<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53035">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 33</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,13-18</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,13-18, 13. Februar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53035 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53035</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 33: Predigt: Jakobus 1,13-18</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">35</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,13-18, 13. Februar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1476">KBA 1011</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1910-02-13">13. Februar 1910</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon"> 
                <pb xml:id="p348" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>33</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-02-13">Sonntag, den
                            13. Februar 1910</date> <date rend="right">(<choice><sic ed="pga">Sontag</sic>
                                <corr type="misprint">Sonntag</corr>
                            </choice> Invocavit)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.13 Jak.1.18">Jakobus 1,13–18</ref>
                       
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Niemand, der versucht wird, soll
                                    sagen: ich werde von Gott versucht. Denn für Gott gibt es
                                    keine <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term>
                                    zum <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term>,
                                    und er versucht Niemanden. Vielmehr wird jeder so versucht,
                                    dass er von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt
                                    wird. Dann empfängt die Begierde und gebiert die <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term>, und die Sünde,
                                    reif geworden, gebiert den Tod. Irret euch nicht, geliebte
                                    Brüder, gute Gabe allein und nur vollkommene Spende kommt
                                    von oben herab, vom Vater der Lichter, bei dem es keine
                                    Veränderung gibt noch eine Spur von Wechsel. Nach seinem
                                        <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Willen</term> hat
                                    er uns gezeugt durch das Wort der <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>, damit wir seien eine Art
                                    Erstlingsfrucht unter seinen <term type="Sachen" key="Geschöpfe">Geschöpfen</term>.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir haben es heute mit einem schweren Text zu tun und mit einem schweren
                    Gegenstand; und wir Alle müssen uns recht Mühe geben, damit wir ihn gut
                    verstehen.</p>
                <p>Es handelt sich, wie ihr gehört habt, um die Frage, ob denn die <term type="Sachen" key="Versuchung, zum Bösen">Versuchung</term> zum Bösen
                    auch von Gott komme. Es scheint, dass diese Frage bei den ersten <term type="Sachen" key="Christen, frühe">Christen</term> öfters ist
                    verhandelt worden. Sie mussten sich gegen die Einrede verwahren: Wenn denn
                    Gott Alles in Allem ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.28">1.Kor. 15,28</ref>], wenn nichts ohne ihn geschieht <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> und Alles durch ihn, wie ihr behauptet, dann
                    muss er es ja auch sein, der die Menschen zum Bösen versucht. Es kann uns
                    gar nicht wundern, dass diese Einrede gemacht worden ist. Wenn Einer so
                    rückhaltlos ernst macht mit Gott, wie Jesus und nach ihm besonders <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> es getan haben, dann liegt
                    diese Einrede nahe genug. Auch <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> hat sie hören müssen.<note xml:id="n01">
                        <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> behandelt
                        den Einwand, die Erwählungslehre nähme dem Menschen die Schuld und die
                        Verantwortung ab, in <bibl corresp="kbga-bibls-16">Inst. III,23,6–9</bibl>.</note> Sie hat den Schein
                    großer Logik für sich und ist darum eine Einrede, die wohl wert ist, sehr
                    ernsthaft genommen zu werden. Wir müssen uns dazu aber vor Allem klar
                    machen, dass es sich dabei für uns nicht um <pb xml:id="p349" ed="pga"/> eine alte
                        <term type="Sachen" key="Theologie">theologische</term> Streitigkeit
                    handelt. Sonst denken wir entweder: wie interessant! oder: wie langweilig!
                    und merken nicht, dass die Sache uns höchst direkt angeht.</p>
                <p> Denn in der merkwürdigen Frage, die <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in unsern Textworten verhandelt, steckt wieder eine
                    Lebensfrage. Gott versucht den Menschen zum Bösen, das würde ja nichts
                    Anderes bedeuten als: die <term type="Sachen" key="Entscheidung, Gut oder Böse">Entscheidung</term> zwischen Gut und
                    Böse trifft nicht der Mensch, sondern sie trifft <hi rend="italic">ihn</hi>, als ein
                    Ereignis, über das er keine Gewalt hat, wie ihn auch wohl ein Hagelwetter
                    treffen kann. Gott versucht den Menschen, das würde bedeuten: es ist
                    unmöglich, den Menschen für die Richtung, die sein Leben nimmt,
                    verantwortlich zu machen, denn wie wäre von ihm zu erwarten, dass er Gott
                    widerstünde. Das würde bedeuten, der Mensch ist in der allerernsthaftesten
                    Angelegenheit seines Lebens nicht frei, sondern unfrei. Mit andern Worten:
                    in der alten theologischen Frage, von der unser Textwort redet, steckt die
                    Lebensfrage nach der <term type="Sachen" key="Verantwortlichkeit">
                            <hi rend="italic">Verantwortlichkeit</hi></term>, die Frage, ob es überhaupt
                    angeht, von einem menschlichen <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">
                            <hi rend="italic">Willen</hi></term> zu reden und an
                    ihn zu appellieren, oder ob das, was wir so nennen, nichts Anderes ist als
                    ein im Grunde bewusstloses Stück der merkwürdigen großen Maschine des
                    Daseins, über die der eine <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> das Wort «Gott»
                    schreibt und der andre das Wort «Natur». Und nun hat ja die alte Frage, die
                    schon den ersten Christen zu denken gab, die Frage, ob Gott den Menschen
                    auch zum <term type="Sachen" key="Versuchung, zum Bösen">Bösen</term>
                    versuche, auch ein sehr modernes Gesicht. Ihr habt gewiss auch schon von den
                    Theorien gehört, die lehren, der Mensch könne vom Standpunkt der <term type="Sachen" key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Naturwissenschaft</term> aus als nichts Anderes betrachtet werden denn
                    als ein Stück der unbewussten <term type="Sachen" key="Mensch, Stück Natur">Naturwelt</term>, in der es wohl Ursachen gibt und Wirkungen, aber
                    keinen bewussten freien <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">Willen</term>, der sprechen könnte: ich will selbst Ursache sein und
                    nicht bloß Wirkung. Nach diesen Theorien, wie sie besonders scharfsinnig der
                    Italiener <persName ref="kbga-actors-9247">Lombroso</persName>
                    ausgesprochen hat,<note xml:id="n02">Der Mediziner und
                        Anthropologe Cesare Lombroso (1836–1909) verknüpfte in seinen
                        Hauptwerken traditionelle Gedanken der Physiognomik ­mit
                        zeitgenössischen entwicklungsgeschichtlichen Vorstellungen. Zwar
                        beherrschten seine Thesen die fachwissenschaftliche Diskussion nicht
                        lange, doch blieben sie über die populärwissenschaftliche Rezeption
                        seiner Hauptwerke, die teils mehrfach übersetzt, erweitert und neu
                        aufgelegt wurden, lange im öffentlichen Gedächtnis: <bibl corresp="kbga-bibls-2644">
                                <persName ref="kbga-actors-9247">C. Lombroso</persName>, <hi rend="italic">Genio
                            e follia in rapporto alla psichiatria, alla storia ed
                            all’estetica</hi>, Milano 1864</bibl> (deutsch: <bibl corresp="kbga-bibls-2645">
                                <hi rend="italic">Genie und
                            Irrsinn in ihren Beziehungen zum Gesetz, zur Kritik und zur
                            Geschichte</hi>, Leipzig 1887</bibl>);<bibl corresp="kbga-bibls-2646"> <persName ref="kbga-actors-9247">ders.</persName>, <hi rend="italic">L’Uomo
                            delinquente in rapporto all’antropologia, alla giurisprudenza
                            ed alle discipline cacerarie</hi>, Torino 1876</bibl> (deutsch: <bibl corresp="kbga-bibls-2647">
                                <hi rend="italic">Der
                            Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer
                            Beziehung</hi>, Hamburg 1887</bibl>).</note> wird hier der eine ein
                    guter, dort <pb xml:id="p350" ed="pga"/> der andre ein böser Mensch, wie hier ein
                    Birnenbaum Früchte trägt und dort sein Nachbar bloß Blätter, ohne dass man
                    den einen oder den andern dafür verantwortlich machen könnte. Es ist eben
                    Alles <term type="Sachen" key="Natur, Ursache und Wirkung">Natur</term>,
                    d. h. notwendige Ursache und Wirkung. Es ist von vornherein klipp und klar
                    geregelt, was aus einem Menschen wird: durch die Art seiner Großeltern und
                    Eltern, durch seine Gesundheit, durch das Klima, durch die Nahrung, durch
                    das Milieu, in dem er lebt. Es kann keine Rede davon sein, dass er sich frei
                        <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">entschließen</term>
                    könnte, gut zu sein oder <term type="Sachen" key="Entscheidung, Gut oder Böse">böse</term>. Es ist Alles Natur.
                    – |</p>
                <p>So die weitverbreitete moderne Ansicht. Der Mensch ist eine hilflose, kleine
                    Schraube, eingespannt in einen ungeheuren Mechanismus. Und ich wiederhole
                    es: es ist sachlich gleichgiltig, ob man nun über diesen Mechanismus das
                    Wort «Gott» schreibt oder das Wort «Natur», ob man also sagt: Gott versucht
                    den Menschen zum <term type="Sachen" key="Versuchung, zum Bösen">Bösen</term>, oder ob man sagt: die Natur macht ihn zu dem, was er ist.
                    Die Meinung ist beide Mal dieselbe: Der Mensch kann nichts tun zu dem, was
                    er ist. Es gibt keine Freiheit. Es gibt keine <term type="Sachen" key="Verantwortlichkeit">Verantwortlichkeit</term>.</p>
                <p>Ja, meine Freunde, das tönt nun vielleicht Alles immer noch recht <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> philosophisch und abstrakt. Aber ich hoffe, ihr
                    habt doch mit mir die Erkenntnis, dass die Angelegenheit, um die es sich
                    handelt, ungemein praktisch ist. Es ist für die Gestaltung unsres Lebens
                    durchaus nicht gleichgiltig, ob wir uns so oder so entscheiden. Ein Knabe
                    aus unsrer deutschen Schule, den ich jüngst wegen schlechtem Betragen zur
                    Rede stellte, hat mir freundlich lächelnd geantwortet: Was wollen Sie? Ich
                    bin einmal so. Das ist meine Natur! Und wir brauchen nur einmal darauf zu
                    achten, wie oft wir uns selbst über dem Gedanken ertappen: Ich bin einmal
                    so! Das ist meine Natur! Wenn wir uns so freundlich lächelnd vor uns selbst
                    und den andern entschuldigen, so mag daran freilich die Theorie <persName ref="kbga-actors-9247">Lombrosos</persName> oder die
                    Meinung, dass Gott die Menschen versuche, die geringste Schuld tragen. Wohl
                    aber ist eine gewisse Gesinnung in uns allen daran schuld. <hi rend="italic">Sie</hi><note type="textcritical" n="a" xml:id="na"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         bringt im letzten Grunde <pb xml:id="p351" ed="pga"/> jene
                    Meinungen hervor, jedenfalls ist <hi rend="italic">sie</hi><note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         es, die sie populär und beliebt macht. Diese Gesinnung
                    besteht in dem Verlangen, dass durch das Wort Verantwortlichkeit ein dicker
                    Strich gemacht werde. Dies Verlangen äußert sich dann unter Umständen in dem
                    begreiflichen Wunsch, dass von <term type="Sachen" key="Wissenschaft">Wissenschafts</term> wegen das <term type="Sachen" key="Gewissen">Gewissen</term> in Abgang dekretiert werde. Denn das Leben gestaltet
                    sich in der Tat viel einfacher und erfreulicher, wenn man hindurchwalzen
                    kann nach der Melodie: Ich bin einmal so, als wenn es heißt: ich sollte aber
                    anders sein. Und eben darum ist die Frage, mit der wir’s zu tun
                    haben, im tiefsten Sinn eine Charakter-, eine Gesinnungsfrage. Nicht
                    zwischen zwei Theorien gilt es hier zu wählen, sondern wir stehen am
                    Scheideweg zweier Lebensstraßen.</p>
                
                <p rend="margin-top">Aber wir müssen nun der Sache gleich näher treten. Und weil
                    die Sache uns Menschen von heutzutage weniger in der Form der Frage, ob Gott
                    zum Bösen <term type="Sachen" key="Versuchung, zum Bösen">versuche</term>,
                    bekannt und <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/> dringlich ist, als in Form der
                    Redensart und der Stimmung: Ich bin einmal so! Das ist meine Natur, so
                    wollen wir zunächst von diesem letztern Punkt ausgehen, Ist jene Redensart
                    giltig oder nicht? Ist das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> an <hi rend="italic">uns</hi> und das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> eine Naturerscheinung wie Regenwetter
                    und Sonnenschein, oder ist der Mensch in diesen Dingen frei und darum <term type="Sachen" key="Verantwortlichkeit">verantwortlich</term>?</p>
                <p>Wir können dazu gleich den schönen Gedanken ins Auge fassen, den <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in unsrer Stelle über
                    Gottes Art und Wesen zum Ausdruck bringt. Jakobus ist der Meinung gewesen,
                    es sei nichts mit jener Redensart. Es sei nicht wahr, dass Gott zum Bösen
                    versuche oder dass einer durch seine Natur gezwungen sei, böse zu sein.
                    Vielmehr: <hi rend="italic">gute Gabe allein und nur vollkommene Spende kommt von oben
                        herab</hi>. Das will sagen: Die verborgene unbedingte Macht, die über
                    die Welt und die Menschen Gewalt hat, ist nicht ein Rätselwesen, das
                    zweideutig Böses und Gutes in sich bürge sondern sie ist rein und
                    unzweideutig die Macht des Guten. Gott ist nicht Helldunkel, sondern Gott
                    ist das Licht. Den <hi rend="italic">Vater der <term type="Sachen" key="Gott, Vater der Lichter">Lichter</term></hi> nennt ihn
                    Jakobus, und wir erraten unschwer, auf was er da anspielt. Er meint die
                    Lichter, die ihre Bahn gehen an dem ungeheuren Gewölbe des <term type="Sachen" key="Himmel">Himmels</term>, das sich nach der Anschauung
                    des Altertums über die Erde spannt: die Sonne, der Mond und</p>
               
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l rend="right3"> <pb rend="noPipe" xml:id="p352" ed="pga"/> der Gestirne helle Schar,</l>
                            <l>Die ihren Schöpfer wandelnd loben</l>
                            <l>Und führen das bekränzte Jahr.<note xml:id="n03">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1267">Aus
                                    der vorletzten Strophe des Gedichts «Das Lied von der
                                    Glocke» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck
                                    1799; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 429–442, dort S. 441)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Sind sie Licht, um wieviel mehr Gott, der sie geschaffen.
                    Nein, in viel höherm Maße, meint Jakobus. Denn bei den Lichtern des Himmels
                    ist beständig Veränderung und Wechsel. Das Licht des Tages, die Sonne, und
                    das Licht der Nacht, der Mond [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.16">Gen. 1,16</ref>], sie kommen und gehen, ihr Licht nimmt ab
                    und zu, es leidet <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> unter totalen und partiellen
                    Finsternissen, und ebenso ist die <term type="Sachen" key="Sterne">Sternenwelt</term> beständigem Wechsel unterworfen. <hi rend="italic">Die</hi>
                    Lichter kommen, gehen, vergehen, <hi rend="italic">das</hi> Licht bleibt, weil es
                    unwandelbar und unvergänglich ist, Gott ist der Vater der <term type="Sachen" key="Gott, Vater der Lichter">Lichter</term>, <hi rend="italic">bei
                        dem es keine <term type="Sachen" key="Gott, Unveränderlichkeit">Veränderung</term></hi>
                    <hi rend="italic">gibt noch eine Spur von Wechsel</hi>. Und so ist’s undenkbar,
                    behauptet <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, dass Gott zum
                    Bösen <term type="Sachen" key="Versuchung, zum Bösen">versuche</term>; was
                    von ihm kommt, ist gute Gabe und vollkommene Spende.</p>
                <p>Bleiben wir einmal bei dem Bilde von den Lichtern des Himmels stehen. Wenn
                    ich recht sehe, so ist darin eine Beziehung verborgen, die dem Jakobus noch
                    nicht bekannt sein konnte, weil sie dem <term type="Sachen" key="Altertum">Altertum</term> überhaupt noch nicht bekannt war. Wie steht’s
                    denn nach den Anschauungen unsrer Astronomen mit der Veränderlichkeit dieser
                    Lichter? Offenbar liegen doch die Dinge so, dass bei all den Bewegungen der
                        <term type="Sachen" key="Planeten">Himmelskörper</term> von einer
                    Veränderung dieser selbst nicht die Rede sein kann, sondern immer nur von
                    einer Veränderung der Ansicht, die wir davon haben. Die <term type="Sachen" key="Sonne">Sonne</term> verändert sich nicht, wenn wir sagen, dass sie
                    auf- oder untergeht, wohl aber verändert sich unsre Ansicht davon. Der Mond
                    ist immer derselbe, ob wir ihn nun als Vollmond oder als Halbmond sehen oder
                    ob er uns sogar völlig unsichtbar wird. Der <term type="Sachen" key="Halleyscher Komet">Komet</term>, von dem man jetzt so viel
                        redet,<note xml:id="n04">Im Jahr 1910 näherte sich der
                        Halleysche <term type="Sachen" key="Halleyscher Komet">Komet</term> der
                        Erde. Er war über Monate hinweg sichtbar und bereits lange vor seiner
                        größten Erdannäherung am 19. Mai 1910 Gegenstand vieler Spekulationen
                        und Diskussionen.</note> war eben derselbe, auch als er noch einige
                    Millionen Kilometer weiter von unsrer Erde entfernt und folglich für uns
                    unsichtbar war. Es handelt sich also bei dem Wechsel, dem die Gestirne
                    anscheinend unterworfen <pb xml:id="p353" ed="pga"/> sind, tatsächlich nur um den
                    Wechsel der Anschauung, die wir Menschen auf der Oberfläche unsres kleinen
                    Gestirns von den Dingen haben. Und wenn somit die teilweise oder ganze
                        <hi rend="italic">Dunkelheit</hi>, in die sich die Gestirne nach bestimmten
                    Gesetzen hüllen, eine Sache unsrer menschlichen Anschauung ist, die nichts
                    zu tun hat mit einer wirklichen Veränderung, so gilt dasselbe, wenn wir vom
                        <hi rend="italic">Licht</hi> der <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> Sonne, des Mondes,
                    der Sterne reden. Wir sehen sie als Lichter, weil wir gewohnt sind, sie
                    nicht anders wahrzunehmen als mittelst unsrer Augen. Aber dass wir sie in
                    dieser Weise wahrnehmen, das ändert nichts an ihrem Vorhandensein und an
                    ihrem Wesen. <persName ref="kbga-actors-3887">Leverrier</persName> hat den Planeten <term type="Sachen" key="Neptun (Planet)">Neptun</term> entdeckt, ohne ihn gesehen zu haben,
                    einfach durch Berechnung.<note xml:id="n05">Der französische
                        Mathematiker und Astronom <persName ref="kbga-actors-3887">Urbain J. J. Leverrier</persName> (1811–1877)
                        hatte 1846 aus Störungen in der Bahn des Planeten Uranus auf die
                        Existenz eines weiteren Planeten, Neptun, geschlossen und dessen
                        mutmaßliche Bahn errechnet; nur wenig später wurde Neptun sehr nahe an
                        der von Leverrier berechneten Stelle entdeckt.</note> Mit einem Wort,
                    wenn wir bei den Gestirnen, deren Veränderlichkeit <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in Gegensatz stellt zu Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Unveränderlichkeit">Unveränderlichkeit</term>,
                    wenn wir bei ihnen von Dunkel und Licht reden, so kann das nur den Sinn
                    haben, dass wir nach unsrer ganzen Organisation und Stellung genötigt sind,
                    sie hell oder dunkel zu sehen. Dagegen können und dürfen wir nicht sagen,
                    dass sie an sich selber deswegen hell oder dunkel seien.</p>
                <p>Und nun brauchen wir bloß dies von Jakobus gebrauchte Bild von den Sternen in
                    der vertieften Auffassung, die uns heute möglich ist, anzuwenden, so stehen
                    wir mitten in der Frage drin, die uns heute beschäftigt, und vielleicht
                    haben wir dann den wichtigsten Schlüssel zu ihrer Lösung in Händen. Ich
                    meine das so: Wenn das wahr ist, dass die Veränderlichkeit der Gestirne in
                    Wirklichkeit die Veränderlichkeit des <term type="Sachen" key="Mensch, Veränderlichkeit">Menschen</term> ist, der sie beobachtet,
                    so dürfen wir etwas Ähnliches annehmen von dem grenzenlosen Mechanismus der
                        <term type="Sachen" key="Natur">Naturwelt</term> überhaupt, von dem ja
                    die Sternenwelten nur ein für uns besonders eindrucksvoller Teil sind. Wenn
                    uns gesagt wird, die Menschen seien bloße Schräubchen und Spulen in diesem
                    Mechanismus der Natur, die ebenso willenlos hier zum Guten und dort zum
                    Bösen <term type="Sachen" key="Prädestination, doppelte">bestimmt</term>
                    seien, so könnte es sein, dass es in Wirklichkeit mit diesem <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Guten</term> oder <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term>, zu dem die Natur uns angeblich<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift hinzugefügt.</note>
                     zwingt, steht wie mit dem <pb xml:id="p354" ed="pga"/> Licht und dem Dunkel
                    der Gestirne, dass es nämlich – nicht Sache der Anschauungsweise
                    diesmal –, aber Sache der <term type="Sachen" key="Entscheidung, Gut oder Böse">Willensentscheidung</term> des
                    Menschen ist. Es <hi rend="italic">könnte</hi> so sein, sage ich, aber es könnte nicht
                    nur, sondern es <hi rend="italic">ist</hi> so. Was ist es denn mit diesem Mechanismus
                    der Naturwelt, der angeblich gute und böse Menschen hervorbringen soll mit
                    der gleichen <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> Notwendigkeit, mit der er Schafe,
                    Apfelbäume und Leoparden hervorbringt? Ja, ich bitte euch, wie kommen denn
                    solche Dinge wie Gut und Böse überhaupt in diesen Mechanismus der Natur
                    hinein? Für die <term type="Sachen" key="Wissenschaft, Naturwissenschaft">Naturwissenschaft</term> gibt es wohl Pflanzen und Tiere von tausend
                    Arten und unter den Menschen Neger und Chinesen, Gesunde und Kranke, Krüppel
                    und Normale. Aber eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Guten und des
                    Bösen gibt es nicht. Die besten Fernrohre und Mikroskope haben weder am
                    Himmel noch auf Erden etwas dergleichen wahrgenommen. Wer von einem Menschen
                    sagt, er sei von Natur gut oder von Natur böse, der steht auf der gleichen
                    Stufe mit dem, der behaupten wollte, der Mond sei eine Sichel, weil er in
                    der dritten Woche des Monats aussieht wie eine Sichel. Wer sauber und exakt
                    denkt, der wird sagen müssen, dass weder das <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, kein Naturphänomen">Gute</term> noch das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, kein Naturphänomen">Böse</term> der
                    Natur an sich selber zuzuschreiben ist. Sondern wenn diese Dinge
                    Wirklichkeit sind und nicht bloß eine Illusion, wie man auch schon gemeint
                        hat,<note xml:id="n06">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-882">
                                <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Götzen-Dämmerung
                            oder Wie man mit dem Hammer philosophirt</hi>, Sämtliche Werke.
                        Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M.
                        Montinari, Bd. 6, München / Berlin 1999, S. 55–161, dort S. 99</bibl>:
                        «Man kennt meine Forderung an den Philosophen, sich
                            <hi rend="italic">jenseits</hi> von Gut und Böse zu stellen, - die Illusion
                        des moralischen Urtheils <hi rend="italic">unter</hi> sich zu haben.»</note> so
                    müssen sie anderswoher kommen.</p>
                <p>Aber nun könnte jemand einwenden, das sei wieder einmal Rabulistik und
                    Philosophie, die die Dinge auf den Kopf stelle. Er würde uns z. B.
                    entgegenhalten, dass es nachgewiesen sei, dass gewisse Menschen durch
                    Trunksucht und andere Entartung ihrer Eltern und Voreltern zu Verbrechern
                    geradezu prädestiniert seien, dass die Moralität des <term type="Sachen" key="Mensch, Moralität">Menschen</term> aufs Innigste zusammenhänge mit
                    dem Klima, in dem er lebe, mit der Nahrung, die er genieße, mit der
                    Umgebung, in der [er] aufgewachsen sei, kurzum mit Dingen, an denen sein
                    Wille nichts ändern könne, weil sie naturgesetzlich so sein müssen, wie sie
                    sind. <pb xml:id="p355" ed="pga"/> Und folglich stamme das Gute und das Böse eben
                    doch aus der Natur. Gemach, lieber Freund, wenn du das zugibst, dass man von
                    böser oder guter Natur so wenig reden kann wie von hölzernem Eisen, so
                    brauchst du dir nur noch zu über<pb ed="A" rend="hidden" n="9"/>legen, was denn
                    das sagen will, wenn wir von Gut und Böse reden, so wirst du vielleicht
                    trotz jenen Beispielen meiner Ansicht sein, dass das Böse und das Gute
                    anderswoher kommen als aus dem, was wir die Natur nennen. Es mag in
                    weitgehendem Maß richtig sein, dass gewisse Menschen durch <term type="Sachen" key="Mensch, Vererbung">Vererbung</term> einen natürlichen
                    Hang zu allerlei Lastern bekommen haben oder z. B. durch das Klima, in dem
                    sie leben, einen Hang zur Faulheit (wie die Italiener) oder durch viel
                    Fleischnahrung ein hitziges und unbeständiges Wesen. Aber es hat doch seinen
                    guten Grund, dass wir in solchen Fällen eine gewisse Scheu tragen, mit der
                    Bezeichnung «böse» Menschen für die Betreffenden zur Hand zu sein. Ebenso
                    wie wir zögern, einen andern, der durch gute und glückliche Umgebung und
                    Lebensumstände nie in die Lage gekommen ist, Dinge zu tun, die man böse
                    heißt, deshalb schon einen guten Menschen zu nennen. Offenbar liegt eben das
                        <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute">Gute</term> und das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> tatsächlich in etwas
                    Anderem als in <hi rend="italic">den</hi><note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>
                         Erscheinungen des menschlichen Lebens, die zum Naturgebiet
                    gehören. Das Böse ist etwas Anderes als eine Krankheit unsrer <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, kein Naturphänomen">Natur</term>,
                    und das Gute ist etwas <term type="Sachen" key="Gutes / das Gute, kein Naturphänomen">Anderes</term> als ihre
                    Gesundheit. Freilich äußert sich das Böse sofort auch als Krankheit unsrer
                    Natur, als Faulheit, als Liederlichkeit, als Unsittlichkeit, als Trunksucht,
                    als Verbrechen, aber wenn wir diese Dinge böse nennen, so meinen wir damit
                    doch etwas Anderes als die betreffenden äußern Lebenserscheinungen, die wir
                    ja auch beim Tier wahrnehmen können. Böse ist die Gesinnung, die sie
                    hervorbringt. Und wiederum muss sich das Gute äußern in guten Taten aller
                    Art, als Arbeitsamkeit, als Ernst, als Gehorsam, als Selbstzucht, aber wenn
                    wir alle diese Dinge gut nennen, so geschieht es doch nur insofern, als wir
                    sie uns denken müssen als aus einer guten Gesinnung hervorgegangen.</p>
                <p>Gut und Böse gibt es offenbar nicht auf dem Gebiet der <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Natur und der Naturerkenntnis, wohl aber auf dem Gebiet der
                    Gesinnung und der <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Selbsterkenntnis">Selbsterkenntnis</term>. Und wie geht das zu, wenn wir da auf diese
                    Dinge stoßen? Das geht so zu, dass wir anfangen, uns selbst zu <hi rend="italic">be<pb xml:id="p356" ed="pga" break="no"/>urteilen</hi>, d. h. nach dem Wert oder Unwert
                    unsres Daseins und unsrer Handlungen uns zu fragen. Solange wir uns zu
                    diesem Tun nicht aufgerafft haben, solange steht es freilich so um uns, dass
                    wir an unserm eigenen Wesen und an dem der andern nichts wahrnehmen können
                    als <term type="Sachen" key="Natur">Natur</term>. Das Sprüchlein: Ich bin
                    einmal so! ist dann oberste Lebensregel. Solange sind wir tatsächlich nichts
                    als Schräubchen an dem ungeheuren Mechanismus der Natur. Wir bemerken weder
                    Gutes noch Böses an uns, sondern lauter Natur, d. h. aber, wir sind
                    überhaupt noch nicht Menschen geworden, sondern wir sind noch Pflanzen oder
                    Tiere. – |</p>
                <p>Ein Mensch wird einer dann, wenn er lernt, zu sich selber sagen: halt!, ich
                    bin etwas Besonderes; halt!, ich bin nicht bloß eine Spule in einer
                    Maschine, die abläuft, solange der Faden währt. Mein Leben hat eine Aufgabe,
                    mein Leben hat ein Ziel; und wenn er sich nun fragt: wie verhält sich mein
                    Dasein, mein Denken, Handeln, Fühlen zu diesem Ziel? Wie stand es gestern,
                    heute mit mir, wie wird’s morgen stehen? Und nun scheidet sich die
                    gleichgiltige Masse unsres natürlichen Lebens in Gut und Böse durch die
                        <term type="Sachen" key="Entscheidung, Gut oder Böse">Entscheidung</term> unsres <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">Willens</term> für oder gegen, so wie es von
                    unsrer Anschauungsweise abhängt, ob die Himmelskörper über uns Licht sind
                    oder Dunkel.</p>
                <p>Sollte die <hi rend="italic">Unter</hi>scheidung von Gut und Böse, die wir in der
                    sittlichen Selbst<hi rend="italic">besinnung</hi> vornehmen, eine Fiktion sein, ein
                    Phantasiegebilde ohne Wirklichkeit? Sollte die <hi rend="italic">Ent</hi>scheidung
                    zwischen Gut und Böse, die wir in der sittlichen
                        Selbst<hi rend="italic">bestimmung</hi> vornehmen, eine Illusion sein, ein müßiges
                    Gedankenspiel? Es wäre freilich so, wenn nur der Natur und dem Naturerkennen
                    Wahrheit und Wirklichkeit zukäme, wenn der Mechanismus der Notwendigkeit,
                    von dem wir <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> sprachen, das ganze Leben wäre.
                    Aber nun stehen die Dinge vielmehr so, dass das, was den Namen Leben
                    verdient, das, was den Menschen von der Pflanze und vom Tier unterscheidet,
                    da erst beginnt, wo der Mechanismus der Notwendigkeit mit seinen Gesetzen
                    aufhört. Durch die schmale Pforte der <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Selbstbesinnung</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbestimmung">Selbstbestimmung</term>
                    tritt der Mensch ein in das Reich der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, in dem andre Gesetze gelten als im Reich der
                        Natur.<note xml:id="n07">Barths Gedanken folgen hier im
                        Grundsatz<bibl corresp="kbga-bibls-1749"> <persName ref="kbga-actors-181">W. Herrmann</persName>, <hi rend="italic">Ethik</hi>, Tübingen 1909<hi rend="sup">4</hi>, S. 36–85 (2. Kapitel: «Das sittliche Denken als die
                        Selbstunterscheidung des Menschen von der Natur»)</bibl>. Er hatte am
                        26. September 1909 von seinem Marburger Lehrer ein Exemplar geschenkt
                        bekommen (Bucheintrag mit Datum: «Donum autoris»), das zahlreiche
                        Bearbeitungsspuren aufweist.</note> Bist du schon durch diese enge
                    Pforte <pb xml:id="p357" ed="pga"/> gegangen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.14">Mt. 7,14</ref>], lieber Freund? Gehst du täglich hindurch?
                    Dann verstehst du mich. Dann erlebst du die Wahrheit und Wirklichkeit dieses
                    Reiches. Wissenschaftliche Beweise gibt es nicht dafür, keinen einzigen.
                    Wohl aber wird dein innerster Mensch den Beweis der Kraft sehen, wenn du
                    nicht mehr sagst: ich bin einmal so, sondern: ich soll anders werden.</p>
                <p>Und nun verhält es sich gerade so, dass das das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">
                            <hi rend="italic">Böse</hi></term> ist, wenn wir
                    nachsichtig zu uns selbst sagen: ich bin einmal so, und es damit bewenden
                    lassen. Das ist das Böse, wenn wir Naturwesen bleiben wollen, essen,
                    trinken, schlafen, es gut haben, wie die Tiere und Pflanzen in ihrer Weise
                    es auch tun. Die Natur an sich ist nicht böse, behüte, wir haben eben
                    gesehen, warum nicht, wohl aber ist der Mensch böse, der einmal etwas
                    Derartiges wie Selbstbesinnung und Selbstbestimmung angefangen hat und dann
                    doch wieder vorzieht, ein unbewusstes Stück Natur zu bleiben.<note xml:id="n08">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1749">a.a.O., S. 81</bibl>: «Das Böse ist daher in
                        erster Linie das Verharrenwollen in dem alten Wesen oder Trägheit
                        gegenüber der sittlichen Forderung. Das bloße Verharren, die
                        Selbstbehauptung ist das Natürliche. Böse wird es erst, wenn dem
                        sittlichen Gebot, das eine neue Lebensstufe eröffnet, der Gehorsam
                        verweigert wird. Diese träge Lust am Natürlichen ist die Grundform des
                        Bösen.»</note> Den Seehund kann man nicht böse nennen, weil er seinen
                    Lebenszweck darin sieht, Fische zu verzehren und an der Sonne zu liegen, und
                    ebensowenig den Neapolitaner, der seine Tage und Jahre auf dieselbe Weise
                    zubringt, denn beide wissen es nicht besser. Wohl aber sind wir zwei, du und
                    ich, böse, wenn wir’s so machen, denn wir wissen es besser, uns
                    ist’s gesagt: Sei ein Mensch und kein Naturwesen<note type="textcritical" n="e" xml:id="ne"> Im Mskr. nachträglich eingefügt anstelle von: «Seehund».</note>.</p>
                <p> Und wie das zugeht, wenn wir das <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Böse</term> tun, d. h., wenn wir es vorziehen, Naturwesen zu sein,
                    anstatt Menschen zu werden, wie das also in Wirklichkeit zugeht, wenn die
                        <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchung</term> über uns kommt,
                    das können wir nun einfach <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> aus unserm Text
                    ablesen, besser könnte es gar nicht beschrieben werden. <hi rend="italic">Jeder wird so
                        versucht, dass er von seiner eigenen Begierde gereizt und gelockt
                        wird</hi>. Das bedeutet un<pb xml:id="p358" ed="pga" break="no"/>missverständlich:
                    sowie du jene <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbesinnung">Selbstbesinnung</term> und <term type="Sachen" key="Mensch, Selbstbestimmung">Selbstbestimmung</term> vollzogen hast,
                    sowie dir das auch nur auf einen Augenblick klar geworden ist, dass du ein
                    Mensch bist und kein Naturwesen, sofort musst du dir auch eingestehen, wenn
                    du dir nicht irgend etwas Sentimentales vormachst, dass du an dem Bösen, das
                    du tust, selbst schuld bist und dass es keineswegs ein Stück deiner Natur
                    ist. Denn die Begierde, die dich reizt und lockt, das ist doch nichts
                    Anderes, als dass du Ja sagst zu deiner Natur, wo du Nein sagen solltest.
                    Z. B. Ja sagst zu der <term type="Sachen" key="Mensch, Trägheit">Trägheit</term>, der <term type="Sachen" key="Mensch, Sinnlichkeit">Sinnlichkeit</term>, dem <term type="Sachen" key="Mensch, Egoismus">Egoismus</term>, die dem menschlichen Leib innewohnen. Wer wollte
                    deshalb dem menschlichen Leibe einen Vorwurf machen und ihn böse nennen
                    wegen dieser Eigenschaften? Aber dir ist ein Vorwurf zu machen, und du bist
                    böse zu nennen, wenn du nun selbst träge, sinnlich, egoistisch bist. Nicht
                    die Natur ist böse, aber deine Begierde nach der Natur, deine falsche,
                    nachgiebige Stellung zur Natur, die sind böse, und an diesem <term type="Sachen" key="Böses / das Böse">Bösen</term> bist du selbst schuld.
                    Und weil du schuld bist an der <term type="Sachen" key="Begierde">Begierde</term>, bist du schuld an alledem, was daraus folgt, wie das B
                    und das C auf das A folgt. Bist schuld an der <term type="Sachen" key="Sünde">
                            <hi rend="italic">Sünde</hi></term>, die aus der Begierde kommt, d. h.
                    an der Untätigkeit, der Unreinheit, der Lieblosigkeit, die von da aus deinen
                    Charakter und dein ganzes Wesen ergreift und verdirbt, bist schuld endlich
                    am <hi rend="italic">Tod<note type="textcritical" n="f" xml:id="nf"> Im Mskr. doppelt unterstrichen.</note></hi>
                        <term type="Sachen" key="Tod, Sold der Sünde"/>, der der
                    Sünde Sold und Ertrag ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.6.23">Röm. 6,23</ref>], d. h. an der völligen Auflösung und Dekomposition deines
                    innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, die sich
                    unfehlbar einstellen muss, wenn du nicht rechtsum kehrtmachst, an der
                    Aufhebung deines Bürgerrechtes im Reiche der <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, dessen du dich durch die Begierde, durch
                    deine Gefangennahme durch die <term type="Sachen" key="Mensch, Gefangennahme durch die Natur">Natur</term> unwürdig
                    gemacht hast.</p>
                <p>Das ist die eine Lebensstraße, die du einschlagen kannst – <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> aber du bist verantwortlich dafür, wenn du es
                    tust.</p>
                <p>Sage nicht: ich bin einmal so!, und wenn hundert und tausend zur Rechten und
                    zur Linken sich damit das Leben leicht machen wollen. Es ist nicht wahr: du
                    sollst anders sein. Wenn du noch nie davon gehört hast, so mach dir’s
                    jetzt in dieser Stunde klar. Es kommt Alles darauf an, dass du mit der
                    höchst einfachen Sache anfängst, dich zu besinnen und dich zu bestimmen.</p>
                
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p359" ed="pga"/> Aber nun ist das nur die eine der Lebensstraßen, von denen ich sprach, die,
                    die von der <term type="Sachen" key="Begierde">Begierde</term> durch die
                        <term type="Sachen" key="Sünde">Sünde</term> in den <term type="Sachen" key="Tod">Tod</term> führt. Es gibt noch eine andre, und die führt
                    anderswohin. Die schlägst du dann ein, wenn du beginnst, zu deiner Natur
                    grundsätzlich Nein zu sagen. Nicht wie die katholischen Mönche und Nonnen,
                    die vor der Natur davonlaufen wollen durch allerlei willkürliche
                    Entsagungen. Da steckt wieder die Meinung dahinter, die Natur sei an sich
                    selbst <term type="Sachen" key="Böses / das Böse, kein Naturphänomen">böse</term>, und der andre Irrtum, solch ein Davonlaufen vor der Natur
                    sei überhaupt möglich. Nicht doch! Aber so sollst du’s machen, wie
                    der heilige <persName ref="kbga-actors-555">Franz von Assisi</persName>, der von seiner Natur freundlich, aber überlegen als vom
                    «Bruder Leib» redete oder auch, in etwas schärferer Tonart, als vom «Bruder
                        Esel».<note xml:id="n09">Erst gegen Ende seines Lebens konnte
                        <persName ref="kbga-actors-555">Franziskus von Assisi</persName> davon überzeugt werden, von seiner seinem eigenen
                        Körper gegenüber eher unnachgiebigen Haltung etwas abzurücken. Vgl. 
                            <bibl corresp="kbga-bibls-2648">
                                <persName ref="kbga-actors-9248">J. Jørgenson</persName>,
                            <hi rend="italic">Der heilige Franz von Assisi. Eine Lebensbeschreibung</hi>,
                        Kempten 1908, S. 642</bibl>: «Sie hatten auch versucht, seine ganze Lebensweise
                        zu reformieren, und dies war ihnen jedenfalls teilweise gelungen. ‚Ist
                        dein Körper dir nicht dein ganzes Leben hindurch ein guter und williger
                        Diener und Gehilfe gewesen?’ fragten sie Franz, und er konnte nicht
                        umhin, dem ‚Bruder Esel’ ein gutes Zeugnis zu geben. ‚Wie hast du ihn
                        aber dafür behandelt?’ lautete die Frage weiter, und Franz mußte ja
                        eingestehen, daß seine Behandlung nicht die beste gewesen sei. Reumütig
                        ging er denn in sich und rief aus: ‚Freue dich, Bruder Körper, und
                        vergib mir; ich bin jetzt bereit, dir in deinen Wünschen
                        nachzugeben!’»</note> Überlegen! Darin liegt’s. Die Natur soll
                    nicht <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>den Menschen<note type="textcritical" n="g" xml:id="ng" target="fn-g"> Im Mskr. mit Bleistift eingefügt anstelle von: «dich». –
                            Dieser Änderung entsprechend wurden auch in den folgenden beiden
                            Sätzen mit Bleistift die notwendigen Korrekturen vorgenommen, um die
                            ursprünglich in ihren enthaltene direkte Anrede zu tilgen.</note>
                     reiten, sondern umgekehrt: sie soll sein Reittier sein. Wenn’s
                    so steht bei ihm, ist er ein guter Mensch. Wenn’s aber so steht, dass
                    der Mensch selbst das Rösslein oder auch der Esel ist, dann ist er ein böser
                    Mensch, auch wenn er noch lange kein Branntweintrinker und Wegelagerer ist.
                    Ein guter Mensch werden, das heißt also ganz einfach: überhaupt ein Mensch
                    werden im Unterschied vom Naturzustand, den wir mit niedrigeren Geschöpfen
                    gemein haben. Die andre Lebensstraße einschlagen, das heißt, den Willen
                    ablenken vom Naturleben und ihn auf etwas Anderes richten. Auf was? Auf die
                        <term type="Sachen" key="Menschheit, Ziel des menschlichen Willens">Menschheit</term>. Das ist ein philosophischer Begriff, denkst du. Wir
                    wol<pb xml:id="p360" ed="pga" break="no"/>len ihn einmal auflösen, er ist in Wirk<pb ed="A" rend="hidden" n="14" break="no"/>lichkeit ungemein praktisch. Wenn ich sage, das
                    Ziel deines Willens muss die Menschheit werden, so meine ich, du musst ernst
                    machen mit der Gemeinschaft, mit der <term type="Sachen" key="Solidarität">Solidarität</term>, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Dein Wille
                    muss so beschaffen werden, dass du denken kannst, so müssten Alle
                        wollen.<note xml:id="n10">Anspielung auf den «kategorischen
                            <term type="Sachen" key="Kategorischer Imparativ">Imperativ»</term>
                        <persName ref="kbga-actors-216">Immanuel Kants</persName>; vgl.
                        oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p241#fn_n13">S. 241, Anm. 13</ref>.</note>
                    Dein Wille muss sich einrichten auf das unsichtbare, in keinen Paragraphen
                    zu erschöpfende Gesetz, das für Alle gilt und das Alle miteinander
                    verbindet. Du musst das «zusammen» verstehen und leben lernen, von dem wir
                    uns im letzten Gemeindeblatt unterhalten haben.<note xml:id="n11">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2649">
                                <persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName>, <hi rend="italic">Aus einem Teller</hi>, in: V.u.kl.A.
                        1909–1914, S. 19–24, dort <ref type="pub-" target="../volume/22/p023#p023">S. 23f.</ref></bibl>: «Die rechte
                        Freude an Gott ist wieder nur die Freude <hi rend="italic">mit andern
                            zusammen</hi>. […] Der gemeinsame Teller, die äußere
                        Einheit der Christen, mag vorläufig ein schöner Zukunftstraum sein,
                        […]. So wollen wir wenigstens in offener, freundlicher Gesinnung
                        jedes hinter seinen geliebten besondern Teller sitzen […] in dem
                        aufrichtigen Bewußtsein: <hi rend="italic">Und wir gehören doch
                        zusammen!</hi>»</note> Du musst aus einem Einsiedler, der inmitten der
                    Republik <term type="Sachen" key="Genf, Republik">Genf</term> auf allerlei
                    offenen und geheimen Wegen schließlich doch immer nur das Seine sucht, ein
                    Bürger der großen Menschenrepublik werden. Dein Wille muss Liebe werden,
                    Liebe zu den andern, denn die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.10">Röm. 13,10</ref>].</p>
                <p>Und nun steht’s auch mit diesem Willen, dem guten Willen, so, dass er
                    frei <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">ist</term> und dass du
                    folglich dafür verantwortlich bist, so zu wollen und nicht anders. Denn in
                    der Natur gibt es einen solchen Willen nicht, oder ich wollte den Professor
                    der Naturwissenschaft sehen, der ihn entdeckt hätte. Und weil es dergleichen
                    in der Natur nicht gibt, gibt es auch kein Naturgesetz, das dich zwangsweise
                    daran hindern könnte, dich zu <term type="Sachen" key="Entscheidung">entscheiden</term>.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,</l>
                            <l>Und würd’ er in Ketten geboren.</l>
                            <l>Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei</l>
                            <l>Noch den Missbrauch rasender Toren…</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und weiter:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>  Die Tugend, sie ist kein leerer Schall,</l>
                            <l>Der Mensch kann sie üben im Leben,</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p361" ed="pga"/> Und sollt’ er auch straucheln überall,</l>
                            <l>Er kann nach der göttlichen streben,</l>
                            <l>Und was kein Verstand der Verständigen sieht,</l>
                            <l> <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> Das übet in Einfalt ein kindlich
                                    Gemüt.<note xml:id="n12">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1574">
                                        <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Worte des Glaubens</hi>,
                                    Strophe 2 und 3 (Erstdruck: 1797; Sämtliche Werke, München
                                        1962<hi rend="sup">3</hi>, Bd. 1, S. 214f.)</bibl>.</note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Einige von euch wissen vielleicht, wie <persName ref="kbga-actors-764">Friedrich Schiller</persName> in seinem
                    inhaltsschweren Gedicht «Die Worte des Glaubens» an dieser Stelle
                    fortfährt:</p>
                <p>Und <hi rend="italic">ein Gott ist</hi>, beginnt die nächste Strophe. Wir stehen damit
                    wieder an dem Punkt, von dem wir fragend ausgegangen sind. In der Tat: wo
                    die freie Einfalt des guten <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">Willens</term> ist, da ist Gott. Solange wir bloß reflektieren, wie es
                    in gewissen, angeblich religiösen Poesien geschieht, die Rosensträucher, die
                    Sterne, die Meere, «der Mensch voll Geist, Verstand» müssten doch irgendwo
                        herkommen,<note xml:id="n13">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2650">die dritte Strophe des
                        Liedes «Ich suche dich, o Unerforschlicher» von <persName ref="kbga-actors-9249">J. U. Hegner</persName> (Abdruck
                        z. B. in: <hi rend="italic">Universal-Liederbuch. Weltlicher Liederschatz für
                            Deutschlands Gesangsfreunde. Eine Sammlung von mehr als 1600
                            auserlesenen Liedern</hi>, hrsg. von J. J. Algier, Reutlingen
                        1841, S. 437)</bibl>:
                            <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>Bist du ein Traum? Bist du ein Traum? </l>
                                    <l>O Unbegreiflicher! </l>
                                    <l>Woher die Sternenheere? </l>
                                    <l>Dies Blumenland? die Früchte, Meere? </l>
                                    <l>Der Mensch, dein Bild voll Geist, Verstand? </l>
                                    <l>Es sind die Werke deiner Hand! </l>
                                    <l>Allschaffender! Allschaffender! </l>
                                    <l>Du bist kein Traum! </l>
                                </lg>
                            </q>
                       Johann Ulrich Hegner (1759–1840) war ein bedeutender
                        Schweizer Volksschriftsteller.</note> solange ist uns Gott ein hoher
                    Name, eine sentimentale Überschrift über die Natur, die für unser Leben
                    nicht den geringsten Sinn und Wert hat. Gott ist da, wo unzweideutig seine
                    gute Gabe, seine vollkommene Spende ist, und es ist nichts, was ohne
                    Einschränkung für gut könnte gehalten werden, denn allein ein guter
                        Wille.<note xml:id="n14">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1309">
                                <persName ref="kbga-actors-216">I. Kant</persName>, <hi rend="italic">Grundlegung zur Metaphysik
                            der Sitten</hi> (1785), Akademie-Ausgabe, Bd. 4, Berlin 1903/11,
                        S. 385–463, dort S. 393</bibl>: «Es ist überall nichts in der Welt, ja
                        überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung
                        für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter
                        <hi rend="italic">Wille</hi>.»</note> Das ist wahre <hi rend="italic">christliche</hi>
                    <term type="Sachen" key="Erkenntnis, Gottes">Gotteserkenntnis</term>, wenn
                    wir fortfahren:</p>
                
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p362" ed="pga"/> Ein Gott ist, ein heiliger <hi rend="italic">Wille</hi> lebt.</l>
                            <l>Wie auch der menschliche wanke;</l>
                            <l>Hoch über der Zeit und dem Raume webt</l>
                            <l>Lebendig der höchste Gedanke.</l>
                            <l>Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist,</l>
                            <l>Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.<note xml:id="n15">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-1574">
                                        <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Die Worte des Glaubens</hi>
                                    (Anm. 12), Strophe 4 (a.a.O., S. 215).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Es ist merkwürdig, aber es ist kein Zufall, wie hier der
                    größte Dichter des deutschen Idealismus fast wörtlich zusammentrifft mit
                        <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>, dem Prediger des
                    Willens unter den Männern des <term type="Sachen" key="Urchristentum">Urchristentums</term>. Gott <hi rend="italic">der Vater der Lichter, bei dem es
                        keine Veränderung gibt noch eine Spur von Wechsel!</hi> Wir haben
                    gesehen, wo die <term type="Sachen" key="Mensch, Veränderlichkeit">Veränderlichkeit</term> herstammt, aus dem Missbrauch der <term type="Sachen" key="Freiheit, Missbrauch">Freiheit</term>, die das Wesen
                    des Menschen ausmacht. Hinter dem freien <hi rend="italic">guten</hi>
                    <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">Willen</term> aber steht die
                    Unveränderlichkeit <term type="Sachen" key="Gott, Unveränderlichkeit">Gottes</term>. Was bei unserm kleinen, ohnmächtigen Willen immer wieder
                        <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> wechselt mit dem Gegenteil, das ist bei
                    Gott Beharrlichkeit: die <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term>,
                    mit der er die Menschheit und die Menschen umfasst und zu sich zieht. Sein
                    unveränderlicher, beharrlicher guter <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Wille</term> ist die verborgene Quelle unsres veränderlichen,
                    wechselnden, intermittierenden guten Willens. Und darum sind wir uns in
                    jedem Augenblick bewusst, dass wir von seiner <term type="Sachen" key="Gnade, Gottes G.">Gnade</term> leben, d. h. dass die freie
                    Entscheidung zum <term type="Sachen" key="Entscheidung, Gut oder Böse">Guten</term>, sooft sie uns gelingt, Gottes freundliches Geschenk ist.
                        <hi rend="italic">Nach seinem Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der
                        Wahrheit</hi>, d. h. wenn ein derartiges Wunder wie ein freier guter
                    Wille in einem <term type="Sachen" key="Mensch, freier Wille">Menschen</term> entsteht, so ist das Gottes Offenbarung, die ihn
                    überwindet und befreit, nicht abstrakt und allgemein, sondern konkret und im
                    Besondern durch die Führung seines Lebens, durch die Zusammenführung seines
                    Lebens mit dem Leben, in dem Gott in der Geschichte sich kundgetan hat.</p>
                <p>Und nun das letzte merkwürdige Wort unsres Textes: Wir sollen <hi rend="italic">eine Art
                        Erstlingsfrucht sein unter Gottes Geschöpfen</hi>. Das ist ein
                    Geheimniswort. Wir standen und stehen der <term type="Sachen" key="Natur, Rätselwesen">Natur</term> gegenüber als einem großen
                    Rätselwesen. Wir wissen von ihr nichts zu sagen, als dass sie das Ackerfeld
                    ist, auf dem wir zu arbeiten haben, weil nur der Arbeiter ein Mensch ist.
                    Wohl, wenn Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gottes, Lebensinhalt des Menschen">Wille</term> unser
                    Lebensinhalt wird, dann, <hi rend="italic">erst</hi> dann ahnen wir auch in der Natur
                    ihre <term type="Sachen" key="Natur, Bestimmung">Bestimmung</term>. Wir <pb xml:id="p363" ed="pga"/> schauen jetzt in einem dunklen Spiegel, dereinst aber
                    von Angesicht zu Angesicht [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.12">1.Kor. 13,12</ref>]. Es ist wahr, was die Dichter und
                    Künstler gesehen, auch die <term type="Sachen" key="Schöpfung">Schöpfung</term> wartet und seufzt auf die Befreiung vom Dienste der
                    Vergänglichkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.21">Röm. 8,21</ref>]. Und wir wissen, dass sie nicht umsonst wartet, weil sie in
                    Gottes Hand ist, der die Macht ist über Alles. Von ihm und durch ihn und zu
                    ihm sind alle Dinge; sein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.11.36">Röm. 11,36</ref>]. Das ist die Lösung
                    der Welträtsel,<note xml:id="n16">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-2489">
                                <persName ref="kbga-actors-150">Ernst Haeckels</persName> Werk «Die
                        Welträthsel»</bibl> (s. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p024#fn_n06">S. 24f., Anm. 6</ref>).</note> die wir <hi rend="italic">glauben</hi>.</p>
                </div>  
                <div type="closer">
                        <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-160">Nr. 177: «Jehovah, Jehovah» von <persName ref="kbga-actors-8814">G. K. Pfeffel</persName> (Strophe 1).</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-113">Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von <persName ref="kbga-actors-871">E. M. Arndt</persName>, Strophen
                            1–3; 4–6 (RG 278; EG 357 [dort ohne Strophe
                            3]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
                
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                        <item>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8">Römer 8</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
