Ich glaube, das Wort unsres Freundes Jakobus, das uns heute beschäftigen soll, ist wieder eins von
denen, aus denen wir schließen können, die Gedanken seines Briefs seien
gewiss aus den Erfahrungen und Beobachtungen hervorgegangen, die er als
Prediger oder Mitglied einer christlichen Gemeinde in einer der Großstädte
des Altertums gemacht hat, und ebenso seien die, an welche diese Gedanken in
alter Zeit sich richteten, unter den Christen einer Großstadt zu
suchen.1 Die Warnung vor dem Zorn und die Mahnung zur
Sanftmut haben zwar ganz gewiss alle Menschen nötig, die auf dem Land so gut
wie die in der Stadt. Aber es handelt sich in unserm Textwort nicht um Zorn
und Sanftmut im Allgemeinen, sondern um die sehr bestimmte Frage, wie die
innere Verfassung eines Menschen auszusehen habe, wenn er das Wort des
Lebens, das Evangelium, die frohe 2 Botschaft vom
Herrn Jesus mit Aussicht auf einen wirklichen Ertrag in sich aufnehmen
wolle. Nicht der Zorn dürfe diese innere Verfassung sein, meint Jakobus,
sondern die Sanftmut. Wir werden gleich sehen, was diese Dinge zu bedeuten
haben. Zunächst redet er von etwas Anderem, das scheinbar nichts damit zu
tun hat. Er ermahnt nämlich seine Zuhörer oder Leser, schnell,
d. h. bereit zu sein zum Hören, aber langsam,
d. h. zurückhaltend zum Reden. Offenbar hat er Menschen
gekannt, bei denen das Gegenteil der Fall war, Menschen, die umgekehrt wenig
auf dem ruhigen Hören hielten, aber sehr viel auf dem Reden. Und offen|365bar setzt er ähnliche Neigungen voraus bei denen, an
die er seine Worte richtet. Nicht von Menschen im Allgemeinen,
wohlverstanden, nicht von Heiden hat er da geredet, sondern von Christen. Meint ihr nicht
auch, es sei eine merkwürdige Eigenschaft nicht nur der Großstadt-Menschheit
überhaupt, sondern gerade der Großstadt-Christenheit aller
Richtungen und Schattierungen, dass sie die Kunst des Zuhörens im Grunde
ungern übt, dagegen ums Leben gern redet, behauptet, diskutiert? Das hat
seinen guten Grund. |
Einer meiner besten Studienfreunde, der jetzt Pfarrer ist in einem der
abgelegensten Dörfchen des Berner Oberlandes am Fuß des Sustenpasses,2 hat mir vor
einigen Wochen eine Predigt von ihm zugeschickt, in der er von seinem
Standpunkt aus über den Unterschied des Christentums zu Stadt und Land geredet hat. Er
hat dort seinen Zuhörern mit großem Nachdruck gesagt, sie hätten vor uns
Leuten in der Stadt den großen Vorzug der Einsamkeit, sie sollten sich
diesen Vorzug recht zu Nutze machen durch stille Arbeit an ihrer innern
Vertiefung und durch Gebet. Uns in
der Stadt fehle dazu die Muße und die Stimmung, die dort durch die grandiose
Stille der Natur von selbst erzeugt werde. Und der Prediger ließ deutlich
durch3blicken, dass somit das echte, rechte
Christentum überhaupt nur in der Abgeschiedenheit des Landlebens gedeihen
könne. Ich habe ihm sofort geantwortet, so einfach stünden die Dinge nicht.
Es sei nichts mit der Einsamkeit des Glaubens ohne die Gemeinsamkeit des
Lebens. Das Christentum sei nicht ein stiller Genuss des einzelnen Menschen,
sondern es müsse sich sofort bewähren und betätigen in der mannigfaltigen
Bewegtheit der menschlichen Gemeinschaft.3 Aber darin hat |366 mein Freund zweifellos recht, dass der Mangel an Einsamkeit,
den wir Christen in der Stadt empfinden, eine ernsthafte Gefahr für unser
Christentum bedeutet, so gut wir hinzufügen werden, dass der Mangel an
Gemeinschaft auf dem Lande, der Genussglaube, der dort leicht entsteht, eine
Gefahr für das Christentum ist. Die Gefahr des Mangels an Einsamkeit, die
uns Leute in der Stadt unzweifelhaft bedroht, zeigt sich besonders deutlich
in der Sache, von der unser heutiger Text handelt. Unser Leben ist so bunt,
so mannigfaltig, so bewegt, wir haben täglich so viel verschiedene
Eindrücke, dass es uns schwer wird, uns zu sammeln und zu konzentrieren,
dass wir zu müde sind, hätte ich fast gesagt, uns über uns selbst zu
besinnen und an unsrer Vertiefung zu arbeiten. |
Und diese Tatsache hat nun die merkwürdige Folge, dass wir im Allgemeinen
lieber reden als zuhören. Auf den ersten Blick scheint es, es müsste
umgekehrt sein. Wir müssten viel mehr das Bedürfnis haben zu empfangen als
zu geben. Aber wir brauchen uns nur darauf zu besinnen, wie es mit diesem
Empfangen und Geben in Wirklichkeit steht, um zu merken, dass die Dinge
kraft eines Naturgesetzes der Geisteswelt sich so verhalten müssen, wie sie
es tun. Wenn wir uns sammeln und konzentrieren zur Selbstbesinnung und Selbstbestimmung,
dann ist die erste Folge die, dass wir schweigsam werden, dass wir aufs Wort
verzichten und dafür willig und freudig werden, Augen und Ohren 4 zu öffnen, um Gottes Ernst und Gottes Liebe zu
sehen und zu hören. Wenn uns dagegen das Marktgetümmel des Lebens hindert am
Besinnen und Vertiefen – und diese Hinderung kann uns Leuten in der
Stadt besonders leicht zu schaffen machen –, dann ist das nächste
Resultat das, dass wir ungeheuer redselig werden und dafür gegen das
einfache, ruhige Hören eine gewisse Abneigung bekommen. Denn das Naturgesetz
der Geisteswelt, von dem ich sprach, lautet so: Wes das Herz leer ist, des
geht der Mund am leichtesten über [vgl. Mt. 12,34 par.]. Die Versuchung und die Gefahr ist für alle Menschen
da, die Worte als eine
verhüllende Nebelwolke zu gebrauchen, hinter denen sich gewisse Nullpunkte
unsres innern Lebens so angenehm verstecken lassen. Dieser Nebelwolken-Gebrauch, den wir von den Wor|367ten machen, ist aber nirgends beliebter als auf dem Gebiet der Frömmigkeit, und wiederum
sind’s die Menschenmassen der großen Städte, die für fromme Redseligkeit ein
besonders fruchtbarer Nährboden sind. Reden, verständig und interessant
reden über Religion, das tritt für uns nur zu leicht an Stelle der Religion selbst. Die Formen, in
denen das geschieht, sind mannigfaltig genug, aber die Sache ist immer
dieselbe: Hier streitet man in einer pietistischen Versammlung darüber, ob
das Rauchen und das Kartenspielen eine Sünde sei oder nicht oder über die
wichtige Frage, in welchem Jahr das Ende der Welt zu erwarten sei. Dort
diskutiert man über Moses und Darwin, über Häckel und Nietzsche.4 Dort sind
vielleicht diese wie jene Fragen gleichgiltig, aber man hat doch seine
Freude daran, über Religion und Kirche und ihre nationale und moralische
Bedeutung große Worte zu
machen. Ich weiß schon, all dies Reden über die Religion geht oft hervor aus
einer tiefen, heißen Sehnsucht nach der Herrlichkeit wirklicher Religion,
und ich bin ferne davon, es zu verurteilen. Die Menschen, die es üben, ob
sie nun Pietisten oder Monisten5 heißen, 5 zeigen aber durch die Art, wie sie mit jenen
Schattenbildern6 der
Religion ihr
Spiel treiben, dass ihnen etwas fehlt, und sie selbst spüren das deutlich
genug. Aber gerade darum wollen wir es uns klar machen, meine lieben Freunde
in der Großstadt, dass alles erbauliche und interessante und festliche Reden
über die Religion nicht die Religion selbst ist, und wir wollen uns sehr
ernstlich prüfen, ob es nicht auch bei uns Ausdruck des Mangels an
wirklicher Religion sei.
Täuschen wir uns nicht: Wirkliche, lebendige Religion ist gegründet und gründet sich
immer wieder auf das Hören. Das Hören will aber gelernt sein; es ist nur möglich, wo das
Besinnen und Sich-Konzentrieren vorangegangen ist, von dem wir sprachen. Und
wenn das uns aufgeregten und vielgeschäftigen Stadtleuten schwerfällt, so
|368 kann das nichts Anderes bedeuten, als dass wir
uns umso mehr Mühe geben müssen. Eine Schwierigkeit erkennen, heißt sie zur
Hälfte überwinden. Aber zunächst kommt es darauf an, was mit dem Hören
gemeint ist, auf das sich eine lebendige Religion gründen soll. Ihr denkt
vielleicht ans Predigt-Hören? Da wäre in der Tat der Umstand bemerkenswert,
dass auch die Willigkeit zum Predigt-Hören in den Städten auffallend gering
ist; die leeren Bänke so mancher Stadtkirche würden davon erzählen, wenn
sie’s könnten. Ich habe euch z. B. schon öfters gefragt, wo die
30 000 Deutschschweizer, die es in Genf geben soll, ihren Sonntagvormittag zubringen. Aber ich habe
doch nicht an das Predigt-Hören gedacht als an das, was uns vor Allem
nottut. Ich glaube, das Predigt-Hören gehört auch dazu, aber es ist nicht
die Sache selbst, die ich meine. Sondern das Hören, das ich meine und von
dem in unserm Textwort die Rede ist, ist ganz einfach das Aufmerken auf die
Stimme des lebendigen Gottes, der in Jesus Christus das lebendige Evangelium, d. h. die
lebendige frohe Botschaft von seinem Ernst und seiner Freundlichkeit in unser Menschenleben gestellt hat. Zu solchem
Aufmerken braucht es freilich die große Stille, von der mein Freund
6 in seiner Predigt geredet hat; aber es
stünde doch schlimm um uns, wenn wir, um dies Aufmerken zu lernen, uns Alle
zuerst ins Hochgebirge begeben müssten. Nein, es kommt vielmehr gerade
darauf an, dass wir an Ort und Stelle aufmerken lernen, denn die Religion,
die sich auf dies Aufmerken gründen soll, muss sich auch an Ort und Stelle
bewähren und
betätigen, nicht abseits von unsrem Leben, nicht in den Ferien, nicht im
Hochgebirge, sondern mitten drin in den Leiden und Freuden unsrer Tätigkeit.
Ich sage, es kommt darauf an, dass wir da schnell werden zum
Hören, wie Jakobus sich ausdrückt. Und die
Dinge stehen so, dass gerade da die heilsame Einsamkeit möglich und
wirklich werden kann, von der eins unsrer Kirchenlieder redet:
Kehre aus der Welt Zerstreuung
In die Einsamkeit zurück,
Wo in geistiger Erneuung
Deiner harrt ein neues Glück.
Wo des heil’gen Geistes Mahnen
Du mit stillem Beben hörst
369 Und aufs Neue zu den Fahnen
Jesu Christi heilig schwörst.
7
Denn diese Einsamkeit ist ihrem Wesen nach etwas Tiefinnerliches; wir haben
sie aber dann, wenn es uns in der Besinnung über unser Leben und seinen Wert oder Unwert
aufgeht, dass unser Weg fortan ein besonderer sein muss, nicht mehr der Weg
von Jedermann wie bisher, sondern der Weg, der durch die Selbstüberwindung
zur Freiheit führt, der Weg, über
dessen Eingangspforte das Wort «Du sollst» geschrieben steht. Und wenn wir
uns aufgemacht haben, diesen einsamen Weg zu gehen, dann ist auch von selbst
die Freude am Hören da, d. h. aber das Bedürfnis, Kraft zu empfangen von dem großen Gott, der
auch sagt: «Du kannst» und «Du darfst». Nun gehen uns die Augen auf für die
wirklichen Werte im Menschenleben, an denen wir vielleicht bis jetzt 7 achtlos vorüber gegangen sind. Wir lernen
lauschen auf das Evangelium der
Freude und der Liebe, dessen Klänge im Geräusch der Welt der Gleichgiltigkeit nicht
untergehen können. Wir entdecken den Menschen, den wirklichen Menschen
inmitten der Schattenbilder, die uns umgeben,8 und wir können nicht genug horchen, lauschen,
aufmerken, wenn uns nun in einem solchen, in seiner ganzen Art zu handeln
und zu reden, etwas von der Freundlichkeit Gottes entgegentritt. Und so beginnt
dann unser inneres, unser religiöses Leben in aller Bescheidenheit damit, dass
wir empfangen, wie es seiner Art und seinem Inhalt nach ein
Geschenk ist. Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören. Prüfe einmal dein inneres Leben
daran, ob es ein solches Geschenk ist, das du empfangen hast oder
ob’s ein Produkt ist, das du selber irgendwie fertig gebracht hast.
Je nachdem ist deine Religion
Wirklichkeit oder Illusion.
Denn wie die wirkliche Religion sich gründet auf das Hören, d. h. auf das
stille Empfangen des verborgenen göttlichen Lebens, das schließlich
allein die Bezeichnung Tatsache verdient, so gründet sich die Religion der
Nichtwirklichkeit auf die Produktion von Nebelwolken. Das ist dann der Fall,
wenn wir meinen, die Religion fange an mit dem Reden. Und das hat dann seine
Ursache darin, dass wir es aus |370 irgend einem Grund
versäumt haben und versäumen, bei uns selbst einzukehren, uns auf den Weg
der Selbstbesinnung
und Selbstverleugnung zu stellen, auf dem allein die wirkliche
Religion gefunden wird.9 Und weil es uns fehlt an diesem Ertrag der
Einsamkeit, wird uns nun die Gemeinsamkeit der Menschen zur Gefahr. Weil uns
die Wirklichkeit fehlt, greifen wir nach ihren Schattenbildern, d. h. wir
fangen an, fromm und interessant über Religion zu reden. Und nun
steht’s eben so: Die Nebelwolken, die wir da entfalten,
um uns selbst und die andern zu täuschen über das Nichtvorhandensein der
Wirklichkeit, diese Nebelwolken unsrer Worte sind mitnichten ein
harmloses Spiel. Sondern 8 wie das Hören und
Empfangen uns Gott näher führt, so führt das Reden weiter weg von ihm. Und
zwar darum, weil es die Haltlosigkeit, in der wir stecken, noch vermehrt
durch die Unwahrhaftigkeit, mit der wir uns über unsern Zustand zu täuschen
suchen. Ich weiß ein Wort aus alter Zeit, das wir ja nicht oberflächlich
verstehen wollen; es lautet so: Du sollst den Namen des Herrn, deines
Gottes, nicht unnütz führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen,
der seinen Namen missbraucht [Ex. 20,7 par.]. Der Sinn dieses Gebotes ist kein anderer als die
tiefernste Warnung: du bist jedes Mal von einer Katastrophe deines innern
Lebens bedroht, wenn du anfängst, über Religion zu reden. Besinne
dich wohl, ob du reden und was du reden willst. Jede Unwahrhaftigkeit auf
diesem Gebiet hat ihre schwere Strafe in sich selbst. Darum ein jeder Mensch
sei langsam zu |371 reden. Meine Freunde, ich weiß, ich
rede da von der tiefen Gefahr, von der kein Beruf so bedroht ist wie der, in
dem ich zu arbeiten habe. Aber gerade weil ich diese Gefahr in meinem
eigenen Leben sehe, darf ich euch darauf aufmerksam machen. Es enthüllt und
erfüllt sich in dem geschilderten Verhältnis von Hören und Reden ein
schweres Wort Jesu: Wer da hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat,
dem wird auch das genommen, was er hat [Mk. 4,25 par.]. Das will sagen: wer durch einsame
Selbstbesinnung
Freude bekommen hat am Hören, der empfängt, indem er hört; wer aber mangels jener
Selbstbesinnung mit dem Reden anfängt, der verbarrikadiert sich durch diese
Unwahrhaftigkeit immer mehr gegen den lebendigen Gott. Jener gewinnt, indem
er hört, dieser verliert, indem er redet. Darum ein jeder Mansch sei
schnell, d. h. bereit zum Hören, aber langsam, d. h. zurückhaltend zum
Reden.
Aber ihr habt vielleicht mit mir das Gefühl, dass wir nicht
zum Kern der Sache vorgedrungen wären, wenn wir’s mit diesen 9 Gedanken über Hören und Reden und bei dieser
Mahnung bewenden ließen. Und in der Tat müssen wir tiefer steigen, um die
Lebensfrage, um die es sich handelt, und die Antwort darauf zu Gesicht zu
bekommen.
Jakobus kann uns dazu zum Führer
dienen. Der Mensch sei langsam zum Zorn, fährt er nämlich fort. Wir fragen uns erstaunt,
was das mit der vorhergehenden Mahnung, langsam zum Reden zu sein, zu tun
habe. Und da fügt er gleich noch hinzu, dass des Menschen Zorn nicht
Gottes Gerechtigkeit tue, bewirke, erfülle, und stellt dem Zorna
die Sanftmut gegenüber als
die rechte Disposition zum Aufnehmen des Wortes und Willens Gottes. – Der Sinn dieser
Ausführungen wäre uns deutlicher, wenn wir sie in der griechischen Sprache
des Urtextes lesen und hören könnten. Wir müssen nämlich das Wort «Zorn» im
Sinn von Gehässigkeit oder
– nach Luthers
Übersetzung – von Bosheit
verstehen.10 Jakobus hat offenbar Leute
gekannt, die das Evan|372gelium mit Gehässigkeit, mit
Bosheit gegen ihre Nächsten aufnahmen, und er warnt seine Leser und Hörer,
es nicht so zu machen. Und wir müssen weiter annehmen, er sei der Ansicht
gewesen, zwischen dem raschen Reden und jener gehässigen Gesinnung mancher
Christen bestehe ein sehr intimer Zusammenhang, ebenso wie
zwischen der Willigkeit zum Hören und dem, was er Sanftmut nennt, d. h. einer
freundlichen, billigen, gerechten Gesinnung gegen den Nebenmenschen.
Ich meine, diese Zusammenhänge sind in der Tat da, und wir wollen suchen, sie
uns klar zu machen.
Wir besinnen uns auf das, was wir eben gesehen haben, dass das stille,
dankbare Aufmerken auf Gott, das allein eine wirkliche Frömmigkeit begründen kann, hervorgehen muss
aus der sittlichen Selbstbesinnung. Es gibt nun allerlei, was sich Selbstbesinnung
nennt, aber in Wirklichkeit nichts ist als ein Spiel mit schönen Gefühlen
und Sentimentalitäten. Hinter diesen Dingen 10
aber verbirgt sich oft genug der alte Adam, der das Seine sucht [vgl.
1.Kor. 10,24]. Das kommt
dann sofort zum Ausdruck in der Neigung zum schnellen Reden über diese Gefühle, und die unmittelbare
Folge des Ganzen ist ein Illusionsreligiönchen der
einen oder der andern Sorte. Sittlich ist allein die Selbstbesinnung, die in
der Frage besteht nach dem, was wir sollen, d. h. in der Frage
nach der unbedingten Autorität,
nach der sich unser Wille zu richten hat, wenn er nicht zerflattern will in
allerlei gleichigiltigen, wertlosen, subjektiven Wünschen und Stimmungen. Ernstgenommen führt
uns nun diese Frage sofort über die enge Begrenztheit unsres eigenen Daseins
hinaus. Nur das kann die Autorität sein, die uns nottut, die für
alle gilt und die ebendarum alle miteinander verbindet. Und
so ist das die wirkliche, die sittliche Selbstbesinnung, in der der Mensch lernt, sein
kleines Ich hinter sich lassen und sich dem Gesetze unterwerfen, das ihn auf
die andern Menschen, auf seine Brüder hinweist, auf die Menschheit, der er angehören soll
nicht als ein unbewusstes Glied, sondern als ein bewusstes.
373 Aber es ist eine schwere und seltene Sache um eine solche Selbstbesinnung.
Uns Allen liegt eine andre Art viel näher, die nämlich, die bei dem Worte
Selbstbesinnung das Selbst unterstreicht und die darum in
dieser oder jener Weise im Kleinmenschlichen stecken bleibt. Wir vermeiden
es, ernst zu machen mit der Autorität, die uns über uns selbst hinausweist;
wir schieben, vielleicht ohne uns Gedanken darüber zu machen, unsre kleinen
Wünsche, unsre verborgenen Tendenzen dazwischen. Kurzum, das Resultat unsrer
Selbstbesinnung, wenn wir welche kennen, ist ein geheimer, wenngleich
erbaulicher und gefühlvoller Egoismus. Und wenn nun ein Mensch in solchem innern Zustand sich
noch diese oder jene christlichen Gedanken aneignet, allerlei orthodoxe oder
liberale Gedanken über Gott, über die Erlösung, über ein Leben nach dem
Tode, dann ist das Resultat des Ganzen etwas, das 11 wie Christentum aussieht, das aber in Wirklichkeit das schnurstracke
Gegenteil davon ist. Und dies egoistische Schein-Christentum ist nun die
Wurzel der beiden Tatsachen, die Jakobus in unserm Text in so überraschender Weise in Beziehung
setzt. Erstens der Tatsache, dass wir keine Freude haben am Hören, am Empfangen, sondern
dass wir anfangen, über Religion zu
schwatzen. Denn der Egoismus ist im tiefsten Grunde ebenso sehr
Selbstsucht wie Selbstgenügsamkeit, und den luftleeren Raum, der
durch diese falsche Genügsamkeit in uns entsteht, suchen wir dann
auszufüllen durch die Produktion jener Nebelwolken von frommen
Worten. Und die andre Tatsache, die aus dem egoistischen Scheinchristentum
folgt, ist die gehässige,
unfreundliche Gesinnung gegen die Nebenmenschen. Kein Wunder. Aus Egoismus
kann nichts werden als wieder Egoismus. Vielmehr, wir werden sagen müssen:
das ist der menschliche Egoismus in seiner
schrecklichsten Form, der im Mäntelchen christlicher Gedanken und Worte
einhertrabt. Die Geschichte aller Religionen – und die des Christentums leider am deutlichsten – zeigt, wie die
Brutalität, zu der sich die Menschheit verirren kann, nirgends schlimmer ist
als da, wo sie ihre gröbern oder feinern Untaten mit der Gloriole der
Religiosität oder der Christlichkeit zu umgeben gewusst hat. Wir stehen hier
zum zweiten Mal vor der Wahrheit, dass der Herr den nicht ungestraft lässt,
der seinen Namen missbraucht [Ex. 20,7], d. h. aber vor der furchtbar ernsten Tatsache, dass die
Unwahrhaftigkeit Gott gegenüber ihre Strafe in sich selber trägt.
374 Jakobus verrät eine tiefe
Einsicht in den Sachverhalt der Dinge, indem er Beides unmittelbar
nebeneinander stellt: das religiöse Geschwätz und
die Lieblosigkeit
gegen den Nächsten. Beides sind in der Tat nur verschiedene Seiten derselben
Sache. Das religiöse Geschwätz beruht auf dem Mangel an sittlicher
Selbstbesinnung, d. h. aber auf dem Egoismus, und die Lieblosigkeit gegen
die Mitmenschen beruht auf der Unwahrhaftigkeit, die darin
besteht, dass wir so tun, als ob unser Egoismus das Gegenteil wäre, nämlich
christliche Frömmigkeit. 12 Beides miteinander hat
Jakobus in den Ausführungen unsrer Textworte treffen wollen als die
Ausflüsse derselben trüben, vergifteten Quelle. Sein Satz, dass des Menschen
Zorn nicht Gottes Gerechtigkeit tue, steht
sachlich unmittelbar neben dem Wort Jesu, dass nicht, die «Herr, Herr»
sagen, ins Himmelreich kommen sollen [vgl. Mt. 7,21]. Es steht in der Tat so, dass diese beiden
Dinge, die Lieblosigkeit und die Unwahrhaftigkeit aufs Engste zueinander
gehören und miteinander den innern Zustand ausmachen, der von dem innern
Leben, wie Gott durch Jesus es in uns schaffen will, am denkbar weitesten
entfernt ist. Ein Mensch, bei dem es so aussieht, tut nicht Gottes
Gerechtigkeit, sondern das Gegenteil davon.
Das Merkwürdigste und Nachdenklichste an diesem innern Zustand besteht aber
meines Erachtens darin, dass ein solcher Mensch im Bewusstsein lebt, ein
Gottesmensch zu sein. Ich komme darauf zurück, dass Jakobus sich mit seiner
Mahnung nicht an «arme Heiden», sondern an Christen gewandt hat und dass
seine Mahnung sicher aus den Erfahrungen geflossen ist, die er mit Christen
gemacht hat. Es leidet keinen Zweifel, und wir tun gut, uns das klar zu
machen, dass der innere Ruin eines Menschenlebens, in dem die Lieblosigkeit und die
Unwahrhaftigkeit herrscht, gerade dadurch vollständig und
offenbar wird, dass dies Menschenleben äußerlich die Kennzeichen des
Christentums trägt. Dem Leben der Ewigkeit, das das Evangelium denen verheißt, die guten
Willens und die aus der Wahrheit sind, entspricht die zermalmende Gewalt
desselben Evangeliums, wo es auf Lieblosigkeit und Unwahrhaftigkeit stößt.
Paulus hat einmal ein Wort vom
Abendmahl gesagt, das hat man
neuerdings als zu hart und unfreundlich beanstandet und deshalb aus neueren
Abendmahlsliturgien entfernen wollen.11 Ich glaube
nicht, dass das wohlgetan ist, denn |375 es ist wieder
eine unwahre Schwächlichkeit, wenn man meint, die harte, unfreundliche Seite
der christlichen Wahrheit eskamotieren 13 zu müssen und
zu können. Das Pauluswort, an das ich denke, lautet so: Wer unwürdig das
Brot isst oder den Becher des Herrn trinkt, der vergeht sich an Leib und
Blut des Herrn. Es prüfe sich aber jeder selbst, und hierauf esse er von dem
Brot und trinke von dem Becher. Denn wer da unwürdig isst und trinkt, der
isst und trinkt sich selbst zum Gericht [1.Kor. 11,27–29]. Meine Freunde, das
Abendmahl war für die ersten Christen der feierliche Mittelpunkt ihrer
Teilnahme am Evangelium. Was aber vom Abendmahl nach Paulus’ Meinung gilt, das galt und gilt
zweifellos vom Evangelium
überhaupt: Wer unwürdig, d. h. aber unwahrhaftig und lieblos daran
teilnimmt, sich einen Christen nennt, allerlei Schönes an seinem Christentum
zu haben meint, der tut es sich selber zum Gericht. D. h. die Katastrophe
seines innern Lebens, der er in dunkelm Drange12
durch solche Teilnahme am Evangelium,
durch solches Christentum ausweichen möchte, wird eben gerade dadurch
vollständig, offenbar, definitiv.
So ist der Inhalt unsres Textwortes kein andrer als die ernsthafteste
Aufforderung, die Voraussetzungen unsres Christentums der gründlichsten
Revision zu unterziehen. Es prüfe jeder sich selbst, und
hierauf nehme er teil am Evangelium. Vor rund 40 Jahren hat
der bekannte David Friedrich Strauß ein lächerliches Buch
geschrieben über den alten und den neuen Glauben.13 In diesem
Buch ist aber eins sehr gut |376 und nachahmenswert,
nämlich die Überschrift des ersten Kapitels. Die besteht in der Frage: Sind
wir noch Christen?14 Diese treffliche Frage wollen wir uns Alle stellen, nicht
nur einmal, sondern immer wieder. Nicht in der kindischen Weise von Strauß freilich,
der in jenem Kapitel allerlei christliche Dogmen mit den Ergebnissen der modernen Astronomie und Zoologie vergleicht und deshalb zur Antwort kommt,
wir seien keine Christen mehr. Ich bitte euch, was haben die Dogmen, die
Astronomie und die Zoo14logie mit dem Christentum zu tun? Nein,
dann ist jene Frage trefflich und sachgemäß, wenn wir
unsern innern Zustand, die Motive und Intentionen, die im letzten Grunde
unser Leben regieren, vergleichen mit der Wahrheit und der Liebe, die wir im
Charakterbild Jesu, wie das Neue Testament es zeichnet, in aller wünschenswerten Deutlichkeit vor
uns haben.15 Und wenn wir diesen Vergleich
antreten mit der Frage: Sind wir noch Christen?, wenn wir dann der Lieblosigkeit und
Unwahrhaftigkeit gewahr werden, die auf dem verborgenen Grunde
unsres Christentums ihr heuchlerisches Spiel treibt, dann kann uns nichts
Erfreulicheres passieren, als wenn wir’s fertig bringen, uns herzhaft
die Antwort zu geben: Nein, wir sind keine Christen mehr; wir waren’s
vielleicht einmal, aber jetzt sind wir das Gegenteil davon. Nein, wir sind
noch keine Christen; vielleicht werden wir’s wieder einmal, aber
vorläufig sind wir noch das Gegenteil davon. Denn es kann uns in
Religionssachen nichts Erfreulicheres passieren, als wenn wir lernen, reinen
Tisch zu machen und dann von vorn anzufangen.
377 Von vorn anzufangen, d. h. uns an das Werk der Selbsterziehung zu machen,
erstens zur Sanftmut und zweitens
zum dankbaren Hören. Beides gehört wieder zusammen, wie die Gehässigkeit und das religiöse
Geschwätz zusammengehören. Und beide machen zusammen ebenso die
Voraussetzung wie den Inhalt des wirklichen Christentums aus. Das geht aber
so zu: Wenn wir’s ernstnehmen mit jener Frage nach dem, was wir
sollen, mit der Frage nach der Autorität, die unser Leben beherrschen muss, weil sie für Alle
gelten soll und Alle miteinander verbindet, dann sind wir auf dem Wege zur
Überwindung des Egoismus, und an
seine Stelle tritt die Sanftmut,
d. h. die freundliche, billige, liebevolle Gesinnung gegen den Nächsten. Dafür bedarf es
keines Beweises; denn es braucht sich nur jeder nüchtern die Frage nach dem
großen Sollen zu stellen, so kann er bemerken, dass es sich dabei um nichts
anderes handeln kann als um solche Gesinnung. Diese Erkenntnis gehört zu den
ehernen 15 Grundlagen des menschlichen Geistes,
die man wohl vertuschen, aber nicht verleugnen kann. Und nun steht’s
so, dass gerade diese Gesinnung uns willig und freudig macht zum Hören,
d. h. zum dankbaren Empfangen. Dies darum, weil diese Gesinnung nicht ein
für alle Mal da ist, sondern weil sie Kampf bedeutet, Kampf gegen den
Egoismus, der uns immer wieder das Ziel verrücken möchte. Und in diesem
Kampf haben wir Kraft nötig, Gewissheit, Sieghaftigkeit, wenn wir nicht
mutlos werden und unterliegen sollen. Diese Kraft, diese Gewissheit, diese
Sieghaftigkeit ist aber der Inhalt des Evangeliums. Denn das Evangelium bedeutet nichts
Anderes, als dass unsre Unklarheit und Mangelhaftigkeit vor die Klarheit und
Fülle der Liebe und
der Wahrhaftigkeit gestellt wird, die in Jesus ist. Und wie in ihm
der Unaufrichtige sich gerichtet weiß, so lässt es Gott in ihm dem
Aufrichtigen gelingen [vgl. Spr. 2,7]. D. h. also: Wenn durch den Willen zur Sanftmut die Freude
am Hören in uns geweckt ist, so ist das die rechte Disposition zum Aufnehmen
des Evangeliums. Wenn das aber so steht, dann ist diese rechte Disposition,
von der Jakobus redet, nichts
Anderes als der rechte Glaube.
Der Glaube aber tut Gottes Gerechtigkeit. So kümmerlich unsre Liebe und so hilflos unsre
Empfänglichkeit sein mag, wenn nur der Wille zur Liebe den Willen zur
Empfänglichkeit geweckt hat, so hat unser inneres Leben Ewigkeitswert. Das
in uns gepflanzte Wort errettet dann unsre Seelen. Nun wir denn sind gerecht
geworden durch |378
den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn
Jesum Christum [Röm. 5,1].
Einen andern Weg gibt es nicht.