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        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 34</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,19-21</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,19-21, 27. Februar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53036 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 34: Predigt: Jakobus 1,19-21</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">36</biblScope>
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        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,19-21, 27. Februar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1477">KBA 1012</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1910-02-27">27. Februar 1910</date>
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                    <dateline>Sonntag, den <date when="1910-02-27">27. Februar 1910</date>,
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName> <date rend="right">(Sonntag Oculi)</date> 
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.19 Jak.1.21">Jakobus 1,19–21</ref>
                        
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Ihr wisst es, meine geliebten
                                    Brüder: es sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum
                                    Reden, langsam zum <term type="Sachen" key="Zorn">Zorn</term>. Denn des Menschen Zorn tut nicht Gottes
                                        <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>. Darum leget ab allen Schmutz und
                                    Auswuchs der Gehässigkeit, und nehmet in <term type="Sachen" key="Sanftmut">Sanftmut</term> das in euch gepflanzte
                                    Wort an, welches eure Seelen erretten kann.</hi>
                            </quote>
                        </cit> 
                    </epigraph>
                
                <salute>Liebe Zuhörer,</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Ich glaube, das Wort unsres Freundes <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, das uns heute beschäftigen soll, ist wieder eins von
                    denen, aus denen wir schließen können, die Gedanken seines Briefs seien
                    gewiss aus den Erfahrungen und Beobachtungen hervorgegangen, die er als
                    Prediger oder Mitglied einer christlichen Gemeinde in einer der Großstädte
                    des Altertums gemacht hat, und ebenso seien die, an welche diese Gedanken in
                    alter Zeit sich richteten, unter den <term type="Sachen" key="Christen, städtisch geprägte">Christen</term> einer Großstadt zu
                        suchen.<note xml:id="n01">Zu den vermuteten Adressaten des
                        Briefes vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p334#fn_n01">S. 334, mit Anm. 1</ref>.</note> Die Warnung vor dem Zorn und die Mahnung zur
                    Sanftmut haben zwar ganz gewiss alle Menschen nötig, die auf dem Land so gut
                    wie die in der Stadt. Aber es handelt sich in unserm Textwort nicht um Zorn
                    und Sanftmut im Allgemeinen, sondern um die sehr bestimmte Frage, wie die
                    innere Verfassung eines Menschen auszusehen habe, wenn er das Wort des
                    Lebens, das <term type="Sachen" key="Evangelium, Wort des Lebens">Evangelium</term>, die frohe <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Botschaft vom
                    Herrn Jesus mit Aussicht auf einen wirklichen Ertrag in sich aufnehmen
                    wolle. Nicht der Zorn dürfe diese innere Verfassung sein, meint Jakobus,
                    sondern die Sanftmut. Wir werden gleich sehen, was diese Dinge zu bedeuten
                    haben. Zunächst redet er von etwas Anderem, das scheinbar nichts damit zu
                    tun hat. Er ermahnt nämlich seine Zuhörer oder Leser, <hi rend="italic">schnell</hi>,
                    d. h. bereit zu sein <hi rend="italic">zum Hören</hi>, aber <hi rend="italic">langsam</hi>,
                    d. h. zurückhaltend <hi rend="italic">zum Reden</hi>. Offenbar hat er Menschen
                    gekannt, bei denen das Gegenteil der Fall war, Menschen, die umgekehrt wenig
                    auf dem ruhigen Hören hielten, aber sehr viel auf dem Reden. Und offen<pb xml:id="p365" ed="pga" break="no"/>bar setzt er ähnliche Neigungen voraus bei denen, an
                    die er seine Worte richtet. Nicht von Menschen im Allgemeinen,
                    wohlverstanden, nicht von <term type="Sachen" key="Heiden / Heidentum">Heiden</term> hat er da geredet, sondern von Christen. Meint ihr nicht
                    auch, es sei eine merkwürdige Eigenschaft nicht nur der Großstadt-Menschheit
                    überhaupt, sondern gerade der <term type="Sachen" key="Christen, städtisch geprägte">Großstadt-Christenheit</term> aller
                    Richtungen und Schattierungen, dass sie die Kunst des Zuhörens im Grunde
                    ungern übt, dagegen ums Leben gern redet, behauptet, diskutiert? Das hat
                    seinen guten Grund. |</p>
                <p>Einer meiner besten Studienfreunde, der jetzt Pfarrer ist in einem der
                    abgelegensten Dörfchen des Berner Oberlandes am Fuß des <placeName ref="kbga-places-434">Sustenpasses</placeName>,<note xml:id="n02">Es handelt sich um Barths Studienfreund <persName ref="kbga-actors-853">Fritz Zulauf</persName>
                        (1885–1965), der 1909–1912 Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-433">Gadmen BE</placeName> war.</note> hat mir vor
                    einigen Wochen eine Predigt von ihm zugeschickt, in der er von seinem
                    Standpunkt aus über den Unterschied des <term type="Sachen" key="Christentum, städtisches">Christentums</term> zu Stadt und <term type="Sachen" key="Christentum, ländliches">Land</term> geredet hat. Er
                    hat dort seinen Zuhörern mit großem Nachdruck gesagt, sie hätten vor uns
                    Leuten in der Stadt den großen Vorzug der Einsamkeit, sie sollten sich
                    diesen Vorzug recht zu Nutze machen durch stille Arbeit an ihrer innern
                    Vertiefung und durch <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term>. Uns in
                    der Stadt fehle dazu die Muße und die Stimmung, die dort durch die grandiose
                    Stille der Natur von selbst erzeugt werde. Und der Prediger ließ deutlich
                    durch<pb ed="A" rend="hidden" n="3"/>blicken, dass somit das echte, rechte
                    Christentum überhaupt nur in der Abgeschiedenheit des Landlebens gedeihen
                    könne. Ich habe ihm sofort geantwortet, so einfach stünden die Dinge nicht.
                    Es sei nichts mit der Einsamkeit des Glaubens ohne die Gemeinsamkeit des
                    Lebens. Das <term type="Sachen" key="Christentum, Glaube und Leben">Christentum</term> sei nicht ein stiller Genuss des einzelnen Menschen,
                    sondern es müsse sich sofort bewähren und betätigen in der mannigfaltigen
                    Bewegtheit der menschlichen <term type="Sachen" key="Christentum, Einsamkeit und Gemeinschaft">Gemeinschaft</term>.<note xml:id="n03">In seinem Brief an Fr. Zulauf vom 27.1.1910 
                        (<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9210.118</idno>) hatte Barth, nachdem er sich für die Zusendung der
                        angesprochenen Predigt bedankt hatte, unter anderem ausgeführt: «Doch
                        nun von der äußern Methode zu etwas Zentralerem, zu Deinen
                        Auseinandersetzungen über Stadt und Land in und außerhalb der Predigt.
                        Dieser Gegensatz hat mich von zarter Jugend an gnietig [= verdrießlich]
                        gemacht, und besonders erst bei Dir, bei dem das eine Art Kardinaldogma
                        zu sein scheint. Die Stimmung ‚o beata solitudo, sola beatitudo’ hat ihr
                        gutes Recht, aber man darf nicht so tun, als ob sie effektiv die
                        Priorität hätte im Leben der Religion gegenüber dem Wirken in der
                        Gemeinschaft. Ich glaube <hi rend="italic">nicht</hi>, dass Jesus immer am
                        liebsten allein gewesen wäre; auch mit Deinem vorsichtigen ‚vielleicht’
                        muss das, wenn Du es öfters bringst, solche Vorstellungen über das Wesen
                        der christlichen Religion erwecken.»</note> Aber darin hat <pb xml:id="p366" ed="pga"/> mein Freund zweifellos recht, dass der Mangel an Einsamkeit,
                    den wir Christen in der Stadt empfinden, eine ernsthafte Gefahr für unser
                    Christentum bedeutet, so gut wir hinzufügen werden, dass der Mangel an
                    Gemeinschaft auf dem Lande, der Genussglaube, der dort leicht entsteht, eine
                    Gefahr für das Christentum ist. Die Gefahr des Mangels an Einsamkeit, die
                    uns Leute in der Stadt unzweifelhaft bedroht, zeigt sich besonders deutlich
                    in der Sache, von der unser heutiger Text handelt. Unser Leben ist so bunt,
                    so mannigfaltig, so bewegt, wir haben täglich so viel verschiedene
                    Eindrücke, dass es uns schwer wird, uns zu sammeln und zu konzentrieren,
                    dass wir zu müde sind, hätte ich fast gesagt, uns über uns selbst zu
                    besinnen und an unsrer Vertiefung zu arbeiten. |</p>
                <p>Und diese Tatsache hat nun die merkwürdige Folge, dass wir im Allgemeinen
                    lieber reden als zuhören. Auf den ersten Blick scheint es, es müsste
                    umgekehrt sein. Wir müssten viel mehr das Bedürfnis haben zu empfangen als
                    zu geben. Aber wir brauchen uns nur darauf zu besinnen, wie es mit diesem
                    Empfangen und Geben in Wirklichkeit steht, um zu merken, dass die Dinge
                    kraft eines Naturgesetzes der Geisteswelt sich so verhalten müssen, wie sie
                    es tun. Wenn wir uns sammeln und konzentrieren zur <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Selbstbesinnung</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbestimmung">Selbstbestimmung</term>,
                    dann ist die erste Folge die, dass wir schweigsam werden, dass wir aufs Wort
                    verzichten und dafür willig und freudig werden, Augen und Ohren <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> zu öffnen, um Gottes Ernst und Gottes Liebe zu
                    sehen und zu hören. Wenn uns dagegen das Marktgetümmel des <term type="Sachen" key="Leben, Marktgetümmel">Lebens</term> hindert am
                    Besinnen und Vertiefen – und diese Hinderung kann uns Leuten in der
                    Stadt besonders leicht zu schaffen machen –, dann ist das nächste
                    Resultat das, dass wir ungeheuer redselig werden und dafür gegen das
                    einfache, ruhige Hören eine gewisse Abneigung bekommen. Denn das Naturgesetz
                    der Geisteswelt, von dem ich sprach, lautet so: Wes das Herz leer ist, des
                    geht der Mund am leichtesten über [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.34">Mt. 12,34</ref> par.]. Die <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> und die Gefahr ist für alle Menschen
                    da, die <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Worte</term> als eine
                    verhüllende Nebelwolke zu gebrauchen, hinter denen sich gewisse Nullpunkte
                    unsres innern Lebens so angenehm verstecken lassen. Dieser <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Nebelwolken">Nebelwolken-Gebrauch</term>, den wir von den Wor<pb xml:id="p367" ed="pga" break="no"/>ten machen, ist aber nirgends beliebter als auf dem Gebiet der <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term>, und wiederum
                    sind’s die Menschenmassen der großen Städte, die für fromme <term type="Sachen" key="Redseligkeit, fromme">Redseligkeit</term> ein
                    besonders fruchtbarer Nährboden sind. Reden, verständig und interessant
                    reden über Religion, das tritt für uns nur zu leicht an Stelle der <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> selbst. Die Formen, in
                    denen das geschieht, sind mannigfaltig genug, aber die Sache ist immer
                    dieselbe: Hier streitet man in einer pietistischen Versammlung darüber, ob
                    das Rauchen und das Kartenspielen eine Sünde sei oder nicht oder über die
                    wichtige Frage, in welchem Jahr das Ende der Welt zu erwarten sei. Dort
                    diskutiert man über <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und <persName ref="kbga-actors-2013">Darwin</persName>, über <persName ref="kbga-actors-150">Häckel</persName> und <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsche</persName>.<note xml:id="n04">Zu den im späten 19. Jahrhundert und um die
                        Jahrhundertwende geführten Diskussionen um die Theorien <persName ref="kbga-actors-2013">Darwins</persName>, <persName ref="kbga-actors-150">Haeckels</persName> und <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName> vgl.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p051#fn_n07">S. 51, bei Anm. 7</ref> (Darwin), <ref type="pub" target="../volume/53/p179#fn_n12">S. 179, Anm. 12</ref>
                        (Haeckel), und <ref type="pub" target="../volume/53/p003#fn_n02">S. 3, bei Anm. 2</ref>, u. ö. (Nietzsche).</note> Dort sind
                    vielleicht diese wie jene Fragen gleichgiltig, aber man hat doch seine
                    Freude daran, über Religion und Kirche und ihre nationale und moralische
                    Bedeutung große <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Worte</term> zu
                    machen. Ich weiß schon, all dies Reden über die Religion geht oft hervor aus
                    einer tiefen, heißen Sehnsucht nach der Herrlichkeit wirklicher Religion,
                    und ich bin ferne davon, es zu verurteilen. Die Menschen, die es üben, ob
                    sie nun <term type="Sachen" key="Pietisten">Pietisten</term> oder <term type="Sachen" key="Monismus">Monisten</term><note xml:id="n05">Zum 1906 gegründeten Deutschen Monistenbund und zum Einfluss
                        der monistischen <term type="Sachen" key="Monismus">Bewegung</term> auch
                        in der Schweiz vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p179#fn_n12">S. 179, Anm. 12</ref>, und <ref type="pub" target="../volume/53/p245#fn_n01">S. 245,
                        Anm. 1</ref>.</note> heißen, <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> zeigen aber durch die Art, wie sie mit jenen
                        Schattenbildern<note xml:id="n06">Anspielung auf <persName ref="kbga-actors-322">Platons</persName> «Höhlengleichnis»; vgl.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p155#fn_n05">S. 155, Anm. 5</ref>.</note> der
                        <term type="Sachen" key="Religion, Schattenbilder">Religion</term> ihr
                    Spiel treiben, dass ihnen etwas fehlt, und sie selbst spüren das deutlich
                    genug. Aber gerade darum wollen wir es uns klar machen, meine lieben Freunde
                    in der Großstadt, dass alles erbauliche und interessante und festliche Reden
                    über die <term type="Sachen" key="Religion, Reden über R. ist nicht R.">Religion</term> nicht die Religion selbst ist, und wir wollen uns sehr
                    ernstlich prüfen, ob es nicht auch bei uns Ausdruck des Mangels an
                    wirklicher Religion sei.</p>
                <p> Täuschen wir uns nicht: Wirkliche, lebendige <term type="Sachen" key="Religion, lebendige">Religion</term> ist gegründet und gründet sich
                    immer wieder auf das Hören. Das <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören">Hören</term> will aber gelernt sein; es ist nur möglich, wo das
                    Besinnen und Sich-Konzentrieren vorangegangen ist, von dem wir sprachen. Und
                    wenn das uns aufgeregten und vielgeschäftigen Stadtleuten schwerfällt, so
                        <pb xml:id="p368" ed="pga"/> kann das nichts Anderes bedeuten, als dass wir
                    uns umso mehr Mühe geben müssen. Eine Schwierigkeit erkennen, heißt sie zur
                    Hälfte überwinden. Aber zunächst kommt es darauf an, was mit dem Hören
                    gemeint ist, auf das sich eine lebendige Religion gründen soll. Ihr denkt
                    vielleicht ans Predigt-Hören? Da wäre in der Tat der Umstand bemerkenswert,
                    dass auch die Willigkeit zum Predigt-Hören in den Städten auffallend gering
                    ist; die leeren Bänke so mancher Stadtkirche würden davon erzählen, wenn
                    sie’s könnten. Ich habe euch z. B. schon öfters gefragt, wo die
                    30 000 Deutschschweizer, die es in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> geben soll, ihren Sonntagvormittag zubringen. Aber ich habe
                    doch nicht an das Predigt-Hören gedacht als an das, was uns vor Allem
                    nottut. Ich glaube, das Predigt-Hören gehört auch dazu, aber es ist nicht
                    die Sache selbst, die ich meine. Sondern das Hören, das ich meine und von
                    dem in unserm Textwort die Rede ist, ist ganz einfach das Aufmerken auf die
                    Stimme des lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gottes</term>, der in Jesus Christus das lebendige <term type="Sachen" key="Jesus Christus, lebendiges Evangelium">Evangelium</term>, d. h. die
                    lebendige frohe Botschaft von seinem <term type="Sachen" key="Gott, Ernst">Ernst</term> und seiner <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Freundlichkeit</term> in unser Menschenleben gestellt hat. Zu solchem
                    Aufmerken braucht es freilich die große <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören, braucht Stille">Stille</term>, von der mein Freund
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> in seiner Predigt geredet hat; aber es
                    stünde doch schlimm um uns, wenn wir, um dies Aufmerken zu lernen, uns Alle
                    zuerst ins Hochgebirge begeben müssten. Nein, es kommt vielmehr gerade
                    darauf an, dass wir an Ort und Stelle aufmerken lernen, denn die Religion,
                    die sich auf dies Aufmerken gründen soll, muss sich auch an Ort und Stelle
                        <term type="Sachen" key="Religion, Bewährung">bewähren</term> und
                    betätigen, nicht abseits von unsrem Leben, nicht in den Ferien, nicht im
                    Hochgebirge, sondern mitten drin in den Leiden und Freuden unsrer Tätigkeit.
                    Ich sage, es kommt darauf an, dass wir <hi rend="italic">da</hi> schnell werden zum
                        <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören">Hören</term>, wie <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> sich ausdrückt. Und die
                    Dinge stehen so, dass gerade <hi rend="italic">da</hi> die heilsame <term type="Sachen" key="Einsamkeit, heilsame">Einsamkeit</term> möglich und
                    wirklich werden kann, von der eins unsrer Kirchenlieder redet:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Kehre aus der Welt Zerstreuung</l>
                            <l>In die Einsamkeit zurück,</l>
                            <l>Wo in geistiger Erneuung</l>
                            <l>Deiner harrt ein neues Glück.</l>
                            <l>Wo des heil’gen Geistes Mahnen</l>
                            <l>Du mit stillem Beben hörst</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p369" ed="pga"/> Und aufs Neue zu den Fahnen</l>
                            <l>Jesu Christi heilig schwörst.<note xml:id="n07">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-176">Strophe 2 des Liedes «Kehre wieder, kehre wieder» von
                                    <persName ref="kbga-actors-1254">K. J. Ph. Spitta</persName> (GERS
                                    222).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Denn diese <term type="Sachen" key="Einsamkeit">Einsamkeit</term> ist ihrem Wesen nach etwas Tiefinnerliches; wir haben
                    sie aber dann, wenn es uns in der Besinnung über unser <term type="Sachen" key="Leben, Wert und Unwert">Leben</term> und seinen Wert oder Unwert
                    aufgeht, dass unser Weg fortan ein besonderer sein muss, nicht mehr der Weg
                    von Jedermann wie bisher, sondern der Weg, der durch die Selbstüberwindung
                    zur <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term> führt, der Weg, über
                    dessen Eingangspforte das Wort «Du sollst» geschrieben steht. Und wenn wir
                    uns aufgemacht haben, diesen einsamen Weg zu gehen, dann ist auch von selbst
                    die Freude am Hören da, d. h. aber das Bedürfnis, <term type="Sachen" key="Gotteskraft">Kraft</term> zu empfangen von dem großen Gott, der
                    auch sagt: «Du kannst» und «Du darfst». Nun gehen uns die Augen auf für die
                    wirklichen Werte im Menschenleben, an denen wir vielleicht bis jetzt <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> achtlos vorüber gegangen sind. Wir lernen
                    lauschen auf das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> der
                    Freude und der Liebe, dessen Klänge im Geräusch der Welt der <term type="Sachen" key="Welt, Gleichgültigkeit">Gleichgiltigkeit</term> nicht
                    untergehen können. Wir entdecken den Menschen, den wirklichen Menschen
                    inmitten der Schattenbilder, die uns umgeben,<note xml:id="n08">Siehe <ref type="pub" target="#fn_n06">Anm. 6</ref>.</note> und wir können nicht genug horchen, lauschen,
                    aufmerken, wenn uns nun in einem solchen, in seiner ganzen Art zu handeln
                    und zu reden, etwas von der Freundlichkeit <term type="Sachen" key="Gott, Freundlichkeit">Gottes</term> entgegentritt. Und so beginnt
                    dann unser inneres, unser religiöses <term type="Sachen" key="Leben, religiöses">Leben</term> in aller Bescheidenheit damit, dass
                    wir <hi rend="italic">empfangen</hi>, wie es seiner Art und seinem Inhalt nach ein
                    Geschenk ist. Ein jeder Mensch sei schnell zum <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören">Hören</term>. Prüfe einmal dein inneres Leben
                    daran, ob es ein solches Geschenk ist, das du empfangen hast oder
                    ob’s ein Produkt ist, das du selber irgendwie fertig gebracht hast.
                    Je nachdem ist deine <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term>
                    Wirklichkeit oder Illusion.</p>
                <p> Denn wie die wirkliche Religion sich gründet auf das <term type="Sachen" key="Religion, gründet sich auf das Hören">Hören</term>, d. h. auf das
                    stille Empfangen des verborgenen göttlichen <term type="Sachen" key="Leben, verborgenes göttliches">Lebens</term>, das schließlich
                    allein die Bezeichnung Tatsache verdient, so gründet sich die Religion der
                    Nichtwirklichkeit auf die Produktion von Nebelwolken. Das ist dann der Fall,
                    wenn wir meinen, die Religion fange an mit dem Reden. Und das hat dann seine
                    Ursache darin, dass wir es aus <pb xml:id="p370" ed="pga"/> irgend einem Grund
                    versäumt haben und versäumen, bei uns selbst einzukehren, uns auf den Weg
                    der <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Selbstbesinnung</term>
                    und <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstverleugnung">Selbstverleugnung</term> zu stellen, auf dem allein die wirkliche
                    Religion gefunden wird.<note xml:id="n09">Vgl. dazu <bibl corresp="kbga-bibls-2653">
                                <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>,
                            <hi rend="italic">Religion und Sittlichkeit</hi> (Beiträge zur
                        Weiterentwicklung der christlichen Religion, Lfg. 5), München o. J.
                        [1904], S. 183–202, dort S. 196</bibl>: «Aber eben an dem Anfang der
                        Sittlichkeit allein kann Religion entzündet werden. Sie entsteht daraus
                        nicht, sie hat einen ganz andern Ursprung. Aber die ernste
                        Selbstbesinnung, aus der die sittliche Erkenntnis des Menschen sich
                        entwickelt, ist der Stoff, der in Flammen gesetzt wird, wenn das
                        wunderbare Leben der Religion geboren wird»; <bibl corresp="kbga-bibls-1792">
                                <persName ref="kbga-actors-181">ders.</persName>, <hi rend="italic">Die Religion
                            im Verhältniß zum Welterkennen und zur Sittlichkeit. Eine
                            Grundlegung der systematischen Theologie</hi>, Halle 1879, S. 392</bibl>:
                        «Das Ideal einer durch die Nächstenliebe verbundenen Menschheit hat für
                        jeden von uns, die wir innerhalb der sittlich gegliederten Gesellschaft
                        in allmählicher Entwicklung die engen Schranken unseres Selbst
                        durchbrechen und Selbstverleugnung lernen, nicht die Anschaulichkeit
                        eines uns eigenthümlichen Lebenselements. Wir werden durch die
                        unausweichliche Logik des Sittengesetzes darauf hingedrängt, jenen
                        Gedanken als kritisches Richtmaß an die Güter zu legen, welche unser
                        Handeln bestimmen.»</note> Und weil es uns fehlt an diesem Ertrag der
                    Einsamkeit, wird uns nun die Gemeinsamkeit der Menschen zur Gefahr. Weil uns
                    die Wirklichkeit fehlt, greifen wir nach ihren Schattenbildern, d. h. wir
                    fangen an, fromm und interessant über Religion zu reden. Und nun
                    steht’s eben <hi rend="italic">so</hi>: Die Nebelwolken, die wir da entfalten,
                    um uns selbst und die andern zu täuschen über das Nichtvorhandensein der
                    Wirklichkeit, diese Nebelwolken unsrer <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Nebelwolken">Worte</term> sind mitnichten ein
                    harmloses Spiel. Sondern <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> wie das Hören und
                    Empfangen uns Gott näher führt, so führt das Reden weiter weg von ihm. Und
                    zwar darum, weil es die Haltlosigkeit, in der wir stecken, noch vermehrt
                    durch die Unwahrhaftigkeit, mit der wir uns über unsern Zustand zu täuschen
                    suchen. Ich weiß ein Wort aus alter Zeit, das wir ja nicht oberflächlich
                    verstehen wollen; es lautet so: Du sollst den Namen des Herrn, deines
                    Gottes, nicht unnütz führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen,
                    der seinen Namen missbraucht [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.7">Ex. 20,7</ref> par.]. Der Sinn dieses <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Zweites Gebot">Gebotes</term> ist kein anderer als die
                    tiefernste Warnung: du bist jedes Mal von einer Katastrophe deines innern
                    Lebens bedroht, wenn du anfängst, über <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, über Religion">Religion</term> zu reden. Besinne
                    dich wohl, ob du reden und was du reden willst. Jede Unwahrhaftigkeit auf
                    diesem Gebiet hat ihre schwere Strafe in sich selbst. Darum ein jeder Mensch
                    sei langsam zu <pb xml:id="p371" ed="pga"/> reden. Meine Freunde, ich weiß, ich
                    rede da von der tiefen Gefahr, von der kein Beruf so bedroht ist wie der, in
                    dem ich zu arbeiten habe. Aber gerade weil ich diese Gefahr in meinem
                    eigenen Leben sehe, darf ich euch darauf aufmerksam machen. Es enthüllt und
                    erfüllt sich in dem geschilderten Verhältnis von Hören und Reden ein
                    schweres Wort Jesu: Wer da hat, dem wird gegeben werden, wer aber nicht hat,
                    dem wird auch das genommen, was er hat [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.4.25">Mk. 4,25</ref> par.]. Das will sagen: wer durch einsame
                        <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Selbstbesinnung</term>
                    Freude bekommen hat am <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören">Hören</term>, der empfängt, indem er hört; wer aber mangels jener
                    Selbstbesinnung mit dem <term type="Sachen" key="Worte / das Reden">Reden</term> anfängt, der verbarrikadiert sich durch diese
                    Unwahrhaftigkeit immer mehr gegen den lebendigen Gott. Jener gewinnt, indem
                    er hört, dieser verliert, indem er redet. Darum ein jeder Mansch sei
                    schnell, d. h. bereit zum Hören, aber langsam, d. h. zurückhaltend zum
                    Reden.</p>
                
                <p rend="margin-top">Aber ihr habt vielleicht mit mir das Gefühl, dass wir nicht
                    zum Kern der Sache vorgedrungen wären, wenn wir’s mit diesen <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> Gedanken über Hören und Reden und bei dieser
                    Mahnung bewenden ließen. Und in der Tat müssen wir tiefer steigen, um die
                    Lebensfrage, um die es sich handelt, und die Antwort darauf zu Gesicht zu
                    bekommen.</p>
                <p>
                        <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> kann uns dazu zum Führer
                    dienen. Der Mensch sei <hi rend="italic">langsam zum <term type="Sachen" key="Zorn">Zorn</term></hi>, fährt er nämlich fort. Wir fragen uns erstaunt,
                    was das mit der vorhergehenden Mahnung, langsam zum Reden zu sein, zu tun
                    habe. Und da fügt er gleich noch hinzu, dass <hi rend="italic">des Menschen Zorn nicht
                        Gottes Gerechtigkeit tue</hi>, bewirke, erfülle, und stellt dem Zorn<note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. ursprünglich: «Zorn, der Geschäftigkeit» (nachträglich
                            mit Bleistift gestrichen).</note>
                     die <term type="Sachen" key="Sanftmut">Sanftmut</term> gegenüber als
                    die rechte Disposition zum Aufnehmen des Wortes und Willens <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term>. – Der Sinn dieser
                    Ausführungen wäre uns deutlicher, wenn wir sie in der griechischen Sprache
                    des Urtextes lesen und hören könnten. Wir müssen nämlich das Wort «Zorn» im
                    Sinn von <term type="Sachen" key="Gehässigkeit">Gehässigkeit</term> oder
                    – nach <persName ref="kbga-actors-261">Luthers</persName>
                    Übersetzung – von <term type="Sachen" key="Bosheit">Bosheit</term>
                        verstehen.<note xml:id="n10">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2654">
                                <persName ref="kbga-actors-5353">G. Stählin</persName>, Art. «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὀργή</foreign>… E. Der Zorn des Menschen und
                        der Zorn Gottes im NT», in: ThWNT V, S. 419–448, dort S. 421</bibl>:
                        «Mehr als für das AT hat für Jesus <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὀργή</foreign> das volle Gewicht der Sünde. Diese Beurteilung
                        teilen auch Paulus und seine Nachfolger. <ref type="can" subtype="bible" target="Kol.3.8">Kol 3,8</ref> und <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.31">Eph 4,31</ref> fällt
                            <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὀργή</foreign> unter das Verdikt der
                            <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">κακία</foreign>, und zwar auch hier
                        wieder, wie <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.19">Jk 1,19</ref> (neben <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">λαλήσαι</foreign>!), offenbar vornehmlich als Sünde des Mundes»; <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> übersetzt
                            <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">ὀργή</foreign> ebenfalls mit «Zorn», fährt
                        aber in Vers 21 fort: «DArumb so leget abe alle Unsauberkeit und alle
                        Bosheit, …» (<bibl corresp="kbga-bibls-2636">WA.DB 7, 391</bibl>).</note> Jakobus hat offenbar Leute
                    gekannt, die das Evan<pb xml:id="p372" ed="pga" break="no"/>gelium mit Gehässigkeit, mit
                    Bosheit gegen ihre Nächsten aufnahmen, und er warnt seine Leser und Hörer,
                    es nicht so zu machen. Und wir müssen weiter annehmen, er sei der Ansicht
                    gewesen, zwischen dem raschen Reden und jener gehässigen Gesinnung mancher
                    Christen bestehe ein sehr intimer <term type="Sachen" key="Gehässigkeit, und Redseligkeit">Zusammenhang</term>, ebenso wie
                    zwischen der Willigkeit zum Hören und dem, was er <term type="Sachen" key="Sanftmut, und Zuhören">Sanftmut</term> nennt, d. h. einer
                    freundlichen, billigen, gerechten Gesinnung gegen den Nebenmenschen.</p>
                <p>Ich meine, diese Zusammenhänge sind in der Tat da, und wir wollen suchen, sie
                    uns klar zu machen.</p>
                <p>Wir besinnen uns auf das, was wir eben gesehen haben, dass das stille,
                    dankbare Aufmerken auf Gott, das allein eine wirkliche <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> begründen kann, hervorgehen muss
                    aus der sittlichen <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Selbstbesinnung</term>. Es gibt nun allerlei, was sich Selbstbesinnung
                    nennt, aber in Wirklichkeit nichts ist als ein Spiel mit schönen Gefühlen
                    und Sentimentalitäten. Hinter diesen Dingen <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/>
                    aber verbirgt sich oft genug der alte Adam, der das Seine sucht [vgl. 
                        <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.10.24">1.Kor. 10,24</ref>]. Das kommt
                    dann sofort zum Ausdruck in der Neigung zum schnellen <term type="Sachen" key="Redseligkeit">Reden</term> über diese Gefühle, und die unmittelbare
                    Folge des Ganzen ist ein <term type="Sachen" key="Religion, Illusionsreligiönchen">Illusionsreligiönchen</term> der
                    einen oder der andern Sorte. Sittlich ist allein die Selbstbesinnung, die in
                    der Frage besteht nach dem, was wir <hi rend="italic">sollen</hi>, d. h. in der Frage
                    nach der unbedingten <term type="Sachen" key="Autorität">Autorität</term>,
                    nach der sich unser Wille zu richten hat, wenn er nicht zerflattern will in
                    allerlei gleichigiltigen, wertlosen, subjektiven Wünschen und <term type="Sachen" key="Stimmungen">Stimmungen</term>. Ernstgenommen führt
                    uns nun diese Frage sofort über die enge Begrenztheit unsres eigenen Daseins
                    hinaus. Nur das kann die Autorität sein, die uns nottut, die für
                        <hi rend="italic">alle</hi> gilt und die ebendarum alle miteinander verbindet. Und
                    so ist das die wirkliche, die sittliche Selbstbesinnung, in der der <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Mensch</term> lernt, sein
                    kleines Ich hinter sich lassen und sich dem Gesetze unterwerfen, das ihn auf
                    die andern Menschen, auf seine Brüder hinweist, auf die <term type="Sachen" key="Mensch, und Menschheit">Menschheit</term>, der er angehören soll
                    nicht als ein unbewusstes Glied, sondern als ein bewusstes.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p373" ed="pga"/> Aber es ist eine schwere und seltene Sache um eine solche Selbstbesinnung.
                    Uns Allen liegt eine andre Art viel näher, die nämlich, die bei dem Worte
                    Selbstbesinnung das <hi rend="italic">Selbst</hi> unterstreicht und die darum in
                    dieser oder jener Weise im Kleinmenschlichen stecken bleibt. Wir vermeiden
                    es, ernst zu machen mit der Autorität, die uns über uns selbst hinausweist;
                    wir schieben, vielleicht ohne uns Gedanken darüber zu machen, unsre kleinen
                    Wünsche, unsre verborgenen Tendenzen dazwischen. Kurzum, das Resultat unsrer
                    Selbstbesinnung, wenn wir welche kennen, ist ein geheimer, wenngleich
                    erbaulicher und gefühlvoller <term type="Sachen" key="Mensch, Egoismus">Egoismus</term>. Und wenn nun ein Mensch in solchem innern Zustand sich
                    noch diese oder jene christlichen Gedanken aneignet, allerlei orthodoxe oder
                    liberale Gedanken über Gott, über die Erlösung, über ein Leben nach dem
                    Tode, dann ist das Resultat des Ganzen etwas, das <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> wie Christentum aussieht, das aber in Wirklichkeit das schnurstracke
                    Gegenteil davon ist. Und dies egoistische <term type="Sachen" key="Christentum, Schein-Chr.">Schein-Christentum</term> ist nun die
                    Wurzel der beiden Tatsachen, die <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in unserm Text in so überraschender Weise in Beziehung
                    setzt. Erstens der Tatsache, dass wir keine Freude haben am <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören">Hören</term>, am Empfangen, sondern
                    dass wir anfangen, über <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, religiöses Geschwätz">Religion</term> zu
                    schwatzen. Denn der Egoismus ist im tiefsten Grunde ebenso sehr
                        Selbst<hi rend="italic">sucht</hi> wie <term type="Sachen" key="Egoismus, Selbstgenügsamkeit">Selbst<hi rend="italic">genügsamkeit</hi></term>, und den luftleeren Raum, der
                    durch diese falsche Genügsamkeit in uns entsteht, suchen wir dann
                    auszufüllen durch die Produktion jener <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, Nebelwolken">Nebelwolken</term> von frommen
                    Worten. Und die andre Tatsache, die aus dem egoistischen Scheinchristentum
                    folgt, ist die <term type="Sachen" key="Gehässigkeit">gehässige</term>,
                    unfreundliche Gesinnung gegen die Nebenmenschen. Kein Wunder. Aus Egoismus
                    kann nichts werden als wieder Egoismus. Vielmehr, wir werden sagen müssen:
                    das ist der menschliche <term type="Sachen" key="Egoismus, religiös ummantelter">Egoismus</term> in seiner
                    schrecklichsten Form, der im Mäntelchen christlicher Gedanken und Worte
                    einhertrabt. Die Geschichte aller Religionen – und die des <term type="Sachen" key="Christentum, christlich verbrämte Untaten">Christentums</term> leider am deutlichsten – zeigt, wie die
                    Brutalität, zu der sich die Menschheit verirren kann, nirgends schlimmer ist
                    als da, wo sie ihre gröbern oder feinern Untaten mit der Gloriole der
                    Religiosität oder der Christlichkeit zu umgeben gewusst hat. Wir stehen hier
                    zum zweiten Mal vor der Wahrheit, dass der Herr den nicht ungestraft lässt,
                    der seinen Namen missbraucht [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.7">Ex. 20,7</ref>], d. h. aber vor der furchtbar ernsten Tatsache, dass die
                    Unwahrhaftigkeit Gott gegenüber ihre Strafe in sich selber trägt.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p374" ed="pga"/> <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> verrät eine tiefe
                    Einsicht in den Sachverhalt der Dinge, indem er Beides unmittelbar
                    nebeneinander stellt: das religiöse <term type="Sachen" key="Worte / ^@+ das Reden, religiöses Geschwätz">Geschwätz</term> und
                    die <term type="Sachen" key="Christen, Lieblosigkeit">Lieblosigkeit</term>
                    gegen den Nächsten. Beides sind in der Tat nur verschiedene Seiten derselben
                    Sache. Das religiöse Geschwätz beruht auf dem Mangel an sittlicher
                    Selbstbesinnung, d. h. aber auf dem Egoismus, und die Lieblosigkeit gegen
                    die Mitmenschen beruht auf der <term type="Sachen" key="Christen, Unwahrhaftigkeit">Unwahrhaftigkeit</term>, die darin
                    besteht, dass wir so tun, als ob unser Egoismus das Gegenteil wäre, nämlich
                    christliche Frömmigkeit. <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> Beides miteinander hat
                    Jakobus in den Ausführungen unsrer Textworte treffen wollen als die
                    Ausflüsse derselben trüben, vergifteten Quelle. Sein Satz, dass des Menschen
                        <term type="Sachen" key="Zorn">Zorn</term> nicht Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> tue, steht
                    sachlich unmittelbar neben dem Wort Jesu, dass nicht, die «Herr, Herr»
                    sagen, ins Himmelreich kommen sollen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.21">Mt. 7,21</ref>]. Es steht in der Tat so, dass diese beiden
                    Dinge, die Lieblosigkeit und die Unwahrhaftigkeit aufs Engste zueinander
                    gehören und miteinander den innern Zustand ausmachen, der von dem innern
                    Leben, wie Gott durch Jesus es in uns schaffen will, am denkbar weitesten
                    entfernt ist. Ein Mensch, bei dem es so aussieht, tut nicht Gottes
                    Gerechtigkeit, sondern das Gegenteil davon.</p>
                <p>Das Merkwürdigste und Nachdenklichste an diesem innern Zustand besteht aber
                    meines Erachtens darin, dass ein solcher Mensch im Bewusstsein lebt, ein
                    Gottesmensch zu sein. Ich komme darauf zurück, dass Jakobus sich mit seiner
                    Mahnung nicht an «arme Heiden», sondern an Christen gewandt hat und dass
                    seine Mahnung sicher aus den Erfahrungen geflossen ist, die er mit Christen
                    gemacht hat. Es leidet keinen Zweifel, und wir tun gut, uns das klar zu
                    machen, dass der innere Ruin eines Menschenlebens, in dem die <term type="Sachen" key="Christen, Lieblosigkeit">Lieblosigkeit</term> und die
                        <term type="Sachen" key="Christen, Unwahrhaftigkeit">Unwahrhaftigkeit</term> herrscht, gerade dadurch vollständig und
                    offenbar wird, dass dies Menschenleben äußerlich die Kennzeichen des
                    Christentums trägt. Dem Leben der <term type="Sachen" key="Ewiges Leben">Ewigkeit</term>, das das <term type="Sachen" key="Evangelium, Verheißung">Evangelium</term> denen verheißt, die guten
                    Willens und die aus der Wahrheit sind, entspricht die zermalmende Gewalt
                    desselben <term type="Sachen" key="Evangelium, zermalmende Gewalt">Evangeliums</term>, wo es auf Lieblosigkeit und Unwahrhaftigkeit stößt.
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> hat einmal ein Wort vom
                        <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> gesagt, das hat man
                    neuerdings als zu hart und unfreundlich beanstandet und deshalb aus neueren
                    Abendmahlsliturgien entfernen wollen.<note xml:id="n11">Vgl.
                        etwa <bibl corresp="kbga-bibls-2655">
                                <persName ref="kbga-actors-9254">H. Bassermann</persName>, <hi rend="italic">Über Reform des Abendmahls. Briefe an
                            einen «Laien»</hi>, Tübingen 1904, S. 47</bibl>: «Die Forderung nun, die
                        dort Paulus für die innere Vorbereitung zum Abendmahlsgenuß stellt,
                        […], werden wir wohl ganz gerechtfertigt finden, aber zugleich
                        bestreiten müssen, daß sie heute noch unseren Abendmahlsgästen besonders
                        einzuschärfen und mit jener mißverständlichen Gerichtsdrohung zu
                        verbinden notwendig sei.» Der ganze zehnte Brief bezieht sich auf «Das
                        Gerichtessen, <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11">1.Kor. 11</ref>» (<bibl corresp="kbga-bibls-2655">a.a.O., S. 45–49</bibl>).</note> Ich glaube
                    nicht, dass das wohlgetan ist, denn <pb xml:id="p375" ed="pga"/> es ist wieder
                    eine unwahre Schwächlichkeit, wenn man meint, die harte, unfreundliche Seite
                    der christlichen <term type="Sachen" key="Wahrheit, christliche">Wahrheit</term> eskamotieren <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> zu müssen und
                    zu können. Das Pauluswort, an das ich denke, lautet so: Wer unwürdig das
                    Brot isst oder den Becher des Herrn trinkt, der vergeht sich an Leib und
                    Blut des Herrn. Es prüfe sich aber jeder selbst, und hierauf esse er von dem
                    Brot und trinke von dem Becher. Denn wer da unwürdig isst und trinkt, der
                    isst und trinkt sich selbst zum Gericht [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.11.27 1.Kor.11.29">1.Kor. 11,27–29</ref>]. Meine Freunde, das
                    Abendmahl war für die ersten Christen der feierliche Mittelpunkt ihrer
                    Teilnahme am Evangelium. Was aber vom <term type="Sachen" key="Abendmahl">Abendmahl</term> nach Paulus’ Meinung gilt, das galt und gilt
                    zweifellos vom <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term>
                    überhaupt: Wer unwürdig, d. h. aber unwahrhaftig und lieblos daran
                    teilnimmt, sich einen Christen nennt, allerlei Schönes an seinem Christentum
                    zu haben meint, der tut es sich selber zum Gericht. D. h. die Katastrophe
                    seines innern Lebens, der er in dunkelm Drange<note xml:id="n12">
                            <bibl corresp="kbga-bibls-647">Anspielung auf  <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Eine
                            Tragödie</hi> (Prolog im Himmel; V. 324–329)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab, </l>
                                    <l>Und führ’ ihn, kannst du ihn erfassen </l>
                                    <l>Auf deinem Wege mit herab, </l>
                                    <l>Und steh’ beschämt, wenn du bekennen musst: </l>
                                    <l>Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange, </l>
                                    <l>Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                    durch solche Teilnahme am <term type="Sachen" key="Evangelium, unwürdige Teilnahme zum Gericht">Evangelium</term>,
                    durch solches Christentum ausweichen möchte, wird eben gerade dadurch
                    vollständig, offenbar, definitiv.</p>
                <p>So ist der Inhalt unsres Textwortes kein andrer als die ernsthafteste
                    Aufforderung, die Voraussetzungen unsres Christentums der gründlichsten
                    Revision zu unterziehen. Es prüfe jeder sich selbst, und
                        <hi rend="italic">hierauf</hi> nehme er teil am Evangelium. Vor rund 40 Jahren hat
                    der bekannte <persName ref="kbga-actors-398">David Friedrich Strauß</persName> ein lächerliches Buch
                    geschrieben über den alten und den neuen Glauben.<note xml:id="n13">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2656">
                                <persName ref="kbga-actors-398">D. Fr. Strauß</persName>, <hi rend="italic">Der alte und der neue Glaube. Ein
                            Bekenntnis</hi>, Bonn 1873<hi rend="sup">4</hi>.</bibl>
                        </note> In diesem
                    Buch ist aber eins sehr gut <pb xml:id="p376" ed="pga"/> und nachahmenswert,
                    nämlich die Überschrift des ersten Kapitels. Die besteht in der Frage: Sind
                    wir noch Christen?<note xml:id="n14">
                        <bibl corresp="kbga-bibls-2656">A.a.O.,
                        S. 13</bibl>.</note> Diese treffliche Frage wollen wir uns Alle stellen, nicht
                    nur einmal, sondern immer wieder. Nicht in der kindischen Weise von <persName ref="kbga-actors-398">Strauß</persName> freilich,
                    der in jenem Kapitel allerlei christliche <term type="Sachen" key="Dogmen">Dogmen</term> mit den Ergebnissen der modernen <term type="Sachen" key="Astronomie">Astronomie</term> und <term type="Sachen" key="Zoologie">Zoologie</term> vergleicht und deshalb zur Antwort kommt,
                    wir seien keine Christen mehr. Ich bitte euch, was haben die Dogmen, die
                    Astronomie und die Zoo<pb ed="A" rend="hidden" n="14"/>logie mit dem <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term> zu tun? Nein,
                        <hi rend="italic">dann</hi> ist jene Frage trefflich und sachgemäß, wenn wir
                    unsern innern Zustand, die Motive und Intentionen, die im letzten Grunde
                    unser Leben regieren, vergleichen mit der Wahrheit und der Liebe, die wir im
                    Charakterbild <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Charakter">Jesu</term>, wie das Neue <term type="Sachen" key="Neues Testament">Testament</term> es zeichnet, in aller wünschenswerten Deutlichkeit vor
                    uns haben.<note xml:id="n15">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1792">
                                <persName ref="kbga-actors-181">Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Religion und
                            Sittlichkeit</hi> (Anm. 7), S. 201</bibl>: «Dass wir es hier mit keinem
                        Kunstprodukt, sondern mit der Offenbarung einer Person zu tun haben, die
                        allen Menschen gegenüber eine schöpferische Macht, der Herr ist,
                        […] wird uns aber offenbar, wenn die in dem Bilde enthaltene
                        Kraft selbst auf uns wirkt. Wir sehen ihn in seiner Herrlichkeit, wenn
                        wir erfahren, wie er uns verwandelt. […] Die aus seinen Worten
                        hervorbrechende geistige Macht lässt uns sehen, wie verkommen in uns
                        selbst das persönliche Leben ist. Sie zwingt uns, uns selbst zu
                        verurteilen, und stellt uns zugleich vor die unbegreifliche Tatsache,
                        dass dieselbe Person, die so der in unserm Innersten lebendige Richter
                        wird, alles tut und trägt, um uns davon zu überzeugen, dass die Macht
                        sittlicher Güte uns nicht so verderben will, wie wir es in der Pein des
                        Schuldgefühls zu erfahren meinen, sondern uns retten und für sich
                        gewinnen will.»</note> Und wenn wir <hi rend="italic">diesen</hi> Vergleich
                    antreten mit der Frage: Sind wir noch Christen?, wenn wir dann der <term type="Sachen" key="Christen, Lieblosigkeit">Lieblosigkeit</term> und
                        <term type="Sachen" key="Christen, Unwahrhaftigkeit">Unwahrhaftigkeit</term> gewahr werden, die auf dem verborgenen Grunde
                    unsres Christentums ihr heuchlerisches Spiel treibt, dann kann uns nichts
                    Erfreulicheres passieren, als wenn wir’s fertig bringen, uns herzhaft
                    die Antwort zu geben: Nein, wir sind keine Christen mehr; wir waren’s
                    vielleicht einmal, aber jetzt sind wir das Gegenteil davon. Nein, wir sind
                    noch keine Christen; vielleicht werden wir’s wieder einmal, aber
                    vorläufig sind wir noch das Gegenteil davon. Denn es kann uns in
                    Religionssachen nichts Erfreulicheres passieren, als wenn wir lernen, reinen
                    Tisch zu machen und dann von vorn anzufangen.</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p377" ed="pga"/> Von vorn anzufangen, d. h. uns an das Werk der Selbsterziehung zu machen,
                    erstens zur <term type="Sachen" key="Sanftmut">Sanftmut</term> und zweitens
                    zum dankbaren <term type="Sachen" key="Hören / Zuhören, dankbares">Hören</term>. Beides gehört wieder zusammen, wie die <term type="Sachen" key="Gehässigkeit">Gehässigkeit</term> und das religiöse
                        <term type="Sachen" key="Worte / das Reden, religiöses Geschwätz">Geschwätz</term> zusammengehören. Und beide machen zusammen ebenso die
                    Voraussetzung wie den Inhalt des wirklichen Christentums aus. Das geht aber
                    so zu: Wenn wir’s ernstnehmen mit jener Frage nach dem, was wir
                    sollen, mit der Frage nach der <term type="Sachen" key="Autorität">Autorität</term>, die unser Leben beherrschen muss, weil sie für Alle
                    gelten soll und Alle miteinander verbindet, dann sind wir auf dem Wege zur
                    Überwindung des <term type="Sachen" key="Egoismus">Egoismus</term>, und an
                    seine Stelle tritt die <term type="Sachen" key="Sanftmut">Sanftmut</term>,
                    d. h. die freundliche, billige, liebevolle Gesinnung gegen den <term type="Sachen" key="Nächstenliebe">Nächsten</term>. Dafür bedarf es
                    keines Beweises; denn es braucht sich nur jeder nüchtern die Frage nach dem
                    großen Sollen zu stellen, so kann er bemerken, dass es sich dabei um nichts
                    anderes handeln kann als um solche Gesinnung. Diese Erkenntnis gehört zu den
                    ehernen <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Grundlagen des menschlichen Geistes,
                    die man wohl vertuschen, aber nicht verleugnen kann. Und nun steht’s
                    so, dass gerade diese Gesinnung uns willig und freudig macht zum Hören,
                    d. h. zum dankbaren Empfangen. Dies darum, weil diese Gesinnung nicht ein
                    für alle Mal da ist, sondern weil sie Kampf bedeutet, Kampf gegen den
                    Egoismus, der uns immer wieder das Ziel verrücken möchte. Und in diesem
                    Kampf haben wir Kraft nötig, Gewissheit, Sieghaftigkeit, wenn wir nicht
                    mutlos werden und unterliegen sollen. Diese Kraft, diese Gewissheit, diese
                    Sieghaftigkeit ist aber der Inhalt des Evangeliums. Denn das <term type="Sachen" key="Evangelium">Evangelium</term> bedeutet nichts
                    Anderes, als dass unsre Unklarheit und Mangelhaftigkeit vor die Klarheit und
                    Fülle der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Liebe">Liebe</term> und
                    der <term type="Sachen" key="Jesus Christus, Wahrhaftigkeit">Wahrhaftigkeit</term> gestellt wird, die in Jesus ist. Und wie in ihm
                    der Unaufrichtige sich gerichtet weiß, so lässt es Gott in ihm dem
                    Aufrichtigen gelingen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.2.7">Spr. 2,7</ref>]. D. h. also: Wenn durch den Willen zur Sanftmut die Freude
                    am Hören in uns geweckt ist, so ist das die rechte Disposition zum Aufnehmen
                    des Evangeliums. Wenn das aber so steht, dann ist diese rechte Disposition,
                    von der <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> redet, nichts
                    Anderes als der rechte <term type="Sachen" key="Glaube, rechter">Glaube</term>.</p>
                <p> Der Glaube aber tut Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>. So kümmerlich unsre Liebe und so hilflos unsre
                    Empfänglichkeit sein mag, wenn nur der Wille zur Liebe den Willen zur
                    Empfänglichkeit geweckt hat, so hat unser inneres Leben Ewigkeitswert. Das
                    in uns gepflanzte Wort errettet dann unsre Seelen. Nun wir denn sind gerecht
                    geworden durch <pb xml:id="p378" ed="pga"/>
                    <hi rend="italic">den</hi> Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn
                    Jesum Christum [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.5.1">Röm. 5,1</ref>].
                    Einen andern Weg gibt es nicht.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>

                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-271">Nr. 183: «Tag über alle Tage, Geschenk aus Gottes Hand» von
                            <persName ref="kbga-actors-9253">Chr. R. H. Puchta</persName>, Strophen 1.2.6.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-250">Nr. 303: «Kommt ins Reich der Liebe» von <persName ref="kbga-actors-9041">E. G. Woltersdorf,</persName>
                            Strophen 1–2 und 4–5.</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item> <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.23 Mt.18.35">Matthäus 18,23–35</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
