, Ewigkeit">Gott</term> ist die Ewigkeit.</p>
                <p>Und nun will ich euch eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Jesus von Nazareth">Mann</term>, der
                    hatte in seinem Innern Gottes Stimme gehört in ihrem ganzen reinen und
                    vollen Klang, wie vor ihm Keiner. Er hat auch vor der Frage gestanden, ob er
                    den Klang, den er gehört, brauchen wolle zu einer eindrucksvollen
                    Verschönerung des Lebens, aber er hat der Versuchung widerstanden, weil er
                    merkte, dass es dann wäre, als habe er nicht gehört. <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> Er hielt darum nichts auf den «religiös Interessierten»,
                    sondern sagte ihnen, sie bauten ein Haus auf den Sand [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.26">Mt. 7,26</ref>]. Und hielt nichts auf
                    dem Kirchenwesen, sondern rief denen mit den Gebetsriemen und den langen
                    Gewändern ein siebenfaches Wehe zu [vgl. Mt. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.13 Mt.23.33">23,13–33</ref>]. Dafür ging er nun zu
                    den Armen und zu den Kranken, zu den Sündern und zu den Heiden. Er hat ihnen
                    gesagt, dass Gott sie lieb habe, und hat ihnen geholfen; denn es waren nicht
                    Worte in ihm, sondern Kraft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.4.20">1.Kor. 4,20</ref>]. Er hat in keinem Augenblick sich selber
                    gelebt, und so wurde auch sein Leben ein solches, wie es die Welt vor ihm
                    und nach ihm nicht gesehen hat. Er hat Feinde gehabt und solche, denen er
                    gleichgiltig war; aber an der Fleckenlosigkeit seiner Persönlichkeit hat
                    noch keiner zu rühren gewagt. Darum konnte er zu seinen Freunden sagen:
                    Folget mir nach! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.17">Mk. 1,17</ref>
                    par.] ohne Selbstüberhebung, denn bei ihm war das Ich überwunden im Gesetz
                    der Freiheit. Die Stimme Gottes war bei ihm nicht <pb xml:id="p392" ed="pga"/> nur
                    Klang, sondern ganz Tat. Und eben darum ist er auch dem Tod nicht
                    ausgewichen, hat es vielmehr von vornherein klar ins Auge gefasst, dass des
                    Menschen <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Menschensohn">Sohn</term>
                    sterben <hi rend="italic">müsse</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.31"> Mk. 8,31</ref> par.], um das unvergängliche Leben, das in
                    ihm war, ganz ans Licht zu bringen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Tim.1.10">2.Tim. 1,10</ref>]. Er ist gestorben, um es damit restlos zu
                    offenbaren, dass das göttliche Leben, das in ihm war und das er in den
                    Seinen geweckt, in der Überwindung des Ich bestehe, und sie hatten darum
                    wahrlich Recht, wenn sie in seinem <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod">Kreuz</term> das Wesen und den Inhalt seines
                    Lebens sahen. Sein Tod sagte ihnen, wozu er gelebt habe, und wieder sagte
                    ihnen die Erinnerung an sein Leben, dass dieser Tod für sie geschehen sei.
                    Denn weil dieser Tod die vollkommene Erfüllung des vollkommenen Gesetzes der
                        <term type="Sachen" key="Freiheit, Gesetz der Fr.">Freiheit</term> war,
                    war er die Geburtsstunde eines neuen Lebens in der <term type="Sachen" key="Kreuz / Kreuzestod, Geburtsstunde des neuen Lebens">Menschheit</term>. In seiner Nachfolge hat die um sein Kreuz
                    versammelte Gemeinde es erlebt:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Das Weizenkorn, bevor</l>
                            <l><pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Es fruchtbar sprosst zum Licht
                                empor,</l>
                            <l>Muss sterben in der Erde Schoß,</l>
                            <l>Zuvor vom eignen Wesen los,</l>
                            <l>Durch Sterben los.<note xml:id="n15">Aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-138">Strophe 1
                                    des Liedes «Die Sach’ ist dein, Herr Jesu Christ» von
                                        <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName> (GERS 170; RG 801)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber im Sterben fanden sie das Leben. Und im Sterben Jesu
                    fanden sie die Kraft für ihre Unvollkommenheit. Ihn wussten sie neben sich
                    in der Siegeskraft seines Kreuzes auf jenem ewigen Weg, der von einer
                    Seligkeit zur andern führt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.3.18">2.Kor. 3,18</ref>].</p>
                <p>Und nun stellt <hi rend="italic">uns</hi>, liebe Freunde, die <term type="Sachen" key="Passionszeit">Passionszeit</term> die Frage, ob wir auch zu der
                    Gemeinde unter dem Kreuz gehören, d. h. ob wir <term type="Sachen" key="Christen, Täter des Wortes">Täter</term> sind und nicht <term type="Sachen" key="Christen, Hörer des Wortes">Hörer</term> allein.</p>
                <p> Wer mir will <term type="Sachen" key="Nachfolge">nachfolgen</term>, der
                    nehme sein Kreuz auf sich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.34">Mk. 8,34</ref> par.]. Das ist das Tun, das vonnöten ist. Im Kreuz aber ist
                    die Freiheit. Das ist Gottes gnädiges Geschenk. Und die <term type="Sachen" key="Freiheit, des Gesetzes Ende">Freiheit</term> ist des Gesetzes Ende
                    [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.4">Röm. 10,4</ref>].</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-144">Nr. 294: «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von <persName ref="kbga-actors-864">J.
                            Scheffler</persName>, Strophen 1–3 und 5–7 (RG 812,1f.4–6;
                            EG 385,1f.4–6 [jeweils ohne Strophe 3 und mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-77">Nr. 124: «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von <persName ref="kbga-actors-2142">Chr. R. von
                            Zinzendorf</persName>, Strophen 1.3.4.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
