Predigt: Jakobus 1,9-11
Wir haben allerlei Anzeichen, aus denen, sich schließen lässt,
Wir haben das letzte Mal3 vom
rechten, wirklichen, vom christlichen Gebet geredet und haben uns von
Dem andern ist’s gegeben, die Sache gelassener,
trockener, fast humoristisch zu nehmen und mit dem alten Torwart in einem
von
Aber das bestimmte Gefühl ist für Alle dasselbe, dass da aus dem gewaltigen menschlichen Treiben, das sich um die kleinen runden Dinger dreht, eine mächtig große Hand sich dem Menschen entgegenstrecke, ihn ergreife, um flugs das Gegenteil von einem lebendigen Gottesmenschen aus ihm zu machen. Die andre Seele in uns lacht dazu und hilft ziehen. Und wenn es gelingt, so sind wir richtig wieder Menschen mit zwei Seelen geworden. – |
Verstehst du nun den Zusammenhang bei
Seine eigentliche Meinung haben wir wieder in einem kurzen Sätzchen vor uns: Es rühme sich der arme Bruder seiner Höhe, der reiche aber seiner Niedrigkeit. Was er nachher noch sagt über die Vergänglichkeit des Reichtums, dient freilich zur nähern Erläuterung, aber es hat doch mehr den Charakter einer Randglosse zu der kurzen, knappen Behauptung des ersten Satzes.
Wir merken zunächst: es hat auch unter den ersten christlichen Lesern unsres
Briefs Arme und Reiche gegeben. Es war auch dort eine sehr wichtige Frage,
ob einer Geld habe oder nicht. Und es scheint |338 eben
auch dort diese Frage die dringendste und ernsthafteste gewesen zu sein von
denen, die einem, der ein Ganzer und kein Halber sein möchte, zu schaffen
machen können. Das Geld scheint die Menschen schon damals zu Menschen mit
zwei Seelen gemacht
zu haben. In verschiedener Weise: Für den Reichen, d. h. für
den, der’s hat, lauert darin die Gefahr, dass er faul wird, dass er
sich, nicht äußerlich in den meisten Fällen, aber innerlich zur Ruhe setzt.
Wer nicht mehr verdienen muss, um zu leben, dem ist eine Spannfeder
weggenommen, er mag das sehr angenehm empfinden, aber die Gefahr ist dann
eben da, dass mit der Spannfeder die Bewegung aus seinem Leben verschwinde,
die Bewegung, die darin besteht, dass ein Mensch sich Ziele steckt und
darauf losarbeitet. Und für den Armen, d. h. für den, der das
Geld nicht hat, lauert die Gefahr der Unrast darin. Er arbeitet wohl, aber
er arbeitet wie eine losgelassene Maschine, sinnlos, bewusstlos. Es fehlt
seinem Leben die Tiefe. Wo man hineingreift, stößt man auf den harten
Instinkt des Geldverdienens. Und dieser Instinkt ist Alles geworden, es ist
kein Gesetz da, das den Instinkt am Zügel führen könnte. Wenn aber der Reichtum die Gefahr der innern Faulheit mit sich bringt und die
Armut
die Gefahr der innern Unrast, dann werden wir auch des
Und offenbar gilt es, gerade gegen diese zwei Mächte, die hinter Reichtum und Armut verborgen sind, mobil zu machen, wenn wir wache, lebendige Menschen sein und bleiben wollen. Und darum hat auch die Frage Reichtum und Armut im Leben der Religion von jeher eine wichtige Rolle gespielt. Auch im Christentum. Es hat von Anfang an unzählige Anweisungen und Theorien gegeben, wie der Arme und der Reiche es anstellen sollten, um gegenüber den Gefahren der Armut und des Reichtums ihren Glauben, ihr inneres Leben zu behaupten. Aber die Frage ist doch immer wieder dagewesen und hat durch ihr Dasein bewiesen, dass es durch keine Theorie ein für allemal abgemacht sein kann, wie der Christ in der Armut und im Reichtum sich halten soll, sondern dass jede Generation und im letzten Grund jeder |339 Einzelne Theorie und Praxis selber finden und üben muss. Denn der Christenglaube ist so wenig eine Sammlung von a-Lebensregeln wie von Dogmen-a . Der Christenglaube ist die verborgene Kraft, die Dogmen und Lebensregeln erst schafft und die immer größer ist als sie. Und wenn wir darum wissen möchten, wie wir uns als Christen zu Armut und Reichtum zu stellen haben, so kann das unmöglich bedeuten, dass wir uns auf die Suche begeben müssten nach irgend einer für diesen Fall schon bereitliegenden Theorie und Lebensregel, sondern das kann nur das Eine bedeuten, dass wir von diesem besondern Punkt aus das Ziel unsres Lebens ins Auge fassen. Sind wir Christen, d. h. ernsthafte, lebendige Menschen, so ist dies Ziel die Ehre Gottes, der die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Liebe ist. Und unsre Frage muss dann lauten: Wie verhält sich Armut und Reichtum zu Gott? D. h. wir haben es nicht mit der Frage nach einer Lebensregel zu tun, sondern mit der Frage nach dem Leben. Denn es gibt in den Fragen des christlichen Glaubens und Lebens keine Zwischeninstanzen, an die man gelangen könnte, ohne die oberste Instanz zu berücksichtigen. Also auch keine bereitliegenden christlichen Lebensregeln, nach denen man sich erkundigen könnte. Es kann sich für uns in allen Fällen, welcher Art sie auch sein mögen, immer nur darum handeln, uns nach Gott zu erkundigenb. Wenn wir nämlich bei einer Zwischeninstanz stehen bleiben, wenn wir es uns genug sein lassen, dass uns gesagt wird: so und so musst du’s halten, das und das ist christlich, dann müssen wir bald die Erfahrung machen, dass der Gehorsam gegen die uns als christlich gerühmte Lebensregel uns plötzlich auch als der Ausdruck einer Gesinnung erscheinen kann, die wir bei aufrichtiger Besinnung niemals als christlich anerkennen können. Mit andern Worten: Wir erfahren es, dass die Entscheidung über die Regel unsres Tuns nur bei der obersten Instanz gesucht werden kann und dass ihre Vernachlässigung sich aufs Bitterste rächt, wie gerade die ernsthaftesten Menschen es oft genug erfahren haben.
Ich möchte versuchen, das an einem Beispiel klarzumachen, das uns zugleich
tiefer in die Sache selbst einführt. Die bekannteste und |340 auch in Predigten usf. am häufigsten angewendete christliche
Lebensregel über Armut und Reichtum lautet etwa so: Sei
zufrieden mit dem Vielen oder Wenigen, das du hast, denn Gott hat es so
gewollt und angeordnet. Wir besitzen in dem Lied
305 unsres Gesangbuchs eine schöne poetische Umschreibung dieser
Lebensregel. Sie stammt von dem bekannten Lieder- und Fabelndichter, dem
wackern
Und nun gibt ihm Gellert folgenden Bescheid:
Nein! wird geantwortet und die Lebensregel formuliert:
Kein Zweifel, diese Sätze sind gute Wegweiser. Wie Manchen mögen sie aufgerichtet und getröstet haben! Die fromme Lebenserkenntnis des Jahrhunderts ihres Verfassers steht davor und dahinter, nicht die Weisheit einer Studierstube, sondern die Weisheit, die in den Erfahrungen des Lebens gewonnen wurde. Und weil sie so entstanden ist, ist es eine gute Lebensregel.
Aber gerade weil sie das ist, kann sie uns zeigen, dass sie zur Beantwortung der Lebensfrage nicht genügt, weil zu dieser Beantwortung überhaupt keine Theorie, auch die schönste nicht, genügen kann, sondern allein Gott. Ich sagte es eben: in dieser Lebensregel ist das niedergelegt, was die fromme Erkenntnis des 18. Jahrhunderts über Ar|341mut und Reichtum zu sagen hatte. Wir haben aber dabei mindestens das Gefühl, dass damit die Frage keineswegs abgeschlossen ist. Es ist uns, wie wenn wir widersprechen müssten, nur wissen wir nicht genau an welchem Punkt; jedenfalls scheint uns gerade die Hauptsache zu fehlen.
Mit andern Worten: Armut und Reichtum sind ein für allemal
von Gott verteilt, und die Frömmigkeit besteht darin, zu genießen und froh zu entbehren.
Das war einmal Ausdruck der Frömmigkeit; ist er’s noch
immer? Die Menschheit ist unterdessen 150 Jahre älter geworden. Dürfen wir
immer noch so reden? Ich meine, nach den Erfahrungen, die wir unterdessen
mit Armut und Reichtum gemacht haben, dürfen wir’s nicht mehr.
Wenn wir aufrichtig sind, werden wir sagen müssen, dass leider der Frieden und die Last sehr ungleichmäßig verteilt sind. Und gerade wenn wir’s mit Gott ernst nehmen, können wir die rechte Frömmigkeit unmöglich darin finden, dass man sich mit den Ungleichmäßigkeiten eben zufrieden abfinde. Alle soziale Ungerechtigkeit und Rückständigkeit könnte sich sonst darauf berufen, ihr Verhalten sei nicht nur bequem und einträglich, sondern auch fromm. Und was noch schlimmer ist: unser Gedanke von Gott bekäme dann etwas Türkisches. Es würde recht schwer, Gott von dem zu unterscheiden, was oberflächliche Menschen das Schicksal nennen. Und wenn so die Lebensregel des 18. Jahrhunderts darauf hinausläuft, die rechte Stellung zu Reichtum und Armut sei die Zufriedenheit mit beiden, so müssten |342 wir diese Antwort, ohne den frommen Verfasser jener Verse mit einem Wort anzuklagen, für uns als eine Unwahrhaftigkeit ablehnen. Die Zufriedenheit, von der das 18. Jahrhundert redete, ist zu leichtes Geschütz gegenüber der sozialen Frage von heute.9 Und wir müssen sie ablehnen, weil damit die wichtigste Frage nicht beantwortet ist, nämlich die Frage nach Gottes Gerechtigkeit.
Aber wenn das so ist, dann darf es sich für uns nun nicht etwa darum handeln,
eine modernere Lebensregel über Armut und Reichtum an Stelle der alten zu
setzen. Etwa eine Theorie der sozialen Unzufriedenheit an Stelle der Theorie
der Zufriedenheit. Unserm Gerechtigkeitsgefühl wäre zwar damit zunächst
besseres Genüge getan. Und in der Tat sehen wir heute manchen ernsten Christen diesen Weg
gehen, den Weg des Sozialismus.10 Und wenn sie uns sagten, dass diese ihre
sozialistische Überzeugung der notwendige Ausdruck ihrer Frömmigkeit
sei, so werden wir das ehrerbietig anerkennen. Aber wir werden dem Sozialisten nicht zugeben können,
dass seine Auffassung über das rechte Verhältnis von Armut und Reichtum die Antwort auf die Lebensfrage sei, so wenig wir die
Antwort des alten
Noch einmal: wenn es sich um Lebensfragen handelt, dann geht es nicht an, sich bei untern Instanzen aufzuhalten, bei irgendwelchen alten oder neuen Theorien, von denen uns versichert wird, dass sie gut und christlich seien, und von denen wir auch wohl selbst einen derartigen Eindruck haben. Sondern es kommt darauf an, dass die Frage nach Gott gestellt werde. Was hat Gott dazu zu sagen?
343 In unserm Fall: wie sieht das aus, wenn ein armer oder ein reicher Mensch
Gottesmenschen sind? In was zeigt sich das? Wir merken gleich, dass da keine
Theorie genügen kann. Auch
Und das sieht nach der Meinung des Jakobus so aus: Es rühme sich der arme Bruder seiner Höhe. Das ist offenbar etwas ganz Neues gegenüber allen Lebensregeln. Denn da gehen alle, die alten und die neuen, aus von der Voraussetzung:
Und nun wird uns entweder gesagt: Sei zufrieden, trotzdem du die Plage hast und trotzdem du das Gut nicht hast, oder es wird uns gesagt: sei nicht zufrieden, das Gut muss dein werden. Das ist die Weisheit der Lebensregeln. Anders, wenn ein Mensch Gott hat. Es findet dann eine Umwertung aller Werte statt.12 Armut ist nicht mehr |344 die größte Plage, Reichtum nicht mehr das höchste Gut. Sondern ein armer Mensch, wenn nur dies eine bei ihm zutrifft, dass er den lebendigen Gott hat, rühmt sich seiner Höhe. Gewiss, es fehlt ihm Alles Mögliche an nützlichen und erfreulichen Dingen, die andre besitzen, gewiss, er ist manchmal durchaus nicht zufrieden mit seiner Lage, gewiss, er strebt mit allen rechten Mitteln, sie zu verbessern – aber das Alles hat nichts zu tun mit der Tatsache, dass er das schon hat, was das schlechterdings Größte und Wichtigste ist auf der Welt, nämlich die Freiheit eines innern Lebens, in dem Gott herrscht. Und weil das so ist, mag freilich seine Armut äußerlich vielleicht bleiben, wie sie ist, aber er weiß in jedem Augenblick: die Niedrigkeit der Armut ist eine optische Täuschung, ein Gerede der Oberflächlichkeit. Wie sollte ich niedrig sein, da Gott mit mir ist? Der Arme rühme sich seiner Höhe, d. h. nichts Anderes als: Der Arme soll und darf mit Gott ernst machen, er hat in Wirklichkeit Alles, was ein Mensch haben kann, wenn Gott nicht nur eine Verzierung, sondern der Inhalt seines Lebens ist.
Und der Reiche rühme sich seiner Niedrigkeit. Auch das ist etwas Neues. Denn es ist eine merkwürdige Schwäche der alten und neuen Lebensregeln über Armut und Reichtum, dass sie dem Reichen eigentlich nichts zu sagen haben. Sie ermutigen wohl den Armen, zufrieden zu sein oder unzufrieden. Vom Reichen wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die Lebensregel ihn nicht angehe. Er hat es ja nicht nötig, er ist ja im Besitz des höchsten Gutes. So hat man jahrhundertelang die Armen angepredigt, sie sollten zufrieden und genügsam sein. Aber die Predigt richtete sich nur an die Armen, und darum konnten weder die Armen noch die Reichen die Antwort auf die Lebensfrage darin finden. Denn den Armen musste sie als eine nicht ganz |345 aufrichtige Beschwichtigung erscheinen und den Reichen als eine Antwort an andrer Leute Adresse. Und beide mussten trotz Allem immer wieder zwischen den Zeilen lesen:
Und ganz dasselbe gilt vom heutigen Sozialismus. Sein Evangelium besteht darin, dass der Arme reich werden solle; dem Reichen hat er nichts zu sagen, als dass er sich aufs Verteilen bereitmachen solle. Und auch hier ist die selbstverständliche Voraussetzung:
Und auch hier ist diese Schranke nicht überwunden.
Eine Antwort auf die Lebensfrage müsste anders beschaffen sein, sie müsste dem Reichen und dem Armen gleicherweise gelten, sie müsste dem einen und dem andern einen Wert zeigen, der jenem Sprüchlein unrecht gibt.
So beschreibt Jakobus in zwei kurzen Zügen den Armen und den Reichen, wie sie sein sollten.
Sind diese zwei Züge die Antwort auf die Frage, auf die Lebensfrage, wie ein Mensch es anzustellen habe, in Armut und Reichtum ein wacher, lebendiger, ganzer Mensch zu bleiben?
Eins ist sicher: Das ist die Antwort, die wir erhalten, wenn es uns darauf
ankommt, uns nach Gott zu erkundigenc. So sieht Armut und Reichtum aus im Lichte der
Ewigkeit. Ihre Farben verblassen, das |346 Hohe wird
niedrig und das Niedrige hoch vor der einen großen Tatsache, auf deren
Besitz oder Nichtbesitz für den Menschen Alles ankommt. Auf neuen Tafeln
stehen neue Werte verzeichnet. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles
neu geworden [
Und nun besinnen wir uns noch einmal auf den Zusammenhang der Sache im
Jakobusbrief. Vom rechten Gebet war dort vorher die Rede, und es wurde uns gesagt, dass
nur das Gebet eines ganzen Menschen ein rechtes Gebet ist. Und
weil das rechte Gebet nichts Anderes ist als der rechte Glaube, mussten wir daraus entnehmen, dass
für unsre ganze Stellung zu Gott einfach Alles darauf ankomme,
dass wir solche ganzen Menschen würden, das Gegenteil von Menschen mit zwei
Seelen. Was
will das sagen, wenn
Und so könnten wir seine Meinung über Armut und Reichtum
zusammenfassen in das andre biblische Wort: Die Welt vergeht mit ihrer Lust,
wer aber den Willen Gottes
tut, der bleibet in Ewigkeit [
Und ich meine, das sei eine gute Antwort auf die Lebensfrage.
- Nr. 176: «Gottesruhe, Sabbatstille» von
Chr. Fr. D. Schubart , Strophen 1.2.9. - Nr. 265 «Alles ist an Gottes Segen» (unbekannter Verfasser),
Strophen 1–3 und 4–6 (EG 352 [mit
Textabweichungen]).
Lukas 16,1–15 .