Predigt Nr. 33 · 13. Februar 1910

Predigt: Jakobus 1,13-18

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Jakobus 1,13–18
Niemand, der versucht wird, soll sagen: ich werde von Gott versucht. Denn für Gott gibt es keine Versuchung zum Bösen, und er versucht Niemanden. Vielmehr wird jeder so versucht, dass er von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt wird. Dann empfängt die Begierde und gebiert die Sünde, und die Sünde, reif geworden, gebiert den Tod. Irret euch nicht, geliebte Brüder, gute Gabe allein und nur vollkommene Spende kommt von oben herab, vom Vater der Lichter, bei dem es keine Veränderung gibt noch eine Spur von Wechsel. Nach seinem Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, damit wir seien eine Art Erstlingsfrucht unter seinen Geschöpfen.
Meine Freunde!

Wir haben es heute mit einem schweren Text zu tun und mit einem schweren Gegenstand; und wir Alle müssen uns recht Mühe geben, damit wir ihn gut verstehen.

Es handelt sich, wie ihr gehört habt, um die Frage, ob denn die Versuchung zum Bösen auch von Gott komme. Es scheint, dass diese Frage bei den ersten Christen öfters ist verhandelt worden. Sie mussten sich gegen die Einrede verwahren: Wenn denn Gott Alles in Allem ist [vgl. 1.Kor. 15,28], wenn nichts ohne ihn geschieht und Alles durch ihn, wie ihr behauptet, dann muss er es ja auch sein, der die Menschen zum Bösen versucht. Es kann uns gar nicht wundern, dass diese Einrede gemacht worden ist. Wenn Einer so rückhaltlos ernst macht mit Gott, wie Jesus und nach ihm besonders Paulus es getan haben, dann liegt diese Einrede nahe genug. Auch Calvin hat sie hören müssen.1 Sie hat den Schein großer Logik für sich und ist darum eine Einrede, die wohl wert ist, sehr ernsthaft genommen zu werden. Wir müssen uns dazu aber vor Allem klar machen, dass es sich dabei für uns nicht um |349 eine alte theologische Streitigkeit handelt. Sonst denken wir entweder: wie interessant! oder: wie langweilig! und merken nicht, dass die Sache uns höchst direkt angeht.

Denn in der merkwürdigen Frage, die Jakobus in unsern Textworten verhandelt, steckt wieder eine Lebensfrage. Gott versucht den Menschen zum Bösen, das würde ja nichts Anderes bedeuten als: die Entscheidung zwischen Gut und Böse trifft nicht der Mensch, sondern sie trifft ihn, als ein Ereignis, über das er keine Gewalt hat, wie ihn auch wohl ein Hagelwetter treffen kann. Gott versucht den Menschen, das würde bedeuten: es ist unmöglich, den Menschen für die Richtung, die sein Leben nimmt, verantwortlich zu machen, denn wie wäre von ihm zu erwarten, dass er Gott widerstünde. Das würde bedeuten, der Mensch ist in der allerernsthaftesten Angelegenheit seines Lebens nicht frei, sondern unfrei. Mit andern Worten: in der alten theologischen Frage, von der unser Textwort redet, steckt die Lebensfrage nach der Verantwortlichkeit, die Frage, ob es überhaupt angeht, von einem menschlichen Willen zu reden und an ihn zu appellieren, oder ob das, was wir so nennen, nichts Anderes ist als ein im Grunde bewusstloses Stück der merkwürdigen großen Maschine des Daseins, über die der eine das Wort «Gott» schreibt und der andre das Wort «Natur». Und nun hat ja die alte Frage, die schon den ersten Christen zu denken gab, die Frage, ob Gott den Menschen auch zum Bösen versuche, auch ein sehr modernes Gesicht. Ihr habt gewiss auch schon von den Theorien gehört, die lehren, der Mensch könne vom Standpunkt der Naturwissenschaft aus als nichts Anderes betrachtet werden denn als ein Stück der unbewussten Naturwelt, in der es wohl Ursachen gibt und Wirkungen, aber keinen bewussten freien Willen, der sprechen könnte: ich will selbst Ursache sein und nicht bloß Wirkung. Nach diesen Theorien, wie sie besonders scharfsinnig der Italiener Lombroso ausgesprochen hat,2 wird hier der eine ein guter, dort |350 der andre ein böser Mensch, wie hier ein Birnenbaum Früchte trägt und dort sein Nachbar bloß Blätter, ohne dass man den einen oder den andern dafür verantwortlich machen könnte. Es ist eben Alles Natur, d. h. notwendige Ursache und Wirkung. Es ist von vornherein klipp und klar geregelt, was aus einem Menschen wird: durch die Art seiner Großeltern und Eltern, durch seine Gesundheit, durch das Klima, durch die Nahrung, durch das Milieu, in dem er lebt. Es kann keine Rede davon sein, dass er sich frei entschließen könnte, gut zu sein oder böse. Es ist Alles Natur. – |

So die weitverbreitete moderne Ansicht. Der Mensch ist eine hilflose, kleine Schraube, eingespannt in einen ungeheuren Mechanismus. Und ich wiederhole es: es ist sachlich gleichgiltig, ob man nun über diesen Mechanismus das Wort «Gott» schreibt oder das Wort «Natur», ob man also sagt: Gott versucht den Menschen zum Bösen, oder ob man sagt: die Natur macht ihn zu dem, was er ist. Die Meinung ist beide Mal dieselbe: Der Mensch kann nichts tun zu dem, was er ist. Es gibt keine Freiheit. Es gibt keine Verantwortlichkeit.

Ja, meine Freunde, das tönt nun vielleicht Alles immer noch recht philosophisch und abstrakt. Aber ich hoffe, ihr habt doch mit mir die Erkenntnis, dass die Angelegenheit, um die es sich handelt, ungemein praktisch ist. Es ist für die Gestaltung unsres Lebens durchaus nicht gleichgiltig, ob wir uns so oder so entscheiden. Ein Knabe aus unsrer deutschen Schule, den ich jüngst wegen schlechtem Betragen zur Rede stellte, hat mir freundlich lächelnd geantwortet: Was wollen Sie? Ich bin einmal so. Das ist meine Natur! Und wir brauchen nur einmal darauf zu achten, wie oft wir uns selbst über dem Gedanken ertappen: Ich bin einmal so! Das ist meine Natur! Wenn wir uns so freundlich lächelnd vor uns selbst und den andern entschuldigen, so mag daran freilich die Theorie Lombrosos oder die Meinung, dass Gott die Menschen versuche, die geringste Schuld tragen. Wohl aber ist eine gewisse Gesinnung in uns allen daran schuld. Siea bringt im letzten Grunde |351 jene Meinungen hervor, jedenfalls ist sieb es, die sie populär und beliebt macht. Diese Gesinnung besteht in dem Verlangen, dass durch das Wort Verantwortlichkeit ein dicker Strich gemacht werde. Dies Verlangen äußert sich dann unter Umständen in dem begreiflichen Wunsch, dass von Wissenschafts wegen das Gewissen in Abgang dekretiert werde. Denn das Leben gestaltet sich in der Tat viel einfacher und erfreulicher, wenn man hindurchwalzen kann nach der Melodie: Ich bin einmal so, als wenn es heißt: ich sollte aber anders sein. Und eben darum ist die Frage, mit der wir’s zu tun haben, im tiefsten Sinn eine Charakter-, eine Gesinnungsfrage. Nicht zwischen zwei Theorien gilt es hier zu wählen, sondern wir stehen am Scheideweg zweier Lebensstraßen.

Aber wir müssen nun der Sache gleich näher treten. Und weil die Sache uns Menschen von heutzutage weniger in der Form der Frage, ob Gott zum Bösen versuche, bekannt und dringlich ist, als in Form der Redensart und der Stimmung: Ich bin einmal so! Das ist meine Natur, so wollen wir zunächst von diesem letztern Punkt ausgehen, Ist jene Redensart giltig oder nicht? Ist das Böse an uns und das Gute eine Naturerscheinung wie Regenwetter und Sonnenschein, oder ist der Mensch in diesen Dingen frei und darum verantwortlich?

Wir können dazu gleich den schönen Gedanken ins Auge fassen, den Jakobus in unsrer Stelle über Gottes Art und Wesen zum Ausdruck bringt. Jakobus ist der Meinung gewesen, es sei nichts mit jener Redensart. Es sei nicht wahr, dass Gott zum Bösen versuche oder dass einer durch seine Natur gezwungen sei, böse zu sein. Vielmehr: gute Gabe allein und nur vollkommene Spende kommt von oben herab. Das will sagen: Die verborgene unbedingte Macht, die über die Welt und die Menschen Gewalt hat, ist nicht ein Rätselwesen, das zweideutig Böses und Gutes in sich bürge sondern sie ist rein und unzweideutig die Macht des Guten. Gott ist nicht Helldunkel, sondern Gott ist das Licht. Den Vater der Lichter nennt ihn Jakobus, und wir erraten unschwer, auf was er da anspielt. Er meint die Lichter, die ihre Bahn gehen an dem ungeheuren Gewölbe des Himmels, das sich nach der Anschauung des Altertums über die Erde spannt: die Sonne, der Mond und

352 der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.3

Sind sie Licht, um wieviel mehr Gott, der sie geschaffen. Nein, in viel höherm Maße, meint Jakobus. Denn bei den Lichtern des Himmels ist beständig Veränderung und Wechsel. Das Licht des Tages, die Sonne, und das Licht der Nacht, der Mond [vgl. Gen. 1,16], sie kommen und gehen, ihr Licht nimmt ab und zu, es leidet unter totalen und partiellen Finsternissen, und ebenso ist die Sternenwelt beständigem Wechsel unterworfen. Die Lichter kommen, gehen, vergehen, das Licht bleibt, weil es unwandelbar und unvergänglich ist, Gott ist der Vater der Lichter, bei dem es keine Veränderung gibt noch eine Spur von Wechsel. Und so ist’s undenkbar, behauptet Jakobus, dass Gott zum Bösen versuche; was von ihm kommt, ist gute Gabe und vollkommene Spende.

Bleiben wir einmal bei dem Bilde von den Lichtern des Himmels stehen. Wenn ich recht sehe, so ist darin eine Beziehung verborgen, die dem Jakobus noch nicht bekannt sein konnte, weil sie dem Altertum überhaupt noch nicht bekannt war. Wie steht’s denn nach den Anschauungen unsrer Astronomen mit der Veränderlichkeit dieser Lichter? Offenbar liegen doch die Dinge so, dass bei all den Bewegungen der Himmelskörper von einer Veränderung dieser selbst nicht die Rede sein kann, sondern immer nur von einer Veränderung der Ansicht, die wir davon haben. Die Sonne verändert sich nicht, wenn wir sagen, dass sie auf- oder untergeht, wohl aber verändert sich unsre Ansicht davon. Der Mond ist immer derselbe, ob wir ihn nun als Vollmond oder als Halbmond sehen oder ob er uns sogar völlig unsichtbar wird. Der Komet, von dem man jetzt so viel redet,4 war eben derselbe, auch als er noch einige Millionen Kilometer weiter von unsrer Erde entfernt und folglich für uns unsichtbar war. Es handelt sich also bei dem Wechsel, dem die Gestirne anscheinend unterworfen |353 sind, tatsächlich nur um den Wechsel der Anschauung, die wir Menschen auf der Oberfläche unsres kleinen Gestirns von den Dingen haben. Und wenn somit die teilweise oder ganze Dunkelheit, in die sich die Gestirne nach bestimmten Gesetzen hüllen, eine Sache unsrer menschlichen Anschauung ist, die nichts zu tun hat mit einer wirklichen Veränderung, so gilt dasselbe, wenn wir vom Licht der Sonne, des Mondes, der Sterne reden. Wir sehen sie als Lichter, weil wir gewohnt sind, sie nicht anders wahrzunehmen als mittelst unsrer Augen. Aber dass wir sie in dieser Weise wahrnehmen, das ändert nichts an ihrem Vorhandensein und an ihrem Wesen. Leverrier hat den Planeten Neptun entdeckt, ohne ihn gesehen zu haben, einfach durch Berechnung.5 Mit einem Wort, wenn wir bei den Gestirnen, deren Veränderlichkeit Jakobus in Gegensatz stellt zu Gottes Unveränderlichkeit, wenn wir bei ihnen von Dunkel und Licht reden, so kann das nur den Sinn haben, dass wir nach unsrer ganzen Organisation und Stellung genötigt sind, sie hell oder dunkel zu sehen. Dagegen können und dürfen wir nicht sagen, dass sie an sich selber deswegen hell oder dunkel seien.

Und nun brauchen wir bloß dies von Jakobus gebrauchte Bild von den Sternen in der vertieften Auffassung, die uns heute möglich ist, anzuwenden, so stehen wir mitten in der Frage drin, die uns heute beschäftigt, und vielleicht haben wir dann den wichtigsten Schlüssel zu ihrer Lösung in Händen. Ich meine das so: Wenn das wahr ist, dass die Veränderlichkeit der Gestirne in Wirklichkeit die Veränderlichkeit des Menschen ist, der sie beobachtet, so dürfen wir etwas Ähnliches annehmen von dem grenzenlosen Mechanismus der Naturwelt überhaupt, von dem ja die Sternenwelten nur ein für uns besonders eindrucksvoller Teil sind. Wenn uns gesagt wird, die Menschen seien bloße Schräubchen und Spulen in diesem Mechanismus der Natur, die ebenso willenlos hier zum Guten und dort zum Bösen bestimmt seien, so könnte es sein, dass es in Wirklichkeit mit diesem Guten oder Bösen, zu dem die Natur uns angeblichc zwingt, steht wie mit dem |354 Licht und dem Dunkel der Gestirne, dass es nämlich – nicht Sache der Anschauungsweise diesmal –, aber Sache der Willensentscheidung des Menschen ist. Es könnte so sein, sage ich, aber es könnte nicht nur, sondern es ist so. Was ist es denn mit diesem Mechanismus der Naturwelt, der angeblich gute und böse Menschen hervorbringen soll mit der gleichen Notwendigkeit, mit der er Schafe, Apfelbäume und Leoparden hervorbringt? Ja, ich bitte euch, wie kommen denn solche Dinge wie Gut und Böse überhaupt in diesen Mechanismus der Natur hinein? Für die Naturwissenschaft gibt es wohl Pflanzen und Tiere von tausend Arten und unter den Menschen Neger und Chinesen, Gesunde und Kranke, Krüppel und Normale. Aber eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Guten und des Bösen gibt es nicht. Die besten Fernrohre und Mikroskope haben weder am Himmel noch auf Erden etwas dergleichen wahrgenommen. Wer von einem Menschen sagt, er sei von Natur gut oder von Natur böse, der steht auf der gleichen Stufe mit dem, der behaupten wollte, der Mond sei eine Sichel, weil er in der dritten Woche des Monats aussieht wie eine Sichel. Wer sauber und exakt denkt, der wird sagen müssen, dass weder das Gute noch das Böse der Natur an sich selber zuzuschreiben ist. Sondern wenn diese Dinge Wirklichkeit sind und nicht bloß eine Illusion, wie man auch schon gemeint hat,6 so müssen sie anderswoher kommen.

Aber nun könnte jemand einwenden, das sei wieder einmal Rabulistik und Philosophie, die die Dinge auf den Kopf stelle. Er würde uns z. B. entgegenhalten, dass es nachgewiesen sei, dass gewisse Menschen durch Trunksucht und andere Entartung ihrer Eltern und Voreltern zu Verbrechern geradezu prädestiniert seien, dass die Moralität des Menschen aufs Innigste zusammenhänge mit dem Klima, in dem er lebe, mit der Nahrung, die er genieße, mit der Umgebung, in der [er] aufgewachsen sei, kurzum mit Dingen, an denen sein Wille nichts ändern könne, weil sie naturgesetzlich so sein müssen, wie sie sind. |355 Und folglich stamme das Gute und das Böse eben doch aus der Natur. Gemach, lieber Freund, wenn du das zugibst, dass man von böser oder guter Natur so wenig reden kann wie von hölzernem Eisen, so brauchst du dir nur noch zu überlegen, was denn das sagen will, wenn wir von Gut und Böse reden, so wirst du vielleicht trotz jenen Beispielen meiner Ansicht sein, dass das Böse und das Gute anderswoher kommen als aus dem, was wir die Natur nennen. Es mag in weitgehendem Maß richtig sein, dass gewisse Menschen durch Vererbung einen natürlichen Hang zu allerlei Lastern bekommen haben oder z. B. durch das Klima, in dem sie leben, einen Hang zur Faulheit (wie die Italiener) oder durch viel Fleischnahrung ein hitziges und unbeständiges Wesen. Aber es hat doch seinen guten Grund, dass wir in solchen Fällen eine gewisse Scheu tragen, mit der Bezeichnung «böse» Menschen für die Betreffenden zur Hand zu sein. Ebenso wie wir zögern, einen andern, der durch gute und glückliche Umgebung und Lebensumstände nie in die Lage gekommen ist, Dinge zu tun, die man böse heißt, deshalb schon einen guten Menschen zu nennen. Offenbar liegt eben das Gute und das Böse tatsächlich in etwas Anderem als in dend Erscheinungen des menschlichen Lebens, die zum Naturgebiet gehören. Das Böse ist etwas Anderes als eine Krankheit unsrer Natur, und das Gute ist etwas Anderes als ihre Gesundheit. Freilich äußert sich das Böse sofort auch als Krankheit unsrer Natur, als Faulheit, als Liederlichkeit, als Unsittlichkeit, als Trunksucht, als Verbrechen, aber wenn wir diese Dinge böse nennen, so meinen wir damit doch etwas Anderes als die betreffenden äußern Lebenserscheinungen, die wir ja auch beim Tier wahrnehmen können. Böse ist die Gesinnung, die sie hervorbringt. Und wiederum muss sich das Gute äußern in guten Taten aller Art, als Arbeitsamkeit, als Ernst, als Gehorsam, als Selbstzucht, aber wenn wir alle diese Dinge gut nennen, so geschieht es doch nur insofern, als wir sie uns denken müssen als aus einer guten Gesinnung hervorgegangen.

Gut und Böse gibt es offenbar nicht auf dem Gebiet der Natur und der Naturerkenntnis, wohl aber auf dem Gebiet der Gesinnung und der Selbsterkenntnis. Und wie geht das zu, wenn wir da auf diese Dinge stoßen? Das geht so zu, dass wir anfangen, uns selbst zu be|356urteilen, d. h. nach dem Wert oder Unwert unsres Daseins und unsrer Handlungen uns zu fragen. Solange wir uns zu diesem Tun nicht aufgerafft haben, solange steht es freilich so um uns, dass wir an unserm eigenen Wesen und an dem der andern nichts wahrnehmen können als Natur. Das Sprüchlein: Ich bin einmal so! ist dann oberste Lebensregel. Solange sind wir tatsächlich nichts als Schräubchen an dem ungeheuren Mechanismus der Natur. Wir bemerken weder Gutes noch Böses an uns, sondern lauter Natur, d. h. aber, wir sind überhaupt noch nicht Menschen geworden, sondern wir sind noch Pflanzen oder Tiere. – |

Ein Mensch wird einer dann, wenn er lernt, zu sich selber sagen: halt!, ich bin etwas Besonderes; halt!, ich bin nicht bloß eine Spule in einer Maschine, die abläuft, solange der Faden währt. Mein Leben hat eine Aufgabe, mein Leben hat ein Ziel; und wenn er sich nun fragt: wie verhält sich mein Dasein, mein Denken, Handeln, Fühlen zu diesem Ziel? Wie stand es gestern, heute mit mir, wie wird’s morgen stehen? Und nun scheidet sich die gleichgiltige Masse unsres natürlichen Lebens in Gut und Böse durch die Entscheidung unsres Willens für oder gegen, so wie es von unsrer Anschauungsweise abhängt, ob die Himmelskörper über uns Licht sind oder Dunkel.

Sollte die Unterscheidung von Gut und Böse, die wir in der sittlichen Selbstbesinnung vornehmen, eine Fiktion sein, ein Phantasiegebilde ohne Wirklichkeit? Sollte die Entscheidung zwischen Gut und Böse, die wir in der sittlichen Selbstbestimmung vornehmen, eine Illusion sein, ein müßiges Gedankenspiel? Es wäre freilich so, wenn nur der Natur und dem Naturerkennen Wahrheit und Wirklichkeit zukäme, wenn der Mechanismus der Notwendigkeit, von dem wir sprachen, das ganze Leben wäre. Aber nun stehen die Dinge vielmehr so, dass das, was den Namen Leben verdient, das, was den Menschen von der Pflanze und vom Tier unterscheidet, da erst beginnt, wo der Mechanismus der Notwendigkeit mit seinen Gesetzen aufhört. Durch die schmale Pforte der Selbstbesinnung und Selbstbestimmung tritt der Mensch ein in das Reich der Freiheit, in dem andre Gesetze gelten als im Reich der Natur.7 Bist du schon durch diese enge Pforte |357 gegangen [vgl. Mt. 7,14], lieber Freund? Gehst du täglich hindurch? Dann verstehst du mich. Dann erlebst du die Wahrheit und Wirklichkeit dieses Reiches. Wissenschaftliche Beweise gibt es nicht dafür, keinen einzigen. Wohl aber wird dein innerster Mensch den Beweis der Kraft sehen, wenn du nicht mehr sagst: ich bin einmal so, sondern: ich soll anders werden.

Und nun verhält es sich gerade so, dass das das Böse ist, wenn wir nachsichtig zu uns selbst sagen: ich bin einmal so, und es damit bewenden lassen. Das ist das Böse, wenn wir Naturwesen bleiben wollen, essen, trinken, schlafen, es gut haben, wie die Tiere und Pflanzen in ihrer Weise es auch tun. Die Natur an sich ist nicht böse, behüte, wir haben eben gesehen, warum nicht, wohl aber ist der Mensch böse, der einmal etwas Derartiges wie Selbstbesinnung und Selbstbestimmung angefangen hat und dann doch wieder vorzieht, ein unbewusstes Stück Natur zu bleiben.8 Den Seehund kann man nicht böse nennen, weil er seinen Lebenszweck darin sieht, Fische zu verzehren und an der Sonne zu liegen, und ebensowenig den Neapolitaner, der seine Tage und Jahre auf dieselbe Weise zubringt, denn beide wissen es nicht besser. Wohl aber sind wir zwei, du und ich, böse, wenn wir’s so machen, denn wir wissen es besser, uns ist’s gesagt: Sei ein Mensch und kein Naturwesene.

Und wie das zugeht, wenn wir das Böse tun, d. h., wenn wir es vorziehen, Naturwesen zu sein, anstatt Menschen zu werden, wie das also in Wirklichkeit zugeht, wenn die Versuchung über uns kommt, das können wir nun einfach aus unserm Text ablesen, besser könnte es gar nicht beschrieben werden. Jeder wird so versucht, dass er von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt wird. Das bedeutet un|358missverständlich: sowie du jene Selbstbesinnung und Selbstbestimmung vollzogen hast, sowie dir das auch nur auf einen Augenblick klar geworden ist, dass du ein Mensch bist und kein Naturwesen, sofort musst du dir auch eingestehen, wenn du dir nicht irgend etwas Sentimentales vormachst, dass du an dem Bösen, das du tust, selbst schuld bist und dass es keineswegs ein Stück deiner Natur ist. Denn die Begierde, die dich reizt und lockt, das ist doch nichts Anderes, als dass du Ja sagst zu deiner Natur, wo du Nein sagen solltest. Z. B. Ja sagst zu der Trägheit, der Sinnlichkeit, dem Egoismus, die dem menschlichen Leib innewohnen. Wer wollte deshalb dem menschlichen Leibe einen Vorwurf machen und ihn böse nennen wegen dieser Eigenschaften? Aber dir ist ein Vorwurf zu machen, und du bist böse zu nennen, wenn du nun selbst träge, sinnlich, egoistisch bist. Nicht die Natur ist böse, aber deine Begierde nach der Natur, deine falsche, nachgiebige Stellung zur Natur, die sind böse, und an diesem Bösen bist du selbst schuld. Und weil du schuld bist an der Begierde, bist du schuld an alledem, was daraus folgt, wie das B und das C auf das A folgt. Bist schuld an der Sünde, die aus der Begierde kommt, d. h. an der Untätigkeit, der Unreinheit, der Lieblosigkeit, die von da aus deinen Charakter und dein ganzes Wesen ergreift und verdirbt, bist schuld endlich am Todf , der der Sünde Sold und Ertrag ist [Röm. 6,23], d. h. an der völligen Auflösung und Dekomposition deines innern Lebens, die sich unfehlbar einstellen muss, wenn du nicht rechtsum kehrtmachst, an der Aufhebung deines Bürgerrechtes im Reiche der Freiheit, dessen du dich durch die Begierde, durch deine Gefangennahme durch die Natur unwürdig gemacht hast.

Das ist die eine Lebensstraße, die du einschlagen kannst – aber du bist verantwortlich dafür, wenn du es tust.

Sage nicht: ich bin einmal so!, und wenn hundert und tausend zur Rechten und zur Linken sich damit das Leben leicht machen wollen. Es ist nicht wahr: du sollst anders sein. Wenn du noch nie davon gehört hast, so mach dir’s jetzt in dieser Stunde klar. Es kommt Alles darauf an, dass du mit der höchst einfachen Sache anfängst, dich zu besinnen und dich zu bestimmen.

359 Aber nun ist das nur die eine der Lebensstraßen, von denen ich sprach, die, die von der Begierde durch die Sünde in den Tod führt. Es gibt noch eine andre, und die führt anderswohin. Die schlägst du dann ein, wenn du beginnst, zu deiner Natur grundsätzlich Nein zu sagen. Nicht wie die katholischen Mönche und Nonnen, die vor der Natur davonlaufen wollen durch allerlei willkürliche Entsagungen. Da steckt wieder die Meinung dahinter, die Natur sei an sich selbst böse, und der andre Irrtum, solch ein Davonlaufen vor der Natur sei überhaupt möglich. Nicht doch! Aber so sollst du’s machen, wie der heilige Franz von Assisi, der von seiner Natur freundlich, aber überlegen als vom «Bruder Leib» redete oder auch, in etwas schärferer Tonart, als vom «Bruder Esel».9 Überlegen! Darin liegt’s. Die Natur soll nicht g-den Menschen-g reiten, sondern umgekehrt: sie soll sein Reittier sein. Wenn’s so steht bei ihm, ist er ein guter Mensch. Wenn’s aber so steht, dass der Mensch selbst das Rösslein oder auch der Esel ist, dann ist er ein böser Mensch, auch wenn er noch lange kein Branntweintrinker und Wegelagerer ist. Ein guter Mensch werden, das heißt also ganz einfach: überhaupt ein Mensch werden im Unterschied vom Naturzustand, den wir mit niedrigeren Geschöpfen gemein haben. Die andre Lebensstraße einschlagen, das heißt, den Willen ablenken vom Naturleben und ihn auf etwas Anderes richten. Auf was? Auf die Menschheit. Das ist ein philosophischer Begriff, denkst du. Wir wol|360len ihn einmal auflösen, er ist in Wirklichkeit ungemein praktisch. Wenn ich sage, das Ziel deines Willens muss die Menschheit werden, so meine ich, du musst ernst machen mit der Gemeinschaft, mit der Solidarität, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Dein Wille muss so beschaffen werden, dass du denken kannst, so müssten Alle wollen.10 Dein Wille muss sich einrichten auf das unsichtbare, in keinen Paragraphen zu erschöpfende Gesetz, das für Alle gilt und das Alle miteinander verbindet. Du musst das «zusammen» verstehen und leben lernen, von dem wir uns im letzten Gemeindeblatt unterhalten haben.11 Du musst aus einem Einsiedler, der inmitten der Republik Genf auf allerlei offenen und geheimen Wegen schließlich doch immer nur das Seine sucht, ein Bürger der großen Menschenrepublik werden. Dein Wille muss Liebe werden, Liebe zu den andern, denn die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung [Röm. 13,10].

Und nun steht’s auch mit diesem Willen, dem guten Willen, so, dass er frei ist und dass du folglich dafür verantwortlich bist, so zu wollen und nicht anders. Denn in der Natur gibt es einen solchen Willen nicht, oder ich wollte den Professor der Naturwissenschaft sehen, der ihn entdeckt hätte. Und weil es dergleichen in der Natur nicht gibt, gibt es auch kein Naturgesetz, das dich zwangsweise daran hindern könnte, dich zu entscheiden.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd’ er in Ketten geboren.
Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei
Noch den Missbrauch rasender Toren…

Und weiter:

  Die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
361 Und sollt’ er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.12

Einige von euch wissen vielleicht, wie Friedrich Schiller in seinem inhaltsschweren Gedicht «Die Worte des Glaubens» an dieser Stelle fortfährt:

Und ein Gott ist, beginnt die nächste Strophe. Wir stehen damit wieder an dem Punkt, von dem wir fragend ausgegangen sind. In der Tat: wo die freie Einfalt des guten Willens ist, da ist Gott. Solange wir bloß reflektieren, wie es in gewissen, angeblich religiösen Poesien geschieht, die Rosensträucher, die Sterne, die Meere, «der Mensch voll Geist, Verstand» müssten doch irgendwo herkommen,13 solange ist uns Gott ein hoher Name, eine sentimentale Überschrift über die Natur, die für unser Leben nicht den geringsten Sinn und Wert hat. Gott ist da, wo unzweideutig seine gute Gabe, seine vollkommene Spende ist, und es ist nichts, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, denn allein ein guter Wille.14 Das ist wahre christliche Gotteserkenntnis, wenn wir fortfahren:

362 Ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt.
Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke.
Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.15

Es ist merkwürdig, aber es ist kein Zufall, wie hier der größte Dichter des deutschen Idealismus fast wörtlich zusammentrifft mit Jakobus, dem Prediger des Willens unter den Männern des Urchristentums. Gott der Vater der Lichter, bei dem es keine Veränderung gibt noch eine Spur von Wechsel! Wir haben gesehen, wo die Veränderlichkeit herstammt, aus dem Missbrauch der Freiheit, die das Wesen des Menschen ausmacht. Hinter dem freien guten Willen aber steht die Unveränderlichkeit Gottes. Was bei unserm kleinen, ohnmächtigen Willen immer wieder wechselt mit dem Gegenteil, das ist bei Gott Beharrlichkeit: die Liebe, mit der er die Menschheit und die Menschen umfasst und zu sich zieht. Sein unveränderlicher, beharrlicher guter Wille ist die verborgene Quelle unsres veränderlichen, wechselnden, intermittierenden guten Willens. Und darum sind wir uns in jedem Augenblick bewusst, dass wir von seiner Gnade leben, d. h. dass die freie Entscheidung zum Guten, sooft sie uns gelingt, Gottes freundliches Geschenk ist. Nach seinem Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit, d. h. wenn ein derartiges Wunder wie ein freier guter Wille in einem Menschen entsteht, so ist das Gottes Offenbarung, die ihn überwindet und befreit, nicht abstrakt und allgemein, sondern konkret und im Besondern durch die Führung seines Lebens, durch die Zusammenführung seines Lebens mit dem Leben, in dem Gott in der Geschichte sich kundgetan hat.

Und nun das letzte merkwürdige Wort unsres Textes: Wir sollen eine Art Erstlingsfrucht sein unter Gottes Geschöpfen. Das ist ein Geheimniswort. Wir standen und stehen der Natur gegenüber als einem großen Rätselwesen. Wir wissen von ihr nichts zu sagen, als dass sie das Ackerfeld ist, auf dem wir zu arbeiten haben, weil nur der Arbeiter ein Mensch ist. Wohl, wenn Gottes Wille unser Lebensinhalt wird, dann, erst dann ahnen wir auch in der Natur ihre Bestimmung. Wir |363 schauen jetzt in einem dunklen Spiegel, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht [1.Kor. 13,12]. Es ist wahr, was die Dichter und Künstler gesehen, auch die Schöpfung wartet und seufzt auf die Befreiung vom Dienste der Vergänglichkeit [Röm. 8,21]. Und wir wissen, dass sie nicht umsonst wartet, weil sie in Gottes Hand ist, der die Macht ist über Alles. Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge; sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit [Röm. 11,36]. Das ist die Lösung der Welträtsel,16 die wir glauben.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 177: «Jehovah, Jehovah» von G. K. Pfeffel (Strophe 1). 🎵
  • Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von E. M. Arndt, Strophen 1–3; 4–6 (RG 278; EG 357 [dort ohne Strophe 3]). 🎵
Lesungstext:
  • Römer 8.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.↩
e
Im Mskr. nachträglich eingefügt anstelle von: «Seehund».↩
f
Im Mskr. doppelt unterstrichen.↩
g-g
Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «dich». – Dieser Änderung entsprechend wurden auch in den folgenden beiden Sätzen mit Bleistift die notwendigen Korrekturen vorgenommen, um die ursprünglich in ihren enthaltene direkte Anrede zu tilgen.↩

Sachfußnoten

1
Calvin behandelt den Einwand, die Erwählungslehre nähme dem Menschen die Schuld und die Verantwortung ab, in Inst. III,23,6–9 📖.↩
2
Der Mediziner und Anthropologe Cesare Lombroso (1836–1909) verknüpfte in seinen Hauptwerken traditionelle Gedanken der Physiognomik ­mit zeitgenössischen entwicklungsgeschichtlichen Vorstellungen. Zwar beherrschten seine Thesen die fachwissenschaftliche Diskussion nicht lange, doch blieben sie über die populärwissenschaftliche Rezeption seiner Hauptwerke, die teils mehrfach übersetzt, erweitert und neu aufgelegt wurden, lange im öffentlichen Gedächtnis: C. Lombroso, Genio e follia in rapporto alla psichiatria, alla storia ed all’estetica, Milano 1864 📖 (deutsch: Genie und Irrsinn in ihren Beziehungen zum Gesetz, zur Kritik und zur Geschichte, Leipzig 1887 📖);ders., L’Uomo delinquente in rapporto all’antropologia, alla giurisprudenza ed alle discipline cacerarie, Torino 1876 📖 (deutsch: Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung, Hamburg 1887 📖).↩
3
Aus der vorletzten Strophe des Gedichts «Das Lied von der Glocke» von Fr. Schiller (Erstdruck 1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 429–442, dort S. 441) 📖.↩
4
Im Jahr 1910 näherte sich der Halleysche Komet der Erde. Er war über Monate hinweg sichtbar und bereits lange vor seiner größten Erdannäherung am 19. Mai 1910 Gegenstand vieler Spekulationen und Diskussionen.↩
5
Der französische Mathematiker und Astronom Urbain J. J. Leverrier (1811–1877) hatte 1846 aus Störungen in der Bahn des Planeten Uranus auf die Existenz eines weiteren Planeten, Neptun, geschlossen und dessen mutmaßliche Bahn errechnet; nur wenig später wurde Neptun sehr nahe an der von Leverrier berechneten Stelle entdeckt.↩
6
Vgl. Fr. Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M. Montinari, Bd. 6, München / Berlin 1999, S. 55–161, dort S. 99 📖: «Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich jenseits von Gut und Böse zu stellen, - die Illusion des moralischen Urtheils unter sich zu haben.»↩
7
Barths Gedanken folgen hier im GrundsatzW. Herrmann, Ethik, Tübingen 19094, S. 36–85 (2. Kapitel: «Das sittliche Denken als die Selbstunterscheidung des Menschen von der Natur») 📖. Er hatte am 26. September 1909 von seinem Marburger Lehrer ein Exemplar geschenkt bekommen (Bucheintrag mit Datum: «Donum autoris»), das zahlreiche Bearbeitungsspuren aufweist.↩
8
Vgl. a.a.O., S. 81 📖: «Das Böse ist daher in erster Linie das Verharrenwollen in dem alten Wesen oder Trägheit gegenüber der sittlichen Forderung. Das bloße Verharren, die Selbstbehauptung ist das Natürliche. Böse wird es erst, wenn dem sittlichen Gebot, das eine neue Lebensstufe eröffnet, der Gehorsam verweigert wird. Diese träge Lust am Natürlichen ist die Grundform des Bösen.»↩
9
Erst gegen Ende seines Lebens konnte Franziskus von Assisi davon überzeugt werden, von seiner seinem eigenen Körper gegenüber eher unnachgiebigen Haltung etwas abzurücken. Vgl. J. Jørgenson, Der heilige Franz von Assisi. Eine Lebensbeschreibung, Kempten 1908, S. 642 📖: «Sie hatten auch versucht, seine ganze Lebensweise zu reformieren, und dies war ihnen jedenfalls teilweise gelungen. ‚Ist dein Körper dir nicht dein ganzes Leben hindurch ein guter und williger Diener und Gehilfe gewesen?’ fragten sie Franz, und er konnte nicht umhin, dem ‚Bruder Esel’ ein gutes Zeugnis zu geben. ‚Wie hast du ihn aber dafür behandelt?’ lautete die Frage weiter, und Franz mußte ja eingestehen, daß seine Behandlung nicht die beste gewesen sei. Reumütig ging er denn in sich und rief aus: ‚Freue dich, Bruder Körper, und vergib mir; ich bin jetzt bereit, dir in deinen Wünschen nachzugeben!’»↩
10
Anspielung auf den «kategorischen Imperativ» Immanuel Kants; vgl. oben, S. 241, Anm. 13.↩
11
Vgl. K. Barth, Aus einem Teller, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 19–24, dort S. 23f. 📖: «Die rechte Freude an Gott ist wieder nur die Freude mit andern zusammen. […] Der gemeinsame Teller, die äußere Einheit der Christen, mag vorläufig ein schöner Zukunftstraum sein, […]. So wollen wir wenigstens in offener, freundlicher Gesinnung jedes hinter seinen geliebten besondern Teller sitzen […] in dem aufrichtigen Bewußtsein: Und wir gehören doch zusammen!»↩
12
Fr. Schiller, Die Worte des Glaubens, Strophe 2 und 3 (Erstdruck: 1797; Sämtliche Werke, München 19623, Bd. 1, S. 214f.) 📖.↩
13
Vgl. die dritte Strophe des Liedes «Ich suche dich, o Unerforschlicher» von J. U. Hegner (Abdruck z. B. in: Universal-Liederbuch. Weltlicher Liederschatz für Deutschlands Gesangsfreunde. Eine Sammlung von mehr als 1600 auserlesenen Liedern, hrsg. von J. J. Algier, Reutlingen 1841, S. 437) 📖:
Bist du ein Traum? Bist du ein Traum?
O Unbegreiflicher!
Woher die Sternenheere?
Dies Blumenland? die Früchte, Meere?
Der Mensch, dein Bild voll Geist, Verstand?
Es sind die Werke deiner Hand!
Allschaffender! Allschaffender!
Du bist kein Traum!
Johann Ulrich Hegner (1759–1840) war ein bedeutender Schweizer Volksschriftsteller.↩
14
Vgl. I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Akademie-Ausgabe, Bd. 4, Berlin 1903/11, S. 385–463, dort S. 393 📖: «Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.»↩
15
Fr. Schiller, Die Worte des Glaubens (Anm. 12), Strophe 4 (a.a.O., S. 215). 📖 ↩
16
Anspielung auf Ernst Haeckels Werk «Die Welträthsel» 📖 (s. oben, S. 24f., Anm. 6).↩