Predigt Nr. 34 · 27. Februar 1910

Predigt: Jakobus 1,19-21

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Jakobus 1,19–21
Ihr wisst es, meine geliebten Brüder: es sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht Gottes Gerechtigkeit. Darum leget ab allen Schmutz und Auswuchs der Gehässigkeit, und nehmet in Sanftmut das in euch gepflanzte Wort an, welches eure Seelen erretten kann.
Liebe Zuhörer,

Ich glaube, das Wort unsres Freundes Jakobus, das uns heute beschäftigen soll, ist wieder eins von denen, aus denen wir schließen können, die Gedanken seines Briefs seien gewiss aus den Erfahrungen und Beobachtungen hervorgegangen, die er als Prediger oder Mitglied einer christlichen Gemeinde in einer der Großstädte des Altertums gemacht hat, und ebenso seien die, an welche diese Gedanken in alter Zeit sich richteten, unter den Christen einer Großstadt zu suchen.1 Die Warnung vor dem Zorn und die Mahnung zur Sanftmut haben zwar ganz gewiss alle Menschen nötig, die auf dem Land so gut wie die in der Stadt. Aber es handelt sich in unserm Textwort nicht um Zorn und Sanftmut im Allgemeinen, sondern um die sehr bestimmte Frage, wie die innere Verfassung eines Menschen auszusehen habe, wenn er das Wort des Lebens, das Evangelium, die frohe Botschaft vom Herrn Jesus mit Aussicht auf einen wirklichen Ertrag in sich aufnehmen wolle. Nicht der Zorn dürfe diese innere Verfassung sein, meint Jakobus, sondern die Sanftmut. Wir werden gleich sehen, was diese Dinge zu bedeuten haben. Zunächst redet er von etwas Anderem, das scheinbar nichts damit zu tun hat. Er ermahnt nämlich seine Zuhörer oder Leser, schnell, d. h. bereit zu sein zum Hören, aber langsam, d. h. zurückhaltend zum Reden. Offenbar hat er Menschen gekannt, bei denen das Gegenteil der Fall war, Menschen, die umgekehrt wenig auf dem ruhigen Hören hielten, aber sehr viel auf dem Reden. Und offen|365bar setzt er ähnliche Neigungen voraus bei denen, an die er seine Worte richtet. Nicht von Menschen im Allgemeinen, wohlverstanden, nicht von Heiden hat er da geredet, sondern von Christen. Meint ihr nicht auch, es sei eine merkwürdige Eigenschaft nicht nur der Großstadt-Menschheit überhaupt, sondern gerade der Großstadt-Christenheit aller Richtungen und Schattierungen, dass sie die Kunst des Zuhörens im Grunde ungern übt, dagegen ums Leben gern redet, behauptet, diskutiert? Das hat seinen guten Grund. |

Einer meiner besten Studienfreunde, der jetzt Pfarrer ist in einem der abgelegensten Dörfchen des Berner Oberlandes am Fuß des Sustenpasses,2 hat mir vor einigen Wochen eine Predigt von ihm zugeschickt, in der er von seinem Standpunkt aus über den Unterschied des Christentums zu Stadt und Land geredet hat. Er hat dort seinen Zuhörern mit großem Nachdruck gesagt, sie hätten vor uns Leuten in der Stadt den großen Vorzug der Einsamkeit, sie sollten sich diesen Vorzug recht zu Nutze machen durch stille Arbeit an ihrer innern Vertiefung und durch Gebet. Uns in der Stadt fehle dazu die Muße und die Stimmung, die dort durch die grandiose Stille der Natur von selbst erzeugt werde. Und der Prediger ließ deutlich durchblicken, dass somit das echte, rechte Christentum überhaupt nur in der Abgeschiedenheit des Landlebens gedeihen könne. Ich habe ihm sofort geantwortet, so einfach stünden die Dinge nicht. Es sei nichts mit der Einsamkeit des Glaubens ohne die Gemeinsamkeit des Lebens. Das Christentum sei nicht ein stiller Genuss des einzelnen Menschen, sondern es müsse sich sofort bewähren und betätigen in der mannigfaltigen Bewegtheit der menschlichen Gemeinschaft.3 Aber darin hat |366 mein Freund zweifellos recht, dass der Mangel an Einsamkeit, den wir Christen in der Stadt empfinden, eine ernsthafte Gefahr für unser Christentum bedeutet, so gut wir hinzufügen werden, dass der Mangel an Gemeinschaft auf dem Lande, der Genussglaube, der dort leicht entsteht, eine Gefahr für das Christentum ist. Die Gefahr des Mangels an Einsamkeit, die uns Leute in der Stadt unzweifelhaft bedroht, zeigt sich besonders deutlich in der Sache, von der unser heutiger Text handelt. Unser Leben ist so bunt, so mannigfaltig, so bewegt, wir haben täglich so viel verschiedene Eindrücke, dass es uns schwer wird, uns zu sammeln und zu konzentrieren, dass wir zu müde sind, hätte ich fast gesagt, uns über uns selbst zu besinnen und an unsrer Vertiefung zu arbeiten. |

Und diese Tatsache hat nun die merkwürdige Folge, dass wir im Allgemeinen lieber reden als zuhören. Auf den ersten Blick scheint es, es müsste umgekehrt sein. Wir müssten viel mehr das Bedürfnis haben zu empfangen als zu geben. Aber wir brauchen uns nur darauf zu besinnen, wie es mit diesem Empfangen und Geben in Wirklichkeit steht, um zu merken, dass die Dinge kraft eines Naturgesetzes der Geisteswelt sich so verhalten müssen, wie sie es tun. Wenn wir uns sammeln und konzentrieren zur Selbstbesinnung und Selbstbestimmung, dann ist die erste Folge die, dass wir schweigsam werden, dass wir aufs Wort verzichten und dafür willig und freudig werden, Augen und Ohren zu öffnen, um Gottes Ernst und Gottes Liebe zu sehen und zu hören. Wenn uns dagegen das Marktgetümmel des Lebens hindert am Besinnen und Vertiefen – und diese Hinderung kann uns Leuten in der Stadt besonders leicht zu schaffen machen –, dann ist das nächste Resultat das, dass wir ungeheuer redselig werden und dafür gegen das einfache, ruhige Hören eine gewisse Abneigung bekommen. Denn das Naturgesetz der Geisteswelt, von dem ich sprach, lautet so: Wes das Herz leer ist, des geht der Mund am leichtesten über [vgl. Mt. 12,34 par.]. Die Versuchung und die Gefahr ist für alle Menschen da, die Worte als eine verhüllende Nebelwolke zu gebrauchen, hinter denen sich gewisse Nullpunkte unsres innern Lebens so angenehm verstecken lassen. Dieser Nebelwolken-Gebrauch, den wir von den Wor|367ten machen, ist aber nirgends beliebter als auf dem Gebiet der Frömmigkeit, und wiederum sind’s die Menschenmassen der großen Städte, die für fromme Redseligkeit ein besonders fruchtbarer Nährboden sind. Reden, verständig und interessant reden über Religion, das tritt für uns nur zu leicht an Stelle der Religion selbst. Die Formen, in denen das geschieht, sind mannigfaltig genug, aber die Sache ist immer dieselbe: Hier streitet man in einer pietistischen Versammlung darüber, ob das Rauchen und das Kartenspielen eine Sünde sei oder nicht oder über die wichtige Frage, in welchem Jahr das Ende der Welt zu erwarten sei. Dort diskutiert man über Moses und Darwin, über Häckel und Nietzsche.4 Dort sind vielleicht diese wie jene Fragen gleichgiltig, aber man hat doch seine Freude daran, über Religion und Kirche und ihre nationale und moralische Bedeutung große Worte zu machen. Ich weiß schon, all dies Reden über die Religion geht oft hervor aus einer tiefen, heißen Sehnsucht nach der Herrlichkeit wirklicher Religion, und ich bin ferne davon, es zu verurteilen. Die Menschen, die es üben, ob sie nun Pietisten oder Monisten5 heißen, zeigen aber durch die Art, wie sie mit jenen Schattenbildern6 der Religion ihr Spiel treiben, dass ihnen etwas fehlt, und sie selbst spüren das deutlich genug. Aber gerade darum wollen wir es uns klar machen, meine lieben Freunde in der Großstadt, dass alles erbauliche und interessante und festliche Reden über die Religion nicht die Religion selbst ist, und wir wollen uns sehr ernstlich prüfen, ob es nicht auch bei uns Ausdruck des Mangels an wirklicher Religion sei.

Täuschen wir uns nicht: Wirkliche, lebendige Religion ist gegründet und gründet sich immer wieder auf das Hören. Das Hören will aber gelernt sein; es ist nur möglich, wo das Besinnen und Sich-Konzentrieren vorangegangen ist, von dem wir sprachen. Und wenn das uns aufgeregten und vielgeschäftigen Stadtleuten schwerfällt, so |368 kann das nichts Anderes bedeuten, als dass wir uns umso mehr Mühe geben müssen. Eine Schwierigkeit erkennen, heißt sie zur Hälfte überwinden. Aber zunächst kommt es darauf an, was mit dem Hören gemeint ist, auf das sich eine lebendige Religion gründen soll. Ihr denkt vielleicht ans Predigt-Hören? Da wäre in der Tat der Umstand bemerkenswert, dass auch die Willigkeit zum Predigt-Hören in den Städten auffallend gering ist; die leeren Bänke so mancher Stadtkirche würden davon erzählen, wenn sie’s könnten. Ich habe euch z. B. schon öfters gefragt, wo die 30 000 Deutschschweizer, die es in Genf geben soll, ihren Sonntagvormittag zubringen. Aber ich habe doch nicht an das Predigt-Hören gedacht als an das, was uns vor Allem nottut. Ich glaube, das Predigt-Hören gehört auch dazu, aber es ist nicht die Sache selbst, die ich meine. Sondern das Hören, das ich meine und von dem in unserm Textwort die Rede ist, ist ganz einfach das Aufmerken auf die Stimme des lebendigen Gottes, der in Jesus Christus das lebendige Evangelium, d. h. die lebendige frohe Botschaft von seinem Ernst und seiner Freundlichkeit in unser Menschenleben gestellt hat. Zu solchem Aufmerken braucht es freilich die große Stille, von der mein Freund in seiner Predigt geredet hat; aber es stünde doch schlimm um uns, wenn wir, um dies Aufmerken zu lernen, uns Alle zuerst ins Hochgebirge begeben müssten. Nein, es kommt vielmehr gerade darauf an, dass wir an Ort und Stelle aufmerken lernen, denn die Religion, die sich auf dies Aufmerken gründen soll, muss sich auch an Ort und Stelle bewähren und betätigen, nicht abseits von unsrem Leben, nicht in den Ferien, nicht im Hochgebirge, sondern mitten drin in den Leiden und Freuden unsrer Tätigkeit. Ich sage, es kommt darauf an, dass wir da schnell werden zum Hören, wie Jakobus sich ausdrückt. Und die Dinge stehen so, dass gerade da die heilsame Einsamkeit möglich und wirklich werden kann, von der eins unsrer Kirchenlieder redet:

Kehre aus der Welt Zerstreuung
In die Einsamkeit zurück,
Wo in geistiger Erneuung
Deiner harrt ein neues Glück.
Wo des heil’gen Geistes Mahnen
Du mit stillem Beben hörst
369 Und aufs Neue zu den Fahnen
Jesu Christi heilig schwörst.7

Denn diese Einsamkeit ist ihrem Wesen nach etwas Tiefinnerliches; wir haben sie aber dann, wenn es uns in der Besinnung über unser Leben und seinen Wert oder Unwert aufgeht, dass unser Weg fortan ein besonderer sein muss, nicht mehr der Weg von Jedermann wie bisher, sondern der Weg, der durch die Selbstüberwindung zur Freiheit führt, der Weg, über dessen Eingangspforte das Wort «Du sollst» geschrieben steht. Und wenn wir uns aufgemacht haben, diesen einsamen Weg zu gehen, dann ist auch von selbst die Freude am Hören da, d. h. aber das Bedürfnis, Kraft zu empfangen von dem großen Gott, der auch sagt: «Du kannst» und «Du darfst». Nun gehen uns die Augen auf für die wirklichen Werte im Menschenleben, an denen wir vielleicht bis jetzt achtlos vorüber gegangen sind. Wir lernen lauschen auf das Evangelium der Freude und der Liebe, dessen Klänge im Geräusch der Welt der Gleichgiltigkeit nicht untergehen können. Wir entdecken den Menschen, den wirklichen Menschen inmitten der Schattenbilder, die uns umgeben,8 und wir können nicht genug horchen, lauschen, aufmerken, wenn uns nun in einem solchen, in seiner ganzen Art zu handeln und zu reden, etwas von der Freundlichkeit Gottes entgegentritt. Und so beginnt dann unser inneres, unser religiöses Leben in aller Bescheidenheit damit, dass wir empfangen, wie es seiner Art und seinem Inhalt nach ein Geschenk ist. Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören. Prüfe einmal dein inneres Leben daran, ob es ein solches Geschenk ist, das du empfangen hast oder ob’s ein Produkt ist, das du selber irgendwie fertig gebracht hast. Je nachdem ist deine Religion Wirklichkeit oder Illusion.

Denn wie die wirkliche Religion sich gründet auf das Hören, d. h. auf das stille Empfangen des verborgenen göttlichen Lebens, das schließlich allein die Bezeichnung Tatsache verdient, so gründet sich die Religion der Nichtwirklichkeit auf die Produktion von Nebelwolken. Das ist dann der Fall, wenn wir meinen, die Religion fange an mit dem Reden. Und das hat dann seine Ursache darin, dass wir es aus |370 irgend einem Grund versäumt haben und versäumen, bei uns selbst einzukehren, uns auf den Weg der Selbstbesinnung und Selbstverleugnung zu stellen, auf dem allein die wirkliche Religion gefunden wird.9 Und weil es uns fehlt an diesem Ertrag der Einsamkeit, wird uns nun die Gemeinsamkeit der Menschen zur Gefahr. Weil uns die Wirklichkeit fehlt, greifen wir nach ihren Schattenbildern, d. h. wir fangen an, fromm und interessant über Religion zu reden. Und nun steht’s eben so: Die Nebelwolken, die wir da entfalten, um uns selbst und die andern zu täuschen über das Nichtvorhandensein der Wirklichkeit, diese Nebelwolken unsrer Worte sind mitnichten ein harmloses Spiel. Sondern wie das Hören und Empfangen uns Gott näher führt, so führt das Reden weiter weg von ihm. Und zwar darum, weil es die Haltlosigkeit, in der wir stecken, noch vermehrt durch die Unwahrhaftigkeit, mit der wir uns über unsern Zustand zu täuschen suchen. Ich weiß ein Wort aus alter Zeit, das wir ja nicht oberflächlich verstehen wollen; es lautet so: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht [Ex. 20,7 par.]. Der Sinn dieses Gebotes ist kein anderer als die tiefernste Warnung: du bist jedes Mal von einer Katastrophe deines innern Lebens bedroht, wenn du anfängst, über Religion zu reden. Besinne dich wohl, ob du reden und was du reden willst. Jede Unwahrhaftigkeit auf diesem Gebiet hat ihre schwere Strafe in sich selbst. Darum ein jeder Mensch sei langsam zu |371 reden. Meine Freunde, ich weiß, ich rede da von der tiefen Gefahr, von der kein Beruf so bedroht ist wie der, in dem ich zu arbeiten habe. Aber gerade weil ich diese Gefahr in meinem eigenen Leben sehe, darf ich euch darauf aufmerksam machen. Es enthüllt und erfüllt sich in dem geschilderten Verhältnis von Hören und Reden ein schweres Wort Jesu: Wer da hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat [Mk. 4,25 par.]. Das will sagen: wer durch einsame Selbstbesinnung Freude bekommen hat am Hören, der empfängt, indem er hört; wer aber mangels jener Selbstbesinnung mit dem Reden anfängt, der verbarrikadiert sich durch diese Unwahrhaftigkeit immer mehr gegen den lebendigen Gott. Jener gewinnt, indem er hört, dieser verliert, indem er redet. Darum ein jeder Mansch sei schnell, d. h. bereit zum Hören, aber langsam, d. h. zurückhaltend zum Reden.

Aber ihr habt vielleicht mit mir das Gefühl, dass wir nicht zum Kern der Sache vorgedrungen wären, wenn wir’s mit diesen Gedanken über Hören und Reden und bei dieser Mahnung bewenden ließen. Und in der Tat müssen wir tiefer steigen, um die Lebensfrage, um die es sich handelt, und die Antwort darauf zu Gesicht zu bekommen.

Jakobus kann uns dazu zum Führer dienen. Der Mensch sei langsam zum Zorn, fährt er nämlich fort. Wir fragen uns erstaunt, was das mit der vorhergehenden Mahnung, langsam zum Reden zu sein, zu tun habe. Und da fügt er gleich noch hinzu, dass des Menschen Zorn nicht Gottes Gerechtigkeit tue, bewirke, erfülle, und stellt dem Zorna die Sanftmut gegenüber als die rechte Disposition zum Aufnehmen des Wortes und Willens Gottes. – Der Sinn dieser Ausführungen wäre uns deutlicher, wenn wir sie in der griechischen Sprache des Urtextes lesen und hören könnten. Wir müssen nämlich das Wort «Zorn» im Sinn von Gehässigkeit oder – nach Luthers Übersetzung – von Bosheit verstehen.10 Jakobus hat offenbar Leute gekannt, die das Evan|372gelium mit Gehässigkeit, mit Bosheit gegen ihre Nächsten aufnahmen, und er warnt seine Leser und Hörer, es nicht so zu machen. Und wir müssen weiter annehmen, er sei der Ansicht gewesen, zwischen dem raschen Reden und jener gehässigen Gesinnung mancher Christen bestehe ein sehr intimer Zusammenhang, ebenso wie zwischen der Willigkeit zum Hören und dem, was er Sanftmut nennt, d. h. einer freundlichen, billigen, gerechten Gesinnung gegen den Nebenmenschen.

Ich meine, diese Zusammenhänge sind in der Tat da, und wir wollen suchen, sie uns klar zu machen.

Wir besinnen uns auf das, was wir eben gesehen haben, dass das stille, dankbare Aufmerken auf Gott, das allein eine wirkliche Frömmigkeit begründen kann, hervorgehen muss aus der sittlichen Selbstbesinnung. Es gibt nun allerlei, was sich Selbstbesinnung nennt, aber in Wirklichkeit nichts ist als ein Spiel mit schönen Gefühlen und Sentimentalitäten. Hinter diesen Dingen aber verbirgt sich oft genug der alte Adam, der das Seine sucht [vgl. 1.Kor. 10,24]. Das kommt dann sofort zum Ausdruck in der Neigung zum schnellen Reden über diese Gefühle, und die unmittelbare Folge des Ganzen ist ein Illusionsreligiönchen der einen oder der andern Sorte. Sittlich ist allein die Selbstbesinnung, die in der Frage besteht nach dem, was wir sollen, d. h. in der Frage nach der unbedingten Autorität, nach der sich unser Wille zu richten hat, wenn er nicht zerflattern will in allerlei gleichigiltigen, wertlosen, subjektiven Wünschen und Stimmungen. Ernstgenommen führt uns nun diese Frage sofort über die enge Begrenztheit unsres eigenen Daseins hinaus. Nur das kann die Autorität sein, die uns nottut, die für alle gilt und die ebendarum alle miteinander verbindet. Und so ist das die wirkliche, die sittliche Selbstbesinnung, in der der Mensch lernt, sein kleines Ich hinter sich lassen und sich dem Gesetze unterwerfen, das ihn auf die andern Menschen, auf seine Brüder hinweist, auf die Menschheit, der er angehören soll nicht als ein unbewusstes Glied, sondern als ein bewusstes.

373 Aber es ist eine schwere und seltene Sache um eine solche Selbstbesinnung. Uns Allen liegt eine andre Art viel näher, die nämlich, die bei dem Worte Selbstbesinnung das Selbst unterstreicht und die darum in dieser oder jener Weise im Kleinmenschlichen stecken bleibt. Wir vermeiden es, ernst zu machen mit der Autorität, die uns über uns selbst hinausweist; wir schieben, vielleicht ohne uns Gedanken darüber zu machen, unsre kleinen Wünsche, unsre verborgenen Tendenzen dazwischen. Kurzum, das Resultat unsrer Selbstbesinnung, wenn wir welche kennen, ist ein geheimer, wenngleich erbaulicher und gefühlvoller Egoismus. Und wenn nun ein Mensch in solchem innern Zustand sich noch diese oder jene christlichen Gedanken aneignet, allerlei orthodoxe oder liberale Gedanken über Gott, über die Erlösung, über ein Leben nach dem Tode, dann ist das Resultat des Ganzen etwas, das wie Christentum aussieht, das aber in Wirklichkeit das schnurstracke Gegenteil davon ist. Und dies egoistische Schein-Christentum ist nun die Wurzel der beiden Tatsachen, die Jakobus in unserm Text in so überraschender Weise in Beziehung setzt. Erstens der Tatsache, dass wir keine Freude haben am Hören, am Empfangen, sondern dass wir anfangen, über Religion zu schwatzen. Denn der Egoismus ist im tiefsten Grunde ebenso sehr Selbstsucht wie Selbstgenügsamkeit, und den luftleeren Raum, der durch diese falsche Genügsamkeit in uns entsteht, suchen wir dann auszufüllen durch die Produktion jener Nebelwolken von frommen Worten. Und die andre Tatsache, die aus dem egoistischen Scheinchristentum folgt, ist die gehässige, unfreundliche Gesinnung gegen die Nebenmenschen. Kein Wunder. Aus Egoismus kann nichts werden als wieder Egoismus. Vielmehr, wir werden sagen müssen: das ist der menschliche Egoismus in seiner schrecklichsten Form, der im Mäntelchen christlicher Gedanken und Worte einhertrabt. Die Geschichte aller Religionen – und die des Christentums leider am deutlichsten – zeigt, wie die Brutalität, zu der sich die Menschheit verirren kann, nirgends schlimmer ist als da, wo sie ihre gröbern oder feinern Untaten mit der Gloriole der Religiosität oder der Christlichkeit zu umgeben gewusst hat. Wir stehen hier zum zweiten Mal vor der Wahrheit, dass der Herr den nicht ungestraft lässt, der seinen Namen missbraucht [Ex. 20,7], d. h. aber vor der furchtbar ernsten Tatsache, dass die Unwahrhaftigkeit Gott gegenüber ihre Strafe in sich selber trägt.

374 Jakobus verrät eine tiefe Einsicht in den Sachverhalt der Dinge, indem er Beides unmittelbar nebeneinander stellt: das religiöse Geschwätz und die Lieblosigkeit gegen den Nächsten. Beides sind in der Tat nur verschiedene Seiten derselben Sache. Das religiöse Geschwätz beruht auf dem Mangel an sittlicher Selbstbesinnung, d. h. aber auf dem Egoismus, und die Lieblosigkeit gegen die Mitmenschen beruht auf der Unwahrhaftigkeit, die darin besteht, dass wir so tun, als ob unser Egoismus das Gegenteil wäre, nämlich christliche Frömmigkeit. Beides miteinander hat Jakobus in den Ausführungen unsrer Textworte treffen wollen als die Ausflüsse derselben trüben, vergifteten Quelle. Sein Satz, dass des Menschen Zorn nicht Gottes Gerechtigkeit tue, steht sachlich unmittelbar neben dem Wort Jesu, dass nicht, die «Herr, Herr» sagen, ins Himmelreich kommen sollen [vgl. Mt. 7,21]. Es steht in der Tat so, dass diese beiden Dinge, die Lieblosigkeit und die Unwahrhaftigkeit aufs Engste zueinander gehören und miteinander den innern Zustand ausmachen, der von dem innern Leben, wie Gott durch Jesus es in uns schaffen will, am denkbar weitesten entfernt ist. Ein Mensch, bei dem es so aussieht, tut nicht Gottes Gerechtigkeit, sondern das Gegenteil davon.

Das Merkwürdigste und Nachdenklichste an diesem innern Zustand besteht aber meines Erachtens darin, dass ein solcher Mensch im Bewusstsein lebt, ein Gottesmensch zu sein. Ich komme darauf zurück, dass Jakobus sich mit seiner Mahnung nicht an «arme Heiden», sondern an Christen gewandt hat und dass seine Mahnung sicher aus den Erfahrungen geflossen ist, die er mit Christen gemacht hat. Es leidet keinen Zweifel, und wir tun gut, uns das klar zu machen, dass der innere Ruin eines Menschenlebens, in dem die Lieblosigkeit und die Unwahrhaftigkeit herrscht, gerade dadurch vollständig und offenbar wird, dass dies Menschenleben äußerlich die Kennzeichen des Christentums trägt. Dem Leben der Ewigkeit, das das Evangelium denen verheißt, die guten Willens und die aus der Wahrheit sind, entspricht die zermalmende Gewalt desselben Evangeliums, wo es auf Lieblosigkeit und Unwahrhaftigkeit stößt. Paulus hat einmal ein Wort vom Abendmahl gesagt, das hat man neuerdings als zu hart und unfreundlich beanstandet und deshalb aus neueren Abendmahlsliturgien entfernen wollen.11 Ich glaube nicht, dass das wohlgetan ist, denn |375 es ist wieder eine unwahre Schwächlichkeit, wenn man meint, die harte, unfreundliche Seite der christlichen Wahrheit eskamotieren zu müssen und zu können. Das Pauluswort, an das ich denke, lautet so: Wer unwürdig das Brot isst oder den Becher des Herrn trinkt, der vergeht sich an Leib und Blut des Herrn. Es prüfe sich aber jeder selbst, und hierauf esse er von dem Brot und trinke von dem Becher. Denn wer da unwürdig isst und trinkt, der isst und trinkt sich selbst zum Gericht [1.Kor. 11,27–29]. Meine Freunde, das Abendmahl war für die ersten Christen der feierliche Mittelpunkt ihrer Teilnahme am Evangelium. Was aber vom Abendmahl nach Paulus’ Meinung gilt, das galt und gilt zweifellos vom Evangelium überhaupt: Wer unwürdig, d. h. aber unwahrhaftig und lieblos daran teilnimmt, sich einen Christen nennt, allerlei Schönes an seinem Christentum zu haben meint, der tut es sich selber zum Gericht. D. h. die Katastrophe seines innern Lebens, der er in dunkelm Drange12 durch solche Teilnahme am Evangelium, durch solches Christentum ausweichen möchte, wird eben gerade dadurch vollständig, offenbar, definitiv.

So ist der Inhalt unsres Textwortes kein andrer als die ernsthafteste Aufforderung, die Voraussetzungen unsres Christentums der gründlichsten Revision zu unterziehen. Es prüfe jeder sich selbst, und hierauf nehme er teil am Evangelium. Vor rund 40 Jahren hat der bekannte David Friedrich Strauß ein lächerliches Buch geschrieben über den alten und den neuen Glauben.13 In diesem Buch ist aber eins sehr gut |376 und nachahmenswert, nämlich die Überschrift des ersten Kapitels. Die besteht in der Frage: Sind wir noch Christen?14 Diese treffliche Frage wollen wir uns Alle stellen, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Nicht in der kindischen Weise von Strauß freilich, der in jenem Kapitel allerlei christliche Dogmen mit den Ergebnissen der modernen Astronomie und Zoologie vergleicht und deshalb zur Antwort kommt, wir seien keine Christen mehr. Ich bitte euch, was haben die Dogmen, die Astronomie und die Zoologie mit dem Christentum zu tun? Nein, dann ist jene Frage trefflich und sachgemäß, wenn wir unsern innern Zustand, die Motive und Intentionen, die im letzten Grunde unser Leben regieren, vergleichen mit der Wahrheit und der Liebe, die wir im Charakterbild Jesu, wie das Neue Testament es zeichnet, in aller wünschenswerten Deutlichkeit vor uns haben.15 Und wenn wir diesen Vergleich antreten mit der Frage: Sind wir noch Christen?, wenn wir dann der Lieblosigkeit und Unwahrhaftigkeit gewahr werden, die auf dem verborgenen Grunde unsres Christentums ihr heuchlerisches Spiel treibt, dann kann uns nichts Erfreulicheres passieren, als wenn wir’s fertig bringen, uns herzhaft die Antwort zu geben: Nein, wir sind keine Christen mehr; wir waren’s vielleicht einmal, aber jetzt sind wir das Gegenteil davon. Nein, wir sind noch keine Christen; vielleicht werden wir’s wieder einmal, aber vorläufig sind wir noch das Gegenteil davon. Denn es kann uns in Religionssachen nichts Erfreulicheres passieren, als wenn wir lernen, reinen Tisch zu machen und dann von vorn anzufangen.

377 Von vorn anzufangen, d. h. uns an das Werk der Selbsterziehung zu machen, erstens zur Sanftmut und zweitens zum dankbaren Hören. Beides gehört wieder zusammen, wie die Gehässigkeit und das religiöse Geschwätz zusammengehören. Und beide machen zusammen ebenso die Voraussetzung wie den Inhalt des wirklichen Christentums aus. Das geht aber so zu: Wenn wir’s ernstnehmen mit jener Frage nach dem, was wir sollen, mit der Frage nach der Autorität, die unser Leben beherrschen muss, weil sie für Alle gelten soll und Alle miteinander verbindet, dann sind wir auf dem Wege zur Überwindung des Egoismus, und an seine Stelle tritt die Sanftmut, d. h. die freundliche, billige, liebevolle Gesinnung gegen den Nächsten. Dafür bedarf es keines Beweises; denn es braucht sich nur jeder nüchtern die Frage nach dem großen Sollen zu stellen, so kann er bemerken, dass es sich dabei um nichts anderes handeln kann als um solche Gesinnung. Diese Erkenntnis gehört zu den ehernen Grundlagen des menschlichen Geistes, die man wohl vertuschen, aber nicht verleugnen kann. Und nun steht’s so, dass gerade diese Gesinnung uns willig und freudig macht zum Hören, d. h. zum dankbaren Empfangen. Dies darum, weil diese Gesinnung nicht ein für alle Mal da ist, sondern weil sie Kampf bedeutet, Kampf gegen den Egoismus, der uns immer wieder das Ziel verrücken möchte. Und in diesem Kampf haben wir Kraft nötig, Gewissheit, Sieghaftigkeit, wenn wir nicht mutlos werden und unterliegen sollen. Diese Kraft, diese Gewissheit, diese Sieghaftigkeit ist aber der Inhalt des Evangeliums. Denn das Evangelium bedeutet nichts Anderes, als dass unsre Unklarheit und Mangelhaftigkeit vor die Klarheit und Fülle der Liebe und der Wahrhaftigkeit gestellt wird, die in Jesus ist. Und wie in ihm der Unaufrichtige sich gerichtet weiß, so lässt es Gott in ihm dem Aufrichtigen gelingen [vgl. Spr. 2,7]. D. h. also: Wenn durch den Willen zur Sanftmut die Freude am Hören in uns geweckt ist, so ist das die rechte Disposition zum Aufnehmen des Evangeliums. Wenn das aber so steht, dann ist diese rechte Disposition, von der Jakobus redet, nichts Anderes als der rechte Glaube.

Der Glaube aber tut Gottes Gerechtigkeit. So kümmerlich unsre Liebe und so hilflos unsre Empfänglichkeit sein mag, wenn nur der Wille zur Liebe den Willen zur Empfänglichkeit geweckt hat, so hat unser inneres Leben Ewigkeitswert. Das in uns gepflanzte Wort errettet dann unsre Seelen. Nun wir denn sind gerecht geworden durch |378 den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum [Röm. 5,1]. Einen andern Weg gibt es nicht.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 183: «Tag über alle Tage, Geschenk aus Gottes Hand» von Chr. R. H. Puchta, Strophen 1.2.6. 🎵
  • Nr. 303: «Kommt ins Reich der Liebe» von E. G. Woltersdorf, Strophen 1–2 und 4–5. 🎵
Lesungstext:
  • Matthäus 18,23–35.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. ursprünglich: «Zorn, der Geschäftigkeit» (nachträglich mit Bleistift gestrichen).↩

Sachfußnoten

1
Zu den vermuteten Adressaten des Briefes vgl. oben, S. 334, mit Anm. 1.↩
2
Es handelt sich um Barths Studienfreund Fritz Zulauf (1885–1965), der 1909–1912 Pfarrer in Gadmen BE war.↩
3
In seinem Brief an Fr. Zulauf vom 27.1.1910 (KBA 9210.118) hatte Barth, nachdem er sich für die Zusendung der angesprochenen Predigt bedankt hatte, unter anderem ausgeführt: «Doch nun von der äußern Methode zu etwas Zentralerem, zu Deinen Auseinandersetzungen über Stadt und Land in und außerhalb der Predigt. Dieser Gegensatz hat mich von zarter Jugend an gnietig [= verdrießlich] gemacht, und besonders erst bei Dir, bei dem das eine Art Kardinaldogma zu sein scheint. Die Stimmung ‚o beata solitudo, sola beatitudo’ hat ihr gutes Recht, aber man darf nicht so tun, als ob sie effektiv die Priorität hätte im Leben der Religion gegenüber dem Wirken in der Gemeinschaft. Ich glaube nicht, dass Jesus immer am liebsten allein gewesen wäre; auch mit Deinem vorsichtigen ‚vielleicht’ muss das, wenn Du es öfters bringst, solche Vorstellungen über das Wesen der christlichen Religion erwecken.»↩
4
Zu den im späten 19. Jahrhundert und um die Jahrhundertwende geführten Diskussionen um die Theorien Darwins, Haeckels und Nietzsches vgl. oben, S. 51, bei Anm. 7 (Darwin), S. 179, Anm. 12 (Haeckel), und S. 3, bei Anm. 2, u. ö. (Nietzsche).↩
5
Zum 1906 gegründeten Deutschen Monistenbund und zum Einfluss der monistischen Bewegung auch in der Schweiz vgl. oben, S. 179, Anm. 12, und S. 245, Anm. 1.↩
6
Anspielung auf Platons «Höhlengleichnis»; vgl. oben, S. 155, Anm. 5.↩
7
Strophe 2 des Liedes «Kehre wieder, kehre wieder» von K. J. Ph. Spitta (GERS 222). 🎵 ↩
8
Siehe Anm. 6.↩
9
Vgl. dazu W. Herrmann, Religion und Sittlichkeit (Beiträge zur Weiterentwicklung der christlichen Religion, Lfg. 5), München o. J. [1904], S. 183–202, dort S. 196 📖: «Aber eben an dem Anfang der Sittlichkeit allein kann Religion entzündet werden. Sie entsteht daraus nicht, sie hat einen ganz andern Ursprung. Aber die ernste Selbstbesinnung, aus der die sittliche Erkenntnis des Menschen sich entwickelt, ist der Stoff, der in Flammen gesetzt wird, wenn das wunderbare Leben der Religion geboren wird»; ders., Die Religion im Verhältniß zum Welterkennen und zur Sittlichkeit. Eine Grundlegung der systematischen Theologie, Halle 1879, S. 392 📖: «Das Ideal einer durch die Nächstenliebe verbundenen Menschheit hat für jeden von uns, die wir innerhalb der sittlich gegliederten Gesellschaft in allmählicher Entwicklung die engen Schranken unseres Selbst durchbrechen und Selbstverleugnung lernen, nicht die Anschaulichkeit eines uns eigenthümlichen Lebenselements. Wir werden durch die unausweichliche Logik des Sittengesetzes darauf hingedrängt, jenen Gedanken als kritisches Richtmaß an die Güter zu legen, welche unser Handeln bestimmen.»↩
10
Vgl. G. Stählin, Art. «ὀργή… E. Der Zorn des Menschen und der Zorn Gottes im NT», in: ThWNT V, S. 419–448, dort S. 421 📖: «Mehr als für das AT hat für Jesus ὀργή das volle Gewicht der Sünde. Diese Beurteilung teilen auch Paulus und seine Nachfolger. Kol 3,8 und Eph 4,31 fällt ὀργή unter das Verdikt der κακία, und zwar auch hier wieder, wie Jk 1,19 (neben λαλήσαι!), offenbar vornehmlich als Sünde des Mundes»; Luther übersetzt ὀργή ebenfalls mit «Zorn», fährt aber in Vers 21 fort: «DArumb so leget abe alle Unsauberkeit und alle Bosheit, …» (WA.DB 7, 391 📖).↩
11
Vgl. etwa H. Bassermann, Über Reform des Abendmahls. Briefe an einen «Laien», Tübingen 1904, S. 47 📖: «Die Forderung nun, die dort Paulus für die innere Vorbereitung zum Abendmahlsgenuß stellt, […], werden wir wohl ganz gerechtfertigt finden, aber zugleich bestreiten müssen, daß sie heute noch unseren Abendmahlsgästen besonders einzuschärfen und mit jener mißverständlichen Gerichtsdrohung zu verbinden notwendig sei.» Der ganze zehnte Brief bezieht sich auf «Das Gerichtessen, 1.Kor. 11» (a.a.O., S. 45–49).↩
12
Anspielung auf J. W. von Goethe, Faust. Eine Tragödie (Prolog im Himmel; V. 324–329) 📖:
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ’ ihn, kannst du ihn erfassen
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh’ beschämt, wenn du bekennen musst:
Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange,
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.
↩
13
D. Fr. Strauß, Der alte und der neue Glaube. Ein Bekenntnis, Bonn 18734. 📖 ↩
14
A.a.O., S. 13 📖.↩
15
Vgl. Herrmann, Religion und Sittlichkeit (Anm. 7), S. 201 📖: «Dass wir es hier mit keinem Kunstprodukt, sondern mit der Offenbarung einer Person zu tun haben, die allen Menschen gegenüber eine schöpferische Macht, der Herr ist, […] wird uns aber offenbar, wenn die in dem Bilde enthaltene Kraft selbst auf uns wirkt. Wir sehen ihn in seiner Herrlichkeit, wenn wir erfahren, wie er uns verwandelt. […] Die aus seinen Worten hervorbrechende geistige Macht lässt uns sehen, wie verkommen in uns selbst das persönliche Leben ist. Sie zwingt uns, uns selbst zu verurteilen, und stellt uns zugleich vor die unbegreifliche Tatsache, dass dieselbe Person, die so der in unserm Innersten lebendige Richter wird, alles tut und trägt, um uns davon zu überzeugen, dass die Macht sittlicher Güte uns nicht so verderben will, wie wir es in der Pein des Schuldgefühls zu erfahren meinen, sondern uns retten und für sich gewinnen will.»↩