<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-53034">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-53">Predigten 1907–1910</title>
        <title type="formal">Predigt Nr. 32</title>
        <title type="content">Predigt: Jakobus 1,9-11</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jakobus 1,9-11, 6. Februar 1910</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53034 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1907–1910, hrsg. v. Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2018, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/53034</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1907–1910</title>
          <title type="text">Predigt Nr. 32: Predigt: Jakobus 1,9-11</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2018</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">34</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jak 1,9-11, 6. Februar 1910. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1475">KBA 1010</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" when="1910-02-06">6. Februar 1910</date>
      </creation>
      <langUsage>
        <language ident="ger">German</language>
      </langUsage>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:37+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:37+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon"> 
                <pb xml:id="p334" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                <head>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="1"/>
                    <idno>32</idno>
                </head>
                
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-67">
                            <hi rend="italic">Genf</hi></placeName>, <date when="1910-02-06">Sonntag, den
                            6. Februar 1910</date> <date rend="right">(Sonntag Estomihi)</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.9 Jak.1.11">Jakobus 1,9–11</ref>
                      
                            <quote>
                                <hi rend="italic" resp="kb">Es rühme sich aber der arme Bruder
                                    seiner Höhe, der reiche aber seiner Niedrigkeit. Denn wie
                                    die Blume des Grases wird er vergehen. Wenn sich die Sonne
                                    erhebt mit dem Glutwind, so dörrt sie das Gras. Seine Blüte
                                    fällt ab, und ihr liebliches Ansehen ist dahin. So wird auch
                                    der Reiche in seinem Überfluss verwelken.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                
                <salute>Meine Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p> Wir haben allerlei Anzeichen, aus denen, sich schließen lässt, <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> oder wer immer unsern Brief
                    geschrieben hat, habe seine Worte an eine christliche Gemeinde in der
                    Großstadt gerichtet.<note xml:id="n01">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2639">
                                <persName ref="kbga-actors-9245">G. Hollmann</persName>, <hi rend="italic">Der
                            Jakobusbrief</hi>, in: <hi rend="italic">Die Schriften des Neuen Testaments
                            neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt</hi>, hrsg. von J.
                        Weiß, Bd. 2: <hi rend="italic">Die Briefe. Die johanneischen Schriften</hi>,
                        dritter Abschnitt: <hi rend="italic">Die katholischen Briefe,</hi> Göttingen 1907,
                        S. 2–24, dort S. 4</bibl>: «Zu Lesern wünscht sich der Verfasser die
                        ganze Christenheit (1,1*), wenngleich er eine Reihe seiner Beobachtungen
                        gewiß an einer bestimmten und zwar, wie die Aussagen über die Reichen
                        und Geschäftsleute vermuten lassen, großstädtischen Gemeinde gemacht
                        hat.» – Barth hatte die Bände «Die Schriften des Neuen
                        Testaments» ausweislich der handschriftlichen Eintragung in seinem
                        Exemplar aus dem Nachlass seines 1906 verstorbenen Patenonkels Karl
                            <persName ref="kbga-actors-10109">Sartorius</persName>
                        (1856–1906) erhalten, der sie offenbar subskribiert hatte (der
                        hier zitierte Band erschien erst 1907).</note> Ob’s nun
                        <placeName ref="kbga-places-1134">Alexandrien</placeName> gewesen
                    ist an der Mündung des <placeName ref="kbga-places-1133">Nil</placeName> oder
                        <placeName ref="kbga-places-1135">Antiochien</placeName> in
                        <placeName ref="kbga-places-952">Syrien</placeName> oder <placeName ref="kbga-places-809">Ephesus</placeName> oder <placeName ref="kbga-places-1081">Korinth</placeName> oder gar <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> selbst, wir wissen es nicht, aber jedenfalls muss uns das
                    interessieren, denn wir könnten dann annehmen, dass die ersten Leser und
                    Hörer der Gedanken, mit denen wir uns nun schon seit einiger Zeit
                    beschäftigt haben, in ganz ähnlicher Luft und Umgebung geatmet und gelebt
                    haben wie wir hier in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName>. Die
                    Unrast des ganzen Lebens und Treibens, der beständige eilige Wechsel von
                    harter Arbeit und ausgelassenem Vergnügen, die Charakterlosigkeit und
                    Unbestimmtheit des Einzelnen gegenüber der Masse, der er angehört, die bunte
                    Vermischung der Völker und <pb ed="A" rend="hidden" n="2"/> Men<pb xml:id="p335" ed="pga" break="no"/>schen, die babylonische Verwirrung der Sprachen und
                    Sitten, all diese Dinge, die ein aufmerksamer Beobachter hier auf den
                    Straßen und in den Häusern wahrnehmen kann, all das gab’s auch in den
                    großen Städten des <term type="Sachen" key="Altertum">Altertums</term>; und
                    weil es sich um südliche Völker handelte, waren wohl die Farben und das
                    Tempo des Lebens noch bewegter als bei uns, obwohl es noch keine
                    Elektrizität und keine Automobile gab. So würden wir mit den ersten Lesern
                    unsres Briefs gewissermaßen auf gleichem Boden stehen. Eins von den
                    Anzeichen, aus denen wir das schließen können, besteht darin, dass Jakobus,
                    nachdem er bisher scheinbar ganz allgemein und theoretisch vom Kampf mit den
                        <term type="Sachen" key="Versuchung">Versuchungen</term>, vom Streben
                    nach der <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term> und
                    vom <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> geredet hat, nun auf den
                    ersten Blick recht plötzlich und zusammenhangslos die Frage <term type="Sachen" key="Reichtum">
                            <hi rend="italic">Reichtum</hi></term> – <term type="Sachen" key="Armut">
                            <hi rend="italic">Armut</hi></term> anschneidet. Ich
                    habe in einer Auslegung die Behauptung gelesen, es sei auch wirklich kein
                    Zusammenhang da.<note xml:id="n02">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2639">a.a.O., S. 6</bibl>, wo es zu <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.5 Jak.1.8">Jak.
                        1,5–8</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.9 Jak.1.11">9–11</ref> im Zusammenhang von <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.1 Jak.1.18">Jak. 1,1–18</ref> heißt:
                        «In die eben besprochenen drei Abschnitte, die wirklich mit der
                        Versuchung zu tun haben, sind zwei andere ganz locker eingefügt, die
                        wesentlich anderen Inhalts sind. […] Auf ein ganz anderes Gebiet
                        führt uns schließlich der zweite angeschlossene Abschnitt
                        V. 9–11.»</note> Die Worte unsres heutigen Textes hätten nichts
                    zu tun mit dem Vorhergehenden, sondern seien etwas für sich. Und ich habe
                    euch auch am Anfang gesagt, dass man in der Tat in diesem Brief damit
                    rechnen muss, dass die einzelnen Gedanken keinen deutlichen Zusammenhang
                    unter sich haben, weil er eben ursprünglich wahrscheinlich aus einzelnen
                    Reden und Aussprüchen zusammengesetzt worden ist. Aber es scheint mir, in
                    unserm Fall sei ein guter Zusammenhang da, wenn er auch nicht auf der
                    Oberfläche liegt. Und der Zusammenhang passt gut in eine Großstadt, heute so
                    gut wie damals.</p>
                <p>Wir haben das letzte Mal<note xml:id="n03">Siehe oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p323#p323">S. 323-333</ref>, Barths Predigt vom 30. Januar 1910.</note> vom
                    rechten, wirklichen, vom christlichen <term type="Sachen" key="Gebet">Gebet</term> geredet und haben uns von <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> den Spiegel vorhalten lassen, in dem uns
                    der Zweifler vorgestellt wurde, und hoffentlich ist der Mann mit zwei <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term> jedem von uns
                    recht bekannt vorgekommen. Sei kein solcher!, haben wir uns gesagt, sondern
                    einer, der betet, weil er <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten">arbeitet</term>, und arbeitet, weil er betet. Mit alledem war <pb ed="A" rend="hidden" n="3"/> gewiss die eine Seele in uns ganz einverstanden.
                    Aber dann haben wir unsre <pb xml:id="p336" ed="pga"/> kleine Kirche und ihre
                    stille Umgebung verlassen und sind nach allen Seiten wieder
                    hinuntergestiegen auf die belebten Straßen und Plätze der Stadt, durch das
                    Getümmel der Fußgänger und der Fuhrwerke, an den Magazinen und Wirtschaften
                    vorbei, und wir mochten lange das Auge abwenden von alledem, auch auf den
                    Dächern begegnete es den leuchtenden Buchstaben irgend einer Reklame, die
                    uns sagte, dass wir in der großen Stadt seien. Und überdem erwachte gewiss
                    die andre Seele in uns und sprach vergnügt: ich bin auch noch da. Und der
                    Gedanke fuhr uns durch den Kopf, wir wussten nicht, woher er kam:
                    wer’s doch auch so gut hätte wie der Herr oder die Dame, die eben im
                    Zweispänner oder im Automobil an uns vorbeifuhren, wer sich doch auch so
                    hübsch anziehen könnte, wer doch dies und das hätte von nötigen oder doch
                    erfreulichen Dingen, die man gerade an einem Sonntagmorgen im Besitz von
                    Andern sieht. Und dann kamen wir heim, es wurde Sonntagnachmittag, es wurde
                    Sonntagabend, und schon begannen unsre Gedanken wieder dem Montag zuzulaufen
                    wie müde Pferde dem Stall, obschon der Montag keineswegs die Ruhe, sondern
                    den Wiederbeginn des ewigen Wechsels von <term type="Sachen" key="Arbeit">Arbeit</term> und Lohn in Aussicht stellte. Und den Wiederbeginn des
                    Kampfs ums <term type="Sachen" key="Mensch, Kampf ums Dasein">Dasein</term><note xml:id="n04">Anspielung auf <bibl corresp="kbga-bibls-2501">
                                <persName ref="kbga-actors-2013">Charles Darwins</persName> Hauptwerk (dt.:
                            <hi rend="italic">Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, oder
                            die Erhaltung begünstigter Gattungen im Kampf ums Dasein</hi>,
                        Halle 1891)</bibl>; vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/53/p051#fn_n07">S. 51, Anm. 7</ref>
                        </note>, der für so viele einen Verzweiflungskampf
                    bedeutet. Er nimmt allerlei Formen an, dieser Kampf, aber es ist im Grunde
                    immer derselbe: der Kampf ums <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term>.
                    Ohne Geld kein Leben. Umsonst ist der Tod. Den einen plagt diese Erkenntnis
                    spitzer, stachliger, tragischer, möchte ich sagen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Nach Golde drängt,</l>
                            <l>Am Golde hängt</l>
                            <l>Doch Alles – Ach wir Armen!<note xml:id="n05">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>,
                                        <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>,
                                    V. 2802–2804 (Abend).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Dem andern ist’s gegeben, die Sache gelassener,
                    trockener, fast humoristisch zu nehmen und mit dem alten Torwart in einem
                    von <persName ref="kbga-actors-488">Beethoven</persName>
                    komponierten Stück resigniert zu konstatieren:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l> <pb ed="A" rend="hidden" n="4"/> Hat man nicht auch Gold beineben,</l>
                            <l>Kann man nicht ganz glücklich sein.</l>
                            <l> <pb rend="noPipe" xml:id="p337" ed="pga"/> Traurig schleppt sich fort das Leben,</l>
                            <l>Mancher Kummer stellt sich ein.<note xml:id="n06">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2640">Beginn der Arie des Kerkermeisters Rocco aus <persName ref="kbga-actors-488">L. van Beethovens</persName> Oper «Fidelio», erster Akt, vierter
                                    Auftritt.</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Aber das bestimmte Gefühl ist für Alle dasselbe, dass da aus
                    dem gewaltigen menschlichen Treiben, das sich um die kleinen runden Dinger
                    dreht, eine mächtig große Hand sich dem Menschen entgegenstrecke, ihn
                    ergreife, um flugs das Gegenteil von einem lebendigen <term type="Sachen" key="Mensch, Gottesmensch">Gottesmenschen</term> aus ihm zu machen. Die
                    andre Seele in uns lacht dazu und hilft ziehen. Und wenn es gelingt, so sind
                    wir richtig wieder Menschen mit zwei <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term> geworden. – |</p>
                <p> Verstehst du nun den Zusammenhang bei <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>? Den Zusammenhang zwischen dem rechten <term type="Sachen" key="Beten, rechtes">Beten</term> und dem <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term>? Und warum dieser Zusammenhang uns
                    Leute in der Großstadt besonders angeht? Der Zusammenhang besteht darin,
                    dass es gar nichts gibt, was so leicht geeignet ist, uns zu Menschen mit
                    zwei Seelen zu machen, wie das leidige Geld. Und die leidige Geldfrage
                    drängt sich nirgends unverschämter in das Gemüt der Menschen ein als in den
                    großen Städten, wo der protzige <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> und die harte, bittere <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> kaum durch eine Straßenecke voneinander getrennt sind und
                    wo jeder Gang über die Straße uns aufdringlich belehrt, das Leben sei nichts
                    Anderes als ein Auf- und Absteigen auf der Leiter Armsein, Verdienen, viel
                    Verdienen, Reichsein. Es ist für viele nichts Anderes. Das sind arme, halbe
                    Menschen. Aber wir müssen uns Alle dagegen wehren, nicht auch so zu werden.
                    Und darum wollen wir einmal zuhören, was Jakobus über die Geldfrage, über
                    Reichtum und Armut zu sagen hat.</p>
                <p rend="margin-top">Seine eigentliche Meinung haben wir wieder in einem kurzen
                    Sätzchen vor uns: <hi rend="italic">Es rühme sich der arme Bruder</hi>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="5"/>
                    <hi rend="italic">seiner Höhe, der reiche aber seiner Niedrigkeit</hi>. Was er nachher
                    noch sagt über die Vergänglichkeit des <term type="Sachen" key="Reichtum, Vergänglichkeit">Reichtums</term>, dient freilich zur
                    nähern Erläuterung, aber es hat doch mehr den Charakter einer Randglosse zu
                    der kurzen, knappen Behauptung des ersten Satzes.</p>
                <p>Wir merken zunächst: es hat auch unter den ersten christlichen Lesern unsres
                    Briefs Arme und Reiche gegeben. Es war auch dort eine sehr wichtige Frage,
                    ob einer Geld habe oder nicht. Und es scheint <pb xml:id="p338" ed="pga"/> eben
                    auch dort diese Frage die dringendste und ernsthafteste gewesen zu sein von
                    denen, die einem, der ein Ganzer und kein Halber sein möchte, zu schaffen
                    machen können. Das Geld scheint die Menschen schon damals zu Menschen mit
                    zwei <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term> gemacht
                    zu haben. In verschiedener Weise: Für den <hi rend="italic">Reichen</hi>, d. h. für
                    den, der’s hat, lauert darin die Gefahr, dass er faul wird, dass er
                    sich, nicht äußerlich in den meisten Fällen, aber innerlich zur Ruhe setzt.
                    Wer nicht mehr verdienen muss, um zu leben, dem ist eine Spannfeder
                    weggenommen, er mag das sehr angenehm empfinden, aber die Gefahr ist dann
                    eben da, dass mit der Spannfeder die Bewegung aus seinem Leben verschwinde,
                    die Bewegung, die darin besteht, dass ein Mensch sich Ziele steckt und
                    darauf losarbeitet. Und für den <hi rend="italic">Armen</hi>, d. h. für den, der das
                    Geld nicht hat, lauert die Gefahr der Unrast darin. Er arbeitet wohl, aber
                    er arbeitet wie eine losgelassene Maschine, sinnlos, bewusstlos. Es fehlt
                    seinem Leben die Tiefe. Wo man hineingreift, stößt man auf den harten
                    Instinkt des Geldverdienens. Und dieser Instinkt ist Alles geworden, es ist
                    kein Gesetz da, das den Instinkt am Zügel führen könnte. Wenn aber der <term type="Sachen" key="Reichtum, Gefahr der inneren Faulheit">Reichtum</term> die Gefahr der innern Faulheit mit sich bringt und die
                        <term type="Sachen" key="Armut, Gefahr der inneren Unrast">Armut</term>
                    die Gefahr der innern Unrast, dann werden wir auch des <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName>
                    <pb ed="A" rend="hidden" n="6"/> Meinung sein, dass Reichtum und Armut der
                    gefährlichste Nährboden werden können für Menschen mit zwei <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term>. Denn es gibt
                    keine Mächte, die so geeignet sind, die Einheit von Beten und <term type="Sachen" key="Beten und Arbeiten, Einheit">Arbeiten</term>
                    auseinanderzureißen wie die Faulheit und die Unrast. Jede dieser Mächte
                    arbeitet von einer andern Seite an dem Zerstörungswerk, aber es sind beide
                    am selben Tun.</p>
                <p>Und offenbar gilt es, gerade gegen diese zwei Mächte, die hinter Reichtum und
                    Armut verborgen sind, mobil zu machen, wenn wir wache, lebendige Menschen
                    sein und bleiben wollen. Und darum hat auch die Frage Reichtum und Armut im
                    Leben der <term type="Sachen" key="Religion">Religion</term> von jeher eine
                    wichtige Rolle gespielt. Auch im <term type="Sachen" key="Christentum">Christentum</term>. Es hat von Anfang an unzählige Anweisungen und
                    Theorien gegeben, wie der Arme und der Reiche es anstellen sollten, um
                    gegenüber den Gefahren der Armut und des Reichtums ihren <term type="Sachen" key="Glaube">Glauben</term>, ihr inneres <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Leben</term> zu behaupten. Aber die Frage ist doch
                    immer wieder dagewesen und hat durch ihr Dasein bewiesen, dass es durch
                    keine Theorie ein für allemal abgemacht sein kann, wie der <term type="Sachen" key="Christen, Frage von Arm und Reich">Christ</term> in
                    der Armut und im Reichtum sich halten soll, sondern dass jede Generation und
                    im letzten Grund jeder <pb xml:id="p339" ed="pga"/> Einzelne Theorie und Praxis
                    selber finden und üben muss. Denn der Christenglaube ist so wenig eine
                    Sammlung von <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>Lebensregeln wie von Dogmen<note type="textcritical" n="a" xml:id="na" target="fn-a"> Im Mskr. ursprünglich: «Dogmen wie von Lebensregeln»; per
                            Bleistiftkorrektur vertauscht.</note>
                        <term type="Sachen" key="Dogmen"/>. Der <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Christenglaube</term> ist die verborgene
                    Kraft, die Dogmen und Lebensregeln erst schafft und die immer größer ist als
                    sie. Und wenn wir darum wissen möchten, wie wir uns als Christen zu Armut
                    und Reichtum zu stellen haben, so kann das unmöglich bedeuten, dass wir uns
                    auf die Suche begeben müssten nach irgend einer für diesen Fall schon
                    bereitliegenden Theorie und Lebensregel, sondern das kann nur das Eine
                    bedeuten, dass wir von diesem <pb ed="A" rend="hidden" n="7"/> besondern Punkt
                    aus das Ziel unsres Lebens ins Auge fassen. Sind wir Christen, d. h.
                    ernsthafte, lebendige Menschen, so ist dies Ziel die Ehre <term type="Sachen" key="Gott, Ehre">Gottes</term>, der die <term type="Sachen" key="Gott, Wahrheit">Wahrheit</term>, die <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term> und die
                        <term type="Sachen" key="Gott, Liebe">Liebe</term> ist. Und unsre Frage
                    muss dann lauten: Wie verhält sich Armut und Reichtum zu Gott? D. h. wir
                    haben es nicht mit der Frage nach einer Lebensregel zu tun, sondern mit der
                    Frage nach dem <term type="Sachen" key="Leben">Leben</term>. Denn es gibt in
                    den Fragen des christlichen <term type="Sachen" key="Glaube, christlicher">Glaubens</term> und Lebens keine Zwischeninstanzen, an die man gelangen
                    könnte, ohne die oberste Instanz zu berücksichtigen. Also auch keine
                    bereitliegenden christlichen Lebensregeln, nach denen man sich erkundigen
                    könnte. Es kann sich für uns in <hi rend="italic">allen</hi> Fällen, welcher Art sie
                    auch sein mögen, immer nur darum handeln, uns nach <term type="Sachen" key="Christen, Frage nach Gott">Gott</term> zu erkundigen<note type="textcritical" n="b" xml:id="nb"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. Wenn wir nämlich bei einer Zwischeninstanz stehen bleiben, wenn wir
                    es uns genug sein lassen, dass uns gesagt wird: so und so musst du’s
                    halten, das und das ist christlich, dann müssen wir bald die Erfahrung
                    machen, dass der Gehorsam gegen die uns als christlich gerühmte Lebensregel
                    uns plötzlich auch als der Ausdruck einer Gesinnung erscheinen kann, die wir
                    bei aufrichtiger Besinnung niemals als christlich anerkennen können. Mit
                    andern Worten: Wir erfahren es, dass die <term type="Sachen" key="Entscheidung">Entscheidung</term> über die Regel unsres Tuns nur
                    bei der obersten <term type="Sachen" key="Gott, oberste Instanz">Instanz</term> gesucht werden kann und dass ihre Vernachlässigung sich
                    aufs Bitterste rächt, wie gerade die ernsthaftesten Menschen es oft genug
                    erfahren haben.</p>
                <p>Ich möchte versuchen, das an einem Beispiel klarzumachen, das uns zugleich
                    tiefer in die Sache selbst einführt. Die bekannteste und <pb xml:id="p340" ed="pga"/> auch in Predigten usf. am häufigsten angewendete christliche
                    Lebensregel über <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> lautet etwa so: Sei
                    zufrieden mit dem Vielen oder Wenigen, das du hast, denn Gott hat es so
                    gewollt und angeordnet. Wir <pb ed="A" rend="hidden" n="8"/> besitzen in dem Lied
                    305 unsres Gesangbuchs eine schöne poetische Umschreibung dieser
                    Lebensregel. Sie stammt von dem bekannten Lieder- und Fabelndichter, dem
                    wackern <persName ref="kbga-actors-1000">Christian Fürchtegott Gellert</persName><note xml:id="n07">
                            <seg type="bio">
                                <persName ref="kbga-actors-1000">Christian
                        Fürchtegott Gellert</persName> (1715–1769), Schriftsteller und
                        Kirchenlieddichter, seit 1744 Prof. für Rhetorik, Poetik, Philosophie
                        und Moral in Leipzig.</seg>
                        </note>. Der Mensch wird dort
                    so angeredet:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Du klagst und fühlest die Beschwerden</l>
                            <l>Des Stands, in dem du dürftig lebst;</l>
                            <l>Du strebest, glücklicher zu werden,</l>
                            <l>Und siehst, dass du vergeblich strebst.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und nun gibt ihm Gellert folgenden Bescheid:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ja, klage! Gott erlaubt die Zähren,</l>
                            <l>Doch denk im Klagen auch zurück:</l>
                            <l>Ist denn das Glück, das wir begehren,</l>
                            <l>Für uns auch stets ein wahres Glück?</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Nein! wird geantwortet und die Lebensregel formuliert:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Genieße, was dir Gott beschieden,</l>
                            <l>Entbehre gern, was du nicht hast!</l>
                            <l>Ein jeder Stand hat seinen Frieden,</l>
                            <l>Ein jeder Stand auch seine Last.<note xml:id="n08">
                                    <bibl type="song" corresp="kbga-songs-270">Strophe 1 und 2b des Liedes «Du klagst und fühlest die Beschwerden» (GERS 305).</bibl>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Kein Zweifel, diese Sätze sind gute Wegweiser. Wie Manchen
                    mögen sie aufgerichtet und getröstet haben! Die fromme Lebenserkenntnis des
                    Jahrhunderts ihres Verfassers steht davor und dahinter, nicht die Weisheit
                    einer Studierstube, sondern die Weisheit, die in den Erfahrungen des Lebens
                    gewonnen wurde. Und weil sie so entstanden ist, ist es eine gute
                    Lebensregel.</p>
                <p>Aber gerade weil sie das ist, kann sie uns zeigen, dass sie zur Beantwortung
                    der Lebensfrage nicht genügt, weil zu dieser Beantwortung überhaupt keine
                    Theorie, auch die schönste nicht, genügen kann, sondern allein Gott. Ich
                    sagte es eben: in dieser Lebensregel ist das niedergelegt, was die fromme
                    Erkenntnis des 18. Jahrhunderts über <term type="Sachen" key="Armut">Ar<pb xml:id="p341" ed="pga" break="no"/>mut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> zu sagen hatte. Wir haben aber dabei
                    mindestens das Gefühl, dass damit <pb ed="A" rend="hidden" n="9"/> die Frage
                    keineswegs abgeschlossen ist. Es ist uns, wie wenn wir widersprechen
                    müssten, nur wissen wir nicht genau an welchem Punkt; jedenfalls scheint uns
                    gerade die Hauptsache zu fehlen.</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Genieße, was dir Gott beschieden,</l>
                            <l>Entbehre gern, was du nicht hast!</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Mit andern Worten: Armut und Reichtum sind ein für allemal
                    von Gott verteilt, und die <term type="Sachen" key="Frömmigkeit">Frömmigkeit</term> besteht darin, zu genießen und froh zu entbehren.
                    Das <hi rend="italic">war</hi> einmal Ausdruck der Frömmigkeit; ist er’s noch
                    immer? Die Menschheit ist unterdessen 150 Jahre älter geworden. Dürfen wir
                    immer noch so reden? Ich meine, nach den Erfahrungen, die wir unterdessen
                    mit Armut und Reichtum gemacht haben, dürfen wir’s nicht mehr. <persName ref="kbga-actors-1000">Gellert</persName> hat
                    weder von den <term type="Sachen" key="Milliardäre">Trustmilliardären</term>
                    Nordamerikas etwas gewusst, noch von dem Dasein tausender von modernen <term type="Sachen" key="Arbeiter">Arbeiterfamilien</term>. Wir können
                    unmöglich dem ehrlichen Gellert sagen: du hast Unwahrheit geredet, aber wir
                    können ebenso unmöglich unsre Frage nach der rechten Stellung zu <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> uns beantworten durch die Aufforderung:
                    Genieße! Entbehre gern! Dem Reichen gegenüber wäre das eine Einschläferung,
                    dem Armen gegenüber eine Grausamkeit. Und die Gegensätze haben sich so
                    zugespitzt, dass auch das andre höchstens noch als Stütze dienen kann, und
                    auch das nicht immer und überall, der Satz:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Ein jeder Stand hat seinen Frieden,</l>
                            <l>Ein jeder Stand auch seine Last.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Wenn wir aufrichtig sind, werden wir sagen müssen, dass
                    leider der Frieden und die Last sehr ungleichmäßig verteilt sind. Und gerade
                    wenn wir’s mit Gott ernst nehmen, können wir die rechte <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, rechte">Frömmigkeit</term> unmöglich
                    darin finden, dass man sich mit den Ungleichmäßigkeiten eben zufrieden
                    abfinde. Alle soziale <term type="Sachen" key="Gesellschaft Ungerechtigkeit">Ungerechtigkeit</term> und <term type="Sachen" key="Gesellschaft, Rückständigkeit">Rückständigkeit</term> könnte sich
                    sonst darauf berufen, ihr Verhalten sei nicht nur bequem und einträglich,
                    sondern auch fromm. <pb ed="A" rend="hidden" n="10"/> Und was noch schlimmer ist:
                    unser Gedanke von Gott bekäme dann etwas Türkisches. Es würde recht schwer,
                    Gott von dem zu unterscheiden, was oberflächliche Menschen das <term type="Sachen" key="Schicksal">Schicksal</term> nennen. Und wenn so die
                    Lebensregel des 18. Jahrhunderts darauf hinausläuft, die rechte Stellung zu
                    Reichtum und Armut sei die Zufriedenheit mit beiden, so müssten <pb xml:id="p342" ed="pga"/> wir diese Antwort, ohne den frommen Verfasser jener Verse mit
                    einem Wort anzuklagen, <hi rend="italic">für uns</hi> als eine Unwahrhaftigkeit
                    ablehnen. Die Zufriedenheit, von der das 18. Jahrhundert redete, ist zu
                    leichtes Geschütz gegenüber der sozialen <term type="Sachen" key="Soziale Frage">Frage</term> von heute.<note xml:id="n09">Zu Barths früher Beschäftigung mit der «Sozialen Frage» vgl. oben,
                            <ref type="pub" target="../volume/53/p041#fn_n05">S. 41, Anm. 5</ref>.</note> Und
                    wir müssen sie ablehnen, weil damit die wichtigste Frage nicht beantwortet
                    ist, nämlich die Frage nach Gottes <term type="Sachen" key="Gott, Gerechtigkeit">Gerechtigkeit</term>.</p>
                <p>Aber wenn das so ist, dann darf es sich für uns nun nicht etwa darum handeln,
                    eine modernere Lebensregel über Armut und Reichtum an Stelle der alten zu
                    setzen. Etwa eine Theorie der sozialen Unzufriedenheit an Stelle der Theorie
                    der Zufriedenheit. Unserm Gerechtigkeitsgefühl wäre zwar damit zunächst
                    besseres Genüge getan. Und in der Tat sehen wir heute manchen ernsten <term type="Sachen" key="Christen, und Sozialismus">Christen</term> diesen Weg
                    gehen, den Weg des <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialismus</term>.<note xml:id="n10">Im April 1907 war es
                        in Zürich zu einer ersten «religiös-sozialen Konferenz» gekommen, der
                        bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch fünf folgen sollten, und
                        unter 21 Parlamentariern, die schweizweit bis 1914 für die
                        Sozialdemokratische Partei gewählt wurden, waren mit Paul Brandt
                        (1852–1910; gewählt 1902), Howard Eugster-Züst (1861–1932;
                        gewählt 1908) und Paul Pflüger (1865–1947; gewählt 1911) immerhin
                        drei (ehemalige) Pfarrer (amtierende Geistliche durften nicht ins
                        Parlament gewählt werden); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-2641">
                                <persName ref="kbga-actors-9246">E. Buess</persName> / M. Mattmüller,
                            <hi rend="italic">Prophetischer Sozialismus. Blumhardt – Ragaz –
                            Barth</hi>, Freiburg/CH 1986, dort bes.
                        S. 22f.79–83</bibl>.</note> Und wenn sie uns sagten, dass diese ihre
                    sozialistische Überzeugung der notwendige Ausdruck ihrer <term type="Sachen" key="Frömmigkeit, und sozialistische Überzeugung">Frömmigkeit</term>
                    sei, so werden wir das ehrerbietig anerkennen. Aber wir werden dem <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialisten</term> nicht zugeben können,
                    dass seine Auffassung über das rechte Verhältnis von <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> die Antwort auf die Lebensfrage sei, so wenig wir die
                    Antwort des alten <persName ref="kbga-actors-1000">Gellert</persName> dafür gelten lassen konnten. Denn der Weg, den er geht,
                    kann und wird nicht der Weg Aller zu allen Zeiten sein.</p>
                <p>Noch einmal: wenn es sich um Lebensfragen handelt, dann geht es nicht an,
                    sich bei untern Instanzen aufzuhalten, bei irgendwelchen alten oder neuen
                    Theorien, von denen uns <pb ed="A" rend="hidden" n="11"/> versichert wird, dass
                    sie gut und christlich seien, und von denen wir auch wohl selbst einen
                    derartigen Eindruck haben. Sondern es kommt darauf an, dass die Frage nach
                        <term type="Sachen" key="Christen, Frage nach Gott">Gott</term> gestellt
                    werde. Was hat Gott dazu zu sagen?</p>
               
                <p> <pb rend="noPipe" xml:id="p343" ed="pga"/> In unserm Fall: wie sieht das aus, wenn ein armer oder ein reicher Mensch
                    Gottesmenschen sind? In was zeigt sich das? Wir merken gleich, dass da keine
                    Theorie genügen kann. Auch <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> stellt keine Theorie auf. Was er zu sagen hat, kann
                    weder mit <persName ref="kbga-actors-1000">Gellerts</persName> Lob der Zufriedenheit noch mit der sozialistischen
                    Lehre vom <term type="Sachen" key="Sozialimus, Lehre vom Klassenkampf">Klassenkampf</term> in Vergleich gestellt werden. Er schildert
                    Menschen, die ebensowohl die eine oder die andre dieser Ansichten über <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> haben könnten. Aber sie haben etwas in
                    sich, das etwas viel Größeres ist als alte und moderne Ansichten, und das
                    Größere ist Gott. Wo einer dies Größere hat, da mag’s nämlich wohl
                    sein, dass er in guten Treuen über Anmut und Reichtum konservativer oder
                    sozialistischer Ansicht ist. Christlich ist ja weder das eine noch das
                    andre, denn es gibt nur christliche Menschen, keine christlichen Ansichten.
                    Wo einer jenes Größere hat, da muss er also nicht notwendig diese oder jene
                    Ansicht über Armut und Reichtum haben, wohl aber hat er notwendig eine ganz
                    bestimmte Lebensstellung zu jenen Dingen.</p>
                <p>Und das sieht nach der Meinung des Jakobus so aus: <hi rend="italic">Es rühme sich der
                        arme Bruder seiner Höhe</hi>. Das ist offenbar etwas ganz Neues
                    gegenüber allen Lebensregeln. Denn da gehen alle, die alten und die neuen,
                    aus von der Voraussetzung:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Armut ist die größte Plage,</l>
                            <l>Reichtum ist das größte Gut.<note xml:id="n11">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-2642">Aus
                                    Strophe 1 des Gedichts «Der Schatzgräber» von 
                                        <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName> (Erstdruck: 1797; Berliner Ausgabe.
                                    Poetische Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 125f., dort
                                    S. 125)</bibl>: 
                                    <q rend="block">
                                        <lg>
                                    <l>Arm am Beutel, krank am Herzen, / Schleppt ich meine langen Tage.</l> 
                                    <l>Armut ist die größte Plage, / Reichtum ist das höchste Gut! </l>
                                    <l>Und zu enden meine Schmerzen / Ging ich, einen Schatz zu graben.</l>
                                    <l>«Meine Seele sollst Du haben!» / Schrieb ich hin mit
                                    eignem Blut.</l>
                                        </lg>
                                    </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und nun wird uns entweder gesagt: Sei zufrieden, trotzdem du
                    die Plage hast und trotzdem du das Gut nicht hast, oder es wird uns gesagt:
                    sei nicht zufrieden, das Gut muss <pb ed="A" rend="hidden" n="12"/> dein werden.
                    Das ist die Weisheit der Lebensregeln. Anders, wenn ein Mensch Gott hat. Es
                    findet dann eine Umwertung aller <term type="Sachen" key="Gott, Umwertung aller Werte">Werte</term> statt.<note xml:id="n12">Anspielung auf eines der bekanntesten
                        Schlagworte <persName ref="kbga-actors-301">Nietzsches</persName>; vgl. etwa <bibl corresp="kbga-bibls-882">
                                <persName ref="kbga-actors-301">Fr. Nietzsche</persName>, <hi rend="italic">Götzen-Dämmerung
                            oder Wie man mit dem Hammer philosophirt</hi>, Sämtliche Werke.
                        Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von G. Colli / M.
                        Montinari, Bd. 6, München / Berlin 1999, Bd. 6, S. 55–161, dort
                        S. 101f.</bibl>: «Das Christenthum, aus jüdischer Wurzel und nur verständlich
                        als Gewächs dieses Bodens, stellt die <hi rend="italic">Gegenbewegung</hi> gegen
                        jede Moral der Züchtung, der Rasse, des Privilegiums dar: – es
                        ist die <hi rend="italic">antiarische</hi> Religion par excellence: das
                        Christenthum die Umwerthung aller arischen Werthe, der Sieg der
                        Tschandala-Werthe, das Evangelium den Armen, den Niedrigen gepredigt,
                        der Gesammt-Aufstand alles Niedergetretenen, Elenden, Missrathenen,
                        Schlechtweggekommenen gegen die ‚Rasse’ […]»; <bibl corresp="kbga-bibls-2643">
                                <persName ref="kbga-actors-301">ders</persName>., <hi rend="italic">Ecce
                            homo. Wie man wird, was man ist</hi>, a.a.O., S. 255–374,
                        dort S. 365f.</bibl>: «Aber meine Wahrheit ist <hi rend="italic">furchtbar</hi>: denn man
                        hiess bisher die <hi rend="italic">Lüge</hi> Wahrheit. – <hi rend="italic">Umwerthung
                            aller Werthe</hi>, das ist meine Formel für einen Akt höchster
                        Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden
                        ist.»</note> Armut ist nicht mehr <pb xml:id="p344" ed="pga"/> die größte
                    Plage, Reichtum nicht mehr das höchste Gut. Sondern ein armer Mensch, wenn
                    nur dies eine bei ihm zutrifft, dass er den lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term> hat, rühmt sich seiner Höhe. Gewiss,
                    es fehlt ihm Alles Mögliche an nützlichen und erfreulichen Dingen, die andre
                    besitzen, gewiss, er ist manchmal durchaus nicht zufrieden mit seiner Lage,
                    gewiss, er strebt mit allen rechten Mitteln, sie zu verbessern – aber
                    das Alles hat nichts zu tun mit der Tatsache, dass er das schon hat, was das
                    schlechterdings Größte und Wichtigste ist auf der Welt, nämlich die Freiheit
                    eines innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, in dem
                    Gott herrscht. Und weil das so ist, mag freilich seine Armut äußerlich
                    vielleicht bleiben, wie sie ist, aber er weiß in jedem Augenblick: die
                    Niedrigkeit der <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> ist eine
                    optische Täuschung, ein Gerede der Oberflächlichkeit. Wie sollte ich niedrig
                    sein, da Gott mit mir ist? Der Arme rühme sich seiner Höhe, d. h. nichts
                    Anderes als: Der Arme soll und darf mit Gott ernst machen, er hat in
                    Wirklichkeit Alles, was ein Mensch haben kann, wenn Gott nicht nur eine
                    Verzierung, sondern der Inhalt seines Lebens ist.</p>
                <p>Und <hi rend="italic">der Reiche rühme sich seiner Niedrigkeit</hi>. Auch das ist etwas
                    Neues. Denn es ist eine merkwürdige Schwäche der alten und neuen
                    Lebensregeln über Armut und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term>, dass sie dem Reichen eigentlich nichts zu sagen haben.
                    Sie ermutigen wohl den Armen, zufrieden zu sein oder unzufrieden. Vom
                    Reichen wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die Lebensregel ihn nicht
                    angehe. Er hat es ja nicht nötig, er ist ja im Besitz des höchsten Gutes. So
                    hat man jahrhundertelang die Armen angepredigt, sie sollten <pb ed="A" rend="hidden" n="13"/> zufrieden und genügsam sein. Aber die Predigt
                    richtete sich nur an die Armen, und darum konnten weder die Armen noch die
                    Reichen die Antwort auf die Lebensfrage darin finden. Denn den Armen musste
                    sie als eine nicht ganz <pb xml:id="p345" ed="pga"/> aufrichtige Beschwichtigung
                    erscheinen und den Reichen als eine Antwort an andrer Leute Adresse. Und
                    beide mussten trotz Allem immer wieder zwischen den Zeilen lesen:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Armut ist die größte Plage,</l>
                            <l>Reichtum ist das höchste Gut.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und ganz dasselbe gilt vom heutigen <term type="Sachen" key="Sozialismus">Sozialismus</term>. Sein Evangelium besteht darin,
                    dass der Arme reich werden solle; dem Reichen hat er nichts zu sagen, als
                    dass er sich aufs Verteilen bereitmachen solle. Und auch hier ist die
                    selbstverständliche Voraussetzung:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Armut ist die größte Plage,</l>
                            <l>Reichtum ist das höchste Gut.</l>
                        </lg>
                    </q>
                <p rend="noindent">Und auch hier ist diese Schranke nicht überwunden.</p>
                <p>Eine Antwort auf die Lebensfrage müsste anders beschaffen sein, sie müsste
                    dem Reichen und dem Armen gleicherweise gelten, sie müsste dem einen und dem
                    andern einen Wert zeigen, der jenem Sprüchlein unrecht gibt.</p>
                <p>
                    <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> gibt auch dem Reichen
                    eine solche Antwort: er rühme sich seiner Niedrigkeit. Die Höhe des Reichen
                    ist scheinbar sein Wohlstand, der ihn vor dem Armen auszeichnet. Aber wenn
                    der Reiche ein Gottesmensch ist, merkt er, dass diese Höhe und diese
                    Auszeichnung, die er genießt, ein Schein ist. Es wäre wieder eine optische
                    Täuschung, sich ihrer zu rühmen, sie als das höchste Gut anzusehen. Sein
                    höchstes Gut ist das, was scheinbar wie Niedrigkeit aussieht, das, was er
                    mit dem Armen gemein hat, die Freiheit eines innern <term type="Sachen" key="Leben, inneres">Lebens</term>, in dem Gott herrscht. Und wie dem
                    Armen seine Armut, so wird dem Reichen sein Reichtum ein Kleid, das nicht
                    der Mensch <pb ed="A" rend="hidden" n="14"/> selbst ist. Er sieht darüber hinweg.
                    Er rühmt sich, er freut sich seiner Niedrigkeit.</p>
                <p>So beschreibt Jakobus in zwei kurzen Zügen den Armen und den Reichen, wie sie
                    sein sollten.</p>
                <p>Sind diese zwei Züge die Antwort auf die Frage, auf die Lebensfrage, wie ein
                    Mensch es anzustellen habe, in <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term>
                    und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> ein wacher,
                    lebendiger, ganzer Mensch zu bleiben?</p>
                <p>Eins ist sicher: Das ist die Antwort, die wir erhalten, wenn es uns darauf
                    ankommt, uns nach Gott zu erkundigen<note type="textcritical" n="c" xml:id="nc"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. So sieht <term type="Sachen" key="Armut, im Licht der Ewigkeit">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum, im Licht der Ewigkeit">Reichtum</term> aus im Lichte der
                    Ewigkeit. Ihre Farben verblassen, das <pb xml:id="p346" ed="pga"/> Hohe wird
                    niedrig und das Niedrige hoch vor der einen großen Tatsache, auf deren
                    Besitz oder Nichtbesitz für den Menschen Alles ankommt. Auf neuen Tafeln
                    stehen neue Werte verzeichnet. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles
                    neu geworden [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]. So stehen die Dinge, wenn wir uns nach Gott erkundigen<note type="textcritical" n="d" xml:id="nd"> Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen.</note>. D. h. aber: in der rechten Frage ist schon die rechte Antwort
                    gegeben. Denn die rechte Antwort besteht in nichts Anderem als darin, dass
                    man mit Gott, nach dem man <term type="Sachen" key="Mensch, Frage nach Gott">fragt</term>, ernst macht. Ernst macht im allereinfachsten Sinn, in dem
                    des ersten <term type="Sachen" key="Zehn Gebote, Erstes Gebot">Gebotes</term>: Du sollst keine andern Götter neben mir haben [<ref type="can" subtype="bible" target="Ex.20.3">Ex. 20,3</ref>]. Denn wenn uns
                        <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> eine Frage werden, so ist’s doch
                    darum, weil sie Unrast oder Faulheit in unser Leben bringen, d. h. aber,
                    weil sie etwas Anderes in den Mittelpunkt unsres Lebens, einen andern Gott
                    auf unsern verborgenen Altar stellen als den wirklichen, lebendigen <term type="Sachen" key="Gott, lebendiger">Gott</term>, der uns in Jesus
                    gezeigt hat, wie er ist. Und wenn das die Ursache der Frage ist, so gibt es
                    keine andre Antwort auf die Frage als die: Gott muss wieder <term type="Sachen" key="Gott, Alleinherrscher bei uns">Allein-Herrscher</term> werden bei uns. Die Lebensregeln, die uns
                    Zufriedenheit oder Unzufriedenheit predigen, mögen an ihrem Ort und zu ihrer
                    Zeit ihr gutes Recht haben. Aber wenn wir <pb ed="A" rend="hidden" n="15"/> mit
                    ihnen die Lebensfrage beantworten wollen, dann reden wir um die Sache herum.
                    Die oberste Instanz muss hier zuerst zu Worte kommen, ob wir nachher
                    Konservative oder Sozialisten werden wollen, ist erst die zweite Frage.
                    Jesus hat dieselbe Sache mit den Worten ausgedrückt: Trachtet am ersten nach
                    dem Reiche <term type="Sachen" key="Reich Gottes">Gottes</term> und nach
                    seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches Alles zufallen [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.33">Mt. 6,33</ref>].</p>
                <p>Und nun besinnen wir uns noch einmal auf den Zusammenhang der Sache im
                    Jakobusbrief. Vom rechten <term type="Sachen" key="Gebet, rechtes">Gebet</term> war dort vorher die Rede, und es wurde uns gesagt, dass
                    nur das Gebet eines <hi rend="italic">ganzen</hi> Menschen ein rechtes Gebet ist. Und
                    weil das rechte Gebet nichts Anderes ist als der rechte <term type="Sachen" key="Glaube, rechter">Glaube</term>, mussten wir daraus entnehmen, dass
                    für unsre ganze Stellung zu Gott einfach <hi rend="italic">Alles</hi> darauf ankomme,
                    dass wir solche ganzen Menschen würden, das Gegenteil von Menschen mit zwei
                        <term type="Sachen" key="Mensch, mit zwei Seelen">Seelen</term>. Was
                    will das sagen, wenn <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> in
                    diesem Zusammenhang auf <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und
                        <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term> zu reden kommt? Ich
                    meine, er will uns an der naheliegendsten Angelegenheit, an der <term type="Sachen" key="Geld">Geldfrage</term> zeigen, <pb xml:id="p347" ed="pga"/>
                    was das heißt: ein ganzer Mensch sein, was das heißen will: unter Gottes
                    Herrschaft stehen. Er will uns sagen: so sieht es aus, wenn ihr rückhaltlos
                    ernst machen wollt mit dem Wandern nach der <term type="Sachen" key="Vollkommenheit">Vollkommenheit</term>, wenn das bei euch nicht nur
                    ein Wunsch oder ein Gefühl sein soll, sondern <term type="Sachen" key="Wahrheit">Wahrheit</term>. Ihr Reichen, ist es euch ernst damit?
                    Ihr Armen, ist es euch ernst damit? Ihr Menschen Alle, ist es euch ernst
                    damit? Wenn ja, dann habt euren Reichtum oder eure Armut, als hättet ihr sie
                    nicht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.7.29 1.Kor.7.31">1.Kor. 7,29–31</ref>], dann gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.17">Mk. 12,17</ref> par.], aber nicht
                    mehr, gebt dem <term type="Sachen" key="Geld">Geld</term> und dem Besitz
                    nicht eure <term type="Sachen" key="Seele">Seele</term>, nicht euch selbst.
                    Lasst Gottes <term type="Sachen" key="Wille Gottes, oberstes Gesetz">Willen</term> euer oberstes Gesetz sein und nicht den Willen zum
                    Geldverdienen und Besitzen. Und was uns <persName ref="kbga-actors-8959">Jakobus</persName> da sagt, unterstreicht er aufs <pb ed="A" rend="hidden" n="16"/> Nachdrücklichste durch seinen Hinweis auf die Vergänglichkeit
                    des Reichtums: <hi rend="italic">wie die Blume des Grases wird er vergehen. Wenn sich
                        die Sonne erhebt mit dem Glutwind, so dörrt sie das Gras. Seine Blüte
                        fällt ab, und ihr liebliches Ansehen ist dahin. So wird auch der
                        Reiche</hi> – der, der nichts ist als ein Reicher –
                        <hi rend="italic">in seinem Überfluss verwelken</hi>. Wieder eine von den
                    negativen Schilderungen, wie Jakobus sie liebt, ein Bild der Zerstörung, der
                    Nichtigkeit, des Scheins. Aber mit dem Bild der Zerstörung will er aufbauen.
                    Mit dem Bild der Vergänglichkeit will er Gefühl und Geschmack für das
                    Unvergängliche in uns erwecken, das jenseits von Reichtum und Armut steht.
                    Er will uns andeutend hindurchsehen lassen in das vollkommene Gesetz der
                        <term type="Sachen" key="Freiheit">Freiheit</term>, von dem er später
                    redet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jak.1.15">Jak. 1,15</ref>].</p>
                <p> Und so könnten wir seine Meinung über <term type="Sachen" key="Armut">Armut</term> und <term type="Sachen" key="Reichtum">Reichtum</term>
                    zusammenfassen in das andre biblische Wort: Die Welt vergeht mit ihrer Lust,
                    wer aber den Willen <term type="Sachen" key="Wille Gottes">Gottes</term>
                    tut, der bleibet in Ewigkeit [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.2.17">1.Joh. 2,17</ref>].</p>
                <p>Und ich meine, das sei eine gute Antwort auf die Lebensfrage.</p>
            </div>  
            <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
                <div type="songs">
                    <head>Lieder:</head>
                        <listBibl type="songs" rend="simple">
                       <bibl type="song" corresp="kbga-songs-106">Nr. 176: «Gottesruhe, Sabbatstille» von <persName ref="kbga-actors-1403">Chr. Fr. D. Schubart</persName>,
                            Strophen 1.2.9.</bibl>
                        <bibl type="song" corresp="kbga-songs-269">Nr. 265 «Alles ist an Gottes Segen» (unbekannter Verfasser),
                            Strophen 1–3 und 4–6 (EG 352 [mit
                            Textabweichungen]).</bibl>
                    </listBibl>
                </div>
                <div>
               
                    <head>Lesungstext:</head>
                    <list type="simple">
                         <item>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.1 Lk.16.15">Lukas 16,1–15</ref>.</item>
                    </list>
                </div>

            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
